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Die 70er und 80er Jahre waren in der Bundesrepublik Deutschland eine Zeit des Aufbruchs. Umso spannender, dass man in Hans Veys Buch „Für die weiße Krähe“ authentisch in diese Zeit eintauchen kann. In dem autobiographischen Roman geht es um Paul, einen Jungen, der ins Nachkriegsdeutschland hineingeboren wird, das sich zwischen Kriegsnostalgie und Aufbruchsstimmung hin und her bewegt. Paul findet aber seine Nische im Leben und taucht in die Hippiewelt der 70er Jahre ein, um künstlerisch zu arbeiten. Der Weg ist gleichwohl mit vielen Hürden gepflastert, unter anderem droht das Abgleiten in den Alkoholismus. Eine sehr persönliche und damit authentische Biographie aus einer hochspannenden Zeit.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2022
INHALT
IMPRESSUM 2
VORWORT 3
1. KINDHEIT 4
2. ADOLESZENZ 19
3. FRÜHE JUGEND 48
4. JUGEND 60
4.1 141
4.2 233
IMPRESSUM
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© 2022Vindobona Verlag
ISBN Printausgabe:978-3-949263-28-6
ISBN e-book: 978-3-949263-29-3
Lektorat:Tobias Keil
Umschlagfoto:Raul Garcia Herrera, Rudchenko, Ilona Winter, Anna Kuzmina | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag
www.vindobonaverlag.com
VORWORT
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen,
Begebenheiten sind rein zufällig.
Hans Vey, 1962 in Fulda geboren,
lebt und arbeitet in Hamburg.
1. KINDHEIT
Paul Rost wurde am 07.08.1962 als 3. Kind des Ingenieurs/Architekten Adolf Rost und der Schneidergesellin Erna Rost, geb. Schick, geboren.
Es war laut Aussagen der Mutter wohl eine recht einfache Geburt, morgens um halb vier.
Seine Geschwister Ewald und Hertha waren 6 beziehungsweise 2 Jahre früher geboren, also in den Jahren 1956 und 1960. Der Geburtsort ist das osthessische Fulda in Deutschland.
Seine Kindheit verlief relativ unspektakulär, also eher glücklich für ein Kind aus dem Kleinbürgertum der frühen 60er in Deutschland, ergo mit den üblichen Ängsten und Freuden begleitet, glaubt der Paul.
Paul wurde quasi in das erste Eigenheim der Familie Rost hineingeboren, wahrscheinlich schon hineingezeugt. Es gab in der Erinnerung des Paul einen einzigen Vorfall, der nicht so glücklich war, das war im Sommer 1964, der Paul war noch keine 2 Jahre alt. Da fuhren die Eltern und die zwei Geschwister zusammen mit der Urgroßmutter, der lieben Christina, nach Wien, für 2 Wochen zu Christinas einzigem Sohn. Christina, die Urgroßmutter, die 1943 mit Tochter und Enkelin (Pauls Mutter) aus dem damaligen Donauschwaben geflüchtet war, war schon relativ betagt. Sie konnte unmöglich alleine im Zug nach Wien fahren, das sieht auch der Paul so. Es war einfach Pech. Die Familie Rost besaß nur einen Opel Rekord, luxuriös für diese Zeit, aber dennoch zu klein für eine lange Reise mit 3 Erwachsenen, 2 Kindern und einem Kleinkind.
Also musste der Paul zu Hause bleiben, für zwei Wochen bei den Großeltern, immerhin.
Der Paul war ja eigentlich seit seiner Geburt gewohnt, dass seine Mutter, seit der Geburt des ersten Kindes Hausfrau, ihn umsorgte. Bestimmt wurde dem Paul erklärt, dass sie in 2 Wochen wieder zurück seien und sowieso zurückkämen, hat der Paul das aber verstanden? Bestimmt nicht in seinen Einzelheiten, schon gar nicht seinen Konsequenzen.
Was sind für einen 2-Jährigen überhaupt 2 Wochen?
Nun gut, die Großeltern gaben sich alle erdenkliche Mühe, bestimmt, der Paul war aber uneingeschränkt schlecht gelaunt. Das ist dann auch die erste bewusste Erinnerung des Pauls. Er verweigerte jegliche Essensaufnahme und zog in den Hungerstreik. Die Großeltern Katharina und Niklas mussten sich schon Tricks ausdenken, um den Paul zu überlisten. Sie kauften eine Kindertröte, der Opa trötete, der Paul öffnete den Mund, die Oma stopfte ihm den Brei rein, laut den Großeltern, also so ’ne Art Zwangsernährung.
Als der Paul Jahre später von diesen Eindrücken den Freunden erzählte, meinten diese, dass man sich frühestens mit 3,4 Jahren an etwas erinnern kann. Nein, das stimmt nicht, im Falle des Paul und auch sonst nicht, weiß der Paul.
Nun, woran kann der Paul sich erinnern? Nicht an Gespräche oder Inhalte, nicht an besondere Ereignisse, sondern an das Licht, wie es wanderte, an den genauen Ort und die Stellung des Kinderwagens, in dem der Paul saß, vielleicht an die Art der Ernährung, am meisten jedoch an die Zeit des Wartens – DIE BLEIERNE ZEIT.
Er hat in seiner Jugend die Großeltern nochmals befragt, wo genau der Kinderwagen mit dem Paul stand. Es wurde genauso bestätigt.
Halt Pech gehabt, denkt der Paul heute.
Na ja, auch das hat der Paul überlebt, bestimmt war das Wiedersehen mit der Familie besonders schön.
Aber kann ein schönes Ereignis ein besonders angsteinflößendes überlagern und ausgleichen? Das fragt sich der Paul, denkt der Paul.
Wie war der Paul als Baby/Kleinkind? Das lässt sich nur bruchstückhaft aufgrund von alten Fotos und Aussagen der Familie rekonstruieren.
Auf den Fotos sieht der Paul, ein zunächst wohlgenährtes Baby, krausköpfig, mit dem Gesichtsausdruck eines melancholischen, alten Trinkers ausgestattet, glaubt der Paul zu erkennen. Die Mutter sagte, dem Paul konnte man als Kleinkind jedwedes Spielzeug in die Hand geben, er ignorierte es, er spielte immer nur mit seinen eigenen Händen. Dieses Bild gefällt dem Paul, weil ihm auch sonst seine Hände immer das Wichtigste waren. Ja, dieses Bild gefällt dem Paul ganz außergewöhnlich, denn er achtete auch bei seinen Freunden und Freundinnen, besonders aber bei potentiellen Geliebten nicht zuletzt auf die Hände. Am besten kleine, arbeitsreiche, praktische Hände, sehnig, äderig, so wie die seiner Mutter Erna, Schneiderin, ihr wisst und so, wie sie jetzt der Paul hat, immer noch.
Immer noch isst der Paul wenig, gerade so viel er muss und es ihm die Gewalt der Zeit zugesteht, aber fast niemals auf.
Beschwört der Paul damit schlechtes Wetter herauf?
Schlimm war das in der späten Kindheit, so mit 6–10 Jahren. Der Vater Adolf war besorgt, dass der Junge die Schwindsucht hatte oder bekäme. Iss doch und schlucke es endlich! Der Paul versuchte es, scheiterte, besonders am Schwarzbrot mit Kümmel, das durch sein zunehmendes Kauen, aber den fehlenden Speichelfluss einen bitteren, klebrigen Klumpen bildete, unmöglich zu schlucken, bis das Bild zerfloss.
Ja, der Paul hat sich dem Essen verweigert, ähnlich dem Oskar Matzerat aus der Grass’schen Blechtrommel des Wachsens, wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen, glaubt der Paul, vielleicht auch nicht.
Was hatte der Paul für einen Charakter? Das kann der Paul nun wirklich als Letzter sagen. Als Letztgeborener wohl den des Clowns; ist das eine Charaktereigenschaft? Wohl eher nicht. Der Paul war wohl zunächst ein lustiger Clown gewesen, später ein melancholischer, bis er zum zynischen, bösartigen mutierte, denkt der Paul.
Wer weiß, der Paul konnte lieb sein und böse, zu sich und zu anderen, auf jeden Fall hatte er einen gewissen Jähzorn geerbt und seinen eigenen Kopf entwickelt, schon als Kind entwickelt, schon als Kind, weil er musste, glaubt der Paul.
Egal, der Paul war aus heutiger Sicht ein durchschnittliches Kind der 60er Kleinbürger, so weit, so gut.
Gegen seine Schwester Hertha musste er sich schon früh durchsetzen, knapp 2 Jahre älter, der Liebling des Vaters. Auch wenn Hertha das heute anders sieht, sie glaubt, sie hätte sich gegen zwei Jungs durchsetzen müssen – dies habe sie stark gemacht. Falsch geraten Hertha, im doppelten Sinne.
Der Bruder Ewald, 6 Jahre älter, war für den Paul außen vor, weil zu weit weg. Er versuchte zwar immer moralisches Vorbild zu sein, versucht es heute auch noch und weiß alles besser. Wirklich tragisch, ist es heute noch, es gelingt ihm nicht, er merkt es noch nicht einmal.
Ach ja, um das Familienbild zu komplettieren. Die Großeltern Katharina und Niklas Schick, die Urgroßmutter Christina, die Liebe, waren ohne Niklas, der war in russischer Kriegsgefangenschaft.
Wann der Niklas frei kam, weiß der Paul nicht mehr (1947?), er (Paul) hat aber noch seinen Pappkoffer, mit dem er nach Deutschland zurückkam. Ursprünglich kamen die Mutter, die Großeltern und die Urgroßmutter ja aus Stanitschitsch, der Region Örsalasch, deutschstämmige Donauschwaben, zu Zeiten Maria Theresias in das ehemalige jugoslawische Gebiet eingewandert, so ist es dem Paul jedenfalls erzählt worden.
Sie kamen zunächst in ein Übergangslager (Erna war 14) und wurden dann gen Westen im Güterzug transportiert. Einer der Zuginsassen hatte gehört, der nächste Zielort wäre Huldau, es hieß dann: Fulda, alle aussteigen. Sie wurden in Keulos unweit von Fulda bei Bauern zugeordnet, der Familie der Hohmanns, das war ihr großes Glück. Die Hohmanns waren nämlich zum einen auch Landwirte und sehr warmherzige Menschen. Die Schicks und die Urgroßmutter waren in Donauschwaben ja auch Bauern gewesen. Sie wohnten zwar in einem umgebauten Stall, aber immerhin, da war es anderen Flüchtlingen viel schlechter ergangen, weiß der Paul. Vor allem waren die Hohmanns sehr gut zu meiner Familie, auch zu Niklas, der erst später als gebrochener Mann aus Russland kam.
Die Eltern, die sich mit 19 Jahren beim Tanz kennenlernten, ja Erna war eine begnadete Tänzerin, mit Leib und Seele.
Der Adolf auch ganz gut, aber kein Vergleich.
Sie heirateten 1954, 25-jährig auf dem Kreuzberg, die ersten Farbfotos im Familienalbum mit ’nem silberfarbenen Käfer, einfach schön.
Der Vater entstammte einer Metzgerfamilie. Sein Vater, Choleriker und Erbsenzähler, geizig und stumpf, hatte wohl in den 20ern in Frankfurt als Darmwäscher und Kopfschlächter gearbeitet. Darmwäscher, der wohl widerwärtigste, aber bestbezahlte Job im Schlachtergewerbe. Hatte wohl ein kleines Vermögen gemacht – und das war in diesem Falle schlecht, denkt der Paul.
Denn niemals wäre ein Mann mit solchen Untugenden an eine Frau aus „besseren Kreisen“ gekommen, niemals. So hatte er Hanni Maul kennengelernt, ein Mädchen aus gebildeten und kunstsinnigen Kreisen. Na ja, es waren wirtschaftlich schlechte Zeiten. Der Metzgergroßvater Ernst wurde asthmabedingt auch nur 56 Jahre alt. Er lernte keines seiner Enkelkinder kennen.
Aber vor allem hat er in seinen sechs Kindern Angst hinterlassen, abgrundtiefe Angst – Angst vor allem und jedem, vor dem Leben und mehr noch vor dem Tod. Angst vor Menschen, vor allen überraschenden Situationen, ja sogar vor der Freude. Angst kanalisiert sich fast immer in Aggression, große Angst in großer Aggression, weiß der Paul. Diese Aggressionen können sich sowohl in physischer wie auch psychischer Gewalt, manchmal beidem nach außen zeigen, das ist individuell unterschiedlich. Vor allem bei Adolf und seinem 5 Jahre jüngeren Bruder Paul, dem Patenonkel des kleinen Pauls, trat diese Gewalt zumeist oder auch alkoholbedingt hervor und hat sich jetzt schon in die zweite, dritte Nachfolgegeneration vererbt. Seit 40 Jahren und mehr haben sich die beiden nicht mehr unterhalten, sie werden es auch nicht mehr, der Patenonkel ist seit ein paar Jahren tot, totgeärgert oder totgesoffen? Egal.
Entscheidend ist, dass beide ihre Familien zerstört haben, wie wir jetzt sehen, nachhaltig. Die negative Kraft oder Schwäche ist immer die Stärkste, glaubt der Paul und dringt tief wie ein Gift in das eigene Leben, wie auch das der anderen. Der aufmerksame Leser wird sich jetzt fragen, warum denn selbst die positiven Emotionen wie Freude zu aggressiver Gewalt führen. Ganz einfach, da die hier genannten Protagonisten niemals gelernt hatten mit Freude umzugehen, sondern nur mit Streit und Ärger.
Da sie das tief spürten, Freude nicht in Spaß oder gar Zärtlichkeit ummünzen zu können, ja zu dürfen, löst das positive Gefühl zunächst Unsicherheit aus, die Unsicherheit des „Neuen“, ein Funke genügt, und die Welt ist voll Funken und das „Explosive Depot“ geht hoch, denkt der Paul.
Und es bleibt den Umstehenden nur eins übrig – sich zu entziehen, zu gehen, das hat der Paul auch erst spät erkannt und verinnerlicht.
Nur im Alleinsein schaltet sich beim Choleriker das Hirn ein, weil das Alleinsein beim Choleriker die Hölle ist, der Adolf wurde dann handzahm und sprach Dinge aus, wie jetzt lasst uns doch mal vernünftig werden (was?). Das hielt natürlich nur bis zum nächsten Aggressionsschub an.
Ein bis zwei Tage, manchmal eine Woche, dann ging es wieder von vorne los. Einzig psychiatrische Betreuung bzw. Psychopharmaka hätten da helfen können, jetzt ist es zu spät für eine Therapie, der Adolf wird demnächst 92 Jahre alt, ja, alte Bäume sollte man noch nicht mal ins Licht verpflanzen. Und er wird 100 Jahre oder älter, wird weiterhin Auto fahren, was er schon zehn Jahre nicht mehr kann, weil er viel zu zerstreut ist, nicht mehr sieht, nicht mehr hört und auch noch starrsinnig ist, glaubt der Paul. Neulich war der Paul in Fulda und fuhr mit Adolf durch Fulda. Nachdem der Adolf Rost mindestens die zehnte rote Ampel überfahren hatte, fragte der Paul: „Hast du nicht gesehen, die Ampel war rot.“ Der Adolph: „Ja, aber ich will jetzt heim.“
Kriminelle Ärzte, kriminelle Politiker, denen noch kriminelle Advokaten zur Hand gehen, werden dem Adolf zum einen jedes Pülverchen, jede Pille, jeden Tropfen verschreiben, niemals aber Psychopharmaka, geschweige denn wird man dem Adolf, mittlerweile auch noch schwer dement, den Führerschein entziehen, NIEMALS. Noch nicht einmal werden uneinsichtige 90-Jährige von neutralen Fahrlehrern getestet – Respekt, Respekt. Wichtig ist aber in deutschen Landen, dass das Auto alle 2 Jahre getüvt wird, na ja, bringt ja Geld, Geld die absolute Absolution im Kapitalismus. Schließlich schießt ja auch nicht die Pistole das Opfer tot, sondern der Mörder (oder umgekehrt?).
Zurück zur unseligen Ehe von Hanni und Ernst. Auch Hanni war nicht unschuldig an den Folgen dieser unschönen Allianz. Sie kam aus besserem Hause und hat schon früh den beiden ältesten Kindern eingeimpft, ihr werdet mit dem Metzgergewerbe, ja mit keiner Dienstleistung oder einem Handwerksberuf etwas zu tun haben, eben der Anne und dem Adolf.
Ihr seid wie ich zu Besserem geboren, Herrenmenschen, ihr lasst arbeiten, weiß der Paul, denkt der Paul. Und so sind sie dann durch die Lande gestürmt, diktatorisch, gemein, faul und selbstgerecht.
Die Anne war dann auf der höheren Mädchenschule und hat im zweiten Anlauf gut eingeheiratet. Aus der späten Ehe entsprang nur ein Kind, die Monika, auch eine Herrscherin, denkt der Paul.
Der Adolf seinerseits hat dann nach dem Krieg, er war bei der Hitlerjugend, zum Glück, musste Schützengräben an der Westfront graben, lernte Segelfliegen, mit Ach und Krach auf der Winfriedschule das Abitur gemacht. Dann hat er in Karlsruhe Bauingenieurswesen studiert. Zu dieser Zeit kannte der Adolf bereits die Erna Schick. Da er zu schwach war, alleine zu sein und zu lernen, hat Erna wohl jede erdenkliche Zeit dazu genutzt, ihm zu schreiben, ihn zu besuchen etc. (eine Rekonstruktion durch die persönliche Aussage der Erna). Erna beschrieb den Adolf der ersten Jahre als hochsensibel, zärtlich und verkünstelt, denkt der Paul.
Ich sehe die ersten vor- oder frühehelichen Schwarz-Weiß-Fotos und es springt einem förmlich Liebe ins Auge, ja wahre Liebe/Verliebtheit im Strahlen der vier Augen, im hochgezogenen Mundwinkel. Und auch faktisch, sie mussten ja nicht heiraten 1954, der Ewald wurde erst Ende 1956 geboren.
Ganz anders, als viele andere in dieser Generation, ein Kind war Mitte der 50er und auch noch später in Deutschland ein klarer Ehe-Grund. Also sollte man eindeutig von einer Liebesehe zwischen Erna und dem Adolf ausgehen.
Jetzt stellen wir uns eine ausgefahrene Feuerleiter vor, am Anfang der Beziehung stehen beide ganz oben und dann gehen beide, Hand in Hand jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr eine Stufe nach unten. Von der Verliebtheit über die Liebe bis zur anfänglichen Gleichgültigkeit, bis zur totalen Gleichgültigkeit, über die Ignoranz bis zum Hass.
Ganz unten, ebenerdig angekommen im Morast des Ekels, standen beide, noch immer Hand in Hand, ganz urplötzlich nach ca. 40 Jahren Horrorehe auf dem Boden der Tatsachen. Sie schauten verwundert um sich, auf der Suche nach dem großen Loch im Boden, um gemeinsam weiter nach unten zu steigen gen Hölle, das war zum Glück nicht da, nur absolute Leere, ein Vakuum aus langweilendem Nichts.
Das absolute Nichts kam dann auch für Erna, sie starb 1998 an einem Herzinfarkt oder einer Lungenembolie 69-jährig, einen Tag nach dem 36. Geburtstag des Paul, an einem sonnigen Samstagmorgen.
Totgespielt, totgestreichelt durch den Adolf. Sein Gift war zu stark, eine Überdosis, also flüchtete sie sich in den Tod, zu dieser Zeit wohl noch ihre einzige Möglichkeit.
Der Leser fragt sich, der Paul auch, ja gab es denn gar keine Zeiten der Freude, wenigstens ein paar weiße Perlen in der Kette? Natürlich gab es die. Die frühen Urlaube, erst zum Edersee, an die der Paul jedoch keinerlei Erinnerungen hat. Später dann nach Hindelang im Allgäu, wunderschöne Landschaft übrigens, die hatte die Erna sogar entdeckt. Sie war wohl als Schneiderin mit ihrer Meisterin dorthin gekommen und hatte dies nicht vergessen. In der Geborgenheit des Urlaubes, im Fehlen des Alltagstrotts und der damit verbundenen Pflichten und Ängste, konnte die Familie Rost durchaus eine normale Familie sein, mit Spaß und Freude. Ja, durch die Natur toben, morgens die Kühe beobachten, die durch den Ort getrieben wurden, überhaupt die schönsten Kühe auf der ganzen Welt. Noch heute fährt der Paul immer wieder ins Allgäu und ist immer wieder selig, auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Es gab auch in Fulda diese freudigen, gar seligen Momente, etwa ein schönes gemeinsames Essen, einen derben Witz, gemeinsame Gesellschaftsspiele, die samstäglichen Fernsehshows mit Kulenkampff, Carrell, Rosenthal, Erhard, und, und, und, es gab sie, ja.
Der Schwager, der Mann der Hertha, hat vor Jahren die hypothetische Frage gestellt, wie wäre wohl UNSER, ja unser Leben verlaufen, wäre Adolf zuerst gegangen statt der Erna. Wohl anders, nein mit Sicherheit anders, ganz anders denkt der Paul jetzt, vielleicht sogar diametral, so aber bestimmt nicht.
Nochmals, gegen DAS SCHLECHTE hat man keine Chance, man kann nur fliehen, so wie es Erna gemacht hat oder anders.
Warum hat die Erna nicht mal ihre mittlerweile erwachsenen Kinder befragt. Alles müßig, sie hat es nicht getan. Außerdem hätten die Kinder ja von sich aus die Erna beiseitenehmen können, Zeit war genug da; sie haben es nicht gemacht!
Gute Nacht Erna und Danke, Danke, Danke vom Paul
ALS DAS KIND KIND WAR
Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte, der Bach sei ein Fluss,
der Fluss ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.
Als das Kind Kind war,
wusste es nicht, dass es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alles Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim Fotografieren.
Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist, was ich sehe und höre und rieche,
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, dass ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und dass einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der Ich bin, sein werden?
Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis
und am gedünsteten Blumenkohl,
und isst jetzt das alles,
und nicht nur zur Not.
Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett,
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön,
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar das Paradies vor,
und kann jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.
Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.
Als das Kind Kind war, genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.
Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine raue Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeder Stadt,
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baumes nach den Kirschen
in einem Hochgefühl
wie auch heute noch,
wartete auf den ersten Schnee
und wartet so immer noch.
Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.
PETER HANDKE
Zurück zum Paul. Die Kindheit, wie gesagt, war normal, vielleicht zu normal, denkt der Paul.
Der Paul kam schon mit 2 Jahren in den Kindergarten, einen evangelischen, obwohl die Rosts alle katholisch waren. Die Hertha und der Paul wurden vom Opa Niklas morgens mit dem Bus zum Kindergarten gebracht und mittags wieder abgeholt. Eigentlich war der Paul noch zu klein für den Kindergarten, die Grundvoraussetzung für eine solche Institution war, dass das Kind „stubenrein“ sein musste, das war der Paul wohl noch nicht. Das rächte sich auch schon in den ersten Tagen, er hatte sich in die Hose gemacht und wurde auf dem Klo notversorgt von der Kindergärtnerin. Sie ließ die Tür aufstehen und alle Kinder konnten unter Lachen und Zischen Zeuge des Malheurs sein. Die Kindergärtnerin sparte nicht mit Rügen, das war dem Pauls sehr peinliche, weiß der Paul.
Der Paul hatte schon seit einiger Zeit beobachtet, dass die anderen Kinder in Gruppen oder zumindest zu zweit spielten, das fand der Paul gut, er spielte immer nur alleine im Kindergarten oder mal mit der Hertha. Mittlerweile hatte Paul wohl mitbekommen, dass das zwei- oder mehrfache Spielen Freundschaft genannt wurde und das Objekt der Begierde war ein Freund. Da ging der Paul zur Hertha und sagte: „Alle haben einen Freund, nur ich nicht, ich will auch einen Freund.“ Da kam ein etwa gleichaltriger Junge durch die Tür. Hertha: „Geh doch mal zu dem.“ Paul ging zu dem Buben: „Willst du mein Freund sein?“ Der Junge überlegte nicht lange, Holm, wie sich herausstellte: „Ja.“ Die Jungs waren bis zum 10ten Lebensjahr so ziemlich BESTE FREUNDE. Sie gingen durch dick und dünn, trafen sich über die Jahre immer mal wieder, bis sie feststellten, dass sich ihre Lebenswege in andere Richtungen bewegt hatten, auch gut.
Danke Holm.
Hier noch zwei kleine Geschichten aus dem Kindergarten. Der Holm und der Paul, unzertrennlich mittlerweile, waren wohl 2 schlimme Rabauken, deshalb erhielt der Holm den Namen RÄUBER HOTZENPLOTZ und der Paul war PETROSILIUS ZWACKELMANN. Wenn sie’s zu toll trieben, wurden sie mit den Hosenträgern am Stuhl festgemacht. Alle fanden’s lustig. Das war wohl von Pauls Lieblingskindergärtnerin so lanciert. Sie hieß Elisabeth und der Paul hat seinen zerschlissenen Teddy ihr zu Ehren ELISABETH genannt. Schöner Name für einen Teddy.
Dann kam der Paul in die Schule, eigentlich noch ein Jahr zu früh, aber der Paul wollte es unbedingt so, weil der Holm, der 8 Monate älter war, eingeschult wurde und da wollte der Paul naturgemäß mittun.
Das war 1968 und der Paul, der war ja wirklich zu jung, hat immer nur aus dem Fenster geguckt, die Jahreszeiten beobachtet, die Lichter, die Blätter, den Himmel. Alle 4 Grundschuljahre in Aufmerksamkeit eine 3 bekommen, das war übersetzt eine glatte 5. Auch sonst war der Paul ein lausiger Schüler. So zwischen 2 und 3. Der Holm im Vergleich zwischen 1 und 2. Nur in Kunst oder Malen, ich weiß nicht, wie man das damals nannte, da war der Paul immer Klassenbester, weil er schon immer seinem Vater Adolf und dem Bruder Ewald beim Zeichnen/Malen zugeschaut und schon früh nachgeahmt hatte. Und in Sport war der Paul auch ganz gut, weil er es einfach gern machte. Noch lieber ging er mit Holm und dem Zauberstock durchs Viertel, spielte Fußball oder Flugzeugquartett. Im Übrigen haben wir Jungs auf dem Pausenhof mit den Mädels mehr Gummitwist gespielt als die Mädels Jungs-Spiele, das lag wohl auch daran, dass alle Ballspiele auf dem Schulhof verboten waren. Aber dass wir die Mädchen für blöd hielten, war schon Ende der 60er nicht mehr angesagt, in meiner Generation. Wie auch, waren die Mädels im Schulischen zumeist besser als die Jungen, halt ehrgeiziger, fleißiger. Wir Jungs waren ja Nerds, noch immer total verspielt, hatten andere Pläne, als geschniegelt und gebügelt in Bänken zu sitzen und diesen öden Scheiß zu pauken.
Ich war übrigens letztes Jahr nochmal in der Schule, der Cuno-Raabe-Schule und war relativ entsetzt, dass sich quasi nichts geändert hat, da war im Treppenhaus noch immer dasselbe gemalte Bild mit Hessenlandkarte und Wappen. Haben die wirklich seit den späten 60ern das Treppenhaus nicht mehr gestrichen?
In den Klassenräumen war ich nicht, auch nicht in den Sanitärräumen. Ich hoffe, dass die wenigstens mal saniert wurden.
2. ADOLESZENZ
Wann ist die Kindheit vorbei, wann beginnt das Alter des Heranwachsens? Das kann der Paul natürlich nicht sagen; es handelt sich hierbei wohl eher um eine fließende Grenze. Die Jahre gingen ins Land, mal langsam, mal viel zu schnell. Es wird gesagt, das Leben sei kurz, dem kann der Paul nicht zustimmen. Es ist allerdings auch nicht lang, glaubt der Paul. Der Paul glaubt: DAS LEBEN IST.
Im Falle des Paul gingen die Jahre halt ins Land, es änderte sich nicht viel, der Paul wurde älter, größer, er war weiterhin unaufmerksam in der Schule, Klassenbester nur in Kunst, ansonsten sanken seine Leistungen gegen Note drei. Was sich mehr und mehr änderte, war die Beziehung der Eltern zueinander, ja es ging schon in Richtung des täglichen Streits, des täglichen Lügens und Sabotierens, was auch in der sonstigen Familie Spuren hinterließ. Die Beziehung des Pauls zur Hertha wurde immer enger, die zum Ewald immer neutraler, ich denke, es ist für einen großen Bruder nicht immer einfach so’n kleinen Nervbüttel beschützen und belehren zu müssen, ist klar, nur muss man sich dann auch mal selbst dazu zwingen, die Nabelschnur zu kappen. Das hat der Ewald bis heute nicht getan, ja er hat es sogar noch auf seine mittlerweile erwachsenen Söhne übertragen. Schon tragisch, glaubt der Paul. Aber dafür muss sich auch die Erna verantwortlich zeichnen. Der Ewald war für Erna schon immer das Lieblingskind, na ja der Erstgeborene in den 50ern, die Erfüllung irdischen Glücks. Eine Familie im Nachkriegsdeutschland, quasi das Glückskind, das sieht man auch auf den Babyfotos, die es weder von Hertha noch dem Paul gibt, denkt der Paul.
Der Ewald tat auch alles, um seiner Mutter zu gefallen: Grundschule, Gumminasium gut, nicht so gut wie die Hertha, aber viel besser als der Paul.
Der Leitsatz der Erna bezüglich schulischer Leistungen war: Ihr müsst nicht der Klassenbeste sein (wie sie), aber mindestens der Zweitbeste. Die Erna kam halt aus dem Dorf Stanitschitsch in Donauschwaben; Einzelkind und immer Klassenbeste, auch als sie mit 14 Jahren nach Fulda flüchten musste, auch im Westen nichts Neues. Immer Klassenbeste und, das muss man sich mal vorstellen: Da kommt so eine Göre aus dem Osten, spricht einen Dialekt, den wahrscheinlich keiner versteht, war anders gekleidet und so. Ein Flüchtlingskind, das den anderen auf Anhieb die Schau stiehlt, halt Klassenbeste. Die Katharina, ihre Mutter, erzählte, dass die Erna als Kind im Sommer schon um halb fünf aufstand, um die Schularbeiten zu verfeinern, zu perfektionieren. Ein krankhafter Ehrgeiz; so sieht es der Paul, den sie bis zu ihrem „frühen Lebensende“ beibehielt, selbst wenn sie in ihren späteren Jahren zu zweifeln begann, denkt der Paul. Ja der Palast begann zu bröckeln, da war eine Kehrtwende aber schon kaum mehr möglich. Sie brachte 30–40 Jahre ihren täglichen Ablauf so zu:
Aufstehen zwischen 4.30 Uhr und 5.30 Uhr.Aufräumen, sich zurechtmachen, Frühstück machen.Den Mann, die Kinder wecken (Paul aufstehen, es ist schon …).Sich um den Aufzug von Mann und Kindern kümmern.Frühstück, die Ihrigen rechtzeitig zur Schule, Arbeit verabschieden, mit den dazugehörigen Warnungen, Tipps.Dann waschen, putzen, einkaufen, kochen, bis mittags musste ja das Essen auf dem Tisch stehen.Mittagessen.Manchmal gönnte sie sich ein Mittagsschläfchen.Danach Hausaufgabenkontrolle.Sonstiges???Abendbrot, Spülen, Aufräumen.Pünktlich um 20 Uhr vor dem Fernseher aufs Sofa gelegt mit Decke und über die Nachrichten daweggeschlafen.Der Adolf schaute meist bis zum Sendeschluss, dann ging man zu Bett. Und das jeden Werktag, tagaus, tagein.
Ach ja, Klassenbester, das hat der Ewald nicht geschafft, die Hertha nur kurzzeitig, der Paul schon gar nicht, außer in Kunst und später in der Malerlehre, in der Berufsschule. Das machte die Erna natürlich noch größer, ein schulischer Triumph, ja ein BLITZKRIEGSIEG auf der ganzen Linie.
Einzig die Hertha hat sich ehrgeiztechnisch ein einziges Mal getoppt: Sie hatte sich in der 6. Klasse auf der Marienschule, ein von Nonne geführtes Mädchengumminasium, eine 5 geleistet und traute sich vor Scham nicht nach Hause, kam erst am frühen Abend, heulend nach Hause. Ja, man erntet, was man sät.YOU REEP JUST WHAT YOU SAW, LOU REED.
Der Paul jedenfalls war in der Grundschule so durchschnittlich geworden, dass eine Einschulung aufs Gumminasium, was eine moralische Grundvoraussetzung in der Familie Rost war, nicht nur gefährdet, sondern relativ unwahrscheinlich erschien.
Dennoch kämpfte der Paul darum, weil eine offizielle Degradierung, das wusste Paul damals schon, das durfte nicht sein, denkt der Paul.
Da, zum ersten Mal stand der Adolf auf, selbst ein schlechter Schüler, und bestimmte, ich denke über den Kopf der Erna, der Bub kommt aufs Gumminasium, und so war’s dann auch, glaubt der Paul
DAS GROSSE PECH
Ja, der Paul ist davon überzeugt, das war’s, zwei Ereignisse parallel, eines hätte schon gereicht eine Kinder-/Adoleszenzwelt ordentlich durchzurütteln, zumindest die des Paul, denkt der Paul.
Nun was war’s? Die Rosts oder besser gesagt die Eltern Rost hatten sich einen Lebenstraum erfüllt, nämlich am Stadtrand ein Riesenhaus gebaut in einer Gegend, Ziehers Nord, kaum bebaut zu dieser Zeit, kalt, ohne Infrastruktur, kein Spielplatz, kein Bäcker, kein Lebensmittelladen in Fußnähe.
Nur Straßen, Auto-/Möbelhäuser, Textilhallen, nichts für einen Heranwachsenden und schön fanden wir’s auch nicht, gar nicht. Der Paul war gerade 10 geworden, wurde genauso wie die Hertha in die Sommerfrische geschickt, an einen gemeinsamen Familienurlaub war die nächsten Jahre aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Der Paul wurde nach Hilders in der Rhön geschickt; die Hertha, 12-jährig nach Südtirol oder so.
Dem Paul gefiel es ganz gut, ja sogar sehr gut, so gut sogar, dass er noch ein Jahr danach davon träumte, das Ganze müsse mit denselben Leuten am gleichen Ort nochmal nachgestellt werden – Kinderträume halt. SWEET DREAMS ARE MADE OF THIS, Eurythmics. Es wurde auch nicht nachgestellt.
Punkt zwei war, dass die Grundschule zu Ende war, jetzt ging’s aufs Freiherr-vom-Stein Gumminasium, der Holm kam naturgemäß aufs Domgumminasium, einem altsprachlichen Gumminasium, wo die ersten Fremdsprachen Latein und Altgriechisch waren.
Aufs Freiherr-vom-Stein Gumminasium kam der Paul auch nur alleine, kein Einziger aus der Grundschulklasse kam dorthin, nur der Paul ohne Holm, seinen Schutzpatron, der dem Paul in der Grundschule sogar das Schuhe-Binden beigebracht hatte. Totales Pech, totale Einsamkeit.
Nein, das war keine Herausforderung, das war ein Turm, eine Mauer, was auch immer, auf jeden Fall nichts Gutes, das war dem Paul von vornherein klar. Und hier war auch schon der Keim für das kommende Debakel in fruchtbaren Boden gefallen. Dass der Ewald auf derselben Schule war, war auch kein Trost. Der konnte ihm jetzt auch nicht mehr helfen, wie auch, weiß der Paul. Da musste der Paul schon selbst durch oder drüber übers Kuckucksnest. EINER OST, EINER WEST, EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST.
Und er schaffte es auch grandios zu scheitern, binnen 3 Jahren.
QUARTA (7. Klasse)
5 Blaue Briefe, nach Ostern! Englisch, Mathematik, Latein, GEOGRAPHIE,RELIGION.
Der Paul wusste natürlich schon vor Ostern, was ihm blühen würde, nämlich 5 Strafzettel, da wollte der Paul das heilige Osterfest nicht mit Blauen Briefen beschmutzen. Er verschwieg die Situation.
Er wusste auch damals schon genau mit gut 12,5 Jahren, erkonnte es nur herauszögern, also prokrastinieren (schönes Wort). Aber zu verhindern war’s nicht mehr, und zwar in jeder Form. Nur prokrastinieren. Wir hatten, so glaubt der Paul jetzt, schöne Ostern, mit Ostereiern und gutem Essen, Frühjahr, Sonne satt und, und, und. Der Paul konnte auch aufgrund der schönen Gegebenheiten viele Dinge, oder DAS DING, verdrängen, es kam aber immer unangenehmer zurück, wie weit man es auch zurückschubste.
Gut, die Auflösung: kurz nach Ostern, ich weiß nicht mehr an welchem Tag genau, er kam nach Hause, klingelte, schon mit vagem Herzen, der Türsummer ging, man lebte modern, der Paul kam rein und ganz unerwartet, schlug dem Paul der Geruch von frisch gebratenen Frikadellen entgegen, happy Glück. Das war des Pauls Leibspeise, ob mit Kohlrabi, mit gedünstetem Gemüse oder Kartoffelbrei. Suppie, wieder ein Tag überlebt, dachte der Paul, entledigte sich der Außenklamotten und lugte, weil noch immer nicht in der Sicherheitszone, in die Küche ins Gegenlicht und sah als Erstes die Pfanne mit den goldbraunen Frikadellen. Aber da war was ganz anderes: Sonst brutzelten die Frikos ganz brav in ihrem Saft. Diesmal nicht, die hüpften wie Fische ohne Sauerstoff, wie kleine Babys in der Menschenfresser-Suppe.
Der Paul weiß heute nicht mehr, was zuerst kam, die Backenplatte oder die verlogenen Entschuldigungen des Paul – auf jeden Fall.
Ob der Paul überhaupt noch in den Genuss seiner geliebten Frikadellen kam oder mit Schimpf und Schande gleich ins Bettenfolterlager, kurz dem Gulag für Blaue-Briefe-Erhalter und Blaue-Briefe-Verschweiger kam, weiß keine Sau mehr.
Der Paul weiß noch nicht mal mehr, ob der Adolf, die Hertha oder der Ewald anwesend waren. Sie waren’s wohl, aber auch keine Hilfe. Die Erna hatte uns erspart, der Klassenbeste zu sein, aber jetzt, der mit Abstand Klassenschwächste mit Stern, das überstieg selbst die Vorstellungskraft der Erna und das vor allen Nachbarn.
Wie der Paul reagiert oder agiert hat, weiß der Paul heute nicht, und das ist gut so.
Es ging dann aber total bergauf mit den schulischen Leistungen des Paul, er bekam die 5 in Religion weg, nicht dass der Paul plötzlich einen Heiligenschein vom Erzengel Gabriel geschenkt bekam, nein er tat nicht mehr für religiöse Zwecke als zuvor auch, maximal als Pretender.
Aber dem Adi Frieden war’s wohl zu viel Papierkram zu erklären, warum er gerade in Form des Metzgersohnes Paul Rost des Antichristen ansichtig wurde – deshalb eine gerechtfertigte 4. Kurz, der Paul war mit immerhin 4 Fünfern korrekt gescheitert und in die 2. Liga abgestiegen. Tschüss Freiherr-vom-Stein Gumminasium. Schade, das Einzige, was er von dort vermisste, waren die kleinen Pennäler-Späße beim Kiosk der älteren D & H, ich weiß nicht mehr. Man bestellte das, was man nie brauchte, z. B. 100 Blatt Konzeptpapier, halb durchsichtiges Papier, natürlich für Physik oder Mathe oder so. Die mussten die armen alten Leutchen dann immer einzeln abzählen und das mindestens zehnmal am Tag. Auch der Paul hat das gemacht.
SITZENGEBLIEBEN
DIE WINFRIEDSCHULE
Schön, man hatte ihn aufgenommen, obwohl der Direktor sagte, hätte man im Vorhinein das Zeugnis des Paul gekannt, hätte man ihn mit Sicherheit nicht aufgenommen – zu spät, ätschi bätschi. Der Paul war fest im Sattel, hatte sich sogar ein ledernes Kraftband gekauft, was an seinem rechten Handgelenk prangte.
Auch aus Selbstmitleid und Schande konnte man die Schande vertuschen, Aufbaugumminasium.
Aufbaugumminasium, Gumminasium, egal, Hauptsache Gumminasium und Abitur und Studium und Herrenmensch und Gnade und Salbe;Friede, Freude, Eierkuchen und Großdeutschland.
Der Paul hatte viel geweint, gezetert, sich auf die Seite des Adolf geschlagen, Erna war erobert und Hertha hatte keine Meinung, Ewald war skeptisch.
Die Aula: Ansprache; das ewig gleiche Gesülze: „Ja, der schulische Weg ist wie ein Berg … blablaba.“
Die Erna war auch mit dabei, sogar ein wenig stolz, war der Paul doch jetzt zumindest gleichaltrig, gleichgroß, gleichstark wie die Anderen. Ja und er zeigte es auch allen. Er schaffte es im ersten Jahr, quasi von 0 auf 100 allen, fast allen. Er hatte es ja in Geographie geschafft, von einer verdienten 5 auf eine glatte 2 zu kommen. Alle dachten jetzt, der Paul hat’s jetzt gecheckt, aber Pustekuchen, der Paul hatte gar nichts gecheckt. Er hatte sich nur mit 13, im Alter wo das Testosteron zu sprießen beginnt, in Frau Teichmann-Gut verliebt, eine scharfe, vollblondige Busine – und Geographielehrerin. Zuvor hatte er sich auch von Zeit zu Zeit verliebt, etwa in Alexandra, Suzie Quattro oder Cindy von Cindy und Bert, aber diesmal, schon älter, abgewogener, gereift, endgültig, mit reinem Herzen; bis dass der Tod euch scheidet.
Auf jeden Fall ne glatte 2.
Die andere Geschichte ist nun wirklich tragisch, um nicht zu sagen unappetitlich, die Geschichte mit Latein, mit dem Herrn Gräulich.
Was war geschehen? Wir hatten sofort, also im 7. Schuljahr, auf der Winfriedschule Latein, diesen dominus vocat servus advolat et obtemperat Faschismus zu lernen gehabt. Der Paul war ja schon auf dem anderen Gumminasium grandios mit ’ner Fünf in Latein gescheitert. Aber für die anderen war das völliges Neuland, der Paul hatte wenigstens ein Jahr Lateinvorsprung und konnte voll auftrumpfen. Und das tat er, wohl zum ersten Mal und für lange Zeit auch zur Genüge. Er hatte einen Vorsprung, den anderen gegenüber, vielleicht von einem halben Jahr. Der Lateinlehrer hieß Herr Gräulich, wir nannten ihn Herr Ehrlich. Er sah den Paul und es gefiel ihm, was er sah. Was er sah, war ja rein äußerlich. Aber als der Paul den anderen auch in Lateinkenntnissen, vorgegaukelter Lateinliebe, überlegen war, überkam den lieben Herrn Gräulich eine geradezu adoptive Liebe zu diesem blond gelockten, etwas schüchternen Paul, der, veni, vidi, vici sein Herz eroberte, befürchtete der Paul. Der Paul war im ersten Jahr der Lateinprimus; ja, Vorsprung schadet manchmal nicht. Schon im 2. Jahr war es naturgemäß nur noch Durchschnitt, was wohl Herr Gräulich auf seinen Unterricht bezog. „Quatsch, Herr Ehrlich, Sie haben alles völlig richtig gemacht, aber mich hat Latein, nicht IHR LATEIN, nicht die Bohne interessiert.“ Kleiner Einschub. Es ist verwunderlich, wie oft der Paul auch heute noch durch seine bruchstückhaften Lateinkenntnisse bestimmte Dinge wieder zusammensetzen kann. Die Erna konnte dem Paul nicht glauben, dass er den Spruch auf dem Bonifatius-Denkmal problemlos übersetzen konnte, Jahre nach seiner Schulzeit. „VERBUM DOMINI IN AETERNA MANET“ – Das Wort Gottes steht in alle Ewigkeit. Das stimmt Erna, aber gut, es hätte auch gut von mir frei erfunden sein können, du kanntest schon meinen Humor ganz gut.
„Herr Gräulich, Sie interessieren mich immer, Ihr Enthusiasmus, der für mich eine Entschuldigung für fast alles war und ist, war phänomenal. Danke Herr Ehrlich.
Ich habe Ihnen große Schande gemacht, die für den Paul, einen nichtsnutzigen Schüler und einem enthusiastischen Lehrer und das war für die Zeit nicht gewöhnlich. Gewöhnlich war der allgemeine Alltags-Nationalsozialismus, dieses Herrenmenschengehabe, dieses, wir haben den schönen Krieg verloren; tja, Pech in Russland und mit dem Spaghetti verbündet, der Kardinalfehler, die GIs fallen uns auch noch in den Rücken und dann hat er auch noch, völlig ungerechtfertigt, unsere schönen Kulturstädte in Schutt und Asche gelegt. EIN ECHTES KRIEGSVERBRECHEN.
Ja, ich wünsche Ihnen noch, diese Zeilen zu lesen, Sie waren damals so zwischen 35 und 40, ich 16 Jahre alt, also mindestens 20 Jahre auseinander. Sie müssten heute 80 sein maximal.
Ich werfe mich vor Scham in den Staub vor Ihren Füßen.“
Jetzt die mehr oder weniger lustige Story: Ich war im 4. Jahr ihres Lehrwesens vom 1. Jahr als Primus, im 2. zum Durchschnitt mutiert. Im 3. und 4. Jahr auf der Winfriedschule, zum letzten Drittel. Okay, für die „Mittlere Reife“, das heißt, dem Abschluss der zehnten Klasse, gab es eine Abschlussarbeit, das entscheidende Werk. Die bestand aus fünf längeren Sätzen aus dem Scheißwerk BELLO GALLICO vom Cäsarschlawiner. Ein völlig abstruses Kriegsgefasel eines in die Jahre gekommenen Pillemannwurstgesichts in der 3. Form geschrieben, damals das Standardwerk in Latein.
Das ist eigentlich der einzig gute Tipp für DAGOBERT TRUCK.
Sprechen Sie von sich in der Er-Form, da gibt es dann noch Möglichkeiten, sich später rauszureden.
Aber wir sind bei der Abschlussarbeit bei Herrn Gräulich. 5 Sätze aus Bello Gallico. Der Paul hatte aus den letzten 5 Jahren Schule fast nichts Nützliches gelernt, außer zu betrügen. Und das tat er dann auch gnadenlos in der Abschlussarbeit. Es ging um das „Kleine Latinum“, eh für’n Arsch, aber ich habe es. Ich habe mich, wohlwissend meines eigenen Unwissens und des Wissens meiner Nachbarn da dazwischengesetzt. Wir waren Buddys, niemand konnte uns entdecken, wir waren zu geübt im Spicken.
Dann die Arbeit. 5 Sätze also. Ich schaue mir den ersten Satz an, dann den zweiten, keine Ahnung. Also 3. Satz, ah ja, da blinkte was auf. Also stümperhaft versucht, zu übersetzen, mit viel Phantasie. Auf zu neuen Ufern, Satz 4 und fünf, keine Ahnung. Aber durch das viele Überlegen waren die anderen schon ganz schön vorangekommen. Satz 1 und 2 vom rechten Nachbarn abgekupfert, Satz 4 und 5 vom linken. Kurz alles nochmal überflogen, darauf geachtet, den Wortlaut der anderen nicht kopiert zu haben, der größte Abschreibfehler ever.
Ziemlich zeitgleich mit den anderen abgegeben. Komisches Gefühl. Aber so ganz schlecht konnt’s nicht werden, außer, die anderen hatten auch Bockmist gebaut.
Das Ergebnis:
Resultat des rechten Nachbarn:
GUT, GLATTE DREI
Resultat des linken Nachbarn:
GUT, GLATTE DREI
Resultat des Schülers in der Mitte
SEHR GUT, GLATTE ZWEI
Potzblitz
Ich schaute in die Augen meiner Nachbarn, das stand in roten Lettern: „Du Arsch“. Egal, ich habe das kleine Latinum.
Was nicht egal war, war die Ehrung des Herrn Gräulich. Er kam auf mich zu. Ich hatte Angst wegen … ihr wisst schon. Ja, er kam sogar enthusiastisch auf mich zu. Er: „Ich habe schon immer gewusst, der Paul, der Paul, einer der Zweitbesten der gesamten Anstalt oder so“, weiß der Paul.
Schweigen im Walde.
Nein, der Paul will aber nicht schweigen, nein niemals, das ist der größte Betrug im Leben des Paul, seine persönliche Kriegserklärung. Herr Ehrlich, hier meine persönliche, ernstgemeinte Entschuldigung. Entschuldigung Herr Gräulich.
ICH WAR NUR DER IDIOT DES HAUSES
Ich fang jetzt schon mal morgens an zu schreiben, weil ich Zeit habe, ganz einfach. Gibt es eigentlich einen Unterschied, ob man Montagmorgen schreibt oder samstagnachts? Schreibt man anders? Schreibt man stilistisch, inhaltlich anders, schneller, langsamer? Wahrscheinlich schon, ist aber individuell unterschiedlich, glaubt der Paul. Gibt es darüber statistische Erhebungen? Keine Ahnung, wahrscheinlich auch unwichtig, wichtig, ja sehr wichtig, glaubt der Paul.
Wo war ich, ach ja, beim großen Scheitern. Nach dieser Geschichte denken viele wohl, was denn für ein Scheitern, das war doch zumindest ein Lateintriumph, das war’s. Nicht dass mir der Betrug am Fach Latein, schon gar nicht an diesem Cäsar oder der allgemeinen Schulmoral Kopfzerbrechen machen würde, nein bestimmt nicht, einfach nur an diesem Lehrer, aus verschiedenen Gründen.
Das schulische Scheitern begann natürlich schon viel früher, in der 2. Hälfte der Grundschule, also im dritten, vierten Schuljahr. Er scheiterte, aber nicht am Schulischen, eher am schulisch Privaten. An was zum Beispiel, am Blizak. Blizak, natürlich sein Spitzname, war ein Junge, etwas älter als der Paul, trotzdem eine Klasse tiefer. Er war größer, viel stärker, brutaler, aus asozialen Verhältnissen, bestimmt sein bisheriges erbärmliches Leben vom Vater oder anderen geschändet, auf welche Art auch immer. Er hatte auf jeden Fall das Kainsmal des Geschändeten, etwas seltsam Melancholisches, was den wirklich gefährlichen Menschen oftmals zu eigen ist, denkt der Paul.
Er hatte sich so schon einen Namen gemacht auf der Grundschule, galt als Schulstärkster, obwohl keiner dieses Ehrendenkmal jemals gesehen hatte. Ja, er war der wahre Al Capone der Cuno-Raabe-Schule, aber wodurch? Keiner hatte ihn sich jemals raufen gesehen, trotzdem haftete ihm der Nimbus des Unberührbaren an. Alleine schon der Spitzname Blizak und ein flüchtiger Blick ließen das Gegenüber zur Salzsäule erstarren.
Nein, die, die immer zur Tat schritten, natürlich unter der Kontrolle von Blizak, waren 2 Schergen, beide kleiner und jünger als der Paul, hätten zumindest einzeln keine Chance gegen den Paul gehabt, aber man ließ sich gern von denen verprügeln, da musst dann der Blizak nicht zur Tat schreiten. Komisch, an was man sich so alles erinnert, bestimmt ja noch im kindlichen Gehirn geformt, übertrieben, aber bestimmt nicht unwahr, halt verzerrt.
Und so war’s dann auch in der dritten oder vierten Klasse. Die drei hatten den Paul auf der Toilette rechts abgepasst und die 2 haben ihn durchgenommen. Aber warum auf der Toilette rechts, normalerweise ging der Paul auf die Toilette links. Vielleicht wollte der Paul endlich das Unvermeidliche hinter sich bringen. DAS UNVERMEIDLICHE: Der Paul glaubt sogar, dass es gut war, wenn der Blizak dabei war, er würde den Schergen Einhalt gebieten, wenn sie’s übertrieben. Aber wo war der Holm, Pauls Gefährte? Der Paul weiß es nicht und es war gut, dass er nicht da war. Was wäre passiert, wenn wir’s den Schergen mal so richtig gezeigt hätten, und das hätten wir. Der Blizak hätte einschreiten müssen, und gegen den hatten wir auch zusammen keine Chance. Das hätte nur zu einer Eskalation geführt, zum schulischen Bürgerkrieg geführt, fühlt der Paul.
Es gab dann noch ein Endspiel mit dem Blizak und seinen Schergen. Das war so zehn Jahre später. Der Paul fuhr mit seinem Mofa die Pacelliallee hoch, in Höhe der Kliniken kam eben der Blizak mit seinen Schergen vorbei und im Vorbeigehen schubste einer der Schergen den Paul vom Mofa.
Der Paul war dennoch dem Blizak niemals böse, war er doch vermutlich auch nur eine weiße Krähe.
War das die frühe oder späte Rache für Pauls Verschlagenheit? Berufswunsch Nummer eins des Paul war der des Boxers. Ja, es war die Zeit des Muhammad Ali, des größten Boxers und nicht nur größten Boxers aller Zeiten, aller Klassen. Der Adolf war zu jedem Boxkampf morgens um 4 Uhr aufgestanden, um den Cassius Clay zu sehen, wie ihn der Adolf immer nannte, auch später nach seiner Umbenennung.
Der Negerboxer und das Großmaul.
„ES GIBT BESSERE JOBS, ALS ANDERE ZU VERPRÜGELN.“ Muhammad Ali
Na ja, der Paul hatte sich oftmals auf dem Spielplatz im Sandkasten, dem Ring, blutig und wütend geboxt. Das Honorar: einen lausigen Groschen für den Gewinner, oftmals lanciert und gesponsert von den Älteren. Holm und Paul waren doch die besten Freunde, warum haben die sich blutig geboxt?
Der Paul kann es nicht sagen, vielleicht gerade weil sie beste Freunde waren und nichts zu verlieren hatten, gar nichts, denkt der Paul. Wahrscheinlich nur ein weiteres epigonal bescheuertes Bubenspiel, glaubt der Paul.
Es gibt noch eine andere Begebenheit in diesem Zusammenhang, die sich dem Paul ins Gedächtnis gebrannt hatte. Es war sonntags, nach der heiligen Messe in der Elisabethen-Kirche. Der Paul hat sich mit ’nem anderen Typen gekloppt. Da kam ein Erwachsener vorbei und rügte den Paul, wie man sich direkt nach der Messe prügeln kann. Erst kam im Paul ein schlechtes Gewissen auf, dann Stolz. Was für ein schneidiger Kerl der Paul, denkt der Paul.
Jetzt muss es kommen, jetzt ja jetzt. Der Paul hat den ganzen Tag überlegt, ob er das schreiben darf, glaubt der Paul, und jetzt muss es raus, es muss, weiß der Paul.
Der Paul hat eigentlich im Moment keine Angst vor Nichts und Niemand, aber davor, was jetzt kommt, hat der Paul echte Manschetten, echte Manschetten! Warum, weil der Paul Angst hat, er könne das wieder aufschreiben, wieder erinnern, wieder sich damit auseinandersetzen, das könnte die psychische Krankheit wieder auslösen, die Eiterbeule wieder aufplatzen lassen und das vielleicht stärker als je zuvor.
Also los jetzt, genug prokrastiniert … Los jetzt, das Thema heißt Albträume, Albträume, aber nicht die mit den Monstern, Riesenspinnen, Haien etc. Nicht die des Fallens ins Bodenlose, kein Blut, keine abgetrennten Gliedmaßen, kein Feuer, kein Garnichts, nichts für den Außenstehenden, relativ normale, fast lustige Geschichten, für den Außenstehenden!
Jetzt die Albträume:
1. im Alter von ca. 8 Jahren
2. im Alter von ca. 10 Jahren
3. im Alter von ca. 12 Jahren
4. im Alter von ca. 14 Jahren – also relativ gleichmäßig alle 2 Jahre.
DER ERSTE TRAUM
Mit ca. 8 Jahren, die Mutter des Pauls war ja Schneiderin, und damit hat es auch zu tun, nicht mit dem Handwerk oder mit dem Tun, sondern mit einem Schneidermaterial. Der Erna schneiderte für die Familie ja alles Mögliche, Reparaturen, ganze Anzüge, Kleider. Der Paul war oft dabei und mochte dies auch sehr gern. Er mochte die friedliche Atmosphäre, das Rattern der Nähmaschine. Die Erna ging in ihrer Arbeit auf, achtete nicht so sehr auf Pauls Tätigkeiten.
Überhaupt mochte der Paul die Küche, neben dem Garten am liebsten, eigentlich ein relativ dunkler Raum. Die Eckbank, die Schiebeschränke, einfach alles, in den frühen 60ern ganz modern eingerichtet. Und der Paul beobachtete alles:
die Nähmaschine, die Nadeln, das bunte Garn, die blaue komische Schneidekreide, die Schneiderschere, die Zeitschriften mit den Schnittmustern, die fast so aussahen, wie strategische Kriegspläne, denkt der Paul heute. Aber vor allem gab es diese weißen, schwarzen, grauen Garnrollen.
Der Traum
Der Paul war wohl ganz normal eingeschlafen, denkt der Paul, dann der Albtraum. Der Paul lief durch eine Spätsommerlandschaft, wohl in der Rhön, so viele andere Landschaften hatte der Paul ja noch nicht gesehen. Alles in wärmendem Gelborange, eine von Pauls Lieblingsjahreszeiten, wenn die Sonne schien, nicht mehr so aggressiv, wie im Hochsommer, warm und schön.
