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Sommer 1963. Der siebenjährige Max Weiss wird nach dem Tod seines Vaters mit seinen beiden Brüdern Christian und Frieder in einem Waisenhaus am Rande des Schwarzwaldes untergebracht. In seinem neuen Zuhause trifft er auf ein unbarmherziges Schwesternregiment. Mit Hilfe seiner Zähigkeit und seiner Willenskraft und mit Unterstützung seiner Freunde und Verbündeten, erlebt er die beschwerlichen und aufregenden Zeiten des Heranwachsens in einem ganz speziellen Umfeld. Der Roman "Fünf Sommer" erzählt in fünf Sommern zwischen 1963 und 1972 von Kindheit und Erwachsenwerden vor dem Hintergrund der Beat-Generation und deren Musik. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, Zusammenhalt, von Unrecht, Missbrauch und Rebellion und vor allem von der Suche nach Wärme und Geborgenheit. Am Beispiel des Jungen Max und seiner Freunde in- und ausserhalb des Heims wird eine Generation beleuchtet, die für den Aufbruch in eine neue Zeit steht, für Frieden und Freiheit. Und für den unbedingten Willen, auf diesem Weg weiterzugehen.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Fünf Sommer
Jutta Lebert
Copyright:© 2012 Jutta Lebert
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-3730-6
Dies ist eine fiktive Geschichte, die Personen sind frei erfunden.
Dennoch bin ich durch ein in den 1970ziger Jahren tatsächlich existierendes Waisenhaus zu diesem Roman angeregt worden!
Ich habe mich der Stätte meiner Kindheit langsam angenähert.
Zunächst von weit weg, genaugenommen von oben, von einem Waldweg aus blicke ich ins Tal. Als ob sich an dieser Stelle der dichte Wald gelichtet hätte, um mir die Sicht auf den kleinen Ort dort unten freizugeben. Die Häuser schmiegen sich sanft an die Hügel, die rundum steil zulaufen. Inmitten des Ortes dominiert das alte, gelbgetünchte Kloster mit der angrenzenden Kirche die Szenerie, umgeben von einer alten Wallanlage, die auf der Kirchenseite als Friedhofsmauer beginnt, das Kloster grossräumig umschliesst und auf der anderen Seite an der Einfahrt mit dem grossen Torbogen endet. Bis heute habe ich nirgendwo eine Kirche wie diese gesehen, die Fassade vom selben Gelb wie das Kloster, der Kirchturm mit tiefschwarzen Schindeln, ein spitz zulaufender Giebel und eine goldene Turmuhr, auf die ich schon tausendfach geblickt habe. Am rechten Ende des Klosters, noch innerhalb der Mauern, stört das kleine Hausmeisterhäuschen wie ein plumpes Anhängsel die geometrische Schönheit des Komplexes. Unser Zuhause. Damals vor 40 Jahren.
Langsam steige ich den schmalen mäandernden Trampelpfad hinab, bis ich vor dem gelben Gebäude stehe, das mir jetzt viel kleiner erscheint, als in meinen Kindheitstagen.
Ich gehe durch den grossen Torbogen auf dem Sandweg entlang, vorbei am früheren Schweinestall, dessen Holzgerüst zu einem Carport umgewandelt wurde, auf unser altes Häuschen zu.
Personalhaus steht als grosse Überschrift auf dem weissen Schild direkt neben der Eingangstür. Erzieher und Zivildienstleistende kleiner darunter. Das Kloster ist also heute noch ein Kinderheim, denke ich. So wie früher, als ich in diesem Häuschen lebte und mein Vater der Hausmeister war.
Ich gehe weiter, vorbei am Fenster meines damaligen Zimmers mit den gelben selbstgehäkelten Vorhängen, den Postern von Che Guevara, Led Zeppelin und T. Rex und dem Klavier, das mein Vater verkaufte, als ich mich für ein paar Monate dem Klavierunterricht verweigert hatte.
Weiter vorbei an der alten Waschküche mit den verschlossenen Fensterläden, in der damals einige mit weissen Schürzen bekleidetete Frauen versuchten, die anfallende Wäsche zu bewältigen. Weiter in den Innenhof, dessen zwei Ebenen durch ein kleines Mäuerchen getrennt waren, auf der einen Seite der obere Hof, Spielplatz für die kleinen, auf der anderen der untere Hof mit den Spielgeräten für die grösseren Kinder und gleichzeitig Fussballplatz für die Jungen.
Meine Schwester Claudia und ich sassen oft auf der kleinen Mauer, dazwischen sozusagen, gehörten nirgendwo richtig dazu, entschieden manchmal, uns einer Gruppe anzuschliessen oder blieben sitzen und beobachteten nur.
Wo sich früher im Gemüsegarten Beet an Beet reihte, die Obstbäume ihre Früchte austrugen und eine bunte Blumenvielfalt die Gartenwege säumte, dominiert jetzt ein betonierter Tennisplatz die Szene, dessen rote Farbe teilweise abgeblättert oder abgerieben ist. Der Platz ist umgeben von einer ungepflegten Wiese. Ein Teil des alten Gartens wurde offensichtlich als Friedhofsgelände benötigt.
"Alles verwahrlost“, würde mein Vater sagen.
Sorgsam hat er sich damals um das Anwesen gekümmert. Jeder kleinste Makel wurde in Windeseile ausgebessert, die Flächen rund um das Gebäude waren sauber und ordentlich, die Hecken und der Rasen kurzgehalten und der Garten frei von Unkraut und Ungeziefer. Ich hatte ihn dafür verachtet, früher in meinen Teenagerjahren, und kann erst jetzt begreifen, dass diese Arbeit seine Lebensaufgabe gewesen war.
Könnte er heute die abblätternde Farbe der Fassade, das wild wuchernde Unkraut im Garten und seine zerfallende, mit Zweigen und Gestrüpp überwucherte, selbstgebaute Holzgarage sehen, er würde sich kopfschüttelnd abwenden, an seinen abgenutzten Körper denken und sich fragen, wo sein Arbeitsleben geblieben war. Ein halbes Leben verschluckt von diesem gelben Gebäude.
Der Zug würde bald ankommen. Die drei Jungen drückten sich auf der schmalen Sitzbank aneinander, als wären sie zusammengewachsen. Max, der Siebenjährige, der älteste der drei Brüder, schmeckte noch die Schokolade auf der Zunge, die sie heute morgen von Tante Biene bekommen hatten. Tante Biene, die sanfte, aber zielstrebige, jüngere Schwester ihrer Mutter hatte sie heute morgen aus dem heimischen Elternhaus abgeholt und so sassen sie nun gemeinsam in einem vollbesetzten Waggon des Regionalzuges Stuttgart-Basel und versuchten, sich aufrecht zu halten.
Max trug das Erbe des toten Vaters mit sich, die Verantwortung, die er ihm hinterlassen hatte. Für den fünfjährigen Christian und den kleinen, dreijährigen Frieder. Der strenge Vater, einfach von der Leiter gefallen, vor zwei Wochen, als ihn während seiner Arbeit an einem Starkstrommasten viele Tausend Volt durchschlugen.
Und er trug die Verzweiflung der Mutter, die seit diesen zwei Wochen nicht mehr gesprochen, sich nicht mehr gerührt hatte und die heute früh abgeholt worden war in eine Klinik, die sie die nächsten 30 Jahre nicht mehr verlassen sollte.
Der kleine Frieder schluchzte leise. Max spürte die feuchte, bebende Hand in seiner und drückte sie kurz, als wolle er etwas damit sagen, dass er für ihn da sei, vielleicht, oder dass er nicht alleine wäre. Von einem Kinderheim war heute früh die Rede gewesen.
"Ihr werdet staunen, es wird euch gefallen, jede Menge Schaukeln, Karussells im Garten und jede Menge Freunde!", erklärte Tante Biene knapp. Man würde sie wieder abholen, sobald die Dinge geklärt sind. Max fixierte sie ununterbrochen mit seinen grauen, ängstlichen Augen, notierte jede Veränderung ihrer Mimik, als hoffte er, ihr angespannter Ausdruck würde sich bald lösen, als gäbe es noch die Möglichkeit zur Umkehr.
So vertraut waren die Ausflüge, die sie mit Tante Biene regelmässig mit der Bahn unternommen hatten, in den Zoo nach Stuttgart oder auf die Schwäbische Alb zum Picknick, wo sie ausgelassen über die Wiesen getollt waren.
Diesmal war alles anders, als hätte sie ein unsichtbarer Wirbelsturm der Gemütlichkeit ihres Zuhauses entrissen und in diesem Zug wieder ausgespuckt, ohne Wärme, ohne Zukunft.
Max wünschte, der kleine Frieder würde endlich aufhören zu weinen. Er war Max sehr ähnlich. Er hatte nicht nur die gleichen blonden Locken, mit denen die Mutter so gerne spielte, an ihnen zog und zupfte und sie sich um die Finger wickelte, sondern auch seine weichen Gesichtszüge und sein stilles, unnahbares Wesen. Frieder hing wie eine Klette an seinem grossen Bruder, der es selten übers Herz brachte, ihn abzuschütteln.
Christian, der mittlere der Brüder war anders, dunkelhaarig, mit verbissenem Gesichtsausdruck und schmalen Lippen, das Abbild des Vaters. Obwohl er eher leise und ängstlich wirkte, verstand er es, seine Familie und besonders seine Geschwister zu dominieren. Er trotzte sämtlichen Widerständen und versuchte mit einer Diskussionsfreude, die für sein Alter ungewöhnlich war, seine Wünsche durchzusetzen. Ein Schlitzohr, wie ihn die Mutter nannte.
"Warum können wir nicht bei Dir wohnen? Wird Mutter uns besuchen? Wie lange müssen wir bleiben? Wann holst Du uns wieder ab?"
Er bombardierte Biene geradezu mit Fragen und sie hatte es aufgegeben zu antworten, da ihre Antworten den verzweifelten kleinen Jungen niemals beruhigen könnten.
"Schlüpft in eure Mäntel!" sagte sie leise. "Wir sind da!"
Das Waisenhaus in Freiburg – Herbertstal, ein ehemaliges Zisterzienserkloster, direkt neben der Ortskirche im Zentrum von Herbertstal gelegen, beherrschte den Stadtteil durch seine wuchtige Bauweise und seinen sonnengelben Anstrich und es schien als duckten sich die umliegenden Häuser vor der Dominanz des alten Klosters.
Das Gebäude bestand aus vier im rechten Winkel zueinander gelegenen, zusammenhängenden Gebäudeteilen, die den alten Kreuzgang beherbergten und die einen staubigen Innenhof umschlossen, der früher Klosterhof gewesen war.
Das schmiedeeiserne Tor zum Haupteingang war durch eine Eisenstange gesichert, die Fenster des Erdgeschosses vergittert. Ein weisses Emaille-Schild am Torpfosten trug in rostigen Buchstaben die Aufschrift "Aufnahme" und ein dicker Pfeil zeigte nach links zum Seiteneingang.
Es war Montag der 03.Juni 1963. Schwester Sibylle, die verantwortliche Ordensschwester der Jungengruppe vom Erdgeschoß, hatte gerade im Radio vom Tod des Papstes, Johannes Paul XXIII erfahren, als Frau Hawlizek, Mitarbeiterin der Aufnahme, den Tagesraum betrat, wo 30 Jungen zwischen sechs und sechzehn Jahren an fünf grossen Tischen verteilt schweigend ihre Mahlzeit einnahmen.
"Was gibt’s denn jetzt?" presste Schwester Sibylle, etwas ungehalten durch die Störung und mit halben Ohr bei den unerfreulichen Nachrichten im Radio, aus dem halb geschlossenen Mund. Ihre runden Backen waren mehr als üblich gerötet. Mit der weissen Schwesterntracht, die ihren schweren Busen eng umspannte und die unterhalb der Brüste durch eine Kordel strammgezogen wurde, schien es, als würde sie sich tiefe Atemzüge verbieten. Ihr flaches, hektisches Atemholen liess die überdimensionalen Flügel ihrer weissen Haube permanent auf und ab wippen.
"Der neue Junge, Max Weiss! Muss morgen um 8 Uhr zur Aufnahmeuntersuchung." entgegnete Frau Hawlizek knapp, die sich jede weitere Erklärung angesichts der sichtbaren Erregung der Schwester ersparte. Sie schob Max vor sich her, tiefer in den Raum hinein. Die Jungen blickten neugierig auf.
"Das ist deine Gruppe", erklärte sie ihm kurz, stellte den kleinen Koffer neben ihm ab und ging durch die Tür hinaus.
"Der heilige Vater ist tot. Wir beten für ihn." Schwester Sibylle beachtete Max nicht, der versuchte, den Blicken der Kinder auszuweichen. Weinen, das kam für ihn nicht in Frage, sein Blick war starr über die Köpfe der Kinder hinaus in den Garten gerichtet, auf den steinernen Springbrunnen, der eine endlose Wasserfontäne aus seiner Mitte spuckte.
"Alle aufstehen! Ein Vaterunser!", sagte die Schwester ungerührt. Die Kinder legten ihr Besteck beiseite, erhoben sich kauend und murmelnd von den Stühlen und leierten ihr Vaterunser herunter, als ob sie gar nicht anwesend wären. Dann fielen die Blicke wieder auf den Jungen.
Wie auf einem Bahnsteig wartend, den Koffer neben sich, blickte er unbeirrt aus dem Fenster. Die Trennung von seinen Brüdern traf ihn unvorbereitet und hatte ihn zutiefst erschüttert und je mehr er sich auf diesen Schmerz einliess und je verzweifelter er mit seinem Schicksal haderte, um so schneller sank sein Mut. In diesem Augenblick konnte er nur noch einen Schritt vor den anderen setzen und die Richtung war klar. "Jetzt bloss nicht weinen!"
Und er hielt seine Tränen zurück und versuchte, die Wut zu beherrschen, die plötzlich aufkochte und ihn zurück in den Raum katapultierte, er würde sich hier nicht kleinkriegen lassen, das war sicher.
Max liess jetzt den Blick über die Jungen schweifen und bemerkte, wie ähnlich sie alle gekleidet waren. Kurze, abgewetzte dunkel- oder hellgraue Lederhosen mit H-förmigen Trägern, buntkarierte Hemden. Alle Köpfe fast kahlrasiert, mit einem feinen Flaum bedeckt.
Schwester Sibylle forderte die Kinder auf, sich zu setzen und befahl Max, neben einem kleinen bebrillten Kerl in seinem Alter Platz zu nehmen, dessen rechtes Auge von einer beigen Augenklappe bedeckt war. Er legte den Kopf etwas schief, um Max von unten herauf mit seinem freien Auge zu fixieren. "Heiner, geh und hol deinem neuen Tischnachbarn ein Essen aus der Küche", befahl Schwester Sibylle barsch und der Kleine erhob sich in Eile und schwirrte hinaus.
"Und du Max, hältst dich an die Regeln!", sagte sie knapp, dann warf sie einen tadelnden Blick in die Runde und widmete sich wieder ihrer Mahlzeit, die längst kalt geworden war. Die Kinder wandten sich ihren Tellern zu und das Geräusch klappernden Bestecks erfüllte sogleich den Raum.
Heiner, zurück aus der Küche, stellte einen dampfenden Teller Kohlroulade mit Kartoffelbrei vor Max ab und beeilte sich, seinen Platz wieder einzunehmen. Max spürte die Blicke der Kinder, bemerkte, wie sie versuchten, zu ihm hinüber zu schielen, ohne die Aufmerksamkeit der Schwester zu erregen.
Er konnte nicht essen. Jeder Bissen brachte ihn zum Würgen, ein zäher Klumpen, der sich vom Magen aus nach oben geschoben hatte, verhinderte das Herunterschlucken der kleinen Rouladenstückchen, auf denen er herumkaute und die ihn schon auf dem Teller durch ihre gräuliche Farbe angeekelt hatten. Nach kurzer Zeit legte er die Gabel beiseite. Schwester Sibylle erhob sich von ihrem Stuhl. Trotz ihres schweren und trägen Körpers schien sie eine unglaubliche Leichtigkeit zu beflügeln, sie wehte ihm geradezu entgegen und deutete auf seine Kohlroulade: "Kannst du dir gleich merken, bei uns wird aufgegessen."
Fräulein Bechler, Lehrerin der zukünftigen Klasse 1 der Grundschule in Herbertstal, würde auch in diesem Jahr, wie üblich, die Eignungstests für die Anwärter der 1. Schulklasse durchführen. In ihrem Klassenzimmer drängten sich Schüler und Eltern aufgeregt an den kleinen Pulten, die Lehrerin führte sie streng durch das Geschehen und verteilte zuerst einmal die Rechenaufgaben. Die Kinder begannen, fiktive Tortenstücke zu verteilen und Äpfel zu zerlegen, während die Eltern angespannt beobachteten, ob ihre Sprösslinge diese Hürde nehmen würden.
Die siebenjährige Anja Schwab sass in einem buntgestreiften Sommerkleid an der Seite ihrer Mutter an einem der mittleren Pulte und beobachtete die Lehrerin, wie sie die Aufgaben einsammelte und sich die Namen notierte. Das Kinn leicht erhoben schaute Anja mit grünen Augen und skeptischem Blick unter ihrem etwas zu langen hellblonden Pony hervor, als wolle sie sich die Person genau einprägen, die sie die nächsten Jahre durch die Schule begleiten würde.
"Die meisten von Euch können zwar noch nicht schreiben, aber ihr dürft es heute versuchen", erklärte Fräulein Bechler, öffnete die seitlichen Flügel der Tafel und zeigte auf die Worte, die dort in grossen Buchstaben geschrieben standen. Für Anja sahen sie wie ein kleines Gemälde aus, mit wunderschönen Bögen, Kringeln und Kreisen.
"Willkommen in der Schule, steht hier an der Tafel und da wir in der ersten Klasse das Schreiben in ganzen Sätzen lernen werden, ist es heute eure Aufgabe, diesen Satz abzuschreiben!", erklärte Fräulein Bechler knapp.
Sofort konnte man hier und dort aufmunternde, aber auch einschüchternde Worte der Eltern vernehmen, während die Kinder sich auf die Kringel und Haken der einzelnen Buchstaben konzentrierten und begannen, sie in ihr Gedächtnis aufzusaugen, um sie dann auf das leere Blatt Papier zu übertragen, das vor ihnen lag.
Anjas Blick streifte weg von der Lehrerin, hinüber zu einer kleinen Gruppe von Jungen im hinteren Teil des Klassenzimmers. Mit ihren einheitlichen, braunen Stoffhosen und den weissen Hemden, den fast kahl rasierten Köpfen und den vor Aufregung glühenden Gesichtern war einer kaum vom anderen zu unterscheiden. Eine Ordensschwester mit riesiger, weisser Haube und schwarzer Tracht zischte permanent mit ihren schmalen, kaum geöffneten Lippen auf die Kinder ein.
Anja bemerkte, wie sich die Kinder unter ihren Worten duckten, so als wären sie Gegenstände, die durch die Luft flogen und denen man ausweichen musste, um nicht getroffen zu werden.
Einer der Jungen beachtete die Schwester nicht, blickte traumverloren aus dem Fenster, so als würde er seinen Satz am Himmel ablesen, von ein paar weichen Wolkenkringeln vielleicht, oder einer Flugzeugspur.
Anja beobachtete, wie die Schwester kurz innehielt, ein paar Schritte auf den unaufmerksamen Jungen zuging, sich hinter ihm aufbaute und ihn so um den Hals griff, als würde sie ihn liebkosen wollen. Von den anderen unbemerkt, grub sie ihre Fingernägel in seinen dünnen Nacken und während sie freundlich lächelnd über die heissen Köpfe der Übenden hinwegblickte, zog sie den erschreckten Jungen ein paar Zentimeter zur Seite. Ein kurzer, unterdrückter Schrei folgte und während sich der Junge den schmerzenden Nacken rieb, blieb sein Blick jedoch in die Ferne gerichtet, stolz, unbeugsam und tränenlos. Nur ein paar Sekunden dauerte die Szene, die Anja zum ersten Mal Einblick ermöglichte in die mitleidlose Kälte des gelben Gebäudes gegenüber ihrem Zuhause, das die uniformierten Kinder ausspuckte und wieder einsaugte, wie es ihm gefiel.
Trotz ihrer sieben Jahre fühlte Anja schon lange, dass sie anders war, als die anderen. Wie auf dem falschen Planeten zur Welt gekommen, spürte sie Dinge, die die meisten Menschen nicht wahrnahmen. Sie spürte, wie sich die Atmosphäre verändern konnte, wenn jemand den Raum betrat und sie fühlte Menschen leiden, so als ob sie selbst betroffen wäre. Oft wurde sie von Eindrücken bedrängt und überwältigt, die ihr eine Flut von Gefühlen bescherten, die sie nicht aufhalten konnte.
Ihre fünfjährige Schwester Claudia wurde meist wütend, wenn Anja wieder einmal das gemeinsame Spiel verweigerte, sich in die Ecke setzte und lieber stundenlang in ein Bilderbuch starrte, sich in den Details verlor, förmlich hineinkroch in die bunte Szenerie.
Auch die Eltern beobachteten besorgt, wie sich ihre grosse Tochter manchmal zurückzog. Unerreichbar und nur manchmal von der kleinen Melodie eines Kinderliedes aus ihrer Welt zu locken. Anja liebte es, zu singen. Mit ihrer hellen wohlklingenden Stimme sang sie die ein oder andere Melodie in unendlichen Wiederholungen. Sie spürte in ihren Körper, wenn sie sang, fühlte, wie das Lied ihn ausfüllte und zum Schwingen brachte, ein heilendes Mantra.
"Genug, mach mal Pause!" rief die Mutter manchmal aus der Küche, wenn Anja von Neuem anhob. Doch sie freute sich insgeheim, dass ihre verschlossene Tochter beim Singen von einer Fröhlichkeit umgeben war, die sie sonst an ihr vermisste.
Die ersten Mädchen und Jungen gaben das Blatt mit den schwungvoll gemalten Worten an die Lehrerin weiter und verliessen mit Vater oder Mutter den Raum. Vielleicht würden sie in wenigen Monaten zurück sein in der Welt der Buchstaben und Zahlen.
Auch die kleine Gruppe um die Ordensschwester hatte ihre Prüfung bereits beendet und Anja beobachtete, wie sie vorne an der Tafel vorbeizogen. Die Kinder legten im Vorbeigehen ihre Blätter auf das Pult, eines nach dem anderen. Der traurige Junge blickte kurz auf, als hätte er bemerkt, dass Anja ihn ansah und dann senkte er wieder verlegen den Kopf. Die Schwester wechselte im Hinausgehen ein paar Worte mit der Lehrerin und marschierte fast im Gleichschritt mit ihren uniformierten Jungen zur Türe hinaus.
Anjas Mutter begann, sich Sorgen zu machen. Die meisten Kinder hatten ihre Prüfung beendet und ihr Blatt abgegeben, nur vereinzelt sassen die Übrigen kritzelnd an ihren Pulten, schnaufend über der schweren Aufgabe. Anja hatte noch nicht einmal begonnen.
Würde sie schon an der ersten Hürde scheitern? Noch immer sahen die Tiere, die sie malte, wie Lokomotiven aus. Würde sie die Wörter an der Tafel auch zu unlesbaren Gebilden formen oder würde sie es gar nicht einmal versuchen?
"Was ist los mit Dir?", fragte sie leise und dann hob Anja den Stift und ihr Willkommen in der Schule fügte sich Buchstabe für Buchstabe in schwungvollen und fliessenden Bewegungen zu einem Ganzen, zu einer Einladung in einen neuen Lebensabschnitt.
Die vier Kindergruppen im Waisenhaus Herbertstal waren nach den jeweiligen Stockwerken benannt, in denen sie sich befanden. Im Dritten Stock wohnten die Säuglinge und Kleinkinder mit ihren Betreuerinnen, im zweiten Stock die Gruppe der Mädchen und Jungen im Kindergartenalter und die Mädchengruppe, die einen separaten Trakt des zweiten Stockwerkes bewohnte.
Die Erdgeschossgruppe mit ihren 30 Jungen war in zwei Flügeln des ehemaligen Klosterkreuzgangs untergebracht und wurde von Schwester Sibylle und der sogenannten Tante Christa betreut, einer kleinen, unscheinbaren Gestalt im grauem Kleid mit weisser, gestärkter Schürze, deren einzige Auffälligkeit die geröteten Wangen auf der blassen Gesichtshaut waren.
Die Nahtstelle der beiden Seitenflügel bildete das Zentrum des ganzen Gebäudes. Zwei Türen, die für die Kinder des Heimes tabu waren, die eine führte zum Speisesaal der Schwestern, dem sogenannten Refektorium, die Zweite ins Sekretariat und zum dahinterliegenden Büro der Oberin. Hier wurden die Fäden gezogen und hier erhielt das strenge Schwesternregiment von Sr. Ehrengard, der Oberin, seine Instruktionen.
In diesen ehrwürdigen Räumen, deren Betreten den Kindern strengstens untersagt war, gingen die wichtigsten Persönlichkeiten des Ordens der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul und der Gemeinde Herbertstal ein und aus. Der ehrwürdige Herr Superior, Oberhaupt des Ordens, der Katholische Priester von Herbertstal, der Direktor der Stiftung, die das Heim finanzierte und die strenge Kinderärztin Frau Dr.Bank, die zweimal pro Woche in der "Aufnahme" Sprechstunde hielt.
So manche milde Gabe, die eigentlich für die Kinder gedacht war, wurde hier an die Honoratioren weitergegeben.
Ging man den rechten Flügel entlang, konnte man nacheinander in die beiden Tagesräume blicken, die der Gruppe als Aufenthalts– und Essensräume dienten. Der lange, mit Holzdielen bedeckte und auf Hochglanz gebrachte Flur endete vor der Küche, in der zwei Köche und mehrere Küchenhilfen mit der täglichen Zubereitung der Gerichte beschäftigt waren.
Eine davon, die alte "Kartoffel-Anna“ war das Ausstellungsstück der Küche und schälte seit über sechzig Jahren die Kartoffeln. Sie ticke nicht mehr richtig, behaupteten die Kinder. Die meisten "Neuen" wurden in die Küche geführt, um Anna zu bestaunen, die nach all den Jahren schon einer alten Kartoffel glich, schrumpelig, mit Gewächsen auf Nase und Kinn. Mit dem Kopftuch, dem langen Rock und der Schürze sah sie aus, als wäre sie einem Märchenbuch entsprungen.
Ging man nun den linken Flügel entlang, erreichte man die beiden gelbgefliesten Baderäume mit den Duschreihen und den Toiletten. Danach folgten die drei Schlafräume. Der Vordere, der Hintere und der Kleine für die Bettnässer.
Dieser Flur endete abrupt an einer weiss getünchten Mauer, in deren Mitte sich eine schwere, mit sakralen Ornamenten verzierte Messingtür befand, die Verbindungstür zur Katholischen Kirche von Herbertstal.
Jeden Sonntag zogen die Waisenkinder von Herbertstal durch diese Türe in die Kirche ein. Wenn alle Kirchgänger Platz genommen hatten, kurz bevor der Gottesdienst anfing und der Pfarrer mit seinen Ministranten den Altarraum betrat, waren die Blicke aller Kirchenbesucher auf das Schauspiel der eintretenden Waisen gerichtet. Begleitet von ihren geflügelten Erzieherinnen marschierten sie in Zweierreihen in die Kirche ein und reihten sich in den ersten Bänken auf, wie die Perlen an einer Schnur. Einzig als Füllmaterial für die Kirche zu gebrauchen waren sie die letzten Glieder der Kette, unnütze Anhängsel in gestopften Hosen, verachtet und ungeliebt.
Seine erste Nacht im Waisenhaus Herbertstal war Max in vielen Träumen wiederbegegnet. Der schielende Heiner durfte ihn am Nachmittag durch die Räume des Erdgeschosses führen. Mit seinen dünnen Gliedmassen, der spitzen Nase und den abstehenden Ohren erinnerte der Achtjährige an einen Kobold. Blickte man auf seinen Mund, meinte man, ihn grinsen zu sehen, während sein unbedecktes Auge ängstlich und bekümmert dreinblickte. Während er Max die Baderäume zeigte, erzählte er flüsternd von den Schlägen, die er regelmässig von Schwester Sibylle erhielt, von kalten Duschen und anderen Strafaktionen und davon, dass ihn die anderen Jungs nicht mochten, weil er schielte und nicht gerne Fussball spielte.
"Und meine Mutter will mich auch nicht mehr bei sich haben!" sagte er traurig und senkte den Kopf. "Irgendwann sind zwei Leute gekommen und haben mich zuhause abgeholt und meine Mutter stand daneben und hat einfach nur zugesehen!"
"Und Dein Vater?", fragte Max.
"Ich habe keinen Vater!", sagte Heiner.
"Jeder Mensch hat einen Vater!", sagte Max und Heiner schielte verwundert unter seiner Augenklappe hervor. "Meine Mutter jedenfalls, hat mich jetzt vergessen!" beeilte er sich zu sagen. Der Junge schluckte und versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Max suchte nach tröstenden Worten: "Eltern vergessen einen niemals, das hat die Natur so gemacht, das geht gar nicht anders, hat meine Mutter mir erzählt!"
"Doch das geht, bei meiner Mutter geht das. Schwester Sibylle sagt das immer wieder. Meine Mutter hat mich vergessen!" Er war sich seiner Sache sicher.
Max ahnte in diesem Augenblick, dass ihn niemand mehr aus diesem Waisenhaus herausholen würde und der grausame Schmerz über den toten Vater überfiel ihn erneut, wie schon so oft in den letzten Tagen.
Er war erleichtert, als Heiner ihn in den Flur zurückschob, weg von ihren traurigen Gedanken und ihn schnell und unsanft weiterdrängte, zurück in den Tagesraum, wo die ungeduldige Schwester mit dem Abendessen auf sie wartete.
Max und Heiner, die Zuspätgekommenen, mussten das Tischgebet alleine sprechen, während die anderen Jungs die beiden neugierig zwischen ihren gefalteten Händen hindurch beäugten. Beim Essen rückten die beiden Jungen etwas näher zusammen, bis sich ihre kleinen verlorenen Körper berühren konnten.
Nach dem Abendessen reichte ihm Schwester Sibylle verschiedene Kleidungsstücke, die sie einem riesigen Schrank im langen Flur gegenüber den Schlafsälen entnommen hatte. "Lederhose, Hemd, Unterwäsche, Socken, Bettwäsche und ein Schlafhemd" zählte sie ihm vor und klatschte ihm die Sachen in die ausgestreckten Arme. "Du brauchst hier keine eigene Kleidung. Deinen Koffer werden wir für dich aufbewahren." Vollbepackt folgte er ihr in einen riesigen Schlafraum, wo ihm die Schwester eines der zwanzig Eisenbetten zuwies, die auf beiden Seiten der kahlen Wände aufgereiht waren. Max legte die Wäsche auf seiner Matratze ab und blickte sich um.
Zuhause war sein Bett eine kleine Höhle gewesen. Als er noch sehr klein war, spielte er oft den kleinen Maulwurf, der sich unter der Erde versteckte und die Mutter tat so, als suche sie das ganze Kinderzimmer nach ihm ab, bis sie ihn schließlich juchzend unter seiner Bettdecke hervorzog. Wie konnte er sich jemals an die kalte, unfreundliche Atmosphäre dieses Raumes mit den vergitterten Fenstern gewöhnen und an diesen schrecklichen Geruch aus getrockneter Pisse und Arznei.
Jetzt lag er da, blickte mit schmerzenden Augen in die Dunkelheit, hörte die atmenden Geräusche der Kinder um sich und konnte Stunde um Stunde nicht einschlafen. Immer wieder wurde er durch das verzweifelte Bellen eines Hundes aufgeschreckt, der in unmittelbarer Nähe des Gebäudes unruhig in seiner Hütte auf und ab sprang.
Und immer wieder blieb sein Blick an dem schwarzen Fenstergitter hängen, das sich vom stumpfen Grau der nächtlichen Umgebung abhob, schwarze, geschwungene Stäbe, wie tanzende Schlangen, die sich zwischen ihn und die Freiheit drängten.
Um sich zu beruhigen, versuchte er, sich den kleinen Vorgarten vor seinem Elternhaus vorzustellen, die Einzelheiten zu erinnern. Die Brombeerhecke an der kleinen Mauer, die Birke, deren Stamm schon weit unten dreigeteilt war und die dadurch so sehr in die Breite wuchs, dass sie die Hälfte des Gartens überschattete. Das Beet im hinteren Teil des Gemüsegartens, in dessen Erde sein Hund Karli begraben lag und wohin er sich gerne zurückzog, um mit Karli in einen stummen Dialog zu treten. Er erinnerte sich an den Geruch des Grases, wenn er auf dem Rücken liegend das Blinzelspiel spielte, wobei er seine Augen starr geöffnet hielt, um sein Blinzeln zu unterdrücken und nur blinzeln durfte, wenn ein Vogel sein Blickfeld durchkreuzt hatte.
Immer wieder wurde er durch das leise Traumgemurmel eines schlafenden Kindes oder durch die Bewegung eines anderen in die Dunkelheit des Schlafsaales zurückgeholt.
"Würde er Christian und Frieder wiedersehen? War er von nun an völlig auf sich alleine gestellt, schutzlos, ohne tröstende Worte oder eine liebevolle Berührung?"
In dieser Nacht durchschritt Max eine Tür, die sich hinter ihm schloss und die er nie mehr würde öffnen können und er betrat einen unbekannten Raum, dunkel und leer, den er neu gestalten musste, ihn beleuchten, mit Möbeln versehen und mit Farben bemalen, mit blossen Händen und ohne Handwerkszeug. Und es würde dauern, bis er einziehen konnte.
Anjas Vater, Berthold Schwab, der Hausmeister im Waisenhaus Herbertstal, war die Seele des Gebäudes, der Gärten und Stallungen, ein stiller und bescheidener Charakter, selbst ein Waisenkind gewesen und aufgewachsen im gleichen Gebäude, in dem er jetzt tagein, tagaus nach dem Rechten sah. Er war beliebt bei den Schwestern, sie suchten gerne seine Unterstützung und auffallend oft seine Nähe, denn er war das einzige erwachsene männliche Wesen im ganzen Haus.
Für die grösseren Jungen bot er eine der seltenen Möglichkeiten, der strengen Alltagsstruktur des Heimes zu entfliehen. Sie durften ihm im Garten beim Umstechen, in der Werkstatt beim Hobeln und Schreinern oder beim Ausmisten des Hühner- und des Schweinestalls behilflich sein.
Anja liebte es, ihn vom Fenster der Hausmeisterwohnung aus zu beobachten, wie er im blauen Arbeitskittel seine Runden drehte.
Die Wohnung befand sich im zweiten Stock des Personalwohnhauses, man hatte einen guten Überblick über die gesamte Anlage und Anja suchte, sobald sie von der Schule nach Hause kam, das Gelände nach dem blauen Arbeitskittel ab. Dieser Augenblick vermittelte ihr ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit und sie war nicht vollständig, wenn sie ihren Vater dort nirgends entdecken konnte.
Anjas Mutter, Margarete Schwab, war Säuglingskrankenschwester, eine Tätigkeit, die ihr auf den Leib geschneidert war. Auf den ersten Blick wirkte sie zart und zerbrechlich und ihre geschmeidigen Bewegungen liessen den Umgang mit ihren Säuglingen leicht und spielerisch erscheinen, ihre Zähigkeit und Durchsetzungskraft jedoch, gab der Familie eine Richtung vor, die Berthold und die beiden Mädchen nicht immer verstehen konnten, Margarete aber meist an ihr gewünschtes Ziel brachten.
Von ihren dunklen, glänzenden Augen ging eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus, meist lag ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen und ihr schönes, ausdrucksvolles Gesicht strahlte eine Freude und Leichtigkeit aus, die ansteckend war.
Sie arbeitete gerne in der Erde und liebte es, die Blumen im grossen Heimgarten zu pflegen. Unter ihren Händen gediehen die Pflanzen prächtig und ab und zu erwischte Anja ihre Mutter, wie sie mit Löwenmäulchen oder Rittersporn sprach. Blumen könnten Geschichten erzählen, behauptete sie, und nur wenige Menschen würden ihre Sprache verstehen. Sie lachte, wenn Anja verzweifelt versuchte, diese Stimmen zu hören und tröstete sie damit, dass man ein bisschen Geduld haben müsste und man die Blumensprache nicht mit den Ohren hören könnte, sondern mit dem Herzen.
Die riesige Gartenanlage versorgte die Heimbewohner mit Gemüse und Früchten aller Art. Berthold hatte vom Frühjahr an alle Hände voll zu tun, den Garten in Schuss zu halten und auf die Tage vorzubereiten, an denen geerntet werden konnte. An manchen Sommertagen waren viele Hände nötig, um die reifen Früchte zu pflücken und die Waisenjungen wurden verstärkt zur Arbeit im Garten herangezogen.
An einem dieser Tage entdeckte Anja den kleinen, gedemütigten Heimjungen unter den Bohnenpflanzen wieder, die sich an langen Stangen emporwanden und weit über ihn hinausragten.
Sie beobachtete, wie er sich auf dem Boden niederliess, eine Hand voll Erde aufnahm und begann, die Brösel von einer Hand in die andere rieseln zu lassen. Er genoss es sichtlich, im Schutz des
grünen Blätterdachs unbeobachtet seinen Gedanken nachzugehen.
Anja schlich sich leise näher und Max erschrak, als sie so plötzlich vor ihm stand.
"Was machst Du hier?" fragte sie neugierig. Max liess die Erde aus seinen Händen gleiten, setzte sich aufrecht und blickte Anja herausfordernd an, als hätte sie hier nichts zu suchen.
"Was machst Du hier?" wiederholte er Anjas Frage.
"Ich spiele!" entgegnete Anja.
"Hier darf man nicht spielen!" erwiderte Max trocken.
"Ich darf hier spielen, ich wohne nicht im Heim!"
"Und wo wohnst Du?", fragte Max weiter.
"In der Hausmeisterwohnung nebenan und meine Eltern arbeiten hier im Garten. Und wo sind Deine?"
Anja wusste, dass sie zu weit gegangen war, doch es reizte sie, diesen stolzen, trotzigen Jungen ein wenig zu ärgern.
Max war rot geworden und sagte jetzt frech: "Das geht Dich gar nichts an!"
Anja liess sich nicht so schnell abspeisen. "Du bist doch der Neue aus der Erdgeschossgruppe und bist mit den kleinen Jungs vor kurzem hier gelandet!"
"Christian....Frieder!" Plötzlich war Max aufgestanden und auf sie zugetreten. "Hast du sie gesehen? Weisst du, wo sie sind?", fragte er aufgeregt.
"Ja, klar weiss ich das!" antwortete Anja. "Sie sind in der Krankenstation. Komm mit, ich bring Dich hin!" Anja streckte ihm die Hände entgegen, doch Max tat, als hätte er es nicht bemerkt.
Berthold schüttelte stumm den Kopf, als die beiden Kinder zuerst über die Beete hüpften und dann gemeinsam auf dem breiten Gartenpfad zum Gebäude zurückrannten, über die Treppe zum oberen Hof, vorbei an den vergitterten Fenstern im Erdgeschoss, bis sie vor der Tür zur Aufnahme standen, hinter der sich Max, Christian und Frieder an jenem unheilvollen Tag ihrer Ankunft verzweifelt von Tante Biene verabschieden mussten und einen Tag später von der unfreundlichen Ärztin mit dem freundlichen Lächeln untersucht wurden und die sie freigegeben hatte für dieses neue Leben.
"Hinter der Aufnahme liegen die Krankenzimmer!", flüsterte ihm Anja aufmunternd zu.
"Und hier wohne ich!" Sie zeigte auf das graue, schmuddelige kleine Häuschen gegenüber, doch Max starrte unbeweglich in die Richtung der Eingangstür, hinter der er seine Brüder vermutete.
Er hörte nicht, wie sich Anja leise verabschiedete, wie sie an ihrer Wohnungtür klingelte und nach dem Summen des Türöffners im Haus verschwand.
Die Tür liess sich leicht und ohne Geräusche öffnen. Max trat lautlos ein und befand sich in dem engen, länglichen Flur, den er schon kannte. Aus dem Arztzimmer links vor ihm waren klappernde Geräusche zu hören und während er vorbeischlich, bemerkte er, dass in der oberen Hälfte der Tür eine Milchglasscheibe eingelassen war, durch die er aus den Augenwinkeln den Umriss der Ärztin erkannt hatte, die sich an einer kleinen Gestalt auf der Liege zu schaffen machte.
Um nicht entdeckt zu werden, duckte sich er schnell und schlich gebückt mit vorsichtig geschmeidigen Tritten unter der Scheibe hinweg.
Die nächste Tür zum Büro von Frau Hawlizek war geschlossen. Max atmete auf und ging weiter. Er schob die Schwingtür am Ende des Flures vorsichtig auf, schlich sich hindurch und zuckte zusammen, als sich die Türflügel mit einem schabenden Geräusch hinter ihm schlossen.
Ein weiterer, schmaler Flur lag vor ihm, gleich dem vorherigen, zwei Türen auf der linken Seite, beide geschlossen, nur die Milchglasscheibe in der ersten Tür war gegen eine einfache Glasscheibe ausgetauscht worden, das sah er sofort.
Sein Herz klopfte laut, als er auf die Scheibe zuging und in einen trostlosen Raum blickte, in dem vor vergitterten Fenstern und kahlen Wänden mehrere Betten standen. Ein grosses Holzkreuz war zwischen den beiden Fenstern aufgehängt und es schien, als würde es einen Schatten auf die verzweifelten Gestalten werfen, die dort in ihren Betten lagen. Max Blick wanderte von einem zum nächsten. Manche der Kinder schliefen, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Andere wiederum sassen mit bleichen Gesichtern und wässrigen Augen aufrecht im Bett und stierten unbeteiligt gegen die kahlen Wände.
Er entdeckte Christian in einem weiten Nachthemd mit nackten, herunterhängenden Beinen auf einer Bettkante sitzen. Sein Oberkörper war weit nach vorne gebeugt, er hustete unentwegt und wand sich in Krämpfen.
Minutenlang beobachtete Max seinen Bruder, das Gesicht gegen die Scheibe gepresst, die Hand an der Klinke, die Zehen in den ausgetretenen Schuhen festgekrallt, der erste freundliche Augenblick seit Tagen voller Angst, Demütigung und Einsamkeit und obwohl er sehen konnte, wie Christian verzweifelt um Atem rang, genoss er diesen wertvollen Moment, denn er ahnte, dass er von kurzer Dauer war.
Dann drückte Max die Klinke hinunter und schlich in den Krankensaal. Der Hustenanfall brach jäh ab, als Christian ihn erblickte und er starrte Max mit rot umränderten Augen an, als wäre er ein Geist. Seit Tagen hatte er nur gehustet. Tag und Nacht. Die Keuchhustenanfälle hatten zugenommen und inzwischen quälte sich sein Atem schmerzhaft und heiss durch die Bronchien, die sich bei jedem Anfall zusammenzogen und ihm die bläuliche Gesichtsfarbe verliehen, die Max so erschreckte.
Christians verzweifelter Blick stellte die Frage, bevor seine Lippen sie aussprachen: "Max, können wir wieder nach Hause gehn?"
Max schüttelte kaum merklich den Kopf und blickte mitleidig und verwirrt auf den entstellten Bruder und mit Christians schwindender Hoffnung verstärkte sich sein Husten.
"Was ist los mit Dir? Wo ist Frieder?" Christian drehte seinen Kopf nach links und deutete in Richtung der Bettgestelle im hinteren Teil des Krankensaales. "Da hinten!" prustete er und versuchte, einen neuen Anfall zu unterdrücken.
"Ich möchte nach Hause!" stammelte er, jedes Wort von einem Keuchen begleitet und rutschte von der Bettkante. Er ging auf Max zu, nahm seine Hand und versuchte, ihn zur Tür zu zerren.
In diesem Augenblick wurde sie heftig aufgestossen und Schwester Sibylle stand im Türrahmen, wie eine Statue, die Hände auf die breiten Hüften gelegt, mit eingezogenem Hals, weil ihre ausladende Haube kaum durch den Türstock passte. Ihr wilder, wütender Blick streifte Christian und blieb dann an Max hängen.
"Hier bist Du also!" Einige lange Sekunden fixierte sie ihn unbeweglich, dann stürmte sie auf die beiden zu. Erregt riss sie die Jungen auseinander, die sich nicht loslassen wollten und sich mit Kräften wehrten, als hätten sie etwas gegen die zornige Schwester auszurichten. Dann schubste sie Christian auf sein Bett zurück, schnappte sich ein Ohr von Max und zerrte ihn daran zur Tür.
Während Christian zwischen Husten und Weinen verzweifelt versuchte, Luft zu holen, hörte Max vom anderen Ende der Bettreihe einen kleinen Jungen schreien. Immer wieder rief Frieder seinen Namen. "Maaaax...!"
Er konnte ihn noch hören, als die Tür zum Krankenzimmer längst zugefallen war. Schwester Sibylle zerrte ihn hinaus, über die Treppe zum unteren Hof, zurück in die Erdgeschossgruppe und weiter in das Badezimmer, wo sie ihn nackt auszog, kopfüber zwischen ihre Beine steckte und so lange auf ihn einprügelte, bis der Druck von ihr abgefallen war.
Das Leben hinter den Klostermauern war ihr Schicksal, liess sie unbeachtet und ungeliebt zurück, wie die Kinder, die sie betreute. Mit jedem Schlag, den sie austeilte, spürte sie ihren Atem freier fliessen und die Anspannung weichen, die sie nachts nicht schlafen liess. Die Gerechtigkeit war zurück, Schwester Sibylle war wieder lebendig.
Seine Brüder wiederzusehen, hatte auch in Max neue Energien entfacht. Allein der Gedanke daran, sich der Macht dieser Schwester zu widersetzen, erfüllte ihn mit frischer Kraft, die ihn mit seinen sieben Jahren zu einem würdigen Gegner machte.
Die blauen Flecken heilten rasch und Max schlich, so oft er sich unbeobachtet von der Gruppe entfernen konnte, in die Krankenstation, um seine beiden Brüder zu sehen. Manchmal beobachtete er sie einfach nur durch die Scheibe, wie sie hustend um Luft rangen, in den Hustenpausen erschöpft an der Wand lehnten oder teilnahmslos in die Luft starrten. Und manchmal, wenn sie ihn an der Scheibe entdeckten, schlich er zu ihnen in den Krankensaal, wo sie die Köpfe zusammensteckten, sich gegenseitig Mut machten und sich schworen, einander beizustehen, was auch immer geschehen würde.
