Fufu für den Obroni - Florian Halstenbach - E-Book

Fufu für den Obroni E-Book

Florian Halstenbach

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Beschreibung

Ein junger, in der bürgerlichen Gesellschaft Westeuropas herangewachsener Mann wird in die Tiefen der west-afrikanischen Welt verschlagen und beschreibt einen Prozess der Assimilierung, wie ihn wohl nur wenige Touristen in ähnlicher Form erlebt haben dürften. Ende zwanzig, in einer Phase der Desorientierung und ohne greifbare Lebensperspektiven erlebt der Protagonist die Integration in eine ihm bis dato vollkommen fremde Welt mit ihren ebenso fremden Moral- und Wertvorstellungen. Dass er dabei seine eigene Geschichte niemals vergisst, sondern seine Erfahrungen in Afrika stets im Gegenlicht der eigenen Herkunft und Erziehung sieht, macht den besonderen Reiz dieses Buches aus. Aus dem Erlebnis der Fremde ergibt sich ein ungewohnter Blick auf die eigene, westliche Welt und Gesellschaft, der ebenso kritisch wie vollständig unideologisch ist. Am Ende bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück, die in Zeiten der Hochkonjunktur politischer Rezepturen höchst willkommen und stellenweise sogar ergreifend ist.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Vorab

Berlin

Anreise

Accra

Dansoman

Cape Coast I

Fufu

Freedom and Justice

Ekroful

Ein Fest

Movements

Malaria

Cape Coast II

Klima

Laufen

Verkehr

Schwarzweiß

Cape Coast III

Takoradi und Elmina

Cape Coast IV

Bei den Alten und Fischern

Frauen

Spiritualität

Obuasi

Kumasi

Politik

Eine Übergabe

Cape Coast V

Tarkwa

Gold

Wirtschaft

Fußball

Schluss

Vorab

Es ist in etwa 20 Jahre her, dass ich die zu beschreibende Reise nach Ghana unternommen habe, möglicherweise zu lange, um einen wirklich authentischen Bericht zu schreiben, andererseits ist es vielleicht der letztmögliche Zeitpunkt überhaupt einen solchen Bericht zu verfassen, bevor das Vergessen eine einigermaßen kongruente und chronologische Darstellung vollends unmöglich macht. So werde ich im Folgenden das Geschehene nur so gut ich kann und nicht so gut wie ich es einmal gekonnt hätte wiedergeben. Ich habe damals keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn ein Tagebuch geführt, auch Mitreisende oder Zeitzeugen stehen mir für Nachfragen und zum Erfahrungsabgleich nicht zur Verfügung. So kann dieser Bericht nicht den Anspruch haben, alle Details korrekt zu beschreiben, noch weniger ein wissenschaftlich fundiertes Bild über Land und Leute abgeben zu wollen, vermutlich ist dies viel mehr ein Bericht über mich und meine subjektive Wahrnehmung in einer sehr fremdartigen und gleichzeitig mir vom ersten Moment so vertraut erscheinenden Umgebung, eine Welt die noch heute in mir ist, mit der ich lebe und die mich begleitet. Bestenfalls kann also ein gewisser literarischer Anspruch erhoben werden, aber Hauptzweck ist es, die Geschehnisse und Erlebnisse mir selbst noch einmal vor Augen zu führen und zu dokumentieren, bevor dies nicht mehr möglich sein wird. Denn ich glaube kaum etwas hat mein Denken und meine individuelle Entwicklung so geprägt, mich so verändert wie diese Reise, von der ich nicht einmal mehr genau weiß, wann sie begann und wann sie endete, ich terminiere sie so ungefähr von Anfang 1992 bis Mitte desselben Jahres. Und doch zeigt sich, dass mehr und mehr Geschehnisse und Begegnungen zum Vorschein kommen, je länger ich mich mit dem Thema beschäftige. Längst vergessen Geglaubtes taucht auf aus den Tiefen der Vergangenheit und es ist ein wenig, als wenn ich ein längst verschüttetes Archiv wieder öffnen könnte.

Natürlich könnte man behaupten, dass die Jahre das eine oder andere nachträglich verklären und vieles positiver und geschönter erscheinen lassen könnten als es tatsächlich war, aber das genaue Gegenteil ist wohl der Fall: Die euphorischen Zustände während dieser Reise, der im Grunde doch sehr wenig nahe liegende Eindruck endlich zuhause angekommen zu sein, das ganz überwiegend vorherrschende seelische und körperliche Hochgefühl kann gar nicht so übertrieben dargestellt werden, wie ich es damals vor Ort tatsächlich empfunden habe. Genauso wenig wie die erlebten körperlichen Zusammenbrüche und Fieberzustände drastisch genug beschrieben werden können, ohne dabei reißerisch und überzeichnet zu erscheinen. Es ist vielmehr so, dass ich erst jetzt in der Lage bin, die damals für mich lange nicht zu verarbeitenden Erfahrungen mit dem Abstand der Jahre einigermaßen sinnvoll, zusammenhängend und auch für Dritte verständlich darzustellen. Trotzdem wird die Begeisterung, die Faszination, das Erstaunen, das ich rekapitulieren möchte, hier und da zweifelhaft erscheinen, wie auch ich selbst immer noch manchmal ratlos dem damals Erlebten gegenüberstehe.

Vielleicht habe ich auch nicht ausführlich danach gesucht, aber es ist tatsächlich so, dass ich nie jemanden getroffen habe, mit dem ich meine Reiseerfahrungen teilen konnte, der die Dinge so empfunden hat wie ich, zwar viele, deren Reisen vielleicht gefährlicher, spektakulärer oder exotischer waren, aber niemanden, der so in eine völlig fremde Lebensform eingetaucht ist, sich beinahe in der neuen Umgebung aufgelöst hat, aber dennoch den Status des Touristen auf Zeit nicht aufgegeben hat oder nicht aufgeben wollte.

Voraussetzung dafür war sicher die seelische Verfassung in der ich mich zu jener Zeit befand, ein Zustand der Beziehungs- und Perspektivlosigkeit. Ich war Ende zwanzig, hatte mein Studium abgebrochen, lebte von Jobs auf Zeit, war ohne Bindung und feste Beziehung, auf eine Art unbehaust, im Schwebezustand. Die jüdische Welt des Schtetl kannte den Begriff des „Luftmenschen“, gemeint ist ein Mensch der zwar intelligent, verständig, meist mehrsprachig, flexibel, aber ohne äußere Formen und Bedingungen auf etwas Unbestimmtes wartend dahinvegetiert, ein Mensch, dem aufgrund seiner ethnischen, kulturellen und psychologischen Andersartigkeit, sowie nicht zuletzt seiner Mittellosigkeit der unmittelbare Zugriff auf die Realität versagt bleibt. So könnte man vielleicht meinen Zustand beschreiben, wie eine leere Hülle, die darauf wartet mit etwas gefüllt zu werden, dabei oftmals antriebslos und unmotiviert, aber alle Antennen ausgefahren. Keine Zwänge oder Strukturen, die meine Wahrnehmung eingeengt oder manipuliert hätten, jedoch ausgestattet mit einer schmalen, aber am Ende gerade soeben ausreichenden Reisekasse von 1000 DM. Keinesfalls kann man mich zu diesem Zeitpunkt als reiseerfahren bezeichnen, denn außer einem einjährigen Schulaufenthalt in den USA und einer sehr eindrücklichen Türkeitour mit meinem alten Opel Rekord hatte ich außerhalb Europas eigentlich noch nichts gesehen, geschweige denn, dass ich mich der damals wie heute sehr präsenten Backpackerszene hätte zurechnen können oder wollen.

Auf meinen späteren, sporadisch stattfindenden Reisen habe ich mich in der Regel, wie es ja zweifellos auch sinnvoll und ratsam ist, durch das Studieren von Kartenmaterial und Reiseführern einigermaßen auf das Kommende vorbereitet, auch wenn der Reiseverlauf dann immer weitgehend spontan und nur einem groben Fahrplan folgend vonstatten ging. Von einer solchen auch nur oberflächlichen Planung konnte im Vorfeld der Ghana-Exkursion keine Rede sein. Mit großem Interesse studierte ich stattdessen die mit ideologischen Thesen durchsetzte Autobiographie des ghanaischen Unabhängigkeitskämpfers und Staatsgründers Kwame Nkrumah, ein ohne Frage sehr lesenswertes Buch, aber als Vorbereitung auf eine solche Reise doch nur von bedingtem praktischem Nutzen. Es scheint mir fast, als wollte ich meine große Neugier und meine Vorfreude nicht durch irgendetwas verstellen, mich nicht durch irgendetwas vereinnahmen oder verstören lassen. So bin ich mit einer großen Unbefangenheit, mit einer großen Unvoreingenommenheit gestartet, ganz ohne Frage auch mit etwas Sorge und Angst, denn auch damals kamen aus Schwarzafrika nur sehr wenige und noch weniger gute Nachrichten.

Berlin

In gewisser Weise begann alles an dem Abend in unserem West-Berliner Kiez, als mich mein Nachbar und Freund Ato zu einem geselligen Beisammensein mit einigen seiner Landsleute einlud. Ato war Ghanaer vom Stamme der Fante, ein ehemaliger Asylant, der durch die Heirat mit seiner deutschen, inzwischen verstorbenen Frau zu den wenigen Privilegierten gehörte, die ein uneingeschränktes Aufenthaltsrecht in Deutschland genossen. Als Zugereister war ich damals in Berlin ziemlich einsam und in einer insgesamt keineswegs optimistischen, lebenszugewandten, sondern eher depressiven, ja düsteren Stimmung. Ato gelang es immer wieder, mich aus meinem im Allgemeinen wenig erfreulichen Trott heraus zu holen, als allein erziehender Vater kochte er regelmäßig und die Abende mit ihm und seinem kleinen Sohn Kofi boten mir so etwas wie einen Familienersatz.

Auf dem Hinterhof spielten wir regelmäßig Tischtennis, mir fiel zwar sein etwas steifer Gang auf, aber erst nach geraumer Zeit fand ich heraus, dass Ato nur noch ein Bein hatte, das andere musste ihm als Kind oberhalb des Knies nach einem Schlangenbiss amputiert werden. Der trotz seiner keinesfalls unproblematischen Bedingungen ungebrochene Lebensmut, die vorbildliche, pragmatische und selbstverständliche Gestaltung seiner Vaterrolle, sein Humor und seine immer positive und aufmunternde Haltung waren für mich zu jener Zeit von unschätzbarem Wert.

So saß ich also an jenem Abend bei meinem Freund und Nachbarn zusammen mit acht bis zehn Ghanaern an seinem Küchentisch, es wurde gekocht, gegessen, gescherzt und diskutiert. Die meisten waren Asylanten und Asylbewerber, teils mit, teils bereits ohne Duldung, was in gutem Amtsdeutsch soviel heißt, dass die Betreffenden unmittelbar mit ihrer Abschiebung zu rechnen hatten. Es wurde Englisch, aber auch Ghanaisch – wohl entweder Fante oder aber die, neben dem Englischen zweite Lingua Franca des Landes Twi – gesprochen, so dass ich nicht alles verstand was gesprochen wurde, aber was ich verstand war die ausgesprochen kameradschaftliche Atmosphäre, die Lebendigkeit der Debatten und des Austauschs und der bei jeder Gelegenheit tumultuarisch hervorbrechende Humor, mit dem alle reichlich ausgestattet waren. Ein erster Vorgeschmack auf das, was mir später im Lande immer wieder begegnen sollte.

Ich wurde jedenfalls in diesem Kreis sehr gut aufgenommen und meine anfangs sicher vorhandene Unsicherheit im Umgang mit diesen Leuten, die in so vollkommen anderen Bedingungen aufgewachsen waren und die unter so ganz anderen Voraussetzungen in dem gleichen Land wie ich lebten, war in kürzester Zeit wie weggewischt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich dachte: Was muss das für ein schönes Land sein, wo alle Leute so sind wie diese hier in dieser Küche.

Viele Monate später beschloss Ato in seine Heimat zu reisen. Er hatte sich von seinen bescheidenen Einkünften, die unter anderem von seinen Tätigkeiten als Küchenhilfe und Plakate-Kleber herrührten, mühsam etwas Geld abgespart, davon ein paar gebrauchte Maschinen und Werkzeuge gekauft und nach Ghana verschifft, um dort ein Projekt anzuschieben. Jetzt wollte er nach dem Rechten sehen und machte mir das Angebot, ihn für mehrere Monate dorthin zu begleiten.

Damals wie heute stand ich dem Tourismus im Allgemeinen und auch Reisen speziell in die Dritte Welt sehr skeptisch gegenüber. So sehr man den Menschen vielleicht nutzt, indem man seine Devisen in diesen armen Ländern lässt, so absurd und unausgewogen erschien mir die gesamte Konstellation. In der Regel bewegt man sich doch wie auf dem Mond, abgeschnitten von den wahren Lebensumständen der Landesbewohner, angewiesen auf eine schmale und auf den Touristen zugeschnittene Infrastruktur, die einem den Zugang zum Lande eher erschwert als ermöglicht. Umgekehrt ist es außerdem auch den allermeisten der jeweiligen Landesbewohner niemals möglich, einen Gegenbesuch zu unternehmen, es sei denn, sie riskieren eine Überfahrt in einem überfüllten Schlauchboot nachts über die Straße von Gibraltar. Zu allem Überfluss repräsentiert man nicht nur, sondern exportiert eine Lebensweise und die damit verbundenen Werte, vor denen man eigentlich für ein paar Wochen flüchten will, ob man es nun wahrhaben will oder nicht.

Aber als Gast mit einem Einheimischen zu fahren, verlieh der Sache einen vollkommen anderen Charakter. Die guten Erfahrungen, die ich auf diese Weise in der Türkei gemacht hatte, räumten derartige Einwände schnell in den Hintergrund. Trotzdem benötigte ich eine erhebliche Bedenkzeit, denn zu fremd, zu abseitig erschien mir Ghana, ein unterschwelliges Gefühl der Angst und der Unsicherheit bemächtigte sich meiner. Ausschlaggebend war am Ende das Telefonat mit Şafak, einer guten Freundin aus Berlin, in dessen Verlauf ich meine Bedenken erläuterte, worauf sie mit großer Entschlossenheit erwiderte, dass man eine solche Chance niemals ausschlagen dürfe, komme was da wolle. Ihre Bestimmtheit und Zuversicht packten mich bei der Ehre, räumten meine letzten Zweifel aus und so kam es, dass ich zusagte und Ato und ich uns an einem kalten Wintertag am Flughafen Schönefeld einfanden, um das Flugzeug der bulgarischen Staatslinie Balkan Air zu besteigen und über Sofia und Lagos nach Accra, der Hauptstadt Ghanas, zu fliegen.

Anreise

Beim Einchecken und am Gate fanden sich außer mir nur Ghanaer, zum ganz überwiegenden Teil Männer in jungem oder mittlerem Alter, schlaksige Typen, oft in etwas zerknitterten aber doch eleganten dunklen Anzügen mit schmalen Krawatten, viele mit Hut, im kalten Neonlicht. Die meisten schwer beladen mit Plastiktüten, riesigen Koffern und Taschen, eine eigenartige Prozession, denn für alle diese Leute war die Reise in die Heimat etwas keineswegs Selbstverständliches, ja etwas ganz Besonderes. Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass nur diejenigen Ghanaer, die ein gesichertes Aufenthaltsrecht in Deutschland hatten, die notwendigen Dokumente vorweisen konnten und dabei noch über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügten, überhaupt in der Lage waren, auf offiziellem Wege in die Heimat zu reisen. Dies war und ist bis heute nur den wenigsten vergönnt und wenn, dann auch nur nach langwierigen Bemühungen oder glücklichen Umständen. So konnte man diese Reisenden samt und sonders als besonders Privilegierte, als vom Schicksal Begünstigte definieren, die oftmals nach unzähligen Jahren, die sie in Deutschland und Europa verbracht hatten, zum ersten mal der Gelegenheit entgegensahen, ihre Familien, ihre Väter, Mütter, Brüder und Schwestern, ihre Dörfer und Heimatorte wieder zu sehen. Entsprechend aufgekratzt war die Stimmung, aber doch so ganz anders, als beim Ferienflug nach Gran Canaria oder Mallorca.

Auch Ato und ich hatten Berge von Kleidung, Turnschuhen, Fußbällen und allem möglichen nur denkbaren Krimskrams dabei. Man nimmt soviel mit wie man kann, denn alles findet in Ghana seine Verwendung. Völlig überladen mussten wir jedoch einiges auf Anweisung der Airline am Flughafen zurücklassen.

Unvergessen auch der erbärmliche Zustand des Sofioter Flughafens, der den zu dieser Zeit stattfindenden Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus eindrucksvoll dokumentierte: Ein baufälliger Hangar mit blinden Scheiben, während des fünfstündigen Zwischenstopps gab es ein Plastikglas Wasser und ein gummiartiges Käsesandwich. Man kann wohl davon ausgehen, dass sich dieser Flughafen heute in einem ganz anderen Zustand präsentiert. Dann der Anflug auf Lagos bei Nacht: Die lang gezogene Küstenlinie Westafrikas, das chaotische, unübersehbare Lichtermeer der nigerianischen Hauptstadt, es mag überzogen klingen, aber ich fühlte in diesem Moment, dass ich Teil eines großen Abenteuers war, dass ich niemals für mich erwartet hatte, dass so wenig meiner eher nach Innen gewandten, etwas phlegmatischen Art entsprach und dass ich doch alles bis hierher absolut richtig gemacht hatte.

Nochmals gesteigert wurde diese Empfindung bei und nach der Landung in Accra. Irgendwie gelang es uns, das unübersichtliche und wuselige Treiben am Flughafen hinter uns zu lassen, ein Taxi zu besteigen und Richtung Stadt zu fahren. Es gab auf dieser ganzen Reise nur wenige Momente, die sich auf so endgültige Weise in mein Gedächtnis eingebrannt haben wie die ersten Eindrücke dieses Landes auf jener Fahrt: Die rotbraune afrikanische Erde, das satte Grün der tropischen Pflanzen, der chaotische Straßenverkehr, die bunt bemalten Autos in abenteuerlichem Zustand, aber vor allem die in farbenfrohe Stoffe gekleideten Frauen, die mit unbeschreiblicher Eleganz freihändig Krüge und andere Lasten auf dem Kopf balancierten und dabei ihre Körper mit weiblicher Grazilität und Selbstverständlichkeit schwingen ließen.

Es gibt möglicherweise Momente im Leben außerhalb der von uns jederzeit vorausgesetzten zeitlichen Dynamik, der kausalen Logik, Momente die alles bedeuten, Momente die alles erklären, das was war und auch das was noch kommen mag. Ein Augenblick in dem alle Fragen beantwortet sind, alles einen Sinn ergibt, unabhängig davon, ob man sich an diesen Augenblick später erinnert oder nicht. So wie die Geburt eines Menschen sicher einer der wesentlichen Ereignisse im Laufe seines Lebens ist, denn das ist sie, obwohl sich niemand daran erinnern kann. Wer weiß schon, ob man den wichtigsten Moment seines Lebens nicht nur nicht erinnert, sondern überhaupt bemerkt und doch kann er stattgefunden haben. Mir war jedoch, als würde ich einen solchen Augenblick überscharf und völlig bewusst erleben dürfen.

So kam ich zu der Überzeugung, dass, sollte ich im Anschluss an diese Taxifahrt tot umfallen, ich alles gesehen hätte, was ich in diesem Leben sehen musste, dass sich alle Frustrationen, Depressionen, Enttäuschungen und Missverständnisse gelohnt hatten, wenn sie mich nur an diesen einen Punkt geführt haben. Ich kann nicht verschweigen, dass ich in diesem Moment triumphierte, triumphierte über mich selbst, über das Leben mit seinen Beschwerlichkeiten, seinen Sinnlosigkeiten, seinen Belanglosigkeiten, mit seinen Hässlichkeiten und Gemeinheiten. Mir schien, dass ich just in diesem Moment eine unsichtbare, schwere, nur an mich gestellte Aufgabe erfüllt hatte, nämlich zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort zu sein, in diesem Taxi zu sitzen und stadteinwärts Richtung Accra zu fahren.

Ganz zweifellos hat es viele Europäer gegeben, die nach Schwarzafrika, oder auch nach Asien oder Südamerika gereist sind, die auf die erste Begegnung mit einer fremden Welt, einem unbekannten Kontinent ganz anders reagiert haben, auf die das vielleicht selbstverständlich oder aufregend und freudvoll oder sonst wie gewirkt haben muss, aber es ist keinesfalls anzunehmen, dass jeder in so ein Delirium gefallen ist, wie ich auf dieser Taxifahrt. Vielleicht ist eine solche Erfahrung auch ganz unabhängig von der Exotik der Situation, andere erleben einen solchen Kulminationspunkt vielleicht morgens beim Bäcker, abends beim Bier vorm TV, beim aus dem Fenster schauen oder bei irgendetwas anderem völlig Banalem. Die Schwierigkeit dieses Phänomens ist, dass man nichts mitnehmen kann, danach dreht das Rad sich weiter, es ist eben der Moment und nichts weiter, dadurch zeichnet er sich aus, das gibt ihm die Bedeutung, eben dass man ihn nicht konservieren, wiederholen oder festhalten kann. Und doch will ich ihn würdigen so gut es geht, auch wenn ich weiß: Ich kann ihn nicht zurückbringen.

Im Allgemeinen stellen wir uns ja vor, dass sich die Sinnhaftigkeit chronologisch entwickelt, also sich dynamisch aufbaut und im günstigen Falle im Alter ihren Höhepunkt findet, und dass man möglicherweise spätestens im Tode viele oder vielleicht alle Antworten erhält. Aber vielleicht gibt es bereits dazwischen, ganz punktuell und abseits von unseren zeitgebundenen Vorstellungen absolut abschließende Antworten, deren Gehalt nicht deswegen unwichtig ist, nur weil der Zeitpunkt in dem sie gegeben werden, flüchtig ist.

Genau ein solches Zwischendrin wähnte ich ausgemacht zu haben, und mit diesem absoluten Hochgefühl steuerten wir unser Ziel, das Haus von Atos Mutter im Stadtteil Dansoman.

Accra

So wie vielleicht das Ankommen in Ghana subjektiv der absolute Höhepunkt dieser ganzen Reise war, so folgte der psychologische Tiefpunkt unmittelbar auf dem Fuße. Natürlich wurden wir aufs freundlichste begrüßt, ich sah mich etwas in der Gegend um, abends saßen wir zusammen mit Atos Mutter, einer etwas verhärmten aber ausgesprochen drahtigen und energiegeladenen Frau, die täglich auf dem Großmarkt von Accra Schuhe, beziehungsweise die bei den einfachen Ghanaern im Alltag beinahe ausschließlich verwendeten, Flip Flops genannten Plastiklatschen chinesischer Herkunft verkaufte. Deswegen, aber sicher auch aufgrund der Zuwendungen ihres Sohnes, lebte sie in einem den Umständen nach entsprechend soliden, aber aus unserer europäischen Sicht extrem einfachen Häuschen. Das Viertel Dansoman besteht wie die meisten Viertel Accras überwiegend aus solchen einstöckigen, aus großen Leichtbetonsteinen schnell hochgezogenen, unverputzten Baracken mit Wellblechdach, meist stehen mehrere solche Häuser auf einem „Compound“, dem Grundstück, das meist mit einer kleinen Mauer umgeben ist. Im Hof treffen sich die Nachbarn und es wird auf offenem Feuer gekocht, Wäsche gewaschen und wenn man sich versteht, getratscht und gelacht. Kinder gehören überall dazu, vielleicht laufen ein paar Hühner umher, eine Ziege steht angepflockt herum, und die Alten dösen im Schatten. Nur die Hauptstraßen, zwar meist in schlechtem Zustand, sind geteert, alle Sträßchen und Gassen unversiegelt und verwandeln sich während der Regenzeit in einen schwer passierbaren Schlammparcours. In der Regel sind die Häuser elektrifiziert, aber es gibt kein fließendes Wasser, die Toilette teilt man sich und sie befindet sich meist in einem einfachen Bretterverschlag in einer Ecke des Hofes. In einem ebensolchen Verschlag befindet sich das Bad, gewaschen wird sich mit einem Eimer und Seife, es gibt natürlich keine Fliesen, aber einige größere Steinbrocken sind so aneinander gelegt, dass man nicht im Schlamm stehen oder hocken muss. Die Einrichtung der Wohnungen ist an Einfachheit nicht zu überbieten, Fensterscheiben gibt es nirgends, sie werden durch Fliegengitter beziehungsweise Moskitonetze ersetzt. Der meist einzige Luxus ist ein Ventilator, der die auch nachts drückende Hitze einigermaßen erträglich gestaltet. Zum Abend essen wir Reis mit etwas Seetang, dazu gibt es Wasser.

Ich kann mich nicht erinnern, ob es gleich die erste Nacht oder dann die zweite war, in der mir das ganze riesige Ausmaß und die Brutalität der alles beherrschenden Armut in dieser Stadt und in diesem Land aufs deutlichste bewusst wurde. Die ersten Berechnungen die ich anstellte, um Kosten wie Taxi, Essen, Getränke, Mieten und dergleichen in ein Verhältnis mit den Umständen in Deutschland zu setzen, machten mir unmissverständlich klar, dass ich mit meinen 1000 DM als Reisekasse für hiesige Verhältnisse ein überaus reicher und wohlhabender Mann war, der noch dazu in seiner Heimat ein außerordentlich bequemes Leben in einer wohl organisierten und berechenbaren Umwelt führte. Man kann nicht umhin, dieses Viertel und darüber hinaus die ganze Stadt nach hiesigem Verständnis als riesigen Slum zu bezeichnen. Ich fühlte mich für den Moment wie ausgesetzt in einem Meer der Armut und der Not, und zudem dem Goodwill meiner Gastgeber und Mitmenschen, angesichts einer für mich in keiner Weise identifizierbaren staatlichen oder gar touristischen Infrastruktur, völlig ausgeliefert. Verstärkend kam hinzu, dass sich das Reisen in den neunziger Jahren, das heißt vor der Erfindung beziehungsweise der allgemeinen Verbreitung des Mobiltelefons, der Kreditkarten, des Internets, von sozialen Netzwerken wie Facebook und dergleichen ganz zu schweigen, auch dadurch von den heutigen Bedingungen unterschied, dass man wirklich weg war, keinen ständigen Kontakt mit der Heimat unterhalten konnte, vielleicht mal eine Postkarte schrieb und sich ansonsten in doch ganz anderer Weise auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen hatte, als dies heutzutage der Fall wäre. Hier in Ghana hatte ich mich deswegen mehr noch als anderswo auf mich selbst und vor allem auf mein unmittelbares Umfeld zu verlassen.

Natürlich hatte ich, was die äußeren Umstände anging, sicher ähnliches erwartet, hatte ja schon in Zentral-Anatolien in etwa vergleichbare Bedingungen vorgefunden und bin ohnehin nicht sonderlich zart besaitet. Aber gerade die Selbstverständlichkeit und Zivilisiertheit, mit der ich willkommen geheißen und mit der ich als Gast in den täglichen Ablauf integriert wurde, die überraschende Normalität und Vertrautheit des Umgangs mit den Bewohnern dieser Welt, die Wahrnehmung, dass unter anderem dieses Haus in Accra - Dansoman zu Teilen in den nächsten Monaten mein Zuhause, meine Basisstation sein würde, all dies hat mir angesichts der harten Lebensumstände, des Mangels an praktisch allem, auch der einfachsten materiellen Gegenstände, die schreiende Unausgewogenheit, wenn nicht Ungerechtigkeit meiner Situation hier als erlebnishungriger Tourist, in besonders krasser Weise vor Augen geführt. So pittoresk, so vielfarbig die ersten Eindrücke der Tropen, die Schönheit und Eleganz der afrikanischen Menschen auf mich wirkten, so massiv überrumpelte mich jetzt der Eindruck der alltäglichen und sehr harten Lebensrealität in diesen Breiten. Und wenn ich auch klar sagen kann, dass ich während meines Aufenthaltes in diesem Lande nie die aus anderen Teilen Afrikas in unseren Medien immer wieder gezeigten Bilder des Hungerns und Sterbens vorgefunden habe und nach meinem Eindruck die meisten, die ich traf, zumindest einigermaßen über die Runden kamen, so übermannte mich jetzt doch der unmittelbare Kontrast zu unserer mit Überfluss und materiellem Reichtum gesegneten, scheinbar übersatten Welt.

Kurz gesagt: Ich verfiel ganz kurzfristig in eine tiefe Depression und stellte meine Entscheidung hierher zu kommen ganz unmittelbar in Frage. Was wollte ich eigentlich hier? Ein bisschen Katastrophentourismus? Die Augen verschließen und ein wenig Drittwelt–Exotik konsumieren? Ich schämte mich vor mir und den Leuten, deren Gast ich war. Diese Gedanken zu teilen schien mir ausgeschlossen, auch Ato konnte und wollte ich diese Wendung nicht erklären, denn er wollte mir sein Land zeigen, das sein Zuhause und seine Heimat war und auf das er zu Recht stolz war. So fühlte ich mich nicht nur erbärmlich, sondern auch allein. Mir schien, dass es das Beste wäre, so schnell als möglich zurückzufliegen und mein verbleibendes Reisekapital einfach hier zu lassen. Mir war klar, dass ich mit dem von mir mitgeführten Betrag den Leuten hier eine massive, wenn auch nur temporäre Erleichterung ihrer Sorgen und Nöte, vergleichbar einem Lottogewinn, selbst wenn ich unter vielen teilen müsste, verschaffen könnte. Ich müsste nur auf meinen kurzfristigen Lustgewinn dieser tollen Reise, auf die erwartete und im Grunde egoistische Selbsterfahrung während dieser Tour verzichten und ich hätte das für jeden klar denkenden Menschen erkennbar moralisch Richtige getan.

Ich weiß bis heute nicht, ob das nicht die richtige Entscheidung gewesen wäre, aus dieser Krise habe ich keinen eindeutigen Weg gefunden. Trotzdem versuche ich zu erklären, warum es anders gekommen ist, obwohl sich die gesamte Reise von da an vor dem Hintergrund dieser Fragestellung abgespielt hat, sich diese Grundthematik immer wieder gestellt hat und ich im Verlauf oft lavieren musste und hier und da auch zweifellos die Augen vor manchen Unausgewogenheiten und Abgründen geschlossen habe. Ganz ohne Frage jedoch bleibt, dass das Erleben der bittersten Armut, die sich im weiteren Verlauf anderswo noch himmelschreiender als in Accra präsentierte, ebenso wie der Umgang damit sicher nicht das einzige, aber doch ein ganz prägendes und vielleicht das wichtigste Erlebnis dieser Reise gewesen ist.

So war es für mich absolut notwendig, gleich zu Beginn eine Strategie und eine Einstellung zu entwickeln, um meinen doch sehr gewünschten Aufenthalt hier zu ermöglichen und darüber hinaus mir gegenüber rechtfertigen zu können. Vielleicht könnte man sagen, dass mich die Armut fast vertrieben hätte, aber die Menschen haben mich zum Bleiben bewogen.

Wie gesagt wurden meinetwegen keine besonderen Umstände gemacht. Natürlich fiel man als Weißer in diesem Stadtteil Accras sehr auf, denn es verirrte sich nach meiner Kenntnis selten oder besser gesagt nie ein Europäer, zumindest nicht als Dauergast, in dieses Viertel. Dies war aber kein Grund von Seiten der Einwohner ein besonderes Aufheben zu machen, denn es wurde zwar als erfreulich und bemerkenswert angesehen, dass mal einer kam, aber im Grunde war es doch selbstverständlich und richtig, dass die Menschen sich gegenseitig besuchen, ganz gleich welche Farbe ihre Haut hat, oder auf welchem Kontinent sie geboren sind. So nutzte man die Gelegenheit und nahm Kontakt auf, bemühte sich einen Eindruck von einem solchen Fremden zu gewinnen und freute sich darüber, dass einem mal etwas nicht Alltägliches begegnete.

Umgekehrt entstand gleich zu Beginn bei mir der Eindruck, dass mir Mentalität und Geisteshaltung der Menschen nicht nur sehr zusagten, sondern auch sehr vertraut erschienen und dass es mir recht leicht fiel, schnell die Maske der Oberflächlichkeit zu durchdringen und in echten Kontakt mit den Leuten zu treten. Das lag auch daran, dass die meisten, die ich traf, über ein gutes Selbstvertrauen und Selbstgefühl verfügten, denn sie besaßen nichts und konnten in der Regel auch auf nichts hoffen, über das sie sich definieren konnten, als sich selbst. Ich bin später in Asien, Südamerika und anderen Teilen der Welt gewesen und konnte niemals wieder einen vergleichbaren Zugang zu den Leuten herstellen. Sicher half die hier überall gebräuchliche und von mir gut beherrschte englische Sprache, aber es muss auch mit der afrikanischen Gelassenheit und der vordergründig allgemeinen Freiheit der Formen und Sitten zusammenhängen, die eine lockere Kommunikation für mich als Europäer unkompliziert und nachvollziehbar erscheinen ließ. Aber wie gesagt, ebenso unkompliziert und nachvollziehbar waren für mich auch die Härten der alltäglichen Existenz, wie sie hier an der Tagesordnung sind. Ich fasste den Entschluss zu bleiben und den Leuten etwas von mir und meiner so andersartigen Heimat zu präsentieren, etwas, dass Ihnen zwar kein Geld bringt aber möglicherweise für sie selten ist, einen gewissen Unterhaltungswert hat und an Exotik und Besonderheit in etwa dem entsprach, was ich in Ghana auf Schritt und Tritt ebenfalls erlebte.

Natürlich mag die dem Menschen und auch mir innewohnende Anpassungsfähigkeit an gegebene Umstände geholfen haben, ich weiß aber, dass ich nach zwei Tagen des nagenden Zweifels einen klaren Entschluss gefasst habe: Ich bleibe und schmeiße mich rein, ich bin nicht bereit mich von dem Elend vertreiben zu lassen, ich will den Leuten begegnen und nicht den materiellen Bedingungen in denen sie leben, ich will einen guten Eindruck hinterlassen als Mensch und nicht als Geldsack aus der ersten Welt. Es war ein sich Zusammenreißen, ein sich Zusammennehmen, ein Akt des Willens. Mir war klar, dass ich nicht einfach meine in Deutschland bewusst oder unbewusst erworbene Lebensauffassung hier übernehmen konnte, sondern ganz kurzfristig ein völlig neues Konzept entwickeln musste, mit dem es mir gelingen konnte, diese für mich in jeder Hinsicht anspruchsvolle Aufgabe, mich hier in Ghana zu bewegen, in einer Art und Weise zu bewältigen, die sowohl meinem Verstand, als auch meinem Gewissen gerecht wurde. Auf eine gewisse Weise definierte ich meine Person unter diesen Umständen ganz neu, nahm eine an die auf mich einstürmenden neuen Eindrücke und Gegebenheiten zugeschnittene und angepasste Rolle ein, um auf positive und konstruktive Art mit den Menschen zu kommunizieren und das Land kennen zu lernen. Ich sortierte mich in diesem Sinne und traf eine echte Entscheidung, vielleicht nicht bis ins letzte Detail begründet, aber eindeutig: Die Reise geht los und ich steige ein um jeden Preis!

Die ersten Tage in Ghana verbrachte ich damit, die unmittelbare Umgebung in Dansoman zu erkunden, mich mit den alltäglichen Gegebenheiten vertraut zu machen und die innere Einstellung zu verfestigen, mit der ich diese Reise absolvieren wollte. Denn es war klar, dass sich die Lebensdingungen im Verlauf der nächsten Monate nicht wesentlich ändern würden, das heißt ich würde weitgehend mit den Einheimischen wohnen, das Essen, die Betten, die sanitären Anlagen, kurz alles mit ihnen teilen, dass ich zwar einiges zu sehen bekommen würde, aber immer als Gast von Ato, seiner weit verzweigten Familie und seinen Freunden. In den ganzen kommenden Monaten habe ich auch tatsächlich nur eine einzige, durchaus denkwürdige Nacht in einem einfachen Hotel verbracht und ich kann mich nur an insgesamt drei, mehr oder weniger kurze aber ebenso denkwürdige Begegnungen mit Weißen erinnern.

Viel zu tun gab es zunächst eigentlich nicht. In der Nähe gab es einen Bolzplatz und einen Kiosk, dorthin schlenderten wir des Abends, schauten uns die Spiele an, unterhielten uns mit den Fußballern und tranken eine Cola. In der Nähe gab es an der Hauptstraße eine Baracke, die als Kneipe fungierte, und mit großer Begeisterung stellte ich fest, dass hier wie auch überall sonst ausschließlich Reggaemusik der sechziger und siebziger Jahre gespielt wurde, zum damaligen Zeitpunkt die von mir mit weitem Abstand bevorzugte Musikrichtung. Dieser Umstand überraschte mich ausgesprochen positiv, da in Deutschland diese Musik damals nicht übermäßig populär war, jedenfalls nicht so populär wie heute, wo Rock Steady Klassiker bei den Heimspielen des FC Bayern München intoniert werden. Außer schlagerähnlichen Liebesliedern tauchen oft religiöse Themen auf, der Mensch wird in immer wiederkehrenden Motiven ermuntert, trotz der schwierigen und scheinbar hoffnungslosen Lebensumstände nicht aufzugeben und seine Moral nicht zu verlieren. Im Ursprung richtet sich diese aus Jamaika stammende Musik natürlich im Grunde an ein Dritte-Welt-Publikum, aber meine damals subjektiv als etwas trostlos empfundene Existenz saugte diese Botschaft auf und integrierte sie in meine von manch unerfüllter Sehnsucht geprägte Lebenssituation. Die Bedeutung, die Musik überhaupt damals für mich hatte, den Halt und die existenzielle Unterstützung, die ich damals speziell aus dem Reggae zog, ist wohl nur schwer vermittelbar, aber eine unbestreitbare Tatsache. Dass in diesem Land nun an jeder Ecke diese mir zutiefst vertrauten Melodien und Texte erklangen, erschien mir zunächst wie ein Wunder und noch wunderbarer erschien es mir, dass ich überall auf Leute traf, die einen ähnlichen, beziehungsweise wahrscheinlich sogar wesentlich essentielleren Gewinn daraus zogen als ich. Ich vermeide es, hier grundsätzlich auf das Wesen der Musik einzugehen, aber die Musik kann auf eine Weise eine Zusammengehörigkeit unter Menschen erzeugen, die zutiefst irrational ist und auf vordergründige Verschiedenheiten keinerlei Rücksicht nimmt. Hier auf der gleichen Welle zu schwimmen erleichterte mir die Eingewöhnung doch in nicht unerheblicher Weise und verstärkte das Gefühl des Angekommen, ja des Zuhause angekommen seins ungemein. Denn dieses Gefühl nahm von Tag zu Tag zu und nach der schweren Krise zu Beginn stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass es mir ausgesprochen leicht fiel, in Kontakt mit den Leuten zu treten, sei es ein bisschen Smalltalk zu betreiben oder aber auch weitergehende, zum Teil philosophische Gespräche zu führen oder mich am allgemeinen Politisieren zu beteiligen.

An Gesprächspartnern mangelte es vom ersten Tag an nie, denn zunächst einmal gab es und gibt es in Accra oder auch sonst in Ghana nicht viele Freizeitmöglichkeiten. So ist beispielhaft zu erwähnen, dass zu meiner Zeit so gut wie niemand einen Fernseher besaß, die wenigsten hatten eine geregelte Arbeit, so dass zunächst einmal die Menschen hier viel Zeit hatten, Zeit, um sich zu unterhalten, um sich auszutauschen. Dann ist es sicher so, dass ich als Europäer eine wenig alltägliche Erscheinung abgab, die es sich lohnte anzusprechen und von der man sich neue Erkenntnisse versprach. Da es mir im Umkehrschluss im Prinzip genauso ging, kann man sich vorstellen, dass es keiner großen Umstände bedurfte, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Darüber hinaus stellte ich fest, dass es mir überhaupt nichts ausmachte, mich mit der in allen Bereichen extrem rudimentären Wohnsituation in diesen Breiten anzufreunden, die auch in den Städten mehr an Dauercampen erinnert, und sehr erfreut nahm ich außerdem zur Kenntnis, dass mir die ghanaische Küche ausgesprochen gut schmeckte und hervorragend bekam. Sehr schwer ist es allerdings, sich an die drückende, extreme Hitze zu gewöhnen, die Tag für Tag und Nacht für Nacht, nur im Frühjahr von einer kurzen Regenzeit unterbrochen, über dem Land liegt.

Auf alle diese meine Reise ganz wesentlich bestimmenden und dauerhaft begleitenden Themen, die Gespräche, die Räumlichkeiten, das Essen, die Landschaft und das Klima werde ich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich noch einmal eingehen, aber zunächst will ich meinen weiteren Aufenthalt in Accra schildern, zumindest das, was ich davon in Erinnerung behalten habe.

Dansoman

In der Nähe des Hauses von Atos Mutter schlenderte ich einfach so durch die Gegend, begutachtete die Auslagen in den kleinen Lädchen, sah den Friseuren in ihren Salons, ganz einfachen Holzbaracken, bei der Arbeit zu und bestaunte deren handgemalte, bunte Werbetafeln, auf denen eine Vielzahl von Musterfrisuren dargestellt waren. Sehr schnell hatte ich im Viertel einige Bekanntschaften gemacht, denen ich mich ganz selbstverständlich anschloss. Man traf sich an einem kleinen Kiosk oder saß unter einer Palme beisammen, man kam ins Gespräch oder ich beobachtete die Männer beim hier überall praktizierten Damespiel. Eigenartig, dass gerade dieses Spiel hier so beliebt ist, wie Backgammon in der Türkei, Schach in Osteuropa oder Domino in Indonesien. Obwohl durchaus mit den Regeln vertraut, musste ich aber feststellen, dass ich niemals auch nur die Spur einer Chance gegen die sehr geübten Kontrahenten hatte.

Ganz in der Nähe befindet sich ein breiter Strand, an den es mich des Öfteren hinzog, obwohl dort eigentlich nichts Besonderes los war. Es lagen dort einige Fischerboote, aber irgendwelche „Beach“–Aktivitäten gab es nicht. Die ganze Ferien- und Freizeitkultur, wie sie sich in anderen Breiten am Meer durchgesetzt hat, hatte sich hier noch in kaum einer Weise entfaltet. Erschwerend kam hinzu, dass aufgrund der sehr starken und gefährlichen Brandung an Schwimmen überhaupt nicht zu denken war.

Das Zentrum Accras präsentierte sich uns in total chaotischer Betriebsamkeit. Die Straßen verstopft mit Autos und Bussen, aber noch belebter das Treiben auf den Bürgersteigen, soweit sie als solche definiert werden konnten. Die meisten Bewohner Accras können sich kein Auto, noch nicht einmal einen Bus oder ein Sammeltaxi leisten und sind in Folge dessen zu Fuß unterwegs. So ist die Stadt von morgens sechs Uhr bis Anbruch der Dunkelheit voll von Menschen, die irgendwelchen Erledigungen nachgehen und oft dabei größere Lasten mit sich führen, die in aller Regel auf dem Kopf balanciert werden. Ampeln, Zebrastreifen und dergleichen sucht man vergebens, allerdings gibt es große und breite Fußgängerüberführungen auf denen man die Hauptstraßen überqueren kann. Wenn man dies tut, entkommt man zwar nicht der drangvollen Enge der Straßen, natürlich deswegen, weil viele andere ebenfalls auf diesen Überführungen unterwegs sind, aber man kann sich zumindest für einen Moment Übersicht und Orientierung verschaffen. Bei diesen Ausflügen lernte ich sehr schnell, dass das Gehen durch die Stadt einer ganz anderen Aufmerksamkeit bedarf, als das in Europa der Fall ist. Der Zustand der Bürgersteige und Fußwege, wenn überhaupt vorhanden, ist derartig desolat, dass man jeden Schritt genau setzen muss, um nicht in einem Schlagloch oder an einem herumliegenden Stein hängen zu bleiben und zu stolpern. So gleicht jeder Weg, den man zu Fuß unternimmt, einem Hindernisparcours und grenzt bisweilen an eine mittelschwere Trekking Tour. Ich muss aber sagen, dass diese Art der Fortbewegung mir nach einiger Zeit der Gewöhnung geradezu Spaß machte, ich schloss mich den Ghanaern an, die einen gewissen Ehrgeiz entwickelten, diese Hindernisläufe mit der größtmöglichen Eleganz und Schnelligkeit zu bewältigen.

Wir besuchten naheliegenderweise den Großmarkt, auf dem Atos Mutter ihren Schuhstand hatte. Der Markt ist riesig, es gibt dort im Prinzip alles zu kaufen und die das Geschehen ganz eindeutig bestimmenden, in der Regel ziemlich beleibten und äußerst selbstbewussten Marktfrauen sitzen, ab und zu ihre Einnahmen zählend, mit riesigen, spitz zulaufenden Bast–Sonnenhüten und in bunte Gewänder gekleidet hinter ihrer Auslage, preisen ihre Ware an, feilschen mit den Kunden, hantieren mit dicken Packen Geldscheinen, klopfen Sprüche, geben derbe Scherze zum Besten und kommandieren ihre Gehilfen und Gehilfinnen herum. In den Müllecken stinkt es ziemlich und man sieht Geier, Hunde und Ziegen, die sich bei drückender Hitze über die noch verwertbaren Reste hermachen.

Wir machen noch einen Ausflug in die bessere Gegend von Accra, ich bemerke dort einige Jeeps mit weißen Fahrern, die mir schon nach diesen wenigen Tagen wie Wesen von einem anderen Planeten vorkommen. Wir essen dort in einem auf Safari getrimmten Restaurant Antilopenfleisch mit Reis und kehren zurück nach Dansoman.

Sehr schnell sprach es sich im Familien- und Bekanntenkreis herum, dass Ato aus Berlin in der Stadt war. Jeder Ghanaer, der es in Europa geschafft, beziehungsweise es überhaupt bis nach Europa geschafft hat, hat einen ganz besonderen Status, ist Gegenstand der Bewunderung und der Neugier, ein Hoffnungsträger der Dagebliebenen, die sich nach neuen Informationen aus dem gelobtem Land sehnen und vielleicht auch durch ihn Möglichkeiten und Perspektiven erwarten, die sie aus dem für sie beschwerlichen Einerlei des afrikanischen Alltags befreien könnten. So war es nicht verwunderlich, dass täglich Menschen zu Besuch kamen, die Ato lange nicht gesehen hatte und mit denen es viel zu besprechen gab. Viele kamen von weit her, blieben über Nacht und ich erinnere mich, dass wir mit bis zu fünf Mann in einem allerdings einigermaßen geräumigen Doppelbett schliefen. Auch nachts brütende Hitze, und über uns drehte sich surrend der Ventilator.

Atos Bedeutung für diese Reise kann aus meiner Sicht überhaupt nicht überschätzt werden, er war der Initiator und auch in großem Maße Organisator dieser Tour, und im Nachhinein kann ich nur sagen, dass ich ihm wohl ganz unhinterfragt und wie sich zeigte völlig zu Recht bedingungslos vertraute und mich ihm vorbehaltlos anschloss. Aber unter den vielen Besuchern im Hause seiner Mutter trat jetzt ein zweiter Mensch auf den Plan, der den weiteren Verlauf dieser Tour ganz maßgeblich prägen sollte und zu einem zuverlässigen und wertvollen Gefährten für mich wurde: Ein großer, sympathischer Kerl etwa in meinem Alter mit tiefschwarzer Hautfarbe, rundem Gesicht, wachem Blick und einem breiten, einnehmenden Lächeln, dass er bei jeder Gelegenheit hervorzuholen bereit war. Sein Name war Atta, hier wünschte man sich einen anderen Namen, denn Ato und Atta klingen zu ähnlich, zumal wenn man bedenkt, dass auch der später noch expliziter zu erwähnende, dritte meiner wichtigsten Reisegefährten ebenfalls Atta, Alex Atta hieß. Jetzt könnte man denken, dass alle Ghanaer Ato oder Atta heißen, dies ist allerdings nicht der Fall und ich kann nur hoffen, dass dieser Umstand im weiteren Verlauf niemanden verwirren wird.

In der Regel haben alle Ghanaer zwei Vornamen, der erste ist häufig der britischen Kolonialmacht entlehnt und so trifft man auf zahlreiche Johns, Thomas’, Stevens und so weiter oder ist je nach Region und Religionszugehörigkeit auch afrikanischen oder islamischen Ursprungs. Der zweite Vorname leitet sich von dem Wochentag ab, an dem der jeweilige Mensch geboren ist, so heißen alle Ghanaer in der Reihenfolge von Montag bis Sonntag wie folgt: Koudjou, Kwabena, Kweku, Yaw, Kofi, Kwame und Kwesi. Das Gleiche gilt für die Frauen, deren Tagesnamen sich allerdings von den männlichen nur geringfügig unterscheiden, beziehungsweise mit anderen Endungen versehen sind. Jedem an einem bestimmten Wochentag Geborenen werden entsprechende Eigenschaften zuerkannt, analog dem bei uns verbreiteten Horoskop. Ich vermutete damals, an einem Mittwoch geboren zu sein, den an diesem Tage Geborenen wird nachgesagt, dass sie „überall hingehen können“, „they can go everywhere“. Eine Zuordnung die mir im Laufe dieser Reise mehr als passend erschien und mit der ich mich dementsprechend leicht anfreunden konnte.