3,49 €
Marie hat ihren Onkel nur auf einem Familienfoto in Omas Album gesehen. Mehrere Jahre lang hielt die Familie Stillschweigen über Artur – den ältesten Bruder von Maries Vater. Als sie mit ihrem Mann und mit den Kindern schon einige Jahre in Deutschland lebt und als Krankenschwester arbeitet, lernt sie einen Patienten kennen, der ihrem verstorbenen Vater sehr ähnelt. Es stellt sich heraus, dass es ihr Onkel ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2022
Elisabeth Epp
Fufajka - die Wattejacke
Die Geschichte meines Onkels
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Die Bologna-Jacke
Was ich über den ältesten Sohn meiner Oma vor der Ausreise nach Deutschland gewusst hatte
Doppelgänger?
Das Weihnachtsessen
Das Treffen
Bernd ist Artur
Die Familienfotos
Die Kriegsjahre
Der Schutzengel
Die Familienfotos
Artur-Bernds Geschichte
(Was Bernd Ferchau mir, Artur Schmidt, erzählt hatte)
Die Absprache
Bernds Tagebuch
Gretas Geschichte
Treffen nach 6 Jahrzehnten
Der Brief
Verbotene Liebe
Impressum neobooks
Als ich ungefähr dreizehn Jahre alt war, sahen Oma und ich uns einmal Familienfotos in unserem Familienalbum an. Auf einer Aufnahme war meine Oma mit vier Jungen zu sehen. In den drei jüngeren Gesichtern konnte ich meinen Vater und seine Brüder Jakob und Hans erkennen, die damals noch Teenager waren, der Vierte war ein Erwachsener, ich hatte ihn nie davor gesehen. Er sah fast genauso aus, wie mein eigener Vater, nur seine Nase war ein kleines bisschen länger. Vielleicht lag es daran, dass alle auf dem Bild sehr schlank waren und tief liegende Augen hatten. Es war ja kurz nach den Hungerjahren während und nach dem Großen Vaterländischen Krieg aufgenommen worden.
Einige Wochen lang bettelte ich meine Eltern um eine Kunststoffjacke (Bolognajacke) an. Meine Klassenkameradin Lena hatte so eine und es hörte sich für meine Ohren wie Musik an, wenn sie sich bewegte und der Stoff der Jacke ein Geräusch machte. Es war gleichzeitig ein Quietschen und Flüstern, herrlich. So eine Jacke wollte ich unbedingt haben. Weder Tränen noch stundenlanges Schmollen hatten meine Eltern erweicht. Papa gefielen solche Jacken überhaupt nicht. Er sagte: „Mariechen, du hast doch einen neuen Herbstmantel bekommen. Wozu brauchst du denn noch ein Kleidungsstück dieser Art, im nächsten Herbst ist dir sowieso alles zu klein, so wie du wächst!“.
Die neuartige Jacke war außerdem nicht billig, die Eltern meiner Freundin Lena hatten ihre türkisblaue Jacke im größten Kinderwarengeschäft der Stadt Omsk erstanden, nachdem sie 200 Kilogramm Zwiebeln von der neuen Ernte auf dem Basar verkauft hatten. Um in die Stadt zu kommen, mussten sie um 6.00 Uhr in den Regionalzug steigen, damit sie um 8.00 Uhr auf dem Basar sein konnten. Zum Glück gab es schnell Abnehmer für ihre Zwiebeln, das Gemüse haben die Städter gerne für den langen Winter gekauft, weil diese Zwiebeln konnte man viel länger lagern als das Produkt aus dem Lebensmittelhandel. Bis zum Abendzug hatten die Eltern dann noch genug Zeit, um das Geld auszugeben. Der wichtigste Laden war „Detskij Mir“ (Kinderwelt). Im sechsstöckigen Gebäude im Zentrum der Stadt gab es alles, von Spielzeug und Büroartikel bis zur Kleidung. Das war fast das einzige Geschäft dieser Art in der Millionenstadt und dem ganzen Gebiet Omsk. Meinen Herbstmantel haben meine Eltern auch da gekauft. „Diese Jacken sind teuer und sehen nach nichts anderem aus als die Fufajkas (Richtige Bezeichnung: телогрейка (Tjelogrejka) – zu Deutsch: Leibwärmer), wir haben genug davon, du kannst dir immer eine von den fünf, die an der Garderobe hängen, nehmen und damit draußen in der Herbstkälte arbeiten oder spielen und dafür brauchen wir nicht für einen ganzen Tag nach Omsk zu reisen.“ Die Bologna-Jacken waren in vielen bunten Farben zu haben. Die Fufajkas dagegen gab es nur in der Farbe schwarz, sie sahen so aus, als ob sie aus dreckigen verölten Steppdecken hergestellt wären, außerdem gaben sie bei Bewegungen nicht dieses herrliche Geräusch ab, das mich so faszinierte. Aber meinem Vater fielen keine weiteren Argumente gegen die Jacke ein, als dass sie wie eine Fufajka aussehe und es käme keine mehr davon ins Haus, fertig.
Unser Streit hatte Tränen in Omas Augen getrieben. Sie bat mich, mit ihr zusammen unser Familienalbum anzusehen. Beim Bild mit meinem Vater und seinen Brüdern erzählte sie, dass ihr älterer Sohn Artur dringend so eine Wattejacke gebraucht hatte, die ich nicht anziehen will. Oma hatte damals nicht einmal Geld um solche einfache, aber warme Jacke zu kaufen und dorthin zu schicken, wo er damals war. Er war gestorben, weil er viel zu leicht angezogen war, da wo er damals sein musste. Seit diesem Vorfall mied ich das Wort „Fufajka“, wenn Oma in der Nähe war. Wo mein Onkel damals war, hat mir niemand verraten und man hielt Jahrzehnte lang Stillschweigen über diese Zeit. Ende der sechziger Jahre war Leonid Iljitsch Breschnew Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geworden und somit der Chef über das riesengroße Land. Stalins Regime, das zwanzig Millionen sowjetische Bürger aus dem Leben gerissen hatte, wurde mit keinem Wort mehr erwähnt. Breschnews Epoche war eine gute Zeit für die Bürger der Sowjetunion. Alle Kinder mussten acht Klassen der Schule beenden, ganz anders als in der Kindheit unserer Eltern, damals war nur das Besuchen der Grundschule Pflicht.
Nach der Schule konnte man noch zwei Klassen der Mittelschule oder drei Jahre die Berufsschule (PTU) besuchen und auch im Technikum (College) zu höheren Berufen ausgebildet werden. Auch die etwa zwei Millionen Deutschen, die in Russland schon mehr als zweihundert Jahre beheimatet waren, durften wieder, so wie vor der Oktoberrevolution, fast alle Berufe erlernen. Nur als Pilot, Kosmonaut, Journalist, Anwalt und Diplomat durften Deutsche in der Sowjetunion nicht ausgebildet werden. Man befürchtete, dass sie vielleicht später im Ausland bleiben wollten und alle sowjetischen Geheimnisse verraten würden.
Im Jahre 1977 wurde die neue Verfassung verabschiedet, die allen Nationalitäten des großen Landes die gleichen Rechte garantierte. Alle Leute hatten das Recht, die Muttersprache zu erlernen, nur über die Verfolgung und Versklavung der Russlanddeutschen und über Stalins Terror wurde alles verschwiegen und fast vergessen. Als in Kasachstan die Wolgadeutschen gefordert hatten, sie wieder in ihre Heimat an der Wolga zu lassen, wurden die Demonstranten mit Waffen zum Aufgeben gezwungen. In der Presse stand darüber kein Wort. Nur Augenzeugen aus Kasachstan erzählten es flüsternd hinter der vorbehaltenen Hand. Laut der allgemein bekannten Meinung gab es in der Sowjetunion keine Demonstrationen und Streiks, weil alle Menschen ja glücklich und zufrieden waren.
Deswegen traute Oma sich nicht zu sagen, dass mein Onkel vom Kriegskomitee eingezogen wurde, um das Nachkriegsland aufzubauen. Weil er ein Deutscher war, war es im Jahre 1948 seine Pflicht, die „Schuld der Deutschen“ ihrem sowjetischen Land gegenüber zu begleichen. Er wurde zur Werkschule der Bergindustrie geschickt, um den Beruf des Bergmanns in sechs Monaten zu erlernen und danach in der Kohlebeförderung zu arbeiten.
Die Fufajka spielte eine besondere Rolle in seinem und in Omas Leben und somit auch im Leben seiner kleineren Brüder. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie ein für uns so sehr alltägliches Kleidungsstück, für meine Familie nur wenige Generationen vorher so lebensnotwendig war.
Ein anderes Mal erzählte Oma mir mehr über meinen Onkel, als ich schon erwachsen war und eigene Kinder hatte, sie erzählte, wie ihre Kinder so waren. Artur wurde in relativ friedlicher Zeit im Jahre 1928 geboren. Meine jungen Großeltern waren arme Bauern, sie wurden ohne Widerstand Kolchosmitglieder und lebten sehr bescheiden in ihrem neu erbauten Samanhäuschen (Die Wände solcher Häuser waren aus ungebrannten Lehmziegeln (Saman) oder Grassoden gemauert.)
. Die Hütte bestand aus zwei Räumen: einer Stube und einer Küche. In der Wand dazwischen befanden sich die Rauchgänge des Ofens und des Herdes. Sie waren aus gebrannten Ziegeln gemauert. Der Herd diente zum Kochen und Heizen. Im Ofen machte man Feuer, wenn gebacken wurde. Die Kochvorrichtung war so wie alle Wände im Haus mit Lehm verputzt und mit Kalk weiß angestrichen. Alle Wände im Haus, außer die Rauchgänge, waren aus ungebrannten Lehmziegeln gemauert. Das Dach war mit Wiesesoden bedeckt. Also haben meine Großeltern beim Bau ihres Hauses nur Geld für die Koch- und Heizeinrichtung ausgeben müssen. Die Lehmziegel hatten sie am Ende des Dorfes an den Lehmkuhlen angefertigt, die Wiesesoden auf der Wiese am Waldrand zurechtgeschnitten und Holz durften sie aus dem Wald holen.
In der Stube gab es zwei Fenster und in der Küche eins. Die von einem Verwandten hergestellten Fensterrahmen hatten eine einfache Verglasung. Durch die Haustür an der hinteren Seite des Hauses gelang man in den Viehstall, der aus mit Lehm verputzten Flechtwänden erbaut war. Der Stall hatte ein Strohdach, das immer wieder frisch gedeckt werden musste, denn im Frühling wurde das Stroh vom Dach verfüttert oder im Backofen verheizt, wenn der Strohhaufen in der Nähe des Stalles zu Ende war. Wenn man die Haustür öffnete, musste man an der dunklen Ecke zwischen der Hauswand und Krippe vorbegehen. Dann hob die Kuh ihren Kopf und muhte grüßend die Hausbewohner an. Aus der dunklen Ecke huschte die Katze in die warme Küche. Fünf Hühner suchten sich auf dem Boden etwas zum Picken. Der irdene Boden im Haus und im Stall wurde mehrmals am Tag mit Wasser besprüht und einem Reisigbesen gefegt. Im Sommer reparierte man den Boden einmal in der Woche, er wurde mit frischem Kuhdung glattgestrichen. Nur wenige Bewohner des Dorfes hatten in ihren Häusern Holzfußböden. Der Staub im Haus und auf dem Feld der Kolchose waren vermutlich mit unzähligen Bakterien versetzt, das vitaminarme Essen im Winter und die Enge zehrten an der Gesundheit der Dorfbewohner. Mein Großvater war ein stattlicher Mann, er wurde bei den Feldarbeiten beim Pflügen und Eggen eingesetzt, wo er fast rund ums Jahr von einer Staubwolke umkreist war. Für ihre Arbeit in der Kolchose wurden meine Großeltern nicht mit Geld entlohnt, sie bekamen nach der Ernte etwas Getreide, das für die Familie, die Kuh und die Hühner reichen musste. Die Kuh brachte jedes Jahr ein Kälbchen, aber es wurde immer in die Kolchose abgegeben und somit die Steuern für das Land und Vieh bezahlt. Die Stalltür öffnete sich in Richtung der 0,5 ha großen Landfläche, auf der die Familie Gemüse und Kartoffeln anbaute. Für diese Landfläche mussten sie eine bestimmte Menge von der Ernte an die Kolchose abgeben. So ging es allen Kolchosbauern. Artur war schon dreizehn Jahre alt, als der große Krieg begann. Meine Oma hatte in den dreizehn Jahren nach Arturs Geburt noch sechs Kinder bekommen.
Nach der Grundschule hatte Artur noch die fünfte und sechste Klasse besuchen können. Dann begann der Krieg und obwohl Artur der beste Schüler der Klasse war, konnte er nicht mehr zur Schule gehen, weil sein Vater Ende August in die Arbeitsarmee eingezogen wurde. Mit fast dreizehn Jahren war seine schöne Kindheit zu Ende. Als Jugendlicher hatte er es umso schwerer. Der Vater war nur ein paar Monate später in der Arbeitsarmee verhungert.
Seit dem Einzug des Vaters in die Trudarmee zählte Artur mit seinen dreizehn Jahren als Ältester für die Familie. Die Kinder hatten noch Glück gehabt, weil ihr kleinster Bruder erst ein paar Monate alt war und meine Oma nicht in die Arbeitsarmee eingezogen wurde. Arturs jüngere Brüder mussten schon als Grundschulkinder in der Kolchose anpacken, damit die Familie etwas zum Essen hatte.
Fast ein halbes Jahrhundert später, als wir alle schon Jahre lang in Deutschland lebten, verriet mein jüngster Onkel, dass sein ältester Bruder im Sommer 1948, drei Jahre nach dem Krieg von heute auf Morgen vom Kriegskomitee in die Schule FSO (Werkschule) eingezogen wurde. Er wurde in das Kusnezker Kohlebassein gebracht, um dort als Bergmann ausgebildet zu werden. Weshalb er so furchtbar frieren musste und warum er deswegen gestorben sein soll, blieb für mich noch ein paar Jahre ein Rätsel.
Ich wohnte schon mehrere Jahre in Deutschland, meine Ausbildung zur Feldscherin, die ich in der ehemaligen Sowjetunion absolviert hatte, wurde hier als Krankenschwesterausbildung anerkannt und ich arbeitete auf der Intensivstation unseres Krankenhauses. An diesem Tag hatte ich gerade meinen Dienst begonnen. Als ich den neuen Patienten übernahm, stockte mein Atem. Ich dachte, ich sähe meinen vor vielen Jahren verstorbenen Vater vor mir liegen. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, dass ich neugierig wurde. Aus der Patientenakte erfuhr ich seinen Namen. Er hieß Bernd Ferchau, war in der Nähe von Lingen geboren und 85 Jahre alt. Ich habe mal gelesen, dass jeder Mensch auf der Welt mindestens einen Doppelgänger hat. Aus diesem Grund beschloss ich den Patienten in Ruhe zu lassen. Ich hatte Herrn Ferchau versorgt, als er im künstlichen Koma lag. Der Patient war zwei Wochen lang bewusstlos. Eines Morgens wachte er auf und wurde auf eine andere Station verlegt. Als ich in der Nacht davor Dienst hatte, war sein Zustand noch unverändert. Wir hatten uns, wie das Schicksal so wollte, im Krankenhaus nicht mehr getroffen. Er wurde auf eine andere Station verlegt. Nach seiner raschen Genesung wurde Herr Ferchau kurze Zeit später entlassen. Ein paar Jahre lang hatte ich nichts mehr von ihm gehört.
