Fünf Dichter aus Coimbra - Dom Dinis - E-Book

Fünf Dichter aus Coimbra E-Book

Dom Dinis

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Beschreibung

Worum geht es in dieser Anthologie? Sie entspringt einer historischen Kontingenz – einem Zufall, der ganz unterschiedliche dichterische Stimmen aus verschiedenen Jahrhunderten hier versammelt. Die Zeitspanne ist weit – sie reicht von König Dinis im Spätmittelalter bis Fernando Assis Pacheco in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zur historischen Kontingenz, die Stimmen aus verschiedenen Epochen vereint, kommt diejenige der Auswahl – auch sie erfolgte zufällig. Doppelter Auftrag, zweifache Absicht: an erster Stelle geht es darum, Dichter zu versammeln, die in Coimbra geboren wurden oder dort lebten, und die – nicht immer gleich und mehr oder weniger deutlich – von der Stadt berührt wurden oder auch von der Landschaft, die die Stadt umgibt und prägt. Und an zweiter Stelle sollen dem Leser eine Reihe von Dichtern und Gedichten nahegebracht werden. Dabei sind die einen eher im Kanon portugiesischer Literatur vertreten als andere. Im Ergebnis spiegelt sich eine persönliche, subjektive Wahl, die mit einem einführenden und synthetischen Blickpunkt in Einklang gebracht werden mußte. Zu Namen wie König Dinis und Sá de Miranda kommen jene, die besonders im 19. Jahrhundert das kollektive Gedächtnis prägten. Eine Erinnerung, die die Stadt von der Literatur bewahrt und die Literatur von der Stadt. Es ist die Rede von Dichtern wie Antero de Quental und Camilo Pessanha. Aber die lyrische Intensität der Landschaft, die die Stadt gewinnt, kann und muss auch an Dichtern wie Fernando Assis Pacheco gemessen werden – der vielleicht die bittersten Verse über Coimbra und seine Welten, die für ihn diejenigen der Kindheit und Jugend waren, geschrieben hat. Zweisprachige Anthologie (portugiesisch / deutsch) mit Auswahl und Einführung von Luís Quintais, Illustrationen von Alya Kuznetsova und Übersetzung von Orlando Grossegesse.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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ZWEISPRACHIGE AUSGABEPT | DE

FÜNF DICHTER AUS

COIMBRA

Herausgegeben vonLuís Quintais

ÜbersetzungOrlando Grossegesse

IllustrationenAlya Kuznetsova

Diese Ausgabe wurde gesponsert von

TITEL

Fünf Dichter aus Coimbra

AUTOREN

Dom Dinis, Sá de Miranda, Antero de Quental, Camilo Pessanha, Fernando Assis Pacheco

AUSWAHL UND EINFÜHRUNG

Luís Quintais

ÜBERSETZUNG

Orlando Grossegesse

LEKTORAT DER DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

Angelika Bierbaum

ILLUSTRATIONEN

Alya Kuznetsova

GRAFISCHES DESIGN

Marta Nunes

KOORDINIERUNG

Margarida Louro

VERLAGSLEITUNG

João Pedro Ruivo

REIHE

Litteraria

VERLAG

SHANTARIN

Digitale Ausgabe: Juli 2023

Lisboa, Portugal

ISBN 978-989-9156-02-9

Copyright Antiga Shantarin, Lda.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages reproduziert werden.

shantarin.com

[email protected]

Mitwirkende

AlyaKuznetsova grafikdesignerin und Illustratorin aus Moskau, die seit drei Jahren in Coimbra lebt und der portugiesischen Kultur und Sprache zwei Studienjahre widmete. Seit 2010 arbeitet sie als Illustratorin und Grafikdesignerin in Werbeagenturen und Designstudios. Ihre Illustrationen erschienen in internationalen Klassikern wie Dhan Gopal Mukerjis Hari, the Jungle Lad (Meshcheryakov Verlag, Moskau 2016), und Ivan Efremovs Cutty Sark (Meshcheryakov Verlag, Moskau 2017).

Luís Quintais dichter, Essayist, Anthropologe und Professor an der Universität Coimbra. Unter seinem dichterischen Werk sind O vidro (2014), Arrancar penas a um canto de cisne. Poesia 2015–1995 (2015), A noite imóvel (2017), Agon (2018) und Ângulo morto (2021) hervorzuheben. Seine Poesie wurde in Portugal mit einigen der wichtigsten Lyrikpreise ausgezeichnet und wurde in verschiedene europäische Sprachen übersetzt, u.a. ins Deutsche: Glas und Die reglose Nacht (beide in Berlin: Aphaia). Persönliche Webseite: luisquintaisweb.wordpress.com

Orlando Grossegesse seit 1990 in Portugal, zuerst in Coimbra, dann in Braga, wo er seither an der Universität von Minho vor allem in den Bereichen (komparativer) Literatur-, Kultur- und Übersetzungswissenschaft lehrt und forscht. Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (1981–86). Zahlreiche Publikationen, vor allem zu Eça de Queirós, José Saramago und deutsch-portugiesische Beziehungen. Literarische Übersetzungen aus dem Spanischen (u.a. Enrique Vila-Matas) und Portugiesischen (u.a. Mário de Sá-Carneiro).

Einleitende Worte

Worum geht es in dieser Anthologie? Sie entspringt einer historischen Kontingenz – einem Zufall, der ganz unterschiedliche dichterische Stimmen aus verschiedenen Jahrhunderten hier versammelt. Die Zeitspanne ist weit – sie reicht von König Dinis im Spätmittelalter bis Fernando Assis Pacheco in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zur historischen Kontingenz, die Stimmen aus verschiedenen Epochen vereint, kommt diejenige der Auswahl – auch sie erfolgte zufällig. Doppelter Auftrag, zweifache Absicht: an erster Stelle geht es darum, Dichter zu versammeln, die in Coimbra geboren wurden oder dort lebten, und die – nicht immer gleich und mehr oder weniger deutlich – von der Stadt berührt wurden oder auch von der Landschaft, die die Stadt umgibt und prägt. Und an zweiter Stelle sollen dem Leser eine Reihe von Dichtern und Gedichten nahegebracht werden. Dabei sind die einen eher im Kanon portugiesischer Literatur vertreten als andere. Im Ergebnis spiegelt sich eine persönliche, subjektive Wahl, die mit einem einführenden und synthetischen Blickpunkt in Einklang gebracht werden mußte.

Zu Namen wie König Dinis und Sá de Miranda kommen jene, die besonders im 19. Jahrhundert das kollektive Gedächtnis prägten. Eine Erinnerung, die die Stadt von der Literatur bewahrt und die Literatur von der Stadt. Es ist die Rede von Dichtern wie Antero de Quental und Camilo Pessanha. Aber die lyrische Intensität der Landschaft, die die Stadt gewinnt, kann und muss auch an Dichtern wie Fernando Assis Pacheco gemessen werden – der vielleicht die bittersten Verse über Coimbra und seine Welten, die für ihn diejenigen der Kindheit und Jugend waren, geschrieben hat.

Die Beziehung zwischen Dichtung und Identität ist komplex, und hier besteht nicht die Absicht, diese Fragestellung zu vertiefen. In jedem Fall, ist es wichtig, ihre Komplexität hervorzuheben und daraus einige Schlüsse zu ziehen.

Hier geht es um die Identität der Dichtung, nicht um die Identität eines Volkes oder um den spirit of place, den eine Stadt oder ein Gebiet haben kann. Und die in dieser Anthologie vorgestellten Dichter sollten immer unter diesem Vorbehalt gelesen werden. Hierzu noch ein paar Bemerkungen.

Zu welchem Land, welchem Ort oder welcher Stadt gehört derjenige, der wie der Philosoph Wittgenstein nicht Bürger einer bestimmten Gemeinschaft ist?

Poesie schreiben bedeutet, den Sinn und den Klang der Welt in einem einzigen Wurf herauszufordern.

Das bedeutet nicht, sich einer originellen Erfahrung anzunähern, sondern schlicht die Möglichkeit eines Eingreifens.

Es geht darum, in dieses Spiel von Spannungen zwischen Klang und Sinn einzugreifen, allerdings dies zu tun ohne Vorwarnung, ohne Erlaubnis, auch ohne der Tradition Ehre zu erweisen, trotz der Rolle, die die Tradition spielt in allem, was wir tun, und trotz des unbändigen Strebens derjenigen, die sich vom blinden Fleck der Tradition davonstehlen möchten.

Was gibt es also mehr an Identität in den Gedichten als die tiefe Identität dieses Spiels von Klang und Sinn? Sehr wenig.

Aber in diesem Wenigen kann eine Welt liegen.

Es steht in der Macht der Poesie, eine Welt zu affirmieren. Und wann wird diese Affirmation entscheidend und bedeutender Bestandteil des poetischen Sprachspiels? Wenn diese Welt bedroht ist. Und auf die eine oder andere Art steht jede Poesie ständig unter Bedrohung. Eine Bedrohung, die existenziell ist, wenn man an den Sprachschwund und Sprachtod denkt, denen der Dichter unter Mobilisierung all seiner expressiven und formalen Mittel entgegenwirkt; Mittel, die ihm eigentlich verwehrt sind angesichts der Wucherei, die sich in den normalen Verknüpfungen und alltäglichen Deklinationen ausbreitet und die Spache abnutzt und verarmen lässt.

Nur schrankenlose Aufmerksamkeit und umfassende Reflexion wird die Sprache aus dieser Situation herausholen und vor dem Schlimmsten dieser Bedrohung bewahren können. Nur solch eine Aufmerksamkeit kann die Sprache erneut setzen, das heißt erneut erfinden, ihr Welten geben – im Grunde nichts anderes als Formen des lyrischen Eingreifens in das allgemeine Wortgewebe, sei es in phonetischer, syntaktischer oder semantischer Hinsicht. Es gibt keinen Ursprung, aber es gibt, wenn wir es wollen, eine Absicht, ein Nach- schöpfen, ein Vorwegnehmen. Es gibt keine Quelle, aber es geht stromabwärts, Richtung Zukunft und vielleicht zu einem erneuten Einmünden.

Jede identitäre Affirmation jenseits dieser Suche nach Antworten auf eine tatsächliche Bedrohung, gegen die Widerstand geleistet werden muß, ist aufgesetzt. All die Dichter, die als Schöpfer kollektiver Identitäten auftraten, sei es eines Volkes, eines Ortes oder einer Stadt, scheiterten in ihren Absichten und haben vielleicht den Drang und die Notwendigkeit derjenigen verraten, die ohne Alternative schreiben. Die Dichter, die hier versammelt sind, schrieben in diesem Sinne ohne Alternative.

Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne einen Seitenblick auf grundlegende Anthologien, die für das Gedächtnis portugiesischer Literatur und deren Landschaft prägend sind. Zugleich bin ich jedoch sehr skeptisch, was das Kollektive angeht, das Dichung hatte, hat oder haben wird. Zu erwähnen wären insbesondere Encantada Coimbra: Colectânea de Poesia Sobre Coimbra von Adosinda Providência Torgal und Madalena Torgal Ferreira (2003), Antologia Pessoal da Poesia Portuguesa von Eugénio de Andrade (1999) und Poemas Portugueses: Antologia da Poesia Portuguesa do Séc. XIII ao Séc. XXI, zusammengestellt von Jorge Reis-Sá und Rui Lage (2009).

Jede Erfahrung des Lesens ist – ebenso wie diejenige des Schreiben – die Reise in eine innere und äußere, in eine geistige Landschaft. Nur diese kann die Verknüpfung auslösen, die von der Sprache zur Welt führt und umgekehrt. Solch eine Reise läuft der Patrimonialisierung oder Territorialisierung entgegen, den hastigen Lektüren, die Dichtung einem Kollektiv unterordnen wollen.

Der Autor der hier vorgestellten Anthologie lädt den Leser zu einer ebenso persönlichen und individuellen Fahrt voller Entdeckungen und Überraschungen ein. Nun denn, Gute Reise!

Luís QuintaisNovember 2019

Anmerkung des Übersetzers

Die Übersetzung wurde von dem Gedanken eines vielfachen Kompromisses geleitet: zwischen begrifflicher Schärfe und Nachempfinden dichterischer Sprachen, beides gebunden an verschiedene historische Kommunikationssituationen, die andererseits dem aktuellen Leser nahegebracht werden sollten, auch mit all den Schwierigkeiten, die ein muttersprachlicher Leser heute mit diesen Texten hat. Dies betrifft die Frauenlieder von König Dinis ebenso wie Sá de Mirandas manieristische Sonette oder Fernando Assis Pachecos Gedichte, die sich aus der Erfahrung des Kolonialkriegs speisen.

Für klärende Gespräche und Lektürehinweise danke ich João Pacheco, Sérgio Guimarães de Sousa, Micaela Ramon, Daniel Tavares und Angelika Bierbaum.

Orlando Grossegesse

Dom Dinis

1261-1325

König Dinis I., erstgeborener Sohn von Alfons III. und Beatriz von Kastilien, trug wie seine Vorgänger seit Sancho I. den Doppeltitel Rei de Portugal e do Algarve. Unter seiner Herrschaft (1279 bis zu seinem Tode 1325) wurde die sogenannte Rückeroberung von den Mauren (Reconquista) abgeschlossen. Er heiratete 1282 Isabel von Aragon, die als heilige Königin (Rainha Santa) bis heute im kollektiven Gedächtnis der Portugiesen und besonders der Einwohner Coimbras ihren festen Platz hat. König Dinis ist eine Schlüsselfigur zum Verständnis von Portugals Entwicklung zum Nationalstaat. So wurde unter seiner Herrschaft der Vertrag von Alcanizes mit Kastilien abgeschlossen und das Portugiesische zur offiziellen Sprache des Hofes; ebenso wurde durch ihn die erste Universität Portugals eingerichtet, zuerst in Lissabon und dann in Coimbra. Nicht von ungefähr erhebt sich sein Denkmal am Ende des breiten Treppenaufgangs zum Universitätshügel. Er war wohl der erste alfabetisierte Monarch und gilt als eine der großen Dichterfiguren Portugals. Als Pionier der iberischen Trobadourlyrik kultivierte dieser dichtende König oder königliche Dichter (rei-poeta oder poeta-rei) gekonnt verschiedene Gattungen: Frauen-, Liebes- und Spottlieder. Ihm werden insgesamt 137 cantigas zugeschrieben, die für den Vortrag des Spielmanns am Hofe bestimmt waren. 51 davon sind cantigas de amigo, 72 cantigas de amor (nur von sieben ist die Melodie erhalten) und 10 cantigas de escárnio e maldizer. Daneben drei Pastorellen und eine literarische Satire. Hinzu kommt noch das apokryphe Lied Pero muito amo.

Cantiga de amigo

Amiga, muit’há gram sazom

que se foi daqui con el-rei

meu amigo, mais já cuidei

mil vezes no meu coraçom

que algur morreu com pesar,

pois nom tornou migo falar.

Por que tarda tam muito láe nunca me tornou veer,amiga, si veja prazer,mais de mil vezes cuidei já

que algur morreu com pesar,

pois nom tornou migo falar.

Amiga, o coraçom seuera de tornar ced’aquiu visse os meus olhos em mim,e por en mil vezes cuid’eu

que algur morreu con pesar,

pois nom tornou migo falar.

Frauenlied

Freundin, schon vor langer Zeit

ging mein Freund mit dem König

von dannen, doch ich dachte schon

tausend Male in meinem Herzen,

dass er irgendwo starb kummervoll,

denn er sprach nicht mehr mit mir.

Warum bleibt er so lange fort

und sah mich niemals wieder,

Freundin, wenn es ihm so gefalle,

mehr als tausend Male dachte ich schon,

dass er irgendwo starb kummervoll,

denn er sprach nicht mehr mit mir.

Freundin, sein Herz stand danach,

rasch hierher zurück zu kehren,

wo er sähe meine Augen mein,

und für tausend Male dachte ich,

dass er irgendwo starb kummervoll,

denn er sprach nicht mehr mit mir.

Cantiga de amigo

—Ai flores, ai flores do verde pino,

se sabedes novas do meu amigo?

Ai Deus, e u é?

Ai flores, ai flores do verde ramo,

se sabedes novas do meu amado?

Ai Deus, e u é?

Se sabedes novas do meu amigo,

aquel que mentiu do que pôs conmigo?

Ai Deus, e u é?

Se sabedes novas do meu amado,

aquel que mentiu do que mi há jurado?

Ai Deus, e u é?

— Vós me preguntades polo voss’amigo

e eu bem vos digo que é san’e vivo.

Ai Deus, e u é?

— Vós me preguntades polo voss’amado

e eu bem vos digo que é viv’e sano.

Ai Deus, e u é?

— E eu bem vos digo que é san’e vivo

e será vosco ant’o prazo saído.

Ai Deus, e u é?

— E eu bem vos digo que é viv’e sano

e será vosco ant’o prazo passado.

Ai Deus, e u é?