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"Das Gesicht im Spiegel, das mich da täglich anschaut, bin nicht ich – und bin es doch –, aber will es nicht sein. Will es nicht wahr haben, nicht eingestehen. Blass, eingefallen, von Falten und Altersflecken gezeichnet. Mit angeschwollenen Tränensäcken und stoppeligem spärlich wachsendem Bart. Mit einzelnen strähnigen Haaren, die mir schneeweiß auf die hohe Stirn fallen. Nur die Augen verraten mich und ihn. Verraten mir, dass er ich bin." Als Salomon sich nicht nur mit seinem Gesicht, sondern auch seinem langen Leben auseinandersetzt, beschließt er, die Lehren daraus zu ziehen. Wenngleich es für ihn selbst ein wenig spät sein mag, so kann er vielleicht etwas für diejenigen bewirken, die ihm noch geblieben sind. Er will es jedenfalls versuchen. Für Elise. Gerüstet mit einer Fahrkarte, ein wenig Zuversicht, den guten Wünschen seines Arztes und seinem Rollator macht er sich auf die Reise.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2018
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© Text & Cover 2018 Floyd Benning
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In Erinnerung an D.
–
unter all den Schutzengeln bist du nun meiner
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Wenn man in meinem Alter ist, in dem das Ende unmissverständlich vor der Tür steht und die Erinnerung an die eigene Kindheit einem beinahe unwirklich vorkommt, beginnt man – so wie ich es gerade tue – über so vieles nachzudenken. Zum einen, weil man – so wie ich – viel Zeit hat und die Stunden sowohl tags- als auch nachtsüber gefüllt werden wollen und zum anderen, um das übrig gebliebene Gedächtnis bei Laune zu halten. Mein persönliches Gehirnjogging, wenn man es so nennen mag.
Aber vielleicht stelle ich mich erst einmal vor. Ich heiße Salomon, bin stolze 89 Jahre alt und lebe in einem Altenheim. Na ja, wobei sich das „stolze“ eher auf die Zahl an sich beziehen soll und nicht darauf, dass ich stolz bin, so alt geworden zu sein. Oder sollte man das sein? Klar, ich habe viel mitgemacht in meinem Leben … Krieg, bescheidene Kindheit, unzählige Umzüge, persönliche Krisen. Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet so alt zu werden. Zwar hofft man darauf, denn man hat die Hoffnung, dass im Alter alles besser wird und – und das ist der eigentliche Grund, wenn man jung ist – weil man Angst vor dem Tod oder vor dem Sterben an sich hat. Einfach nicht mehr zu sein! So etwas kann man sich nicht vorstellen, vor allem wenn man – wie ich – ums Überleben gekämpft hat.
Aber mit fast 90 Jahren, wenn nichts mehr sicher ist, nicht mal der nächste Atemzug, dann sieht man die Sache mit dem Sterben etwas gelassener. Mit – wie soll ich es sagen – ein wenig Abstand und nüchterner! Ja! Glaubt´s nur – kein Witz. Warum? Also ich denke, wenn man auf so viele Dinge zurückblicken kann, an vieles was nicht schön war – dann beruhigt es mich auch irgendwie, einen Schlussstrich ziehen zu können. Denn die Erinnerungen, in denen man schwelgt, sind mitnichten alle schön. So ganz alleine – meine Frau ist vor 20 Jahren verstorben, die restliche Familie wohnt weiter weg – fehlt jemand, der die Zweifel, die unweigerlich in mir hochsteigen, zerstreut.
Vor allem nachts, wenn ich wieder einmal ab vier Uhr wach und ausgeschlafen in meinem warmen Bett liege, dann schleichen sich die Zweifel an. War ich ein guter Mensch? Was hätte ich besser machen sollen? Würde ich mit dem heutigen Wissen rückblickend alles genau so machen wollen? Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin? Werde ich vergessen werden? Und lauter so Zeug! Diese Gedanken kommen immer wieder auf, auch wenn ich versuche, sie mit schönen Erinnerungen einzudämmen, aber letztlich ist es wie verhext. Ich werde wie von einem Nebel eingehüllt – wälze mich dann hin und her, wühle die Bettdecke auf, schwitze und wimmere vor mich hin, nur um dann einige Stunden später mit feuchten Wangen aus meinen wirren Träumen zu erwachen. Meine Erfahrung hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich all diese Fragen, die mein Gehirn für mich bereit hält, nicht beantworten kann. Niemand kann das, denke ich. Denn woher sollte ich das wissen?
Mittlerweile glaube ich, dass die Selbstreflexion nur Trug ist. Vielleicht unbewusst gesteuert, zu einem Zweck, der sich mir noch nicht erschlossen hat. Möglicherweise, weil Menschen ein schlechtes Gewissen kennen, gerne an sich zweifeln und nicht selbstbewusst genug sind. Und auch, weil wir hoffen, dass wir dann trotzdem etwas zurücklassen werden. Dass wir nicht zu einem von vielen werden, die nicht mehr da sind.
Gerne hätte ich nach diesen Nächten jemanden bei mir, der mich wortlos versteht und einfach nur meine Hand tätschelt und mir sagt, dass sich mir keine Sorgen zu machen brauchen, weil alles gut ist, so wie es ist. Stattdessen schlage ich langsam meine Bettdecke zur Seite, richte mich auf. Meine dünnen Unterschenkel mit dicken Wollsocken an den Füßen hängen am Bettrand herunter. Ich betrachte sie eine Weile, damit der leichte Schwindel in meinem Kopf sich legt. Keine Ahnung was das ist, aber seit einigen Wochen habe ich das schon – geht zum Glück schnell wieder weg – könnte aber gut und gerne darauf verzichten. Ich trinke einen Schluck Wasser, weil meine Kehle vom Mundatmen und Schnarchen total ausgetrocknet ist. Dann greife ich zu meinem Rollator, stecke die Bremsen fest und ziehe mich in die Höhe. Es kracht im Rücken und ich höre, wie es in meinen Knien knirscht. Ich ignoriere es. Noch so eine Eigenschaft, die sich mit fortschreitendem Alter perfektioniert. Ich schätze, das ist reiner Selbstschutz. Dass man selbst Tatsachen ignoriert, weil man sie einfach nicht ändern kann, obwohl man es so gerne täte – vor allem vor Dritten. Das hat zur Folge, dass man darauf nicht aufmerksam gemacht wird. Fast nach dem Motto Seh´ ich dich nicht – siehst du mich nicht. Und das hilft mir persönlich ungemein, mit Peinlichkeiten umzugehen.
Ich knipse das Licht im Bad an. Für einen kurzen Moment bin ich fast wie blind. Denn das helle Licht blendet mich so sehr, dass ich kurz stehen bleiben muss, bis sich meine altersschwachen Augen daran gewöhnt haben. Dann gehe ich, den Rollator vorsichtig vor mich herschiebend zum Waschbecken.
Nun folgt wie jeden Morgen der Schock. Ich sehe mir schon seit Jahren ins Gesicht, – was sage ich, seit Jahrzehnten! –, aber es tritt einfach kein Gewöhnungseffekt ein. Irgendwie bin ich froh darüber, denn es ist für mich ein Zeichen, dass ich nicht vergessen habe. Aber dennoch bin ich jedes Mal bis ins Mark erschüttert über dieses Gesicht! Ich starre und starre, nur um mich dann abzuwenden … und mich auf die Toilette zu setzen. Wenn ich danach erneut vor dem Spiegel stehen würde, würde ich es wieder so machen, wie gewohnt – so wenig wie möglich hin sehen, ignorieren und bis zum nächsten Morgen verdrängen.
Jene Fratze, die mich da täglich anschaut, bin nicht ich – und bin es doch –, aber will es nicht sein. Will es nicht wahr haben – niemals eingestehen. Blass, eingefallen, von Falten und Altersflecken gezeichnet. Mit angeschwollenen Tränensäcken und stoppeligem spärlich wachsendem Bart. Mit einzelnen strähnigen Haaren, die mir schneeweiß auf die hohe Stirn fallen. Nur die Augen verraten mich und ihn. Verraten mir, dass er ich bin. Traurig und doch so wahr. Jeden Morgen das gleiche. Niederschmetternd!
