Funkenschlag - Angelina Schädler - E-Book

Funkenschlag E-Book

Angelina Schädler

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Beschreibung

Ein König ohne Königreich. Ein Palast, getränkt in Blut. Eine Rebellion, getragen von Verzweiflung. Elaras Leben ist seit ihrer Geburt verwirkt. In einem von einer grausamen Königsfamilie beherrschten Land ist sie der Funke der Rebellion; die letzte Hoffnung. Doch als alles verloren scheint und man ihre Identität aus dem Schatten zerrt, beginnt eine neue Zeit für sie. Eine Welt aus Schmerz, Hass und Intrigen, an einem Ort, der vielen schon den Willen raubte. Es beginnt ein Leben direkt unter dem wachsamen Auge ihres größten Feindes. Aber Elara weiß, noch ist die Hoffnung nicht gestorben. Sie darf nicht aufgeben, das grausame Spiel des Königs darf sie nicht verlieren. Denn wenn sie fällt, wie kann sie dann noch erwarten, dass andere ihr folgen werden?

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Unsteady – X Ambassadors Circles – Greta Svabo Bech, Ludovico Enaudi If I Wasn´t Your Daughter (Acoustic) – Lena Pray – Sam Smith Castle – Halsey

Die Playlist bei Spotify:

Funkenschlag- Der Palast der verlorenen Seelen

Für all die wunderbaren Menschen, die ihren Funken noch nicht verloren haben. Die Hoffnung im dunkelsten Moment sehen und ihr Licht mit anderen teilen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

KAPITEL 1

Die Stufen der Treppe gaben unter ihrem Gewicht nach, knarrten so leise, dass der Soldat im Flur unter ihr es nicht bemerkte. Das Prasseln der Flammen wurde mit jeder Sekunde, die sie im Schatten verharrte, lauter.

Der Mann drehte sich um, blickte ein letztes Mal in Richtung der Treppe. Elara dämpfte ihre hektischen Atemzüge mit einer Hand. Würde ihr Versteck sie lange genug verbergen? Seine Schritte hallten im Flur wider, dann knirschte der Schotter im Innenhof unter seinen Stiefeln.

Mit Schwung stieß Elara sich von der Wand ab. Hitze schlug ihr, zusammen mit dichtem schwarzem Rauch, auf den letzten Stufen der Treppe entgegen. Die Feuchtigkeit in den Balken des alten Hauses ließ immer wieder ein lautstarkes Knacken ertönen.

Das feuchte Tuch über Elaras Mund wurde mit jeder Sekunde in der Nähe der Feuersbrunst trockener, darunter hatte sich bereits Asche festgesetzt, bei jedem Atemzug kratzte es in ihrer Kehle. Sie musste sich beeilen, wenn sie hier lebend herauskommen wollte.

Elara konnte den Kampf im Innenhof hören. Die Schüsse wurden immer schneller abgefeuert, übertönten die Schreie der Verwundeten. Es waren ihre Freunde, die dort starben, damit Elara wenige Sekunden mehr an Zeit gewann. Zeit, die zwischen Leben und Tod entschied. Der Schmerz ballte sich in ihrer Brust zusammen, ein Klumpen, der sie am Atmen hinderte. Die Angst war wie Eis in ihren Adern gefroren und machte jeden Schritt noch schwerer. Gegen die Hitze des Feuers, war die Kälte in ihrem Körper ein Kontrast, der ihr das Schlucken erschwerte und ein Zittern durch ihre Finger jagte, die sie blind vor sich ausgestreckt hatte, aus Angst im Rauch gegen etwas zu stoßen.

Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters war von den Flammen bereits umhüllt, die langsam am Türrahmen in die Höhe züngelten.

Unter ihren Fingern war die Klinke so heiß, dass Elara sich einen erstickten Aufschrei nicht verkneifen konnte. Sie ließ erst los, als die Tür aufging und ignorierte den Schmerz auf ihrer Handfläche. Durch den Schwung brach die Tür aus den Angeln und Elara stürzte zu Boden. Mehr Rauch schlug ihr entgegen, nahm ihr jegliche Sicht.

Tränen rannen Elara die Wangen hinab und sie rieb ihre vom Rauch gereizten Augen, wodurch sich ein grauer Schleier über ihr Sichtfeld legte.

Kriechend ging es für Elara vorwärts, der Rauch wallte bereits von der Zimmerdecke nach unten und raubte ihr die Atemluft. Ein Balken knackte über ihrem Kopf und Elara hob mit einem leisen Aufschrei die Hände über den Kopf, als Funken auf sie hinabfielen. Sie zitterte am ganzen Körper, doch der Balken hielt, das alte Haus hatte seinen Kampf noch nicht aufgegeben.

Die Schublade war nicht abgeschlossen, selbst mit dem Schatz in seinem Inneren, der sich hinter der doppelten Rückwand verbarg. Elaras schweißnasse Finger rutschten mehrmals von der Kerbe ab, bevor sie das Holz zu fassen bekam.

Ein Kristall kullerte hervor, vom Feuer unberührt. Seine milchige Oberfläche reflektierte ihr von Ruß und Asche verschmiertes Gesicht. Er war trotz des Feuers um sie herum eiskalt.

Sie hatte es geschafft. Wenn ihr Vater sie jetzt nur sehen könnte, er hatte immer alles für den Kristall geopfert und endlich trat Elara in seine Fußstapfen. Fest presste sie den Schatz an sich, der einzige Weg aus dem brennenden Gebäude lag hinter der Treppe, doch sie wusste nicht, ob diese noch vorhanden war.

Ein Deckenbalken gab ein bedenkliches Geräusch von sich, er würde dem Feuer nicht mehr lange standhalten können. Sie hatte keine andere Wahl, als zu rennen, wenn sie es schaffen wollte. Ihr ganzes Anwesen beugte sich der Gewalt der Flammen.

»Lass mich das überleben«, flüsterte Elara dem Kristall zu. Ihre Finger kribbelten, so fest hielt sie ihn in ihrer Hand. Sie zitterte, die Angst lag ihr schwer wie Blei auf der Brust und trotzdem fasste sie sich ein Herz.

Es war an der Zeit.

Elara verließ sich allein auf ihr Gefühl, als sie losrannte. Der Rauch war zu dicht, sie konnte nichts erkennen, das brauchte sie aber auch nicht. Sie war hier groß geworden, hatte ihr ganzes Leben lang die Gänge erkundet und würde den Ausgang auch blind finden.

»Ich habe noch eine!«

Durch den Rauch sah Elara nicht, wo ihr Verfolger war, aber ein Schuss riss direkt neben ihrem Ohr Putz von der Wand. Ein Soldat war die Treppe heraufgekommen und schnitt ihr dadurch den Weg ab. Fluchend preschte Elara in die entgegengesetzte Richtung des Schusses davon.

Wenn sie nicht viel erkennen konnte, dann auch nicht ihr Verfolger. Ein weiterer Schuss ließ sie taumeln, sie rannte weiter den Flur entlang und versuchte Haken zu schlagen, damit der Soldat kein leichtes Ziel fand. Wohin? Wohin konnte sie fliehen? Von hier gab es keine Möglichkeit mehr, nach unten zu gelangen.

Immer wieder krachten Schüsse nur Zentimeter von ihr entfernt in die Wände zu ihren Seiten. Ihr Verfolger musste immer anhalten, um sein Gewehr nachzuladen, den Vorsprung holt er mit seiner Kondition jedoch wieder auf. Umkehren war keine Möglichkeit. Sie musste es schaffen. Wenn ihr die Flucht nicht gelang, dann war das Leben aller, die die Soldaten im Hof aufzuhalten versuchten, umsonst geopfert.

»Stehen bleiben!«

Ein neue Salve Schüsse ertönte, das Glas des Erkerfensters am Ende des Flures zersplitterte. Wind peitschte sofort in die flammende Hitze und verschaffte Elara einen winzigen Moment Kühlung, als sie über die Scherben hastete.

Der Soldat schrie, aber sie hatte das Fensterloch bereits erreicht. Mit Schwung drückte sie sich vom Holz des Fensterrahmens ab und sprang über die Scherben hinweg.

Sie spürte, wie sich die Glasscherben in ihren Arm bohrten, die ausgestreckte Hand des Soldaten streifte ihr Rückgrat, er versuchte sie zu ergreifen, aber scheiterte. Elara fiel.

Der Aufschlag war so hart, dass sie kurz Sterne sah. Die Hände in der Erde vergraben, versuchte sie zu atmen. Über ihr fluchte der Soldat und schlug mit der flachen Hand gegen den Fensterrahmen.

Das Blumenbeet unter dem Erker war nicht bepflanzt und die lockere Erde hatte ihren Sturz abgefangen. Der Soldat sprang ihr nicht hinterher, er rannte weg vom Fenster.

»Eine Rebellin flieht!«

Seinen Ruf hörte sie selbst bis hierher. Elara konnte nicht verharren, die Schüsse hatten aufgehört und sie gab sich nicht der Illusion hin, dass ihre Freunde gegen die Übermacht an Soldaten gewonnen hatten.

Sie würden ihr folgen, um die letzte Rebellin zu fangen. Der Kristall musste in Sicherheit gebracht werden. Egal, wie hoch der Preis dafür war. Ihre Familie hatte zu viel geopfert, um jetzt alles zu verlieren. Allein das gab Elara die Kraft, die sie benötigte, um weiterzurennen. Auch wenn der scharfe Schmerz an ihrem Knöchel, mit dem sie unglücklich aufgekommen war, ihr Tränen in die Augen trieb.

Wie eine dunkle Masse tat sich der Wald, der an ihren Hof angrenzte, vor ihren Augen auf. Es wäre ihre Rettung, wenn sie es hineinschaffen würde.

Elaras Hoffnung zerbrach, als eine weitere Kugel an ihr vorbeipfiff, nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.

Sie erlaubte es sich nicht, nach hinten zu blicken, die Schreie und Befehle hallten bis zu ihr. Die ersten Bäume hatte sie bereits erreicht und sich beinahe in deren Schatten versteckt, da ging Elaras Welt in Schmerz unter.

Der Aufprall der Kugel riss sie nach vorne. Sie stolperte, fiel auf die Knie und prallte gegen den rauen Stamm eines Baumes. Ihr Blut verschmutzte die Rinde. Beinahe hätte sie den Kristall fallen gelassen, als der Schmerz ihre ganze Hand in Flammen aufgehen ließ. Ihr Blick verschwamm, sie würde es nicht mehr schaffen, sich in Sicherheit zu bringen.

Elara schrie vor Schmerz, und dennoch zog sie sich am Baumstamm hoch. Sie konnte nicht aufgeben, auch wenn die Rufe der Soldaten sie bereits verspotteten. Sie wussten, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Elara aufgab.

Sie brauchte ein Versteck, nicht für sich, das war aussichtslos, sondern für den Schatz in ihren Händen, der mit ihrem Blut befleckt war. Die Hoffnung der Rebellion. Der Beweis, den die Soldaten nicht finden durften.

»Fangt die Rebellin lebend!«, ertönte es aus der Ferne.

Ihre Welt bestand nur noch aus Schemen und mit jedem Schritt wurde Elaras Verstand trüber. Sie taumelte voran, zwischen den eng stehenden Bäumen hindurch, bis dichtes Geäst über ihr den Schein des Feuers aufhielt.

Ihr Ziel ragte weit über die anderen Bäume auf. Die Wurzeln so dick, dass Elara springen musste. Die Wunde raubte ihr fast die Kraft und in einem letzten Akt der Verzweiflung warf sie den Kristall nach vorne. Er schlug einmal auf dem Holz der alten Eiche auf, ehe er zwischen zwei Wurzeln in den Farnen verschwand.

Weiter, sie musste weiter, denn wenn sie hierblieb, würde sie den Soldaten den Weg zum Kristall verraten. Mehrmals rutschte sie ab, stolperte, weil sie kaum etwas sehen konnte. Ein erstickter Laut entwich ihr, als sie über eine Wurzel stürzte und hinfiel. Moos presste sich gegen ihre Wange und sie brach zitternd zusammen, als sie sich aufzurichten versuchte. Sie konnte nicht mehr aufstehen.

Elara drehte sich langsam auf den Rücken, ihr Atem so laut, dass er das Einzige war, was sie hörte. Das Tuch, das zuvor ihren Mund geschützt hatte, hing lose um ihren Hals. Elara hatte das Gefühl, der steife Stoff würde sie erwürgen.

Zwischen den Baumkronen stiegen Flammen in den Himmel, der Wald war vom Schein des Feuers erhellt.

Ein Stiefel schlug neben ihrem Gesicht auf, ließ sie den Blick von ihrem Zuhause abwenden.

»Sie ist es, wie vermutet. Bringt die Rebellenhure zur Kutsche, wir bringen sie in die Hauptstadt.«

Die Soldaten hatten, weshalb sie gekommen waren. Die letzte Rebellin vom Hofe Medow. Aber sie suchten nur nach ihr, dann hatte Elaras Vater recht behalten. Niemand wusste von dem Schatz, den ihre Familie seit Jahren hütete.

»Beeilt euch, ehe sie verblutet.«

Es waren die letzten Worte, die sie hörte, bevor jemand sie an der verletzten Schulter packte und hochzerrte. Ihr Verstand begrüßte Elara mit Schwärze, als man sie über den Waldboden hinwegschleifte. Fort von der alten Eiche, die jetzt das Familiengeheimnis für sie barg.

Die Bewusstlosigkeit erlöste sie nicht lange genug, um den Schmerzen zu entgehen. Elara wollte schreien, sich befreien, aber die Hände, die ihre Schultern umklammerten, ließen sie nicht los. Sie registrierte, dass sie sich noch auf Grund und Boden ihres Anwesens befanden, das Feuer loderte am Rande ihres Blickfeldes.

Einer der Soldaten, die sie hart auf den Boden drückten, schien an seiner Aufgabe zu zweifeln. Die breite Nase war erbleicht und er hatte den Blick von ihr abgewandt. Erst als eiskalter Wind sie frieren ließ, begriff Elara, dass man ihr das Korsett vollständig geöffnet hatte.

Jegliche Wut über die Entblößung blieb ihr vor Schmerz in der Kehle stecken. Der zweite Soldat nahm den Druck von ihrer Schulter, sofort floss Blut aus der Wunde über seine Hände. Er war nicht alt, trotz der ergrauten Haare und den Falten, die sich um seine Augen sammelten. Sein Blick war ernst, mit einer Autorität darin, die sie für einen Moment an ihren Vater erinnerte. Die Blutung hörte nicht auf, der Mann hielt nun eine lange Nadel in der Hand und sie ahnte, was kommen würde.

»Halte sie fest, Dariel, ich brauche Ihre Faust nicht im Gesicht.«

»Ich versuche es, Hauptmann«, antwortete der junge Soldat schwach und hielt den Blick weiterhin abgewandt. Der Hauptmann wartete nicht, bis Elara sich auf den kommenden Schmerz vorbereiten konnte. Die Nadel durchstach ihre Haut und die Heftigkeit, mit der Elara sich auf ihre Unterlippe biss, ließ diese aufplatzen.

Der junge Soldat hatte Schwierigkeiten, sie festzuhalten. Die Steinmauer in ihrem Rücken schmerzte, doch der ältere Soldat ließ sich nicht beirren in seiner Arbeit. Elara spürte die Hitze des Feuers in der Nähe auf ihrer nackten Haut. Es machte ihre Übelkeit nicht besser, und das unkontrollierte Zittern ließ ihre Glieder schmerzen.

Elara erbrach sich, ein Großteil davon landete auf den glatt polierten Stiefeln des Hauptmanns. Der zweite Soldat ließ nicht zu, dass sie sich bedeckte und die Scham brannte schlimmer als ihre Wunde. Gedemütigt, erniedrigt und von der Verwundung geschwächt, war Elaras Kampfgeist erloschen. Jeder Würgereflex ließ Elara vor Schmerzen weinen und sie erntete einen letzten, schmerzhaften Ruck an der Wunde, als der Hauptmann die Fäden abschnitt und sich erhob.

»Bringt Sie nach vorne zu den Wägen«, herrschte er wütend den jungen Soldaten an. Seine Stiefel versuchte er mithilfe des Gebüschs, das ihr Anwesen umgab, zu säubern.

Sie erwartete, erneut hochgerissen zu werden, gedemütigt durch ihre Nacktheit. Der junge Soldat bedeute ihr aufzustehen, da blickte der Hauptmann zu ihnen zurück.

»Zieh Ihr ewas über, Dariel! Sie ist bis zu Ihrer Verurteilung immer noch eine Lady des Hauses Medow.«

Für einen Moment verharrte der Soldat, dann reichte er ihr das Korsett und zog den verletzten Arm durch einen der Träger, bevor er sich abwandte.

Elara presste das offene Korsett an sich und schaffte es nur langsam, sich aufzurichten.

»Beeil dich.«

Der Griff um ihren Oberarm wurde fester, als er Elara vor das fast niedergebrannte Haupthaus führte. Sie nutzte den Moment, um zu den Flammen zu blicken. Der Rauch brannte in ihren Augen, noch immer war ihre Sicht verschwommen.

Schatten knieten vor dem Herrenhaus, aufgereiht in einer halbherzigen Formation. Elara erkannte die müden Gesichter, hatte sie jahrelang gesehen. Es waren ihre Angestellten, und wenn ihr Vater auf Reisen war, ihre Ersatzfamilie. Für die Soldaten waren sie nur Rebellen.

Die Hoffnung war aus den Augen ihrer zusammengewürfelten Familie verschwunden, sie konnte ihnen nicht sagen, dass nicht alles verloren war. Sie mussten glauben, dass mit Elaras Gefangennahme auch der Kristall verloren war.

Elara sank auf die Knie, eine letzte Ehrerbietung für diese Menschen. Auf Rebellion gab es nur die Todesstrafe für Bürger und die Soldaten waren niemals gnädig.

»Ihr seid des Hochverrates am König schuldig.«

Keiner verneinte es, Elara blickte in stolze Gesichter. Menschen, die ihre Freunde waren, so viel mehr als nur Diener ihres Vaters.

»Es tut mir leid«, schrie Elara über das Tosen des Feuers und den Lärm der brechenden Balken hinweg. Ihre zitternden Finger schafften es kaum, das Korsett an ihren Körper zu pressen. »Ich werde euch nie vergessen!«

Ihre letzten Worte gingen in den Tränen unter, die ihren Augenwinkeln entflohen. Das Schluchzen so rau vom Rauch, dass es unmenschlich klang. Elara schloss die Augen, sie konnte es nicht mit ansehen.

»Schaut ihnen in die Augen, wenn sie für euch sterben«, sagte der Hauptmann ernst, dann hob er die Hand.

»Feuer!«

Ihr Schrei hallte an der kaum noch vorhandenen Fassade ihres Hauses empor und ließ Elara Blut schmecken. Ihr Klagelaut mischte sich mit den Schreien der Sterbenden. Ein grausiges Duett, das vom berstenden Holz in den Flammen begleitet wurde.

»Was hast du erwartet, Rebellin?«

Diese Worte waren eine aufrichtige Frage, die ihr Blut zum Kochen brachte. Der junge Soldat hatte sich bei seinen Worten Elara zugewandt. Wie konnte er den Tod so vieler Menschen einfach ignorieren?

»Nichts von grausamen Soldaten wie euch«, warf sie zurück, als sie sich aus dem Staub erheben wollte. Laut genug, dass ein anderer Soldat es ebenfalls hörte. Der Schlag seiner Rückhand traf Elara nicht unerwartet und doch konnte sie nicht verhindern, dass sie nach hinten fiel. Ihre Schulter quittierte das mit einer weiteren Salve Schmerz, doch dieser war nichts im Vergleich zur Trauer in ihrem Herzen.

»Erbärmlich.«

Das traf sie hart. Nun, wo ihre Welt zum Einsturz gebracht worden war, was hatte sie da noch? Ihre Reise endete in den Fängen des Feindes.

Wie auch immer ihre Rebellion aufgeflogen war, sie konnte nur hoffen, dass ihr Vater den Funken weitertragen würde und den Kristall beschützte. Er war zu schlau, um den Soldaten in die Hände zu fallen, und kannte Elara gut genug, um zu wissen, wo sie den Schatz versteckt hatte.

»Ruhe jetzt, Karlson«, fuhr der Hauptmann dazwischen und schubste den zweiten Soldaten fort von Elaras kauernder Gestalt. »Bring sie in die Kutsche, Dariel.«

Elara versuchte halbherzig, Dariel daran zu hindern. Doch die Schwere in ihren Gliedern machte es unmöglich, sich aus dem Griff zu befreien.

Es war vorbei. Die Kutschentür schlug hinter ihr zu und Elara lehnte sich an das raue Holz.

Bei jedem Stein, den die Räder überquerten, krümmte sie sich zusammen. Es war der Anfang von dem, was kommen würde, und Elara presste ihre Wangen an das vergitterte Fenster.

Sie erreichten die Straße, die fort von ihrer Heimat führte, direkt ins Herz des Königreiches, zum Palast der verlorenen Seelen. Die Flammen hatten sich hoch in den Himmel erhoben und ermöglichten ihr, noch von der Straße aus das Haus im Blick zu behalten.

Die Kutsche neigte sich zur Seite, als sie um eine Kurve fuhren, und nur Sekunden bevor das alte Anwesen für immer aus ihrem Blickfeld verschwunden war, brach es endgültig zusammen.

Die alten Dachbalken hatten aufgegeben, begruben die Leichen unter ihren Trümmern. Wenigstens das war ihnen vergönnt – ein Grab.

Funken stoben in den Nachthimmel, folgten dem harschen Wind, wehten fort von all der Trauer und dem Schmerz. Elara schloss die Augen, beugte sich vor, presste das Gesicht in die Kutschbank vor sich und schrie, bis ihre Kehle keinen Laut mehr von sich gab. Es war vorbei. Sie hatten verloren und Elara war allein mit ihrer Trauer.

KAPITEL 2

Die Hauptstadt war laut genug, dass ihr hektisches Treiben bis ins Innere der Kutsche drang. Die Stimmen weckten Elara, noch bevor sie die ersten Häuser passiert hatten. Es war das erste Mal seit zwei Tagen, dass sie sich aus ihrem Fieber kämpfte und aufhorchte.

Man hatte die Kutschenfenster zwar verschlossen und abgedunkelt, nur ein schmaler Streifen Licht erhellte das stickige Innere, dennoch zog Fischgeruch von den Marktständen in die Kutsche und machte die Luft ungenießbar.

Sie konnte dem Drang nicht widerstehen, hinausblicken zu wollen. Noch nie hatte sie die Hauptstadt gesehen, ihr Vater hatte immer verhindert, dass sie dem Feind so nah kam. Nur Geschichten hatte Elara gehört.

Ihre Wange schmerzte, als sie sich näher an den Lichtschlitz presste. Die Welt dort draußen war lediglich ein schmaler Ausschnitt, aber sie wirkte im Vergleich zum Inneren der Kutsche so lebendig, dass es Elara den Atem verschlug.

Der Teil der Stadt, durch den sie fuhren, war von bunten Markisen geprägt, die Schatten auf die Straße warfen und darunter Händler bargen. Der Marktplatz war umgeben von hohen weißen Häusern, deren Fenster geöffnet waren, um die sanfte Sommerbrise hineinzulassen.

Die Kutsche stoppte, aufgehalten von den vielen Händlern, die ihre Stände zu dicht gestellt hatten, und Elara hatte etwas Zeit, die Szene zu beobachten.

Leute tuschelten und zeigten auf die Kutsche. Die Soldaten gingen mit ihren Befehlen, den Weg zu räumen, im Marktgeschrei unter. Die Kutsche bewegte sich noch immer nicht, trotz der Soldaten, die mit den Händlern stritten. Ein tätowierter Mann lachte einen Soldaten aus, der seinen Stand wegzuschieben versuchte. Sein Lachen jagte ihr einen Schauer über den Rücken, klang es doch so ähnlich, zu den Verhöhnungen der Soldaten, die sie auf dieser Reise begleitet hatten.

Einige Frauen trugen ihre schönsten Sonntagskleider, von hübschen Bändchen geziert. Neben der Kutsche ging eine Frau lachend auf eine Wette ein und gab dem Mann, mit dem sie spielte, eine Münze. Auf dem Holzschild, dass dieser locker gegen seine Beine gelehnt hatte, baumelte eine Figur am Galgen. Die Leute waren herausgeputzt für ein bevorstehendes Ereignis. Ihre Finger knacksten, so fest hatte Elara sie zur Faust geballt, als sie verstand. Ihre Ankunft war dieses Ereignis. Die Frau wettete auf Elaras Schicksal, auf ihre mögliche Hinrichtung.

Wie in Trance sah sie zu, wie ein Mädchen mit wilden roten Locken auf ihre Kutsche deutete. Sie hatte ebenfalls zuvor eine Münze in den Wetttrog geworfen. Die braunen Augen schienen direkt in Elaras zu starren, hatten mit ihrer kindlichen Neugier den Schlitz gefunden, hinter dem Elara sich verbarg.

»Mama, sieh, die Rebellin!«

Elara schreckte vom Fenster zurück, fahler Geschmack von Panik und Schande wie bitteres Salz auf ihrer Zunge. Ihre Schulter bezahlte die hastige Bewegung mit einer Welle an Schmerz. Übelkeit breitete sich in ihrem Verstand aus und noch während die ersten Fäuste gegen die Kutsche hämmerten, fiel ihr das Stück trockenes Brot, das man ihr am Morgen gegeben hatte, aus der Hand und Elara ging in die Knie.

Sie würgte erbärmlich zusammengekauert auf dem Boden, da fing die Kutsche an, wieder Fahrt aufzunehmen. Das wenige Brot und die spärliche Ration Wasser waren schnell erbrochen.

Das Rattern der Kutsche wurde lauter, die Straßen hier wurden wieder schlechter, obwohl sie die Stadt nicht verlassen hatten und alle paar Meter warf es sie von dem schnellen Tempo gegen die Seitenwand der Kutsche. Der neue Weg führte sie fort von der Menge, die nach wie vor gegen die Kutschwände schlug und mit ihr die Straßen entlangrannte.

Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, als sie es erneut wagte, einen Blick durch den Schlitz zu werfen. Die schicken weiß getünchten Häuser waren verschwunden. Jetzt ragten schiefe Bauten in den Himmel und der Gestank, der von den Straßen in das Innere ihrer Kutsche drang, überdeckte den Geruch ihres eigenen Leids.

Sie waren in eine ärmere Gegend abgebogen, wo sich niemand in hübschen Kleidern herausgeputzt hatte. Betrunkene taumelten den Weg entlang und Prostituierte priesen ihre Künste im Schlafzimmer an. Ein paar Kinder rannten verwahrlost durch die Straßen.

Es war lauter hier, die Menschen versuchten nicht, ihre Stimmen zu senken, zwei Männer stritten sich, wer die Zeche zu bezahlen hatte. Die Menge folgte ihnen nicht in diesen Teil der Stadt, die feinen Damen und Herren, die sich einen Spaß aus dem Spektakel machten, würden sich nicht die hübschen Schuhe beschmutzen.

Elara fühlte sich in so einer Umgebung vertrauter. Sie hatte oft mit ihrem Vater in den vergessenen Dörfern der Umgebung ausgeholfen. Sogar Sophie hatte keine Krankheit gescheut, wenn sie Elara auf ihre Reisen gefolgt war. Wo sie wohl war? Das Mädchen mit den blonden Ringellocken, von dem niemand vermuten würde, dass sich eine Rebellin hinter dem ansteckenden Lachen verbarg.

Die Trauer trieb ihr Tränen in die Augen, nicht nur Sophie würde sie nie wiedersehen, auch die Menschen, die ihren Hof zur Heimat gemacht hatten, waren tot.

In wenigen Stunden hatte Elara ihren ganzen Rückhalt verloren und nun war außer verblassenden Erinnerungen nichts mehr übrig von ihrem Leben. Es tat weh, mehr als die Wunden, die sie sich bei ihrer missglückten Flucht zugezogen hatte, und auch wenn es ihr Herz noch mehr zerriss, das normale Leben zu sehen, wandte sie sich nicht von dem Fenster ab.

Die inneren Stadtmauern waren nicht so hoch, wie man sie immer auf den Karten dargestellt hatte. Ihr Schatten verdunkelte die Kutsche und nahm Elara für einen Moment den Blick auf die Stadt. Manche Häuser, die selbst gebaut waren, ragten über die Mauer hinaus. Schiefe hölzerne Konstrukte, deren Wäscheleinen sich über die Straßen zogen. Wie viele Menschen lebten in den schmalen Bauten?

Die Unterstadt war mit jedem Meter, den sie näher an den Palast kamen, zerstörter. Manche Häuser lagen in Trümmern und waren ein Heim für Obdachlose, die zwischen den Steinen halbherzige Schlafstätten aufgebaut hatten.

Ihr Großvater hatte oft vom Krieg gesprochen, der hier alles zerstört hatte. Er war gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen, als er seinem Vater folgte, um das Land von den Bergkönigen zu befreien.

Wenn die Geschichten, die ihre Familie von damals aufgeschrieben hatte, stimmten, dann war es das reiche grüne Farmland, das die Bergkönige aus ihrem Reich lockte. Es war die Königsfamilie, die den Palast zurückeroberte, oder zumindest was man damals für die Könige gehalten hatte.

Ihr Urgroßvater hatte sich nie verziehen, dass er die Lüge zu spät durchschaut hatte. So hatte er mit seinem jungen Sohn eine Königsfamilie unterstützt, die nie vom Thron vertrieben worden war.

Der Einfall in die Hauptstadt zur Eroberung war über die Unterstadt gelungen. Es war die Idee ihrer Familie gewesen; hätte sie es nicht geschafft, wäre die damalige Rebellion gescheitert. Die Unterstadt hatte sich nie von den Folgen erholt, niemand hatte auf das Leid hier geachtet in einer Zeit, in der ein ganzes Reich in Not war.

Der König hatte seinen Thron.

Das Volk den Tod und die Zerstörung.

Aufgrund seiner Arroganz beging der damalige König den Fehler, der nun vielleicht seine Familie vom Thron stürzen würde: Er hatte vergessen, welche Sagen man sich über ihre Welt erzählte.

Ihre Familie hatte sie nie vergessen, denn genau das war ihre Aufgabe schon seit Jahrzehnten: zu dokumentieren und zu verstehen. Ihr Großvater hatte verstanden, als er den Kristall bei der Eroberung des Palastes fand. Milchig und trüb, wie Elara ihn kannte, obwohl gerade ein Kampf beendet worden war, der den wahren König auf seinen Thron zurückgebracht hatte. Der Kristall hatte die Lüge, auf die sich dieses Reich stützte, verraten.

Deswegen wandte sie den Blick nicht ab. Elara hatte oft darüber nachgedacht, wie es sein musste in diesem Land in den ärmsten Gegenden aufzuwachsen, auch wenn sie die Armut in Sophies Familie gesehen hatte, es war immer fernes Leid gewesen. Wenn sie sich die Straßenzüge und ihre Bewohner hier, direkt unter dem drohenden Schatten des Palastes anschaute, dann kam sie sich wie ein naives Kind vor, das nicht verstanden hatte, wie die Welt funktionierte. Für diese Menschen war es alltäglich, für Elara war es ein Leben, das sie nicht kannte.

Tränen sammelten sich unwillkürlich in ihren Augenwinkeln, drohten zu fallen, als sie einem Kind zusah, das verzweifelt am Rocksaum einer Prostituierten zog. Die Frau stieß das bettelnde Kind von sich und mit einem Mal kam Elara ihr drohendes Schicksal noch düsterer vor. Sie hatten nichts erreicht, nichts verändert in dieser Welt. Mit einem trockenen Schluchzen in der Kehle schloss sie für einen Moment die Augen. Ihr Tod würde sinnlos sein.

»Weg vom Fenster!«, blaffte ein Soldat, der neben der Kutsche herlief und sie bemerkt hatte. Mit Wucht schlug er mit seiner Handfläche gegen die Kutschwand, bevor er sich bei seinen Freunden über das neugierige Weib beschwerte. Elara zuckte zurück, sie war zu müde für Widerworte.

Ihre Schulter protestierte, dennoch richtete Elara sich auf, den Blick auf das Holz vor ihr gewandt. Sie war bereit für das, was kommen würde.

Licht blendete Elara, als die Soldaten die Kutschentüren öffneten. Wind wehte ins Innere, frische Luft, die sie gierig in ihre Lungen zog. Der Soldat, der ihr die Tür aufhielt, war der junge Mann, der sie vor ihrem Herrenhaus versorgt hatte.

Hasserfüllte Schreie drangen mit dem Lufthauch heran. Beleidigungen, die Elara das Blut in den Adern gefrieren ließ, so viel Hass lag darin.

Vor ihr hatten die Soldaten ihre Waffen fester umfasst. Die Nervosität stand ihnen ins Gesicht geschrieben, sie hatten die Menge nicht unter Kontrolle.

Der erste Schritt hinaus war der schwerste für Elara. Ihre Muskeln schmerzten vom langen Sitzen. Ein Stein knallte gegen die Kutschwand, nur Zentimeter von einem der Soldaten entfernt, der sichtlich erbleichte.

Sie verharrte auf der letzten Stufe der Kutsche und blickte über die Menge hinweg. Die Stadt erstreckte sich hinter den in Wut erhobenen Fäusten, die wie ein Meer auf und ab wogten.

»Rebellenhure!«

»Abschaum!«

Die Worte waren so unterschiedlich, dass sie sich bald überlagerten, ein einziger unverständlicher Gesang aus Hass, der ihr entgegenschlug. Steine und Obst zerschellten vor ihren Füßen auf dem Boden, während die Menge sich immer weiter nach vorne schob.

Elaras Beine drohten unter ihr nachzugeben. Es war das erste Mal, dass sie für mehr als ihre Notdurft die Kutsche verlassen durfte. Sie hatte nicht einmal gemerkt, wie steif ihre verletzte Schulter durch das Sitzen geworden war.

Es war keine Zeit für Selbstmitleid, sie war im Herzen ihrer Feinde gelandet. Alle Augen waren auf sie gerichtet und wenn Elara nachgab, wer sollte dann noch an die Hoffnung glauben?

Das Tageslicht stach in ihren Augen. Die Soldaten wurden von der Menge teilweise zur Seite gezogen, damit die Leute Elara besser sahen. Die Rufe wurden aggressiver, immer mehr Hände versuchten nach ihr zu greifen und zum ersten Mal war Elara froh um die Soldaten, die sie umgaben.

Der Hauptmann trat vor sie, seine Medaillen an der festlichen Uniform reflektierten das Licht. Das Blut ihrer Freunde war von seinen Händen verschwunden, aber Elara konnte es noch immer sehen. Er beobachtete die Menge, bevor er zu Elara blickte, die gerade die letzte Stufe hinabstieg. Vor ihnen tat sich eine Treppe auf, die den Hügel hinaufführte.

»Vorwärts«, fuhr einer der Soldaten sie an und stieß sie nach vorne. Vorbei am Hauptmann und seinem unleserlichen Blick, der Elara verfolgte. Es waren nur zwei Schritte, die sie stolperte, aber die Menge jubelte so laut, dass ihr die Ohren schmerzten.

Elara wusste um ihren Zustand und versuchte, die Fieberschwäche aus ihren Knochen zu vertreiben. Sie hob den Blick über die weißen Stufen hinaus, dorthin, wo sich der Palast abzeichnete. Die Treppe würde sie direkt vor seine Tore führen. Es waren Elaras letzte Schritte in Freiheit und sie würde sie mit Stolz beschreiten.

Die Palasttürme warfen Schatten auf die ganze Stadt, so tief stand die Mittagssonne. Der Palast war ein Koloss, ein Machtbeweis des Königs mit all den üppigen Verzierungen, die zu schwer für die hohen fragilen Fenster wirkten. Ein Kunstwerk, erbaut auf den alten Grundsteinen der Festung, deren Fundament unter dem neuen Teil aufragte. Das Reich des falschen Königs.

Die Stufen hinauf durch das Haupttor kamen ihr in ihrem Zustand unendlich vor. Selbst von hier konnte sie erkennen, dass die Leute sich ins Innere der zweiten Mauer gedrängt hatten.

Elara versuchte die Gesichter auszublenden, die ihr entgegenspuckten – es wurde mit jeder Stufe schwerer. Der Palast gewann an Form und zeigte sich in seiner vollen Pracht. Die Gestalt hoch zu Ross, dort, wo die Stufen endeten und in den Palasthof mündeten, fing ihren Blick.

Auf den weißblonden Haaren ruhe eine schwere silberne Krone.

Die letzten Stufen raubte ihr fast den Atem, jeder Muskel in ihrem steifen Körper protestierte. Elara löste ihren Blick nicht von der Gestalt im wehenden Umhang am Ende ihres Weges. Er war ganz in Schwarz gekleidet und beobachtete die Rebellin, die man die Stufen hinauftrieb.

Sie ignorierte die Menschen um sich herum. Jeder Schmähruf, jeder Stein, der neben ihr auf die Stufen aufschlug, trieb sie an und ließ den Funken in ihrem Inneren heller brennen.

Sie war Elara Medow, sie würde nicht aufgeben, auch dann nicht, als die Schulterwunde wieder zu bluten begann.

Ihr Blick verschwamm, wurde immer schmaler, bis nur noch die Welt direkt vor ihr aus dem Dunst herausstach.

Die Menschen in der Menge wurden ruhiger mit jedem Schritt, den Elara sich weiterkämpfte. Sie hatten erwartet, die Rebellin fallen zu sehen, diese Genugtuung würde sie ihnen nicht geben. Blut tropfte an ihren Fingern hinab auf den Boden. Sie würde nicht aufgeben. Nicht jetzt.

Die letzten Stufen taten sich vor ihr auf. Elaras Atem war nur noch ein flaches Keuchen. Der König wirkte auf seinem Schimmel riesig, aber sie konnte endlich sein Gesicht erkennen.

Sie hatte ein Monster erwartet und sah nur einen Mann in ihrem Alter, dessen Augen voller Dunkelheit schimmerten. Es war das kalte Grau darin, das Elara dazu bewegte, den Blick nicht zu senken. Es war das Grau einer stumpfen Klinge, und zwischen den Schatten, die ihren Blick bereits verschleierten, war er ein Anker, an den sie sich mit all ihrem Hass klammern konnte.

»Mein König!«, sagte der Hauptmann hinter Elara und einer seiner Soldaten packte ihre gesunde Schulter, um sie festzuhalten.

»Ich bringe Euch die Rebellentochter.«

Für einen Moment war die Menge ruhig, es war still genug, um das Klirren der Fahnen zu hören. Blau wehten sie in der Luft, allesamt mit dem Königswappen verziert.

Als der König die Hand in einer anerkennenden Geste hob, wurden die Jubelschreie ohrenbetäubend. Die Menge feierte ihren Helden, rief immer wieder einen Namen, den Elara über den Lärm hinweg nicht verstand. Er war eine imposante Gestalt, das musste sie ihm lassen, auch wenn sie versuchte ihn als wertlos zu betrachten. Breite Schultern und eine Uniform, die ohne Prunk mit ihrer Einfachheit bestach. Nur die Haltung verriet, dass dieser Mann niemand war der nachgab, die steife Position, mit den verspannten Muskeln und dem gereckten Kinn waren ein Sinnbild der Stärke. Das Symbol welches ein König immer repräsentieren sollte.

Der König wartete, gab der Menge genug Zeit, um sich von selbst wieder zu beruhigen, dann hob er erneut die Hand. Es dauerte, bis auch der letzte Ruf endgültig verstummt war, doch er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nur die Finger streckte er für einen Moment aus, lockerte seinen harten Griff um die Zügel und richtete die weißen Handschuhe, die das Blut, welches er vergossen hatte, nicht als Schandfleck auf dem Stoff trugen. Elaras Finger zitterten, vergraben in ihrem Kleid damit niemand die Nervosität in ihr sah.

»Wer hätte gedacht, dass der Verrat in meinem Königreich so weit reicht, dass mein eigener Adelsstand sich gegen mich wendet. Eine Familie, die einst das Land mit uns zurückeroberte, vom Lechzen nach Macht verführt.«

Er hielt den Blick auf Elara gerichtet, die Stärke und die Wut, die sicherlich irgendwo darunter brodelte, hatte er versteckt, nur Gleichgültigkeit war noch übrig. Wie weit fort war dieser Mann mit seinen Gedanken, dass es ihm so einfach fiel eine Fassade in Sekunden aufzubauen und ihn die Belange dieser Welt so wenig interessierten?

»Macht ist nicht das Ziel einer Rebellion«, erwiderte Elara laut genug, dass die Menge sie hören konnte. »Wenn wir Macht wollten, würden wir die richtigen Adligen heiraten, bis wir uns mit deren Geld jeden Weg erkaufen könnten.«

Ein Lächeln stahl sich auf die schmalen Lippen des Königs. Wind wehte über den Platz und ließ die blonden Haare unter der Krone hervorrutschen. Jetzt wirkte er jünger, trotz der steifen Uniform und dem harten unnachgiebigen Gesicht.

»Schöne Worte, hat euch das Euer Vater gelernt? Wolltet Ihr euch damit seine Anerkennung sichern? Eine Sache ändert sich aber trotz all dem Mut nicht, kleine Rebellin. Der Tod macht alles zunichte. Er macht aus Rebellen und Königen nur noch Staub im Mühlrad der Zeit.«

Elara trat unbewusst einen Schritt zurück, die Drohung hatte ihre Wirkung erreicht. Sie konnte die Genugtuung in seinen grauen Augen sehen, als ein weiterer Soldat an der Spitze des Torbogens hinter dem König erschien.

Er hatte zwei weitere Soldaten im Rücken, die ein Bündel aus weißem Tuch hochhoben und über die Balustrade des Bogens hievten. Noch konnte Elara nicht erkennen, wer sich unter dem Bündel verbarg, aber sie hatte oft genug Leichen begraben um eine zu erkennen. Wen hatte der König gefunden? Was hatte er gegen sie in der Hand?

Immer hatte man Elara vorgehalten, sie müsste vorbereitet sein auf die Dinge die geschehen konnten, wenn man sie einfing, auch wenn der Gedanke damals ferne Möglichkeit war, nun im Angesicht ihres schlimmsten Albtraumes war ihr nichts geblieben außer ihren Feinden zu erlauben die Stricke zu leiten. Elara war eine Marionette in ihren Händen, gezwungen zu einer Schau, die sie nicht aufhalten konnte.

»Nein«, hauchte sie, als ihr Weg zurück vom Hauptmann aufgehalten wurde. Ihre Beine ließen sie im Stich, sie konnte nicht fliehen. Die Soldaten legten das Bündel auf der Mauer ab, hinter Elara schrie die Menge begeistert auf, als die Männer einen Strick um den Hals der Leiche legten. Das Tuch war nicht daran befestigt worden, eine leichte Windböe wehte das von Flecken verunreinigte Leichentuch weg und legte den Blick frei. Mit Schwung trat der Soldat den Körper hinab, bevor er sich vom Bogen abwandte. Wäre da nicht das dicke Seil gewesen, das den Sturz stoppte, hätte er auf den Stufen aufgeschlagen.

Der Körper hatte nichts mehr gemeinsam mit ihrem Vater und doch ging Elara in die Knie. Ihre Sicht verschwamm, aber keine Ohnmacht erlöste sie. Jetzt, wo sie sich nichts mehr wünschte als die Bewusstlosigkeit, zwang der Schmerz ihrer Wunden sie dazu, all das hier mitzuerleben.

Seine Kleidung war von der Reise, zu der er vor Wochen aufgebrochen war, nur ein wenig verschlissen. Selbst sein Haar war noch ordentlich zurückgekämmt, als gäbe es das dicke Seil um seinen Hals nicht. Das war nicht ihr Vater – es war nur sein Körper. Was hatten sie ihm angetan?

Der Schrei, der ihrer Kehle entwich, war nicht menschlich. Ein Stein traf die Leiche vor ihren Augen und prallte an der geschwollenen Haut ab, die jegliche Farbe verloren hatte. Wie lange war er schon tot? Tränen tropften vor ihr auf den Stein. Die Menge johlte wieder, feuerte Elaras Leid an.

Die Leiche verschwand im Nebel, der ihr Blickfeld langsam einnahm; das Einzige, was Elara noch sah, waren die grauen Augen, die jede ihrer Bewegungen beobachteten. Das Gesicht des Königs eigentlich so klar geschnitten, verschwamm, wurde zu einer monsterhaften Fratze, die sie verhöhnte. Sie fiel auf die Knie, die Hände auf dem sonnenwarmen Stein abgestützt, der Atem nur noch ein hektisches Luftholen, das Gefühl ein Seil, um ihre Kehle zu haben, genau wie ihr Vater, verdunkelte ihren Geist. Doch als ihre Finger ihre Kehle entlangfuhren in der verzweifelten Hoffnung den Strick zu lösen, war da nichts. Das Johlen wurde lauter, hier lag sie nun zu den Füßen des Königs, von seinem Volk verhöhnt. Die Rebellentochter war in die Knie gegangen, vor ihrem größten Feind, selbst ihre Tränen füllten sie mit noch mehr Scham. Kälte hatte ihr Herz in Besitz genommen.

Ein zweiter Schrei fegte ihr Leid fort, aus Kälte wurde brennende Hitze, Rage, die vom Schmerz beflügelt wurde. Sie würde nicht untergehen, wenn ihr Vater sie noch sehen konnte, dann würde sie ihm beweisen, dass noch immer Kampfeswille in seiner Tochter lebte. So klein wie der Funke auch sein mochte, sie würde diesen Mann mit sich in die Tiefe reißen. Sie würde ihn vernichten.

Elara stürzte nach vorne und wurde nur Zentimeter vom König entfernt von den Soldaten wieder nach hinten gerissen. Das Pferd des Königs scheute, warf ihn fast ab, aber er konnte sich fangen, sein Lachen schallte über ihren wutentbrannten Schrei hinweg. Elaras Schmerz blendete ihren Verstand, sie wusste nicht mehr, ob es von der Wunde oder ihrem Herzen kam.

»Die Welt wird brennen! Eines Tages wird sich niemand an Euren Namen erinnern. Ich werde Euch auslöschen. Denn ich kenne die Wahrheit!«

Ihre Worte klangen drohender, als sie erwartet hatte. Die Menge verstummte. Man hatte Elara aus den Schatten geholt, die ihre Welt verborgen hatten, jetzt war es an ihr, das Ende über sie alle zu bringen.

Der König wartete, bis seine Soldaten Elara halbwegs unter Kontrolle hatten, bevor er sich auf dem Pferd sitzend zu ihr herabbeugte. Endlich waren Emotionen in seinem Gesicht aufgetaucht und wenn der Blutverlust sie nicht vollständig trog, sah sie hinter all dem Schauspiel einen winzigen Funken Angst.

»Ihr kennt die Wahrheit? Was ist denn die Wahrheit, kleine Rebellin? Warte, lasst es mich selbst beantworten, es ist eine Lüge. Wie nennt Ihr mich? Mörder? Monster? Ich bin mir sicher, es gibt ein paar umfassendere Beschreibungen unter Euch. Aber noch lebt Ihr, oder nicht, Elara Medow? Wo also ist meine berüchtigte Grausamkeit? Euer Vater hat sich in seiner Zelle erhängt, aus Angst, den Konsequenzen seiner Taten ins Auge blicken zu müssen.«

»Eure Grausamkeit steht geschrieben in den toten Augen meiner Freunde, die unter den Trümmern unseres Anwesens begraben wurden!«

Die Soldaten zerrten sie noch immer nach hinten, weg vom König. Blut rann an ihren Fingern herab und beschmutzte den weißen Boden unter ihren Füßen. Durch das Zerren hatten zwei Finger jegliches Gefühl verloren, ihr Körper gab auf.

»Eure Freunde haben meine Soldaten angegriffen und sogar getötet. Was macht sie so anders? Weil sie der Rebellion dienen? Meine Soldaten sind Väter, Brüder und Söhne. Ist ihr Leben so viel weniger wert, nur weil sie die Uniform ihres Königs mit Stolz tragen?«

Die Menge stimmte begeistert zu, sie waren auf der Seite des Königs. Es würde Elara nicht wundern, wenn die jungen Männer aus der direkten Palastumgebung die meisten Soldaten stellten. Sie waren ihr ganzes Leben von der Glorie des Königs umgeben.

»Sie sehen die Wahrheit nicht und das macht sie schuldig«, flüsterte Elara, die Worte bereits vom Schmerz verzerrt, aber ihr Gegenüber verstand sie trotzdem. Der Blick des Königs wanderte langsam über die Menge. Sein Reich.

Elara hatte den Blick noch immer nicht von dem Mann vor ihr abgewandt, sie konnte nicht, ansonsten würde die Leiche ihres Vaters das Einzige sein, was sie vor ihrem inneren Auge sah.

»Bringt Sie in den Kerker«, sagte der König dann nachlässig und blickte zu ihrem Vater. Elara beging den Fehler, seinem Blick zu folgen. Das geschwollene, wächserne Gesicht und die verblassten Augen hatten nichts mit dem strengen aber freundlichen Blick gemein, den sie in Erinnerung behalten wollte. »Rebellen scheinen nicht gerade lange zu überleben in meinem Kerker. Vielleicht lockert ein Aufenthalt dort Eure Zunge, Elara Medow.«

Die Soldaten packten sie und schleiften sie fort von der Leiche ihres Vaters. Elara hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren, ihre Füße hingen kraftlos über dem Steinboden. Nicht einmal laufen konnte sie.

Ihr Vater hatte mehr verdient. Sein Leben konnte nicht an einer Stadtmauer enden.

Selbst in dieser verzweifelten Stunde, in der betteln wahrscheinlich ihre einzige Hoffnung war und der König hinter ihr die Menge mit weiteren Reden anheizte, konnte sie nicht für ein Grab flehen. Niemand hier würde ihr diese Güte zeigen.

Im Palast waren ebenfalls Adlige versammelt. Die weiß getünchten Gesichter lachten, die Adligen deuteten aufgeregt auf ihre Gestalt.

Elara glaubte tot zu sein, diese Welt wirkte so verdreht im Gegensatz zu dem, was sie kannte. Ihr Fieber bildete aus den höhnischen Gesichtern lang gezogene Fratzen, die ihr gackernd hinterherblickten.

Sie hätte sterben sollen. Die Erkenntnis traf Elara härter als gewollt. In der Sekunde, in der sie die Treppe betreten hatte, war das Spiel verloren gewesen. Der König hatte gewonnen und sie für seine Zwecke missbraucht. Sie hatte ihm eine Möglichkeit gegeben und damit die Rebellion verraten.

Ihre Leiche hätte mit all den anderen unter den Trümmern ihres Herrenhauses liegen sollen, und doch konnte Elara sich nicht dazu aufraffen, ihr Leben zu beenden. Der Gedanke ließ die Tränen wie zuvor wieder über ihre Wangen fließen. Es war ihr egal, dass die Soldaten sie angewidert betrachteten und ihre Schwäche auslachten. Sie wollte nicht sterben, dafür hatte sie zu wenig von dieser Welt gesehen.

Selbst als sich die Kerkertür hinter ihr schloss und die kalte Feuchte der Zelle Einzug in ihre Seele fand, schaffte Elara es nicht, ihren Entschluss zu ändern.

»Vater«, hauchte sie ungehört hinaus aus dem kleinen vergitterten Schlitz an der gemauerten Wand. »Ich bin nicht so stark wie du.«

Keine Antwort erreichte ihre Ohren, als sie sich in einer Ecke zusammenkauerte. Von Fieber und Schmerzen geschüttelt, ergab sie sich der Verzweiflung. Vielleicht konnte ihre Wunde sie erlösen. Verbluten oder im Fieberwahn zu sterben, das schien ihr die beste Lösung zu sein.

»Es tut mir leid.«

Niemand hörte ihre Entschuldigung. Die Menschen, denen sie gebührte, waren alle fort. Die Tränen auf ihren Wangen versiegten selbst im unruhigen Halbschlaf nicht. Vor ihrem inneren Auge sah sie nur ihren Vater. Das Gesicht hohl und eingefallen. Den Hals verdreht und vom Seil zerstört, das seinen Sturz von der Mauer aufgehalten hatte. Immer weiter drehten sich die Knochen in ihrem Traum, bis Blut ihre Sicht besudelte und sie schreiend aufwachen ließ.

Elara konnte nur hoffen, dass sein Geist weitergewandert war. Dorthin, wo ihre Mutter schon so lange auf ihren Ehemann wartete.

Elara erwachte durch einen lauten Jubelschrei. Für einen Moment glaubte sie, in ihrem Traum gefangen zu sein, den Kopf auf den Richtblock abgelegt. Dann holte die Realität sie wieder ein.

Sie hatte kaum geschlafen, war immer wieder aus Albträumen erwacht nur um wieder einzuschlafen, die Hände panisch um ihren eigenen Körper geklammert. Das Bild ihres Vaters hatte sie nicht aus ihrem Verstand verbannen können, auch wenn sie verzweifelt an ihren Schläfen gekratzt hatte.

Der Kerker war in Dunkelheit gehüllt, so spät war es geworden. Vorsichtig streckte Elara sich mit den Schmerzen, ihr Hals knackte aus Protest über die unnatürliche Haltung der letzten Stunden.

Das Blut um ihre Schulter herum war getrocknet, aber die Wunde hatte geeitert und verbreitete einen unangenehmen Geruch, der durch den Verband drang. Vorsichtig berührte Elara den weißen Stoff, den man mit einer Salbe getränkt hatte. Jemand war in ihrer Zelle gewesen und sie hatte es nicht einmal bemerkt, die Bandage war ersetzt und neu gebunden worden.

Ihre Glieder zitterten nicht mehr von Fieberkrämpfen geschüttelt, aber Elara spürte den Nachklang in ihren Knochen. Eine braune Decke lag zusammengerollt an der Tür des Kerkers, ein Krug mit Wasser stand daneben.

Elara brauchte mehrere Minuten, um ihre eingeschlafenen Beine bewegen zu können und zu den Gitterstäben zu krabbeln. Die Decke kratzte und stank nach Rattenmist, aber sie fror durch den Blutverlust, und Eitelkeit konnte sie sich hier nicht erlauben.

Der Blick in den Gang verriet ihr nichts. Die Soldaten saßen außerhalb ihrer Sicht, beschäftigt mit ihrem Kartenspiel, und nur wenige Fackeln brannten an den Wänden. Es war zu düster, um einen Fluchtweg auszumachen. In ihrem Zustand würde es sowieso nichts bringen. Elara zog die Decke ein wenig enger um ihre Schultern und versuchte den Gestank zu ignorieren, indem sie sich in ihrer Zelle umsah.

Ihre neue Heimat war gerade einmal so breit wie lang und hatte eine tiefe gewölbte Decke. Die Steine waren glatt geschliffen vom Alter und voller Markierungen, die hineingekratzt waren. Nachrichten, die so alt waren, dass man sie kaum noch sah. Der Stein unter ihren Fingern hatte kleine Erhebungen, Striche, so wie es sich anfühlte. Was hatte die Person gezählt? Tage bis zur Freilassung oder der Hinrichtung?

»Lady Medow?«

Der Schatten gegenüber bewegte sich und ein leises Klirren drang zu ihr herüber. Elara erkannte im spärlichen Licht, dass es eine weitere Zelle war, die beinahe gänzlich im Schatten verschwand. Fahl erschien ein bärtiges Gesicht hinter den Gitterstäben, die trüben Augen eingefallen und von Falten umgeben.

»Elara Medow, seid Ihr es?«

Der Mann gegenüber drückte sich näher an die Gitterstäbe, war jetzt fast vollständig im Licht der Fackel zu sehen. Seine Kleidung war zerrissen und die Stimme von Erschöpfung ausgezehrt. Keiner der Soldaten regte sich, sie hörten das Gespräch nicht.

»Ja«, antworte Elara leise und bemerkte, wie heiser ihre Stimme war. Selbst das Sitzen strengte sie an.

»Da bin ich froh.«

Er wurde unterbrochen von einem Hustenanfall, dem man anhören konnte, wie schmerzhaft er war. Die feuchte Kerkerluft hatte ihm die Kraft geraubt und es dauerte, bis er wieder sprechen konnte.

»Elara, Euer Vater ist tot.«

»Ich weiß.«

Die Worte waren schwer auszusprechen. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Zunge zentnerschwer war, es änderte aber nichts an den Bildern, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. Die verdrehten Knochen, die tote Haut mit dem …

Mit ihrer Hand schlug sie heftig gegen die Gitterstäbe, in einem verzweifelten Versuch, das tote Gesicht ihres Vaters aus ihrem Verstand zu vertreiben. Tränen tropften auf den Kerkerboden und ihr Gegenüber schwieg, bis Elara den tränenverschleierten Blick wieder heben konnte.

»Ich war mit Ihm auf seiner Reise durch die Lande, hat er Euch erzählt, warum er aufbrechen musste?«

Nein, das hatte er nicht. Wenn ihr Vater von seinen Reisen heimgekehrt war, hatte er geschwiegen. Das meiste wusste Elara nur, weil sie zu neugierig war.

Es war schon genug, dass Elara über den Kristall der wahren Könige Bescheid wusste. Für ihren Vater war es eine Bürde gewesen, seinem einzigen Kind die Wahrheit zu erzählen. Alles andere war immer ein Geheimnis geblieben, vor ihr und vor anderen.

»Nein, es ging alles zu schnell«, gestand Elara leise. »Ich war bei meiner Freundin Sophie, als mich die Nachricht erreichte.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, flüsterte ihr Gegenüber bedächtig und blickte vorsichtig zu den Soldaten auf. Sie achteten noch immer nicht auf ihre Gefangenen. »Lady Medow, was ich Euch jetzt sage, kann Eure Welt verändern, Ihr müsst es wissen, damit Ihr überleben könnt.«

»Ihr solltet es nicht sagen, wenn es so wichtig ist. Was, wenn …«

»Nein! Ich muss es Euch sagen, bevor ich mit dem Wissen sterbe!« Der Mann hatte den Blick erneut auf die Soldaten gerichtete. Nichts tat sich, nur die Münzen klimperten laut. Er schaute Elara nicht an, als er die Worte flüsterte, sondern blickte nur erleichtert auf den Boden, als würde ihm eine Last von den Schultern genommen werden.

»Lady Medow, der wahre König ist in unser Land zurückgekehrt.«

Elaras Griff löste sich von den Gitterstäben, langsam rutschte die Decke von ihren Schultern, doch sie hielt sie nicht fest. Ihr Herz machte einen Sprung, wollte dem Schmerz in ihrer Brust entspringen und dem Gefühl nachgeben, dass nicht alles vergeben war.

»Das ist unmöglich.«

Der Mann fing nicht an zu lachen, er blickte nur erneut nervös den Gang entlang und unterdrückte mehrfach ein Husten. Das hier war ernst, dafür hatte ihr Vater sein Leben geopfert. All das, worauf sie jahrelang hingearbeitet hatten, war eingetreten und Elara saß gefangen in einer Zelle.

Sie wollte erneut schreien, die Gitterstäbe mit bloßen Händen entzwei biegen oder die Wände entzwei sprengen. Elara saß gefangen in dieser Zelle und die einzige Möglichkeit, die existierte, um all ihre Anstrengungen doch noch wertvoll zu machen, war unerreichbar.

»Wir haben Bauern angeheuert, um Platz für die Armeen der Inselreiche zu schaffen, die bald eintreffen. Aber einer hat Angst bekommen und uns alle verraten. Wir waren zu dumm, um seine Gier hinter dem dicken Wanst zu sehen.«

Eine Armee der Inselreiche? Wie weit war ihr Vater gekommen, ohne jemals ein Wort ihr gegenüber zu verlieren? Sie ahnte, dass sie innerhalb der Rebellion nur die Spitze des Berges gekannt hatte, ohne die Wolken darum zu durchblicken.

Die Angst vor Verrat hatte sich ausgezahlt. Es war eine gute Idee gewesen, und trotzdem schmerzte es sie, wie wenig ihr Vater ihr am Ende vertraut hatte. Sie war immer erst seine Tochter gewesen und nicht die Rebellin, anscheinend hatte er anders empfunden.

»Ihr müsst verstehen, Lady Medow, Euer Vater Joseph, er konnte nicht mehr allzu lange warten. Die Inselreiche haben ihre Bedingungen sehr klar formuliert, wie lange sie ihre Soldaten entbehren können. Unser König wollte in sein Reich heimkehren und die falsche Königsfamilie, die seinen Namen missbrauchte, vom Thron stoßen. Damit der Name Atwell wieder für Stolz und Ehre steht. Wir haben uns von der Hoffnung blenden lassen. Joseph hatte so sehr gehofft, dass Ihr fliehen könnt, er hat mir nie gesagt, warum … nur das es wichtig wäre, dass Ihr entkommt. Seine letzten Worte galten euch und der Hoffnung, dass Ihr sein Geheimnis wahrt.«

Der Mann vor ihr wandte sich von den Gitterstäben ab, spuckte Blut und Schleim in den Nachttopf zu seiner Rechten.

Elara schwieg, der Wunsch ihres Vaters war sicherlich nicht gewesen, dass sie den Kristall von sich warf. Aber genau das hatte sie getan und sie musste alles daran setzen nicht unter der Hand des Königs zu brechen.

»Das erklärt, warum der König die Rebellion so schnell niederstrecken will. Durch den Verräter hat er erfahren, wie weit wir bereits gekommen sind, und jetzt fehlt uns der Schleier, der unser Unterfangen so lange verborgen hatte.«

Elaras leise Antwort verhallte im Gang, sie mussten vorsichtig sein, die Soldaten hatten ihr Spiel beendet. Der Mann nickte auf ihre Schlussfolgerung hin und Elara war versucht, ihren Kopf aus Verzweiflung gegen die Gitterstäbe zu schlagen.

Dieser Mann klammerte sich an die Hoffnung, sie erkannte es in der Art, wie er sie betrachtete. Er wollte wissen, welches Geheimnis sie, als Tochter des Rebellenführers, barg. Sie war selbst ohne wichtige Information genau das, was ihr falscher König brauchte – ein Zeichen.

»Deswegen hat er mich nicht sofort töten lassen, für den König bin ich die Rebellion. Ein Werkzeug, das er benutzen kann, um seinem Volk etwas Greifbares zu geben. Ein Mensch, der für all das steht, was er mir anhängen will.«

Damit war die Vorführung auf dem Platz einem klaren Ziel gefolgt. Sie zu präsentieren, damit auch die letzten Menschen in seiner Hauptstadt erfuhren, dass die Rebellion kurz vorm Scheitern stand. Ihr Vater, er war ebenfalls eine weitere Figur im Schachspiel des Königs und mit seinem Tod hatte er sich diesem Zug verweigert.

»Richtig, Lady Medow, deswegen müsst Ihr fliehen! Damit Euer Vater sich nicht umsonst erhängt hat, versteht Ihr? Euer Vater wusste zu viel, er hätte der Folter nicht widerstanden. Niemand kann das. Flieht! Damit der Name Kain Atwell auf ewig vergessen wird. Noch habt Ihr Freunde im Land.«

»Ich hoffe sogar darauf, dass Lady Medow Freunde hat«, unterbrach ihr Gespräch eine Stimme, die sie hier im düsteren Kerker nicht erwartet hätte. Der König stand auf dem Gang zwischen den Zellen, die Krone auf seinem Haupt reflektierte schwach das Licht der Fackeln. Noch war er König, aber Elara würde ihn niemals als solchen respektieren.

Kain Atwell hatte vielleicht den Namen des wahren Königsgeschlechtes angenommen, aber sie würde ihn nie damit ansprechen.

»Kain«, zischte Elara trotz der Erschöpfung gepresst zwischen den Zähnen hervor. Sie hatte sich aufgerichtet, versuchte alles, damit man ihr nicht anmerkte, wie schwer es ihr fiel, die Augen offen zu halten. »Ein passender Name für ein Monster.«

»Wie schmeichelnd, kleine Rebellin, aber für Untertanen der Krone heißt es mein König.«

Der Mann gegenüber in der Zelle war still geworden. Er hatte sich in den Schatten zurückgezogen und sein Gesicht abgewandt, sein rasselnder Atem hallte durch den Gang.

»Kleine Rebellin mag schmeichelnd sein, aber Ihr dürft mich mit Lady Medow ansprechen.«

Kains Augen schienen aufzuleuchten, als er einen Schritt näher an ihre Zelle trat und das Licht der Fackeln sich darin reflektierte. Das Grau war hier dunkler als auf dem Platz draußen und schien sie direkt zu durchbohren. Dieser Mann war gefährlich.

»Starke Worte für jemanden, der kurz zuvor auf meinem Palastvorhof schrie, weil sein Vater Tod vor seinen Augen hing. Wie schreit Ihr wohl, wenn Euer Freund dort drüben morgen seinen Kopf verliert?«

Deshalb die Angst, er wollte nicht sterben, genauso wenig wie Elara. Der Gedanke an eine mögliche Flucht musste ihn am Leben gehalten haben. Leider sah sie keinerlei Ausweg, nicht in ihrem Zustand.

»Ich schäme mich nicht für meine Gefühle«, erwiderte Elara kalt und schaffte es nicht, sich weiter aufzurichten. Die Wunde schmerzte zu sehr und ihre Sicht verschwamm bereits am Rand. »Sie machen mich zu dem, was ich bin. Sie geben mir Mitgefühl und Stärke.«

»Rührend.«

Ein Lächeln zuckte kurz über sein Gesicht, dann rief er seine Soldaten zu sich. Noch immer hatte Kain den Blick nicht von ihr abgewandt; was auch immer er in ihr sah, es amüsierte ihn sichtlich.

»Wir werden sehen, was aus Euch wird, kleine Rebellin, an einem Hof, der so passend benannt wurde. Ihr würdet nicht die Erste sein, die hier alles verliert. Klammert Euch fest an Eure Seele, sie wird das Einzige sein, das Euch für lange Zeit Gesellschaft leistet.«

Ein letzter Blick in ihre Richtung, dann wandte er sich seinen Männern zu.

»Richtet den Mann sofort hin und dann sperrt den Trakt ab. Niemand soll ihn betreten. Nehmt die taubstumme Dienstmagd, um Ihr Essen zu bringen.«

Er blickte zurück auf ihre kauernde Gestalt. Elara bettelte nicht, auch wenn es ihr schwerfiel. Die Angst vor der Stille war wie eine eiskalte Welle, die sie hinabriss. Das war also ihre Folter, allein mit sich selbst und ihrer Trauer.

»Dann werden wir sehen, wie lange Ihr durchhaltet, oder ob wir am Ende Eure Leiche hinaustragen.«

Seine Worte verhallten, während er verschwand und die Soldaten den Mann hinauszerrten. Sein Weinen und Betteln hörte man den ganzen Gang entlang, er schrie nach Elara und nach ihrem Vater. Sie kannte nicht einmal seinen Namen, konnte keine Worte des Trostes aus ihrer trockenen Kehle hervorbringen.

Erst als die Tür zufiel und niemand mehr hier war, holte die Stille Elara ein. Sie war allein. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie vollkommen verlassen. Der Schmerz ihrer Wunde war nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das sich in ihrem Herzen ausbreitete.

KAPITEL 3

Vier Wochen.

Vier Wochen in Gefangenschaft und kein einziger Tag, an dem sich die Monotonie nicht wiederholte. Ihre Strichliste, die sie mühsam in die Steine gekratzt hatte, erstreckte sich bereits über mehrere, mittlerweile verdeckte alte Nachrichten. Es waren letzte Worte, die sie nicht einmal mehr lesen konnte. Die Zeit hatte sie vernichtet und nagte mit jedem vergehenden Tag auch an Elaras Verstand.

Die Fackeln und Öllampen des Kerkers waren in den ersten Tagen nach und nach erloschen. Es war niemand gekommen, um sie wieder anzuzünden.

Das waren die schlimmsten Stunden, wenn der Tag verschwand und die Dunkelheit einkehrte. Das waren die Stunden, in denen es ihr schwerfiel, ihren Verstand nicht zu verlieren. Sie konnte das Wispern von Geistern hören, die Schreie von Gefolterten und manchmal glaubte sie, vom Haken in der Decke ihren Vater baumeln zu sehen.

Es war eine Verhöhnung, dieser Haken, eine grausame Erinnerung, dass sie die Stoffdecke, die man ihr gegeben hatte, nur zu einer Schlinge formen musste. Wenn Elara es schlau anstellte, brach ihr Genick – wenn nicht, dann würde sie einen qualvollen Tod sterben.

Vier Wochen und doch atmete sie noch, hatte die Decke dutzende Mal entfaltet und die Falten mit den Händen wieder geglättet. Sie hatte den hölzernen Absatz, unter dem sich ihr Nachttopf verbarg, nicht als Sprungbrett für den Selbstmord missbraucht. Aber ein brennender Hass auf diese leblosen Objekte, die sie verhöhnten, hatte sich in ihrem Herzen breitgemacht.

Die Dienstmagd, die das Essen brachte, sah Elara nicht einmal an und selbst wenn sie versuchte, die Frau in ihrer Arbeit aufzuhalten, hatte die alte Vettel sich nicht beunruhigen lassen.

Sie blieb stehen, wenn Elara ihr im Weg stand, schaute nur zu Boden, sobald Elara sie an ihrem Kleid gepackt hatte, um sie zum Stehenbleiben zu zwingen. Sie wartete, zu Anfang sogar stundenlang, bis Elara aufgab. Erst wenn sie sich in einer Ecke niederließ, begann die Magd sofort tüchtig mit ihrer Arbeit und verschwand anschließend.

Ihre Schreie hatte niemand gehört, ihre Wutausbrüche hatte niemand gesehen und ihre Schluchzer waren von den Kerkerwänden widergehallt. Nachts schlug sie nach den unsichtbaren Tieren, die sie überall auf sich krabbeln spürte und deren Körper sie in der Dunkelheit nicht sah und auch nie greifen konnte. Ob die Ratten und Spinnen, die sie folterten, wirklich existierten, wusste Elara nicht. Ihr Verstand spielte mit ihrem drohenden Wahnsinn. Die Stille war laut, rauschte nachts in ihren Ohren und doch würde sie nicht aufgeben.