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Luise steht kurz vor ihrer Steuerberaterprüfung und ihre Karriere in der Kanzlei, in der sie und ihr Lebensgefährte arbeiten, scheint vorprogrammiert. Doch plötzlich kommt alles ganz anders. Verlassen von ihrem Partner bricht für sie eine Welt zusammen. Und dann flattert auch noch eine Erbschaft ins Haus, eine Erbschaft in Namibia. Trotz aller Zweifel begibt sich Luise auf die Spuren ihres Onkels und bietet sämtlichen Widrigkeiten die Stirn. Dabei kämpft sie mit Martha und Carl um das Überleben der Lodge und trifft auf Michael, den überaus attraktiven Nachbarn...
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Zum Buch:
Luise steht kurz vor ihrer Steuerberaterprüfung und ihre Karriere in der Kanzlei, in der sie und ihr Lebensgefährte arbeiten, scheint vorprogrammiert. Doch plötzlich kommt alles ganz anders. Verlassen von ihrem Partner bricht für sie eine Welt zusammen. Und dann flattert auch noch eine Erbschaft ins Haus, eine Erbschaft in Namibia. Trotz aller Zweifel begibt sich Luise auf die Spuren ihres Onkels und bietet sämtlichen Widrigkeiten die Stirn. Dabei kämpft sie mit Martha und Carl um das Überleben der Lodge und trifft auf Michael, den überaus attraktiven Nachbarn...
Über die Autorin:
Brigitte Elbert kam durch ihre Liebe zu Büchern und inspiriert durch zahlreiche Reisen und Auslandsaufenthalte selbst zum Schreiben. Sie lebt in Deutschland und arbeitet hauptberuflich in einem Büro.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
BRIGITTE ELBERT
Funkelnde Sterne am Wüstenhimmel
Roman
»Wissen Sie Frau Mertinger, Ihr Onkel hat Ihnen sein Lebenswerk hinterlassen, mit der Auflage, dass Sie erst nach einem Jahr aus freien Stücken verkaufen dürfen, es sei denn die Umstände zwingen Sie dazu«, sagte der Notar und alte Freund meines Onkels Alfred. »Bis dahin müssen Sie dem Verwalter der Lodge für jegliche Belange mit Rat und Tat zur Seite stehen.«
Betroffen lehnte ich mich in meinem Sessel zurück und mir rauschte das Blut in den Ohren.
Oh nein, das durfte nicht wahr sein. Auch das noch!
Nicht nur, dass ich kürzlich Hans, meinen langjährigen Lebensgefährten, mit einer anderen Frau eng umschlungen auf einer After-Work-Party erwischt hatte, stand ich auch noch kurz vor meiner Steuerberaterprüfung. Ich konnte doch unter diesen Umständen unmöglich nach Afrika reisen, um mich um den Nachlass meines Onkels zu kümmern.
Er war Insektenforscher und hatte eine kleine Forschungsstation im namibischen Buschland. Damit er sich diese Leidenschaft finanzieren konnte, baute er vor einigen Jahren ein paar Hütten, die er an Touristen vermietete oder Biologiestudenten, die ihn bei seinen Forschungen unterstützten, zur Verfügung stellte.
Der Notar räusperte sich und riss mich aus meinen Gedanken: »Sie wissen, dass Sie die Erbschaft nicht annehmen müssen. Ihr Onkel hat mir vor einigen Wochen diesen Brief hier übersandt, für den Ernstfall. Nehmen Sie sich am besten ein paar Tage Bedenkzeit.« Er hielt kurz inne, bevor er mir den Umschlag reichte und fortfuhr: »Er war sehr eigensinnig, aber in seinem Herzen war immer ein Platz für Sie. Nach dem tragischen Tod Ihrer Eltern hatte er sich verantwortlich für Sie gefühlt, auch wenn er weit weg war.« Mit diesen Worten entließ er mich in einen regnerischen Freitagnachmittag.
Brrr. Es klingelte an der Haustüre.
Das Taxi zum Flughafen war überpünktlich und ich stopfte in der letzten Sekunde meine restlichen Sachen in die Tasche, bevor ich die Treppe hinuntersauste.
»Flughafen, Terminal 2, bitte«, sagte ich atemlos zu dem Taxifahrer und mir wurde schlagartig bewusst, dass es nun ernst wurde. Auf dem Weg an den Flughafen überprüfte ich zum hundertsten Mal, ob ich alle Ausweise und Papiere eingepackt hatte.
In der Abflughalle herrschte reges Treiben und ich kämpfte mich durch Horden von Touristen und hektische Geschäftsleute bis zum Check-in-Schalter der Fluggesellschaft. Glücklicherweise musste ich dort nicht lange warten. Entgegen meiner Gewohnheit wählte ich einen Fensterplatz, gab das Gepäck auf und erhielt reibungslos die ersehnte Bordkarte.
Um mir die nächsten beiden Stunden bis zum Abflug angenehmer zu gestalten, genehmigte ich mir zur Beruhigung ein Glas Champagner. Dazu ließ ich mich in einen der großen Sessel fallen und beobachtete das Kommen und Gehen der unterschiedlichen Nationalitäten.
Mir gefiel die Stimmung auf dem Flughafen, das Gefühl von Aufbruch und Abenteuer. Ich sah Menschen, die sich liebevoll voneinander verabschiedeten, oder sich nach einer Reise beim Wiedersehen in die Arme fielen.
Die letzten Wochen waren vollgestopft mit Terminen. Eigentlich hatte ich vor, mich intensiv auf meine Steuerberaterprüfung vorzubereiten, doch dann traf der Brief des Verwalters der Lodge ein. Da der Nachlass bislang nicht geregelt war, wollte die Bank das bestehende Darlehen nicht verlängern. Aus einem Impuls heraus entschied ich mich, die Erbschaft anzunehmen und die Prüfungsvorbereitungen nach Namibia zu verlagern. Da ich ohnehin ein paar Wochen frei hatte, konnte ich so vor Ort die rechtlichen und finanziellen Verhältnisse klären. Wahrscheinlich würde ich dort mehr Ruhe finden als in Frankfurt, dachte ich.
Kurz nach 20 Uhr hob die Maschine Richtung Namibia ab, es ging in ein für mich unbekanntes Land. Ein wenig mulmig war mir schon zumute und ich bangte, die Entscheidung zu schnell getroffen zu haben.
Sobald wir in der Luft waren und unsere Flughöhe erreicht hatten, stiegen mir schon die Gerüche der Flugzeugküche in die Nase.
Kurz darauf zwängte sich eine füllige afrikanische Stewardess geräuschvoll durch den Gang und stellte mir ungefragt eine heiße Aluschale vor die Nase. Nach einem Blick unter den Deckel entschied ich mich, mir ein namibisches Bier zu gönnen und auf die Mahlzeit zu verzichten da ich keinen großen Appetit hatte. Nur ein paar Cracker mit einer Ecke abgepacktem Käse knabberte ich dazu. Da es kein Entertainment-System an Bord gab, versuchte ich etwas zu schlafen. Leider vergeblich. Die Gedanken über die Erbschaft kreisten mir unaufhörlich im Kopf.
Was mich wohl erwarten würde?
Ich faltete den Brief meines Onkels, den ich schon in- und auswendig kannte, zum wiederholten Male auseinander und überflog die Worte:
»Liebe Luise, ich bedauere sehr, dass wir uns einige Jahre nicht gesehen haben, dennoch bin ich im Gedanken stets bei dir, meine geliebte Nichte. Ich sehe dich immer noch als kleines blondes Mädchen vor mir, wie du, mit einem Insektennetz bewaffnet, mit mir über die Wiesen gewandert bist. Und wie deine Augen geleuchtet haben, wenn wir interessante Insekten im Netz hatten. Ich musste alle wieder in die Freiheit entlassen, weil du es nicht ertragen konntest, dass sie aufgespießt werden. Ich hatte nie eine eigene Familie, eigene Kinder, meine Leidenschaft galt überwiegend der Insektenforschung. Daher habe ich früher die Zeit mit euch sehr genossen, auch wenn das die Momente im Leben waren, in denen ich mir eine eigene süße Tochter wie dich gewünscht habe. Leider wolltest du nach dem Tod deiner Eltern nie wieder nach Afrika reisen und ich konnte die Forschungsstation nicht im Stich lassen. Deine Eltern haben Afrika geliebt, das Gefühl von Freiheit und Energie, auch wenn ihnen diese Liebe letztendlich zum Verhängnis wurde. Dennoch war es nur ein tragischer Unfall. Ich weiß, es ist sehr viel von dir verlangt, die Erbschaft anzutreten, aber vielleicht ist es an der Zeit, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen.
Überlege es dir gut!
Du bist stärker, als du denkst.
Ich bin zuversichtlich, dass du dich dafür entscheiden wirst. Mein Verwalter ist ein fähiger Mann und wird dir bedingungslos zur Seite stehen. Ich hoffe, dass auch ich ein Auge auf dich und die Lodge haben kann.
In Liebe, lebe wohl!
Dein Onkel Alfred.«
Ich steckte den Brief behutsam zurück in seinen Umschlag, lehnte mich an das Fenster und stierte in die dunkle Nacht. Meine Augen waren von Tränen verschleiert.
Erinnerungen an glückliche Kindheitstage kamen in mir hoch und ich versuchte, das Gefühl von Geborgenheit aus dieser Zeit festzuhalten. Dazu gesellte sich leider der immer noch vorhandene unendliche Schmerz, als der Tod meine Eltern viel zu früh aus dem Leben gerissen hatte. Ich spürte noch lebhaft die Kälte, die mich umfasste, wie ich hilflos an ihrem Grab stand und sich eine absolute Leere in meinem Inneren breitmachte. Wie erstarrt blickte ich auf die Särge, die ihre Überreste beinhalteten, die aufwendig vor der Küste Südafrikas geborgen werden mussten. Ich konnte lange keine Worte finden und war wie gelähmt. Erst ein paar Tage nach ihrer Beerdigung brach sich all die Trauer Bahn und die Tränen brauchten Wochen, um zu versiegen. Alfred begleitete mich in der Zeit wie ein Schatten. Er sorgte dafür, dass ich etwas zu essen und zu trinken hatte, und bot mir seine Arme, wenn ich das Gefühl hatte, dass es mich zerreißen würde. Mein Onkel kehrte erst wieder nach Namibia zurück, nachdem er sicher sein konnte, dass ich den Alltag meistern würde und mich ein wenig gefangen hatte.
Wir flogen durch die Nacht. Später fand ich doch noch ein wenig Schlaf, bevor ich gegen fünf Uhr morgens vom Duft nach warmen Würstchen, Eiern und Filterkaffee geweckt wurde.
Nach circa zehn Stunden Flugzeit landete unsere Maschine am frühen Morgen in Windhoek. Beim Landeanflug konnte man über die weiten, sanften Hügel der Aus-Berge blicken. Unter uns stoben vom Flugzeuglärm aufgeschreckte Springböcke auseinander, die die Erde aufwirbelten und diese in der Morgensonne zum Tanzen brachten. Im Grunde wäre der Anblick ganz ergreifend gewesen, wenn der Anlass meiner Reise ein anderer gewesen wäre.
Ich wartete und wartete, aber mein Gepäck wollte nicht auftauchen.
Das war doch nicht die Möglichkeit, dachte ich mit wachsender Verzweiflung. Nach zwei Stunden und keiner weiteren Aussicht auf Erfolg wendete ich mich an das Bodenpersonal. Dieses jedoch zuckte nur mit den Schultern und nahm meine Kontaktdaten in Namibia auf.
»Mehr können wir leider nicht für Sie tun, Misses«, war die Auskunft. »Wir werden Sie benachrichtigen, sobald ihr Gepäck aufgetaucht ist.«
Mit diesen Worten brach eine halbe Welt für mich zusammen. Ich hatte nichts zum Anziehen, außer das, was ich am Leibe trug, und meine Fachlektüre, mit der ich mich auf die Prüfung vorbereiten wollte, war irgendwo zwischen Frankfurt und Windhoek auf der Strecke geblieben. Ich hätte mich am liebsten in die letzte Ecke verkrochen und losgeheult. Aber das war nun auch keine Lösung. Mit etwas Glück wurde mir der Koffer in ein paar Tagen nachgeliefert, hoffte ich.
Ich suchte die Ankunftshalle nach dem Verwalter der Lodge ab, der den Auftrag hatte, mich abzuholen. Kurz bevor ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, entdeckte ich neben dem Tresen eines Schnellimbisses ein Schild mit meinem Namen. Der mutmaßliche Besitzer saß, mit dem Rücken zu mir, vor einem Bier an der Theke.
Na super!, schoss es mir alarmiert durch den Kopf, das war aber hoffentlich sein erstes. Es war gerade mal halb zehn Uhr morgens.
Nervös trat ich hinter ihn und räusperte mich.
»Hallo?«, tippte ich ihm fragend auf die Schulter.
Der Mann drehte sich um und ich sah in ein Paar graublaue, etwas müde blickende Augen. Die Fältchen, die diese umspielten, deuteten allerdings auf einen gutmütigen Charakter hin. Sein Haar war schon ein wenig licht und seine wettergegerbte Haut sprach dafür, dass er viel Zeit unter der Sonne Afrikas verbrachte. Ich schätzte ihn auf Anfang fünfzig und, aufgrund seines zerzausten Äußeren, als alleinstehend ein.
»Sie sind Luise, oder?«, fragte er mit dem Anflug eines Lächelns und reichte mir die Hand.
»Ja«, nickte ich, »freut mich, Sie kennen zu lernen«.
»Sie können gerne Carl zu mir sagen. Wir sind hier generell nicht so förmlich«, erwiderte er entspannt, »ich habe Sie schon vor zwei Stunden erwartet. Willkommen in Namibia!«
»Vielen Dank, dass Sie auf mich gewartet haben«, antwortete ich mit Blick auf sein Bierglas. »Mein Gepäck ist leider nicht auffindbar und das Bodenpersonal war heute Morgen noch etwas träge. Es hat ewig gedauert, bis alle Daten aufgenommen waren.«
Er musterte mich belustigt. »Sie sind hier in Namibia, da ticken die Uhren anders.«
Wir traten aus dem Flughafengebäude hinaus, in den jetzt schon heißen Vormittag.
»Um diese Jahreszeit kann es hier in der Gegend recht warm und schwül werden, auch wenn die Regenzeit noch eine Weile auf sich warten lässt«, erklärte er, »bei uns auf der Farm ist es aber meist trockener.«
Puh, in dem warmen Outfit fing ich umgehend das Schwitzen an und wünschte mir meinen Koffer herbei. Zum Glück hatte ich wenigstens die Sonnenbrille in der Handtasche.
Der Verwalter führte mich zu einem alten Toyota Land Cruiser und öffnete mit einem gewaltigen Ruck die Türe.
»Bitte sehr«, bedeutete er mir einzusteigen und setzte zu einer Erklärung an, »sie klemmt zuweilen.«
Ich kletterte auf den Beifahrersitz und versuchte, mir ein wenig Platz im Fußraum zu schaffen, der übersät war von leeren Flaschen.
»Oh, entschuldigen Sie. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie zu entsorgen.« Er schien sich offensichtlich nicht weiter daran zu stören und startete den Motor.
Das Fahrzeug hatte zwar keine Klimaanlage, aber durch die geöffneten Fenster strömte der Fahrtwind erfrischend herein.
Nach einer weitestgehend schweigsamen Fahrt, in der ich die ersten Eindrücke auf mich wirken ließ, erreichten wir etwa eine Stunde später Windhoek.
Als Hauptstadt ist sie zwar die größte Stadt Namibias, aber dennoch eher beschaulich.
Carl musterte mich von der Seite. »Ich würde Ihnen empfehlen, sich hier ein paar Klamotten zu kaufen. Ich werde da vorne halten, dann können Sie in den Safari-Laden dort drüben gehen. Eine andere Chance zum Einkaufen werden Sie so schnell nicht mehr bekommen.«
»Meinen Sie, das tut not? Das Bodenpersonal hat mir versichert, dass der Koffer gleich mit der nächsten Maschine kommen und auf die Farm gebracht werden würde.«
Carl schmunzelte: »Glauben Sie wirklich daran? Sie können sich glücklich schätzen, falls Ihr Gepäck überhaupt wieder auftaucht«, holte er mich auf den Boden der Tatsachen zurück und lenkte den Wagen in die Parklücke. »Ach, und vergessen Sie nicht, sich Schnürstiefel wegen der Schlangen und einen Hut gegen die Sonne zu kaufen. Außerdem würde ich Ihnen raten, ein paar langärmelige Hemden mitzunehmen. Ich warte so lange da drüben in der Bar«, sagte er und verschwand in die besagte Richtung.
Na, hoffentlich betrinkt er sich nicht, dachte ich und nahm mir vor, nicht allzu viel Zeit beim Einkaufen zu verbringen. Ich war ohnehin hundemüde von dem Nachtflug und hatte Sehnsucht nach einer Dusche und ein wenig Schlaf.
Ich betrat den Laden und schaute mich um.
»Hallo! Ist da jemand?«
»Ja, Madame, wie kann ich Ihnen helfen?« Hinter der Theke tauchte ein grauhaariger Mann auf, der mir nicht gerade wie der richtige Einkaufsberater vorkam.
»Ich brauche ein paar buschtaugliche Klamotten. Kann ich mich einfach umsehen?«
»Ja gerne, probieren Sie so viel Sie möchten.«
Ich ließ meinen Blick durch den Laden schweifen. »Und wo finde ich die Umkleidekabinen?«
»Umziehen können Sie sich dort hinten in der Ecke.« Er deutete auf eine Art Abstellkammer, wo ein halb blinder Spiegel hing. »Umkleiden habe ich leider keine. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen Sie.«
Nach einer Weile steuerte ich zielsicher, mit einem Arm voller Kleidungsstücke in Naturtönen, auf die Anprobe zu.
Aaahh!
Vor Schreck ließ ich das Bündel fallen.
Ich schluckte.
Der Raum stand voll mit Gewehren und Munition. In meinem ganzen Leben war ich einer Schusswaffe noch nie so nahegekommen, nicht mal auf der Kirmes.
Wo war ich hier nur gelandet?
Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, probierte ich den Stapel Klamotten. Sonderlich feminin waren sie nicht. Nach geraumer Zeit trat ich aus der Abstellkammer hervor.
»Haben Sie die Schuhe auch für Damen? Und die Hemden ein paar Nummern kleiner?«
Der Ladeninhaber grinste mich an und prüfte den Sitz der Schnürstiefel.
»Die Schuhe sind absolut passend für Sie. Sie stützen Ihre Knöchel im unwegsamen Gelände und schützen Sie vor Schlangen. Wo soll die Reise denn hingehen?«
»Ja, wenn ich das nur selbst so genau wüsste. Ich bin auf dem Weg in die Naukluft-Region, zur Farm meines verstorbenen Onkels.«
»Oh, dann sind Sie sicherlich Alfreds Nichte. Schön, Sie kennen zu lernen, auch wenn die Umstände sehr traurig sind. Ich kannte Ihren Onkel gut und werde ihn vermissen. Carl kam gestern hier vorbei und erwähnte, dass er sie abholen würde.« Er schwelgte in Erinnerungen, bevor er fortfuhr: »Alfred und ich waren oft zusammen in den Aus-Bergen wandern. Ich habe die Zeit mit ihm immer genossen, da er die Dinge gerne erfrischend anders sah als die meisten hier.«
Es fühlte sich für mich komisch vertraut und doch zugleich fremd an, wenn Menschen, die mir unbekannt waren, etwas über meinen Onkel erzählten.
Wie sein Leben hier wohl war? Welche Kontakte er hatte?
»Dort drüben finden Sie weitere Hemden in kleineren Größen«, erinnerte mich der Inhaber an den Grund meines Besuchs, »aber nehmen Sie besser welche mit langen Ärmeln, die Sie vor der sengenden Sonne schützen.«
Dies war zwar nicht mein bevorzugter Kleidungsstil, aber dennoch fühlte ich mich gleich besser, sobald ich aus den dicken Klamotten geschlüpft war.
Nachdem ich das Passende gefunden hatte, und sogar ein legeres Leinenkleid dabei war, hievte ich die Kleidungsstücke auf die Theke.
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das hier gleich anbehalte?«
»Nein, kein Problem. Die Preisschilder kann ich Ihnen abschneiden.« Er kramte in der Schublade nach einer Schere und machte sich an meiner Hose zu schaffen. »Eine ausgezeichnete Wahl. Es wird ein paar Stunden dauern, bis Sie auf der Farm angekommen sind, da ist es besser, wenn Sie etwas Luftiges tragen.«
»Kann ich bei Ihnen mit Kreditkarte zahlen? Ich hatte noch keine Zeit, mir Bargeld zu organisieren«, wedelte ich entschuldigend mit meinem Plastikgeld.
»Ja, selbstverständlich, solange mich das Gerät nicht wieder im Stich lässt.«
Nach dem dritten Anlauf funktionierte es glücklicherweise auch mit der Kreditkartenzahlung.
»Wenn Sie Hilfe benötigen während Ihrer Zeit in Namibia, können Sie sich gerne an mich wenden. Und grüßen Sie Carl.« Er drückte mir zum Abschied seine Visitenkarte mit Telefonnummer in die Hand. »Passen Sie auf sich auf.«
»Vielen Dank. Das ist sehr freundlich von Ihnen.«
Erleichtert verließ ich den Laden und machte mich vollbepackt auf den Weg zur Bar, in der Carl verschwunden war.
Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich.
Ich sah ihn, heftig mit dem Wirt diskutierend, am Tresen stehen, offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern. Vor ihm standen ein Bier sowie ein Schnapsglas mit undefinierbarem Inhalt, grün und hellbraun.
Leicht panisch schritt ich auf die beiden zu. Erst nachdem ich mich etwas lauter geräuspert hatte, nahmen sie Notiz von mir.
»Da sind Sie ja endlich! Ich dachte schon, Sie hätten sich verlaufen«, lallte Carl. »Das ist Luise, Alfreds Nichte«, stellte er mich, an den Wirt gewandt, vor. »Sie wird jetzt die Leitung der Lodge übernehmen.«
Na, da war ich mir aber nicht so sicher, zweifelte ich und lächelte dem Wirt zu. Dieser sah mich nur skeptisch an, sein Blick sprach Bände.
»Carl, Sie können doch in diesem Zustand nicht mehr Auto fahren. Wie kommen wir denn jetzt zur Lodge?«
»Keine Angst, Luise. Den Weg finde ich jederzeit ohne Probleme.« Und schon bekam er Schluckauf.
Torkelnd nahm er seinen Hut und legte ein paar Dollar auf den Tresen. »Bis zum nächsten Mal, Ralph«, verabschiedete er sich.
Auf dem Weg zum Auto sah er mich nach einer Entschuldigung suchend aus trüben Augen an. »Da die Farm so abseits liegt, kommt man leider nur selten dazu, seine alten Freunde zu besuchen.«
»Ich glaube, es ist besser, wenn ich fahre. Sie müssen mir nur den Weg weisen. Den Rest bekomme ich schon hin«, erwiderte ich in einem Ton, der keine Zweifel zuließ, und nahm ihm den Schlüssel aus der Hand.
Zum Glück herrschte in Windhoek nur mäßiger Verkehr, so dass ich mich an den alten Jeep und den Linksverkehr gewöhnen konnte. Sobald wir die Stadt verlassen hatten, war es weniger problematisch, da die Straßen in gutem Zustand waren und nur wenige Fahrzeuge unterwegs waren.
Ich folgte Carls Anweisung und fuhr zuerst Richtung Rehoboth und dann weiter nach Mariental.
Um Windhoek herum war die Landschaft recht hügelig, danach wurde das Land immer flacher. Entlang der Straße verliefen unaufhörlich Zäune mit Farmland. Ab und an sah man Rinder und Schafe im Schatten der spärlichen Akazienbäume stehen. Der Himmel war schier unendlich und atemberaubend schön, mit kleinen Wolken, die am Horizont auf das endlose Land zu treffen schienen. Er wirkte wie eine luftig-leichte Decke.
In diesem Moment überkam mich ein überwältigendes Gefühl von Freiheit. Ich war fast dankbar dafür, dass Carl neben mir in einen tiefen Schlaf gefallen war und ich deshalb dem Small Talk entkommen konnte.
Nach etwa vier Stunden erreichten wir Mariental.
Mittlerweile machte sich die Müdigkeit bei mir bemerkbar und ich schien am Sitz zu kleben. Inzwischen blies auch mehr warme als kalte Luft durch die geöffneten Fenster ins Fahrzeug. Ich entschied mich für einen kurzen Stopp und weckte Carl, um zu prüfen, ob er für die Weiterfahrt tauglich war. Dem Geruch seiner Schnapsfahne nach zu urteilen, war ich wohl besser beraten, den Rest des Weges selbst zu fahren. Wenigstens konnte ich ihn dazu ermuntern, das Auto volltanken zu lassen, die immer noch im Fußraum klappernden Flaschen zu entsorgen und mir die weitere Route zu beschreiben.
Nachdem wir eine Kleinigkeit gegessen hatten, setzten wir den Weg Richtung Maltahöhe fort.
Wums!
Abrupt hörte die geteerte Straße kurz nach der Ortschaft auf und ging in eine Schotterpiste über. Wir donnerten durch ein paar Schlaglöcher und Carl schreckte aus seinem Schlaf auf.
»Mensch, passen Sie doch auf! Sie sind hier nicht zu Hause in Frankfurt. Sie bringen uns ins Grab!«, brüllte er mich aufgebracht an.
Na, das war ja jetzt die Höhe. »Dann fahren Sie doch selbst!«, blaffte ich zurück. »Wenn Sie sich nicht betrunken hätten, wäre ich nicht gezwungen, mich hinters Steuer zu setzen. Ich kenne die Straßen hier nicht und normalerweise fahre ich auch keine Rallyes über Schotterwege.«
»Dann sollten Sie sich gleich daran gewöhnen. Bei uns in der Gegend sind fast alle Straßen so. Der Wagen haftet nicht so gut auf dem Schotter und schon gar nicht, wenn der Weg abschüssig ist.« Er krallte sich am Haltegriff fest und war sichtlich nervös. »Passen Sie auf die Schlaglöcher auf«, gestikulierte er wild vor sich hindeutend und kniff die Augen zusammen als die nächste Senkung den Wagen erschütterte, »und seien Sie besonders in der Dämmerung vorsichtig, wegen der Tiere. Nicht, dass Ihnen ein Kudu in die Quere kommt.«
»Ein was?«, entfuhr es mir bei dem Kampf, das Fahrzeug zu verlangsamen und wieder unter Kontrolle zu bekommen.
»Ein Kudu. Das ist eine große Antilopenart. Wenn seine Hörner durch die Windschutzscheibe dringen, können die Sie ohne Probleme aufspießen. Oder das Auto ist Schrott und Sie müssen auf der Straße übernachten.«
Erschöpft fragte ich: »Wie weit ist es denn noch? Ich habe das Gefühl, dass wir schon eine Ewigkeit unterwegs sind.«
»Etwa eine Stunde. Wenn Sie möchten, kann ich Sie jetzt ablösen.«
Für das Angebot war ich im Moment wirklich dankbar und zwischenzeitlich dürfte der Alkoholpegel in Carls Adern wieder gesunken sein. Daher hielten wir kurz an und tauschten die Plätze.
Dabei vertrat ich mir ein wenig die Beine. Die Landschaft war hier hügeliger und karger als auf dem Weg. Die Sonne stand schon etwas tiefer und die Steppe wirkte golden. Hier und da waren Bäume über die Ebene verteilt, die lange Schatten warfen.
»Was hängt dort im Baum?«, fragte ich Carl.
»In dem Akazienbaum?« Er folgte meinem Blick und streckte seine Glieder aus. »Das ist ein riesiges Nest von Webervögeln. Darin können mehrere hundert Vögel leben. Sie sollten sich aber niemals direkt darunter stellen, denn Schlangen gehen dort gerne auf Beutejagd und fallen manchmal aus den Nestern heraus«, erklärte er mir, »die Vögel bauen an ihrer Behausung immer weiter, so dass es vorkommen kann, dass der Bau samt Ast herunterbricht.«
»Auf den ersten Blick meint man, dass in dieser schönen, aber kargen Landschaft nur wenige Lebewesen existieren können, dennoch hört man überall Vögel und andere Tiere.«
»Ja, in der Steppe gibt es sehr viel Leben, wenn man sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen. Lassen Sie uns weiterfahren, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit ankommen.«
Der folgende Weg war gesäumt von sanften Hügeln, vereinzelten Akazienbäumen und Zäunen. Ab und an schreckte ein Greifvogel am Straßenrand von seiner Beute auf. Auf den Weiden sah man nun vermehrt Rinder und Schafe auf Futtersuche, da die größte Hitze des Tages vorüber war.
Kurze Zeit später fielen mir die Augen zu und ich wachte erst wieder auf, als mich Carl weckte und wir auf der Farm angekommen waren. Es war bereits dunkel und empfindlich frisch.
»Willkommen auf Alfreds Lodge«, breitete Carl die Arme aus, »ich hoffe, Sie haben sich etwas Warmes zum Anziehen mitgebracht, Wüstennächte können recht kühl werden.«
»Ja, der Ladenbetreiber war so freundlich, mir ein paar Tipps zu geben.«
»Soll ich Martha, unserer Köchin und Mädchen für alles, Bescheid sagen, damit sie Ihnen eine Kleinigkeit zu essen macht? Ich denke, sie ist schon nach Hause gegangen.«
»Nein danke, nicht nötig. Ich nehme noch einen Schluck Tee und gehe dann zu Bett. Es war ein ereignisreicher und anstrengender Tag.«
Carl lud mein Gepäck ab und brachte es ins Haus. Außer ein paar Umrissen konnte ich in der Dunkelheit nichts sehen, ich nahm nur einen umwerfend frischen, leicht süßen Duft wahr und sog die Luft tief ein, bevor ich ebenfalls die Lodge betrat.
»Ich habe Alfreds Zimmer für Sie herrichten lassen. Wenn es Ihnen lieber ist, kann Martha morgen aber auch eines der anderen Gästezimmer für Sie zurechtmachen.«
Ich lief ihm hinterher und ließ mir mein Quartier für die nächsten Wochen zeigen.
»Nein, machen Sie sich keine Umstände. Ich bin sicher, dass die Zimmer meines Onkels gut genug für mich sind.«
Er nickte und verabschiedete sich. »Ja dann, gute Nacht. Und falls irgendetwas ist, können Sie jederzeit nach mir rufen. Ich wohne gleich in dem Bungalow dort drüben«, er deutete aus dem Fenster, in besagte Richtung.
Nur schemenhaft nahm ich das Haus wahr.
»Danke schön für alles. Schlafen Sie gut, Carl.«
Viel bekam ich von dem Abend nicht mehr mit. Ich fand ein kühles Bier im Kühlschrank und vergrub mich unter der Bettdecke.
Nachdem ich wie ein Stein geschlafen hatte, wurde ich von leisem afrikanischen Gesang geweckt. Ich blieb noch ein paar Minuten in dem herrlichen Himmelbett liegen und schaute mich durch das Moskitonetz hindurch in dem Raum um, den ich am Abend zuvor kaum wahrgenommen hatte.
Er könnte bei Gelegenheit mal einen neuen Anstrich gebrauchen, aber ansonsten war er, für das Zimmer eines alten Junggesellen, recht hübsch eingerichtet.
Die Wände zierten einige afrikanische Masken und filigrane Zeichnungen von Schmetterlingen. Die Möbel waren aus massivem Palisanderholz, das mal wieder geölt werden müsste, und eine Wand wurde komplett von einem deckenhohen Bücherregal eingenommen, das mit Büchern über Insekten und die gesamte Flora und Fauna Afrikas und der übrigen Welt vollgestopft war.
Das Licht warf sanfte Schatten an die Wände, eine leichte Brise bauschte die dünnen weißen Vorhänge auf und wehte den bezaubernden Duft durchs Fenster herein, den ich bei meiner Ankunft bereits bemerkt hatte.
In dem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass ich schon früher hierhergekommen wäre. Meine Eltern waren ein paar Mal hier und hatten sich ebenso in Afrika verliebt wie Alfred. Bei ihrer letzten Reise nach Südafrika vor acht Jahren waren sie auf dramatische Weise auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffnung, auf einer kurvenreichen Straße entlang der Klippen, mit ihrem Mietauto von der Fahrbahn abgekommen und tödlich verunglückt. Sie waren beide sofort tot. Die Ursache konnte nie geklärt werden. Danach hatte mich Alfred oft zu sich eingeladen, aber ich hatte mir damals versprochen, niemals nach Afrika zu reisen. Nach der Beerdigung meiner Eltern hatte ich ihn nur noch drei Mal gesehen. Immer, wenn er in Deutschland war, gewährte ich ihm Unterschlupf und wir verbrachten ein paar schöne Tage miteinander.
Bevor ich in Depressionen verfiel, gab ich mir einen Ruck und schwang die Beine aus dem Bett. Ich sprang kurz unter die Dusche und schlüpfte in meine neuen Safari-Klamotten.
Ich ging, auf der Suche nach etwas zum Frühstücken, in die Küche. Dort traf ich auf eine Afrikanerin mittleren Alters. Das musste Martha sein.
»Guten Morgen, Missus«, grüßte sie mich freundlich und stellte sich vor: »Ich bin Martha. Sie müssen Missus Luise sein.«
»Hallo Martha. Ja, ich bin Luise«, erwiderte ich gähnend.
»Bitte, setzen Sie sich, Missus. Ich mache Ihnen einen starken Kaffee und Eier mit Speck. Dann fühlen Sie sich gleich besser.«
»Danke, das wäre sehr nett von Ihnen.«
Ich trat derweil jedoch auf die Veranda und ließ meinen Blick über die wunderschöne Landschaft schweifen. Goldene Felder mit geschwungenen Hügeln, durchzogen von schmalen Pfaden, durch die sich die rote Erde abzeichnete, nur ab und zu waren ein paar Büsche oder Bäume zu sehen. Neben dem Haus stand ein riesiger lila blühender Jacarandabaum, dem wir offensichtlich den betörenden Duft zu verdanken hatten, und der Bungalow nebenan musste Carls sein. Etwas weiter oben am Hügel konnte ich ein paar kleine Häuschen und ein Windrad erkennen, umgeben von Akazien und zwei bis drei urtümlich aussehenden Bäumen.
Martha riss mich aus meinen Gedanken, als sie ihren Kopf durch die Türe herausstreckte.
»Möchten Sie auch Marmelade, Missus?«
»Nein, danke.« Ich eilte zurück in die Küche und ließ mich auf die Bank sinken. »Ich denke, danach bin ich satt«, sagte ich lächelnd, während mir Martha einen Berg von mindestens vier Eiern mit Speck vor die Nase setzte.
»Sie brauchen Kraft, Missus.«
Mampfend blickte ich mich in der Küche um. Der Raum war, wie der Rest des Hauses, behaglich eingerichtet. Die Reihe an Elektrogeräten war eine Zusammenstellung einzelner Standgeräte, die aber durch eine hölzerne Arbeitsplatte praktisch und schön miteinander verbunden waren. An der Wand hingen diverse Pfannen und Töpfe und auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein großer doppelflügeliger Kühlschrank. Die Essecke bot genug Platz für sechs bis acht Personen und stand an einem Fenster, das einen eindrucksvollen Blick über das Land freigab, der mich augenblicklich in seinen Bann zog. Ich hatte bereits jetzt eine vage Vorstellung davon, warum mein Onkel hier nicht mehr weggehen mochte.
»Wo ist Carl?«, wollte ich wissen.
»Er ist heute mit Jacobus, unserem Helfer, unterwegs und prüft die Zäune.«
»Welche Zäune?«
»Für das Vieh«, erwiderte Martha knapp und schien sich zu wundern, dass ich davon keine Ahnung hatte.
»Ich wusste gar nicht, dass mein Onkel auch Landwirtschaft betreibt.«
»Alfred selbst hatte nur ein paar wenige Tiere für den Eigenbedarf, um die sich Jacobus kümmert. Aber er hat auf seinem Land Hütten für die Angestellten gebaut, in denen sie mit ihren Familien wohnen können. Da diese recht groß sind und mittlerweile eine kleine Siedlung entstanden ist, haben alle ein paar Tiere, hauptsächlich Ziegen, Schafe, Hühner und Rinder. Ihr Onkel selbst lebte nur für seine Insekten«, erklärte sie mit Wehmut in ihrer Stimme, »die Farmer versorgen die Lodge mit Fleisch und Eiern, wenn wir mehr benötigen, als unser eigenes Vieh hergibt.«
»Haben wir hier viele Gäste?«
»In der Regenzeit eher weniger. Aber von Mai bis September waren meistens ein paar Touristen oder Studenten hier.«
Nach einer weiteren Tasse Kaffee verabschiedete ich mich von Martha. »Vielen Dank für das Frühstück. Ich werde mich jetzt ein wenig umsehen, nur falls Carl fragt.«
Nachdem ich meine Einkaufstaschen vom vorherigen Tag ausgepackt hatte, schnürte ich die Stiefel und startete zu einer Erkundungstour. Das Hauptgebäude war einstöckig und mit Stroh gedeckt. Neben der Küche, dem Badezimmer und dem Schlafzimmer, den Räumen, die ich schon kannte, gab es noch ein Büro, ein Gästezimmer und ein großes Wohnzimmer mit Veranda, die sich bis zum Eingang zog. In einem Anbau war die Forschungsstation untergebracht. Hier war ein separater kleiner Raum angegliedert, der durch eine Insektenschutztüre sowie einen Perlenvorhang abgetrennt war.
Neugierig bahnte ich mir einen Weg hindurch und schien plötzlich im Paradies zu stehen. Um mich herum waren jede Menge Pflanzen und Schmetterlinge flatterten mir um die Ohren oder saßen auf Ästen. An der Wand hingen Gläser mit Nistmaterial. Darin waren Raupen und eingesponnene Kokons zu erkennen. Sie mussten bestimmt bald schlüpfen. Ob sich Carl im Moment darum kümmerte?
Im Hauptraum standen diverse Mikroskope, es roch nach Äther und an den Wänden hingen Tafeln mit Bestimmungsmerkmalen und Daten. Es gab sogar Computer und die Schreibtische quollen über von Papier.
Bei diesem Anblick erinnerte ich mich an meine Kindheit und die Gerüche längst vergangener Tage stiegen mir in die Nase.
Nach diesen Eindrücken setzte ich den Rundgang an der frischen Luft fort.
Puh. Es war gerade mal elf Uhr morgens und die Sonne brannte bereits erbarmungslos. Daher wollte ich lediglich zu den Bungalows auf der Anhöhe spazieren. Ich trat ins Freie und lief an Carls Bungalow vorbei Richtung Hügel. Auf dem Weg passierte ich einige Orangenbäume, die ihren wunderbaren jasminartigen Duft verströmten. Ich hätte nicht gedacht, dass diese hier gedeihen, aber das Land schien fruchtbarer zu sein, als es auf den ersten Blick aussah.
Ich blieb einen Moment stehen und pflückte eine der verlockenden Früchte, die herrlich saftig und süß schmeckte, die leichte Säure war angenehm erfrischend und bitzelte auf meiner Zunge. Ich fand es faszinierend, dass bei einigen Zitrusfrüchten sowohl das reife Obst als auch neue Blüten zugleich an einem Baum hängen konnten. Dies hatte mich schon zuvor auf Reisen in den mediterranen Raum begeistert.
Ich setzte meinen Weg fort und war nach wenigen Minuten an den Gästebungalows angelangt. Sie lagen beschaulich am Fuße des Hügels, mit Blick auf die Lodge und das umliegende Land. Etwas weiter entfernt konnte man eine kleine Ansiedlung von Hütten erkennen. Dies mussten die Häuser der Arbeiter sein. Ich wusste gar nicht, dass Alfred so eine soziale Ader hatte.
Ich machte auf einer der Bänke vor den Gästebungalows Rast und nahm mir einen Augenblick Zeit, um den wunderschönen Ausblick auf mich wirken zu lassen, bevor ich über einen anderen schmalen Pfad zurücklief.
Unterwegs kam ich an einem seltsam aussehenden Baum vorbei. Er wirkte, als stecke er falsch herum im Boden.
Darunter fand ich Alfreds Grab.
Es war umrandet von hübschen Steinen. Auf einem großen Rosenquarz standen sein Name sowie Geburts- und Todesdatum. Das Grab wurde von einer kleinen, handgefertigten Vase, in der eine frische Rose steckte, und von einem Schmetterling aus Messing geziert.
Ich seufzte und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.
Nach Alfreds überraschendem Tod musste der Leichnam aufgrund der Hitze innerhalb weniger Tage beerdigt werden. Leider war es mir unmöglich, in der kurzen Zeit anzureisen und ihm das letzte Geleit zu geben.
Nachdem ich eine Weile gedankenverloren dagestanden hatte, drehte ich mich um und war im Begriff zurück zur Lodge zu laufen.
Plötzlich blieb ich wie angewurzelt stehen.
Mich fixierten zwei funkelnde Katzenaugen.
Nur, dass diese nicht zu einer kuscheligen Hauskatze gehörten, sondern zu einer Raubkatze. Mit halb heraushängender Zunge kam das Tier auf mich zu. Zitternd und mit bis zum Hals pochendem Herzen tastete ich mich rückwärts, bis ich auf etwas Warmes und Weiches traf.
Ich drehte mich um und meiner Kehle entfuhr ein heiserer Schrei.
Hinter mir stand ein Mann, der sich anscheinend über meine Situation zu amüsieren schien. Und von der anderen Seite näherte sich immer weiter die Raubkatze.
»Können Sie denn nichts tun?«, schrie ich. »Das Tier wird mich gleich zerfleischen!«
Die Bestie stand jetzt direkt vor mir. Ich konnte schon deutlich ein Schnurren hören und wartete jede Sekunde darauf, dass sie über mich herfiel.
Doch nichts dergleichen passierte.
Die Raubkatze ließ sich zu meinen Füßen nieder und leckte sich das Fell.
»Darf ich vorstellen: Das ist Sheila, Alfreds Gepardin«, sagte der Fremde.
»Alfreds was?«, entfuhr es mir schrill.
Der Mann unterdrückte offensichtlich ein Grinsen, seine Mundwinkel zuckten aber verdächtig.
»In dem Gehege, das hinter der Lodge angebaut ist, dort wohnt Sheila«, schilderte er belustigt, »ab und an reißt sie aus und macht die Gegend unsicher. Aber letztendlich kommt sie immer wieder zurück.«
»Sie wollen mir jetzt nicht sagen, dass ich unter einem Dach mit einer Raubkatze wohne?«, stellte ich fragend und zugleich irritiert fest.
»Sheila ist leider schon ein altes Mädchen. Alfred hatte sie damals als Waisenkind aufgenommen. Sie ist sehr zahm und hat das Jagen nie gelernt.«
»Oh. Das heißt, sie wird mich nicht anfallen?«, bemerkte ich peinlich berührt, worüber der Fremde galant hinwegsah.
»Nein, keine Angst. Gehen Sie auf sie zu, und Sie werden merken, dass sie sich über jegliche Aufmerksamkeit freut. Seit Alfred nicht mehr lebt, leidet auch die arme Sheila. Er war quasi ihr Mutterersatz.«
Er beugte sich hinunter und streichelte der Katze zärtlich das Fell.
»Kommen Sie«, sagte er und nahm meine Hand, »sie tut Ihnen nichts.«
Mit klopfendem Herzen begann ich zögerlich der alten Katzendame den Kopf zu kraulen. Sie ließ sogleich ein tiefes Schnurren ertönen und leckte mir mit ihrer rauen Zunge die Hand ab. Mein Herz beruhigte sich mit jeder Minute und ich schmolz dahin. Die Gepardin fing an, mir leidzutun. Als sie aufschaute, blickte sie mich ein wenig traurig an. Bei genauerer Musterung fiel mir auf, wie hübsch die Zeichnung in ihrem Gesicht war. Die schwarzen Streifen, die sich von ihren Augen, um die Nase, bis hinunter zu ihrem Mund schwangen, dazu die verstreuten Tupfen und ihre bernsteinfarbenen Augen.
»Ach übrigens, ich bin Michael«, meldete sich mein Retter zu Wort, »ich wohne auf der Farm nebenan.« Er reichte mir die Hand und ich nahm seinen trockenen und angenehm festen Händedruck wahr. Seine Augen musterten mich fragend.
»Luise, ich bin Alfreds Nichte.«
»Tut mir leid, das mit Ihrem Onkel. Er war ein feiner Kerl.«
Nach einem Moment des Schweigens fuhr Michael fort: »Einer der Arbeiter hat mich gerufen, weil Sheila wieder ausgerissen ist und mit den Schafen Jagen gespielt hat. Carl ist wohl unterwegs. Ich wollte nicht, dass jemand dem Tier Schaden zufügt oder es gar tötet.«
»Wer würde denn so etwas machen?«, fragte ich naiv.
»Die Nutztiere sind die Existenz der meisten Afrikaner hier. Jeder Verlust ist bitter.«
»Macht sie das oft, dass sie ausreißt?«
»Nein, normalerweise nicht. Aber seit Alfreds Tod scheint sie ihn zu suchen.« Er tätschelte Sheila nochmals liebevoll den Kopf und drehte sich um zum Gehen. »Kommen Sie, wir bringen sie zurück.«
»Wer schmückt denn Alfreds Grab mit frischen Blumen?«, wollte ich wissen, während wir auf dem Weg zur Lodge waren.
»Ich denke, das ist Martha. Sie hatte anscheinend eine Schwäche für Ihren Onkel«, sagte er lächelnd, »auch wenn sie es stets abstreitet.«
»Und er, hatte er eine Lebensgefährtin?«
»Alfred? Nein, er war immer nett zu allen, aber sein Herz hatte er voll und ganz der Wissenschaft verschrieben. Ich glaube, er liebte Tiere generell mehr als Menschen. Sheila war seine engste Freundin.«
Traurig trottete die Gepardin neben uns her, als ob sie wüsste, dass wir über ihr Herrchen redeten.
An der Lodge angelangt, brachte Michael Sheila zurück in ihr Gehege und verabschiedete sich mit einem kurzen Winken. »Und richten Sie Carl schöne Grüße von mir aus.«
Nachdem ich mir ein erfrischendes Zitronenwasser zubereitet hatte, machte ich mich auf den Weg ins Büro. Da ich Carl bisher den ganzen Tag nicht gesehen hatte, versuchte ich mir alleine einen Überblick über die finanzielle Lage der Lodge zu verschaffen. Erstaunlicherweise schien Carl recht gut organisiert zu sein, die Buchhaltungsunterlagen waren sorgfältig abgelegt und aufgezeichnet, so dass ich relativ schnell fand, was ich suchte. Sobald Carl am Nachmittag zurückkam, schickte Martha ihn umgehend ins Büro, damit ich mir ein abschließendes Bild machen konnte.
»Hallo Carl! Vielen Dank, dass Sie gleich gekommen sind«, empfing ich ihn freundlich, aber dennoch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Auch er tastete sich vorsichtig heran.
»Luise, wie kann ich Ihnen helfen?«
»Soweit ich dies aus den Unterlagen erkennen kann, steckt die Lodge mit circa 50.000 Euro in den Miesen. Können Sie mir mehr dazu sagen?«, stellte ich umgehend die mir unter den Nägeln brennende Frage.
»Ja«, erwiderte Carl, »das haben Sie richtig erkannt. Für den Bau der Gästebungalows vor vier Jahren und für die Dachrenovierung am Haupthaus musste ihr Onkel leider einen höheren Kredit als geplant aufnehmen, da zur selben Zeit auch noch sein Auto den Geist aufgegeben hatte.«
»Aber konnten die Bungalows denn nicht vermietet werden?«, entgegnete ich etwas vorwurfsvoll.
»Zu Anfang schon. Wir hatten recht viele Buchungen. Bald war Alfred jedoch so genervt von den Touristen, dass er von da an nur Studenten einquartierte, die kaum etwas dafür bezahlten«, erklärte er mir rechtfertigend, auch wenn es nicht sein Verschulden war.
»Und von was hat mein Onkel gelebt und die Lodge finanziert?«
»Na ja, er hatte ab und an Forschungsaufträge von Universitäten weltweit erhalten. Damit konnte er die Forschungsstation und den täglichen Unterhalt ganz gut bestreiten. Übrig geblieben ist dabei allerdings nur selten etwas.«
»Verstehe. Und wie soll es nun weitergehen?« Ich versuchte, mir meine Bedenken nicht allzu sehr anmerken zu lassen, was mir schwerfiel, und Carl nicht für das Dilemma verantwortlich zu machen.
»Das Problem ist, dass die Bank das Darlehen nicht weiter verlängern wird, wenn Sie als Erbin nicht dafür bürgen. Im Zweifel kommt es zur Zwangsversteigerung.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Mit Forschungsgeldern ist nun nicht mehr zu rechnen, so dass wir dringend eine andere Einnahmequelle benötigen, wenn wir das Überleben der Lodge sichern wollen.«
»Und was schlagen Sie vor? Sollen wir nach Öl bohren oder Diamanten suchen?«, bemerkte ich härter als gewollt, aber die aufsteigende Panik drohte mir für einen Moment die Kehle zuzuschnüren. Verzweifelt fragte ich mich, auf was ich mich hier eingelassen hatte? War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Und Alfred, wie konnte er mich nur vor so einen Scherbenhaufen stellen?
»Ich habe dies schon oft mit Ihrem Onkel diskutiert«, erwiderte Carl betroffen, »die einzig wirkliche Möglichkeit besteht im Tourismus. Nicht in den breiten Massen, dazu reichen unsere Kapazitäten nicht aus, eher im Öko-Tourismus. Das Land ist zwar groß genug für ein paar Rinder und Schafe, aber für eine lukrative Landwirtschaft braucht es mehr. Dazu ist es hier zu trocken und zu karg«, sagte er schon fast resigniert und fuhr fort: »Wir waren zu Beginn mit der Vermietung an Touristen auf einem guten Weg, die Einnahmen waren vielversprechend.«
»Verzeihen Sie, Carl«, entschuldigte ich mich für meinen Ausbruch und lenkte ein, »Sie können ja nichts dafür. Wie lange haben wir Bedenkzeit?«
»Ich denke, nicht allzu viel. Der Kredit stand bei Alfred schon auf wackeligen Beinen. Die Bank hat bereits angefragt. Ich konnte sie noch etwas hinhalten mit der Ausrede, dass die Erbin erst Zeit finden müsse, um sich hier vor Ort einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Dennoch sollten wir der Bank relativ schnell ein schlüssiges Konzept vorlegen.«
Ich legte mein Gesicht in die Hände und fuhr mir durch die Haare. »Okay, vielen Dank, Carl. Lassen Sie uns für heute Feierabend machen. Darüber muss ich erst einmal schlafen.«
»Versuchen Sie, etwas zu entspannen. Es war sicher ein anstrengender Tag für Sie, Luise.«
»Ja, da haben Sie Recht«, sagte ich niedergeschlagen.
Er erhob sich und drehte sich nochmals um, bevor er den Raum verließ. »Sehen wir uns beim Abendessen? Martha bereitet immer so gegen 19 Uhr etwas in der Küche vor.«
»Gerne. Bis später.«
Ich holte mir etwas zu trinken und setzte mich unter den Jacarandabaum. Die Lodge strahlte in der Abenddämmerung eine himmlische Ruhe aus. Hier wurde es schon recht früh dunkel und auch gleich empfindlich kühl.
Eine Öko-Lodge. Die Idee gefiel mir, aber weder Carl noch ich hatten Ahnung vom Tourismusgeschäft. Es war unmöglich und ich bald wieder zurück in Deutschland. Wie stellte er sich das vor? Da gehörte jede Menge Erfahrung, Organisationstalent und geschultes Personal dazu. Wo sollten wir dies so schnell herbekommen und von was konnten wir es bezahlen? Außerdem mussten die Lodge und die Bungalows auf Vordermann gebracht werden, obwohl diese zum Glück nicht allzu alt waren. Zudem war da noch die Kleinigkeit der Steuerberaterprüfung, auf die ich mich vorbereiten musste, sobald mein Koffer wieder aufgetaucht war.
Vor dem Abendessen schaute ich kurz bei Sheila vorbei. Sie lag am Zaun und schnurrte vor sich hin, als ich mich ihr näherte. Hinein traute ich mich aber nicht. Ich streichelte sie durch das Gitter hindurch.
»Na, altes Mädchen. Was würdest du an meiner Stelle tun? Das kommt alles ein wenig überraschend für mich.«
Sheila fing an, mir die Hand abzulecken.
»Wer kümmert sich überhaupt jetzt um dich?«
Traurig blickte sie mich an, als ob sie jedes Wort verstehen würde. Ich nahm mir vor, mir ein wenig mehr Zeit für sie zu nehmen.
»Gute Nacht Sheila, ich besuche dich morgen wieder.«
Ich schlenderte hinüber zur Küche, wo Martha schon am Kochen war.
»Hallo Martha! Wie geht es Ihnen?«
»Guten Abend, Missus Luise«, schaute sie lächelnd von ihrem Kochtopf auf, »gut, vielen Dank. Hatten Sie einen schönen ersten Tag?«
»Er war lange und anstrengend. Ich bin auch noch etwas müde von der Anreise gestern«, erwiderte ich wahrheitsgemäß und setzte mich auf die Bank, so dass ich den Ausblick auf den Sonnenuntergang genießen konnte.
»Dann essen Sie jetzt zu Abend und gehen bald ins Bett. Morgen sieht die Welt schon anders aus«, meinte sie mütterlich.
»Danke. Das ist lieb von Ihnen. Kann ich irgendetwas helfen?«
»Nein, kommt gar nicht in Frage«, widersprach sie leicht entsetzt und rührte weiter, »es gibt Millipap mit Zucchini und Rindfleisch. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen.«
»Milli was?«
»Millipap – das ist ein Maisbrei. Er wird hier gerne gekocht«, erklärte mir Martha, während ich die letzten Momente des Abendrots beobachtete, mit dessen Verschwinden die Nacht das Land in Dunkelheit hüllte.
»Schmeckt ähnlich wie die Polenta in Europa«, sagte Carl, der gerade hereinkam. »Guten Abend, Luise.«
»Hallo«, löste ich mich von meinem Ausblick, »möchten Sie ein Bier?«
»Ja, gerne«, erwiderte er dankend.
Ich griff neben mich in den Kühlschrank und zog eine eiskalte Flasche heraus, die ich ihm reichte.
Martha servierte das Essen, das köstlich duftete, und war schon im Begriff zu gehen.
»Nehmen Sie sich doch auch einen Teller und setzen Sie sich zu uns, Martha«, forderte ich sie auf.
Sie blieb hilflos in der Türe stehen und schaute Carl fragend an. Dieser nickte ihr zögerlich zu und rutschte auf der Bank etwas zur Seite, so dass Martha Platz fand.
Schüchtern bediente sie sich und wir aßen schweigend zu Abend.
»Es hat wirklich fantastisch geschmeckt, Martha«, lobte ich sie, nachdem ich mir den Mund abgewischt hatte, und auf ihrem Gesicht machte sich ein Lächeln breit.
»Wo haben Sie kochen gelernt?«
»Ich habe als junge Frau in der Küche eines kleinen Hotels unter deutscher Leitung in Swakopmund gearbeitet. Daher kann ich auch ein wenig Ihre Sprache«, erzählte sie schüchtern.
