Fünf Tage und ein halbes Leben - Mara Torres - E-Book
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Fünf Tage und ein halbes Leben E-Book

Mara Torres

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Beschreibung

"Ich weiß genau, wonach ich suche. Ich suche sie seit zwanzig Jahren, sie heißt Claudia, und gestern Nachmittag um sieben nach vier hat sie mich angerufen. Das war vor vierundzwanzig Stunden." Miguel kann sein Glück kaum fassen, denn Claudia ist seine Traumfrau. Seit er sie kennengelernt hat, sind zwei Jahrzehnte vergangen - und kein Tag, an dem er nicht an sie gedacht hat. Doch in all den Jahren haben die beiden nie zusammengefunden. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine zweite Chance für die Liebe?

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungZitateEinleitungMIGUEL UND CLAUDIAI – Miguels zwanzigster GeburtstagMIGUEL UND CLAUDIAII – Miguels fünfundzwanzigster GeburtstagMIGUEL UND CLAUDIAIII – Miguels dreißigster GeburtstagMIGUEL UND CLAUDIAIV – Miguels fünfunddreißigster GeburtstagMIGUEL UND CLAUDIAV – Miguels vierzigster GeburtstagMIGUEL UND CLAUDIA

Über dieses Buch

»Ich weiß genau, wonach ich suche. Ich suche sie seit zwanzig Jahren, sie heißt Claudia, und gestern Nachmittag um sieben nach vier hat sie mich angerufen. Das war vor vierundzwanzig Stunden.« Miguel kann sein Glück kaum fassen, denn Claudia ist seine Traumfrau. Seit er sie kennengelernt hat, sind zwei Jahrzehnte vergangen – und kein Tag, an dem er nicht an sie gedacht hat. Doch in all den Jahren haben die beiden nie zusammengefunden. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine zweite Chance für die Liebe?

Über die Autorin

Mara Torres, geboren 1974 in Madrid, ist Journalistin, Moderatorin und Autorin. Sie hat Journalismus und Literaturwissenschaften studiert und danach für verschiedene Radio- und Fernsehsender gearbeitet. Außerdem hat sie zwei Sachbücher und zwei Romane veröffentlicht. Für ihre journalistische Arbeit wurde Mara Torres mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Ihr Gesicht dürfte jedem Spanier bekannt sein, denn seit 2006 ist sie Chefmoderatorin der Nachrichtensendung La 2 Noticias, dem spanischen Pendant zum heute-journal.

Aus dem Spanischen von Brit Düker

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

© Mara Torres, 2017

© Editorial Planeta, S. A., 2017,

Av. Diagonal, 662-664, 08034 Barcelona

Titel der spanischen Originalausgabe: »Los días felices«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ann-Catherine Geuder, Lübeck

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

Unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: windesign | isaxar

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7233-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Meiner Schwester Aly

Aunque solo sea una esperanza,porque el deseo es una pregunta cuyarespuesta nadie sabe.

Luis Cernuda, La realidad y el deseo

WINNIE: Oh, this is a happy day!This will have been another happy day!(Pause.) After all.(Pause.) So far.

Samuel Beckett, Happy Days

Gefühlsmäßig bin ich ein hoffnungsloser Fall. Früher oder später langweilt mich alles. Meine Mutter erzählt, beim Trinken an der linken Brust hätte ich die rechte nicht aus den Augen gelassen und schon angefangen zu weinen, noch bevor die Brust leer war, weil ich an die andere wollte. Ich hatte mich noch nicht satt getrunken und griff schon nach der nächsten.

Dieser Makel, immer das zu wollen, was ich nicht habe, hat meine Beziehung zur Welt geprägt, und besonders meine Beziehung zu Frauen. Allerdings muss ich einräumen, dass mich das nicht davon abhält, das Leben zu genießen. Im Gegenteil: Aus Angst, alles könnte nur von kurzer Dauer sein, stürze ich mich in jedes Abenteuer, als hinge mein Leben davon ab, kopfüber und ohne mich vergewissert zu haben, ob überhaupt Wasser im Schwimmbecken ist. Wenn ich auf die Schnauze falle, heule ich, drehe durch, bekomme Angstzustände und ziehe ernsthaft in Betracht, mich umzubringen. Wenn ich es dann leid bin, mache ich mich wieder auf den Weg, auf die Suche nach etwas, das ich selbst nicht genau kenne.

Halt, jetzt lüge ich.

Ich weiß genau, wonach ich suche. Ich suche sie seit zwanzig Jahren, sie heißt Claudia, und gestern Nachmittag um sieben nach vier hat sie mich angerufen. Das war vor vierundzwanzig Stunden.

Wie sagt Leopoldo immer: Um die Lebensgeschichte eines Menschen zu erzählen, genügt ein einziger Tag.

MIGUEL UND CLAUDIA

Als das Handy klingelte und Claudia mit ihrer tiefen, dunklen Stimme fragte, ob er mit ihr etwas trinken gehen wolle, sprang Miguel vom Sofa, hastete die fünf Stockwerke seiner Dachwohnung hinunter und rannte zu dem vereinbarten Café. Bevor er hineinging, atmete er tief durch, warf einen prüfenden Blick auf sein Spiegelbild in der Tür und fuhr sich durchs Haar. Ach, egal. Er trat ein.

»Hallo!«

Claudia, die mit dem Rücken zu ihm saß, drehte sich um, stand auf und gab ihm zwei Küsschen. Ein Zittern überfiel ihn, als er ihren Duft einatmete. Da war er wieder, ihr Duft.

»Ist das lange her!«

»Ewig.«

»Wie geht’s dir?«

»Gut.«

»Und dir?«

»Gut.«

Sie schwiegen. Mir geht’s gut, dir geht’s gut. Und jetzt?

»Was möchtest du trinken?«

»Ein Bier.«

Miguel ging zur Theke und wartete darauf, bedient zu werden. Sie trank also immer noch Bier. Es hätte ja sein können, dass sie ihre Gewohnheiten geändert hatte und inzwischen lieber Wein oder Gin Tonic trank, einen Kaffee, Tee oder gar einen Kakao bestellte wie eine seiner Bekannten, die in Bars immer Milchshakes trank. Aber nein, sie war beim Bier geblieben, wie er. Er überlegte, worüber sie gleich reden könnten, suchte nach einem Thema, das nicht in ein, zwei Minuten erschöpft wäre, aber ihm fiel nichts ein. Er war wie blockiert. Wenn sie sich für morgen verabredet oder erst in ein paar Tagen getroffen hätten, hätte er Zeit gehabt, sich zu sammeln und auf das Treffen vorzubereiten, aber Claudia hatte ihm die Pistole auf die Brust gesetzt: »Hast du Lust auf einen Kaffee?«

Hast du jetzt Lust auf einen Kaffee, nicht morgen oder übermorgen oder in einer Woche, sondern jetzt. Und er war aus dem Haus gerannt, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, als sie zu treffen. Er vergewisserte sich, dass er in der Eile nicht seinen Schlafanzug angelassen hatte. Puh, zum Glück nicht. Er sah unauffällig zum Tisch hinüber. Claudia spielte mit einer Papierserviette, faltete sie, und Miguel wurde warm ums Herz. Sie war immer noch die hübscheste Frau, die er je gesehen hatte.

»Du siehst toll aus«, sagte er, als er die Bierflaschen auf den Tisch stellte.

»Ernsthaft?«, antwortete sie mit einem Lachen.

»Quatsch! Ernste Gespräche waren doch noch nie unsere Stärke.«

Er mochte ihr Lachen. Die Lücke zwischen den Schneidezähnen verlieh ihr einen kindlichen Charme, der einem fast den Verstand raubte. Miguel musste daran denken, wie er sich in seiner Vorstellung schon unzählige Male durch den winzigen Spalt zwischen ihren Zähnen gequetscht hatte, in ihren Mund geschlüpft und durch ihren Hals in sie hineingerutscht war, fest überzeugt, dort den Rest seines Lebens verbringen zu können. »Hey, Claudia«, würde er dann zu ihr sagen und sie leicht in die Rippen boxen, »trink nicht so schnell, ich ertrinke gleich.« Oder: »Grübel nicht so viel, mir wird schon ganz schwindelig.« Oder: »Der neue Typ da schmeckt mir nicht, sag ihm, er soll abhauen.«

»Ich mag dein Lachen.«

»Ich lache schon lange nicht mehr so wie früher, Miguel. Zum Glück habe ich dich angerufen, und jetzt bist du da und gibst mir das Gefühl, dass noch nicht alles vorbei ist. Danke.«

Sie sagte das so dahin, als ob sie sagen würde: »Zum Glück ist morgen Sonntag. Danke.« Während er ihr zuhörte, löste Miguel das Etikett von der Bierflasche; ganz vorsichtig zog er an den Ecken, damit es nicht einriss.

»Du fragst dich sicher, warum ich dich angerufen habe, aber ich glaube, ich weiß es selbst nicht so genau. Gestern war ich den ganzen Tag traurig, und dann ist mir wieder eingefallen, wie ich dich auf der Party, auf der wir uns kennengelernt haben, tanzen sah. Erinnerst du dich noch an den Tag und die Party damals?«

Und ob er sich an den Tag erinnerte. Das war der Tag, an dem sie sich zum ersten Mal mit Küsschen begrüßt hatten. Und natürlich erinnerte er sich an die Party. Wie hätte er die vergessen können?

»Na klar. Mein zwanzigster Geburtstag.«

»Der zwanzigste? Wie das Leben manchmal rast.« Claudia strich die Serviette glatt, die sie eben zusammengefaltet hatte. »Ja, ich hab gestern den ganzen Abend an damals gedacht, hab kaum geschlafen, und als ich heute Morgen aufgewacht bin, da musste ich dich einfach anrufen. Und jetzt sitzt du hier« – sie sah ihn mit einem angedeuteten Lächeln an –, »und ich weiß nicht genau, worüber ich reden soll.«

»Warum warst du gestern traurig?«

»Vielleicht das Wetter. Der Frühling macht mich immer melancholisch.«

Er wusste, dass das nicht stimmte.

»Miguel, was soll ich dir sagen?«

»Du musst gar nichts sagen.«

I

Miguels zwanzigster Geburtstag

Erschrocken schlug er die Augen auf. Hey, was war das? In der Wohnung unter ihm spielte jemand auf Kastagnetten, um diese Zeit. Er lauschte angestrengt, woher die Musik genau kam, und schob sich dabei immer weiter über die Bettkante, bis er mit dem Kopf auf dem Boden aufkam. Hm. Er knipste die Nachttischlampe an, schob die Decke beiseite und beugte sich noch einmal aus dem Bett. Dann stellte er fest, dass das Geräusch, das ihn aufgeweckt hatte, nicht aus der Nachbarwohnung, sondern von den Pfosten des Bettgestells kam, die leicht auf dem lackierten Parkett klapperten. Das fehlte gerade noch. Ein Erdbeben. Miguel sah auf die Uhr: Viertel nach fünf. Er stand auf und sah an dem wackelnden Kleiderhaufen auf dem Stuhl, dass es sich tatsächlich um ein Erdbeben handeln musste. Er setzte seine Brille auf und ging in den Flur.

Zu seiner Verwunderung war noch niemand auf. Sein Bruder, gut, der schlief wie ein Murmeltier, sein Vater auch – aber seine Mutter?

Das Erdbeben wurde stärker, der Boden wackelte jetzt so sehr, dass der Kristallleuchter im Wohnzimmer klirrte und Miguel sich an der Wand festhalten musste. Und seine Familie bekam nichts davon mit. Er schaffte es gerade so bis zum Elternschlafzimmer, öffnete die Tür und sah, dass das Bett benutzt, aber leer war. Eine starke Erschütterung brachte ihn zu Fall, doch es gelang ihm, auf allen vieren zum Zimmer seines Bruders zu kriechen. Als er hineinblickte, stellte er fest, dass die Bettdecke zusammengeknäult auf dem Teppichboden lag, als habe Diego fluchtartig das Bett verlassen. Sind die denn bescheuert? Hauen einfach ab und lassen mich hier?

Er kroch durch den Flur und floh aus der Wohnung, rannte am Aufzug vorbei die Treppe hinunter und hinaus in den Garten. Der Rasen lag verlassen im Licht der Straßenlaternen da, keine Menschenseele war auf der Straße, und es war eiskalt. Wo zum Teufel sind die nur alle? Miguel ging zum Hauseingang zurück und läutete bei Pecu Sturm. Nichts. Er drückte seine Handfläche auf alle anderen Klingeln – wieder nichts. Er war umgeben von leeren Wohnungen und wusste nicht mehr weiter. Ein tiefes Gefühl der Verlassenheit ergriff ihn. Ja, er hatte Angst, na und?

Er holte tief Luft, um so laut er konnte um Hilfe zu schreien, doch seine Kehle brachte keinen Laut hervor. Er warf sich auf den Boden und trat wild um sich, bis er durch sein Gebrüll hindurch endlich das Brummen eines Rettungshubschraubers hörte. Danke, Gott. Gott oder wer auch immer.

Er streckte seinen Rettern die Arme entgegen, aber bevor der Hubschrauber zur Landung ansetzen konnte, stürzten ringsum die Gebäude ein, der Boden unter ihm riss auf, und Miguel spürte, wie das Gewicht seines Körpers langsam ins Leere fiel.

»Miguel, wach auf! Schon zwanzig nach acht.«

Zwanzig nach acht? Oh nein! Mit einem Satz war er aus dem Bett und im Bad, seifte sich unter der heißen Dusche ein, drehte dann das kalte Wasser voll auf und zählte bis sechzig, damit das eisige Wasser auch die letzten Überreste des Schlafs aus seinen Zellen vertrieb. Ausgerechnet heute musste er verschlafen!

Miguel trocknete sich mit dem Bademantel ab, der über dem Heizkörper hing, und schob ihn dann mit den Füßen über den Boden, der nass geworden war, weil er den Duschvorhang nicht richtig geschlossen hatte. Zurück in seinem Zimmer, zog er Jeans und ein Sweatshirt seines Bruders über, steckte ein paar Unterlagen in die Tasche und holte dann den Schlüssel aus der Küche, um sich schleunigst auf den Weg zu machen.

»Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz! Komm her, ich will dir einen Kuss geben! Zwanzig Jahre, ist das zu fassen!«

»Schon gut Mama, bitte hör auf.«

»Hier, trink deinen Kaffee, er ist ganz frisch.«

»Keine Zeit. Hat Pecu schon geklingelt?«

»Ja, vor fünf Minuten, er wartet unten. Ich hab ihm nicht gesagt, er soll hochkommen, weil ihr ja spät dran seid. Ist heute nicht der letzte Prüfungstag?«

Warum bekam sie nur immer alles mit? Er hätte schwören können, dass er kein Wort darüber verloren hatte. Die letzte Prüfung hätte heute oder nächste Woche oder nie sein können. Aber mit Fragen wie Ist heute nicht der letzte Prüfungstag? zog ihm seine Mutter sein ganzes Leben aus der Nase.

»Der wurde auf nach Weihnachten verschoben.«

»Wie gut. Kommt ihr zum Essen nach Hause?«

»Nein.«

»Sag Pecu, dass ich Hackbällchen in Tomatensoße gemacht habe.«

»Hör auf, Mama! Wir gehen zu Mateo, du brauchst kein Essen zu kochen.«

»Aber wenn ich es doch schon fertig habe. Hast du Geld?«

»Nein. Gib mir was.«

»Wieso frage ich überhaupt, du hast ja sowieso nie welches. Ich frage mich wirklich, was du mit deinem Taschengeld anstellst.«

»Irgendwas halt.«

Magda nahm das Portemonnaie aus der Küchenschublade, zog einen Schein heraus und gab ihn Miguel.

»Mann, Mama, mit fünfhundert komm ich doch nicht weit.«

»Was heißt hier, ›Mann‹? Und was heißt, du kommst damit nicht weit? Soll ich dir sagen, wie weit ich mit fünfhundert Peseten komme?«

»Ja doch, aber heute ist mein Geburtstag.«

»Ja, und deshalb hab ich dir die Jeans geschenkt, die du da anhast.«

»Aber Pecu bekommt von seinem Vater freitags tausend.«

»Ist mir egal, was Pecus Vater macht. Wenn es fürs Essen bei Mateo nicht reicht, kommst du einfach nach Hause, Essen ist ja da.«

Miguel steckte den Schein in die Jackentasche, während seine Mutter ihm den Reißverschluss mit einem »Nicht dass du dich erkältest« bis unters Kinn zog, trat aus der Wohnungstür und öffnete den Reißverschluss wieder. Als er im Fahrstuhl nach unten fuhr, fiel ihm das Erdbeben wieder ein. Im Spiegel sah er, wie er rot anlief bei der Erinnerung an die Angst, die er mutterseelenallein zwischen den vielen Häusern verspürt hatte. Egal. War ja nur ein Albtraum.

»Alles klar, Mann?«

»Alles klar.«

»Glückwunsch.« Pecu deutete eine Umarmung an.

»Danke.«

»Hast du verschlafen, oder was?«

»Nein.«

»Na dann.«

Natürlich wusste Pecu, dass er verschlafen hatte, ausgerechnet an dem Morgen, an dem sie sich für das Turnierfinale seines geliebten Mus-Kartenspiels verabredet hatten. Aber dass er nicht weiter nachfragte, war eine der Eigenschaften, die Miguel an seinem Freund schätzte. Sie stiegen in den Bus und setzten sich in die hinterste Reihe.

»Ich hab von einem Erdbeben geträumt.«

»Gruselig.«

»Allerdings. Ich schlafe in meinem Zimmer und merke auf einmal, dass alle Gebäude wackeln, und keiner wacht auf! Stell dir das mal vor, alle außer dir schlafen tief und fest, obwohl eine Riesenkatastrophe im Anmarsch ist. Und dann stehe ich auf und muss euch alle rausholen, erst meine Eltern und meinen Bruder, dann renne ich zu dir und deinem Vater und nehme dabei noch die anderen Leute aus der Siedlung mit. Und am Schluss, ich weiß nicht wie, sitze ich in einem Hubschrauber und rette euch, gerade in dem Moment, als die Wohnblocks einstürzen.«

»Aha.«

»Und wenn ich nicht gewesen wäre, wärt ihr alle gestorben.«

»Ein echter Albtraum, oder?«

»Ach, Quatsch! Ist ja gut ausgegangen.«

Er musste schließlich nicht alles erzählen.

»Na dann«, sagte Pecu. »Spielt ja keine Rolle, ohne uns können die eh nicht mit dem Spiel anfangen.«

»Stimmt.«

Miguel schwieg. Pecu war sein bester Freund. Er wusste alles über Miguel, ohne dass dieser etwas erklären musste, und umgekehrt. Miguel lehnte sich ans Fenster und schaute hinaus, während der Bus durch die begrünten Alleen Cambrias in Richtung Innenstadt fuhr.

Der Bus hielt genau vor der hölzernen Eingangstür von Mateos Kneipe. Schon beim Hineingehen stieg Miguel der Geruch von Kaffee und frisch geröstetem Brot in die Nase, und er verspürte schlagartig einen Mordshunger.

»Na, was nehmt ihr? Ihr werdet schon erwartet.«

»Für mich einen Kaffee mit Churros und für ihn einen Saft und eine Schokoecke«, bestellte Pecu.

»Setzt euch hin, ich bringe es gleich.«

Es war gemütlich in der Kneipe. Mateo organisierte einmal im Quartal ein Mus-Turnier und ließ die jungen Leute so lange bleiben, wie sie wollten, auch wenn sie sich nur ein Bier, einen Kaffee oder gar nichts leisten konnten. Auch Claudia kam freitags oft hierher. Für einen Moment setzte Miguels Herzschlag aus, aber jetzt war nicht der passende Moment, um an sie zu denken.

»Packt die Kohle hier rein, wir fangen an.«

Mateo stellte ein Einmachglas auf den Tisch, und jeder Spieler warf zwanzig Fünf-Peseten-Stücke hinein. Miguel betrachtete das Glas. Wenn sie gewannen, bekämen sie den ganzen Einsatz, wenn nicht, müssten sie noch mal hundert Peseten blechen und mit ansehen, wie ihre Konkurrenten, die beiden Wahnsinnigen aus dem achten Semester, den Sieg und das ganze Geld einheimsten.

»Los, teilt endlich aus«, verlangte einer der Umstehenden. »Wir machen euch fertig.«

Miguel spürte, dass seine Stirn schweißnass wurde, atmete dreimal tief durch und konzentrierte sich dann auf das Spiel. Er studierte sorgfältig seine Karten, zählte sie im Kopf zusammen und achtete bei seinen Gegenspielern auf Geheimzeichen. Pecu musste er nur atmen hören, um Bescheid zu wissen. Die aus dem achten Semester waren Idioten, und einer von ihnen furzte ständig, wahrscheinlich weil er Bohnen zu Abend gegessen hatte, aber Miguel und Pecu waren so in das Spiel vertieft, dass sie nichts so leicht ablenken konnte. Sie hatten schon so viele Partien gespielt, dass sie, wenn sie am Tor zum Himmel – oder wo auch immer – gefragt werden würden: »Was habt ihr aus eurem Leben gemacht?«, guten Gewissens antworten könnten: »Mus gespielt.«

Die Geschichte des Fegefeuers kam Miguel in den Sinn – wie so oft war er mit seinen Gedanken ganz woanders –, als er in der letzten Runde mit dem Austeilen dran war und drei Könige und ein Ass bekam. Er sah die Könige in ihren Samtumhängen neben dem Kreuzass verzückt an und hatte das Gefühl, das schönste Blatt der Welt in der Hand zu halten. »Glück im Spiel, Pech in der Liebe«, hatte Mateo am Anfang der Partie gewitzelt. Blöde Sprichwörter, können einem das ganze Leben versauen.

»Órdago – ich geh aufs Ganze«, murmelte Pecu, ohne sich zu rühren.

»Wie soll denn das gehen, wo du hundertpro nichts hast?«, knurrte einer der Studenten aus dem achten Semester.

»Mein Kumpel hilft mir.«

Als Miguel die Karten auf den Tisch legte, brach sein Freund in Jubelschreie aus.

»Ja, ja, ja, ja, ja! Ich liebe dich, du Scheißkerl!«

Pecu drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und leerte das Glas mit den Münzen über ihm aus, während die ganze Bar einstimmte: »Miguelón, Miguelón, Miguelón!«

Miguel spürte, wie Hunderte, Tausende, ja Millionen silberner Münzen über seine Schultern prasselten. Münzen und sogar Scheine! Konfetti und Luftschlangen wirbelten durch den Raum, während Mateo gleich zwei Flaschen Champagner – nein, drei! – entkorkte. Eine Band mit Pauken und Trompeten kam herein, um dem Sieger zu gratulieren, während der Typ aus dem achten Semester seinen Hintern anhob und Furzgeräusche nachahmte. »Miguelón, Miguelón, Miguelón!« Er hatte zwar niemanden vor dem Erdbeben retten können, aber was machte das noch? Der Vormittag hatte eine viel bessere Überraschung für ihn bereitgehalten: Miguel Martín, Mus-Champion!

»Was kann ich dir bringen, Claudia?«

Claudia! Das magische Wort riss ihn aus seiner Fantasiewelt. Statt Champagner öffnete Mateo an der Bar ein paar Bierflaschen, die Musik kam aus der kleinen Stereoanlage auf der Fensterbank, und die Leute waren mit sich selbst beschäftigt. Unbemerkt ging Miguel unter dem Tisch in Deckung, als müsse er sich, wieder in der Realität angekommen, vor etwas schützen.

Claudia. Claudia, die ihre Freitage bei Mateo verbrachte.

Aus seinem Versteck beobachtete er die Lederstiefel mit den Absätzen, die verwaschene Jeans und den langen Strickpulli, den er noch nie gesehen hatte. Bestimmt war er neu. Er hätte gerne zugesehen, wie sie den Pulli im Laden in der Umkleidekabine anprobierte und dabei vor dem Spiegel posierte, bestimmt in Jeans und einem Spitzen-BH, dessen Bordüre die Brustwarzen streifte. Wow!

»Hey Champion, was soll das? Komm hoch!«, rief Pecu. »Was nimmst du, ein kleines oder großes Bier?«

»Ein großes!«

Als er aus seinem Schlupfwinkel auftauchte, saß Claudia neben Pecu. Sie hatte ihr langes Haar im Nacken mit einem Bleistift festgesteckt, und er stellte sich vor, wie sie ihrem Professor in der Vorlesung – Arithmetik oder Makroökonomie – zuhörte, während sie ihr Haar mit dem blauen Bleistift bändigte. Er hätte viel dafür gegeben, mit dem verfluchten Kommilitonen, der im Hörsaal direkt hinter ihr saß, zu tauschen. Er hätte dafür getötet.

»Also, ich stelle euch mal vor: Miguel, Claudia. Claudia, Miguel.«

»Hallo, Miguel.«

Sie hatte eine tiefe Stimme. Wow!

»Hallo, Claudia.«

Sie gaben sich zwei Begrüßungsküsschen, und im Bruchteil einer Sekunde realisierte er die Bedeutung dieses Ereignisses für sein Leben: Das erste Mal, dass wir uns ein Küsschen geben. Gut.

»Ihr kennt euch noch nicht, oder?«, fragte Pecu.

»Nein«, antwortete Claudia. »Studierst du hier? Ich hab dich noch nie gesehen.«

»Ja. Das heißt nein, ich meine doch, ich studiere hier, zusammen mit ihm, aber ich kannte dich auch noch nicht.«

Was hieß hier, er kannte sie nicht? Er hatte sie am 5. September zum ersten Mal gesehen, an einem Dienstagvormittag um Viertel nach zwölf. Er war gerade dabei gewesen, die Vorlesungen für das neue Semester zu studieren, als sich ein Mädchen neben ihn stellte und mit einem vierfarbigen Kugelschreiber in Windeseile etwas in ein Heft mit kariertem Papier schrieb. Sie trug blaue Riemchensandalen, Jeans-Minirock, weiße Bluse und Lederarmbänder an den Handgelenken. Ihre Haut war gebräunt und ihr Haar lang und gewellt; und als er etwas näher trat und einatmete, überflutete ihn ein wunderbarer Geruch, der keinem Parfüm und keinem anderen Duft, den er kannte, glich. Als sie fertig geschrieben hatte, klappte sie das Heft zu, und er sah, dass auf der Vorderseite in der oberen Ecke mit Filzstift Claudia geschrieben stand. Sie steckte das Heft ein, drehte sich um und ging den Gang entlang zum Ausgang, den Rucksack über der linken Schulter. Miguel starrte ihr hinterher. In diesem Moment, die Uhr des Sekretariats zeigte Viertel nach zwölf, überfiel ihn ein Schwindelgefühl, und er musste sich hinsetzen, um zu begreifen, was gerade geschehen war. Ohne ein einziges Wort hatte das Mädchen dafür gesorgt, dass jede einzelne Zelle in seinem Körper verrücktspielte. Es war wie eine Krankheit. Sie hatte ihn mit einer verdammten Krankheit angesteckt.

Das neue Semester fing erst einen knappen Monat später an, aber in den folgenden Wochen musste Miguel ständig an Claudia denken. Wie sollte er sich auf sein Studium konzentrieren, wenn sie ihm jeden Tag über den Weg laufen konnte? Er hegte die Hoffnung, dass sie gar nicht an der Uni eingeschrieben war, dass sie zum Sekretariat gegangen war, um für einen Bruder, Cousin, eine Freundin oder sonst wen das Kursangebot abzuschreiben.

Aber als das Semester losging, begriff Miguel, dass Claudia ihren eigenen Stundenplan aufgeschrieben hatte. Wenn er sie im Gang traf oder in der Kantine sah, beschleunigte sich sein Herzschlag dermaßen, dass es in seinen Schläfen pulsierte. Er wusste, in welchem Raum sie gerade Vorlesung hatte, er kannte ihre Freunde und Kommilitonen. Er wusste, welche Professoren sie unterrichteten, und er hatte am Schwarzen Brett die Noten ihrer ersten Prüfungen gesehen. Er wusste, dass sie verfroren war, denn als es Winter wurde, trug sie Handschuhe, Mütze und einen Wollschal, den sie sich zweimal um den Hals schlang. Er wusste, dass sie rauchte, dass sie ihr Bier direkt aus der Flasche trank, dass sie wie alle anderen auch freitagmittags in Mateos Kneipe ging. Die Frage war nicht, ob Miguel Claudia kannte, die Frage lautete: Welchen Teil von Claudia kannte Miguel noch nicht?

Ab zwei Uhr mittags fiel eine Horde Studenten in die Kneipe ein. Auf dem Tisch türmten sich Jacken und Rucksäcke zu einem großen Haufen, und alles drängte sich an den Tresen, um dem Wirt zu winken und ein Sandwich mit Schinken oder Patatas bravas zu bestellen. Die Gruppen waren gemischt: Studenten aus dem achten Semester standen mit denen aus dem sechsten zusammen – denn Mariano Bosque war mit der ein Jahr jüngeren Rocío Piamonte zusammen; Leute aus dem zweiten Jahr standen bei welchen aus dem ersten – weil einer der Sanjurjo-Zwillinge aufgrund einer Meningitis das Jahr wiederholen musste; die aus dem einen Kurs standen mit denen aus dem Parallelkurs zusammen, um über die Studienabschlussfahrt zu sprechen; Studenten, die gerade eine Prüfung gemacht hatten, unterhielten sich mit denen, die sie vor einer Woche hinter sich gebracht hatten; diejenigen, die Lottoscheine für die Weihnachtslotterie verkauften, mit denen, die Karten für eine Silvesterparty anboten. Alles wurde freitags bei Mateo verhandelt. Nach den Seminaren wurde die Kneipe von jungen Leuten geradezu überschwemmt, sodass die Gläser und Teller um die Wette klirrten, während im Fernseher die Mittagsnachrichten liefen.

»Mariana«, rief Mateo seiner Frau zu, »zwei Sandwichs mit Omelett, einmal Käse-Schinken, einmal mit Schnitzel und einmal gemischt!«

Sobald Mariana eine Bestellung fertig hatte, stieß sie die Schwingtür auf und stellte die Teller auf den Tresen. Der intensive Geruch nach Frittiertem strömte aus der Küche und vermischte sich mit dem Tabakgeruch im Schankraum. Es war Freitag, und die Ferien standen vor der Tür, was wollten sie mehr?

»Und ihr?«, rief Mateo und übertönte den Lärm der Studenten. »Was bekommt ihr?«

»Für mich ein Sandwich mit Tomate und Schinken und eine Portion Pommes. Und für dich?« Pecu drehte sich zu Miguel um.

Miguel sah Claudia an. »Möchtest du etwas?«

»Ja!«, Claudia wandte sich an Pecu. »Ein Sandwich mit Thunfisch und Paprika und ein kleines Bier.«

»Miguel, was willst du?«, wiederholte Pecu. »Sag endlich!«

»Ich auch eins mit Thunfisch und Paprika.«

»Thunfisch und Paprika? Du magst doch keine Paprika.«

»Doch, ab jetzt schon.«

Er hatte keine Lust, zu erklären, dass er von nun an alles mögen würde, was Claudia mochte.

»Aber gestern hast du doch stundenlang die Paprikastückchen herausgepult, die die Filipina in die Tortilla getan hatte.«

»Schon, aber gestern war gestern, und heute ist heute.«

»Okay«, seufzte Pecu resigniert, »ich geh an die Theke und bestell dir eins mit Rind, das hast du immer gemocht.«

»Von mir aus.«

Als sie allein am Tisch saßen, blinzelte Claudia mit ihren langen kupferfarbenen Wimpern und wandte sich zum ersten Mal Miguel zu, um ein Gespräch zu beginnen:

»Dein Freund kümmert sich um dich, was?«

Die Frage kam so überraschend, dass Miguel nicht antwortete. Ja, Pecu kümmerte sich um ihn. Sie konnte ja nicht wissen, wie sehr. Er holte Zigaretten und Feuerzeug heraus, bot Claudia eine an und gab ihr zuerst Feuer. Dann nahm er einen tiefen Zug und sah schweigend zu Pecu hinüber, der mit ein paar Leuten quatschte, während er auf die Bestellung wartete. Miguel strich instinktiv über die Innenseite seines Handgelenks.

»Siehst du das?«, fragte er Claudia und zeigte ihr eine Narbe. »Die habe ich ihm zu verdanken.«

Sie sah die Narbe verwundert an. Er wartete, bis das Rauchgebilde verschwand, das er mit der Zigarette in die Luft gezeichnet hatte.

»Wir waren mit vier Kumpels in einem Waldgebiet im Norden campen, wie jeden Sommer. Beim Abendessenmachen hab ich eine Dose geöffnet und mich geschnitten. Wir hatten den ganzen Nachmittag getrunken, aber Pecu wurde sofort wieder klar im Kopf, ich weiß nicht, wie. Er lief los und holte den Erste-Hilfe-Kasten, den er in seinem Rucksack hatte – sein Vater hatte darauf bestanden, dass er vor der Abfahrt einen Erste-Hilfe-Kurs belegte. Ich war so voll, dass ich nicht mal merkte, wie tief der Schnitt ging. Aber als das Blut nur so heraussprudelte, hat Pecu mir zur Desinfektion eine ganze Flasche Gin über die Wunde gekippt und mich genäht, als wäre er Chirurg.«

Es hatte geblutet, das schon, wenn auch nicht gesprudelt, und Pecu hatte ihn genäht, das auch, aber nicht so. Na und?

»Wirklich?«

»Wirklich. Der Arzt im Dorf hat später gesagt, dass mein Freund mir das Leben gerettet hat. Also, wenn du fragst, ob er sich um mich kümmert – an diesem Handgelenk siehst du die Antwort.«

Er hatte den Eindruck, das mit der Antwort am Handgelenk war ihm gut gelungen, fast schon poetisch. Unauffällig versuchte er, Claudias Reaktion zu beobachten, aber sie sah zu Pecu hinüber, der mit einem Teller Sandwichs zurückkam.

»Hier – eure Sandwichs, die Biere kommen gleich«, sagte er und setzte sich. »Worüber habt ihr gesprochen?«

»Nichts Besonderes.«

Eine halbe Stunde später unterhielten sie sich über Gott und die Welt, als würden sie sich schon ewig kennen. Miguel fühlte sich so wohl, dass er zeitweise vergaß, dass er seiner Traumfrau gegenübersaß, und seine Angst und das Bedürfnis, sich zu verstecken, waren verschwunden. Denn Claudia war nicht nur unglaublich hübsch, sondern auch sehr unterhaltsam und hatte etwas an sich – diese natürliche Art, die sie an den Tag legte, diese Gelassenheit, dieses Das Leben ist das Leben, nichts weiter –, das dazu führte, dass man an ihrer Seite ruhig wurde.

»Letzten Endes ist das Leben das Leben, nichts weiter«, hatte Claudia in irgendeinem Zusammenhang gesagt. Ihr Lachen war ansteckend, ihre Gesten hatten etwas Unverfälschtes, und ebenso natürlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Wenn andere etwas erzählten, verengten sich ihre Augen, und sie hörte interessiert zu, während sie über ihr Ohrläppchen strich. Manchmal biss sie sich auf die Unterlippe. Sie trank Bier aus der Flasche, rauchte eine nach der anderen und scheute sich nicht, die Pommes ins Ketchup zu tunken. Sie besuchte Konzerte und ging ins Kino. Sie las. Sie interessierte sich für Politik, ließ sich nicht blenden und verteidigte ihre Meinung energisch. Miguel kam zu dem Schluss, dass sie recht hatte: Ja, das Leben war letzten Endes das Leben, nichts weiter, und weil es so war, würde er dieser Frau für immer verfallen sein.

»Ah, du hast also einen Freund …«, hörte er Pecu sagen.

Miguel verschluckte sich. Er war so damit beschäftigt gewesen, ihr Lachen, ihre Hände, ihre Lippen und jedes bekloppte Detail an ihr zu studieren, dass er das Wichtigste der Unterhaltung nicht mitbekommen hatte. Mist!

»Ja, aber er ist dauernd mit seiner Band auf Tournee.«

Das Schlimmste, was einem im Leben passieren konnte, war, sich in ein Mädchen zu verlieben, dessen Freund Musiker war.

»Und was für Musik macht er?«

»Reggae.«

Das Zweitschlimmste, was einem im Leben passieren konnte, war, dass der Freund des Mädchens, in das man sich verliebt hatte, in einer Reggae-Band spielte.

»Reggae?«, sagte Pecu. »Okay, wenn er mal hier spielt, gehen wir alle zusammen aufs Konzert.«

Klar, Mann, aufs Konzert. Sich beliebt machen ist eine Sache, auf das Konzert des Möchtegern-Bob-Marley-Freunds deiner Angebeteten zu gehen eine andere. Allein die Vorstellung, den Rastafari auf der Bühne zu sehen und zu beobachten, wie Claudia seine Lieder mitsang, versetzte Miguel einen Stich mitten ins Herz. Eifersucht. Das fing ja gut an.

»Heute Abend machen wir zum Geburtstag von dem da eine Party bei mir zu Hause«, sagte Pecu. »Vielleicht haben du und deine Freundinnen ja Lust, zu kommen?«

»Du hast Geburtstag?«, fragte Claudia und drehte sich zu Miguel.

»Ja.«

»Herzlichen Glückwunsch! Wie alt wirst du?«

»Zwanzig.«

»Wir wollten heute auf das Konzert von einem Kumpel gehen, aber vielleicht können wir ja später noch vorbeikommen. Habt ihr eine Telefonnummer, damit ich euch Bescheid sagen kann?«, fragte sie.

»Miguelón, gib ihr deine, bei dir ist immer jemand zu Hause.«

Miguel sah, wie Claudia seine Telefonnummer auf eine Papierserviette schrieb und sie in die Gesäßtasche ihrer Jeans schob. Als sie den Pulli etwas hochzog, kam ein Unterhemd zum Vorschein. Dann zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, wickelte sich in einen langen Schal und ging.

»Es riecht nach deiner Wohnung.«

Das sagte Pecu fast immer, wenn sie aus dem Fahrstuhl traten und auf dem Treppenabsatz warteten, während Miguel die Hintertür aufschloss. Magda kam fast zeitgleich in die Küche.

»Ihr seid schon da?«

Wenn sie vor ihr standen, dann wohl, weil sie da waren.

»Haben wir dich bei einem Schläfchen überrascht, Magda?«, fragte Pecu.

Ihr Haar war verstrubbelt, und sie strich den geblümten Kittel glatt, den sie zu Hause für gewöhnlich trug.

»Nein, nein, ich hab gerade einen Film geschaut, ihr wisst ja, dass ich während der Siesta nicht gerne schlafe.«

Was sie nicht zugeben wollte, stritt seine Mutter einfach ab.

»Aber Mama, wenn du geschlafen hast, warum sagst du es nicht einfach?«

»Hab ich nicht. Ihr riecht ganz schön nach Rauch, du wirst schon sehen, was dein Vater dazu sagt. Habt ihr schon gegessen?«, fragte sie und holte eine Schüssel mit Hackbällchen.

Ja, sie hatten gegessen, aber sie hatten permanent Hunger, vor allem Pecu, der sich auf die Besteckschublade stürzte, um eine Gabel zu holen.

»Mama, hat jemand angerufen?«

»Soweit ich weiß, nicht.«

»Hat keiner angerufen, oder hast du telefoniert?«

»Ich hab mich ein bisschen mit deiner Tante unterhalten.«

»Wie lange?«

»Na ja, ein bisschen, keine Ahnung, eine Viertelstunde.«

Bestimmt war es eine halbe Stunde gewesen. Hoffentlich hatte Claudia es nicht versucht und das Telefon war besetzt gewesen.

»Verdammt«, sagte Miguel wütend. »Ich erwarte nämlich einen sehr wichtigen Anruf.«