Fuchsland - Katja Frixe - E-Book
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Katja Frixe

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Beschreibung

In Fuchsland ist das Glück zu Hause, finden Juna und ihr bester Freund Ilo. Jeder hier besitzt einen Magieling – einen ganz persönlichen magischen Gegenstand mit einem sehr eigenen Willen. Doch plötzlich taucht ein fremder Junge auf und das beschauliche Leben der Fuchsländer gerät ordentlich aus den Fugen. Fion wird verdächtigt, den mächtigsten Magieling zerstört und damit alle Magie aus Fuchsland verbannt zu haben. Als dann auch noch die geheimnisvollen Goldfüchse gesichtet werden, sind die Fuchsländer außer sich. Juna ist die Einzige, die zu Fion hält. Um seine Unschuld zu beweisen, begibt sie sich auf eine gefährliche Reise und muss das uralte Geheimnis ihrer Heimat lüften …

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Über dieses Buch

»Seine Augen funkelten mich an. Was tat er hier? Goldfüchse wagten sich nicht aus dem Wald. Warum jetzt? Man sagte, wenn sie sich blicken ließen, gab es dafür immer einen Grund. Einen fürchterlichen Grund.«

 

In Fuchsland ist das Glück zu Hause, finden Juna und ihr bester Freund Ilo. Jeder hier besitzt einen Magieling – einen ganz persönlichen magischen Gegenstand mit einem sehr eigenen Willen. Doch pl tzlich taucht ein fremder Junge auf und das beschauliche Leben der Fuchsl nder ger t ordentlich aus den Fugen. Fion wird verd chtigt, den m chtigsten Magieling zerst rt und damit alle Magie aus Fuchsland verbannt zu haben. Als dann auch noch die geheimnisvollen Goldfüchse gesichtet werden, sind die Fuchsländer außer sich. Juna ist die Einzige, die zu Fion hält. Um seine Unschuld zu beweisen, begibt sie sich auf eine gefährliche Reise und muss das uralte Geheimnis ihrer Heimat lüften …

Prolog

Die Wolken am Himmel schoben sich immer dichter zusammen, regenschwer und grau, fast schon schwarz. In der Ferne erklang ein bedrohliches Grollen, ein Blitz zuckte auf und versank in der dunklen Tiefe der Schlucht.

Der Fremde kam näher. Erschöpft sah er aus, klammerte sich mit letzter Kraft an die morschen Seile der Hängebrücke. Suchend wanderte sein Blick umher. Als er den anderen entdeckte, erhellte sich seine Miene etwas. »Habt Ihr einen Unterschlupf für mich?« Seine Stimme klang krächzend, als hätte er sie lange Zeit nicht benutzt.

Der andere machte einen Schritt auf ihn zu. Dann schüttelte er vehement den Kopf. »Verschwinde von hier!«

Flehend blickte der Fremde ihn an. »Nur für eine Nacht … bitte!«

»Ich sagte: Verschwinde!«, rief der andere über das Tosen des Flusses hinweg. »Wir haben hier keinen Platz für dich. Für dich nicht und für niemanden sonst.« Er war so voller Wut, dass er gegen den Pfeiler der Brücke trat. Einmal. Zweimal. Und ein drittes Mal.

Der Fremde verharrte einen Moment. »Ist das Euer letztes Wort?«

Ein Nicken.

Langsam drehte sich der Fremde um. Umfasste die morschen Seile und trat den Weg zurück über die Brücke an, deren Ende man nur erahnen konnte.

Ein lauter Donnerschlag ließ die Erde erbeben. Und im selben Moment stürzte die Brücke ein.

Der Fuchs mit dem goldenen Fell kam aus dem Wald geschritten. Seine Augen funkelten bedrohlich.

Er hatte alles mit angesehen.

Kapitel 1

Mein bester Freund Ilo sagt immer: Hier in Fuchsland wohnt das Glück. Und ich finde, er hat recht. Wenn ich abends im Bett liege und durch das geöffnete Fenster das Rauschen des Flusses höre, stelle ich mir vor, wie das Glück vor langer Zeit fröhlich pfeifend durch die Gegend getingelt war. Es hatte ein paar Tage hier verbracht und ein paar Monate dort – bis es irgendwann an die Graue Schlucht gekommen war und auf der anderen Seite im Schatten der Bäume eine kleine Ansammlung gelb gestrichener Holzhäuser erspäht hatte. Das Glück hatte kurz innegehalten, die schöne Aussicht genossen und dann all seinen Mut zusammengenommen: Es war mit einem Riesensatz über die Schlucht gesprungen und im saftigen Wiesengrün gelandet, um dann an den Kirschbäumen und Janons Haus vorbei bis zum Rathausplatz zu tänzeln. Es hatte die große goldene Rathausuhr entdeckt und sich gedacht: Dieser Ort gefällt mir. Hier bleibe ich.

»Das waren die 5-Uhr-Nachrichten. Und für den perfekten Start in den Tag folgt nun ein Gute-Laune-Lied!«

Ich fuhr hoch und blickte mich um. Hatte ich geträumt? Nein … aber ich brauchte einen Moment, bis mir klar wurde, dass Winnies Radio mich geweckt hatte.

Mal wieder.

Winnie wohnte drei Häuser weiter, doch das Radio war so laut, dass es nicht mal einen Unterschied machte, ob man bei geschlossenem oder offenem Fenster schlief. Ich bevorzugte Letzteres.

»Bitte nicht«, murmelte ich und ließ mich wieder ins Kissen fallen. Obwohl es draußen schon langsam hell wurde, waren meine Augenlider noch schwer. Vielleicht hätte ich gestern Abend nicht mehr so lange lesen sollen. Doch wer konnte denn ahnen, dass die Nacht so kurz werden würde? Offensichtlich war ich nicht die Einzige, die damit ein Problem hatte.

»Zu früh!«, rief Ilos Opa Bent vom Nachbarsgrundstück. »Es ist viel zu früh! Ich habe gerade so schön geträumt. Es war wirklich ein SEHR, SEHRSCHÖNERTRAUM! Aber nein, da macht mir das werte Radio einen Strich durch die –«

Ehe er seinen Satz zu Ende sprechen konnte, schallte ein Lied durch die Luft, das vom Sommer und der Liebe handelte – und zwar in einer Lautstärke, dass nun wahrscheinlich auch der letzte Fuchsländer aus dem Bett geplumpst war.

»Entschuldigung!«, rief Winnie. »Ich habe das Radio schon mehrfach gebeten, sich nicht vor 6:30 Uhr einzuschalten, doch es hört einfach nicht auf mich. Letzte Woche, am Donnerstag, hätte es mein Liebling fast geschafft. Da war es immerhin 6:15 Uhr. Aber gestern, vielleicht erinnert ihr euch, hat es sich haargenau zur selben Uhrzeit eingeschaltet wie letzten Dienstag. Deshalb glaube ich –«

»Winnieeeee«, ertönte es aus vier Häusern gleichzeitig.

»Entschuldigung!«, rief Winnie wieder. »Ich höre ja schon auf. Bis später!« Sie lachte. »Den einen oder anderen werde ich sicherlich nachher noch im Laden begrüßen dürfen. Gutes Weiterschlafen allerseits. Oder guten Morgen an alle, die jetzt aufstehen.«

Der alte Bent zeterte noch ein wenig vor sich hin, wenn auch nicht mehr so laut wie vorher. Immerhin war das Radio nicht mitten in der Nacht losgegangen, was auch schon häufiger vorgekommen war. Aber so war das mit den Magielingen – sie hatten alle ihren eigenen Charakter. So wie wir Menschen. Ich wusste, dass es nicht überall auf der Welt Magielinge gab. Hier in Fuchsland war es allerdings ganz normal, dass nicht nur Lebewesen eine Seele hatten, sondern auch Gegenstände. Und das war wunderbar! Jeder Fuchsländer besaß einen: Winnie hatte zum Beispiel dieses Radio, und die zwei passten perfekt zusammen, weil sie beide ununterbrochen auf Sendung waren. Der alte Bent hatte eine Holzsäge, die genauso ein Morgenmuffel war wie er selbst, weshalb er frühestens zur Mittagszeit anfangen konnte, mit ihr zu arbeiten.

Da ich sowieso nicht mehr einschlafen konnte, schnappte ich mir mein Buch und las ein bisschen. Die Geschichte handelte von einem Jungen, der in London lebte – einem Ort, in dem es einen riesigen Königspalast, imposante Kirchen und eine sehr beeindruckende Brücke gab. Die Schilderungen waren so lebendig, dass ich alles ganz genau vor mir sah und das Gefühl hatte, selbst durch diese Stadt zu schlendern. Bücher waren etwas Wunderbares, weil ich mich durch sie überallhin träumen konnte. In Fuchsland war es zwar auch schön, aber es gab eben nur gelb gestrichene Holzhäuser, und die einzige Attraktion war die goldene Uhr am Rathausturm. Wie gerne würde ich mal nach London reisen! Big Ben, die Tower Bridge, Buckingham Palace – allein diese Namen klangen schon so verheißungsvoll.

Das Klopfen an der Tür holte mich ins Hier und Jetzt zurück. »Juna, guten Morgen«, sagte meine Mutter, als sie den Kopf zu mir hereinstreckte. »Zeit zum Aufstehen.«

»Komme«, antwortete ich, klappte das Buch zu und stand auf.

Ich zog meinen Lieblingsrock und ein geringeltes T-Shirt aus dem Schrank und band mir die Haare zusammen.

Als ich die Treppe hinuntersprang, fing mein Klavier an, eine fröhliche Guten-Morgen-Melodie zu spielen. Aha, es hatte gute Laune! Wie bei den anderen war mein Magieling genau wie ich: Er konnte laut und lustig sein, aber auch ruhig und nachdenklich.

Auf der letzten Stufe blieb ich kurz stehen, um das Klavier zu beobachten. Die Tasten bewegten sich auf und ab und ließen sich nicht von mir aus der Ruhe bringen. Irgendwann war das Stück zu Ende – ich klatschte in die Hände, sprang die Stufe runter und strich meinem Magieling über die glänzende schwarze Oberfläche.

»Danke«, flüsterte ich. »Das war wunderschön!«

Das Klavier schien so beschwingt zu sein, dass es gleich ein neues Lied anstimmte, während ich in die Küche tänzelte.

»Guten Morgen«, sagte mein Vater, als ich mich setzte. Unsere Küche hatte ich – neben meinem Zimmer – zu meinem Wohlfühlort bei uns im Haus ernannt. Die weiße Eckbank mit den rot karierten Kissen war total gemütlich, es gab kleine Regale, in denen meine Mutter allen möglichen Schnickschnack sammelte, schnörkelige Haken, an denen Töpfe und Pfannen hingen, eine große Obstschale und viele Bilder an den Wänden, die ich über die Jahre so gemalt hatte. Durch die kleinen Fenster mit den zur Seite geschobenen Gardinen schien die Sonne herein.

»Guten Morgen«, antwortete ich und nahm mir einen warmen Toast aus dem Körbchen. »Oh, ist er verliebt?« Ich begutachtete das knusprig gebräunte Herz auf der Brotscheibe.

»Wer?«, fragte Papa.

»Na, dein Toaster«, sagte ich.

Mein Vater zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, in wen.« Er machte eine ausladende Handbewegung. »Vielleicht in die schöne Kaffeekanne? Oder in diese fröhlichen Frühstücksteller? Nein, warte! Er hat sein kleines Toaster-Herz wahrscheinlich an die elegante Pfeffermühle verloren, die schon seit vielen Jahren neben ihm steht.«

Ich grinste. »Könnte sein. Wobei ich glaube, dass er die Topflappen anhimmelt, die über ihm hängen. Oder er ist einfach nur nett.«

»Mein Magieling weiß eben, was sich gehört«, sagte Papa und rührte in seinem Tee herum. Er blickte auf die Uhr. »Oh, ich muss los, die Tiere warten sicher schon.«

Mein Vater hielt auf einer Weide nahe der Schlucht ein paar Ziegen und stellte Käse her, den Winnie in ihrem Laden verkaufte.

Er nahm den letzten Schluck aus seiner Tasse und drückte erst Mama und dann mir einen Kuss auf die Wange. »Bis später!«

»Ich bin heute Nachmittag mit Ilo unterwegs«, sagte ich.

»Also wie jeden Tag«, entgegnete Papa, lachte und öffnete die Haustür.

Auch Mama schnappte ihre Tasche und eilte ihm hinterher. Sie drehte sich allerdings noch einmal um und rief: »Pass gut auf dich auf!«

Das sagte sie jeden Morgen, und wie jeden Morgen antwortete ich: »Mach ich, Mama!«

Ein bisschen lustig war das schon, denn bis auf die Goldfüchse, die sowieso nie aus dem Dämmerwald herauskamen, gab es eigentlich keine Gefahren in Fuchsland. Man stolperte höchstens mal über einen Stein oder stieß gegen einen zu tief hängenden Ast, doch mehr konnte einem nicht passieren.

Ich aß in Ruhe meinen Toast auf, putzte mir die Zähne und streichelte noch mal über das Klavier. Dann klopfte es.

»Komme!«, rief ich.

Vor der Tür wartete Ilo. Auch wenn niemand in Fuchsland einen langen Schulweg hatte, gingen wir immer zusammen.

»Na, gut geschlafen?«, begrüßte er mich und hielt mir die kleine Gartenpforte auf. Seine blonden Haare standen wild in alle Richtungen ab, als wäre er gerade aus dem Bett gefallen.

»Geht so«, antwortete ich. »Und du?«

»Puh«, machte Ilo. »Ich war die ganze Nacht wach, weil die Taschenlampe ständig geblinkt hat.« Er seufzte. »Hoffentlich ist sie nicht kaputt. Opa soll nachher mal einen Blick darauf werfen.«

»Hm«, machte ich. »Vielleicht wollte sie dir auch einfach nur sagen, dass sie mal wieder Lust auf einen Ausflug hat. Zu den sumpfigen Wiesen oder an die Graue Schlucht oder an den Waldrand.«

»Das könnte natürlich sein«, sagte Ilo. »Ich werde es ihr später mal vorschlagen und sehen, wie sie reagiert.«

»Manchmal finde ich es echt schade, dass die Magielinge nicht sprechen können«, sagte ich.

Ilo lachte. »Vielleicht ist es aber auch besser so. Wer weiß, was sie uns sonst alles erzählen würden!«

Wir gingen im Schatten der Bäume an Haus Nummer 4 vorbei, bei Nummer 5 sammelten wir Conja und ihren jüngeren Bruder Luc ein und in Nummer 6 dudelte wieder das Radio. Hinter Winnies Haus führte ein schmaler Weg zum Rathausplatz hindurch.

»Meine Bürste war heute übrigens mal wieder außer Rand und Band.« Conja tippte auf ihre hochtoupierten Haare. »Ich hätte gerne gewusst, was sie sich dabei gedacht hat.«

Luc hielt sich kichernd die Hand vor den Mund, woraufhin Conja ihm mit dem Ellbogen in die Seite stieß. »Und dein Fußball könnte uns dann mal verraten, warum er am liebsten gegen meine Scheibe fliegt.«

»Das verrät er uns bestimmt nicht«, sagte Luc und zwinkerte Ilo zu. Die beiden trafen sich manchmal auf dem Birkenweg vor unseren Häusern und kickten ein bisschen hin und her – falls der Fußball denn Lust dazu hatte. Manchmal machte er sich schwer wie eine Bleikugel und dann heulten die Jungs auf, weil sie sich die Zehen angestoßen hatten. An anderen Tagen hüpfte er dann wieder fröhlich durch die Gegend und ließ sich fangen.

In Fuchsland gab es neben den normalen Wohnhäusern zwei Gebäude, die herausstachen: Winnies Laden und die Rathausschule, worin sowohl das Rathaus als auch die Schule untergebracht waren. Und davor standen wir jetzt.

Skipper, der mit seinem Vater Folkert nebenan wohnte, kam durch den Garten in unsere Richtung geschlurft. Er war fünfzehn und das älteste Fuchsland-Kind, Conja war dreizehn (und heimlich in Skipper verliebt), Ilo zwölf, ich elfeinhalb und Luc acht. Es gab noch drei andere Kinder, aber die waren jünger und gingen noch nicht zur Schule.

»Hi«, sagte Skipper und hob eine Hand zum Gruß.

Luc klatschte mit ihm ab.

»Ist Herr Balduin noch gar nicht da?« Skipper blickte auf die goldene Rathausuhr. »Zwanzig vor acht!«, rief er. »Da hätte ich ja locker noch zehn Minuten schlafen können.«

»Das kann nicht stimmen«, meinte Ilo. »Juna und ich gehen jeden Morgen um zwanzig vor acht los und sind um zehn vor acht hier.«

»Klarer Fall von Magieling-Eigensinn«, stellte Conja fest. »Wahrscheinlich hat die Uhr schon gesehen, dass es Herr Balduin nicht pünktlich schafft, und geht deshalb extra langsam. Aber wehe, wenn wir uns mal verspäten.«

»Genau«, sagte Ilo. »Dann zeigt sie die Zeit natürlich auf die Minute genau an.«

Ich sah noch einmal zur Uhr und stieß Conja an. »Guck mal«, flüsterte ich. »Sie ist eingeschnappt.«

Die Zeiger drehten sich wie verrückt im Kreis, so als wollte die Uhr uns sagen: »Jetzt verrate ich euch erst recht nicht, wie spät es ist.«

In dem Moment, als Herr Balduin mit seinem Fahrrad angesaust kam, blieben die Zeiger stehen. Und zwar genau auf acht Uhr. Also wirklich …

»Da habe ich es ja gerade noch pünktlich geschafft«, sagte unser Lehrer schnaufend und lüpfte seinen Hut. »Ich musste das Fahrrad suchen – es stand an der Grauen Schlucht und hat die Aussicht genossen.« Er stieg ab und tätschelte den Sattel. »Von mir aus kannst du noch ein bisschen rumfahren, aber bitte sei wieder hier, wenn die Schule zu Ende ist, ja?«

Er zog drei Bücher aus dem vorderen Fahrradkorb, während Luc sich am hinteren zu schaffen machte. »Kann ich mir das ausleihen?«, fragte er und wedelte mit einem Buch über verschiedene Vogelarten herum.

»Aber selbstverständlich«, sagte Herr Balduin. »Bring es einfach zurück, wenn du es durchhast.«

Herrn Balduins Fahrrad war ein ganz besonderer Magieling. Es handelte sich nämlich um unsere Bücherei. Die meisten Bücher hatte über die Jahre hinweg der Wolkenhändler gebracht, andere waren so alt, dass sie noch aus der Brückenzeit stammten. Also der Zeit, in der eine Hängebrücke über die Schlucht geführt und Fuchsland mit der Außenwelt verbunden hatte.

»Jetzt wollen wir aber mit dem Unterricht beginnen«, erklärte Herr Balduin und öffnete die Tür unserer Rathausschule. »Und denkt bitte daran: Ruhe!«

Als wir nacheinander das Haus betraten, hörten wir schon Frau Zachs Stimme hinter ihrer verschlossenen Bürotür. »Nein, nein und noch mal nein!«, rief sie. »Es wird keine Sondergenehmigung geben. Wir machen es so wie immer.«

Es war mir ein Rätsel, wie man jeden Morgen so schlechte Laune haben konnte. Während das Klassenzimmer – denn aus mehr Räumen bestand unsere Schule nicht – rechter Hand lang, war das Bürgermeisterbüro gegenüber auf der linken Seite. Und eigentlich drang immer nur Gemecker durch die geschlossene Tür. Häufig wurde sie auch aufgerissen und dann wurde herausgebrüllt, dass wir gefälligst leise sein sollten.

»Echt bescheuert, dass wir uns die Schule mit dieser Motztante teilen müssen«, fluchte Luc, als wir uns hingesetzt hatten.

Herr Balduin seufzte. »Leider können wir es nicht ändern.«

»Ich verstehe nicht, warum Frau Zach nicht einfach von zu Hause aus als Bürgermeisterin arbeiten kann«, sagte Ilo. »Rummeckern kann man schließlich überall.«

Herr Balduin zuckte mit den Schultern. »Dieses Gebäude war schon immer denjenigen vorbehalten, die in Fuchsland etwas zu sagen hatten.«

»Ja, ja«, fiel Conja ihm ins Wort. »Früher hat hier mal die Königsfamilie gewohnt. Aber nach dem Brückeneinsturz gab es Unruhen und der König musste abdanken. Er musste außerdem dieses ehrwürdige Haus verlassen und dann wurde es geteilt und die Schule durfte mit einziehen.«

Herr Balduin lächelte. »Danke, das hast du sehr schön zusammengefasst.«

Conja verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber was ist damals eigentlich genau passiert? Warum ist denn die Brücke eingestürzt? Und was waren das für Unruhen?«

Herr Balduin winkte ab. »Das ist lange her! Widmen wir uns lieber interessanteren Dingen.«

Er ging zur Tafel, nahm ein Stück Kreide und schrieb die Worte König und Bürgermeister nebeneinander. »Wer kann mir denn sagen, welche Unterschiede es zwischen einem König und einem Bürgermeister gibt?«

»Jetzt hat er doch schon wieder vom Thema abgelenkt, oder?«, flüsterte mir Conja zu.

»Ja«, antwortete ich. »Langsam ist es echt auffällig.«

Conjas Arm schoss erneut in die Höhe.

»Ja, bitte«, sagte Herr Balduin. »Welche Unterschiede fallen dir ein?«

»Ich habe eine andere Frage«, begann meine Freundin. »Warum nehmen wir die Geschichte Fuchslands nicht mal ein bisschen genauer durch? Ich glaube, das würde uns alle hier interessieren. Zumal wir keine Bücher darüber zu Gesicht bekommen.«

Herr Balduin nickte. »Das verstehe ich«, sagte er. »Aber heute haben wir keine Zeit dafür. Ein andermal gerne.«

»Das gibt es doch nicht«, sagte ich leise.

Conja zuckte mit den Schultern. »Dann müssen wir dieser Sache wohl mal selbst auf den Grund gehen.«

Kapitel 2

»Geht ihr gleich zum Fliegenden Flohmarkt?«, fragte ich, als die Schule vorbei war. Wir hatten den ganzen Tag Geschichtsunterricht gemacht, und Herr Balduin war bei seinen Erzählungen von Königshäusern aus aller Welt vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Abgesehen davon, dass er über unseres kein Wort verloren hat, fand ich das von Großbritannien am spannendsten – das Land, in dem auch mein Buch spielte. Ich fand es faszinierend, dass die alte Königin dort schon so lange auf ihrem Thron saß und wie lange es dort überhaupt schon eine Königsfamilie gab.

»Ich gehe auf jeden Fall mit«, sagte Ilo. »Mein Opa will sehen, ob Taki Werkzeug dabeihat. Für mich springt bestimmt auch was raus.« Er grinste. Auch wenn der alte Bent oft ein wenig mürrisch wirkte – für seinen Enkel tat er wirklich alles..

»Ich habe heute keine Lust«, antwortete Conja und versuchte, so lässig zu klingen, wie Skipper es für gewöhnlich tat. Als der jedoch verkündete, dass er unbedingt hinwollte, überlegte sie es sich schlagartig anders. »Ach«, rief sie und zwinkerte mir zu. »Ich brauche ja dringend ein paar neue Strümpfe. Dann komme ich doch mit.«

Herr Balduin trat hinter uns aus der Tür und blickte sich suchend um. »Hat jemand mein Fahrrad gesehen?«

»Leider nicht«, sagte ich und auch die anderen schüttelten die Köpfe.

Auf dem Rathausplatz vor uns plätscherte der Springbrunnen und auf der Bank saßen Marisa Blume und Amalia Noctis, die wahrscheinlich auf den Wolkenhändler warteten. Marisa war unsere Schneiderin und trug immer irgendetwas, in dem sie auffiel – heute war es ein gestreiftes Kleid in knalligen Farben sowie ein Strohhut. Amalia Noctis sah eigentlich immer gleich aus in ihren beigefarbenen Leinenklamotten. Bei ihr suchten die Fuchsländer Rat, wenn es ihnen schlecht ging. Manche bezeichneten sie fieserweise als Kräuterhexe, andere schworen auf ihre Mittelchen, die sie immer parat hatte.

»Vielleicht haben die beiden etwas gesehen«, meinte Ilo, doch Herr Balduin winkte ab.

»Ach, am Abend wird es hoffentlich wieder zurück sein.« Er nickte und ging davon.

»Da ist Mikkel«, rief Luc und raste los. Mikkel war der Sohn von Marisa und hatte nur Unfug im Sinn. Gerade hatte er sich hinter die Bank geschlichen und angelte mit einem Stock nach Amalias Einkaufskorb. Dabei musste er allerdings so laut kichern, dass Amalia natürlich alles mitbekam.

Ilo, Conja, Skipper und ich liefen zum Brunnen und setzten uns auf den Rand. Das machten wir oft nach der Schule und beobachteten Leute. Manchmal ging auch einer von uns in Winnies Laden und holte eine Ladung ihrer selbst gemachten Gemüsechips für alle oder fragte, ob wir uns das Radio ausleihen durften. Es war allerdings Glückssache, ob es dann Musik spielte oder nicht.

Die Rathausuhr hatte sich wieder beruhigt und zeigte kurz nach eins an.

»Meint ihr, die Zeit stimmt?«, fragte ich.

»Denke schon«, meinte Skipper und zog sich seine Schirmmütze tiefer ins Gesicht. »Sonst wären die Ladys da drüben doch sicher noch nicht da.«

»Ladys« war so ein Begriff, den nur Skipper benutzte. Er fand das schick, weil es sich um ein englisches Wort handelte. Bis auf Conja ließ sich aber niemand davon beeindrucken.

Nach und nach trudelten auch die anderen Fuchsländer ein und kurz darauf entdeckte ich den fliegenden Flohmarkt am Horizont. Ich spürte, dass mein Herz schneller schlug – obwohl der Wolkenhändler seit Jahren bei uns landete, war ich jedes Mal wieder aufgeregt. Für mich war es, als würde er das Leben zu uns bringen. Geheimnisvolle Schätze aus einer uns unbekannten Welt.

»Es ist mir wirklich jedes Mal ein Rätsel, wie Taki es schafft, all das Zeug auf seinem Teppich zu transportieren«, sagte Ilo. »Das muss doch irre schwer sein …«

»Vor allem legt er ja auch weite Strecken damit zurück«, meinte Skipper. »Ich würde so gerne mal mitfliegen. Endlich mal hier weg und was erleben.«

»Skipper!«, entfuhr es Conja. »Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben hier doch alles, was wir brauchen.«

Skipper hatte genau das ausgesprochen, was mir schon tausendmal durch den Kopf gegangen war. Auch mich interessierte es brennend, was es außerhalb Fuchslands alles gab – die anderen Länder, andere Menschen. Doch das behielt ich lieber für mich.

»Pah«, machte Skipper. »Woher willst du das wissen? Du gibst dich mit allem zufrieden, was dir hier vorgesetzt wird – aber hast du schon mal die Berge gesehen? Oder das Meer? Wale? Delfine? Oder –«

»Ahhh, Taki landet«, fiel Ilo ihm ins Wort. Ilo mochte es nicht, wenn Skipper so redete. Er selbst fand es sinnlos, sich über die Welt draußen Gedanken zu machen. Schließlich gab es ohnehin keinen Weg hinaus: Auf der einen Seite unseres Dorfes lag die Graue Schlucht, die so breit war, dass niemand sie überwinden konnte, auf der anderen Seite der Dämmerwald, in dem die gefährlichen und angriffslustigen Goldfüchse lebten. Kein Fuchsländer wagte es, auch nur einen Fuß in diesen Wald zu setzen. Die meisten nahmen das alles so hin und fanden es schön, ein friedliches und immer gleiches Leben zu führen, in dem der Höhepunkt die Ankunft des Wolkenhändlers war.

»Bonjour, kalimera und guten Tag!«, rief Taki, während sein Teppich langsam zu Boden sank. Er trug seine ausgeblichene Mütze, ein bunt kariertes Hemd und eine kurze Hose mit vielen Taschen. Seine Haut war sonnengebräunt und sein grauer Bart vom Wind zerzaust.

Ich hüpfte vom Brunnen, um einen möglichst guten Platz zu ergattern, von dem aus ich den besten Blick auf seine Waren hatte.

»Taki, alter Geselle«, rief Bent, nachdem der Wolkenhändler gelandet war, und schlug ihm zur Begrüßung kräftig auf die Schulter. »Was hast du uns denn heute Schönes mitgebracht?«

»Nicht so stürmisch, mein Freund«, erwiderte Taki. »Ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste.« Er strich den Teppich glatt und rückte ein paar Dinge zurecht, die bei der Landung durcheinandergeraten waren.

Mein Blick flog in Windeseile über die Sachen und mein Herz schlug dabei immer schneller. Es gab exotische Gewürze, bunte Tücher, Teller, Tassen, Bücher, Murmeln und kleine Spiele. Vor ein paar Monaten hatte ich einen Füllfederhalter gekauft und hütete ihn seitdem wie einen Schatz.

»Was ist denn das?«, fragte ich und hob eine Art Comicheft in die Höhe. Solche Zeichnungen hatte ich noch nie gesehen.

»Ein Manga«, erklärte Taki. Seine dunklen Augen blitzten. »Aus Japan. Man liest es von hinten nach vorne und von rechts nach links. Probier es mal aus.«

Ich tat, was er sagte, und stieß Ilo in die Seite. »Hast du so was schon mal gesehen?«

Er blickte mir kurz über die Schulter, wandte sich dann aber wieder den anderen Dingen auf dem Teppich zu. Ich drückte das Heft an mich und wusste, dass ich es unbedingt haben wollte.

Während Taki erst einmal die Bestellungen abarbeitete – in ganz dringenden Fällen konnte man diese bei ihm aufgeben und er versuchte, das Gewünschte irgendwo aufzutreiben – schaute ich weiter.

Ich entdeckte drei wunderschöne bemalte Vasen, ein gusseisernes Bügeleisen, Körbe, zwei Blumentöpfe mit sehr interessant aussehenden Pflanzen, eine Porzellanpuppe und ein paar Werkzeuge, die der alte Bent genauer unter die Lupe nahm. Ich überlegte gerade, ob ich für meine Mutter die grüne Vase oder einen der Blumentöpfe nehmen sollte, da fiel mir ein kleines türkisfarbenes Kästchen mit goldenen Ornamenten ins Auge. Im selben Moment, als ich meine Hand ausstreckte, griff auch Conja danach.