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Zwei ungleiche Schwestern und ein Geheimnis in der Vergangenheit Die eigenwillige Kate möchte ohne die Verbindungen ihres einflussreichen Vaters eine gute Journalistin werden, auch wenn das zunächst heißt, im langweiligen Lancashire beim «Bowland Bugle» über Vandalismus auf Kinderspielplätzen zu schreiben. Als plötzlich ein Mädchen verschwindet, scheint Kates Chance für die große Geschichte gekommen zu sein. Doch dann passiert ein Unglück in der Familie, und sie muss zu ihrer Schwester Laura nach London zurückkehren. Humorvoll und berührend: eine fesselnde Familiengeschichte
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Emma Lee-Potter
Für alles gibt’s ein erstes Mal
Aus dem Englischen von Tamara Willmann
Ihr Verlagsname
Zwei ungleiche Schwestern und ein Geheimnis in der Vergangenheit
Die eigenwillige Kate möchte ohne die Verbindungen ihres einflussreichen Vaters eine gute Journalistin werden, auch wenn das zunächst heißt, im langweiligen Lancashire beim «Bowland Bugle» über Vandalismus auf Kinderspielplätzen zu schreiben. Als plötzlich ein Mädchen verschwindet, scheint Kates Chance für die große Geschichte gekommen zu sein. Doch dann passiert ein Unglück in der Familie, und sie muss zu ihrer Schwester Laura nach London zurückkehren.
Humorvoll und berührend: eine fesselnde Familiengeschichte
Emma Lee-Potter war zehn Jahre Journalistin im Nachrichtenressort der Zeitungen «Today», «Sunday Express» und «Evening Standard». Nun arbeitet sie als freie Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Oxford.
Für Adam
Mein besonderer Dank gilt allen Piatkus-Mitarbeitern, insbesondere Judy Piatkus, Gillian Green und Sara Kinsella, meiner Agentin, Jane Judd, meinen Freunden Alex Lester, Ruth Thick, Colette Ward und Katie und Anthony Capstick für ihre Hilfe und Ermunterung sowie meiner Familie, die mich fabelhaft unterstützt hat. Außerdem Dank an Lottie und Ned dafür, dass sie mich in Ruhe schreiben ließen … manchmal!
Dodo Hollingberry kämpfte mit ihrem Gewissen. Das jämmerliche Weinen eines Kindes hatte sie aus dem ersten unruhigen Schlummer gerissen. Sie döste noch ein paar Sekunden weiter in der Hoffnung, dass das Gewimmer schon wieder aufhören würde. Es hörte aber nicht auf, also stemmte sie ihren nicht mehr ganz jungen Körper träge aus dem schmalen Bett und stieg die steile Holztreppe hinauf.
Die Tür stand wie gewohnt ein wenig offen – die Mädchen mochten es nicht, wenn sie völlig geschlossen war –, und auf dem Flur brannte eine Lampe. Dodo blinzelte in den höhlenartigen Raum und fuhr erschrocken zusammen. Bis auf einen abgeschabten Teddy war das eine Bett völlig leer. Mit heftigem Herzklopfen blickte Dodo zum anderen, das nur einen halben Meter von seinem Zwilling entfernt stand, und seufzte erleichtert auf Natürlich hatten Laura und Kate sich aneinander gekuschelt, zwei trostbedürftige kleine Mädchen.
«Schon gut, Katey-Kate», ertönte Lauras leise Stimme beruhigend. «Ich bin doch da. Ich lass dich nicht allein. Ehrenwort.»
Dodo verspürte einen Kloß im Hals. Laura war erst acht Jahre alt und fürchtete sich im Dunkeln zu Tode. Die Kleine hatte bestimmt ihren ganzen Mut aufbringen müssen, um ihr eigenes Bett zu verlassen und ihre sechsjährige Schwester zu trösten.
Dodo machte sich Vorwürfe, dass ihr vorhin nicht aufgefallen war, in welcher Verfassung ihre Nichten sich befanden. Zugegeben, sie hatte es Sarah, dem neuen australischen Kindermädchen, überlassen, ihnen das Abendessen zu machen und sie zu baden. Doch Dodo hatte ihnen wie üblich die Gutenachtgeschichte vorgelesen, sie zu Bett gebracht und sie zugedeckt.
Die Mädchen waren so tapfer gewesen in den letzten Monaten, dachte Dodo, so mutig. Nun war es schon ein Jahr her, dass ihre Mutter ohne ein Wort der Erklärung spurlos verschwunden war.
«Glaubst du, Mummy kommt bald wieder, Laura?», flüsterte Kates Stimmchen durch die Dunkelheit. «Ich hätte nie gedacht, dass sie so lange wegbleibt.»
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Laura antwortete.
«Ich … ich weiß nicht», sagte sie schließlich. «Ich weiß es einfach nicht.»
«Ich wünschte, sie wäre nicht weggegangen», sagte Kate.
«Ich auch», sagte Laura.
«Wo sie jetzt wohl ist?», murmelte Kate schläfrig.
«Ich weiß nicht. Jedes Mal, wenn ich Daddy frage, wird er ganz komisch und wütend, deshalb frag ich ihn nicht mehr.»
Über Dodos Wange rann eine Träne, und sie wischte sie zornig mit dem Handrücken fort. Verdammter Hubert. Seine Töchter sollten das alles nicht durchmachen müssen. Die Kinder sollten nicht ohne ihre Mutter zurechtkommen müssen, was immer die auch getan haben mochte. Kein Kind sollte das.
Chelsea, November 1978. Vor fast genau einem Jahr war Clare Hollingberry zum letzten Mal die Stufen vor der eleganten Villa ihres Mannes hinabgestolpert. Nie würde Dodo den Gesichtsausdruck vergessen, mit dem ihre Schwägerin, bleich vor Kummer, auf den Bürgersteig getaumelt war. Das normalerweise tadellos gepflegte kurze blonde Haar war völlig zerzaust, und trotz der in den letzten Tagen dramatisch gesunkenen Temperaturen trug Clare nur einen kurzen marineblauen Trägerrock über einem gestreiften T-Shirt. Sie hatte weder Jacke noch Mantel mit, und ihr Gepäck beschränkte sich auf eine kleine lederne Schultertasche und eins der bunten Bilder ihrer Töchter, das sie hastig von der Küchenwand gerissen hatte. Unglücklich hatte sich Clare ein letztes Mal zum Dachfenster umgeschaut, um dann aus ihrer aller Leben zu verschwinden.
Dodo hatte es natürlich kommen sehen. Ihr war nicht entgangen, dass Hubert und Clare sich auf Kollisionskurs befanden. Mit Hubert konnte man einfach nicht zusammenleben. Schon als kleiner Junge hatte er sich nie fügen wollen, ob es darum ging, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, den verhassten Spinat aufzuessen oder das Einmaleins zu lernen.
Nach Clares fluchtartigem Verschwinden war Dodo ins Haus ihres Bruders gezogen, angeblich, um für Laura und Kate zu sorgen, aber, wie sich bald herausstellte, auch, um sich um Hubert zu kümmern. Dodo war drei Jahre älter als ihr Bruder, doch er war der Boss, so lange sie denken konnte. Er war schon immer unheimlich geschickt darin gewesen, jeden in seiner Umgebung – Dodo eingeschlossen – dazu zu bringen, genau das zu tun, was er wollte. Deshalb war er wohl auch geschäftlich so erfolgreich und hatte das anfänglich bescheidene Familienunternehmen zur florierenden Gruppe von Regionalzeitungen ausbauen können. Also hatte Dodo gehorsam ihre winzige Einliegerwohnung an der Albert Bridge vermietet, ihre kostbarsten Besitztümer eingelagert und war über den Fluss nach Chelsea gezogen.
Über Wochen hatte sie nichts aus Laura und Kate herausbringen können. Hubert hatte sich geweigert, mit ihnen über das Vorgefallene zu reden, und die beiden Mädchen waren so fassungslos über das Verschwinden ihrer Mutter, dass sie manchmal tagelang kaum ein Wort sagten. Auch ein Jahr danach noch waren sie keineswegs mitteilsam, aber sie machten immerhin den Eindruck, als hätten sie sich einigermaßen beruhigt. Kate kletterte hin und wieder, wenn sie besonders gut gelaunt war, sogar auf Dodos Schoß und ließ sich umarmen. Laura allerdings vermied sorgfältig jede Berührung und wich jedem Annäherungsversuch Dodos aus.
Wenn Hubert und Dodo unter sich waren, behauptete er, die Mädchen hätten ihre Mutter vergessen, aber Dodo wusste, dass er sich etwas vormachte. Es war offensichtlich, dass die beiden Clare schmerzlich vermissten. Oft hatte Dodo noch spät in der Nacht kindliches Stimmengemurmel gehört, aber so etwas wie jetzt hatte sie noch nie erlebt.
Nun trat Dodo auf Zehenspitzen an Kates Bett, wobei ihr altmodisches Nachthemd über den Holzfußboden schleifte. Erschrocken über das unvermutete Auftauchen ihrer Tante, klammerten sich die Mädchen noch enger aneinander. Kates Gesicht war rot und fleckig vom Weinen, Laura hingegen wirkte merkwürdig unbeteiligt. Es war schwer zu erkennen, was sie dachte.
Dodo berührte Kates Wange, die sich weich und samtig anfühlte wie bei einem Baby. Eigentlich war sie ja wirklich noch ein Baby, dachte Dodo, und es zerriss ihr fast das Herz.
«Was ist denn, Schätzchen? Ich habe dich unten weinen hören.»
«Ich hab nicht geweint», sagte Kate und schob trotzig die Unterlippe vor.
«Schatz, ich habe dich doch gehört», sagte Dodo freundlich. «Du liebe Güte, was ist denn los? Willst du, dass Daddy zu euch hochkommt? Ich glaube, er ist jetzt zu Hause.»
«Ja», flüsterte Kate.
«Nein», entgegnete Laura hastig. «Das willst du doch gar nicht, oder?»
«Nein», sagte Kate fügsam. «Eigentlich nicht.»
Dodo zuckte die Achseln. Die beiden waren eine so verschworene Einheit, dass es fast unmöglich war, herauszufinden, was sie wirklich dachten.
«Ist es wegen Mummy?», fragte Dodo sanft.
Kates Gesicht leuchtete auf
«Ja», sagte sie. «Sie fehlt mir so. Kannst du nicht machen, dass sie wiederkommt, Dodo?»
Dodo nahm das kleine Mädchen liebevoll in ihre Arme.
«Tut mir Leid, Schatz. Das kann ich nicht.»
«Warum nicht?»
«Weil … weil … ich nicht weiß, wo sie ist.»
Sofort verzog sich Kates Gesicht zu einem Weinen. Dodo hätte sich dafür ohrfeigen können, dass sie zugegeben hatte, nicht zu wissen, was aus Clare geworden war. Sie hätte der Frage ausweichen können. Oder Hubert holen gehen. Denn eigentlich hätte er ja nach oben eilen müssen, um seine Töchter zu trösten, nicht sie. Doch Hubert schlief bestimmt friedlich in seinem Louis-XIV-Bett. Das Einzige, was ihm schlaflose Nächte bereiten konnte, war ein geschäftliches Problem mit einer seiner Zeitungen.
«Warum ist sie denn weggegangen?», fragte Kate mit tränenerstickter Stimme.
Dieses Mal zögerte Dodo mit der Antwort. Sie hatte so ihre Vermutungen, aber die konnte sie kaum mit einer Sechsjährigen und einer Achtjährigen besprechen.
«Ich weiß es nicht genau», sagte sie.
«Ich schon», sagte Laura plötzlich.
Dodo schaute wieder in Lauras kühles, undurchdringliches Gesicht.
«Und warum?», fragte Kate drängend.
«Weil Daddy sie weggeschickt hat», sagte Laura. «Ich habe gehört, wie sie sich gegenseitig angeschrien haben, bevor sie weggegangen ist. Daddy hat gebrüllt: ‹Verschwinde aus diesem Haus und komm nie wieder!›»
«Liebes», sagte Dodo und strich Laura die feinen blonden Fransen aus den Augen. «Ich weiß, es ist schwer zu verstehen, aber wenn Erwachsene ärgerlich und wütend sind, werfen sie sich oft schreckliche Sachen an den Kopf. Daddy hat es bestimmt nicht so gemeint.»
Laura starrte Dodo an, und der Kummer in ihrem Gesicht war unübersehbar.
«Aber er hat es doch so gemeint, oder?», sagte sie. «Er hat es ganz bestimmt so gemeint, denn Mummy ist ja nicht wiedergekommen. Und weißt du, was ich glaube?»
Das kleine Mädchen machte eine dramatische Pause, bevor es fortfuhr.
«Was glaubst du, Laura?», flehte Kate. «Sag doch. Bitte sag es uns. Bitte!»
«Ich glaube nicht, dass sie jemals wiederkommt», sagte Laura und brach prompt in eine Flut von Tränen aus.
Kate saß kerzengerade in der Ecke des voll besetzten Morgenzugs aus London und kniff sich fest in den Arm. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie es doch noch fertig gebracht hatte. Dass sie ihrem Vater tatsächlich erklärt hatte, er solle, verdammt nochmal, endlich damit aufhören, sich in ihr Leben einzumischen.
Der Konflikt hatte monatelang geschwelt. Und als er dann endlich ausbrach, hatte er sich natürlich an etwas vollkommen Trivialem entzündet. Wie einem Teller Linsensuppe.
Kate hatte in der Küche daheim in Chelsea zum Abendessen Linsen gekocht und sich dabei mit Laura über Dodos vergebliche Versuche amüsiert, sie zum Besuch einer Wagner-Aufführung in der Royal Albert Hall zu überreden.
Kate und Laura standen sich so nah wie früher, aber aus irgendeinem Grund hatten sich ihre Interessen im Laufe der Zeit stark auseinander entwickelt. Kate war mittlerweile zweiundzwanzig, clever, lebhaft, ehrgeizig und träumte von einer Karriere als Zeitungsreporterin. Sie war klein und blond, hatte schelmisch funkelnde, hellblaue Augen und eine nicht immer glückliche Vorliebe für schräge Klamotten. Laura hingegen schien in dem Tempo dahinzuwelken, in dem Kate erblüht war. Vielleicht zahlte sie jetzt den Preis dafür, dass sie sich nach dem Verschwinden ihrer Mutter jahrelang um Kate gekümmert hatte, vielleicht war es auch das beständige Gefühl des Verlustes, das sie trotz aller Bemühungen nie ganz abschütteln konnte. Jedenfalls schien Laura in einem Zustand ständiger Nervosität zu leben. Wenn Kate Rückschläge erlitt, verbuchte sie das als Erfahrung und konnte in der Regel darüber lachen. Laura gelang das einfach nicht. Ihr Haar war weißblond, viel heller als das ihrer Schwester, und im Gegensatz zur wohlgerundeten, sportlichen Kate wirkte Laura zerbrechlich. Die Traurigkeit schien ihr wie ein Mühlstein um den Hals zu hängen und verlieh ihr im zarten Alter von vierundzwanzig Jahren einen verhärmten, sorgenvollen Ausdruck.
In der Schule hatte Laura in Kunst und Zeichnen geglänzt, und sowohl Dodo als auch Kate hatten sich größte Mühe gegeben, sie zu einem Kunststudium zu überreden. Aber Laura hatte sich mit dem Argument geweigert, ihre Zeichnungen seien nicht annähernd gut genug – und überhaupt, was könne sie schon mit einem Kunststudium anfangen? Stattdessen war sie schnurstracks auf die Handelsschule gegangen, um dann einen langweiligen Posten als Sekretärin in der City anzunehmen. Kate hingegen hatte vor kurzem ein gutes Englischexamen an der Universität von Manchester abgelegt und, ohne Wissen ihres Vaters, weit über hundert Bewerbungen geschrieben, bis sie, sogar ohne Vorstellungsgespräch, ihre erste Stelle bei einem Wochenblatt in Lancashire bekommen hatte.
«Na ja, wenn Dodo Karten für Jarvis Cocker hätte, ließe ich mich vielleicht überreden», lachte Kate, während sie in der Linsensuppe rührte.
Angesichts des dicken braunen Breis im Topf verzog Laura das Gesicht. Sie war, um es milde auszudrücken, eine heikle Esserin und teilte Kates jüngste Begeisterung für die Vollwertküche keineswegs.
«Das willst du doch wohl nicht essen, oder?»
«Aber klar doch. Hier, probier mal.»
Kate löffelte etwas Suppe in eine Porzellanschale und griff danach, um sie ihrer Schwester zu reichen. Die Schale war kochend heiß, und mit einem Schmerzensschrei ließ Kate sie fallen. Winzige Porzellansplitter flogen durchs Zimmer, und die braune Pampe floss vom makellosen cremefarbenen Elektroherd hinab auf den schwarzweißen Fliesenboden.
«Mist», sagte Kate, bevor sie hinzufügte: «Aber was soll’s, ich konnte die Schale noch nie leiden.»
Die Mädchen prusteten los, doch ihre Heiterkeit verflog, als sie den großen, stämmigen Mann mit weißem Haar und gerötetem, von Erschöpfung gezeichnetem Gesicht in der Tür bemerkten. Hubert Hollingberry hatte offenbar keinerlei Sinn für solche Scherze.
In den letzten sechzehn Jahren war Huberts Zeitungsgruppe stetig gewachsen und inzwischen das landesweit größte Unternehmen seiner Art. Aber HH, wie er fast überall genannt wurde, weigerte sich einfach, alles etwas ruhiger angehen zu lassen. Er war jetzt fünfundfünfzig, sah aber, dank seiner wahnwitzigen Arbeitszeiten und seines ungesunden Lebensstils, gut zehn Jahre älter aus.
«Was zum Teufel wird hier gespielt?», grollte HH.
«Wir kleckern zum Spaß mit Suppe», sagte Kate leichthin. «Was sonst?»
HHs Gesicht lief knallrot an. Er war nicht in der Stimmung, sich von seiner Tochter vorlaute Bemerkungen anzuhören.
«Also, dann macht es sauber. SOFORT!»
Laura stand vor Angst wie festgewachsen. Kate dagegen hatte nicht die geringste Scheu vor ihrem Vater. Achselzuckend bückte sie sich nach dem Putzzeug unter dem Spülbecken. Als sie spürte, dass er sie immer noch scharf beobachtete, richtete sie sich wieder auf.
«Hör mal, Daddy, was willst du eigentlich?», sagte sie und starrte ihn wütend an. «Wir wissen, dass du einen anstrengenden Tag gehabt hast, aber es gibt keinen Grund, das an mir und Laura auszulassen. Du benimmst dich wie ein Grizzly mit Kopfschmerzen. Meine Güte, geh in dein Arbeitszimmer, leg die Füße hoch, und ich bring dir einen Gin Tonic.»
HH sah seine jüngere Tochter ärgerlich an.
«Den trinke ich hier. Ich muss etwas Wichtiges mit euch besprechen.»
Laura warf Kate einen warnenden Blick zu. HH besprach niemals etwas Wichtiges mit seinen Töchtern. Zwar vergötterte er sie beide insgeheim und war ungeheuer stolz auf sie – auch wenn er das nicht gut zeigen konnte –, aber gewöhnlich war er viel zu beschäftigt, um seine Zeit mit ihnen zu verbringen.
Für einen flüchtigen Moment hoffte Laura, er wäre zur Einsicht gekommen und hätte beschlossen, ihnen doch noch die Wahrheit über ihre Mutter zu erzählen. Clare war seit dem Tag ihres Verschwindens kaum je erwähnt worden, aber nach Lauras Ansicht musste es mit HHs Geheimnistuerei doch irgendwann einmal vorbei sein. Sie waren jetzt beide erwachsen; sie hatten doch sicherlich das Recht, die Wahrheit zu erfahren.
Ihre Hoffnung zerschlug sich sogleich. Wie sich herausstellte, wollte HH sich offenbar nur mit ihnen über ihre Zukunftspläne unterhalten.
«Ich weiß, du bist auf dem richtigen Weg, Laura», strahlte er. «Glücklicherweise hast du diesen ganzen Unsinn mit der Kunst rechtzeitig aufgegeben und einen ordentlichen Beruf ergriffen. Aber jetzt ist Kate an der Reihe. Schau mal, mein Schatz, ich weiß, du willst nicht, dass ich meine Beziehungen für dich spielen lasse, aber ich hatte eine kleine Unterhaltung mit Gordon Osprey. Ich habe ihm erzählt, dass du dich fürs Zeitungswesen interessierst, und er hat einen recht guten Vorschlag gemacht. Er sucht eine neue Sekretärin, und er würde dir die Stelle sehr gern anbieten. Du musst natürlich deine Schreibmaschinen- und Stenokenntnisse aufpolieren, aber du bist dort wirklich am Puls des Geschehens. Montag in einer Woche müsstest du anfangen. Das ist doch genau die Gelegenheit, auf die du gewartet hast, nicht wahr, mein Schatz?»
Kate rollte mit den Augen. Sie hatte auf den richtigen Augenblick gewartet, um ihn über ihre eigenen Neuigkeiten zu informieren, und jetzt war ihr dieser verdammte Gordon Osprey, der kriecherische Stellvertreter ihres Vaters, zuvorgekommen. Sie räusperte sich, denn sie wusste nicht genau, wie sie anfangen sollte.
«Das ist unwahrscheinlich nett von ihm, Daddy, aber gar nicht nötig. Weißt du, ich habe nämlich inzwischen selbst etwas gefunden.»
HHs Augen bohrten sich in ihre.
«Was soll das heißen, du hast selbst etwas gefunden?», fragte er. «Was hast du gefunden? Irgendeinen albernen Job bei einem Anzeigenblättchen, für siebentausend im Jahr? Die meisten Mädchen in deinem Alter würden sich um eine solche Gelegenheit reißen. Gordon will dir einen Gefallen tun, Kate.»
«Nein, Daddy», sagte Kate und hielt seinem Blick stand. «Gordon will dir einen Gefallen tun. Vielmehr würde er sich nicht trauen, dir KEINEN Gefallen zu tun, oder?»
«Also, Kate. Noch einmal», sagte er drohend. «Was genau hast du gefunden?»
Kate holte tief Luft und nahm all ihren Mut zusammen.
«Du weißt doch, dass ich immer schon Reporterin werden wollte?»
HH schien die Frage nicht zu hören, deshalb fuhr Kate hastig fort:
«Jedenfalls will ich das. Deshalb habe ich seit Monaten an Zeitungen geschrieben. Ich habe massenhaft Bewerbungen verschickt, aber ohne Ergebnis. Bis jetzt.»
«Und was ist jetzt?», fragte HH.
«Man hat mir eine Stelle bei einer Zeitung in Lancashire angeboten. Als Volontärin.»
«Bei einer von uns?», fragte HH. Zu seiner Verlagsgruppe gehörten so viele Zeitungen, dass er die Namen der kleineren oft gar nicht mehr kannte. «Dann ist doch klar, warum du den Job bekommen hast, oder?»
«Nein, nicht bei einer von deinen», fauchte Kate. «Beim Bowland Bugle. Und falls du vermutest, sie hätten mich nur genommen, weil ich deine Tochter bin, dann irrst du dich. Ich habe Mummys Namen benutzt. Nicht deinen. Dort heiße ich Kate Grant. Nicht Kate Hollingberry.»
Laura schloss die Augen. Unglaublich, dass Kate so mit HH redete. Kate wusste doch, dass er nicht die geringste Erwähnung ihrer Mutter duldete.
Kate starrte ihren Vater aufsässig an und wünschte fast, er ginge wutentbrannt auf sie los. Dann, so sagte sie sich, würde sie auf der Stelle gehen.
Aber HH hätte es als Unternehmer wohl kaum so weit gebracht, wenn er im falschen Moment die Fassung verlor. Er beschloss, noch einmal auf verbindlichere Art zu versuchen, ihr klar zu machen, dass sein Vorschlag vernünftig war.
«Schatz, ich habe das nur mit Gordon besprochen, weil ich mir Sorgen mache. Du hast doch immer gern in den Sommerferien bei uns gearbeitet, und das wäre der ideale Weg, um das Zeitungsgeschäft besser kennen zu lernen. Da oben wirst dich zu Tode langweilen. Da ist doch nichts los. Du siehst sicher ein, dass du viel mehr davon hättest, mittendrin zu sein, oder nicht? Und das wärst du bei Gordon.»
«Vermutlich», sagte Kate.
«Gut», sagte HH, zufrieden, dass sie einlenkte und sich wie immer seiner Meinung anschloss. «Und, wie war das mit dem Gin Tonic für deinen alten Dad?»
Nach dieser Episode war Kate klar geworden, dass sie die Dinge in die Hand nehmen musste. Sie musste raus aus London. Und zwar schnell.
Jetzt schaute sie auf die Uhr und schnitt eine Grimasse. Sie brannte darauf, nach Lancashire zu kommen, aber bis Preston dauerte es noch mindestens zwei Stunden und nach Bowland dann noch eine halbe Stunde mit dem Taxi. Um sich die Zeit zu vertreiben, begab sie sich in den Speisewagen. Der Zug schlingerte heftig, und zweimal wäre Kate fast einem anderen Passagier auf den Schoß gefallen. Nach zwanzig Minuten war sie endlich an der Reihe. Sie bezahlte einen Pappbecher dampfend heißen Kaffees und wollte sich gerade auf den Rückweg in ihr Abteil machen, als der Zug mit einem Ruck zum Stehen kam. Verzweifelt umklammerte Kate ihren Kaffee und bemühte sich, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dann, fast ebenso plötzlich, wie er angehalten hatte, schoss der Zug wieder vorwärts. Kate fiel mit ihrem ganzen Gewicht gegen einen Mann in der Schlange, und der Kaffee flog durch die Luft.
«Verdammte Scheiße», brüllte der Mann, als die heiße Flüssigkeit sein vormals blütenweißes Hemd durchweichte. «Was zum Teufel denken Sie sich eigentlich?»
«Oh, tut mir Leid», entschuldigte sich Kate hastig, dunkelrot vor Verlegenheit. «Alles in Ordnung? Ich wollte wirklich nicht …»
«Ich weiß, dass Sie das nicht wollten, verdammt nochmal», versetzte der Mann. «Es ist Ihnen aber trotzdem gelungen.»
Diese Bemerkung ging einer älteren Dame in der Schlange zu weit. Sie trat vor, drohte dem Mann mit dem Zeigefinger und beschwerte sich über seine Ausdrucksweise.
Das brachte ihn offenbar zur Besinnung. «Hören Sie, es tut mir Leid», sagte er und griff nach Kates Arm. «Ich habe ein paar schlimme Tage hinter mir, und dann werde ich auch noch zu einem unerfreulichen Job losgeschickt. Ich hätte es nicht an Ihnen auslassen sollen. Ich hole Ihnen einen neuen Kaffee, zur Wiedergutmachung.»
Kate schüttelte seinen Arm ab. Jetzt, da er sich ein wenig beruhigt hatte, sah sie ihn sich genauer an. Groß, breitschultrig, dunkle Locken und alarmierend blaue Augen. Zum formellen blauen Anzug trug er eine leuchtend blaue Krawatte voller Sonnenblumen. Nur die Kaffeeflecken auf dem Hemd verdarben das Bild, dachte Kate. Sie grinste. Es geschah ihm wirklich recht.
«Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst?», entgegnete sie spitz. «Ich lasse mich nicht von jedem x-Beliebigen zum Kaffee einladen.»
Seine Mundwinkel verzogen sich irritiert. Ganz offensichtlich war er keine Abfuhren gewohnt. Besonders nicht von Frauen.
Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln. «Wie Sie wollen», sagte er und wandte sich ab.
Als der Zug schließlich in Preston einlief, war Kate froh, zu entkommen. Der Rest der Reise war ereignislos verlaufen, und der Mann mit der Sonnenblumenkrawatte war ihr zum Glück nicht wieder unter die Augen gekommen.
Sie bat den Taxifahrer, sie direkt zum Büro des Bowland Bugle zu bringen. Sie musste hin, bevor sie der Mut verließ.
Kate lehnte sich zurück und genoss die Fahrt. Hinter der Autobahn M6 wichen die hässlichen Ausläufer Prestons der atemberaubendsten Landschaft, die sie je gesehen hatte. Vor ihnen erstreckte sich der lange, einsame Weg über die Moore nach Bowland. Bis auf ein paar Schafe, die sich aus dem Moor hierher verlaufen hatten, war die Straße leer. Und plötzlich, Kate wusste nicht recht, warum, hatte sie das Gefühl, sie wäre heimgekehrt.
Laura hielt ihre Knie umschlungen und sah zu, wie Robert sich anzog. Er drehte ihr jetzt den Rücken zu und schlüpfte mit fast unverschämter Eile in seine Kleider, als könnte er gar nicht schnell genug von ihr wegkommen.
Für ein paar Sekunden klammerte sie sich an die vergebliche Hoffnung, dass er wenigstens zu ihr kommen würde, um sich richtig zu verabschieden. Doch er wusste offenbar nicht, was er sagen oder tun sollte, blieb verlegen in der Tür stehen, warf ihr dann eine Kusshand zu und stürzte davon.
Laura drehte sich um und vergrub das Gesicht in den Kissen. Sie fühlten sich warm, zerschlissen und abgenutzt an. Sie waren sicher schon seit Wochen nicht gewechselt worden. Alexa war ja so schlampig.
Eine halbe Stunde später hatte Laura geduscht, sich angezogen und das Bett so ordentlich gemacht, wie sie konnte. Dann, ganz spontan, schrieb sie Alexa einen Zettel und legte ihn auf den Kaminsims.
«War heute Nachmittag kurz da, aber du warst wohl im Atelier», schrieb sie, bevor sie die nun verräterischen Worte hinzufügte: «Robert hat mich reingelassen.»
Laura und Alexa waren zusammen auf der Schule gewesen, einer strengen Mädchenschule im hintersten Dorset. HH hatte aus heiterem Himmel beschlossen, dass Laura und Kate viel zu abhängig voneinander waren, und sie daher im Alter von dreizehn beziehungsweise elf getrennt und in weit voneinander entfernte Teile des Landes aufs Internat geschickt.
Als Laura auf ihre neue Schule kam, zwei Jahre später als die meisten in ihrer Klasse, schwor sie sich, nie etwas mit den anderen Mädchen zu tun haben zu wollen. Es lohnte sich einfach nicht, jemanden näher kennen zu lernen, denn das ging immer schief. Sie wurde immer im Stich gelassen. Zuerst von Mummy. Jetzt von Kate. Das alles war viel zu schmerzhaft. Noch einmal würde sie das nicht durchstehen.
Aber irgendwie hatte Alexa Grainger ihre Abwehr durchbrochen. Auch Alexa war ein Neuzugang, doch während Laura die stille, zurückhaltende Einzelgängerin blieb, war Alexa laut und übermütig und sprudelte über vor Energie. Trotz dieser Unterschiede hatte sie sich mit Laura angefreundet und war ihr seither treu ergeben. Selbst nachdem sie den Fesseln der Schule entronnen waren – Alexa war gleich zur Kunstschule gegangen und hatte viele merkwürdige, exzentrische Freunde gewonnen –, hielt sie treu an der Freundschaft fest. Und als Kate London verlassen hatte und auf die Universität verschwunden war, hatte die herzensgute, gesellige, flammenhaarige Alexa sie davor bewahrt, verrückt zu werden.
Dann war Robert gekommen und hatte alles kaputtgemacht.
Kate stand da und starrte auf das vergammelte Schild über der Imbissbude. «Erster Stock. Bowland Bugle», wiederholte sie laut.
Sie straffte die Schultern und drückte die Tür auf Sofort schlug ihr der Geruch von fettigem Fisch und Fritten entgegen.
«Wie komme ich zur Redaktion des Bowland Bugle?», fragte sie das mürrische Mädchen, das hinter der Theke herumlungerte.
Das Mädchen wies mit dem Kopf auf die Treppe neben dem Kühlschrank.
«Da hoch», sagte sie mit hartem nordenglischem Akzent. «Aber da werden Sie keinen finden. Die sind mittags immer im Pub.»
«Ich seh mich trotzdem mal oben um», sagte Kate.
«Da verschwenden Sie Ihre Zeit», sagte das Mädchen achselzuckend und schaufelte weiter in ihren Fritten herum.
Kate traute ihren Augen nicht, als sie die schwere Brandschutztür oben an der Treppe aufdrückte. Da sie mit ihrem Vater zahllose Redaktionen im ganzen Land besucht hatte, glaubte sie genau zu wissen, was sie beim Bugle erwartete. Alle Redaktionsbüros, die sie bisher zu Gesicht bekommen hatte, besaßen die Dimensionen einer Flugzeughalle und waren mit Teppichboden, Klimaanlage, Espressomaschinen und hochmoderner Technik ausgestattet. Das hier stammte offenbar noch aus der Zeit vor der Sintflut. Zunächst einmal war es winzig. Irgendwie hatte man sechs abgenutzte Holzschreibtische in den Raum gequetscht, die überquollen vor altmodischen Telefonen, uralten Computern und einer kunterbunten Sammlung meist schmutziger Kaffeetassen.
Während Kate dastand und überlegte, was sie jetzt unternehmen sollte, flog die Tür auf. Ein aufgeregter junger Mann mit kahl geschorenem Schädel und einer zerschlissenen Lederjacke kam hereingestürzt. Er trug drei Kameras um den Hals und keuchte.
«Ist Thorndike schon weg?», stieß er hervor.
«Wer?», fragte Kate.
«Thorndike», wiederholte er. «He, wer sind Sie denn?»
«Kate Grant. Die neue Reporterin.»
«Welche neue Reporterin? Niemand hat was von einer neuen Reporterin erzählt. Egal, wo ist Thorndike?»
«Hören Sie, da müssen Sie mir auf die Sprünge helfen», sagte sie. «Erstens habe ich keine Ahnung, wer dieser Thorndike ist. Und zweitens habe ich keine Ahnung, wer Sie sind. Wer sind Sie?»
Der junge Mann schlug sich mit der Faust an die Stirn.
«Das ist mal wieder typisch für mich. Meine Mutter sagt immer, ich soll nachdenken, bevor ich meine Klappe aufreiße.»
Er streckte ihr die Hand hin.
«Danny Simpson – Fotograf extraordinaire. Tut mir Leid, es Ihnen zu sagen, wo wir uns doch gerade erst kennen gelernt haben, aber Sie hätten sich für Ihren Anfang hier keinen schlimmeren Tag aussuchen können.»
«Vielen Dank», sagte Kate. «Und was meinen Sie damit?»
Danny starrte sie mit offenem Mund an.
«Sie wissen gar nicht, was hier passiert ist?»
«Nein. Was denn?»
«Sie sind nicht gerade auf dem Laufenden, oder?», sagte Danny. «Da haben Sie aber Glück gehabt, dass Sie zuerst mich getroffen haben. Thorndike wäre an die Decke gegangen, wenn er den Eindruck bekommen hätte, Sie machen Ihre Hausaufgaben nicht.»
«Was soll das heißen, Hausaufgaben machen?», sagte Kate. «Mir hat niemand gesagt, dass ich hier wieder zur Schule muss. Mein Vater behauptet, in Bowland wäre sowieso nie was los.»
«Normalerweise nicht», sagte Danny grimmig. «Aber jetzt schon.»
«Und, sagen Sie schon.»
«Bowland ist ein schrecklicher Ort für Presseleute», sagte Danny. «Ich bin seit zwei Jahren hier, und es kommt mir vor, als hätte ich die Zeit hauptsächlich damit verbracht, beknackte Schulbasare und goldene Hochzeiten zu fotografieren.»
«Und was ist nun passiert?», fragte Kate ungeduldig.
«Sie haben es tatsächlich geschafft und sind an dem einzigen Tag angekommen, an dem wirklich etwas passiert. Ein junges Mädchen namens Nicky Rawlinson ist von zu Hause weggelaufen. Sie ist erst vierzehn und wie vom Erdboden verschluckt. Ihre Eltern sind krank vor Sorge …»
«Die ist wahrscheinlich mit ihrem Freund auf einem Rave oder so», sagte Kate, und leiser Zweifel schlich sich in ihre Stimme. «Ich meine, ich mache mich ja nur ungern darüber lustig, aber Sie wissen doch, wie Teenager so sind.»
Danny warf ihr einen merkwürdigen Blick zu.
«Sicher», sagte er. «Ich habe eine Schwester genau im gleichen Alter. Und ich würde vollkommen ausrasten, wenn ihr etwas passierte. Sie nicht? Wenn Ihrer Schwester was passierte, meine ich.»
«Woher wollen Sie wissen, ob ich eine Schwester habe?», sagte Kate.
«Na, haben Sie eine?»
«Ja.»
«Und?»
«Ich würde vollkommen ausrasten.»
«Mann, da bin ich aber froh, dass wir das geklärt haben», sagte Danny. Er nahm eine Segeltuchtasche von einem der Schreibtische und hängte sie sich über die Schulter. «Kommen Sie jetzt?»
«Wohin?», fragte Kate.
«Den verdammten Thorndike suchen, natürlich. Wohin denn sonst?»
«Gut, natürlich komme ich mit, den verdammten Thorndike suchen», sagte Kate und stürzte ihm nach. «Meine Sachen lasse ich hier. Aber jetzt erklären Sie mir lieber, wer dieser Thorndike eigentlich ist.»
Sie folgte Danny aus dem Imbiss und eine Nebenstraße hinunter zu einem schäbigen Pub. Auf dem Weg informierte er sie über Thorndike.
«Er ist der Chefredakteur», sagte Danny. «Nur nicht dem Namen nach. Der eigentliche Chefredakteur heißt Laurie Laing, aber er ist seit Ewigkeiten hier und schon jenseits von gut und böse.»
«Laurie Laings Name stand aber auf der Zusage für meinen Job», sagte Kate.
«Wirklich? Das überrascht mich. Laurie Laing schafft nicht mal mehr die Treppe zum Büro, geschweige denn, einen Brief aufzusetzen. Jedenfalls keinen vernünftigen.»
«Na schön, wenn er keine Rolle spielt, erzählen Sie mir was über Thorndike.» Kate fragte nachdenklich: «Warum müssen Sie ihn finden? Sie sind Bildreporter. Müssen Sie sich nicht an den Bildredakteur wenden?»
«Wir sind hier nicht bei den Manchester Evening News», sagte Danny. «Wir sind insgesamt nur acht Leute. Laurie Laing – und der zählt kaum –, Thorndike, zwei Reporter, zwei Redakteure, jemand für den Sport und ich.»
«Und ich», sagte Kate gekränkt.
«Tja, wenn Sie meinen. Jedenfalls fällt Thorndike die Entscheidungen. Text, Fotos, alles. Er ist derjenige, welcher. Wenn ich Ihnen also einen guten Rat geben darf …»
«Und welchen?», sagte Kate drängend. Sie hatten mittlerweile die Tür des White Elephant erreicht.
«Legen Sie sich nicht mit ihm an. Sonst können Sie einpacken.»
Schon merkwürdig, dachte Kate, am helllichten Tag in eine dunkle, verqualmte Kneipe zu kommen. Es war ein strahlend schöner, klarer Herbstnachmittag. Kaum zu glauben, dass jemand das Bedürfnis hatte, sich tagsüber in einer solchen Spelunke aufzuhalten. Der White Elephant war eine ähnliche Rumpelkammer wie das Büro des Bowland Bugle. Kein Teppich, nur schäbiges Linoleum, und die wenigen Tische und Stühle sahen aus, als wären sie vom Müllwagen gefallen.
«Kommen Sie, Kate», sagte Danny, legte den Arm um ihre Schultern und schob sie vorwärts. «Ich stelle Sie Thorndike vor.»
Während sie mit Danny den Raum durchquerte, war ihr übel vor Nervosität. Sie hatte durch ihren Vater eine Menge wichtiger Leute kennen gelernt, vom Premierminister bis zu Madonna, und das nie besonders aufregend gefunden, aber jetzt klopfte ihr Herz so laut, dass selbst Danny es hören musste.
«Thorndike», verkündete Danny. «Das ist Kate Grant. Die neue Reporterin.»
Drei Männer hockten da beieinander, und einen Moment lang konnte Kate nicht ausmachen, wer der gefürchtete Thorndike sein mochte.
«Kate Grant?», sagte der Mürrischste und musterte sie von oben bis unten. «Kate Grant, sagen Sie? Ja? Kommen Sie, spucken Sie’s aus, Mädchen.»
Der Mann war klein und drahtig, mit schütterem braunem Haar, das ihm hinten bis auf den Kragen fiel, und einem Wieselgesicht.
«Ja, Kate Grant», sagte sie fest und überlegte, weshalb er zweimal nach ihrem Namen gefragt hatte. Vielleicht litt sie wegen ihres Vaters allmählich an Verfolgungswahn. «Und Sie sind bestimmt Mr. Thorndike.»
Sie streckte ihm die Hand hin, aber er übersah sie. Er lachte gekünstelt und zeigte dabei eine Reihe spitzer Zähne, die ihn noch wieselhafter aussehen ließen.
«Lassen Sie die Höflichkeiten, Mädchen. Wir Flegel aus dem Norden halten uns nicht mit solchem Unsinn auf. Also, Kate Grant, was werden Sie für uns tun?»
Kate trat verlegen von einem Fuß auf den andern. Sie wusste nicht, warum er ihr gegenüber gleich so feindselig war, aber eins war sicher: Dieser Mann würde auf keinen Fall irgendwelche Umstände machen, weder mit ihr noch mit andern.
«Tja, ich weiß nicht. Was hätten Sie denn gern?»
Daraufhin brachen die drei Männer alle in schallendes Gelächter aus. Dannys Gesicht wurde dunkelrot.
«Ich alter Trottel», brüllte Thorndike und schlug sich mit der Faust vor den Kopf. «Ich dachte, Sie wären die neue Reporterin. Aber Sie sind diese strippende Telegrammbotin, die Barney zur Aufheiterung für die Mittagspause bestellt hat. Ich halte allerdings nicht viel von Ihren Klamotten. Oder geben Sie die Lehrerin? Außen furchtbar anständig und unten drunter Tanga und Strapse?»
Kate holte tief Luft. Wenn sie die Situation nicht auf der Stelle in den Griff bekam, war ihre Karriere beim Bowland Bugle beendet, bevor sie überhaupt angefangen hatte.
«Na gut, Jungs, netter Scherz, aber jetzt ist Schluss mit lustig», sagte sie fröhlich und raffte ihr ganzes Selbstbewusstsein zusammen. «Der Bugle ist ein jämmerliches Anzeigenblättchen, das die Leute in die Mülltonne werfen, sobald es durch den Briefkastenschlitz gefallen ist. Ich werde ihn beim Schlafittchen packen und zu einer Zeitung machen.»
«Hört, hört», sagte einer der älteren Männer. «Gib’s ihm nur, Kleine. Lass dich von diesem alten Knacker nicht einschüchtern. Ich bin übrigens George Gibbs, Redakteur.»
Dann sprang der Mann auf, der neben George saß, ein riesiger Kerl mit einem Kreuz wie Mike Tyson, und schüttelte Kate so begeistert die Hand, dass sie fürchtete, sie würde abfallen.
«Und wenn er Ihnen noch einmal Kummer macht, sagen Sie mir einfach Bescheid», strahlte er sie an. «Ich habe ihn mehr als einmal bewusstlos geschlagen und würde es mit Vergnügen wieder tun. Ein Wort von Ihnen, und er ist Hackfleisch.»
Kate schluckte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob das ein Scherz sein sollte oder nicht.
«Und Sie sind …?», fragte sie zögernd.
«Steve Scarsdale. Aber meine Freunde nennen mich Scar. Schauen Sie mal.»
Der Riesenkerl rollte stolz den Hemdsärmel hoch, um ihr eine gezackte Narbe zu zeigen, die über seinen ganzen linken Unterarm lief
«Prima, nicht? Dem Spaßvogel, dem ich das verdanke, ist das Lachen bald vergangen, das kann ich Ihnen sagen. Ich habe ihm ordentlich eins verpasst.»
«Pah», höhnte Thorndike. «Mich bewusstlos geschlagen? Ihm eins verpasst? So einen Haufen Blödsinn hab ich mein Lebtag nicht gehört. Du fällst doch schon um, wenn man dich nur scharf anguckt.»
Scars Gesicht wurde lang. Thorndike machte ihm immer die besten Geschichten kaputt.
«Und Sie sind auch beim Bugle?»
Kate konnte nicht anders, als Scar nett zu finden. Er war ganz bestimmt nicht der Hellste, aber immerhin weitaus herzlicher als dieser schauerliche Thorndike.
«Richtig. Sportredakteur», murmelte Scar tonlos. Ganz plötzlich wirkte er ein bisschen verschlagen.
«Blödsinn», sagte Thorndike wieder. «Dass du über das eine oder andere Spiel der Rovers berichtest, macht dich noch lange nicht zum Sportredakteur. In meinen Augen jedenfalls nicht. Nur zu Ihrer Information, Kate Grant, unser alter Scar macht zwar den meisten Sportkram bei uns, aber im Grunde ist er einer unserer Feld-Wald-und-Wiesen-Reporter, genau wie Sie. Eigentlich könnte er Ihnen gleich zeigen, wie der Hase läuft. Das heißt, falls Sie bleiben wollen.»
Kate sah ihn an. Thorndike starrte dreißig Sekunden lang zurück, ohne mit der Wimper zu zucken, bis sie unbehaglich wegschauen musste.
«Natürlich bleibe ich», sagte sie rasch. «Laurie Laing hat mir die Stelle angeboten, und ich möchte ihn nicht enttäuschen.»
«Dann haben Sie den alten Laurie schon kennen gelernt?», erkundigte sich Thorndike.
«Äh, n-n-nein», stotterte Kate. «Eigentlich nicht. Aber er hat mir die Stelle angeboten. Sein Name stand unten auf dem Brief.»
Sie kramte in ihrer Tasche nach Laurie Laings Brief Sie musste Thorndike unbedingt beweisen, dass sie die Wahrheit sagte.
«Sehen Sie. Hier.»
Thorndike warf einen flüchtigen Blick auf den Brief.
«Das hat der alte Laurie also selbst geschrieben?», fragte er.
«Ja», sagte Kate stolz. «Es soll Bosse geben, die ein Talent erkennen, wenn es vor ihnen steht.»
Plötzlich riss Thorndike Kate den Brief aus der Hand und krakelte mit klecksender blauer Tinte darauf herum.
«He», quiekte Kate. «Was denken Sie sich eigentlich?»
«Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Unterschriften, Kate Grant. Dann wird sich zeigen, ob Sie was auf dem Kasten haben oder nicht.»
Kate musterte die Schrift auf dem Brief, in dem ihr die Stelle angeboten wurde. Laurie Laings Unterschrift war winzig, schwarz und krakelig. Thorndikes Version, direkt darunter, war winzig, blau und krakelig. Identisch. Er hatte den Brief eindeutig selbst geschrieben.
«Warum haben Sie denn …?», setzte sie an.
«Klappe, Kate Grant», zischte Thorndike. «Nur um Ihnen zu zeigen, dass der Schein manchmal trügt. Sollten Sie überhaupt jemals Reporterin werden, und nach dem, was ich bis jetzt gesehen habe, habe ich da meine Zweifel, hüten Sie sich vor voreiligen Schlüssen. Klar? Also, wir haben hier eine große Story und gehen heute Abend in Druck. Rob Bennett – das ist noch einer meiner so genannten Reporter – befasst sich mit der Polizeiarbeit. Scar, ich möchte, dass du mit Kate Grant zu den Eltern fährst und mit ihnen sprichst.»
Kate schaute zu Scar. So viel zum großartigen, mutigen Gerede von vorhin, dachte sie. Er sah aus, als machte er sich vor Angst in die Hose.
Trotz seiner großen Klappe war Scar eigentlich genauso unerfahren wie Kate. Der Bowland Bugle hatte eine lächerliche Auflage von zwölftausend pro Woche, konnte also gerade die Unkosten decken und keine großen Sprünge machen. Bis auf Thorndike, von dem es im Ort hieß, sein Verstand sei «so scharf, dass er sich nochmal daran schneidet», bestand das Team aus abgehalfterten Reportern mit Alkoholproblemen oder Anfängern, die direkt vom College kamen. Scar hatte nicht einmal die schwindelnden Höhen des Colleges erklommen. Er war Laurie Laings Neffe, und sein Onkel hatte ihn der Zeitung in einem Anfall von Großherzigkeit aufgezwungen.
«Sie wissen, warum Thorndike uns beide zu Nicky Rawlinsons Eltern geschickt hat?», murmelte Scar, als sie in seinem hellgrünen, frisierten Ford Escort durch die Nebenstraßen von Bowland rasten.
«Weil wir seine Starreporter sind, natürlich», scherzte Kate.
Scar sah Kate von der Seite an. Er staunte über ihre Coolness.
«Glauben Sie das wirklich?», fragte er.
«Das war ’n Witz, Sie Komiker», sagte Kate und lächelte gutmütig. «Also, warum hat Thorndike uns geschickt?»
«Er kann Sie offensichtlich nicht leiden», knurrte Scar. «Und mich sowieso nicht. Er weiß, dass Nickys Familie nicht die Tür aufmacht, denn Pam Newbold hat sie schon den ganzen Morgen vergeblich belagert. Also hat er uns geschickt, weil er weiß, dass wir auch nichts erreichen werden, und dann hat er einen Grund, uns fertig zu machen.»
Scar stockte. «Und Thorndike macht gerne jemanden fertig», fügte er hinzu.
«Und was macht Pam Newbold, wenn sie nicht gerade unterwegs ist?», erkundigte sich Kate.
Scar starrte sie mit offenem Mund an.
«Sie meinen, Sie haben sie noch nicht kennen gelernt?»
«Nein», sagte Kate geduldig. «Und das wissen Sie auch ganz genau. Ich bin erst seit fünf Stunden in Bowland.»
«Sie ist unsere erfahrenste Reporterin», sagte Scar in gedämpftem Ton. «Sie sollten Sie in Aktion sehen. Sie ist wirklich brillant. Sie kriegt jeden dazu, mit ihr zu reden. Sie ist …»
Kate hätte gern gefragt, was Pam Newbold beim Bowland Bugle trieb, wenn sie derartig brillant war. Aber Scar war offenbar so von ihr hingerissen, dass sie kaum eine objektive Antwort bekommen hätte.
«Sie ist … die schönste Frau, die ich je gesehen habe», sagte er.
Der riesige Klotz von einem Mann neben ihr tat ihr unwillkürlich Leid. Sie hatte das Gefühl, dass Scar wenig Erfolg bei Frauen hatte. Auch wenn er wie ein Gladiator aussah, war er im Grunde entsetzlich schüchtern, Himmel, er konnte ja kaum zwei Wörter aneinander reihen, wie sollte er es da schaffen, mit jemandem anzubändeln?
«Ich glaube, sie hat etwas mit einem Polypen aus Bowland. So geht jedenfalls das Gerücht. Sie muss da irgendeinen Insider-Kontakt haben, denn sie hat ein paar erstklassige Storys ausgegraben. Darum mag Thorndike sie auch so. Sie liefert so viele Storys, dass er sie meistens tun und lassen lässt, was sie will. Einen freien Geist nennt er sie.»
Das glaube ich gerne, dachte Kate und nahm sich vor, Pam Newbold zu meiden wie die Pest.
«Wir sind da», sagte Scar und bog in eine schmale Straße namens Moor View. Mit quietschenden Reifen bremste er vor Nummer achtundzwanzig, einem bescheidenen Reihenhaus mit abblätterndem Türanstrich und verrottenden Fensterrahmen.
Scar und Kate blieben ein paar Minuten schweigend sitzen, beide unwillig, zur Tür zu gehen. Insgeheim fand Scar, dass Kate zuerst klingeln sollte. Sie war schließlich eine Frau, und Frauen waren in solchen Sachen immer besser. Kate nahm an, dass Scar gehen würde; er war schließlich der Erfahrenere, oder nicht?
«Wollen Sie eigentlich den ganzen Tag hier sitzen bleiben?»
«Wie bitte?»
«Klingeln Sie an der Haustür, oder muss ich das machen?»
Scar rührte sich immer noch nicht.
«Äh, machen Sie das mal, meine Teure», sagte er und klimperte mit den Münzen in seiner Hosentasche. «Sie wollen doch Erfahrungen sammeln, oder? Außerdem ist bestimmt niemand da.»
In Wirklichkeit war Scar überzeugt, dass sich sehr wohl jemand in dem winzigen, zwischen identischen Nachbarn eingezwängten Reihenhaus aufhielt. Oben stand ein Fenster einen Spalt offen, und auch wenn die knalligen, blumengemusterten Vorhänge bei ihrer Ankunft fest zugezogen gewesen waren, hatte sich einer davon zweifellos gerade bewegt.
Kate stöhnte. Jetzt hieß es also, ins kalte Wasser zu springen.
«Hat man Ihnen schon mal gesagt, dass Sie so nützlich sind wie eine Teekanne aus Schokolade?», murmelte sie und knallte die Beifahrertür mit aller Kraft zu.
«He, passen Sie auf», schimpfte Scar. «Die habe ich gerade neu spritzen lassen …»
Kate atmete zur Beruhigung ein paar Mal tief durch und ging dann langsam zur Tür.
Scar beobachtete sie mit wild klopfendem Herzen. Warum war er nur immer so ein Schlappschwanz? Kein Wunder, dass ihn im Büro keiner ernst nahm. Sie würden sich alle kaputtlachen, wenn sie hörten, dass er die Neue zur Haustür geschickt hatte.
Er zog den Rückspiegel zu sich heran und betrachtete sein Spiegelbild. Was für ein hässlicher Knochen, dachte er. Vollkommen klar, dass Pam Newbold ihm immer einen Korb gab.
Plötzlich hörte Scar eine Tür knallen. Er sah auf und erwartete, dass Kate sich mürrisch auf den Beifahrersitz fallen ließ. Aber sie war nirgendwo zu sehen. Scar schlug die Hände vors Gesicht. Das Mädchen hatte sich einfach in Luft aufgelöst.
«Was soll das heißen, du hast sie verloren?», knurrte Thorndike. «Du lieber Gott, sie ist erst seit ein paar Stunden hier. Nicht einmal du kannst so dämlich sein, sie zu verlieren.»
Scar senkte beschämt den Kopf. Das würde ihn sein Leben lang verfolgen.
«Wo hast du sie zuletzt gesehen?», wollte Thorndike wissen.
Scars Hirn kam langsam in Gang.
«Vor Rawlinsons Haustür», murmelte er. «Ich habe ihr gesagt, sie soll im Wagen bleiben, während ich klingele. Ich wusste doch, sie ist noch ziemlich unerfahren, deshalb dachte ich, ich mach es lieber allein. Sie muss weggerannt sein, als ich ihr den Rücken zudrehte.»
Thorndike lief im winzigen Redaktionsbüro auf und ab. An der ganzen Sache war doch etwas faul.
«Und was ist passiert, als du geklingelt hast?»
«Geklingelt?»
Thorndike stach mit dem Zeigefinger auf Scar ein.
«Bei Rawlinsons, du Vollidiot. Wo denn sonst?»
Scar erbleichte.
Thorndike wartete ein paar Sekunden, dann hob er die Stimme um zweihundert Dezibel.
«Sag, was passiert ist», brüllte er. «Hast du nun geklingelt oder nicht?»
«Nein», murmelte Scar.
«Hat Kate Grant geklingelt?», wollte Thorndike wissen.
«Keine Ahnung.»
Obwohl Thorndike nur halb so groß war wie Scar, drückte er ihn unsanft in einen Stuhl.
«Du rührst dich jetzt nicht vom Fleck, bis ich wieder da bin, Scar. Mit dir befasse ich mich später. Entweder führt Kate Grant das größte Interview aller Zeiten, oder die Rawlinson-Jungs haben sie zu Brei geschlagen. Für den Fall ist dir wohl klar, wer dafür geradestehen wird.»
«Noch einen Schluck, meine Liebe?»
Kate sah von ihrem Notizbuch auf und nickte. Sie saß jetzt seit über einer Stunde in der winzigen Küche. Sie hatte aufmerksam der tränenüberströmten Violet Rawlinson zugehört, die schilderte, wie sie der spurlos verschwundenen Nicky am Morgen zuvor noch auf dem Schulweg nachgewinkt hatte.
«Wissen Sie, ob Nicky schon einmal die Schule geschwänzt hat?», fragte Kate so freundlich wie möglich. Sie achtete darauf, von Nicky in der Gegenwart zu sprechen, nicht in der Vergangenheit.
«Noch nie», schnauzte Bert Rawlinson und schlug mit der Hand auf den gelben Resopaltisch. «Unsere Nicky ist ein braves Mädchen. Tut, was man ihr sagt, und macht ihre Arbeit. Ihr Lehrer sagt, sie bekommt ein gutes Zeugnis.»
«Möchten Sie ein Bild von ihr sehen?», fragte Violet. Ohne auf die Antwort zu warten, nahm sie ein abgegriffenes Fotoalbum vom Kaminsims und blätterte es durch.
«Da», sagte sie, als sie die gesuchte Seite gefunden hatte. «Ist sie nicht hübsch?»
Kate musterte das Bild. Nicky Rawlinson, mit langem braunem, zu zwei dicken Zöpfen geflochtenem Haar, wirkte ungeheuer jung und frisch, wie sie ihr da in ihrer Schuluniform aus dem Foto entgegensah.
«Sie müssen sehr stolz auf sie sein», murmelte Kate.
Daraufhin verbarg Violet Rawlinson ihr Gesicht erneut in einem großen grauen Taschentuch und schluchzte sich das Herz aus dem Leib.
Kate rückte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. Bis jetzt beschränkte sich ihre journalistische Erfahrung auf gelegentliche Theaterkritiken für die Studentenzeitung in Manchester. Sie fühlte sich völlig überfordert.
Auf den Stufen vor der Tür sammelten sich die Truppen. Neben Thorndike standen Danny, der Fotograf, und Scars Flamme, Pam Newbold. Die große, stattliche Pam, angeblich vierunddreißig, in Wahrheit jedoch einundvierzig, war erbost, weil man sie aus ihrer allwöchentlichen Sitzung im Schönheitssalon geholt hatte. Hinter ihnen standen ein paar Radioreporter aus Preston in grauen Anoraks und Turnschuhen und ein attraktiver Mann im blauen Anzug.
«Ich versuche es noch einmal», sagte Pam Newbold und wackelte auf ihren brandneuen Schlangenlederpumps zur Tür.
Sie hämmerte mit der flachen Hand dagegen. Als das keine Reaktion hervorrief, schlug sie erneut zu.
Fast sofort ging die Tür einen Spaltbreit auf, und Bert Rawlinson steckte seine Nase heraus.
«Was zum Teufel denken Sie sich eigentlich? Meine Frau hier drin ist völlig fertig, und Sie machen alles noch schlimmer.»
«Oh, es tut mir ja so Leid, Mr. Rawlinson», sagte Pam Newbold liebenswürdig. «Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich war nur nicht sicher, ob Sie das Klopfen gehört haben oder nicht.»
«Das Theater, das Sie hier veranstalten, ist doch in der ganzen Straße zu hören», sagte Bert Rawlinson. «Und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen, ja?»
«Wir suchen nach einer jungen Reporterin, die …»
Bert Rawlinson knallte ihr die Tür vor der Nase zu und schob den Riegel vor.
«Haben Sie nicht behauptet, Sie wären Weltmeisterin im Türöffnen?», zischte Thorndike Pam gehässig zu, als sie sich ein paar Meter auf den Bürgersteig zurückgezogen hatten.
Genau in diesem Augenblick ging die Haustür noch einmal knarrend auf, und Bert Rawlinson erschien, um eine Besucherin auf die Treppe hinauszubegleiten. Er umarmte sie unbeholfen und versprach, sich wieder bei ihr zu melden.
«Danke, meine Liebe», sagte er rau und wies mit dem Kopf zum Bürgersteig. «Sie sind tausendmal mehr wert als das Volk da.»
Die Gruppe starrte Berts Besucherin mit offenem Mund entgegen. Thorndike und Danny waren so schockiert, dass es volle zehn Sekunden dauerte, bevor einer von ihnen ein Wort herausbrachte.
«Da brat mir doch einer ’nen Storch», sagte Danny schließlich. «Das ist Kate.»
Kate seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie zum Teufel sollte sie die erste Reportage ihres bisherigen Lebens zustande kriegen, wenn ein Haufen Leute ihr ständig über die Schulter sah und an ihr herumkrittelte.
«Hört mal», sagte sie schließlich. «Ich will ja nicht unhöflich sein, und ich bin auch wirklich dankbar für all die guten Ratschläge, aber wäre es nicht besser, ich würde allein weitermachen?»
«‹Wir haben solche Angst, dass sie nie wieder auftaucht›», sagte Pam, die die Worte von Kates Bildschirm ablas. «Das müsste weiter vorne zitiert werden. Stimmt’s, Thorndike?»
«Richtig», sagte Thorndike und trommelte mit den Fingernägeln auf den Schreibtisch, «und wir brauchen nicht das ganze Zeug darüber, wie ihr Zimmer aussieht.»
Kate rieb sich müde die Augen.
«Aber ich dachte, dadurch würde die Story erst richtig rührend», sagte sie. «Es zeigt doch, dass sie eine ganz normale Vierzehnjährige ist, die für Robbie Williams schwärmt und haufenweise Teddys auf dem Bett hat.»
«Das ist Blödsinn», sagte Thorndike. «Hören Sie, verschonen Sie mich mit diesem sentimentalen Kleinkram, ja? Sie sind nicht unsere Briefkastentante. Liefern Sie uns einfach die Fakten. Mehr interessiert uns hier nicht. Verstanden?»
«Verstanden», sagte Kate grimmig und begann wieder zu tippen.
«Und legen Sie mal einen Zahn zu, verdammt nochmal», brüllte er. «Wenn Sie nicht in spätestens zehn Minuten fertig sind, kommt es überhaupt nicht mehr in die Zeitung.»
Später, im White Elephant, nahm Thorndike Kate zur Seite und wollte von ihr wissen, wie es ihr, verdammt nochmal, gelungen war, sich überhaupt Zutritt zum Haus der Rawlinsons zu verschaffen.
«Ich habe mir nicht den Zutritt verschafft», sagte Kate mit einem Hauch Empörung in der Stimme. «Ich habe einfach geklingelt und Bert Rawlinson erklärt, wie Leid mir Nickys Verschwinden täte. Ich habe ihn gefragt, ob er mir nicht ein bisschen von ihr erzählen wolle, und er sagte ja. Er meinte, ich wäre der erste Reporter, der ihn respektvoll behandelt hätte.»
Thorndike verdrehte die Augen.
«Ich weiß ja, dass Sie eifrig sind, aber Sie hätten das Scar machen lassen sollen», zischte er.
«Aber Scar hat mir erklärt, ich sollte gehen», sagte Kate.
«Wirklich?», sagte Thorndike, und Kate merkte an seinem bösartigen Gesichtsausdruck, dass Scar bald fällig war.
«Und wann wird der Artikel erscheinen?», fragte Kate, um das Thema zu wechseln.
«Morgen», grunzte Thorndike. «Sie haben es auf den letzten Drücker hingekriegt. Wenn Sie es vorhin nicht abgegeben hätten, wäre die Story gar nicht mehr reingekommen. Und in der nächsten Woche ist sie überholt. Wir wollen nur hoffen, dass das Mädchen nicht auftaucht, bevor wir morgen früh damit raus sind.»
Kate sah ihn verblüfft an.
«Aber wir wollen doch alle, dass sie so bald wie möglich wieder auftaucht», sagte sie. «Die Rawlinsons werden vollkommen am Boden sein, wenn sie bis dahin nicht gefunden wurde.»
«Wir nicht», sagte Thorndike grob.
«Was meinen Sie damit?»
«Verdammt nochmal», sagte Thorndike und hob die Augen zur spinnwebüberzogenen Decke des White Elephant. «Muss ich Ihnen das wirklich erklären? Wenn man sie mitten in der Nacht findet und der Bugle dann in aller Herrgottsfrühe erscheint und sich darüber auslässt, dass sie noch vermisst wird, wie sehen wir dann aus?»
«Dämlich», sagte Kate ruhig.
«Jawohl», höhnte Thorndike. «Dämlich. Jawohl!»
Sie war froh, als Thorndike das Interesse an ihr verlor und zur anderen Seite der Theke schlenderte, um den unseligen Scar zusammenzustauchen. Sie wünschte, Danny würde endlich sein Bier austrinken. Er hatte ihr für ein paar Tage ein Zimmer in seinem Haus angeboten, und sie brauchte dringend etwas Schlaf
Plötzlich klopfte ihr jemand von hinten energisch auf die Schulter.
«Ich glaube, wir kennen uns», sagte eine Stimme.
Kate wirbelte herum und sah sich einem braun gebrannten, etwa dreißigjährigen Mann mit dunklem Haar und makellosem blauem Anzug gegenüber. Er trug eine auffällige Krawatte mit Sonnenblumen darauf.
«Ach du Schreck», sagte Kate, die sofort den unangenehmen Kerl aus dem Zug erkannte. Verlegen bedeckte sie das Gesicht mit der Hand.
«Sie sind genauso charmant wie beim letzten Mal», lächelte der Mann. Seine Augen waren allerdings undurchdringlich.
«Was machen Sie denn hier?»
«Dies ist doch ein freies Land, oder?», sagte der Mann. «Oder bin ich zufällig in irgendeinen absonderlichen, exklusiven Club geraten?»
Kate fuhr sich mit den Fingern durch ihr aschblondes Haar.
«Absonderlich stimmt», lachte sie, und ihre Augen funkelten amüsiert. «Aber ob exklusiv, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wer sind Sie überhaupt? Hat mein Vater Sie angeheuert, um mich zu beschatten?»
Der Mann sah sie verblüfft an.
«Ach, vergessen Sie’s», sagte Kate hastig. Sie hätte sich dafür treten können, dass sie HH erwähnt hatte. «Ich bin nur müde und überreizt. Und außerdem haben Sie meine Frage nicht beantwortet. Was machen Sie eigentlich hier?»
Der Mann lachte, und überraschenderweise stellte Kate fest, dass sie ihn gar nicht so unsympathisch fand. Er hatte ein heiteres, lebhaftes Gesicht, und anders als Thorndike, Scar und Co. schien er immerhin Wert auf ihre Bekanntschaft zu legen.
Der Küchentisch zeugte von Lauras verzweifelter mitternächtlicher Fresserei. Ein ganzer Laib Vollkornbrot lag verstümmelt auf dem Brettchen, überall waren Krümel verteilt. Außerdem lagen da zwei Packungen Eiscreme, einmal Schokolade, einmal Mokka, beide leer, eine große Dose Baked Beans mit dem Löffel darin – Laura hatte sie gleich aus der Büchse verschlungen –, eine halb verzehrte Pizza und die Reste einer gefrorenen Erdbeersahnetorte.
Jetzt, im Bad unterm Dach, kniete Laura im langen weißen, züchtig bis zum Hals geknöpften Nachthemd auf dem Boden und hatte den Kopf über die Toilettenschüssel gebeugt. Sie würgte heftig, wobei ihr Magen dermaßen schmerzte, dass sie das Gefühl hatte, sie würde ohnmächtig.
Eine halbe Stunde später, als sie sicher war, ihren Magen völlig entleert zu haben, erhob sie sich matt und stolperte zur Treppe. Sie hatte immer noch das Gefühl, ihr würde schwarz vor Augen, aber sie musste vor Tagesanbruch den Müll beseitigen. Sie würde sterben, falls ihr Vater das jemals herausbekäme.
Laura war von sich selbst angeekelt. Wie hatte sie das nur tun können? Bis zum heutigen Abend hatte sie alles so gut im Griff gehabt. Seitdem Kate von der Universität zurück war und das Haus wieder mit Leben erfüllt schien, hatte sie es geschafft, diese schrecklichen Fressanfälle, die zuvor ein beinahe allnächtlicher Bestandteil ihres Lebens gewesen waren, abzustellen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie dem furchtbaren Kreislauf von Fressen und Erbrechen ein für alle Mal entkommen wäre. Aber jetzt, da Kate wieder fort war, dämmerte ihr auf einmal die Wahrheit. Sie hatte sich die ganze Zeit selbst belogen. Sie war genauso erbärmlich schwach wie immer.
«Charley Stone», sagte der Sonnenblumenmann. Er schüttelte Kate energisch die Hand. «Reporter beim Evening Clarion. Die Redaktion hat mich in diese scheußliche Einöde geschickt, um über die Sache mit Nicky Rawlinson zu berichten.»
«Menschenskind», sagte Kate und hätte sich selbst treten können, weil sie sich so wenig cool anhörte. In Wirklichkeit rasten ihre Gedanken vor Panik, weil der Evening Clarion eins von HHs Blättern war. Aber eigentlich dürfte der Mann nicht mitbekommen haben, wer ihr Vater war, sagte sie sich rasch. Sie musste nur daran denken, dass sie jetzt Kate Grant war, eine anonyme Volontärin, für die sich niemand auch nur andeutungsweise interessierte.
«Wollen Sie sich nicht vorstellen?», fragte Charley.
«Kate Grant. Ich arbeite für den Bowland Bugle.» Sie würde ihm nicht erzählen, dass es ihr allererster Tag hier war.
«Schön, Sie kennen zu lernen, Kate Grant», sagte Charley.
«W-wie kommen Sie denn mit Ihrer Story voran?», fragte Kate höflich.
«Nicht schlecht», sagte Charley leichthin. «Ich habe es geschafft, etwas für die heutige Ausgabe abzuliefern, und für morgen habe ich eine absolute Bombenstory im Ärmel.»
«Und was?», fragte sie voller Neugier, denn sie wollte wissen, wie ein echter Londoner Reporter bei so einer Geschichte vorging.
«Und Sie versprechen, es niemandem weiterzusagen?»
«Versprochen», sagte Kate gehorsam.
«Ich habe ein Gespräch mit Nicky Rawlinsons Freund.»
Kate runzelte verblüfft die Stirn.
«Das ist doch unmöglich», sagte sie schließlich. «Das geht gar nicht.»
Charley Stone lachte schallend.
«Nicht?»
«Nein», sagte Kate entschieden.
«Und wer behauptet das?»
«Ich behaupte das», sagte Kate.
«Und wieso?»
«Weil Nicky Rawlinson gar keinen Freund hat. Das haben mir ihre Eltern heute Nachmittag erzählt.»
«Ach ja», sagte Charley viel sagend. «Sie hatten ja das Privileg eines Exklusivgesprächs mit ihnen.»
Kate sah ihn wieder verwirrt an.
«Woher wissen Sie das denn?», fragte sie.
