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Ein Sommer, der alles verändert. Allie ist eigentlich nicht spontan. Die Biologin plant gerne voraus. Zum Erstaunen ihrer Familie beschließt sie Hals über Kopf, den Sommer am Gardasee zu verbringen. Vor allem ihrem Vater kann sie den eigentlichen Zweck ihrer Reise nicht anvertrauen. Nachdem ihre Mutter früh starb, hat er sie allein großgezogen. Seitdem Allie zufällig bei ihrer Großmutter auf ein altes Foto und einen Brief gestoßen ist, steht ihr Leben Kopf. In Italien erhofft sie sich, endlich Antworten zu finden. In diesem Sommer immer an ihrer Seite: ihr bester Freund Ed. Doch das macht alles noch komplizierter …
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2020
Catherine Isaac
Roman
Ein Sommer, der alles verändert.
Allie ist eigentlich nicht spontan. Die Biologin plant gerne voraus. Zum Erstaunen ihrer chaotischen, aber liebevollen Familie beschließt sie Hals über Kopf, den Sommer am Gardasee zu verbringen. Vor allem ihrem Vater kann sie den eigentlichen Zweck ihrer Reise nicht anvertrauen. Nachdem ihre Mutter früh starb, hat er sie allein großgezogen. Aber seitdem Allie zufällig bei ihrer Großmutter auf ein altes Foto und einen Brief gestoßen ist, steht ihr Leben kopf. In Italien hofft sie, endlich Antworten zu finden. In diesem Sommer immer an ihrer Seite: ihr bester Freund Ed. Doch das macht alles noch komplizierter …
Catherine Isaac, Jahrgang 1974, ist das Pseudonym einer erfolgreichen britischen Autorin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, arbeitete Catherine Isaac als Journalistin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Liverpool.
Katharina Naumann ist Autorin, Übersetzerin und Lektorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «Messy, Wonderful Us» bei Simon & Schuster, UK, Ltd., London.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juli 2020
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«Messy, Wonderful Us» Copyright © 2019 by Jane Wolstenholme
Redaktion Silke Jellinghaus
Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt,
nach dem Original von Bastion Forlag AS, Passion&Prose book design, www.passionandprose.no
Coverabbildung Mark Owen/Trevillion Images, Danny Iacob/Gettyimages, iStock, Shuterstock
ISBN 978-3-644-00596-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Sheila Crowley, in größter Dankbarkeit
Es gab Gerüche, die sie noch Monate später sofort in jene schwüle Nacht zurückversetzten. Sie lebte ihr Leben weiter, versuchte, das Chaos um sich herum auszublenden, und dann atmete sie ein, nahm einen Geruch wahr und wurde von Erinnerungen übermannt. Der Geruch erhitzter Haut und eines bestimmten Parfüms. Der Mief von Zigarettenrauch und Haarspray. Der moschusartige, zarte Duft, den sie in seinem Nacken wahrgenommen hatte, als er seine Hand auf ihre Taille gelegt und ihr etwas ins Ohr geflüstert hatte. Und das in der Dunkelheit blühende Gras, in das sie ihm hinaus gefolgt war, bis sie außer Sichtweite waren, die Musik leiser wurde und sie auf ein kleines Waldstück zugingen.
Sie hatte nicht vorgehabt, eine wilde Nacht mit ihm zu verbringen. Allerdings hatte sie auch nicht vorgehabt, all diese Lügen zu erzählen, um verbotenerweise mit einem Jungen – nein, mit einem Mann – zusammen sein zu können. In den vergangenen Wochen war ganz einfach alles darauf zugelaufen, ohne dass sie es verhindern konnte. Sie war außerstande gewesen, an ihren Verrat und an den Schmerz zu denken, den sie dem einen Mann bereiten würde, der sie wirklich liebte.
Von dem Moment an, in dem dieser Fremde in ihr Leben getreten war, hatte alles an ihm sie in seinen Bann gezogen. Sein melodiöser Tonfall und sein Akzent, der die innere Schönheit der Worte erfasste. Das Haar in seinem Nacken. Die Art, wie er sie ansah, als wären alle anderen Mädchen unsichtbar. Als der Mond hinter ihm stand, hatte sie zu den Schatten auf seinem Gesicht aufgeblickt und versucht, sich viel erfahrener zu geben, als sie es in Wirklichkeit war. Aber er musste bemerkt haben, dass sie zitterte.
Seine Gesichtszüge waren ungewöhnlich, eher beeindruckend als schön. Aber das hier hatte mit seinem Aussehen nichts zu tun. Es ging um das, was sie in seinen Augen sah, um das Gegenmittel für alles Eintönige in ihrem Leben, um eine Welt des Abenteuers, ein fremdes Land. Er führte sie zu einem neuen Ort in ihr selbst, fort von dem Menschen, für den alle anderen sie hielten.
Sie folgten einem kleinen Pfad, der zwischen den Bäumen hindurch führte, und fanden einen ruhigen Platz. Niemand konnte sie hier sehen oder hören. Sie wusste, was geschehen würde, und es entfachte ein Feuer in ihrer Brust. Seine Lippen waren wie Samt, als sein Mund an ihrem Kieferknochen entlangstrich, an ihrer Schläfe, der Mulde ihres Schlüsselbeins. Die Baumrinde drückte sich durch den Stoff ihres Kleides ins feuchte Fleisch ihres Rückens, und ihr Rocksaum rutschte an den Oberschenkeln hinauf. Sie konnte sich nur noch dem süßen Schmerz in ihrem Bauch überlassen. Der Schwerelosigkeit des Augenblicks. Dem himmelhoch jauchzenden Gefühl, eine Frau zu sein.
Die Lobby ist stilvoll ohne Kompromisse. Eine gläserne Treppe führt in weitem Schwung auf eine luftige Empore hinauf, ein glänzender Flügel steht in der Mitte des Raums. Die Blumenarrangements wirken beinahe architektonisch. Ich stehe in einem Meer aus Smokings und Cocktailkleidern, aus Geplauder und klirrenden Gläsern, und suche nach einem bekannten Gesicht.
«Möchten Sie vielleicht einen Rosmarin-Martini?» Eine Kellnerin taucht mit einem Tablett voller Gläser neben mir auf. Ihre schlanke Figur ist adrett in ein schwarzes Minikleid gehüllt.
«Danke sehr», erwidere ich und nehme mir ein Glas. Ich trinke einen Schluck und frage mich, ob das Rosmarinzweiglein den Unterschied zu einem Gin Tonic ausmacht. Dann recke ich den Hals, um über die Menge hinwegzublicken.
Ich weiß, dass außer mir noch andere von der Universität hier sind: Petra, mein Chef Alistair und seine Frau Maureen aus meiner Abteilung für Molekulare und Zelluläre Physiologie. Ich weiß, dass es nicht gut ist, aber insgeheim hoffe ich auf einen Platz neben einem von ihnen, damit ich nicht neben einem Fremden sitzen muss. Es ist nicht so, dass ich völlig unfähig wäre, Smalltalk zu führen, ganz im Gegenteil. Aber ich bin nun mal gern mit gleichgesinnten Menschen zusammen, selbst wenn wir dann nur über die Affäre zwischen unserem neuen Dozenten und der ukrainischen Doktorandin lästern.
Letztlich ist es egal, wo ich am Ende sitze – ein glamouröser Wohltätigkeitsball ist definitiv eine Abwechslung zu meinen letzten Freitagabenden. Die habe ich nämlich im Labor verbracht, ins Mikroskop gestarrt und Fotos von fluoreszierenden Proteinen gemacht. Petra weist mich gern darauf hin, dass eine dreiunddreißigjährige Single-Frau ihre Wochenenden so nicht verbringen sollte.
«Also, das nenne ich mal einen Hingucker. Was für Wahnsinns-Schuhe!» Ich drehe mich um. Petra grinst auf meine Füße herab. «Die können aber nicht bequem sein.»
«Na ja, es fühlt sich nicht gerade an wie schweben», gestehe ich.
Petras runde Apfelbäckchen werden durch eine komplizierte, verschlungene Hochsteckfrisur betont, und sie trägt ein hübsches gelbes Kleid. Nach der Entschlossenheit zu urteilen, mit der sie ihre Paschmina-Stola über der Brust zusammenzieht, bereut sie ihre Wahl bereits bitterlich.
«Das ist aber ein wunderschönes Kleid», sage ich.
«Findest du wirklich?», fragt sie und zieht den Ausschnitt ein wenig höher. «Auf dem Weg herein habe ich zufällig den Prorektor der Uni getroffen, und ich glaube, der war kein Fan davon.»
«Na ja, ich weiß auch nicht, ob das Kleid ihm so gut stehen würde, aber an dir ist es der Knaller.»
Sie schnaubt.
Doch ich sage die Wahrheit, und nicht nur deshalb, weil ich mich während der Arbeit an unserem gemeinsamen Projekt über CFTR-Protein-Anomalien in den glattmuskulären Atemwegen eher daran gewöhnt habe, sie bei ihrer Ankunft im Labor Choco-Pops aus dem Haar fingern zu sehen. Es war ein wichtiges und äußerst komplexes Projekt, was bedeutete, dass wir ständig bis spät in die Nacht arbeiten mussten. Das ist für mich kein schlimmes Opfer, aber ich weiß, wie schwer es Petra fällt, ihre beiden kleinen Töchter nicht ins Bett bringen zu können.
Dennoch ist die Forschung immer noch der befriedigendste Teil des Jobs, das finden wir beide. Die Aussicht darauf hat mich durch halb Großbritannien tingeln und dann wieder an die Russell Group University zurückkehren lassen, die seit 1881 in meiner Heimatstadt floriert. In wichtigen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung ist sie führend und hat bereits neun Nobelpreisträger hervorgebracht. Um Forschung geht es auch bei dieser Veranstaltung. Jeder Penny, der an diesem Abend gespendet wird, fließt in die Mukoviszidose-Forschung, und zumindest ein Teil davon in meinen Forschungsbereich. Also sollte ich mich wirklich zu ein wenig Smalltalk überwinden.
«Ich sehe, dein Freund Ed hält die Begrüßungsrede», sagt Petra. «Ich habe den Eindruck, dass in diesem Saal ziemlich viel Geld versammelt ist. Hoffentlich ist er überzeugend.»
«Das hoffe ich auch.»
«Die Investoren lieben ihn wohl, nach allem was man hört», fährt sie fort. «Daher können wir hoffen, dass er die Meute mit seiner Rede aus den Socken haut.»
Bei der Vorstellung muss ich lächeln – nicht, weil ich nicht glaube, dass Ed Leute aus den Socken hauen könnte. Ich habe seine Wirkung auf beide Geschlechter schließlich schon oft mit eigenen Augen beobachtet. Selbst ganz nüchterne Menschen werden in seiner Anwesenheit zu zahmen Bewunderern. Aber egal, wozu mein Freund fähig ist, für mich bleibt er immer der dünne Junge, der im oberen Stockwerk des 86er-Busses hinter beschlagenen Scheiben neben mir sitzt und sich mit mir vor Lachen krümmt.
«Konntest du Simon heute Abend nicht mitbringen?» Noch während ich es sage, fällt mir auf, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann Petra ihren Mann zum letzten Mal zu einer Veranstaltung wie dieser mitgebracht hat.
«Wir haben keinen Babysitter bekommen. Außerdem hasst er solche Veranstaltungen. Es gibt einen Grund dafür, dass Wissenschaftler meistens untereinander heiraten, weißt du. Wir langweilen alle anderen zu Tode.»
«Du musst ja nicht von dir auf andere schließen.»
Sie lacht.
Jetzt werden alle gebeten, doch bitte ihre Plätze einzunehmen. Es ist ein großer Saal, stimmungsvoll erleuchtet von roséfarbenen Lämpchen in der Mitte der Tafel. Ich setze mich neben einen Mann, der mir sofort seine Hand entgegenstreckt. «Guten Abend! Ich bin Teddy Hancock.» Ich schätze ihn auf Anfang sechzig, er ist Amerikaner. Er hat ein joviales Gesicht und schwere Lider.
«Oh, ich glaube, Ed hat Ihren Namen erwähnt. Ich bin Allison Culpepper.»
Seine Mundwinkel verziehen sich befriedigt nach oben. «Wir versuchen gerade, einen Deal auszuhandeln. Arbeiten Sie für ihn?»
«Ach du meine Güte, nein. Ich bin mir sicher, er wäre ein großartiger Chef, aber wir sind nur alte Freunde. Ich bin an der Universität, arbeite als Wissenschaftlerin in der Forschung.»
«Also sind Sie Professorin Allison Culpepper?»
«Doktor.» Mir ist es nie leichtgefallen, mein eigenes Loblied zu singen. Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich mir diesen akademischen Grad und die Autorität, die er mit sich bringt, verdient habe. Es gibt also keinen Grund, damit hinter dem Berg zu halten. «Aber geben Sie mir Zeit.»
«Was ist denn Ihr Spezialgebiet?»
«Physiologie», antworte ich. In seinem Gesicht spiegelt sich vages Verständnis, das mich ein bisschen an meinen sechsjährigen Neffen erinnert, der vollkommen davon überzeugt ist, dass ich wichtige Arbeit auf dem Gebiet kohlensäurehaltiger Getränke leiste.
«Haben Sie mit dieser Spendenaktion etwas zu tun?», fragt er.
«Diese Organisation hat vor ein paar Jahren eins meiner Forschungsprojekte finanziert. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit der Pathophysiologie der Atemwege in Verbindung mit Mukoviszidose. Ich war übrigens diejenige, die Ed dazu überredet hat, sich für die Krankheit zu engagieren. Er ist vor ein paar Jahren zu Wohltätigkeitszwecken den London-Marathon gelaufen, und da dachte ich, es wäre eigentlich noch besser, wenn er seine Energien in diese Sache hier stecken würde. So kann ich weiter auf ehrliche Weise Geld verdienen.»
Seine Augen verengen sich ganz kurz. «Wissen Sie, Sie sehen gar nicht aus wie eine Wissenschaftlerin.»
«Wirklich? Na ja, unter uns, inzwischen dürfen wir Wissenschaftlerinnen sogar Lippenstift tragen. Wenigstens an unseren freien Tagen.»
Er wiehert vor Lachen.
Die Wahrheit ist, dass ich heute Abend weit mehr Lippenstift trage als sonst. Eine kleine Lücke zwischen meinen Vorderzähnen hat mir in der Schule ein paar ausgesprochen charakterbildende Spitznamen beschert, sodass ich die Aufmerksamkeit immer noch nicht gern auf meinen Mund lenke. Aber diese Gelegenheit hier ist angemessen wichtig, um von dieser Regel abzuweichen. Und irgendwie passt der Lippenstift auch zu meinem dunklen Haar und dem smaragdgrünen Kleid, das meine wabbeligen Stellen so gut zusammenhält und mein Herz sofort höher schlagen ließ, als ich es entdeckte.
«Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten.» Der Marketingchef der Wohltätigkeitsveranstaltung steht am Rednerpult. Er hat ein kleines Gesicht und schütteres, rotblondes Haar, dazu aber eine überraschend tiefe, tragende Stimme.
«Den Mann, den ich Ihnen heute vorstellen möchte, kennen viele von Ihnen beruflich und einige von Ihnen persönlich. Seine Firma Spark war die Erfolgsgeschichte des Dotcom-Booms und ist zu einem der am schnellsten wachsenden Business-to-Business-Vertriebsunternehmen in Großbritannien geworden. Anfang des Jahres durften wir mit Freude verkünden, dass wir ihn und seine Frau Julia als offizielle Botschafter unserer Stiftung gewinnen konnten. Seitdem haben sie unermüdlich daran gearbeitet, Spenden zu sammeln und gleichzeitig das öffentliche Bewusstsein für die Krankheit Mukoviszidose zu schärfen. Ohne weitere Umschweife möchte ich sie um einen Applaus für Mr. Edward Holt bitten.»
Der Applaus donnert durch den Saal. Julia sitzt am besten Tisch, nicht weit von mir entfernt. Ihre kühle Schönheit ist heute Abend unvergleichlich. Sie ist eine Göttin in Valentino. Der blassblaue Stoff ihres Kleides ist an ihrer schlanken Taille gerafft. Das blonde Haar hat sie zu einem weichen Knoten aufgesteckt, um ihr Gesicht zur Geltung zu bringen. Sie hat eine schmale Nase mit zarten Sommersprossen und große, naive Augen. Sie schaut auf, und wir wechseln einen freundlichen Blick. Jetzt wird es im Saal ganz still. Ed klettert zum Rednerpult hinauf.
Obwohl er früher als Kind Segelohren und ständig aufgeschürfte Knie hatte und der Dreck wie Sirup an ihm klebte, ist er jetzt ein auffallend attraktiver Erwachsener.
Er hat stark ausgeprägte Wangenknochen, aber sein Mund ist weich. Er trägt sein hellbraunes Haar gut geschnitten, und seine Haut behält immer ein wenig von ihrer Sonnenbräune. Aber es sind die Augen, die seine Faszination ausmachen: Sie sind meerblau und von schwarzen Wimpern und geraden Augenbrauen umrahmt, die ihn viel eindringlicher wirken lassen, als er ist.
«Wenn ich gewusst hätte, dass man mich hier so empfängt, hätte ich mir mit meiner Rede mehr Mühe gegeben», sagt er. Und dann lächelt er dieses Lächeln, das irgendwo zwischen Charisma und Selbstironie liegt. Mehr braucht es nicht. Er hat das Publikum bereits fest in der Hand.
«Wie viel an Spenden habt ihr bei der Veranstaltung denn eingenommen?» Granddad Gerald nimmt mir den Mantel ab und hängt ihn über das Geländer im engen Flur. Dann drückt er mich fest an sich, so wie es nur Großväter können, voller Liebe und Weichspüler.
«Sie sind noch am Zählen, aber es ist eine Menge. Ed hat allerdings selbst einen dicken Scheck ausgestellt. Ich weiß nicht, ist das gemogelt?»
Granddad schüttelt den Kopf und lockert den Ausschnitt seines braunen Pullis. Seine Glatze glänzt von der Hitze in der Küche. «Er ist ziemlich erfolgreich, dieser Junge, oder? Meine Enkelin allerdings ist Doktorin. Da wir gerade davon sprechen, könntest du vielleicht einen Blick auf meinen Ballenzeh werfen …»
Ich lache wie immer über den alten Witz; letztes Mal hat er mich gebeten, bei ihm Fieber zu messen. Granddad ändert sich nie, sein Haus ebenfalls nicht. Auf dem Sideboard steht noch immer die Sammelbox für die Christian-Aid-Mission, die Familienfotos rangeln an den Wänden um ihr Stückchen Platz, der blaue Teppich hat noch immer dieses winzige Lilienmuster, das ich als kleines Kind für Enten hielt. Es ist hier immer makellos sauber und riecht oft nach frischer Farbe.
«Gerald, könntest du bitte den Tisch zu Ende decken?» Grandma Peggy streckt den Kopf aus der Küchentür. «Oh, hallo, Allie. Ich habe die Klingel gar nicht gehört.»
Ich gehe zu ihr und gebe ihr ein Küsschen auf die Wange. «Tolles Parfüm, Grandma», sage ich und rieche an ihrer Bluse.
«Ist nur Körperlotion.» Sie winkt ab, als würde sie niemals etwas so Frivoles wie Parfüm benutzen.
Grandma Peggy ist keine frivole Frau. Sie hat generell keinerlei Verständnis für Unsinn, Großmäuler, Werbeanrufe, Menschen, die im Haus das Licht anlassen und solche, die in der Kirche ihren Einsatz bei den Liedern verpassen. Gleichzeitig ist sie aber auch die Frau, die mir als Kind meine Lieblingspullis gestrickt und mir das heiß geliebte Schmuckkästchen aus Paris geschenkt hat, das sie gekauft hatte, als Granddad und sie dort kurz lebten. Sie ließ einen der begehrten Plätze im hiesigen Bowlingteam sausen, um mich zu meinen Ballettstunden bringen zu können, als ich sieben war. Neuerdings nötigt sie mir noch viel mehr Bewunderung ab, seit sie ihre Freundin Dorothy für dumm und intolerant hält, weil diese ihre indische Ärztin für alles verantwortlich macht, angefangen vom Anstieg der Arbeitslosigkeit bis hin zu ihren hartnäckigen Hämorrhoiden.
«Was gibt es zum Abendessen?», frage ich.
«Ein Festmahl», antwortet sie. «Wenn wir so weitermachen, können wir bis Ostern Reste essen.»
«Klingt großartig.»
«Das ist nicht mein Verdienst. Dein Dad hat alles gemacht, außer den Bratkartoffeln.»
An einem Sonntag im Monat kochen Dad und Grandma zusammen für die ganze Familie. Das findet normalerweise bei meinen Großeltern statt, die ein größeres Esszimmer haben und die Vorzüge eines Servierwagens genießen.
«Solange er dir die Bratkartoffeln überlässt. Er weiß schon, dass es besser ist, nicht in deinem Revier zu wildern.» Sie verzieht die Lippen zu etwas, was einem Lächeln ähnelt. Grandmas Haut ist mit dem Alter etwas schlaffer geworden, aber sie hat immer noch ihre klassisch schönen Gesichtszüge, obwohl sie absolut gar nichts tut, um sie zu betonen. Sie trägt nie auch nur einen Tupfer Lippenstift, keinen Hauch Lidschatten. Ihr schiefergraues Haar ist elfenhaft kurz gescnhitten, seit ich denken kann.
Ich trete in die Küche, einen aufgeräumten und funktionellen Raum, in dem alles in gebeizten Kieferküchenschränken mit Messinggriffen verstaut ist, abgesehen von der Sammlung von Delia-Smith-Kochbüchern neben dem Gewürzregal.
Dad steht am Herd und rührt hochkonzentriert in drei blubbernden Töpfen. Er trägt die Schürze, die ich ihm zum Vatertag geschenkt habe. «Küchendirektor» steht darauf.
Er schaut auf und wischt sich die Hände an einem Küchentuch ab. «Hallo, mein Liebling», sagt er heiter und gibt mir ein Küsschen. Seine Haut ist warm von der Hitze des Herds.
«Wie hast du das bloß alles geschafft, Dad? Ich dachte, du müsstest heute Morgen noch arbeiten.»
«Das meiste habe ich schon während der Woche geschafft.» Mein Dad ist gut darin, auf Vorrat zu kochen. Damit verbringt er die meisten seiner freien Tage. Er verstaut all seine Erzeugnisse im Gefrierschrank, und am letzten Sonntag des Monats kann er dann immer eine schicke Vorspeise auftischen – kleine Lachssoufflés oder ein Wasserkressesüppchen. Darauf folgt stets ein riesiger, traditioneller Braten, komplett mit einer Auswahl schmackhafter Beilagen und hausgemachter Soßen. «War aber trotzdem eine ordentliche Leistung. Ich bin heute erst spät von der Arbeit gekommen.»
«Nichts Ernstes, hoffe ich?»
Er schüttelt den Kopf. «Einer der Mitarbeiter im Royal hat den Toast zu lange auf dem Röster gelassen, sodass der Feueralarm anging.»
Mein Vater wollte nie etwas anderes werden als Feuerwehrmann, und sobald er alt genug dafür war, fing er seine Ausbildung bei der Feuerwehr an. Sehr oft hat er mit Hausbränden zu tun, Verkehrsunfällen, mit Hunden, die in Autos eingeschlossen sind. Neulich musste er einem vierunddreißigjährigen Mann dabei helfen, seinen Hintern wieder aus einer Kinderschaukel herauszubekommen. Einige Male ist er knapp an einem Unglück vorbeigeschlittert, wie zum Beispiel letztes Jahr, als sich ein Brand in einem verlassenen Lagerhaus schlagartig ausbreitete und die Flammen ihn darin einschlossen. Der Raum bestand nur noch aus Feuer, es brachte das Visier seines Helms zum Schmelzen. Davon trug er eine Verbrennung zweiten Grades davon, deren Narben immer noch auf seinem sommersprossigen Hals zu sehen sind und mir hin und wieder den Schlaf rauben.
Im Esszimmer legt Granddad gerade das Besteck aus.
«Komm, ich helfe dir», biete ich an und trage eine Handvoll Gabeln zum anderen Ende des Tisches. «Und da wir gerade zu zweit sind … Du weißt, dass Grandma in ein paar Wochen Geburtstag hat, oder? Ich dachte, ich kaufe ihr eine Jacke, was meinst du?»
Er sieht mich ausdruckslos an. «Keine Ahnung, Liebling. Ich habe erst neulich gefragt, was sie sich wünscht, und sie hat gesagt, sie sei zu alt für Geschenke. Wenn sie mir keinen Tipp gibt, schenke ich ihr ein Paar Rollschuhe.»
«Die Jacke, die ich gesehen habe, ist wirklich elegant.»
Granddad runzelt die Stirn. «Du musst ihr keine Designer-Klamotten schenken, Allie. Sie ist sechsundsiebzig.»
«Nur weil man sechsundsiebzig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man keine schönen Kleider mehr verdient hat.»
«Sie wird dir vorwerfen, dass du dein Geld zum Fenster rauswirfst.»
«Pech!», sage ich. «Hast du eine Ahnung, welche Größe sie trägt?»
Er schaut auf und zögert. «Achtzehn?»
Ich schüttele den Kopf. «O Granddad, sie ist viel schlanker. Vierzehn vermutlich, vielleicht sogar eine Zwölf?»
«Ich habe von so was keine Ahnung. Ich darf ihr schon seit Jahren keine Kleider mehr kaufen. Sie behauptet, dass sie in der letzten Strickjacke, die ich ihr gekauft habe, aussehe wie ein Schäferhund. Schleich doch einfach nach oben und schau dir die Etiketten in ihren Kleidern an», schlägt er vor. «Sie hat da oben einen ganzen Schrank voll.»
Es ist merkwürdig, das Schlafzimmer von Granddad und Grandma zu betreten. Seit ich ein kleines Mädchen war, war ich nicht mehr hier oben. Damals habe ich mich hineingeschlichen, um mit Grandmas Seifen zu spielen oder mich unter dem bestickten Bettüberwurf zu verstecken.
Es könnte ein helles Zimmer sein, aber der große Mahagonischrank neben dem Fenster schluckt zu viel Licht. Der Teppich ist blassrosa, und auf jeder Seite des Bettes steht ein Nachttischchen. Auf dem einen liegen ein Robert-Ludlum-Roman und eine Tube Gebisskleber, auf dem anderen ein Kreuzworträtselbuch und ein silbern gerahmtes Foto von Mum. Es zeigt sie im Alter von Anfang zwanzig, wenig später wurde sie krank.
Ich gehe leise durch das Zimmer und frage mich, wie man in einem derart kalten Raum schlafen kann. Zwei Fenster stehen weit offen. «Frische Luft» ins Haus zu lassen, gehört zu den Hauptbeschäftigungen von Grandma Peggy, als gäbe es Luft nur, solange der Vorrat reicht.
Gelächter dringt aus der Küche nach oben. Ich öffne leise die Schranktür. Darin riecht es schwach nach Maiglöckchen. Der Schrank ist voller Kleider und Anzüge, alle in gedeckten Farben, einige sogar noch in der Schutzfolie der Reinigung. Ich nehme ein Kleid heraus und werfe einen Blick auf das Etikett. Es ist Größe 16, was mich überrascht, also hänge ich es zurück und sehe mir die anderen an. Leider gibt es sie in allen Größen, von Größe 12 bis Größe 16, und ich habe keine Ahnung, welche wohl am besten passt.
Ich mache den Schrank wieder zu und beschließe, in ihrer Kommode nachzusehen. Dort finde ich vielleicht das Oberteil, von dem ich weiß, dass sie es neulich noch getragen hat. Ich arbeite mich von der untersten Schublade aus nach oben. In der obersten Schublade liegt ein Stapel Pullover und darin die Kaschmir-Strickjacke, die sie vor ein paar Wochen getragen hat. Ich hole sie heraus und schaue auf das Etikett: Größe 14, immer noch mehr, als ich erwartet hatte. Ich will alles so ordentlich zurücklassen, wie ich es vorgefunden habe, also hole ich den ganzen Stapel heraus, um ihn neu zusammenzulegen. Doch als ich das Auslegepapier glätten will, merke ich, dass etwas darunter liegt. Mit dem Fingernagel hebe ich das Papier vorsichtig an. Und dann finde ich den Umschlag.
Er ist mit den Jahren vergilbt, oben ist er aufgerissen. Ich weiß nicht genau, was mich dazu bewegt, ihn herauszuziehen und zu öffnen. Ein Zeitungsausschnitt fällt mir entgegen, den ich vorsichtig entfalte. Ich fahre mit den Fingern über die graue Schrift, bevor ich auch nur über die Richtigkeit meines Tuns nachdenken kann.
Als Erstes bemerke ich das Datum – 11. Juni 1983 –, dann fällt mein Blick auf zahlreiche Fotos von einem Sommerfest in der Allerton People’s Hall, die an diesem Tag ihren 100. Geburtstag beging. Einige zeigen streng dreinblickende Männer in Cricket-Anzügen, andere Frauen in Faltenröcken und Oberteilen mit Fledermausärmeln. Jugendliche tragen Ray-Ban-Brillen und Poloshirts mit hochgestellten Kragen, Mädchen kurze Oberteile und Spitzen. Sie sehen alle von der Hitze des Tages etwas klebrig aus. Dann entdecke ich den Namen in einer der Bildunterschriften: Christine Culpepper.
Erst erkenne ich das Gesicht meiner Mutter kaum, weil es in meiner Brust so zieht, etwas Trauriges und Undefinierbares. Aber als ich mir das Bild in allen Einzelheiten anschaue, beschleicht mich eine Erkenntnis. Hier passt etwas nicht zusammen.
Meine Mutter hält mit einem jungen Mann Händchen, den ich nicht kenne, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie lächelt ein geheimnisvolles Lächeln. Jugendliche Verliebtheit leuchtet hell in ihren Augen. Der Name dieses Unbekannten lautet, der Bildunterschrift zufolge, Stefano McCourt. Er scheint ein paar Jahre älter zu sein als meine Mutter und hat dunkle Augen, volle Lippen und eine Zahnlücke. Ich schaue erneut auf das Datum und versuche, die widersprüchlichen Details zusammenzubekommen, aber besonders eines davon verursacht mir Probleme: Das Foto wurde neun Monate vor meiner Geburt aufgenommen.
«In fünf Minuten gibt es Abendessen!», höre ich Dad von unten rufen. Ich antworte nicht, ignoriere das heftige Hämmern meines Herzens und lenke meine Aufmerksamkeit auf den handgeschriebenen Brief. Er ist an meine Grandma Peggy adressiert und vom Dezember 1983. Eine Absenderadresse steht nicht darauf.
Liebe Mrs. Culpepper,
ich schreibe Ihnen, um Sie mit allem Respekt darum zu bitten, nie wieder Kontakt zu Stefano, zu mir oder zu meinem Mann Michael über sein Büro im Museo di Castelvecchio aufzunehmen.
Ich verstehe, dass Sie über die Verbindung zwischen Christine und Stefano schockiert sind – das sind wir ebenfalls. Aber aus einem Kontakt zwischen uns kann nichts Gutes entstehen. Ich bin ganz besonders verärgert über das, was Sie meinem Sohn über seine angeblichen Pflichten gegenüber seinem «eigenen Fleisch und Blut» geschrieben haben. Diese Art von emotionaler Erpressung ist zutiefst falsch, zumal er bereits entschieden hatte, keinerlei Kontakt mehr zu Ihrer Tochter haben zu wollen, bevor unsere Familie Liverpool verließ. Die Tatsache, dass er zurück nach Italien gezogen ist, sollte das ausreichend deutlich machen.
Ich entnehme Ihrem Brief, dass sich Christine inzwischen mit ihrem Freund versöhnt hat. Er wird dem Baby sicherlich ein guter Vater sein. Warum sollte man Staub aufwirbeln, indem man Stefano einbezieht, zumal wirklich niemand die Wahrheit zu wissen braucht?
Er wird seine Entscheidung nicht widerrufen und hat keinerlei Absicht, nach Großbritannien zurückzukehren. Es tut mir wirklich leid, wenn das unter diesen Umständen etwas hart klingt, aber ich bin mir sicher, Ihnen ist bewusst, dass die Ereignisse nicht nur Sie aufgewühlt haben.
Mit freundlichen Grüßen,
Signora Vittoria McCourt
Ich schaue mir den Zeitungsausschnitt erneut an. Das Datum. Das hingerissene Lächeln meiner Mutter. Aber vor allem interessiert mich der junge Mann mit dem dunklen Haar und der Zahnlücke, die meiner derart ähnelt, dass es mir den Atem verschlägt.
Zum Abendessen sind wir zu acht. Inzwischen sind noch mein Onkel Peter, Dads jüngerer Bruder, seine Frau und ihre beiden kleinen Söhne Oscar und Nathan angekommen. Die Jungen sind vier und sechs Jahre alt. Alle plaudern fröhlich durcheinander, aber ich kann mich auf nichts konzentrieren, weil es in meinem Kopf so brummt und mein Herz immer noch gegen meinen Brustkorb hämmert.
«Ist das ein neues Spielzeug?», fragt Dad Oscar, als ihm ein ferngesteuertes Auto gegen die Fersen fährt.
«Ja, das hab ich gekriegt, weil ich ein ganzes Blatt voller Sternchen gesammelt habe.»
«Gut gemacht! Dann musst du ja ein sehr artiger Junge gewesen sein», sagt er und setzt sich an den Tisch.
«Ich habe mir eine Woche lang jeden Tag selbst den Popo abgewischt.»
«Herzlichen Glückwunsch», erwidert Dad.
«Zeigst du mir, wie man auf deiner Gitarre ein Lied spielt, Onkel Joe?», fragt Nathan.
«Oh, tut mir leid, Nathan, ich habe sie heute gar nicht mitgebracht. Sie liegt zu Hause.»
Dad wirkt viel enttäuschter als mein Neffe. Nun hat er die Gelegenheit verpasst, seine alte Gibson hervorzuholen und darauf ein Liedchen zu spielen. Die Gitarre ist sein kostbarster Besitz. Sie wurde 1979 gebaut und ist «genau wie die von B. B. King», wie er nicht müde wird zu erzählen.
Der Tisch ist eigentlich zu klein für acht Leute und die Mengen an Essen, die Dad gekocht hat, aber wir quetschen uns trotzdem alle um ihn herum. Grandma spricht ein Gebet. «O Gott, von dem wir alles haben, wir preisen dich für deine Gaben. Du speisest uns, weil du uns liebst; nun segne auch, was du uns gibst. Amen.»
Alle langen begeistert zu. Ich starre auf den Tisch und frage mich, wie ich auch nur einen Bissen herunterbringen soll.
«Du hast dich diesmal selbst übertroffen, Joe», sagt Tante Sara zu Dad und häuft Karotten auf Nathans Teller. «Das schmeckt wirklich unglaublich.»
Das Gespräch dreht sich um alltägliche kleine Familienbegebenheiten: Was die Kinder in der Schule machen, Saras Pläne, die Küche zu erweitern, die Tatsache, dass Grandmas und Granddads goldene Hochzeit Ende des Jahres bevorsteht.
«Da müsst Ihr aber etwas ganz Besonderes machen», sagt Sara.
«Hmm. Na ja, wir machen schon … etwas», erwidert Grandma, wobei deutlich herauszuhören ist, dass es unter keinen Umständen irgendeinen Rummel darum geben wird.
«Geht doch auf eine Kreuzfahrt», schlägt Sara unbeeindruckt vor.
«Muriel und Bobby haben uns davon abgebracht», sagt Granddad. «Sie haben letztes Jahr eine gemacht und waren nicht so begeistert. Bobby ist in der ersten Woche das Gebiss in die Toilette gefallen, und er musste den Rest der Reise ohne Zähne verbringen.»
Dad kichert in seinen Wein.
«Nicht lachen», befiehlt Granddad, obwohl er selbst lachen muss. «Muriel hat sich am Buffet vollgestopft, aber der arme Bobby musste die ganze Zeit Suppe essen, während seine Zähne irgendwo im Atlantik schwammen.»
«Alles in Ordnung mit dir, Liebling?», fragt Dad, und ich schaue erschrocken auf. Mein Blick fällt auf sein blondes Haar. Es lockt sich auf der blassen Haut in seinem Nackens. Dann schiebt sich das Bild eines völlig anderen Mannes davor.
«Ja. Tut mir leid. Ich bin nur ein bisschen müde. Es war eine anstrengende Woche.»
«Woran arbeitest du denn gerade, Allie?», fragt Sara.
«Ähm … an der Technologie zur Veränderung von Genen», murmele ich. «Wir versuchen im Grunde ein Heilmittel für Menschen mit Mukoviszidose zu finden.»
«Herrje, ist Tante Allie nicht schlau?», sagt sie zu Nathan.
«Erforschst du immer noch Getränke mit Blubber?», fragt er.
Dad und Onkel Peter sprechen über die Fußballergebnisse, und ich muss an vorletztes Weihnachten denken, als mein Vater auf genau demselben Platz saß wie jetzt. Grandma Peggy und ich haben ihm ein Geschenk überreicht und waren etwas bange dabei. Gleichzeitig waren wir uns völlig einig, dass es das Richtige für ihn war: die Anmeldung bei einer Partnervermittlungsbörse. Ich hielt den Atem an, als er den Umschlag öffnete. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich abrupt, als er den Gutschein las.
«Wir fanden alle, dass es an der Zeit wäre», sagte Grandma Peggy in ihrem üblichen nüchternen Tonfall, aber die monumentale Bedeutung unserer Geste lag für alle auf der Hand.
Er hob den Blick und lächelte bemüht. «Fandet Ihr, ja? Kommt mir vor wie eine Verschwörung.» Ich glaube, wir wussten alle, dass aus der Sache nichts werden würde.
Man muss ihm zugute halten, dass er sich tatsächlich ein paar Mal verabredet hat, unter anderem mit einer Frau in Hull. Er fuhr den ganzen Weg dorthin, nur um dann feststellen zu müssen, dass sie mit ihrem Profilbild ungefähr so viel Ähnlichkeit hatte wie ich mit einem Victoria’s Secret-Model. Sie teilte Dad voller Bedauern mit, dass es mit ihnen nichts werden würde. Dennoch wollte sie ihm eine Chance geben, weil er Wassermann und sie Löwe war, was bedeutete, dass sie zwar auf der Kommunikationsebene schlecht, im Bett aber recht gut zusammenpassen würden. Er trank seinen Cappuccino aus und ging. Also gaben wir die Idee alle wieder auf, so wie wir vor fast zehn Jahren unsere Hoffnungen begruben, als er sich von Sarah trennte. Sie war Krankenschwester, und rein technisch gesehen waren sie schon jahrelang zusammen gewesen, aber sie war uns allen immer eher wie eine gute Kameradin vorgekommen als wie seine Freundin. Wir kennen alle den Grund, aus dem er immer noch Single ist, und es ist nicht der, dass er sonderbar wäre. Er ist vielleicht kein Calvin-Klein-Model, aber er ist ehrlich, praktisch veranlagt, er kümmert sich und macht einen sensationellen Sonntagsbraten.
Das wahre Problem ist, dass er nicht daran glaubt, jemals wieder jemanden so sehr lieben zu können wie die Frau, die vor fast drei Jahrzehnten gestorben ist. Meine Mutter, die Frau auf dem Foto in der Zeitung, die oben in der Kommode versteckt liegt, zusammen mit einer ganzen Wagenladung von Geheimnissen, von denen Dad und ich offenbar niemals erfahren sollten.
Während des Abendessens werde ich immer beschwipster. Nicht völlig betrunken, aber ich habe dennoch genug Wein intus, um Nathan zeigen zu wollen, wie man mit der Hüpfstange hüpft, und zwar in Strumpfhosen. Als wir zum Nachtisch wieder hereinkommen, trägt Granddad gerade den Kuchen zum Tisch. Er hat den Kindern weismachen wollen, er hätte ihn ganz allein gebacken, dabei haben sie genau gesehen, dass er ihn aus einer Tesco-Schachtel geholt hat. Er schneidet ein Stück Kuchen ab und reicht zuerst Sara einen Teller. Ich bemerke, dass er Grandma einen ängstlichen Blick zuwirft.
«Ich habe nicht gemerkt, dass es Zitronenkuchen ist», sagt er.
Grandma sagt nichts, aber selbst Nathan merkt, dass sich die Stimmung im Zimmer verändert hat, als wäre die Luft plötzlich dicker geworden.
«Was ist denn los?», fragt er.
Grandma lächelt ihn etwas trotzig an und tätschelt seine Hand. «Gar nichts. Der Kuchen sieht köstlich aus. Zitronenkuchen war der Lieblingskuchen meiner Christine. Er erinnert mich immer an sie, das ist alles.»
Der Name meiner Mutter lässt uns alle verstummen. Nach all den Jahren ist das immer noch so.
«Alles in Ordnung, Peggy?», fragt Tante Sara.
«Natürlich», antwortet Grandma. Dann schaut sie Granddad an. «Na komm, Gerald. Zwei hungrige kleine Jungen hier warten geduldig.»
Granddad gibt jedem von ihnen einen Teller. Nathan zupft an meinem Ärmel. «Ist Christine die, die gestorben ist? Deine Mum?»
«Genau», nicke ich.
«Das muss echt blöd gewesen sein. Dass deine Mum gestorben ist, meine ich.»
«Ja. Aber es ist schon lange her.»
«Und wenigstens hast du noch deinen Dad», sagt er, und ich spüre, wie mein Herz anschwillt.
Es dauert immer eine gewisse Zeit, meine Zimmerpflanzen zu gießen. Auf jedem Regal in der Küche stehen Töpfe, ein Wirrwarr aus grünen Blättern, das sich über die blanken Holzflächen und weißen Metrofliesen ergießt. Aber heute bin ich beim Gießen noch langsamer als sonst, beim Gießen und bei allem anderen.
Sechs Tage ist es her, dass ich den Brief und den Zeitungsausschnitt entdeckt habe, und in meiner Brust ist es immer noch ganz eng. Mein Magen fühlt sich übersäuert an, eine Folge meiner Schlaflosigkeit. Die Sache ist praktisch zu meiner Hauptbeschäftigung geworden, vielleicht auch schon zur Besessenheit. Ich weiß, dass ich bis zum Wochenende etwas unternehmen muss. Ich stelle die Gießkanne ab und kippe den Rest des Tees in den Ausguss, um die Tasse auszuwaschen und sie umgekehrt auf das Trockengitter zu stellen. Immerhin gibt es niemanden mehr, der sich daran stört, dass ich sie nicht in den Schrank räume, bevor ich die Wohnung verlasse.
Vier meiner neun Jahre in Cardiff habe ich mit meinem Ex-Freund Rob zusammengelebt, einem Mann der leisen Töne aus Nordost-England. Er hatte sanfte Augen und liebte Fußball, vietnamesisches Essen und die Wissenschaft. Wir sind uns gegen Ende meiner Doktorarbeit begegnet und arbeiteten an zwei konkurrierenden Projekten, was bedeutete, dass wir abends noch lange im Labor blieben, Daten erhoben und Etta James aus einem tragbaren Lautsprecher hörten.
Unsere Beziehung war niemals die große Leidenschaft à la Vom Winde verweht, aber sie überlebte während meines Stipendiums am Medical Research Council in Chapel Hill in North Carolina eine sechsmonatige räumliche Trennung. Er verstand nicht nur meinen Ehrgeiz, unterrichten und eigene Entdeckungen im eigenen Labor machen zu wollen, sondern teilte ihn sogar. Aber rückblickend muss ich zugeben, dass ich meinen jetzigen Job in Liverpool angenommen habe, bevor ich darüber nachgedacht hatte, was das für unsere Beziehung bedeuten würde. Ich ging einfach davon aus, dass es schon irgendwie klappen würde, genau wie bei meinem Aufenthalt in den USA. Aber diesmal machte er Schluss, was sich anfühlte wie ein Schlag in die Magengrube. Dann fand ich heraus, dass er im Jahr zuvor bei einer Konferenz in New Orleans die Nacht mit einer argentinischen Forscherin verbracht hatte.
Seit meinem Umzug nach Liverpool lebe ich allein, habe aber keine Zeit, mich einsam zu fühlen. Ich führe ein ausgefülltes Leben, habe meine Familie in der Nähe und ein paar Freunde, mit denen ich in die Kneipe gehe, Tennis spiele oder einfach nur Tee trinke. An der Beziehungsfront herrscht allerdings tote Hose, abgesehen von der Phase im letzten Herbst, als ich es mit Tinder probierte. Ich war dreieinhalb Monate dabei, gab es dann aber müde und ernüchtert auf – sehr zu Petras Enttäuschung, die seitdem bei unseren Teepausen keine Einzelheiten von meinen Verabredungen mehr zu hören bekommt. Mit dreiunddreißig bin ich nicht taub und höre das Ticken meiner biologischen Uhr, aber ich habe die Schlummertaste gedrückt. Meine Eltern haben mich so jung bekommen, dass ich mit dem Mantra Bloß keine Eile aufgewachsen bin. Wahrscheinlich sage ich mir das immer noch, wenn ich schon in den Wechseljahren bin.
Ich gehe ins Badezimmer und öffne meinen Kulturbeutel, dann schaue ich in den Spiegel. Ich meine, ich schaue wirklich hin. Ich sehe mein dickes, dunkles Haar, den Honigton meiner Haut, der so gar nichts mit der blassen Haut meiner Mum und meines Dads gemein hat. Und ich sehe die charakteristische Lücke zwischen meinen Zähnen.
Ich klicke auf dem Handy auf das Foto, das ich von dem Zeitungsausschnitt gemacht habe. Stefano McCourt hat meine Zahnlücke und Hautfarbe, aber unsere Ähnlichkeit geht noch weiter. Der Schwung seiner Augenbrauen ist genau wie meiner. Seine mandelförmigen Augen haben denselben Abstand zueinander wie meine. Es ist, als hätte jemand die Linien und Wölbungen seines Gesichts mit Pauspapier und Bleistift auf meines übertragen. Ich hole meine Wimperntusche heraus und zwinge mich, logisch zu denken.
Hat meine Mum gelogen? Hat sie ein Baby – mich – von einem anderen Mann bekommen und meinen Vater in dem Glauben gelassen, dass ich seine Tochter wäre? Wenn das stimmte, wenn seine ganze Familie auf einer Lüge beruhte, dann würde die Wahrheit sein Leben zerstören. Diese Gedanken brodeln in mir. Dann schließe ich den Kulturbeutel wieder und begreife, dass alles auf eine einzige Frage hinausläuft. Ist der Mann, den ich dreiunddreißig Jahre lang «Dad» genannt habe, wirklich mein Vater?
Grandma Peggy steht bei meiner Ankunft auf einem kleinen Tritt und putzt die Fensterrahmen auf der Veranda. Sie ist nicht knapp bei Kasse, stammt aber aus einer Generation, in der man nicht im Traum daran denken würde, aus Bequemlichkeit einen Fremden dafür zu bezahlen. So steht sie also mit sechsundsiebzig einen Meter über dem Boden und schrubbt heftig an den Fenstern herum.
«Lass mich das doch machen, Grandma», sage ich und spähe zu ihr hinauf.
«Nein, nein», sagt sie. «Ich bin gleich fertig.»
«Alles in Ordnung mit dir da oben?»
Sie runzelt die Stirn und schaut zu mir herunter. «Warum sollte etwas nicht in Ordnung sein?»
Meine Grandma hat nicht ein einziges Mal stillgesessen, seit sie vor ein paar Jahren in Rente ging. Sie war Sekretärin in Belsfield, einer Privatschule, die weit nobler war als die Gesamtschule, auf die ich gegangen bin. Aber ihre Unfähigkeit, sich zu entspannen, ist schon weit länger Bestandteil ihres Charakters. Wenn etwas geputzt oder organisiert werden muss, kann man sich darauf verlassen, dass sie sofort aufsteht, um es zu erledigen. Schließlich klettert sie den Tritt herunter, zieht sich die Gummihandschuhe von den Händen und wischt sich mit dem Handrücken etwas Schweiß von der Stirn. «Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?»
«Ich dachte, ich komme mal auf einen Tee vorbei. Das ist doch in Ordnung, oder?»
Sie wirkt so erfreut, dass ich mir sofort vornehme, das öfter zu tun, möglichst unter weniger schwierigen Umständen. «Natürlich. Komm rein.»
In der Küche lässt sie es nicht zu, dass ich den Tee koche, stattdessen setzt sie den Kessel auf und stellt zwei goldgeränderte Porzellanbecher mit türkisfarbenen Blättern und pinkfarbenen Kamelien darauf auf den Tisch. Als sie den Tee einschenkt, versuche ich mich daran zu erinnern, wie ich das Gespräch auf mein Thema lenken wollte.
«Ist denn bei dir alles in Ordnung, Allie? Du bist so still.»
«Ich … ja, mir geht’s gut. Ich musste nur an Mum denken.»
Das Licht in ihren Augen verändert sich. Sie sinkt auf ihrem Stuhl in sich zusammen. «Hast du über etwas Bestimmtes nachgedacht?»
«Über so einiges.» Ich spüre, dass ich wieder auf der Innenseite meiner Wangen herumkaue, so nervös bin ich. Aber es kommt mir einfacher vor, erst einmal um den heißen Brei herumzuschleichen. «Glaubst du, Mum hat es bereut, mich schon so früh bekommen zu haben?»
Sie wirkt überrascht. «Natürlich nicht. Du warst vielleicht nicht geplant, aber du warst das Beste, das ihr je passiert ist. So war sie schon Mutter, als sie krank wurde. Sie hätte es sich niemals anders gewünscht.»
«Aber es muss ja schon ein ziemlicher Schock gewesen sein», versetze ich. «Als sie herausfand, dass sie schwanger war, meine ich.»
«Na, das stimmt wohl. Sie war immerhin erst siebzehn. Aber sollte irgendwer geglaubt haben, dass sie das nicht hinbekommen würde, dann haben sie und dein Vater alle eines Besseren belehrt. Sie hatten ein wunderbares Leben zusammen.»
«Also waren sie glücklich?»
Die Frage scheint sie zu verwirren. «Du weißt doch, dass sie glücklich waren. Sie haben jeweils das Beste im anderen hervorgebracht. Dein Dad war ihr Fels in der Brandung. Er hat ihr die letzten Monate einigermaßen erträglich gemacht.»
«Und hatte …» Aber die Worte bleiben mir im Hals stecken.
«Was denn?»
Ich spüre, wie ich rot werde. «Ich frage mich nur, ob Mum vielleicht vor Dad schon einen Freund hatte?»
Ihre Haltung verändert sich kaum wahrnehmbar. Ihre Bewegungen werden einen Hauch langsamer, ihr Kiefer scheint sich ein wenig anzuspannen, die Haut über ihren Fingerknöcheln wird ein wenig weißer. «Ein paar jugendliche Schwärmereien, aber nichts, was man einen Freund nennen würde. Niemanden, der dasselbe für sie war wie dein Dad.»
Ich nehme einen Schluck Tee. «Sie hatten also nie so etwas wie eine Beziehungspause?»
Sie blinzelt einmal. Ihr Gesicht wird ganz ausdruckslos. Dann nimmt sie ihre Handtasche und beginnt, darin herumzukramen. Wonach sie sucht, weiß sie vermutlich selbst nicht. «Warum fragst du das, Allie?» Sie stellt die Frage mit einem halben Lachen.
Ich überlege, ob ich lügen soll. Ich überlege, ob ich dieses Gespräch so ungezwungen und unaufgeregt weiterführen soll, als interessierte mich das Thema höchstens ein bisschen. Ich überlege, ob ich lieber keinen Staub aufwirbeln soll, wie es in dem Brief heißt. Aber das hier kann ich nicht einfach verdrängen.
«Grandma, ich muss dich etwas fragen.» Meine Worte kommen klar und überlegt heraus, aber gleichzeitig flattert mir das Herz in der Brust wie eine Lerche im Käfig. «Zumindest muss ich dir erzählen, was ich gefunden habe. Etwas, wofür ich eine Erklärung brauche.»
Sie schluckt langsam. «Schieß los.»
«Am Sonntag bin ich in euer Schlafzimmer gegangen. Ich habe nicht absichtlich herumgeschnüffelt. Ich wollte dir eine Jacke zum Geburtstag kaufen, aber ich kannte deine Größe nicht. Also schlug Granddad vor, ich sollte oben in deiner Kommode nachschauen.»
Die leichte Röte von der Kälte draußen weicht jetzt aus ihren Wangen.
«Tut mir leid», sage ich schnell. «Ich wollte nicht übergriffig sein, aber ich habe etwas gefunden, das ich mir einfach nicht erklären kann.»
Jetzt beißt sie die Zähne zusammen. Aber sie schweigt immer noch.
«Es war ein Zeitungsausschnitt und ein Brief. Sie lagen in der obersten Schublade der Kommode, unter dem Auslegepapier. Der Ausschnitt zeigte ein Foto von Mum zusammen mit jemandem, der aussah … na ja, es wirkte so, als wäre er ihr Freund. Es wurde neun Monate vor meiner Geburt gemacht. Und der Brief war von jemandem namens Vittoria McCourt. Der Mutter von dem Jungen auf dem Foto.»
Sie senkt den Blick auf den Tisch und konzentriert sich auf die Kerben im Holz.
«Ich habe den Brief gelesen und verstehe einiges darin nicht. Weil daraus der Eindruck entsteht, der wirklich eindeutige Eindruck, dass …» Ich verstumme und frage mich, ob ich es wohl jemals aussprechen kann. Dann reiße ich mich zusammen. «Grandma, ist dieser Junge auf dem Foto – Stefano McCourt –, ist er …»
«Ist er was?» Ihre Gesichtszüge sind jetzt hart und stur.
«Mein Vater?» Die beiden Worte kommen gekrächzt heraus. Danach folgt ein winziges, angespanntes Schweigen.
«Was?», fragt sie dann ungläubig.
«Ist er mein Vater?», wiederhole ich.
«Auf gar keinen Fall. Das hast du alles völlig in den falschen Hals bekommen.»
Ich warte darauf, dass sie es erläutert, aber sie schweigt. Stattdessen blitzt in ihren Augen ein unerklärliches Gefühl auf, ich weiß nicht genau, ob es Angst oder Zorn ist.
«Gut. Also das ist eine Erleichterung», sage ich jetzt mit ruhigerer Stimme. «Aber könntest du mir das trotzdem erklären?»
Sie schiebt den Stuhl zurück und geht zu einer der Schubladen. Mit dem Rücken zu mir fängt sie an, sie aufzuräumen. «Da gibt es nichts zu erklären.»
«Aber Grandma, das stimmt nicht. Worum geht es in dem Brief? Wer war der Junge im Brief? Ich muss das wissen. Ich habe das Recht, es zu erfahren.»
Sie wirbelt wütend herum. «Ein Recht? Erzähl mir nichts von Rechten. Ich nehme an, du hattest auch ein Recht, meine privaten Sachen zu durchwühlen?»
«Ich wollte gar nicht schnüffeln, das schwöre ich. Aber Grandma, du wechselst das Thema. Wer ist der Junge?»
Sie beißt erneut die Zähne zusammen und sieht mich jetzt direkt an. «Er ist niemand.»
«Ganz eindeutig nicht.»
«Nein, Allie. Hör mir mal gut zu, junge Dame. Du zählst zwei und zwei zusammen und kommst auf fünf.»
«Dann … sag mir die Wahrheit», platze ich heraus.
In ihren Blick tritt jetzt Panik. «Die Wahrheit ist ganz einfach – es ist nichts dran an der Sache. Also vergiss diesen Unsinn bitte einfach. Hör auf, wilde Schlussfolgerungen zu ziehen, und um Himmels willen hör auf mit dieser Fragerei.»
«Wie … wie könnte ich, Grandma?»
«Du kannst. Du musst. Ich habe nichts mehr mit den McCourts zu tun, und was auch immer du in dem Bild zu sehen glaubst, du liegst falsch. Dein Vater ist dein Vater. Joe. Niemand sonst.»
«Aber Mum und dieser Stefano waren auf dem Foto doch ganz eindeutig zusammen», wende ich ein. «Sie sehen verliebt aus, Grandma.»
«Natürlich waren sie nicht verliebt! Das ist doch lächerlich.»
Einen Moment lang sitze ich schweigend da. Aber ich kann diese Sache nicht einfach ruhen lassen. «Hat Granddad gesehen, was in dem Umschlag ist?»
Sie atmet tief ein und reißt die Augen auf. «Sag ihm kein Wort davon, und auch sonst niemandem in der Familie. Ganz besonders nicht Joe. Ich sage das nicht um meinetwillen. Sondern um seinetwillen.»
Ich sitze wie erstarrt da. Irgendwie kann ich nur schlecht atmen. Als sie wieder spricht, ist ihre Stimme leiser, ruhiger. Aber genau dadurch hat sie eine doppelt so starke Wirkung auf mich. «Ich meine das ernst», warnt sie. «Erwähne das nie wieder, weder mir, noch jemand anderem gegenüber. Ich werde dir nie verzeihen, wenn du es doch tust.»
Es gibt nur einen Tag mit meiner Mutter, an den ich mich detailliert erinnern kann, und das ist der Tag, an dem sie meinen Vater heiratete. Jede Sekunde dieses Tages ist mir noch so lebhaft in Erinnerung, dass ich davon ausgehen muss, dass meine Fantasie die Lücken gefüllt hat. Keine Sechsjährige kann sich an so viele Details erinnern. Die Erinnerung daran hat mir Stabilität gegeben, als ich größer wurde. Ich schaute durch die schmuddeligen Fenster in der Schule, verlor mich in Tagträumen und spielte bestimmte Unterhaltungen vor dem Einschlafen im Gedächtnis immer wieder ab.
«Du bist eine sehr hübsche kleine Brautjungfer, Allie», sagte Grandma Peggy, befestigte eine blassgelbe Rose in meinem Haar und strich mir das Kleid glatt. Ich war als kleines Kind wie ein Junge, kletterte auf jeden Baum und wünschte mir zu Weihnachten eine elektrische Gitarre, nachdem ich The Bangles bei Top of the Pops gesehen hatte. Aber auch ich fand dieses Kleid wunderschön – es hatte die Farbe von Sonnenschein und eine Schleife, die an meinem unteren Rücken befestigt war. Ich durfte das Kleid sogar mit meinen Plastik-Strandsandalen tragen, was mich wirklich sehr überraschte. In letzter Zeit sah man mir eine Menge nach.
«Ich stecke dir das Kleid nur schnell mit einer Sicherheitsnadel ein bisschen enger», sagte Grandma. «Es ist dir doch ein bisschen zu groß.»
«Warum haben wir dann keins in meiner Größe gekauft?»
«Wir hatten nicht genügend Zeit.»
Zeit. Die kindliche Wahrnehmung von Zeit ist meist verzerrt. Wochen fühlen sich an wie Monate, Monate wie ein ganzes Leben. Dennoch erinnere ich mich daran, dass die ganze Angelegenheit irgendwie plötzlich kam. Als meine Freundin Sally Brautjungfer war, sprach sie zwei Schulhalbjahre lang von nichts anderem, erzählte uns von endlosen Kleideranproben und Fahrten zu Geschäften, um die perfekte gemusterte Strumpfhose zu finden. Aber Mummy und Daddy hatten mir von der Sache erst eine Woche vorher erzählt.
«Komm schon, Fräulein. Wir schauen mal nach, ob Daddy schon fertig ist.»
Grandma nahm mich bei der Hand und ging mit mir ins Wohnzimmer, wo Daddy in seinem schicken grauen Anzug stand und aus dem Fenster schaute. Als er sich umdrehte, war das Erste, was ich bemerkte, dass die Blüte an seinem Revers nicht gerade saß. Das Zweite war, dass seine Augen ganz verquollen und rot waren. Er lächelte breit.
«Du siehst ja aus wie eine Prinzessin», sagte er, und obwohl ich lieber wie Suzannah Hoffs von den Bangles aussehen wollte, erwiderte ich höflich: «Du auch.»
Er lachte. «Hoffentlich nicht.»
«Ich meine natürlich wie der Märchenprinz.»
«Gut, das trifft es schon eher. Also, bist du bereit, eine Brautjungfer zu sein?»
«Ja!», rief ich. «Fahren wir in einem besonderen Auto?»
«Tja, nein. Wir fahren mit meinem Auto», antwortete er.
«Oh. Werfen wir denn Konfetti, wenn wir rausgehen?»
«Hmm. Wohl eher nicht.»
«Gibt es hinterher eine Disco?»
«Mummy geht es dafür nicht gut genug, Liebling.»
Nichts davon klang auch nur annähernd wie das, was Sally erzählt hatte. «Aber sie kann doch zum Altar gehen, und ich gehe hinter ihr, oder?»
Er warf Grandma Peggy einen Blick zu, kniete sich dann vor mich hin und nahm meine Hand. «Nein, Allie. Sie bleibt im Krankenhaus, mein Schatz. Ihr geht es zu schlecht, um in eine Kirche zu gehen.»
«Aber es gibt einen Pastor. Pater Daniel wird da sein», mischte sich Grandma Peggy ein.
«Oh. Gut.» Es war mir sogar unangenehm, es vor mir selbst zuzugeben, aber ich war enttäuscht. Ihr Zimmer im Krankenhaus war schrecklich, voller Maschinen und piepender Geräte. Mir war völlig schleierhaft, wie all die Gäste dort hineinpassen sollten.
Als wir ankamen, wurde klar, dass es gar keine Gäste gab. Nicht einmal ihre Freunde waren gekommen – und die hatte sie massenweise. Es war nur Mummy da, und sie schlief. Und obwohl die Krankenschwestern alle strahlten und das Zimmer mit Blumen dekoriert hatten und Mummy ein Hochzeitskleid trug, sah sie überhaupt nicht so schön aus, wie Bräute aussehen sollten. Sie sah noch nicht einmal so schön aus, wie sie noch vor ein paar Monaten ausgesehen hatte, mit langen Wimpern, die an meiner Wange kitzelten, und Lippen, die so voll waren, dass ich ewig brauchte, wenn ich sie ihr anmalen durfte.
Die Erwachsenen sagten, sie habe aggressiven Eierstockkrebs. Sie sagten, sie sei so schnell krank geworden, dass einer ihrer Lungenflügel kollabiert sei. Nichts davon klang gut, und die Wassermelone, die in ihrem Bauch zu wachsen schien, sah sogar noch schlimmer aus. Sie hatte einen Schlauch in der Nase und war am Finger mit einer Maschine verbunden, die ständig lospiepte. Es war wie mit der Alarmanlage zu Hause, wenn die Batterie schwach wurde. Das Kleid passte überhaupt nicht. Es war viel zu groß, außer am Bauch, wo es gefährlich spannte.
Vor der Zeremonie ging Grandma Peggy mit mir zum Klo, obwohl ich überhaupt nicht musste, wie früher, wenn wir eine lange Fahrt vor uns hatten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir die Hände wusch, als mich plötzlich, aus heiterem Himmel, eine Welle von Traurigkeit überkam. Der Raum schien immer kleiner zu werden, mein Gesicht wurde ganz heiß, und ich schaute ins Waschbecken, wo Grandma gerade den Wasserhahn zudrehte. Das Wasser hörte auf zu fließen, aber dafür tropften meine Tränen ins Emailbecken.
Grandma Peggy drehte mich sanft um und nahm mich in den Arm, erst ganz zärtlich, dann so fest, dass ich kaum noch Luft bekam. «Bitte weine nicht, Allie», flüsterte sie eindringlich und strich mir übers Haar. «Bitte, bitte weine nicht.»
Sie wischte mir die nassen roten Wangen mit einem Papiertuch ab, und ich versuchte, meine Miene zu glätten. «Ich kann nichts dagegen machen.»
Ihr Gesicht verzog sich verzweifelt, aber sie nickte und sagte: «Allie, das hier wird jetzt sehr schwer für dich. Aber deiner Mummy zuliebe müssen wir unbedingt stark bleiben. Wir alle. Wir müssen alles dafür tun, dass sie noch einen glücklichen Tag erlebt. Wenn sie dich weinen sieht … ich glaube, das könnte sie nicht ertragen. Also keine Tränen, mein Schatz. Bitte.»
Die Zeremonie war kurz. Die Krankenschwestern klatschten, als der Mann im Anzug sagte, dass Daddy die Braut jetzt küssen dürfe. Dann gab Grandma Mummy ein Stück Papier, auf dem Worte standen, die sie Grandma diktiert hatte. Aber sie brauchte den Zettel gar nicht, denn als sie ihre Rede hielt, sah sie Daddy dabei die ganze Zeit an.
«Du hast die letzten Wochen damit gehadert, wie unfair all das ist, genau wie ich. Aber heute grübeln wir nicht darüber nach. Heute möchte ich dir sagen, was du mir bedeutest.»
Ihre Stimme war leise, aber trotz ihrer Schmerzen kraftvoll. «Als wir uns kennenlernten, waren die anderen Mädchen mit Jungen zusammen, die sie als selbstverständlich betrachteten und ihnen das Herz brachen. Aus reinem Glück geriet ich an den Jungen, der mit mir in Flashdance ging, obwohl er lieber Scarface schauen wollte. An den Jungen, der einmal eine Stunde im Regen auf mich wartete, weil ich in meinem Samstagsjob länger arbeiten musste. Den Jungen, dessen Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit aus allem sprach, was er tat. Und so ist es immer noch. Du hast mir beigebracht, dass wahre Liebe nicht bedeutet, sich leidenschaftlich vom anderen angezogen zu fühlen. Es geht darum, den anderen ganz nackt zu sehen, in seinen hässlichen Momenten genauso wie in den schönen, und sich trotzdem sicher zu sein, dass man gemeinsam besser dran ist.
Wir sind in unserer Jugend zusammengekommen. Schneller, als wir es uns vorstellen konnten, wurdest du Vater. Andere hätten diesen Test nicht bestanden. Du hingegen schon. Mein liebender Freund und Geliebter wurde der Mann, der mit dem süßen kleinen Mädchen, das in unser Leben getreten war, Sandburgen baute. Der Mann, der ihr Winnie Pu und Peter Pan vorlas. Der Mann, der sofort in ihr Zimmer lief und ihr das Händchen hielt, wenn sie einen Albtraum hatte, und der ihr dann das Haar streichelte, bis sie wieder einschlief. Der Mann, der ihr beibrachte, Bälle zu fangen, und sich im Schwimmbad stundenlang abmühte, bis er sie schließlich ins Wasser locken konnte. All das machte dich zum besten Vater, den wir uns hätten wünschen können.
Manchmal sehe ich euch beide zusammen, und dann habe ich das Gefühl, dass mein Herz explodiert, weil ich euch so sehr liebe. Daher will ich heute nicht über die Ungerechtigkeit des Lebens nachdenken. Ich will lieber daran denken, was für ein Privileg es ist, dich zu lieben. Und wie stolz ich bin, mich deine Frau nennen zu dürfen.»
Daddy brachte kaum ein Wort heraus. Er beugte sich nur zu ihr herunter und murmelte: «Ich liebe dich auch.»
Danach ging ich zu Mummy, um sie zu umarmen. In dem Moment fiel mir etwas ein.
«Ist das vielleicht ein Baby da drin?», fragte ich und deutete auf ihren Bauch.
«Nein, mein Liebling, das ist kein Baby. Mein Bauch ist so dick, weil ich krank bin. Das haben uns die Ärzte gesagt.»
Ich verengte die Augen zu Schlitzen. «Ärzte wissen auch nicht alles. Das sagt Grandma Peggy immer zu Daddy.»
«In diesem Fall haben die Ärzte aber recht. Ich bin sehr krank.»
Ich tätschelte ihr die Hand, weil sie so schrecklich besorgt aussah. «Ist schon gut, Mum. Du musst dich nicht aufregen. Du wirst schon wieder gesund. Ich bringe dir was von meiner rosa Medizin mit.»
Sie zögerte. «Ich werde nicht wieder gesund, Allie. Es ist nicht dasselbe wie deine Halsschmerzen.»
Mein Mund wurde plötzlich ganz trocken. «Wirst du sterben?»
Die Andeutung eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht, und sie sagte ganz leise: «Ja, mein Liebling. Das werde ich.»
Es fühlte sich an, als stünde meine Brust in Flammen. Mein Gesicht schmerzte, und irgendetwas pulsierte hinter meinen Augen. Aber ich spürte den schwachen Griff ihrer Hand und war wild entschlossen. Ich würde sie nicht im Stich lassen. Und das tat ich auch nicht. Ich weinte nicht.
Fünf Studenten sitzen um den Tisch in meinem Büro herum, alles Anfänger. Um einen Platz in einem begehrten Seminar wie diesem hier zu bekommen, muss man nicht nur hart arbeiten, sondern auch hochintelligent sein. Daher könnte man eigentlich annehmen, dass sie in der Lage sein sollten, eine vernünftige Entschuldigung vorzubringen, wenn sie eine wichtige Kursarbeit nicht abgegeben haben.
«Meine Freundin hat herausgefunden, dass sie schwanger ist», verkündet Lewis Hornby recht sachlich. Er lehnt sich wieder gegen das Fensterbrett, von dem aus man über den quadratischen Hof des georgianischen Universitätsgebäudes schauen kann, und wartet auf meine Reaktion.
«Scheiße.» Jennie Hamilton, mit ihren achtundzwanzig Jahren eine etwas reifere Studentin, ist schneller und stellt damit unter Beweis, dass sie außer einer Rockabilly-Frisur und einer auserlesenen Sammlung von Doc Martens-Stiefeln ein größeres Verständnis von der Bedeutung von Lewis’ bevorstehender Vaterschaft hat.
«Ist schon in Ordnung», beruhigt er sie. «Es war nur falscher Alarm.»
Sie zieht kurz die Augenbrauen hoch. «Na, das ist ja ein Ding.»
«Ja. Ist nämlich offenbar von einem anderen.»
Offenbar sehe ich ziemlich verblüfft aus, seinem Blick nach zu urteilen. «Entschuldigung, aber … inwiefern hat die Schwangerschaft deiner Freundin – auch wenn es nicht dein Kind ist – dich daran gehindert, deinen Laborbericht abzugeben?»
Er drückt den Rücken durch. «Na ja, das war sehr stressig.»
Die anderen beiden Studenten, Liam O’Callaghan und Anja Pollit, drehen sich zu mir um, weil sie unbedingt wissen wollen, wie ich darauf reagiere. Aber ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr und sehe, dass es schon fünf ist. Normalerweise würde ich noch nicht Schluss machen, aber Ed und ich wollen die Schönwetterphase nutzen und uns nach der Arbeit zum Joggen im Park treffen.
«In Ordnung, Lewis. Du bekommst eine Fristverlängerung bis Montag, aber sieh zu, dass ich den Bericht dann auch wirklich in meiner Mailbox habe, okay?» Ich wende mich an die anderen. «Habt Ihr noch letzte Fragen vor euren Prüfungen?»
