Fünf Wochen und eine Nacht - Dieter Meier - E-Book

Fünf Wochen und eine Nacht E-Book

Dieter Meier

0,0

Beschreibung

Wenn ein verheirateter Familienvater per Email die Zeilen: »Ich hoffe, du kannst dich noch an mich erinnern... es geht um unsere völlig unüberlegte und dumme Karnevals-Liäson. Ich würd dich gern nochmal sprechen. Es ist wirklich wichtig für mich.« erhält, wird's kompliziert. Die vorliegende Geschichte ist von vorn bis hinten wahr. Sie spielt im Jahr 2006, als es noch keine gängigen Smartphones gab und Emails oft das beste Mittel heimlicher Konversationen waren. Zugleich war es die Zeit des Sommermärchens. Für den Autor als glühenden Fußballfan eine zusätzliche emotionale Herausforderung. Alle enthaltenden Emails wurden so Wort für Wort geschrieben. Lediglich Orte und Namen wurden mit Rücksicht auf die beteiligten Protagonisten geändert, denn die Abgründe des Liebeslebens der Leute in unmittelbarem Umfeld des Autors sind noch schlimmer als seine eigenen. Eine (Liebes-)Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



DIETER MEIER

FÜNF

WOCHEN

UND

EINE

NACHT

Eine wahre (Liebes-)

Geschichte per Email

2. Auflage April 2017

Copyright © 2017 by Ebozon Verlag

ein Unternehmen der CONDURIS UG (haftungsbeschränkt)

www.ebozon-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: media designer 24

Coverfoto: pixabay.com

Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag

ISBN 978-3-95963-110-5 (PDF)

ISBN 978-3-95963-108-2 (ePUB)

ISBN 978-3-95963-109-9 (Mobipocket)

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Veröffentlichung, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Vorwort

Wenn ein verheirateter Familienvater per Email die Zeilen »Ich hoffe, du kannst dich noch an mich erinnern... es geht um unsere völlig unüberlegte und dumme Karnevals-Liäson. Ich würd dich gern nochmal sprechen. Es ist wirklich wichtig für mich.« erhält, wird's kompliziert.

Die vorliegende Geschichte ist von vorn bis hinten wahr. Sie spielt im Jahr 2006, als es noch keine gängigen Smartphones gab und daher Email oft das beste Mittel von heimlichen Konversationen war. Zugleich war es die Zeit des Sommermärchens. Für mich als glühenden Fußballfan eine zusätzliche emotionale Herausforderung.

Alle enthaltenden Emails wurden so Wort für Wort geschrieben. Lediglich Orte und Namen wurden mit Rücksicht auf die beteiligten Protagonisten verständlicherweise geändert, denn die Abgründe des Liebeslebens der Leute in meinem unmittelbaren Umfeld sind noch schlimmer als meine eigenen. Eine (Liebes-)Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen, die hoffentlich gar nicht schnulzig ist.

Dieter Meier (selbstverständlich ein Pseudonym), im Sommer 2014

Prolog

Irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr – egal welches Jahr

Das Leben ist kompliziert. Besonders mit Agnes. Wie schon im letzten Jahr zur gleichen Zeit hat es heute plötzlich gekracht, sodass sie nun im Gästezimmer liegt und ich nicht schlafen kann. Mir schmerzt der Rücken und als es schon lange nach Mitternacht ist, schreibe ich ein paar Zeilen in meinen Computer, in der Hoffnung etwas Frust loszuwerden und dafür etwas Schlaf zu finden.

Keine Ahnung wovon der Streit eigentlich handelt? Ohnehin ist ja Urlaub und man hat Zeit und Muße, die Seele etwas baumeln zu lassen. Am Abend war ich auf ein Bier zu meinem Kumpel Jonas gegangen, den ich schon lang nicht mehr gesehen hatte. Das passte ihr so gar nicht, aber später rief sie mich an, um mich abzuholen. Mit reinkommen wollte sie komischerweise aber nicht, obwohl sie mit Jonas Lebensgefährtin Gabi ebenfalls befreundet ist. Ich glaube mich dunkel daran erinnern zu können, dass Agnes selbst erfolglos versucht hatte, mit Gabi und Jonas ein Treffen zu organisieren.

Zuhause angekommen fragte ich, ob wir nun ins Bett gehen wollen.

»Ich gehe ins Bett! Was ist mit dir?«

»Ich natürlich auch. Hätte ich bei der Frage etwas anderes im Sinn gehabt, hätte ich mich wohl streiten wollen!«

Das reichte bereits aus, dass sie wütend ins Gästezimmer zog. So geht es bei uns oft zu. Sie war schon den ganzen Tag genervt und geriet wegen diverser Sachen mit unseren Kindern aneinander. Ihre Freunde sind auch gerade alle doof. Als ich heute eine Knoblauchzehe schnitt, stellte sie sich neben mich, um sich dann zu beklagen, dass ich ihren Blick nicht erwiderte. Unsere Tochter Carola will zum Schüleraustausch in die USA. Vielleicht liegen ja deswegen die Mutternerven blank. Aber sie könnte das ja auch einfach sagen.

Zugegen, ich hätte vielleicht die Verabredung mit Jonas ausfallen oder mich geschickter anstellen sollen. Irgendeinen blöden Konflikt hätte es trotzdem gegeben, da bin ich mir sicher. Aber ich werde mich ja wohl noch mit einem Freund verabreden dürfen? Ich bin ohnehin selten zu Hause und da ist es schwierig, Freundschaften aufrecht zu halten.

Mein Fell ist jedenfalls nicht dick genug, dass solche Dinge einfach an mir abprallen. Ich bin mir nämlich nicht sicher, wie weit das noch eskalieren mag. Im besten Fall – und wenn überhaupt nur auf meine Initiative – gibt es morgen ein klärendes Gespräch. Meistens brummt sie aber mindestens drei Tage. Übermorgen fahren wir nach Bremen – das wird bestimmt mega anstrengend. – Wieder einmal! Warum zum Teufel muss das so sein? – Ich wollte einfach nur ein bisschen Entspannung zwischen den Feiertagen und nicht so ein blödes Theater!

Geile Zeit

Sonntag, 10. Juli 2005

Der Samstagabend war alkoholhaltig verlaufen. Mein Kumpel Hendrik und ich waren im Bronx gewesen – unten im Keller, wo immer gnadenlos Indierock läuft – ohne Kompromisse. Da gehe ich schon seit Jahren hin, sofern unsere Kinder es zulassen. Auch schon als meine Haare noch lang waren. Lange ist es her.

Zuhause angekommen, wanke ich zum Schreibtisch und werfe den PC an, denn aus mir selbst nicht erfindlichen Gründen muss ich an Bettina denken. Agnes hatte sie übers Reiten kennen gelernt. Sie kommt aus Mecklenburg und absolvierte ihre Ausbildung in Warendorf. Sie ist Mitte zwanzig. Von ihrer Familie entwurzelt wurde sie quasi von uns adoptiert und ab und zu mit warmen Mahlzeiten und Rotwein versorgt. Sie revanchiert sich u.a. dadurch, dass sie mit Marko (11) Vokabeln lernt oder auf Hund und Haus aufpasst, wenn wir unterwegs sind. Wenn sie der Übermut packt, nennt sie uns gar 'Mutti' und 'Vati'.

Sie ist recht ansehnlich und ein sehr angenehmer Mensch. Es scheint mir typisch zu sein, dass Mädels aus dem Osten lange nicht so zickig und kompliziert wir ihre westlichen Artgenossinnen auftreten. Ich mochte sie daher immer gern. Als Lebenspartnerin hätte ich mir eine so ausgeglichene Person, die im ganz im Kontrast zu Agnes steht, insgeheim gewünscht. Vor ca. einem Jahr ging sie dann nach Abschluss ihrer Ausbildung in die USA, um dort als Bereiterin zu arbeiten.

Reichlich angeduselt tippe ich drauf los:

Betreff: Re: Sommerferien

Von:Dieter Meier

Datum: 10.07.2005 04:50

An: Bettina

Dear Bettina, Iam completely drunk as its in the midddle of the nigjt (4:40). tHANKX for yor msg on the AB. Yust now am am longing for a nice girl like you. Consequentliy I wish ou all the best. My last social contact was about somebody gay wwho tried everlyting to take me home. So Iam

reallyy despetatey .. But still I want you to party as mcuh as yo u can. Prost Dieter PS Ps vermisst du mich?

Montag, 11. Juli 2005

Am Montagmorgen im heimischen Büro lese ich Ihre überraschende Antwort:

Betreff: Re: Sommerferien

Von:Bettina

Datum: 11.07.2005 02:31

An: Dieter Meier

Hey bester Vater der Welt,

das war die beste e-mail, die ich je bekommen habe. Ich sass jetzt bestimmt 15 min davor und

habe sie immer wieder gelesen und musste nur lachen. Wie kommst du nur immer auf sowas?

Ja, ich vermisse dich und am meisten vermisse ich unser sonntaegliches Abendessen und den

Wein danach. Und das nach Hause fahren im betrunkenen Zustand. Wusstest du, dass man hier

den Fuehrerschein fuer sechs Monate entzogen bekommt, wenn man mit Alkohol am Steuer

erwischt wird? Eine unserer Kunden, sie hat ein Pferd bei uns stehen, hat ihren gerade wieder

bekommen.

Ich war heute morgen fruehstuecken [...]

Gestern war ich das erste Mal in New York. [...]

Heute Nacht konnte ich erst nicht einschlafen. Als ich dann im Land der Traeume war, habe ich,

ohne Scheiss, von euch getraeumt. Ich habe getraeumt, das du deine Frau fuer mich verlaesst.

Und frage mich jetzt aber nicht, wie ich darauf komme. Ich glaube ich brauche hier endlich mal

einen Mann. Aber das ist nicht so einfach. Die in New Jersey sind alle so was vonb unatraktiv und

die in New York muss ich erst noch checken.

OK, das waren alle meine Impressionen der letzten zwei Tage.

Ich hoffe euch bald zu sehen, vermisse euch sehr

Hm, das, was sie da geträumt, lässt mich nicht kalt. Sollte ich bzw. sie doch vielleicht ein bisschen ... ? Ich schreibe zurück:

Betreff: Re: Sommerferien

Von:Dieter Meier

Datum: 11.07.2005 09:44

An: Bettina

> Hey bester Vater der Welt,

>

> das war die beste e-mail, die ich je bekommen habe. Ich sass jetzt bestimmt 15 min davor und

> habe sie immer wieder gelesen und musste nur lachen. Wie kommst du nur immer auf sowas?

Hallo Bettina,

tja, das wüsste ich auch gern ;-)

Jedenfalls konnte ich mich gar nicht mehr so recht erinnern, dir noch ne E-Mail geschickt zu haben

:-) Aber du kennst ja vielleicht das Sprichwort, dass Betrunkene immer die Wahrheit sagen. Die

Sache mit dem Schwulen war übrigens auch kein Witz. Aber nachdem ich ihm sagte, dass ich

nicht schwul bin, haben wir uns eigentlich noch ganz nett unterhalten. Ich habe dann bis zum

späten Nachmittag gebraucht, um wieder auf den Damm zu kommen.

Langweilig scheint es dir ja nicht zu werden. Und neben so einer Riesenstadt wie NY zu wohnen,

ist bestimmt interessant. Es wird sicherlich noch ne Weile dauern, bis du dich dort einigermaßen

auskennst. Dann klappts sicherlich auch mit einem Typ. Und wenn die Leute um dich herum nett

sind, gibt es sicherlich keine Veranlassung, die Tage bis zur Rückkehr zu zählen. Übrigens: Hast

du von den Anschlägen in London gehört?

Agnes und die Kinder sind gerade in Bremen. Ich fahre morgen nach Frankfurt. Mittwoch ist

Klausur, die ich dann korrigieren werde. Ab übernächster Woche ist dann endlich Urlaub – das

erste Mal für mich seit einem Jahr. Ich bin auch wirklich platt.

Wann warst du doch gleich noch telefonisch zu erreichen?

> Heute Nacht konnte ich erst nicht einschlafen. Als ich dann im Land der Traeume war, habe ich,

> ohne Scheiss, von euch getraeumt. Ich habe getraeumt, das du deine Frau fuer mich verlaesst.

Ich kann es ja mal ansprechen ...

Viele Grüße,

Dieter

Aber eine Antwort erhalte ich nie. Ein paar Wochen später besucht sie uns ganz kurz. Ihr Computer war kaputt gegangen. Aber sie hat sich wirklich heraus gemacht, einfach reifer und attraktiver. Komischerweise ist sie immer noch Single. Später erfahre ich, dass sie in ihrer Zeit in Warendorf zweimal jeweils eine kurze Affäre mit einem Kunden des Reitstalls hatte, darunter ein verheirateter Mann mit Kindern – ihr heutiger Chef in den USA. Ich hatte mich schon gewundert, dass sie solange ohne Beziehung hatte auskommen können. Dass sie sich gelegentlich nach etwas sehnt, ist keine Überraschung und Mädels aus dem Osten lassen sich einfach nicht so lange bitten. – So erzählt man sich jedenfalls unter meinen Kumpels.

Samstag, 18. Februar 2006

Agnes fährt wie schon oft für einige Tage in ihre Heimatstadt Bremen, um bei einem großen Reitturnier in der Bremer Stadthalle zu helfen und zuzuschauen. Diesmal wird der Aufenthalt allerdings außergewöhnlich lange dauern, denn sie will die Gelegenheit nutzen, dabei noch einige Freunde und Verwandte zu besuchen. Agnes war meine erste große Liebe. Wir heirateten früh – ich war erst 24 Jahre alt. Wenig später kam Carola (heute 15). Als sie noch ganz klein war, hatten wir unsere erste große Ehekrise. In der Zeit hatte ich zwei ernsthafte Affären, aber auch Agnes verliebte sich in andere. Am Ende fanden wir aber wieder zu einander und später kam Marko zur Welt.

Ich bin daher für einige Tage alleine mit den Kindern, wobei auf Caro nicht wirklich Acht gegeben werden muss. Agnes wird also dieses und nächstes Wochenende sowie die Tage dazwischen nicht da sein. Ich freue mich sehr auf die willkommene Abwechslung vom Familienleben mit der zuweilen anstrengenden Ehefrau und meinem Job als Informatik-Professor.

Für heute Abend sind Carla, Hendrik und ich verabredet. Wir treffen uns in letzter Zeit häufig. Im letzten Sommer hatten Hendrik und ich uns zu einem Kletterkurs beim Münsteraner Alpenverein angemeldet. Dort fiel uns sofort die attraktive Carla auf. Sie hatte lange schwarze Haare, war schlank und sehr nett. Hendrik, Single und auf der Suche, gefiel sie besonders. Da sich der Kurs über mehrere Abende verteilt über einige Woche zog, hatten wir automatisch hier und da Gelegenheit, ein wenig miteinander zu plaudern. Carla und Hendrik nahmen sogar an einen samstäglichen Kletterausflug in ein nahe gelegenes Mittelgebirge teil. Er ließ mich mehrfach wissen, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte.

Ich komme später, da ich erst noch zu Hause einiges regeln muss. Als ich gegen 23:00 mit dem Auto Richtung Münster fahre, rufe ich Carla auf dem Handy an.

»Hallo!!!« Sie ist gut drauf. »Wir sind noch bei Hendrik. Am besten kommst du hierher.«

So mache ich es und parke das Auto in einer Seitenstraße. Hendrik soll es am Tag darauf zurückfahren. Bei Hendrik in der Wohnung trinken wir Bier und hören Musik. Hendrik ist super nervös und klickt die ganze Zeit wie wild auf seinem Computer herum, um uns seine Musiksammlung zu präsentieren.

Der Zufall hatte es vor einiger Zeit gewollt, dass Hendrik und ich sie eines Abends in einer Münsteraner Kneipe trafen. Sie war in Begleitung einer Freundin. Auf diese Weise lernte ich bzw. wir sie noch etwas näher kennen. Sie arbeitet in einem Steuerbüro, stammt vom Niederrhein und ist recht gebildet. Vor allem kennt sie sich in der Musikszene ziemlich gut aus. Als der Kletterkurs beendet war, verabredeten wir uns weiter für Abende in der Kletterhalle in Everswinkel. Hendrik hätte sich gern mit ihr getroffen, wollte aber in jedem Fall, dass ich mit dabei bin, um nicht den falschen wenn auch wahren Eindruck zu erwecken. Ich hielt das zwar für Unfug, war aber trotzdem bereit zu »helfen«.

Wir bleiben ziemlich lange bei Hendrik und gehen dann direkt zum Bronx. Auf Carlas Vorschlag hatten wir vor ein paar Wochen bereits einmal eine »Weihnachtsfeier« gemacht. Sie kam damit Hendriks Anliegen indirekt zuvor. Dafür trafen wir uns eines Abends und tingelten durch verschiedene Münsteraner Kneipen, bevor wir am Ende – wie so oft – eben wieder im Bronx strandeten. Dort trafen wir ihren Ex, mit dem sie einst die Wohnung geteilt hatte und wegen dem sie nach Münster gezogen war. Die beiden schienen sich noch gut zu verstehen. Er ist übrigens zugleich ein Freund von einem Ex-Kollegen von mir. Schließlich zerrte ich sie dort weg und wir drei gingen noch in den Keller, um zu rockigen Klängen zu tanzen (außer dass Hendrik nicht tanzt). Der Alkohol zeigte seine Wirkung und es kam hier und da zu kurzem und harmlosen Körperkontakten. Hendrik erzählte sie von einer Affäre mit einem Bremer Professor, der sie in einen Swinger-Club geschleppt hatte, den sie dann entnervt verließ. Am Ende war es ein lustiger Abend und wir vereinbarten, es bei passender Gelegenheit zu wiederholen. Ich hatte allerdings ein bisschen den Eindruck, dass sie alles in allem eher an mir als an Hendrik interessiert war. Dieser Eindruck festigte sich, als wir sie Anfang des Jahres durch Zufall bei einer Ü30-Party trafen. Ich war wie üblich in Begleitung von Hendrik und sie war mit der selben Freundin unterwegs. Da es an dem Abend reichlich Bier floss, kann ich mich an die Details aber nicht mehr genau erinnern.

Oben im Bronx ist es noch ruhig und wir nehmen ein Getränk und plaudern. Ich erfahre dabei immer mehr von ihr. Über ihren Ex, der inzwischen verheiratet ist und ein Kind hat. Dass sie bei meinen Ex-Kollegen auf der Hochzeit war. Dass sie sogar schon einmal bei einer Weihnachtsfeier des Instituts, bei dem ich frühere gearbeitet hatte, war. Dass wir uns eben so wenig beim Konzert von »Within Temptations«, wo ich mit Hendrik war, begegnet sind. Dass ihre Familie von Deuschstämmigen aus Kroatien kommt. Dass sie erst dachte, dass ich vielleicht deswegen oft unter der Woche nicht da bin, um auf Montage zu sein. Der Professor hat ihr also imponiert.

»Wie kommt es eigentlich, dass jemand wie du noch Single ist?«, frage ich.

»Ach ja«, stöhnt sie. »Aber eigentlich bin ich auch ganz glücklich damit.«

Ich wundere mich, dass das ein Gegensatz dazu ist, dass sie mit 37 noch ein Familie gründen will. Aber egal.

Dann wanken wir wie beim letzten Mal nach unten in die 'Hölle', um uns von der Musik volldröhnen zu lassen. Wir heben zwar den Altersschnitt, denn Hendrik ist noch einmal zwei Jahre älter als ich, aber das stört uns nicht. Erst noch ein paar Bierchen. So wird die Musik immer besser und Carla immer netter und hübscher. Ab und zu geht's je nach Geschmack zusammen oder allein zum Rocken auf die Tanzfläche.

Irgendwann – es ist schon tiefe Nacht – entgleist die Situation. Carla und ich gehen tanzen und sie macht eine Bemerkung über Hendrik. Ziemlich unüberlegt offenbare ich das, was Hendrik mir teilweise anvertraut hat bzw. dass was offensichtlich ist:

»Der ist ja auch voll verliebt in dich. Hast du das etwa noch nicht gemerkt?« Sie blickt etwas ungläubig drein und antwortet etwas Belangloses, aber die Verständigung ist aufgrund der Lautstärke schwierig.

»Aber ich habe nichts gesagt«, versuche ich meine Aussetzer zu mildern. Wir bleiben auf der Tanzfläche, denn die Musik ist unverändert gut. Dann kommen die 'Pixies', von denen wir beide Fan sind und die wir am Abend noch bei Hendrik gehört hatten. Es kommt zu einer Umarmung. Und noch eine ... und ich küsse sie und sie macht sofort mit.

Wir bleiben auf der anderen Seite der Tanzfläche, wo uns Hendrik hoffentlich nicht sehen kann. Wir knutschen und knutschen und ich zerzause ihr Haar.

»Ich dachte schon, du interessierst du doch mehr für meine Freundin«, sagt sie zwischendurch. Wir sind nun direkt vor der Tür, die den Notausgang darstellt, und lehnen uns an sie. Unvermittelt springt sie auf und wir stürzen. Ich trage ein blaues Knie davon, dass ich etwa zwei Wochen behalten werde.

»Wie spät ist es eigentlich? – Oh, scheiße! Wo ist Hendrik? – Ich muss zum Bus!«, entfährt es mir. Wir rennen durchs Bronx, ich suche Hendrik und sie die Toilette auf. Hendrik kann ich nicht finden, sie kommt mir geordnetem Haar zurück und wir verabschieden uns, denn der Nachtbus wird gleich fahren.

Im Bus schicke ich ihr eine SMS. Ihr Antwort kommt direkt: Sie hat Hendrik noch getroffen und hat sich dann überstürzt nach Hause verabschiedet. Sie liegt noch auf ihrem Bett und ist völlig verwirrt. Hm, wenn ich es darauf angelegt hätte, hätte ich sie bestimmt dahin begleiten können. Aber, will ich das überhaupt? Okay, ich werde sie, wenn ich angekommen bin, zu Hause anrufen.

Das mache ich dann auch direkt, nachdem ich mich vergewissert habe, dass alles ruhig im Haus ist. Wir reden noch ein Weilchen, besonders über Hendrik, denn die Situation, die sich nun ergeben hat, ist für alle äußerst prekär. Wie es auch weiter geht, am Klettern wollen wir festhalten.

Morgen, wenn es passt, werde ich sie anrufen. Sie fährt morgen erst nach Wesel und von da mit einer Freundin in den Ski-Urlaub.

Dienstag, 21. Februar 2006

Am frühen Abend hole ich Hendrik mit dem Auto ab, denn wir haben ein Training zur Verbesserung unserer Klettertechnik beim Alpenverein. Unterwegs setzt er direkt wegen Carla nach. Das hatte er bereits vehement am Sonntag gemacht, als er das Auto zurückbrachte.

»Wo seid ihr denn plötzlich gewesen?«

»Einfach nur auf der anderen Seite der Tanzfläche.«

»Ich habe euch überall gesucht. Bin dann am Ende nach oben gegangen.«

»Ich habe mal versucht, heraus zu finden, ob sie sich für dich interessiert.«

»Und?«

»Leider nicht. Sie ist einfach nicht in dich verliebt.«

»Hat sie das so gesagt?«

»Ja.« Das stimmt übrigens, denn ich hatte noch einmal mit ihr telefoniert und Emails ausgetauscht. Hendrik sei einfach kein Typ zum Verlieben.

»Da verschwindet ihr einfach. Ihr habt bestimmt herum geknutscht.« Ich antworte nicht. Aber Hendrik hat die Eigenart, sich ständig zu wiederholen. Und so spielt sich unser Gespräch im Grunde mehrfach ab, schon seit Sonntag. Schließlich werde ich schwach und sage einfach:

»Ja, haben wir.« Er ist natürlich perplex und ich versuche den Schaden durch beruhigende Wort in Grenzen zu halten, was mir, glaube ich, auch gelingt.

»Ward ihr noch in der Kiste?«

»Nein. Ich schätze, wenn ich es darauf angelegt hätte ..., aber ich konnte mich dann noch zurückhalten«

»Und Agnes?«

»Ich bleibe natürlich bei ihr.«

In der Folgezeit wird er mir aber immer wieder kleine Vorhaltungen machen bzw. Sprüche ansetzen, aus denen hervorgeht, dass er nicht viel von Untreue hält. Dennoch bleibt er mir als Freund erhalten, was nach dem, was passiert ist, bemerkenswert ist.

Donnerstag, 22. Februar 2006

Es ist Weiberkarneval, selbst im konservativen Münster ein Erlebnis. Bereits am frühen Abend geht es los. Gabi, eine Freundin aus Everswinkel ist zusammen mit einigen anderen Mädels im 'Rondell'. Genau da wollen Hendrik und ich auch hin, aber dort ist eine lange Schlange und in der Kälte ist uns das zu blöd. Später erfahre ich, das Gabi zu dem Zeitpunkt das Fest bereits hinter sich hat und zu Hause volltrunken im Bett liegt.

Wir gehen also zum Universa, wo am Abend eine Party mit mehreren hundert Gästen stattfinden wird. Bis es soweit ist, besorgen wir uns schon mal die Karten und zischen ein paar Bierchen in der vorgelagerten Kneipe. Später will noch ein Kumpel dazu kommen. Die Damen sind wirklich zahlreich gekommen. Leider lässt die Qualität noch etwas zu wünschen übrig oder wir sind einfach noch zu nüchtern.

Carla ist mit ihrem eigens angefertigten Kleid, wie sich das für eine Rheinländerin gehört, bei einer Veranstaltung in Telgte. Sie will vielleicht später auch noch ins Universa kommen. Allerdings wäre weder mir noch Hendrik das wirklich recht.

»Weiter klettern können wir ja, aber zusammen raus gehen wir besser nicht mehr«, meint er dazu.

Nach einer Weile tritt eines der tollen Weiber an uns heran. Wir sagen beide freundlich

»Hallo!«

»Oh je, den kenne ich sogar«, erwidert sie in Richtung Hendrik. Sie ist irgendwo Arzthelferin, erzählt er mir später. Dann wendet sie sich an mich.

»Dort drüben ...« Sie zeigt auf eine blonde Frau in einer Gruppe von Mitstreiterinnen auf der anderen Seite des Tresens. Ich habe allerdings meine Brille nicht auf und sehe nicht das meiste. »Das ist meine Freundin und die würde heute sooo gerne mal knutschen. – Wie wäre es mit dir? Würdest du das machen?« Ich zögere. »Schau sie dir an! Das machst du doch, oder!« Höflich sage ich:

»Ja natürlich, aber besser erst später im Universa.« Bei genauerem Hinsehen ist sie einfach nicht mein Typ.

Hendrik ist davon ziemlich frustriert.

»Wieso passiert mir das nicht? Ich muss mich doch auch nicht verstecken!?«

»Ich denke, dass hat viel mit einer gewissen Selbstsicherheit zu tun. Frauen suchen oft einen Versorger.« Ich ziehe meine üblicher Leier über Unterschiede der Geschlechter ab. Aber Hendrik tut sich einfach schwer. Den Schock, von seiner Ex vor die Tür gesetzt worden zu sein, nachdem er ihr bei der Aufzucht ihrer beiden Kinder geholfen hat, hat er nie überwunden. Er ist oft ziemlich verkrampft und sicherlich für eine Frau kein einfacher Typ. Außerdem hat er, sofern ich das beurteilen kann, die Fähigkeit sich zu verlieben, ein wenig verloren.

Wir wechseln ins Universa. Die Weiber sind wirklich kaum zu bändigen. Zum Teil wird mir die Aufdringlichkeit wirklich zu viel. Ständig reibt ein Busen an meinem Arm, auch wenn es gar kein Gedränge gibt. Eine weniger charmante Frau aus einer Gruppe Polinnen, die alle als Teufel verkleidet sind, haut mir des öfteren mit ihrer Spielzeug-Peitsche in den Schritt.

Dann lerne ich eine Frau Mitte 20 aus Porta-Westfalica kennen. Die ist wirklich lecker und ich kann mich nicht zurückhalten, bis Hendrik mich dort weg holt. Ihm sagt sie dann, dass ich ihr viel zu forsch gewesen wäre. Ihren Namen habe ich schnell vergessen.

Irgendwann sehe ich ein, dass es reicht und ich nehme den ersten Nachtbus. Wir sind ja auch schon früh angefangen. Hendrik bleibt noch da und kriegt später noch Carla zu Gesicht, ohne sie aber wirklich zu treffen.

Eine Nacht

Samstag, 25. Februar 2006

Es ist Karnevals-Samstag und große Narren-Sitzung in der Everswinkeler Schützenhalle. Caro ist mit einer Freundin in Münster und will später noch nachkommen. Am Vortag habe ich mich geschont, bis Manfred, ein Freund vom Fußball, der jetzt in Nürnberg wohnt, sich meldete, dass er zufällig in Münster sei. Ich ließ mich zusammen mit Frederik zu ein paar Bier überreden. Es blieb aber alles im Rahmen.

Zur Narren-Sitzung wollte ich überhaupt nicht, sondern viel lieber zum Karnevalsball nach Münster, aber Agnes und Gabi, welche mit den Tanzmariechen auftritt, hatten das quasi verfügt. Artig komme ich pünktlich zur verabredeten Zeit zum Tisch. Ich bin sogar der erste. Dann kommt Marvin, der Mann von Elke, ebenfalls Tanzmariechen. Er hat eine richtige Friedhofsmine. Da hilft nur Bier, also her damit!

Das sitzen wir: die Tanzmariechen, Hansi, Marvin, Jonas. Das Programm ist zäh, denn es sind alles Laien. Marvins Kommentare werden immer schwärzer, was ich völlig in Ordnung finde. Die Kehlen bleiben nicht trocken. Die Mädels haben ihren Auftritt. Das muss gefeiert werden. Der Moderator ist eine Katastrophe und als er zum Schluss bekannt gibt, dass er es in diesem Jahr zum letzten Mal macht, breche ich fast in Jubel aus. Zum Schluss dann endlich ein Profi vom Lokalradio. Danach ist es vollbracht und ich wanke schon leicht, als ich aufstehe.

Ich schaue, was man so machen kann. Zuerst bin ich bei den Tanzmariechen. Die sind fast alle ganz hübsch und nett. Ein paar kenne ich aber noch nicht. Dann winkt mich Matthias, ein ehemaliger Nachbar, fort und es folgen ein paar Bier.

Wie geplant taucht Caro mit einer Freundin auf. Die ist schnell vom munteren Treiben bedient und verabschiedet sich nach Hause. Ich treffe Fred, einen Nachbarn, mit samt seiner neuen Freundin und seiner Schwägerin. Letztere lebt seit einiger Zeit in Scheidung hat aber trotzdem offensichtlich keine Lust auf einen Flirt.

Erst mal ein Fischbrötchen. Als ich mir das genüsslich reinstopfe, verwarnt mich einer vom Wachschutz, ich möge doch bitte beim Anlehnen nicht den Tresen wegschieben. Na ja, vielleicht ist auch Zeit, nach Hause zu gehen. Wo ist eigentlich meine Jacke?

Aber da ist Hansi. Ach, schnell noch ein Bier. Plötzlich ist da eine junge Frau mit schwarzen langen Haaren (also wie bei Carla). Wir stehen auf engstem Raum und man kommt sich automatisch nah. Auf einmal heult sie los. Ich bin schneller als Hansi, der – obwohl Frauentyp – damit anscheinend auch nicht gut umgehen kann, und kümmere mich um sie, umarme sie ganz fest und sie macht mit. Sie heißt Anke. Aber irgendwie finde ich sie eigenartig nach dem Geheule. Aber wahrscheinlich ist sie nur betrunken, ebenso wie ich.

Hansi ist verschwunden, vermutlich bei seiner Frau. Ich weiß nicht warum, aber ich küsse sie und sie erwidert es sofort. Ein Glück, sie ist Nichtraucherin. Ich hasse Nikotin-Fahnen, besonders die von Agnes. Mehr Umarmungen mehr Küsse. Wir verstecken uns zwischen den Garderoben-Ständern. Die anderen sind auf der gegenüberliegenden Seite der Halle. Sie kann wieder lachen. Sie ist 26, gerade fertig mit studieren und Lehrerin. Sie wohnt in Telgte. Ich bin Prof und verheiratet. Meine Tochter war auch hier.

Fred, der mir zuvor noch trotz seiner neuen Liebe von seiner inzwischen lesbischen Exfrau vorschwärmte, sieht uns beim herausgehen. Wir werden nie darüber reden. Jeder hat wohl seine dunklen Geheimnisse.

Wir machen weiter. Sie will mit mir schlafen! Oh Gott – was für eine Versuchung! Hmmm, aber wie überhaupt?

»Wir können zu mir nach Telgte. Ich bezahle das Taxi.« Sie drängt also ganz massiv. Komische Frau.

»Geht nicht wegen Caro!« Aber ich will es auch. Wir gehen nach draußen. Nein, viel zu kalt. Auf dem Klo? Nee! Sie redet mit ihrer Freundin Bella: Wir sollen dann aber in den Keller. Wo wohnt die überhaupt?

»Um die Ecke«

Ich gehe meine Jacke holen und begegne Jochen.

»Noch'en Bier?«

»Besser nicht, bin voll.«

Ich kehre mit der Jacke zurück zu Anke und sage, dass ich besser draußen auf sie warte.

»Tschüss, Jochen!«

Nach einer Weile kommen auch Anke und Bella. Sollte uns wirklich niemand gesehen haben? Bella wirkt nicht gerade begeistert. Wir gehen zum Tiroler Weg 5. Ich war noch nie hier, obwohl es nur ein paar hundert Meter von zu Hause entfernt ist. Ich muss pinkeln und gehe zu einer Wiese. Während dessen verhandeln die Frauen die Details. Wir müssen in den Keller. Auf keinen Fall zum Frühstück erscheinen, wegen der Oma. Im Keller stapelt Anke dann irgendwelche Sitzunterlagen für Terrassen-Stühle übereinander auf der Erde. Dann rennt sie nur mit Höschen und T-Shirt bekleidet durch die Eiseskälte zum Auto, um ihr Bettzeug zu holen.

Als sie zurück kommt, kommt sie schnell zur Sache. So unkompliziert wie sie ist, ist sie bestimmt – wie Bettina – aus dem Osten. Ihre Antwort geht ein bisschen im Lallen unter. Wir haben viel Spaß und mein Lachen gefällt ihr. Wir fummeln. Toller Körper! Wovon hast du den?

»Nur etwas Basketball ....« Athletische Figur, strammer, kleiner Busen, straffer Hintern. Frauen in dem Alter sind doch was anderes .... Es geht los.

»Ich will, dass du mit mir schläfst!« Um Verhütung muss ich mich doch nicht kümmern, oder – denke ich? Wenn sie so penetrant ist, wird das sicherlich geregelt sein. Wann immer ich das bis dato gefragt hatte, gab es eigentlich nur eine verständnisloses Lächeln zur Antwort.

Also rein damit! Herje, ich bin ganz schon voll! War deswegen auch schon nervös, ob er überhaupt noch hart wird, aber es funktioniert. Nur das wird dauern ... aber besser so als zu schnell. Ihr trainierter Körper macht voll mit. Sie stöhnt die ganze Zeit »... das so schön ... du bist so schön ...das ist so schön ...« Ich will, dass sie vor mir kommt. Doch daraus wird nichts. Sie muss aufs Klo und ich bin noch nicht fertig. Also dann von vorn. Scheiße ich muss auch.

»Komm', wir gehen besser nach oben aufs Zimmer!« Wir tapern durchs dunkle Haus, und ich gehe pinkeln. Oben im Zimmer ist nun ein richtiges, wenn auch schmales Bett. Die Erschöpfung ist uns beiden anzumerken, aber wir versuchen es nochmal und sie muss mit der Hand nachhelfen, bis es wieder geht. Aber als ich in sie eindringe, geht es dann erstaunlich schnell. Einen Orgasmus hat sie leider nicht.

Aber juhu – was für ein Erlebnis, wenn auch mit einer etwas eigenartigen Tante. Wir liegen nackt und Arm. Das passt gut. Unsere Körper ergänzen sich als gut. Bloß nicht einschlafen! Ich muss morgen Früh bei Caro sein. Trotzdem liegen wir lange so da.

Irgendwann sage ich, dass ich nach Hause muss. Ich habe Mühe, meine Sachen wieder zusammen zu bekommen. Am Ende sitzen wir unten auf der Treppe. Ich frage sie nach ihrer Handy-Nummer. Sie zögert.

»Willst du sie wirklich? Du bist verheiratet!« Ich zögere ebenfalls.

»Du liebst sie!!« Wieder heult sie. Die spinnt doch. Ich nehme sie trotzdem in den Arm.

»Wenn bei uns alles in Ordnung wäre, wäre dies hier nicht passiert«, erwidere ich. Es kommt mir ein bisschen wie eine Ausrede vor, denn trotz aller Eheprobleme lief es zuletzt bei uns eigentlich nicht schlecht.

»Bleib bei mir! Komm', wir machen es nochmal!« Nein, ich muss wirklich los. Sie gibt mir ihre Nummer. Ich tippe sie in mein Handy.

»0151 ...ist das wirklich ein Handy?«, frage ich.

»Ja, die Nummer ist noch neu von T-Mobile.« Ich speichere sie unter 'Anke' ab. So hieß sie doch, denke ich? Scheiße, bin ich voll.

»Was hat dich eigentlich in der Halle so aus der Fassung gebracht?«

»Ach, nichts Besonderes.«

»Willst du noch mit bis zum Haus?«, frage ich.

»Nein, das wäre nicht gut.«

An meiner Nummer und an meinem Nachnamen hat sie anscheinend kein Interesse, denn sie fragt nicht danach. Falls sie mich also aus welchem Grund auch immer kontaktieren will, wird das nicht einfach sein.

Noch ein langer Kuss, dann geht's raus in die Kälte. Wow, was für eine Nacht, was für ein Erlebnis! – Aber, aber, aber ....! Sollte uns wirklich niemand gesehen haben??? Eigentlich unmöglich. Was mache ich nur? Wir erkläre ich Agnes die Geschichte? Na ja, es hat mir eigentlich nicht viel bedeutet, außer dass es saugeil war. Aber irgendwie hat sie ja doch was, auch wenn sie etwas komisch war. Irgendwie war sie ja doch ganz nett. – Aber, aber, aber ...! Am besten werde ich mal Jonas als alten Everswinkeler fragen, ob ihm was zu Ohren gekommen ist. Er wird's bestimmt ganz schnell erfahren.

Ich bin zu Hause angekommen. Jetzt ganz leise, damit Caro nicht merkt, wann genau ich heim gekommen bin. Schließlich habe ich die Halle schon ziemlich früh verlassen bzw. wurde lange nicht mehr gesehen, wenigstens nicht mehr seit Mitternacht. Die Leute werden Fragen stellen. Und jetzt ist es schon fünf. Ich schleiche mich ins Bett. Ab und zu schlafe ich etwas, aber mir schlägt das Herz immer noch bis zu Hals. Erst Carla und jetzt das …

Sonntag, 26. Februar 2006

Um halb elf stehe ich auf. Scheiß Kater! Ich wanke zum klingelnden Telefon.

»Hier ist Jonas. Um zwölf holen wir dich ab!« Eigentlich bin ich zu kaputt für einen weiteren Karnevalszug, aber der Zerstreuung nicht abgeneigt, denn die letzte Nacht muss ich erst einmal verkraften. Dann ergibt sich sicherlich auch die Gelegenheit, bei Jonas nach zu fragen.

»Also dann, bis später!«

Beim Brötchen-Holen begegnen mir schon wieder die ersten Karnevalisten mit einem Bier in der Hand. Puh! Aber, die Münsterländer können's also doch. Der Rücken schmerzt. Auf dem Kellerboden ist wohl nichts mehr für einen alten Mann.

Hansi ist auch mit im Auto und wartet nicht lange. Er grinst.

»Und, bist du bei der noch länger geblieben? Hab dich gar nicht mehr gesehen?« Du lieber Himmel! So blöd, wie er mich dabei angrinst, ergreift mich die Lust, ihm eine rein zu hauen. Da er aber größer und stärker als ich ist, verwerfe ich rasch den Gedanken.

»Ähm, nee, die hatte einen dran. So wie die da rum geheult hat.«

»Ja, ist auch besser so. Im Dorf wird ja auch viel erzählt.«

»Wann bist du denn nach Hause?« – Puh!?

»Schätze, das war so gegen 12. Ich war echt abgefüllt.«

»Aber nicht so wie Jonas, nech Jonas? Der hat mit nem Kumpel Korn gesoffen und dann schon um 11 weg.« – Gut, die beiden haben also schon mal nichts bemerkt.

Vor Ort angekommen gibt es direkt Bier. Alles Arbeitskollegen von Jonas und trinkfeste Leute. Ich nutze die Gelegenheit.

»Jonas, hast du mal ne Minute?«

»Oh ho, das hört sich ja offiziell an!« Ich nehme ihn zur Seite.

»Gestern, die Frau, über die Hansi gesprochen hat, ich bin noch mit ihr mit gegangen ...«

»Und, haste klar gemacht?!«

»Ja ...«

»Na ja, wenn man besoffen ist, passiert das schon mal.«

»Du hast also noch nichts davon gehört?«

»Nö.«

»Also wenn du was hörst, sag mir Bescheid, wegen Agnes.«

»Was war das denn für eine? Eine aus Everswinkel?«

»Nee, aus Telgte, aber die hatte einen dran.« Ich erzähle, wo in der Halle wir uns aufgehalten haben, und dass ich sie mit Hansi zusammen kennen gelernt habe.

»Also ich höre so etwas immer zuerst.«

»Bitte sag Gabi nichts!«

»Ja, klar!«

Wir kehren zurück zu den anderen. Mensch, ein Moral-Apostel ist er ja nicht, der Everswinkeler Junge. Da weiß man es ja nie. Er gibt mir seine Kamera.

»Hier, Gabi hat gesagt, ich soll ganz viele Bilder vom Zug machen. Die machst du, sonst erzähle ich's direkt!« – Ich knipse wie verrückt.

Das Besäufnis geht weiter. Caro ruft an, dass der Rauchmelder bimmelt, denn sie kocht. Aber halb so wild. Später bekomme ich eine SMS, dass Agnes wieder zu Hause ist. Also muss es heute später werden, damit ich ihr nicht in die Augen sehen muss.

Es wird später. Die Mädels sehen alle scheiße aus. Keine, die mit Anke mithalten kann. Aber wie genau sah die eigentlich aus? Tja, der Suff. Wie nehmen ein Taxi nach Hause, zuerst mit einer anderen Anke auf dem Schoss. Die wird auch immer fetter. Dann mit Gabi im Arm.

Wir gehen noch in Everswinkel ins Bierfass. Üble Spielunke! Gabi steckt mir irgendwann, dass sie keine Kinder will. Jonas weiß sicher nichts davon. Alle haben dunkle Geheimnisse!

Montag 27. Februar 2006

Schon wieder ein Kater. Heute ist Agnes Geburtstag. Halb benebelt gratuliere ich.

»Wie war's?«

»Schön, und bei dir?«

»Auch schön!« Dann:

»Wann bist du denn am Samstag nach Hause gekommen?« Würg, ich muss hier weg!

»So gegen 12, ich war voll«

»Und die anderen?«

»Weiß nicht so genau, denn ich war weiter vorn bei Fred. Jonas schon eher!«

Wie geplant, fahre ich mit Hendrik nach Rietberg zum Rosenmontag. Es ist zwar Agnes Geburtstag, aber es war von vornherein keine Feier geplant und so abgemacht. Sie war ja auch ewig unterwegs. Da ich ihr ohnehin noch nicht wieder in die Augen sehen kann, bin ich darüber ganz froh. Das Wetter ist kalt und mein Rücken meldet sich. Der Tag in Rietberg ist nett aber unspektakulär. Das einzige Mädel, das mir gefällt, hat kein Interesse. Außerdem passt Hendrik auch ein bisschen auf mich auf und eigentlich reicht's auch. Hab' ja schon genug angestellt. Was ist überhaupt in mich gefahren, mich wie ein notgeiler Teenager zu gebärden?

Abends fahren wir zurück, und gehen noch auf ein Bier bzw. Wasser zu Hendrik, der mich unentwegt zu Carla ausfragt, die unterwegs auch noch eine SMS aus dem Urlaub schickt.

»Ich kann so etwas nicht verstehen. Immer wenn ich in einer Beziehung war, war ich treu«, sagt er immer und immer wieder. Die katholische Erziehung lässt sich nicht verleugnen. Am Ende sage ich:

»Es kommt noch schlimmer ...« Er verstummt.

»... am Samstag in Everswinkel, war da auch noch so eine und wir ...« Es schaut mich verwundert an und beginnt langsam zu nicken. Ich nicke auch.

»Oh nein!« Sein Verständnis hält sich in Grenzen, während ich den Rest erzähle.

»Hendrik, ich musste es einfach jemanden erzählen.«

»Ja, verstehe ich, sonst dreht man ja durch. Hast du den wenigstens ein Gummi benutzt?«

»Äh, nein. Ich war irgendwie viel zu besoffen ...«

»Oh Mann, du Idiot! Stell dir vor, die wird schwanger. Steht ihr noch in Kontakt?«

»Nein, von mir hat sie auch nichts, sodass sie mich wohl kaum ausfindig machen kann«

»Na, wenn's drauf ankommt, wird sie das schon schaffen.«

Der Rest des Gesprächs geht dann eher darum, dass ich mich geschmeichelt fühle vom regen Interesse der Frauen an mir. Definitiv hatten die letzten Tage gezeigt, dass da z.T. was geht und dass es eher die Frauen sind, die einem jungen Professor nicht abgeneigt sind. Ganz im Gegensatz zum armen Hendrik, der zu der Zeit eine kleine Schwächephase hat. Insofern ist Hendrik nicht wirklich der beste Ansprechpartner, erst recht nach der Sache mit Carla. Aber er ist doch mein bester Freund und mit wem, wenn nicht ihm sollte ich reden? Irgendwann fragt er, ob ich Carla lieben würde?

»Vielleicht ein bisschen.« Und ich stelle klar, dass ich die Affäre mit ihr nicht weiter treiben werden. Eigentlich war ich ja auch eher geschmeichelt.

»Und die aus Telgte?« – »Nein, natürlich nicht, die hat einen dran.«

Irgendwann danach

Der Karneval ist vorbei und es ist Zeit, wieder normal zu werden. Nicht einmal auf der 20-Jahre Institut Party rühre ich etwas an. Ich muss ruhiger werden. Zur Besänftigung meines schlechten Gewissens fahre ich mit Agnes zu Ikea und sehe mit ihr 'Typisch Sophie' im TV an.

Irgendwann rufe ich Carla an und komme direkt zum Punkt:

»Du hast ja gemerkt, dass ich mich schon länger nicht gemeldet habe. Also kurz: Ich habe schon eine Frau, was soll ich mit noch einer?« Sie sieht es ein, obwohl sie enttäuscht ist. Später wird sie mir erzählen, dass sie mich in dem Moment für reichlich selbstgefällig hielt.

Ankes Nummer lösche ich aus meinem Handy. Zur Vorsicht – ich weiß selbst nicht warum – schreibe ich die Nummer aber anonym auf eine Zettel und verstecke ihn im Durcheinander meines Schreibtisches.

Mit Agnes kehrt wieder der normale Alltag ein. Wir haben gewohnt selten Sex (ein einziges Mal in dieser Zeit) und die üblichen Reibereien. Einen richtig netten Rotwein-Abend, an dem wir lange reden, gibt es trotzdem. Agnes wird später noch oft davon erzählen. Mir fällt aber auf, dass gerade sie wie auch schon in der Zeit davor immer weniger Lust auf körperliche Nähe hat und sich betont individuell gibt, indem sie z.B. über ein eigenes Schlafzimmer philosophiert.

Mein Rücken will sich gar nicht mehr erholen. Ich gehe mit den Kindern der Kontrolle wegen zu Lars, dem Orthopäden. Alle haben Skoliose, Marko besonders stark. Wir bekommen alle Krankengymnastik verschrieben und ich Tabletten.

Das Unfassbare

Montag, 20. März 2006

Ich habe Rückenschmerzen. Sie waren schon mal weg, aber nun sind sie wieder ganz kräftig da. Morgen muss ich nach Frankfurt. Wenn es heute Nacht nicht besser wird, gehe ich morgen Früh zu Lars.

Am späten Nachmittag erreicht mich folgende Email:

Betreff: Bitte meld dich mal!

Von:Anke Kling

Datum: 20.03.2006 17:05

An: Dieter Meier

Hallo Dieter,

hoffentlich ist es okay, dass ich dich über diese offizielle Email-Adresse anspreche. I

Ich hoffe, du kannst dich noch an mich erinnern... es geht um unsere völlig unüberlegte und

dumme Karnevals-Liäson. Ich würd dich gern nochmal sprechen. Es ist wirklich wichtig für mich.

Bitte melde dich schnell!

Schönen Gruß,

Anke

Was zum Teufel hat denn das bloß zu bedeuten? 'Völlig unüberlegte und dumme Karnevals-Liäson' hört sich sehr beunruhigend an. Sollte sie tatsächlich ....? Nee, so dumm laufen kann es bestimmt nicht. Sie war ja schon recht aufdringlich. Vielleicht will sie einfach mehr. Mal abwarten, ob sie sich noch einmal meldet. Aber woher hat sie bloß meine Email-Adresse? Na ja, einen Professor Dieter aus Frankfurt zu entdecken, ist wohl nicht die größte Kunst. Der Zettel mit ihrer Nummer kommt aber mit ins Gepäck für meine Reise nach Frankfurt. Wenn überhaupt kann ich nur von dort aus mit ihr telefonieren.

In der Nacht kann ich trotz Rückenschmerzen und dieser Email erstaunlich gut schlafen. Ich habe das mit Carla geschafft, ich werde auch das hier schaffen.

Dienstag, 21. März 2006

Meinem Rücken geht es leider nicht besser und gehe daher zu Lars. Er macht ein Röntgen-Bild: Die Skoliose nimmt gnadenlos ihren Verlauf. Als Folge davon und des vor Jahren erlittenen Bandscheibenvorfalls werden über kurz oder lang auch die Wirbelgelenke angegriffen, was bereits hier die Ursache der Schmerzen sein kann. Ich bekomme eine spezielle Muskelaufbau-Therapie verschrieben, obwohl ich eigentlich dachte, dass ich fleißig genug gewesen bin.

Frustriert von der Diagnose nehme ich meinen Zug nach Frankfurt, wo ich zwei Stunden später als geplant eintreffe. Ein Leben mit Schmerzen ist einfach kein Leben. Am Nachmittag ist die Sitzung unseres Fachbereichsrates. Eben schnell noch Email lesen. Nicht besonderes. Und das Telefon-Display: Dort steht eine Nummer '0151...'! Mir stockt der Atem. Dann hat sie es also doch weiter versucht. Vor Schreck drücke ich die Nummer weg.

Ich suche im Internet, nach 'Anke Kling'. Ihr Nachname war mir neu. Nicht viel Brauchbares, außer etwas vom Basketball. Dort ist auch ein Bild, aber das ist nicht besonders. Dennoch könnte sie es sein. Das Geburtsdatum passt jedenfalls.

Hm! Dann muss ich doch wohl mal anrufen. Ich krame den Zettel heraus. Mit klopfendem Herzen gebe ich die Nummer ein. Das Freizeichen ertönt und dann:

»Ja, Hallo?«

»Ähm hier ist Dieter. Spreche ich mit Anke? Ich bin der von Karneval.«

»Ja ...« Sie klingt zögerlich.

»Du hast mir eine Email geschickt. Worum geht es?«

»Ja ... ähm ... ich würde mich gern noch mal mit dir treffen ...!« Das hört sich einigermaßen harmlos an. Besser lasse ich hier erst gar keine falschen Erwartungen zu. Ich hole als zu meinem Standard-Spruch in diesen Fragen aus:

»Du weißt, dass ich verheiratet bin. Ich habe also schon eine Frau und was soll ich mit noch einer?« Hat ja beim letzten Mal auch geholfen.

»Ja, daran hast du ja auch damals keinen Zweifel gelassen, als du so von deiner Tochter geschwärmt hast.«

Pause.

»Aber es wäre wirklich wichtig«, quengelt sie.

»Na, wenn es so wichtig ist, dann kannst du es mir ja auch direkt hier am Telefon sagen.«

»Hmm ... die bringst mich jetzt in eine dumme Lage ...«

»Komm, sag's!«

»Also«, beginnt sie langsam »ich war bis Dezember in einer festen Beziehung und habe die Pille genommen und diese erst Mitte Februar abgesetzt.«

Pause.

»Normalerweise braucht der Körper eine Weile, bis ...«

Lange Pause. Doch gar nicht harmlos!

»Also schwanger?!«, keuche ich.

»Ja«, antwortet sie etwas kleinlaut.

Die Stille ist nun auf meiner Seite. Ich ringe nach Atem. Der Boden wankt unter meinen Füßen. Meine Familie! Was wird aus meiner Familie?

»Dieter?«, klingt es am anderen Ende der Leitung.

»Dieter, für ist es eigentlich klar, dass ich das Kind nicht bekommen werde.«

»Also Abtreibung?« Wie schrecklich.

»Ja.«

»Geht das denn so einfach?«

»Ja, ich war schon bei einer Beratung.«

»Aber, kann man denn das nicht auch so irgendwie regeln, also das Kind zur Welt bringen?«

»Ich glaube, weil du schon zwei Kinder hast, müsstest du auch nicht so viel zahlen. Die Natur macht es einem auch schwer. Mein Körper verändert sich täglich. Die Brüste spannen und so weiter. Die Hormone sorgen dafür, dass man das Kind auch haben möchte.«

Das kann ich sehr gut verstehen. Trotz des Schrecks keimt etwas Stolz in mir auf, noch einmal Vater zu werden.

»Bist du sicher, dass das Kind von mir ist?«

»Ganz sicher!«

»Ich muss sofort mit meiner Frau reden. Das überstehen wir nicht.«

Ich überlege und bin unsicher.

»Oder was meinst du?«

»Nein ... warte noch. Das muss sie doch nicht erfahren. Es müssen doch nicht noch mehr Menschen unglücklich werden. Ich werde nichts erzählen. Erst wenn ich mich entscheide, es zu bekommen, müsstest du mit ihr reden.«

»In dem Fall würde ich übrigens auf einem Vaterschaftstest bestehen.«

»Ja natürlich, du kennst mich ja gar nicht.«

»Es ist die Entscheidung der Frau, oder? Ich kenne mich gar nichts aus. Wieso auch?!«

»Ja, aber ich möchte natürlich deine Meinung hören ....«

»Anke, egal wie du dich entscheidest, ich werde hinter dir stehen ... Ist das wirklich wahr? Oh nein! Oh Mann!«, stöhne ich.

»Oh Mann, ja!«

»Ich war ja so betrunken ...«

»Meinst du ich nicht? – Ich hatte auch noch tagelang dein Lachen im Ohr.«

Die ist ja direkt sympathisch, aber dafür habe ich im Moment keine Muße.

»Ich konnte mich auch gar nicht mehr so genau daran erinnern, ob der Akt überhaupt vollendet worden ist«, fügt sie hinzu. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Wie geht es nun weiter? Bis wann muss du dich entscheiden?«

»Ich habe am Donnerstag einen Frauenarzt-Termin. Dann sehen wir weiter.«

»Am Besten schickst du mir dann eine Email. Das ist am sichersten.«

»Ja, mache ich.«

Das Gespräch ist zu Ende. Du lieber Himmel! Ich sitze ewig da und starre an die Wand. Wie in Trance gehe ich zum Fachbereichsrat. Die Sitzung ist schon vorbei und es wird irgendetwas gefeiert.

»Hallo Dieter! Extra für dich habe wir heute auch mal Bier und nicht nur Sekt besorgt«, empfängt mich Carola, eine Kollegin. Oh Gott, danach ist mir nun gerade wirklich nicht zu Mute.

»Ich muss leider Tabletten nehmen. Schade!«, weiche ich aus. Wenigstens gibt es noch etwas zu essen und ich muss nicht auch noch ins Restaurant. Aber mir ist eher übel als nach Essen. Ich stopfe mir aber etwas rein. Mit einem Kollegen rede ich beim Essen über Rückenbeschwerden, denn er hatte auch schon einen Bandscheibenvorfall. Wenn die Wirbelgelenke ganz viel Ärger machen, werden sie verschraubt. Tolle Perspektive, toller Tag!

Ich verabschiede mich schnell wieder. Ich habe doch etwas nachgedacht. Die Sache ist viel zu heiß. Ich habe die Hose voll: Ich bin doch klar für die Abtreibung. Ich rufe noch einmal bei Anke an, welche, wie es scheint, gerade im Auto unterwegs ist. Ich sage es ihr und sie nimmt es zur Kenntnis.

Meinen täglichen Anruf bei Agnes bekomme ich auch noch auf die Reihe. Ich entschuldige mich mit Müdigkeit und Stress. Während der letzten Stunden habe ich wie im Rausch auch noch ein paar mehr oder weniger sinnvolle Email im Zusammenhang mit meiner Arbeit versendet. Ich wundere mich über mich selbst.

Ich der folgenden Nacht in meinem Frankfurter Hotel mache ich noch einen Eintrag in meinem Computer-Tagebuch. Trotzdem mache ich in der Nacht kein Auge zu. Was für ein Scheißtag! Wie soll das nur weiter gehen? Vater werden macht stolz. Aber wie soll das mit meiner Familie und Agnes gehen? Das erträgt sie nicht. Wenn das Kind volljährig wird, wäre ich schon 60. Eine Frau in Ankes Alter ist gewiss von der Natur darauf programmiert, das Kind behalten zu wollen. Wenn sie so ist wie die meisten Frauen, wird sie die Entscheidung, die sie eigentlich schon getroffen hat, sicher noch in Frage stellen und dann doch vielleicht ganz anders urteilen. Ich stelle mich also auf eine Zeit der Unsicherheit ein. Wie können ein paar Minuten Spaß die Welt nur so verändern?

Mittwoch, 22. März 2006

Am anderen Morgen ist zum Glück noch keine Vorlesung, denn es ist die erste Semesterwoche und es steht eine Nachklausur fürs Programmieren auf dem Programm. Dazu müssen wir raus in ein anderes Gebäude am anderen Campus. Dazu holt mich mein Kollege Gerhard wie verabredet morgens vom Hotel ab. Ich muss schrecklich aussehen, aber er sagt natürlich nichts.

Ich versuche meinen Job so gut es geht zu machen und den Studis ihre Fragen zu beantworten, doch merke ich, wie schwer es mir fällt, mich zu konzentrieren. Eine hübsche Studentin mit einem eben solchen Dekolletee wage ich kaum anzusehen. Dieter, jetzt ist Schluss damit! Dein Leben hat sich zu ändern. Wenn immer die Gelegenheit besteht, kümmere ich mich um meine Email. Wie schon am Vortag versuche ich auf schlafwandlerische Weise meiner Arbeit nachzukommen. Dies wird auch in der nächsten Zeit so bleiben. Nebenher überlege ich, vielleicht doch mit Agnes zu reden, aber auch ein Blick auf den Terminkalender hält mich davon ab: Sämtliche folgende Wochenenden sind verplant. Und ein Thema fürs Telefon ist das nun wirklich nicht.

Auf der Rückfahrt spricht mich Gerhard auf meine Rückenbeschwerden an. Umgekehrt erzählt er von Schwierigkeiten mit seiner Schulter, die er sich einst beim gemeinsamen Familienurlaub beim Ski-Fahren zuzog. Das Gespräch ist also bei privaten Dingen angelangt und wir sprechen auch über seine Ex-Frau und wie das heute so ist. Ich nutze spontan die Gelegenheit und sage, dass ich auch private Probleme habe und bei Gelegenheit gern mal mit ihm darüber sprechen würde. Jemanden, den ich darauf ansprechen könnte, gibt es sonst nicht. Mit Hendrik hat das nach meinen letzten Erfahrungen mit ihm definitiv keinen Sinn. Früher gab es da mal einen Freund namens Lars, der aber ist inzwischen in der Versenkung verschwunden. Außerdem sollte es in Münster und Umgebung besser keine Mitwisser geben. Aber Gerhard ist definitiv weit genug entfernt, zwar kein guter Freund, aber mein Lieblingskollege, den ich auch sonst schon oft um Rat gefragt habe.

»Oder ginge es vielleicht schon heute Abend?«, frage ich frei raus.

»Ja, heute hätte ich Zeit«, höre ich erleichtert und wir verabreden Ort und Zeitpunkt. Zurück an der Hochschule in Frankfurt gebe ich ihm im Treppenaufgang schon die wichtigsten Vorabinformationen. Dass eine junge Frau, die mich gestern anrief, bei einem One-Night-Stand von mir schwanger geworden ist und dass sie eine Abtreibung vorhat.

Am Nachmittag habe ich verschiedene Termine mit Studenten. Für zwei kleinere Gruppen bin ich Mentor. Danach ist Klausureinsicht vom Vorsemester. Ich verbringe den Nachmittag also damit, mich um die Sorgen anderer Leute zu kümmern. Das fällt mir angesichts meiner eigenen Situation schwer, aber ich merke dabei, dass ich nicht der einzige Mensch mit Problemen bin. Ein schon sehr alter Student (d.h. älter als ich) berichtet mir von seinem Vorleben als bankrotter Zahnarzt, psychischen Problemen, Gerichtsprozessen und den heutigen Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Job zu finden.

Obwohl es noch nicht besonders spät ist, ist die Kneipe unserer Wahl ist ziemlich bevölkert, denn es ist Happy Hour. Wir können uns nur an den Rand eines Tisches setzen, der schon andere Leute beherbergt. Aber es ist laut genug, sodass Gerhard unvermittelt in das Thema einsteigt:

»Vor einiger Zeit kam eine Studentin in meine Sprechstunde und fragte, ob sie für drei Wochen im Praktikum aussetzen könnte. Als ich fragte warum, sagte sie mir, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch vorhatte. Sie war sehr offen und erzählte mir von ihrem Freund und so weiter. Da bin ich natürlich neugierig geworden und habe weiter nach gefragt. Um das machen zu können, musste sie sich bei irgendeiner Organisation beraten lassen, von der dann eine Bescheinigung ausgestellt wird, die zur Abtreibung berechtigt. Als sie wieder da war, habe ich nochmal mit ihr geredet, wie es denn gewesen wäre. Es lief alles problemlos. Es war ein ganz kleiner Eingriff.« Ich stelle noch ein paar Fragen zu verschiedenen Details.

Wir wechseln an einen anderen Tisch, den wir für uns alleine haben. Dann erzähle ich, wie es dazu gekommen ist, wie knapp es war, dass wir uns überhaupt kennen gelernt und ich mitgekommen bin.

»Ein Sechser im Lotto ist wahrscheinlicher!«, sagt er leicht belustigt und dann: »In einer Abtreibung sehe ich nichts wirklich Schlimmes. Bei der Pille wird die Verschmelzung eben kurz vorher und bei dem Eingriff eben kurz nachher verhindert.« Ich glaube ihm das, denn ich halte es für ein gutes Argument.

»Ich weiß allerdings noch nicht so recht, ob ich es meiner Frau erzählen soll. Ich hoffe, mir das sparen zu können.«

»Viel passiert ist ja im Grunde nicht, denn ihr habt euch ja nicht weiter getroffen und auf einem Fest kann so etwas schon mal vorkommen.« Danach beginnt er mich auszufragen, wie weit wir aus einander wohnen und ob Agnes und Anke sich vielleicht kennen oder treffen könnten. Als ich antworte, dass das sehr unwahrscheinlich ist, meint er: »Ich denke doch, du solltest das für dich behalten. Warum solltest du so viel Staub aufwirbeln? Wenn sie es später irgendwie erfährt, kracht es zwar richtig ... aber nein.«

»Ich glaube allerdings, dass die junge Dame sich noch nicht zu hundert Prozent entschieden hat. Frauen in dem Alter wollen einfach ein Kind, dafür sorgen allein die Hormone.«

»Am besten rufst du sie heute noch einmal an und machst klar du dich nicht um das Kind kümmern wirst oder kannst.« Das halte ich für eine gute Idee. Wir essen zu Ende und versuche ihn einzuladen, was er aber ablehnt. Ich bin froh mit ihm geredet zu haben, denn er hat so eine beruhigende und sachliche Art. Beim Abschied bedanke ich mich, so gut ich kann.

»Ach, manchmal braucht man einfach ein Ohr.«

»Ich halte dich auf dem Laufenden.«

Dann gehe ich zurück in mein Büro in der Hochschule. Draußen ist es immer noch sehr winterlich nass-kalt; für die Jahreszeit zu kühl, erst recht in Frankfurt. Es ist so gegen 20:30 Uhr, als ich bei Anke anrufe. Ich habe Glück und erreiche sie sofort. Diesmal bin ich nicht so aufgeregt wie beim letzten Mal. Ich versuche schlicht alle Argumente, die für eine Abtreibung sprechen, in Waagschale zu werfen. Ich beginne damit, dass ein Leben mit oder ohne Kind einen riesigen Unterschied macht und einem dadurch jede Art von Egoismus ausgetrieben wird.

»Ja ich denke, ich bin schon ganz schön egoistisch«, ist ihre Reaktion.

Dann erzähle ich, was beim Leben mit Kindern alles schief gehen kann und was für ein Aufwand das bedeuten kann.

»Was hast du denn für Kinder?«, fragt sie belustigt.

»Ganz normale. Es ist einfach so, dass mit Kindern oft Sachen nicht so laufen wie geplant.«

Dann will sie wissen, ob ich sie denn nicht irgendwie mit dem Kind unterstützen könnte.

»Nein«, antworte ich knapp und vielleicht etwas schroff. »Das lässt sich einfach nicht machen. Auch vom Finanziellen. Natürlich verdiene ich gut, aber für fünf Leute reicht es nicht.«

Sie stimmt mir außerdem zu, dass sie noch jung genug ist, jemanden zu finden, mit dem sie bewusst ein Familie gründen kann. Zusätzlich greife ich Gerhards Argument auf, dass eine Abtreibung kaum etwas anderes als die Einnahme der Pille ist. Davon will sie aber nichts wissen. Da ich einsehe, dass die Idee nicht so toll war, wechsele ich das Thema und frage nach ihrem Job. Sie ist gerade als Lehrerin angefangen und wüsste auch nicht so ganz, wie sich eine Schwangerschaft auf ihre Verbeamtung auswirken würde. Prima, denke ich insgeheim, das wird sie stark beeinflussen.

Trotz der leicht angespannten Atmosphäre gerät das Gespräch aber doch nach und nach in ruhigeres Fahrwasser. Ich erzähle davon, dass ich letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen habe und sie sagt, dass es bei ihr am Sonntag genauso gewesen wäre.

»Dass mir so etwas passiert, in meinem Alter!«, stöhne ich. »Das darf einfach nicht passieren, da habe ich auch höhere Ansprüche an mich selbst.« Ich höre einen Laut der Zustimmung. »Wenn meine Tochter mir so etwas käme .... – Aber eines ist klar: Mein Leben wird sich von nun an ändern. Keine wilden Besäufnisse mehr!« Zum ersten Mal höre ich sie etwas lachen. Ich kann mir nicht helfen, aber sie ist doch netter, als ich gedacht hätte.

»Wie hast du mich eigentlich gefunden?«, will ich dann noch wissen.

»Ich habe bei den Mädels vom Basketball herum gefragt. Ich habe einfach erzählt, ich hätte mich in dich verknallt.« Und sie fügt hinzu: »Am Anfang war ich das ja auch.« Ich fühle mich geschmeichelt – vielleicht so gar mehr als das. Später werde ich glauben, dass das genau der Augenblick war, in dem es mich erwischt hat. Schnell redet sie weiter. »Über ein paar Ecken kannte dich dann jemand. Dann habe ich dich im Internet gesucht und alles mögliche versucht.«

»Gut dass du nicht die Everswinkeler Nummer benutzt hast.«

»Bella habe ich übrigens auch nur erzählt, dass wir nur noch ein bisschen geknutscht hätten, bevor du dann gegangen bist, weil du verheiratet warst. Bella kannte dich auch gar nicht. Da hat sicher keiner was gemerkt.« Das beruhigt mich sehr.