Für immer, Deine Celia - Alicia Clifford - E-Book

Für immer, Deine Celia E-Book

Alicia Clifford

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Beschreibung

Eine geheime Liebe und eine Familiengeschichte, die neu geschrieben werden muss

Ihr Leben lang hat Celias Familie ihren schriftstellerischen Erfolg ignoriert und sie nur als perfekte Ehefrau und treusorgende Mutter wahrgenommen. Doch nach Celias Tod beginnt eine Journalistin, ihre Aufzeichnungen zu sichten und in der Vergangenheit zu graben. Dabei entdeckt sie ein Geheimnis, das Celias Kinder nie erahnt hätten. Sie müssen sich entscheiden: Wollen sie die Erinnerung an eine perfekte Ehe und Familie hochhalten oder die Wahrheit erfahren – über Celias Leben und ihre große Liebe?

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Buch

Nach dem Tod von Celia Bayley sind ihre erwachsenen Kinder Robert, Sarah und Margaret über den Pressewirbel überrascht, den das Dahinscheiden ihrer Mutter verursacht. Stets hatte der autoritäre Vater in der Familie den Ton angegeben. Zwar wussten die Kinder, dass Celia Bücher schrieb, doch nie haben sie auch nur eines davon gelesen. Umso größer ist ihre Verwunderung, als eine Journalistin sich dafür interessiert, die Biografie ihrer Mutter zu verfassen. Sie ahnen nicht, dass diese sie bald mit noch ganz anderen, unbekannten Ereignissen konfrontieren wird …

Autorin

Alicia Clifford ist das Pseudonym einer erfolgreichen Autorin, Journalistin und Drehbuchautorin. Ihre Bücher waren für zahlreiche Literaturpreise nominiert. Dies ist ihr erster Roman bei Blanvalet.

Alicia Clifford

Für immer, Deine Celia

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Christine Frauendorf-Mössel

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012unter dem Titel »The Affair« bei St. Martin’s Press, New York.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Juli 2012bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, München.Copyright © der Originalausgabe 2012by Alicia Clifford. All rights reserved.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012by Blanvalet, in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: bürosüd°, München.Umschlagmotiv: Trevillion Images/Irene LamprakouRedaktion: Ilse WagnerES · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-07565-1www.blanvalet.de

Für Rumi in Liebe und Dankbarkeit.

1

Wenn es das bedingungslose Verstehen zwischen zwei Menschen geben kann, jeder mit eigener Vergangenheit und aus fernen Welten, muss dann nicht jedes Wunder möglich sein?

EINER UNDATIERTEN EINKAUFSLISTE HINZUGEFÜGT(KNOCHEN VOM METZGER, KAFFEE, THUNFISCH,STREICHHÖLZER)

Am Tag nach dem Todesfall wurde plötzlich ein großes, exotisches Insekt im Wohnzimmer von Parr’s, dem Haus der Familie Bayley, gesichtet, in dem sich Familienmitglieder zur Besprechung der Begräbnismodalitäten versammelt hatten.

»Vielleicht ist es dir entgangen, Mummy, aber ein riesiger Käfer hat sich auf deinem Bild niedergelassen.« Robert klang gereizt. Er war erschöpft und nervös. Vor ihm lag eine Checkliste, denn er pflegte Herausforderungen zu begegnen, indem er diese auf abzuarbeitende Punkte einer Agenda reduzierte. Weiter als bis zur Rubrik »Gesangbuchlieder« war er allerdings nicht gekommen. Trauerarbeit trat vorübergehend in den Hintergrund.

Seine siebenjährige Nichte, Bud, verbesserte ihn: »Ist kein Käfer. Ist ’ne Motte.« Sie hatte bisher die leblosen Hände der Großmutter gestreichelt und bittend in deren blicklose Augen gestarrt. Jetzt allerdings schien sie aufzugeben, stand auf und lief zu dem Bild, auf das Robert gezeigt hatte.

»Lass es«, mahnte Sarah behutsam mit gedämpfter Stimme, als ihre Tochter auf einen Stuhl kletterte. Sie hatte zuvor die anderen immer wieder daran erinnert, der Eindruck, dass Bud nicht traumatisiert wirke, müsse nichts bedeuten. Immerhin war sie allein bei den Großeltern gewesen, als der Großvater beim Abendessen einen tödlichen Herzanfall erlitten hatte. Das Kind hatte die Eltern schon angerufen, während der im Haus wohnende Pfleger die Situation noch gar nicht ganz erfasst hatte. »Großvater hat uns verlassen«, hatte sie mit erstaunlich gefasster Stimme verkündet. (Das war eindeutig der Jargon des Pflegers, denn niemand in Buds Familie benutzte diese Diktion bei einem Todesfall.) Und jetzt, als sei alles nicht schon schlimm genug, musste sie erleben, welche verheerende Auswirkung das Geschehene auf ihre geliebte Großmutter hatte.

Trotz aller Bemühungen, normal mit dem Tod des Großvaters umzugehen, war die Familie am Boden zerstört. Jahrelang hatten sie den kostspieligen Einsatz von Krankenschwestern und Pflegern zähneknirschend und mit Missfallen verfolgt. Jetzt dagegen hätten sie jede Summe bezahlt, alles getan, um ihre Mutter Celia wieder in den Normalzustand zu versetzen. Warum nur konnte sie diesen Tod nicht wie die anderen auch als Gnade empfinden? Sie war erst fünfundsechzig Jahre alt – viele Jahre jünger als der Vater –, schien jedoch plötzlich auch für sich den Tod herbeizuwünschen. Sie verweigerte die Nahrung, sprach nicht. Die Ehe allerdings war bekanntermaßen sehr glücklich gewesen, und die lange Krankheit des Großvaters hatte die beiden noch enger zusammengeschweißt.

Dann schockierte Bud sie alle, indem sie schrill und aufgeregt verkündete: »Das ist er! Die Motte ist er!«

»Also, ich bitte dich!«Margaret schloss die Augen. Es gab ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen den Geschwistern, keinerlei Kritik an den Kindern der anderen zu üben. Aber das war zu viel. Bud hatte sich unter den schockierenden Umständen zwar löblich verhalten, hätte jedoch nie an der Besprechung über das Begräbnis teilnehmen dürfen.

Trotz Sarahs sprichwörtlicher Nachsicht schien es auch ihr die Sprache verschlagen zu haben. Bevor noch jemand das Kind daran hindern konnte, machte es alles noch schlimmer. Bud tat plötzlich geheimnisvoll: »Er ist zurückgekommen, weil er sich Sorgen um dich macht, Gran!« Und dann stieß sie unvermittelt einen Schrei aus. »Seht doch! Er bewegt die Flügel! Er hat mich gehört! Er findet, dass ich recht habe!«

Celia hatte bisher nur apathisch und teilnahmslos ins Leere gestarrt, war ihren Kindern wie das Zerrbild der Tagträumerin erschienen, die sie seit ihrer Kindheit kannten. »Sie ist wieder mal in ihrem Märchenland«, hatte der Vater dann stets neckend gesagt. Aber plötzlich, zur großen Erleichterung ihrer Kinder, fand sie zu ihrem alten Ich zurück und sagte liebevoll und enthusiastisch: »Was für eine wunderbare Idee, mein Liebling!«

Margaret, die sich in Naturkunde auskannte, sagte kurz angebunden: »Sieht mir wie ein ›Mittlerer Weinschwärmer‹ aus. Aber das kann eigentlich nicht sein. Nicht im Januar.«

»Es ist Großvater!« Bud verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie trotzig an.

»Großvater …«, wiederholte Celia und klang leicht irritiert. Dann verzog sich ihr Gesicht zu einem strahlenden Lächeln, als wolle sie die anderen animieren, das Spiel mitzuspielen.

Ihre Kinder tauschten resigniert unsichere Blicke – war das eine beginnende geistige Verwirrung? Dann meinten sie zu verstehen. Sie waren ziemlich sicher, dass ihre Mutter ebenso wenig an den Mythos Reinkarnation glaubte wie sie. Nein, das wirkte eher so, als lobe sie an ihrer Enkelin eine Fähigkeit, die sie bei ihren Kindern nie hatte entdecken können. Sie alle hatten keine Phantasie, wie Robert jederzeit frohgemut zugeben würde. »Nicht die Bohne«, würde er behaupten, ihnen allen damit aus der Seele sprechen und dabei exakt wie der Vater klingen. »Wir agieren, wir sinnieren nicht.« Einmal hatte er sogar fast ein wenig beleidigt gefragt: »Wer möchte schon allein in einem Zimmer sitzen, Personen erfinden und sie wie Marionetten in einer ausgedachten Geschichte agieren lassen?« Celia war die einzige Schriftstellerin in der Familie. Wenn sie damit glücklich war – bitte!

Tatsächlich glaubte natürlich auch Bud nicht an Wiedergeburt. Schließlich hatte sie keine Ahnung, was dies bedeutete. Eigentlich wusste sie selbst nicht, wie sie auf den Gedanken gekommen war. Aber auf das Wunder, das sie damit bewirkt hatte, reagierten Mutter, Tante und Onkel höchst erstaunlich. Wie auf Knopfdruck ließen sie sich auf die Geschichte ein. Das machte deutlich, wie groß ihre Sorge gewesen war. Sie hätten alles getan, um zu verhindern, dass Celia erneut in sprachlose Verzweiflung verfiel.

»Schon komisch, weil er dieses Bild hasst«, bemerkte Margaret, die, wäre ihr Ehemann Charles anwesend gewesen, sich nie so despektierlich geäußert hätte. Es handelte sich um ein düsteres, altes Ölbild, auf dem ein halbes Dutzend Reiter über eine endlose Ebene galoppierten. Ihre Mutter hatte es irgendwo aufgestöbert. Die Familie hatte stets angenommen, dass der Vater es nicht mochte, weil diese Reiter nicht in ordentlicher Formation, sondern irgendwie ziellos umhersprengten und damit die Prinzipien soldatischer Erziehung beleidigten, die er so sehr schätzte.

»Warum setzt er sich dann darauf?«, fragte Robert, und seine Mundwinkel zuckten, während er sich vorstellte, wie er diese Szene seiner Frau Mel beschreiben sollte. Er fuhr sich mit der Hand über das gerötete Gesicht, als wolle er die tiefen Sorgenfalten auf seiner Stirn glätten. »Meint ihr, er will überhaupt zurückkommen?«, murmelte er etwas taktlos.

»Er macht sich bestimmt Sorgen, ob wir alles ordentlich hinkriegen«, bemerkte Sarah. »Er beobachtet uns mit Argusaugen.« Im Gegensatz zu Margaret wünschte sie sich ihren Mann an ihrer Seite. Whoopee hatte einen wunderbaren Sinn für Humor. Er hätte es genossen, zuzusehen, wie sich die Familie Bayley zum Affen machte.

»Er hat seine Brille auf«, quietschte Bud in diesem Moment.

»Stimmt!«, sagte Celia. Sie war inzwischen aufgestanden und mit unsicheren Schritten durchs Zimmer gegangen, um die Motte genauer zu inspizieren.

Die beiden taten beinahe so, als wären sie allein im Zimmer. Als Bud säuselte: »Liebes, kleines Großväterchen!«, kamen die anderen zur Besinnung.

»Ich finde, es reicht jetzt!«, sagte Sarah ungewohnt scharf.

Celia starrte ungerührt weiter auf die Motte. Zuvor, als Vorwärts, Christi Streiter als erstes Lied bei der Trauerfeier vorgeschlagen wurde, hatte sie keinerlei Reaktionen gezeigt. Jetzt sagte sie knapp und bestimmt, wie um das Thema zu beenden: »Mir scheint ›Jerusalem die Goldene‹ für den Anlass eher angebracht.«

Das Seltsame war, dass die Motte am Tag nach der Beerdigung auf Nimmerwiedersehen verschwand. »Daddys letzter Appell«, nannte Robert das Intermezzo, was natürlich scherzhaft gemeint war. Es war ein Wendepunkt, so viel war allen klar geworden – jener Moment, in dem die Mutter dem Lockruf des Todes widerstanden und sich für das Glück entschieden hatte, ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Außerdem – und dies war das Verblüffende – sollte sie danach endlich eine ernsthafte Schriftstellerin werden.

Fast zwanzig Jahre später, als Margaret und Sarah am Vorabend des sehr viel traurigeren Begräbnisses der Mutter beieinander Trost suchten, erinnerten sie sich an diese ungewöhnliche Demonstration ihrer Willensstärke.

»Wenn das nicht geschehen wäre …«, begann Sarah.

»Ist es aber«, antwortete Margaret etwas spitz, als hätte sich die Schwester den Hinweis sparen können.

»Warum hat sie uns nicht gewarnt?«

Margaret zuckte mit den Schultern.

Sie hatten das bereits hinlänglich diskutiert. War es ihr Fehler, wie Margaret mit dieser hilflosen, gereizten Geste andeutete, dass ihre Mutter sie nicht gewarnt hatte, was nach ihrem Tod geschehen würde? Oder war es möglich, dass diese bescheidene Frau nie mit solchen Folgen gerechnet hatte? Die Familie stand unter Schock und musste doch nach außen hin Haltung wahren.

Während sie am Küchentisch der Mutter saßen, und sich eine bereits zur Hälfte ausgetrunkene Flasche guten Weines aus deren Keller teilten, hatten die Schwestern noch immer das Gefühl, sie müsse jeden Augenblick die Küche betreten: klein, vom Alter leicht gebeugt, aber noch immer voller Wissensdurst, Humor und mit hervorragend funktionierendem Gedächtnis. »Oh, das ist gut«, hätte sie auf ihre höfliche Art erklärt, »der Sancerre musste getrunken werden.« (Auch wenn er eigentlich für die seltenen Einladungen zum Abendessen bestimmt gewesen war.) Sie hätte sich zu ihnen gesetzt, um mit ihnen dem Wind zu lauschen, der im Kamin heulte, während Regentropfen wie Tränen über die Fensterscheiben rannen. Sie hätte über die von Robert überall ausgehängten Listen milde gelächelt, sich über seinen komplizierten Plan für jenen Tag amüsiert, an dem sich die Trauergäste nach dem Begräbnis im Haus versammeln würden. Aus dem ehemaligen Arbeitszimmer des Vaters nebenan drang der Klang seiner Stimme, während er mit der Stoppuhr seine Ansprache übte.

»Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen nicht über meine Mutter als Schriftstellerin zu sprechen«, hörten Margaret und Sarah ihn umständlich formulieren. Dann hielt er abrupt inne und begann von Neuem. »Ich stehe nicht hier, um über die Werke meiner Mutter zu sprechen. Das haben Berufenere als mich längst erledigt … Verdammter Mist!«

Die Schwestern lächelten.

»…das haben Berufenere als ich längst getan …«, verbesserte er sich.

Im Haus war die Aura der Mutter noch sehr präsent. Während die Schwestern auf einen Kalender an der Wand starrten, der nach dem zehnten August ohne jede Eintragung in ihrer zierlichen Handschrift geblieben war, erwarteten sie noch immer, das Klopfen ihres Gehstocks zu hören, ihr leises Summen eines Schlagers aus Kriegszeiten, so als verkläre sie in sentimentaler Erinnerung jene schlimme Zeit. Allerdings empfanden die Geschwister ihre Wut auf die Mutter als seltsam tröstlich. Natürlich hätte sie sie auf alles vorbereiten müssen!

Tatsächlich allerdings war ihre schriftstellerische Arbeit von der Familie einfach ignoriert worden. Ihr Vater hatte den Ton angegeben. »Nur löblich, wie ausdauernd Mummy bei ihrer Schreiberei bleibt«, hatte er kommentiert und sofort entschuldigend hinzugefügt: »Nicht meine Welt, fürchte ich.« Also hatten auch sie, die Kinder, kein einziges ihrer Bücher je gelesen. Rückblickend erschien es beinahe, als habe die Mutter dem auch noch Vorschub geleistet. »Nichts als heiße Luft«, hatte sie einmal lachend ihre Arbeit bezeichnet. Auf diese Weise war es geschehen, dass sie, als ihre Mutter mit sechsundsechzig Jahren einen Roman geschrieben hatte, der die Aufmerksamkeit der Kritiker erregte, dies ebenfalls nicht wahrgenommen hatten. Auch wenn es das erste Buch war, das unter ihrem richtigen Namen veröffentlicht wurde.

Jetzt betrachteten sie die Fotos von ihr in den Zeitungen, lasen einen ausführlichen Nachruf nach dem anderen und hätten am liebsten mit einem einzigen Telefonanruf vor aller Welt klargestellt, dass die für die Öffentlichkeit so prominente Person eigentlich für sie nur ihre Mutter gewesen war. Stattdessen wurde Celia von einer der bekanntesten Romanschriftstellerinnen als die Frau bezeichnet, die mit Liebesromanen begonnen und sich zu einer »Bildhauerin der menschlichen Seele«, zu einer Autorin »von großer Leidenschaft und Wahrhaftigkeit« entwickelt habe. Auch die Boulevardblätter hatten sich des Themas angenommen – mit peinlichen (und falschen) Schlagzeilen wie »Die Achtzigjährige, die Pornos schrieb«. Das Salz in der Suppe dabei war natürlich, dass Celia mit einem bekannten, ranghohen Armeeoffizier verheiratet gewesen war. Zumindest hatten alle ihre »glückliche Ehe« hervorgehoben – das Einzige, das die Familie nicht überraschen konnte.

Als Witwe hatte Celia einen leeren Raum unter dem Dach als Arbeitszimmer genutzt, der stets verschlossen geblieben war. Jetzt allerdings, mit der Muße, Haus und Erbe frei erforschen zu können, entdeckten ihre Kinder, dass sie es in das »Studio« einer Schriftstellerin verwandelt hatte – mit einem richtigen Bürostuhl, einem teuren Computer und eingebauten Bücherregalen, in denen dicht gedrängt Nachschlagewerke sowie zahlreiche Ausgaben ihrer Romane standen. »Habt ihr gewusst, dass Gran mit einem Computer umgehen konnte?«, hatte Sarah ihre Tochter Bud gefragt, nur um die Antwort zu erhalten: »Wir haben ihr das Ding eingerichtet.« Sarah hätte gern mehr Fragen gestellt, hatte jedoch Angst, sich lächerlich zu machen.

Im Raum herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall lagen Papiere herum, die meisten vergilbt und brüchig vom Alter. Es stapelten sich Briefe und Rechnungen, Notizbücher, Kalender und Zeitungen. Celias Nachkommen hatten Mühe, daran zu glauben, dass in diesem Chaos etwas Kultiviertes, Faszinierendes entstanden sein sollte – von Büchern ganz zu schweigen. »Ich muss dringend aufräumen«, hatte Celia erst einen Monat zuvor besorgt geäußert, als habe sie den dunklen Schatten gespürt, der sie bereits unsichtbar verfolgte. Dann war sie ohne jede Vorwarnung im Bett sanft entschlafen und hatte das Chaos unberührt hinterlassen.

Plötzlich wurde leise an die Küchentür geklopft, und die Schwestern wechselten einen Blick.

»Ich bin’s nur. Ich störe doch nicht, oder?«

Roberts Frau Mel kam unter dem Vorwand in die Küche, eine heiße Zitrone mit Honig zubereiten zu wollen, um Roberts Stimme angesichts der bevorstehenden Beerdigung zu »ölen«. Die Schwestern allerdings vermuteten, dass sie vor allem über ihre eigenen Probleme sprechen wollte. »Tja, also …«, begann sie wiederholt und immer mutloser.

»Du meine Güte!« Sarah seufzte, als Mel gegangen war. »Es ist alles so vertrackt, was?« Deutlicher wurde sie nicht. Es war klar, dass, trotz heimlicher Sympathie für die Probleme der Schwägerin, die Loyalität der Schwestern immer dem Bruder gehörte. Für die Schwierigkeiten anderer hatten sie jetzt kein Ohr. Trauer wirkte Wunder. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass das Lebensglück unter den Geschwistern so ungleich verteilt schien. Zum ersten Mal seit Jahren herrschte wieder Harmonie.

Margaret stand auf, um die halb leere Flasche aus dem Kühlschrank zu holen. Sie hielt dabei einen Moment inne und bewunderte ihr gemeinsames Werk.

Vermutlich waren die Erfahrungen in Kriegszeiten schuld an dem Aufbewahrungszwang ihrer Mutter. Sie konnte nichts wegwerfen. Die Schwestern hatten eine Menge übel riechender Vorräte entsorgt: eine matschige, in Plastik eingeschweißte Gurke, eine ledrige Scheibe Käse, verschrumpelte Pilze, einen Becher verdorbener Sahne, einen, dem Stempel nach zu urteilen, zwei Monate alten Karton mit Eiern, ein paar Rippen weißlich angelaufener Schokolade und eine Portion dunkles, in Frischhaltefolie verpacktes Grünzeug, das vermutlich ein Kohlkopf gewesen war. Selbst die Butter roch ranzig. Nachdem sie den Kühlschrank gründlich ausgewaschen und desinfiziert hatten, hatten sie ihn mit den aus London mitgebrachten, frischen Vorräten gefüllt: abgepackte Soßen und Kartons mit Pasta, französische Käsesorten, Salate und Früchte sowie Obstsäfte. Dennoch fanden sie täglich komplette Mahlzeiten vor der Haustür vor – heimlich dort abstellt –, gewöhnlich früh am Morgen. Erst an diesem Vormittag hatten sie einen großen Topf Irish Stew und einen Schokoladenkuchen auf der Veranda entdeckt, mit einem Zettel, auf dem stand: »Bitte nehmen Sie dies als Zeichen unserer Hochachtung. PS: Wir brauchen den Topf nicht sofort zurück. Jim und Nina Barton (Haus Greenslade, hinter der Kreuzung, das erste Haus rechts.)«

»Wäre eine Schande, die Sachen verkommen zu lassen«, bemerkte Margaret und schnitt sich eine Scheibe Kuchen ab, der ziemlich trocken, bröselig und mit einer sehr süßen Zuckerglasur überzogen war. Er stammte offenbar aus einer fertigen Backmischung. Die Jugend hatte die Speisen abgelehnt. Sie war, was das Essen betraf, sehr heikel.

»Warum glauben die Leute eigentlich immer, Trauer mache hungrig?«

»Sie wollen helfen, und es fällt ihnen nichts anderes ein. Und ich muss gestehen, es war eine Erleichterung, heute Abend nicht für alle kochen zu müssen.«

Die ganze Familie hatte sich zum Begräbnis in Parr’s versammelt. Sarahs Tochter Bud und Roberts Sohn Guy, dicke Freunde, machten einen Abendspaziergang, um im Dunkeln einiges zu besprechen. Roberts schwangere Tochter Miranda war zu Bett gegangen. »Traurig!«, hatte sie wiederholt vor sich hin gemurmelt, da Celia ihr erstes Urenkelkind nicht mehr kennenlernen würde. Die Teenager, Margarets Kinder Theo und Evie, hatten sich zusammen mit Sarahs Sohn Spud oben in eines der Schlafzimmer zurückgezogen. Spud zog die Gesellschaft der beiden Jugendlichen vor, obwohl er inzwischen fast dreißig Jahre alt war. Von dort oben ertönte ein lautes Krachen, so als sei ein Möbelstück umgefallen. Was Celias alter Hund Oscar mit lautem Bellen und Jaulen kommentierte. Der Hund war aufgeregt und leicht verschreckt angesichts der vielen Leute und suchte noch immer nach seinem Frauchen.

»Ein Glück, dass sie bis zum Ende in ihrem eigenen Haus bleiben konnte«, sagte Sarah spontan.

Margaret nickte. »Und sie hatte noch alle fünf Sinne beisammen.«

»Sie war fit wie ein Turnschuh.«

»Sie hatte wirklich sehr, sehr viel Glück!«

»Und wir auch.«

Sarah begann zu schluchzen. »Sie fehlt mir jetzt schon!«, sagte sie wie ein verängstigtes Kind. Margaret schüttelte den Kopf, brachte kein Wort heraus.

»Sie lebt in uns weiter«, stammelte Sarah mühsam. »Und in unseren Kindern. Und auch in unseren Enkelkindern … falls es dann noch eine lebenswerte Welt für sie gibt.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Sie lebt auch in Mirandas Baby weiter. Alles das macht plötzlich Sinn. Es ist die ›wahre‹ Unsterblichkeit.«

»Glaubst du?«

»Ja, viel eher als durch Bücher.«

Tatsache jedoch war, dass außerhalb eines kleinen Personenkreises der Tod von Celias Kindern in der Zukunft unbemerkt bleiben würde. Jetzt schon waren sie in der Biografie der Mutter nur einen Einzeiler wert: Celia Bayley hinterlässt einen Sohn und zwei Töchter.

Dennoch hatte auch deren Leben eine geradezu dramatische Wendung genommen. Täglich traf stapelweise Post von Fremden ein. Ständig klingelte das Telefon. Sie wurden mit Fragen und Bitten bedrängt. Journalisten tauchten unangemeldet vor der Haustür auf, Kamerateams im Schlepptau. Erst am Vortag hatte Robert einem örtlichen TV-Sender ein Interview gegeben. Und niemand, der sein selbstsicheres Auftreten erlebt hatte, ahnte, dass er nie eine einzige Zeile von seiner Mutter gelesen hatte. Dennoch beunruhigte es die Familie, dass Außenstehende derart kenntnisreich über die Mutter sprachen. Was konnten die schon wissen, das die Familie nicht wusste?

Die Küchentür ging auf, und Margarets Mann Charles trat ein. »Oha, Kuchen«, bemerkte er. Er wollte witzig sein und klang doch nur vorwurfsvoll.

»Ich habe nur ein kleines Stück gegessen«, erklärte Margaret unwillkürlich trotzig.

Sarah verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den Neuankömmling aufmerksam. »Wo ist Whoopee?«, erkundigte sie sich. In ihrer Familie hatte jeder einen Spitznamen. Sie selbst wurde Crinkle genannt. Allerdings herrschte unter den Geschwistern ein stummes, penibel beachtetes Einverständnis, nicht nach dem Grund für diese Spitznamen zu fragen. Whoopee und Crinkle waren die Eltern von Spud und Bud. Robert hatte einmal behauptet, es sei idiotisch, mühevoll hübsche Namen wie Stephen und Emily auszusuchen und sogar kostspielige Tauffeste zu feiern, wenn man wusste, dass die Kinder immer nur Spud und Bud genannt werden würden. Außerdem würde es nur unnötig Aufmerksamkeit erregen, hatte er hinzugefügt und sich damit erst recht als begriffsstutzig geoutet.

»Ich habe deinen Mann gerade im Wintergarten verlassen«, erwiderte Charles. Er wirkte gereizt und leicht verschnupft.

Sarah vermutete, dass Whoopee wieder einmal seinen Schabernack mit Charles getrieben hatte. Normalerweise ging Charles seinem Schwager aus dem Weg. Aber Sarah und Margaret hatten deutlich gemacht, allein sein zu wollen, Robert war im Arbeitszimmer mit seiner Rede beschäftigt, und das Wohnzimmer war tabu, denn sie hatten es für den Empfang nach dem Begräbnis geputzt und aufgeräumt. Sarah musste unwillkürlich lächeln, als sie sich die Szene im eiskalten Wintergarten vorstellte: Charles in seinem Dreiteiler und angespannt, während ihr gut aussehender, leger gekleideter Mann mit argloser Neugier versuchte, Charles zu Statements über Einwanderung und die Kriege in Afghanistan und Irak zu verleiten. Sollte das nicht die erwarteten Antworten erbracht haben, hatte er vermutlich das leidige Thema teurer Privatschulen für reiche Kinder angeschnitten. Böser Whoopee, dachte sie. Er verstand es, die richtigen Knöpfe zu drücken. Sarah fragte: »Was macht mein Mann denn eigentlich im Wintergarten?«

»Er sagte, er müsse telefonieren.«

Sie war verblüfft. »Mit wem denn?«

Schallendes Gelächter ertönte aus dem oberen Stockwerk, das abrupt verstummte, als seien sie sich der Unschicklichkeit ihrer Ausgelassenheit bewusst geworden. Dennoch ging eine Art Schockwelle durch die kleine Versammlung in der Küche.

Noch quälend leer bei ihrer Ankunft, hatte das Haus mittlerweile die Melancholie abgeschüttelt, die alle anfangs bedrückte. Es war wie ein letztes, hektisches Aufbäumen gegen das, was kommen musste. Sobald das Begräbnis vorüber war, würde das Aus- und Aufräumen beginnen.

Im ersten Stock wurde plötzlich gesungen. Es klang wie ein Rapsong, der peinlich und deplatziert wirkte. Margaret erkannte die aufgeregte Stimme ihrer Tochter, der dreizehnjährigen Evie, der Jüngsten in der Gruppe. Sollte sie der Sache ein Ende bereiten? Dann glaubte sie in ihrem aufgewühlten Zustand, die Stimme ihrer Mutter zu hören, die leise protestierte: »Ach lass sie doch!«

Das war natürlich lächerlich. Der Tod war etwas Endgültiges. Aber weshalb hatte sie dann das untrügliche Gefühl, dass ihre Mutter im Geiste bei ihnen war? Es war fast so, als gäbe es etwas in dieser Welt, in diesem Haus, das sie festhielt, sie daran hinderte, ins Jenseits hinüberzuwechseln.

2

Ich möchte nicht, dass meine Familie bei meinem Tod trauert. Sie sollen die Gelegenheit nutzen, eine große, ausgelassene Party zu feiern. Ich war wahrhaftig ein Glückskind, und so was muss gefeiert werden.

ZITTRIGE HANDSCHRIFT. OFFENBAR AUS EINEM DERLETZTEN NOTIZBÜCHER. OHNE DATUM.

Bet Parker beobachtete, wie Robert die Stufen zur Kanzel hinaufstieg – mit ernster, entschlossener und selbstbewusster Miene –, und empfand denselben übermächtigen Beschützerinstinkt wie schon damals gegenüber dem Neunjährigen. Sie und Priscilla Forbes-Hamilton hatten versucht, sich in den überfüllten Kirchenbänken irgendwie bequem einzurichten, zwischen steinharten Fußkissen und ohne Möglichkeit, ihre Gehstöcke abzulegen. Mit sechsundachtzig Jahren war Bet zur unfreiwilligen Expertin in Sachen Beerdigungen geworden und mit allen Tricks und Traditionen vertraut, den stimmungsvollen Kirchenliedern, nachdenklichen Gebeten und erhabenen Musikstücken, die den Trauernden vorgaukelten, dies sei nicht das Ende. Dennoch war der Blick auf Celias Sarg unter der schwankenden Blumenpracht ein Schock gewesen. Diesmal war ein von Bet aufrichtig geliebter Mensch aus dem Leben geschieden, und dafür gab es keinen Trost. Das alte Foto einer jungen Frau, das neben dem Sarg aufgestellt worden war, machte alles nur noch schlimmer.

Damals, vor langer Zeit, als das Foto entstanden war, hatten sie serienweise Hochzeiten gefeiert, und eine Freundin nach der anderen war in den Hafen der Ehe eingelaufen. Von Begräbnissen keine Spur. Celia war die Erste der drei Freundinnen gewesen, die geheiratet hatte. Und jetzt, fast ein dreiviertel Jahrhundert später, erinnerte sich Bet an jede Einzelheit der eilig vollzogenen Zeremonie: Fredericks Haar, das im kalten Sonnenlicht wie eine dunkle, polierte Kastanie schimmerte; an das Buch, das jemandem aus der Hand und auf den mit Teppich ausgelegten Fußboden geknallt war, als Celia ihr Jawort gehaucht hatte; die seltsame Mischung aus Erleichterung und Trauer in den Zügen von Celias Mutter, als der Standesbeamte verkündete: »Sie dürfen jetzt die Braut küssen.« Das war Anfang 1945 gegen Kriegsende und doch, so schien es, erst gestern gewesen …

Es war seltsam, sich an die Zweifel zu erinnern, die sie und Priscilla sich damals leise und zaghaft gestanden hatten. Es war alles so schnell gegangen. Celia war erst siebzehn, Frederick schon neunundzwanzig Jahre alt gewesen und eine viel zu schillernde Figur, um vertrauenswürdig zu erscheinen. Die beiden haben Glück gehabt, hatte Priscilla einmal bemerkt, so als hinge eine gute Ehe eher vom Zufall als von Treue und harter Arbeit ab.

Und jetzt stand zweiundsechzig Jahre später der Sohn aus dieser Ehe vor ihnen, das etwas blasse Abbild seines brillant aussehenden Vaters, trauernd wie sie alle, aber der Situation durchaus gewachsen, denn er hatte einen stabilen Charakter, wie Bet wohl wusste. Während sie darauf wartete, dass seine feste, wohlklingende Stimme das Kirchenschiff erfüllte, stellte sie sich einen Moment vor, er sei Frederick, der zum Abgesang auf seine geliebte Celia anhob.

Aber Celias Mann lag inzwischen bereits seit vielen Jahren draußen auf dem kalten Friedhof. Außerdem, erinnerte sich Bet, war jener Frederick, an den sie sich so liebevoll erinnerte, lange vor seinem Tod nicht mehr er selbst gewesen.

Sämtliche Nachrufe hatten Celias Herkunft aus dem konservativen Bürgertum der gehobenen Mittelklasse betont, das, wie diese durch die Blume zu verstehen gaben, nicht gerade der Nährboden für Eigenschaften sei, die als »leidenschaftlich und wahrhaftig« bezeichnet werden konnten. All das war Robert zunehmend bitter aufgestoßen. Was war so falsch an »konservativ« und »Bürgertum der gehobenen Mittelklasse«? Es kam ihm so vor, als würde seine Familie gerade für das verhöhnt, was ihre Stärken waren. Aus diesem Grund hatte er sich – ganz gegen seinen Charakter – in letzter Minute entschlossen, dem so eifrig eingeübten Redemanuskript in seiner Jacketttasche einen völlig anderen Auftakt zu geben. Er hatte die Fotografen vor dem Kirchenportal gesehen und daraus geschlossen, dass im Kircheninneren Journalisten mit gezückten Notizblöcken saßen. Aasgeier, Leichenfledderer, dachte er, obwohl all seine Kontakte mit der Presse bisher ausgesprochen angenehm verlaufen waren. Trotzdem wollte er sich einen Spaß daraus machen, Verwirrung zu stiften.

Irgendwo hatte er gelesen, dass man sich der Aufmerksamkeit des Publikums versichern könne, indem man gleich zu Beginn eine bedeutungsvolle Pause einlege. Robert wartete daher so lange, wie er es wagte – also etliche Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen –, und ließ den Blick über das Meer der zunehmend verwirrt wirkenden Trauergäste im Kirchenschiff schweifen. Da saßen nebeneinander Priscilla und Bet, die beiden ältesten Freundinnen seiner Mutter; der Familienanwalt, Rodney Cartwright, der neue, junge Hausarzt, der diesen Job von seinem Vater übernommen hatte. Aber wer waren all die anderen? Er hatte keine Ahnung gehabt, dass seine Mutter einen so großen Bekanntenkreis besaß. Hin und wieder glaubte er, ein prominentes Gesicht zu erkennen. War das in der vierten Reihe nicht ein Schauspieler? Er wagte es nicht, seine Frau Mel anzusehen, die von seinem geplanten Paukenschlag nichts ahnte. Vielleicht fand auch sie ihn, ihrer Liebe zum Trotz, allmählich langweilig.

Er holte tief Luft. Dann brüllte er, so laut er konnte: »TU, WAS DEIN VATER SAGT – AUGENBLICKLICH!«

Die Wirkung auf die Trauergemeinde ließ nichts zu wünschen übrig. Er machte erneut eine Pause, bevor er so leise und sanft fortfuhr, dass die etwas schwerhörigeren Anwesenden, denen der Schreck noch in den Gliedern saß, sich vorbeugten, um ihn besser verstehen zu können. »Mummy war die sanftmütigste Person der Welt, aber was Daddy sagte, war Gesetz. Oh, ja!« Robert kostete das leise, verständnisvolle Lachen aus, das durch die Reihen im Kirchenschiff ging. »Wie Sie alle wissen, waren die beiden ein außerordentlich glückliches Paar.«

Zufrieden, seinen Standpunkt deutlich gemacht zu haben, setzte er seine Brille auf und begann die Rede zu verlesen, die alle von ihm erwartet hatten – über ein bemerkenswertes, traditionellen Werten verbundenes Leben und großartiges Beispiel einer selbstlosen Liebe, das nun zu Ende gegangen sei … und so weiter.

»Prächtige Ansprache«, sagte Priscilla zu Margaret später nach der Rückkehr nach Parr’s. »Unser lieber, lieber Robert!« Sie seufzte. »Celia hat in ihrem Leben nie derart die Stimme erhoben. Sollte wohl … poe-tüsch wirken oder so …«

Margaret empfand Priscillas arrogante Redeweise als seltsam unzeitgemäß. Die Art, wie sie Silben träge in die Länge zog, andere wiederum verschluckte, klang wie eine Parodie auf das alte BBC-Englisch. Sie merkte, wie ihr Neffe Spud mit ungläubigem Lächeln zuhörte, sah, wie er mit den Lippen das Wort »poe-tüsch« formte, als verkoste er eine exotische Delikatesse.

»Und weißt du was, Schätzchen?«, fuhr Priscilla strahlend fort. »Als du die Kirche betreten hast, habe ich so bei mir gedacht ›Himmel, was macht unsere Celia denn hier?‹«

»Celia war da!«, schnarrte Bet ungehalten, und Margaret beobachtete, wie Priscilla abwehrend eine gichtige Hand mit Altersflecken hob, als habe sie nur zu gut verstanden, was den Zornausbruch provoziert hatte.

»Sehe ich wirklich wie meine Mutter aus?« Margaret fand den Vergleich zweifelhaft und tröstlich zugleich. Es machte ihr Spaß, sich mit den beiden über achtzigjährigen Frauen zu unterhalten, die umgehend das einzig bequeme Sofa mit Beschlag belegt hatten. Die hagere, knochige Priscilla mit faltiger Haut, krakelig nachgezeichneten Augenbrauen und dünnem, auftoupiertem Haar; die liebe Bet, die pummelige Figur in ein Kleid gezwängt, das Kinn stoppelig wie das eines Mannes. Die beiden kicherten albern wie junge Mädchen und benutzten Ausdrücke, die sie vor über einem halben Jahrhundert während des Krieges im Dienst als Königliche Marinehelferinnen aufgeschnappt hatten. »Komm mal mit dem H2O rüber, ja?«, hatte Bet gerade gefordert, und als Priscilla ihr sofort den Krug mit Wasser reichte, sah Margaret, wie die beiden einen triumphierenden Blick wechselten.

Im Gegensatz zu Bet (die das nicht nötig hatte) ließ sich Priscilla auf den neuesten Stand der Familiennachrichten bringen. Wie alt waren die Familienmitglieder mittlerweile? Benahmen sich die Ehemänner anständig? Waren die Kinder wohlgeraten? Allerdings stellte sie all diese Fragen nicht neugierig, eher amüsiert und fast so, als wäre der Aufenthalt in einem lärmenden Haus voller Menschen unterschiedlichster Generationen für sie ein Ausflug in eine fremde Welt.

Bet erhob sich schwerfällig vom Sofa und steuerte auf das Buffet zu. Sie hatte das Gefühl, die Last des Schmerzes der gesamten Familie auf ihren Schultern zu tragen, und türmte sich geistesabwesend viel zu viel Essbares auf ihren Teller. Sie biss in ein Wurstbrötchen, und es regnete prompt fettige Krümel auf ihr abgetragenes, schwarzes Kleid. Ja, ja, ich bin unappetitlich und eklig!, dachte sie ärgerlich, als stimme sie einem unsichtbaren Kritiker zu. Aber es gab eine Zeit, da sind mir die Männer scharenweise nachgelaufen, und jetzt ist wieder ein Mensch gestorben, der sich daran noch erinnern konnte.

Sie war zutiefst dankbar, dass wenigstens Priscilla noch unter den Lebenden weilte. Die Zeit hatte die einst tiefen Gräben zwischen ihnen wieder geglättet. Anlässlich dieses traurigsten aller Anlässe hatten sie zusammen den Zug von London genommen und waren schon auf der Fahrt angesichts eines Mannes mit Wollmütze in hysterisches Gekicher ausgebrochen. »Wir müssen uns zurückhalten. Besaufen is nich«, hatte Bet gemahnt, als sie zur Stärkung vor der Trauerfeier einen Gin Tonic nach dem anderen in der Bar im Speisewagen zu sich genommen hatten. »Prost, Kameradin!«, hatte Priscilla sie nach dem zweiten Gin in Erinnerung an ihre Abenteuer in Kriegszeiten genannt und schien sich dabei fast in das hübsche, hellhäutige Mädchen von einst zurückzuverwandeln. Aber daran war natürlich allein der Alkohol schuld. Allerdings entpuppte es sich als Glücksfall, dass sie vorher schon »getankt« hatten, denn im Trauerhaus schenkte niemand Wein nach – daher das Wasser, das sie normalerweise mieden.

Wie erwartet klappte Priscilla ihre Krokodilledertasche auf, um sich zu vergewissern, dass ihre Rückfahrkarte noch im üblichen Fach steckte, obwohl sie erst Stunden später die Rückreise antreten würden. Dann machte sie Bet erneut wütend, indem sie Margaret mit ihrem strahlenden, idiotischen Zahnpastalächeln versicherte: »Celia hätte das hier göttlich gefunden, nicht?«

»Sie alle trinken zu viel«, warnte Robert seine Nichte Evie. Die »Operation Post-Beerdigung« war in dem Moment angelaufen, als die Familie zu Hause eingetroffen war. Jedem Enkelkind war eine Aufgabe zugeteilt worden, die nach einem dezidiert ausgearbeiteten Zeitplan ausgeführt werden musste. Der Park- und Garderobendienst stand an oberster Stelle. Aber mittlerweile gab es ein Problem, das Robert zu verdrängen suchte. »Es gibt keine Probleme, nur Unentschlossenheit«, lautete eine seiner Lieblingsmaximen.

Vor der Kirche hatte er sich bei jedem Gast für sein Erscheinen bedankt und gegenüber einem auserwählten Kreis von Einzelpersonen hinzugefügt: »Wir sehen uns doch später noch, ja?« Jetzt allerdings schien es, als habe sich die gesamte Trauergemeinde nach und nach im Haus versammelt – mindestens jedenfalls die doppelte Menge der von ihm berechneten Gästezahl. »Ja, schon gut«, hatte er gereizt abgewehrt, wann immer seine Schwestern ihn davor gewarnt hatten, dass der bestellte Weinvorrat nicht ausreichen würde. Es war daher klar, dass der »Getränkedienst« nur sehr zurückhaltend agieren durfte. »Wir müssen den Gästen am Buffet den Vortritt lassen«, schärfte er Evie ein, nur um sich prompt mit dem nächsten Dilemma konfrontiert zu sehen, denn auch das Essen war viel zu knapp bemessen (ebenfalls sein Fehler). Zu allem Übel erkannte er, dass Bet bereits den Wurstbrötchenvorrat erheblich dezimiert hatte. »Wir müssen kleinere Portionen ausgeben. Wo, zum Teufel, sind Bud und Guy? Sie wissen doch, dass sie jetzt Dienst am Buffet haben.«

»Soll ich Spud zu Hilfe holen?«, fragte Evie und deutete auf ihren Cousin, der in einem der Sessel hing, die eigentlich den Gästen vorbehalten waren, den Hund seiner Großmutter mit Erdnüssen bewarf und damit eine Riesensauerei auf dem Teppich veranstaltete.

Robert starrte sie angesichts dieser dämlichen Frage nur wütend an. Spud hatte am Vorabend aus purer Unachtsamkeit eine wertvolle Karaffe zerschmettert. Roberts Ansicht nach konnte er froh sein, zum Parkdienst eingeteilt worden zu sein. Aber das auch nur, weil sie wirklich völlig ausgelastet waren. »Ich muss Miranda ans Buffet stellen.« Plötzlich hätte er am liebsten losgeheult. Der Druck war einfach zu groß, und zu allem Übel konnte er sich nicht einmal einen Drink genehmigen. In einer Woche sollte er pensioniert werden, und während er gebetsmühlenhaft betonte, wie sehr er sich auf den Ruhestand freue, graute ihm insgeheim davor. Er fühlte sich wie vor sieben Jahren, als man ihm den Abschied aus dem Militärdienst nahegelegt hatte, nur verabschiedete er sich diesmal endgültig und für immer aus dem Arbeitsleben. Er war zweiundsechzig Jahre alt, litt unter hohem Blutdruck, und nachdem sein Vater einem Schlaganfall erlegen war, bestanden alle darauf, dass er seinem Gesundheitszustand Rechnung trug. Außerdem hatte er zahlreiche Pflichten als Familienoberhaupt. Schließlich, und das stellte alles andere in den Schatten, waren da die unausgesprochenen, aber schwerwiegenden Unstimmigkeiten, die sich zwischen ihm und Miranda aufgetan hatten. Er blinzelte unwillkürlich. Was war nur in seine geliebte Tochter gefahren?

Dann beherrschte er sich. »Von jetzt an werden nur leere Gläser nachgefüllt«, schnarrte er Evie wie auf dem Kasernenhof an. »Und treib gefälligst mehr Karaffen auf. Wasser muss überall griffbereit sein!«

Bud blieb stehen, um in der dunklen Gasse unweit des Hauses zwei Zigaretten anzuzünden. Sie reichte eine an Guy weiter, so wie sie es schon als Teenager getan hatte, wenn sich die beiden genüsslich über die Gebote der Eltern hinweggesetzt hatten. Das vom Haus her zu ihnen dringende Lachen erschien in der Nacht geradezu unanständig laut. Sie passierten das von Evie handgeschriebene Schild »Parkplatz«. Ein dicker Pfeil wies auf eine Wiese, wo mittlerweile die Autos wie Kraut und Rüben durcheinanderstanden. Es erschien nahezu unmöglich, dass je wieder ein Wagen aus diesem Chaos herausfinden würde.

»Rauchen ist eine abscheuliche Angewohnheit«, bemerkte ihr junger Cousin, Theo, der hinter ihnen hertrottete, nachdem er sich erfolgreich vor dem Garderobendienst gedrückt hatte. Mit vierzehn Jahren imitierte er die strengen, konservativen Ansichten seines Vaters Charles. »Außerdem hast du eigentlich jetzt am Buffet Dienst«, erinnerte er Bud.

»Wir rauchen nicht«, entgegnete Bud. »Außerdem legen wir keinen Wert auf deine Belehrungen. Im Übrigen werden es die Leute schon schaffen, sich selbst mit Sandwiches und Würstchen im Schlafrock zu versorgen.« Und noch ärgerlicher fügte sie hinzu: »Wer hat dich eigentlich gebeten mitzukommen?«

Für die Gesellschaft ihres anderen Cousins Guy allerdings war sie dankbar. Ihrer Freundschaft hatte selbst der massive Spott ihres Vaters nichts anhaben können. Nach Whoopees Meinung war Guy von jeher ein langweiliger Streber gewesen. Nur hatte Guy mittlerweile Erfolg, was Whoopee nur noch mehr ärgerte.

Ein Vater wie Whoopee war anstrengend. Er hatte eine lange Reihe von wenig einträglichen und stets unerfreulich endenden Jobs innegehabt. Seine jüngste Tätigkeit als Immobilienmakler (die er hasste) hing wieder einmal an einem seidenen Faden, was ausnahmsweise äußeren Umständen geschuldet war. »Wer braucht schon Sicherheit?«, war einer seiner Lieblingssprüche. Dabei arbeitete seine Frau Sarah seit vielen Jahren als Sekretärin für dasselbe Versicherungsunternehmen und trug den größten Teil zum Lebensunterhalt der Familie bei. Ihr Sohn Spud, der sich für einen Dichter hielt, arbeitete als Lagerist im Supermarkt, um sich auf seine Kunst konzentrieren zu können. Er wurde für seine Geradlinigkeit gelobt, wohingegen Bud nur Whoopees verächtlichen Spott erntete, weil sie sich eine solide Karriere als Public Relations Agentin aufgebaut hatte.

In Bezug auf Guy allerdings hatte er sich gründlich getäuscht. Guy war auf seine ruhige Art ein Rebell, was Bud stets an ihm geschätzt hatte. Und mittlerweile erfand er sich neu, als habe er die Familie bisher nur gründlich studiert, um sich jetzt so deutlich wie möglich von ihr abzusetzen. Guy trug exzellent geschnittene, teure Anzüge und lebte in einer komplett modern möblierten Penthousewohnung zur Miete. Kam ihm eine interessante oder lustige Geschichte zu Ohren, dann erzählte er diese nur ein einziges Mal weiter, aus Angst, sich zu wiederholen. Am Abend, als sie zur Beerdigung eingetroffen waren, war er zu einem indischen Service in die nächstgelegene Stadt Guildford gefahren und hatte für alle zwölf Familienmitglieder Essen besorgt. Alle hatten das für sträfliche Geldverschwendung gehalten, da bereits massenweise Lebensmittel im Haus waren. Sein Vater Robert hatte es auch noch beim Essen mehrfach wiederholt (und dabei sein Tikka Masala bis zum letzten Reiskorn genossen).

Guy hatte Bud gerade anvertraut, dass ihn, im Gegensatz zum Rest der Trauergemeinde, der Ausbruch seines Vaters in der Kirche erschreckt hatte. Seiner Ansicht nach war es ein deutliches Alarmzeichen gewesen.

»Frage mich nur, was mit dem Haus passiert«, bemerkte Theo.

»Ist mir egal, da Gran nicht mehr dort wohnt«, fuhr Bud ihn an.

»Ich fürchte, davon kann keine Rede sein, Bud«, entgegnete Theo in seiner aufreizend haarspalterischen Art. Bud hielt es für einen plumpen Flirtversuch. Sie ertappte ihn oft dabei, wie er sie beobachtete, so als sei er von ihrer Intelligenz wie hypnotisiert.

»Die Erbschaftssteuer verschlingt sowieso das meiste«, erklärte Guy uninteressiert. Für ihn sei das ganze Erbprinzip sowieso überkommen, hatte er Bud auf der Fahrt nach Parr’s auseinandergesetzt. Mit einem hochdotierten Job im Bankgewerbe und ausreichend finanziellen Mitteln sagte sich das allerdings leicht. Er hatte Bud in seinem neuen Golf von London aus mitgenommen und diesen neben dem staubigen alten Volvo ihres Vaters geparkt, was wie eine Demonstration ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen gewertet werden konnte.

»Noch vor ein paar Monaten wäre das Haus natürlich noch sehr viel mehr wert gewesen«, behauptete Theo gelangweilt, aber selbstsicher. Er war nur das Sprachrohr seines Vaters, der stets hinzufügte, dass Rechnungen für Ärzte und Pflegepersonal sämtliche Ersparnisse längst aufgezehrt haben mussten.

»Was genau willst du damit sagen, Theo?«, erkundigte sich Bud in absichtlich drohendem Ton.

Theo verstummte augenblicklich erschrocken. Sie wusste sehr wohl, dass er keineswegs andeuten wollte, es wäre besser gewesen, Großmutter wäre vor dem Immobilien-Crash gestorben. Dennoch ließ sie ihn zappeln. Sie wollte ihn loswerden und mit ihrem Lieblingscousin unter vier Augen reden.

Sie warf ihre Zigarette zu Boden. »Kommst du?«, fragte sie Guy bedeutungsvoll und beobachtete mit untypischer Herzlosigkeit, wie Theo sich abwandte, zum Haus zurückschlich und dabei einen Büschel Wiesenkerbel ausriss.

»Tut mir leid«, murmelte sie zu spät. »Aber was denkt er sich eigentlich?«

Sie und Guy gingen nebeneinander her. Vor ihnen lag ein Weg mit einem Mittelstreifen aus struppigem Gras, der zwischen schwarzen, kahlen Bäumen entlangführte. Sie schwiegen eine Weile, bis Bud mit bewusst tonloser Stimme und sachlich erklärte: »Sie hatte versprochen, mir ein Zeichen zu geben, aber nichts da. Ich warte noch immer, Guy.«

Er war der Einzige in der Familie, mit dem sie auf diese Weise reden konnte. Die beiden waren als Kinder oft zusammen bei der Großmutter gewesen, hatten ihre seltsame Verbundenheit mit den Toten intensiv erlebt. Sie seien überall, hatte Celia stets behauptet. Und sie habe keine Angst vor ihnen. Ganz im Gegenteil – ihr sei ihre Gesellschaft willkommen. »Angenommen, dein Haus brennt ab«, hatte Guy einmal gefragt. »Verschwinden die Geister dann?« Die Großmutter hatte eine Grimasse gezogen (aber nur, weil sie eine Woche zuvor geistesabwesend ein Paket Hundekekse auf einer heißen Herdplatte vergessen hatte, was beinahe zu einer Katastrophe geführt hätte). Dann hatte sie energisch erwidert, das sei ausgeschlossen, und einen Schriftsteller namens William Faulkner zitiert: »Die Vergangenheit stirbt nie. Sie ist nicht mal vergangen.« Danach hatte sie – offenbar widersprüchlich – hinzugefügt: »Zum Glück schreibe ich Bücher, sonst würde ich mich an nichts mehr erinnern.«

»Der Gedanke, nie wieder mit ihr reden zu können, ist schrecklich«, sagte Bud, und eine Träne rann über ihre Wange, als sie an die Liebe der Großmutter dachte, an die Neugier, wertvoller als jedes Geschenk, und an die besondere Beziehung, die sie genossen hatten. »Sie war eigentlich gar keine von uns«, fuhr Bud fort und starrte hinauf in den dunklen Himmel, obwohl es keinen Zweifel gab, wer die Familie zusammengehalten hatte.

Sie hörte, wie Guy sich räusperte, als suche er nach tröstenden Worten. Vergeblich.

Dann passierte etwas Merkwürdiges. Bud glaubte mit einem Mal in ihrem grenzenlosen Kummer, eine Stimme zu hören: Ich bin noch immer für euch da, aber von jetzt an müsst ihr euch mit einer einseitig geführten Unterhaltung begnügen. Es klang so realistisch – war so exakt das, was ihre Großmutter gesagt hätte –, dass sie das Gefühl hatte, ihren Geist flüchtig gespürt zu haben.

Hatte Guy es auch gehört? Eine Sekunde später sagte er: »Dad spielt mittlerweile bestimmt verrückt. Gehen wir lieber zurück.«

Sarah, die sich schuldig fühlte, weil sie am Vorabend nicht auf die Sorgen der Schwägerin eingegangen war, gab sich besondere Mühe, nett zu ihr zu sein. Das war nicht schwierig, denn alle liebten Mel. Sie war ebenfalls in einer Offiziersfamilie groß geworden und damit die perfekte Frau für Robert, auch wenn Whoopee ihr den reichlich gemeinen Spitznamen »das Kaltblut« gegeben hatte. Obwohl hübsch und attraktiv, fiel sie deutlich gegen die bildschönen Blondinen ab, denen Robert einst den Hof gemacht hatte. Zum Glück ist sie langmütig, dachte Sarah, denn Robert zeigte sich gerade von seiner enervierendsten Seite und kommandierte alle und jeden herum. Zu allem Übel ging der Wein allmählich aus, wie sie es prophezeit hatten. Dennoch widerstand sie der Versuchung, es ihm triumphierend unter die Nase zu reiben.

»Ich hatte keine Ahnung, dass Celia so viele Leute kannte«, bemerkte Mel. »Siehst du das Pärchen dort drüben? Das sind Imker. Sie haben mir gerade erzählt, dass sie mit ihren Bienen gesprochen hat.«

»Das erklärt den Honig«, sagte Sarah und erinnerte sich an die Gläser mit dem flüssigen Gold, die sie im Küchenschrank gefunden hatten. Sie nahm sich vor, die Sache mit den Bienen später Whoopee in amüsanter Form zu erzählen, denn trotz ihrer langen und glücklichen Ehe fürchtete sie noch immer, seinen Ansprüchen nicht zu genügen.

Mel fuhr in ihrer fröhlichen, bestimmten Art fort: »Ich versuche, die Runde zu machen und mit jedem zu reden.« Sarah jedoch entging nicht, dass Mel ihre Tochter Miranda beobachtete, die eine Quiche Lorraine in schmale Stücke schnitt, während sie mit einer Gruppe älterer Nachbarn sprach, die geduldig mit leeren Tellern warteten. Miranda lächelte – natürlich, denn das war gegenwärtig bei ihr ein Dauerzustand. Sarah sah, dass Mel eine unfreiwillige Bewegung machte, als wolle sie auf die Gruppe zugehen und Miranda loseisen, bevor sie zu viel von sich preisgab. Robert glaubte, Mirandas Schwangerschaft sei ein teuflischer Plan, um Schande über die ganze Familie zu bringen.

Mit siebenunddreißig Jahren und als Wirtschaftsprüferin mit Spitzengehalt war sie noch immer Single. Nie hatte die Familie einen Freund kennengelernt. »Sie kann sich Zeit lassen«, hatten Robert und Mel stets erklärt, denn genau das sagten moderne Eltern (auch wenn Mel ihre beiden Kinder mit Mitte zwanzig bekommen hatte). Miranda allerdings sah das pragmatischer.

Als sie den Eltern eröffnet hatte, dass sie schwanger war, wollte sie lediglich deren Segen (für alles andere konnte sie schließlich selbst aufkommen). Ich wäre glücklich gewesen, dachte Sarah, denn im Gegensatz zu Whoopee sehnte sie sich danach, Großmutter zu werden. Auch Mel hatte sich spontan erfreut gezeigt. Einzig Robert hatte Einzelheiten eingefordert. Und kaum war der Begriff »unbekannter Samenspender« gefallen, hatte er sich beide Ohren zugehalten und war aus dem Zimmer gestürmt. Seither ignorierte er Mirandas Schwangerschaft. Aber das Baby wuchs, belastete seine sonst so harmonische Ehe und vergiftete die Beziehung zu seiner geliebten Tochter.

Celia dagegen hatte erstaunlich reagiert. »Ist doch Mirandas Leben«, hatte sie beharrt und Robert insgeheim noch mit dem Zusatz gereizt: »Und sie tut nichts Unüberlegtes.« Außerdem hatte sie von der biologischen Uhr gesprochen. Und einmal hatte die betagte Dame, die lange vor der sexuellen Revolution geboren worden war, sogar gemurmelt: »In welchem Jahrhundert lebt er eigentlich?«

Oh, wie ich sie vermisse!, dachte Sarah, während ihr all diese Dinge durch den Kopf gingen. Sie sehnte sich nach einem Drink. Da das ausgeschlossen war, sah sie sich nach Whoopee um, damit er sie aufheiterte.

Bet, momentan allein gelassen, beobachtete die Szene aufmerksam vom Sofa aus. Zum Glück funktionierte ihr Gehör noch ausgezeichnet, während die Augen zu wünschen übrig ließen. Was für eine Schande, dachte sie, dass diese Party nicht noch zu Lebzeiten Celias hatte stattfinden können, denn die Familie war vollständig versammelt und, was noch wichtiger war, versuchte, gut miteinander auszukommen.

Sie hörte, wie Charles seinen Sohn mit der typischen, liebevollen Strenge zurechtwies: »Du stinkst nach Nikotin! Wenn du geraucht hast …«

»Habe ich nicht!«, protestierte Theo prompt. »Das waren Bud und Guy!«

Charles ist ein perfekter Vater, dachte Bet, und ein guter Ehemann, auch wenn Margaret das nicht zu schätzen weiß. Bitter, überlegte Bet, die erkannte, wann ein Mann litt. Allerdings brachte sie es nicht fertig, jemanden zu verdammen, den sie so sehr liebte. »Sie kann nichts dafür, dass die Chemie nicht stimmt«, hatte sie einmal Celia gegenüber erwähnt, die wie gewohnt kommentarlos zugehört hatte. »Es funktioniert im Bett nicht. Da liegt der Hund begraben, wenn du mich fragst.«

Margaret hatte geheiratet, als alle der Meinung waren, es sei bereits zu spät. Mit über vierzig Jahren hatte sie noch zwei Kinder geboren. Falls jemand der Meinung ist, Margaret sei gefühlskalt, dachte Bet, musste man sie nur in Gegenwart von Theo und Evie beobachten. Die dreizehnjährige Evie erinnerte sie daran, was für ein schönes Mädchen Margaret einst gewesen war, obwohl das eigensinnige, herrische Kind schon selbst dafür gesorgt hatte, dass ihr Aussehen von ihrer Umgebung als zweitrangig wahrgenommen worden war.

Falls es eine glückliche Ehe gab, dann diese, schätzte Bet und betrachtete Sarah und Whoopee, auch wenn sie vermutete, dass das Zusammenleben mit diesem Mann anstrengend sein musste. Selbst jetzt versuchte er einem Fremden einzureden, er sei klinischer Psychiater (sein Lieblingstrick in einer Gesellschaft, die ihn langweilte). Aber damit nicht genug. Er hatte eine Hand auf Sarahs Hinterteil gelegt und streichelte dieses zärtlich und für alle Anwesenden sichtbar. Bet erinnerte sich an das ernste, pflichtbewusste Kind von früher. Wer hätte je gedacht, dass sie jemanden wie Whoopee heiraten würde? Allerdings war er ausgesprochen attraktiv. Das musste selbst Bet zugeben, die ihn nicht mochte.

»Tante Bet?«

»Ja, mein Lieber«, antwortete sie und sah lächelnd in Roberts ängstliches Gesicht.

»Läuft alles gut?«

»Wie am Schnürchen«, versicherte sie ihm.

Robert schien zufrieden. »Meinst du wirklich?«

»Mummy wäre sehr stolz auf dich.«

Sein Blick schweifte ab. »Wo ist dein Glas?«

»Danke, aber ich habe schon reichlich Wein getrunken«, log Bet.

»Fast an der Zeit, das Feuer im Garten anzuzünden.« Er sah gestresst aus, weil selbst etwas so Simples wie das Feuer organisiert werden musste. »Ich habe Guy die Aufgabe übertragen.«

Bud war es von jeher unmöglich gewesen, Außenstehenden die Familie zu erklären. Es war hoffnungslos. An einem Ende des Spektrums stand der zutiefst konservative Onkel Robert mit seiner militärischen Disziplin, der das Gebet bei den Mahlzeiten sprach. Und am anderen Ende thronte ihr charmanter, verantwortungsloser Vater, der selbst Beerdigungen etwas Positives abgewinnen konnte.

Ihr Mut sank ein wenig, als er auf der Wiese auftauchte und erklärte, er wolle jetzt auf das Feuer aufpassen. In Wirklichkeit, das wusste sie, wollte er nur bei den Enkeln sein, die sich dort versammelt hatten, denn er gesellte sich gern zur Jugend. Zu ihrer Bestürzung entdeckte sie, dass er wohl das einzige Familienmitglied auf der Beerdigung war, das betrunken zu sein schien. Er musste sich einen geheimen Alkoholvorrat zugelegt haben – vermutlich im Gepäckraum seines Autos.

»Keine Feuerwerkskörper«, ermahnte er alle und stolperte dabei über einige Konsonanten.

»Ha, ha«, sagte Evie, die sich verantwortungsbewusst gab, während sie einige Äste nachlegte.

»KEINE SPRÜNGE DURCHS FEUER«, brüllte er unvermittelt, denn im Gegensatz zu Guy hatte ihn Roberts Ausbruch in der Kirche begeistert. Schließlich lieferte er ihm neues Material für die nicht gerade üppige Sammlung Bonmots der Familie.

Evie kicherte. »Ach, sei nicht so kindisch!«

»MAN IST IMMER SO ALT, WIE MAN SICH FÜHLT!« Er gab ihr einen Klaps aufs Hinterteil. »DAS IST MEIN LEBENSMOTTO!«

Buds Bruder Spud saß im Schneidersitz auf der Erde und starrte in die Flammen. Die Geschwister hatten nichts Gemeinsames. Whoopee hatte das noch verstärkt, indem er die beiden gegeneinander ausgespielt, Spuds belanglose Versuche als Dichter in den Himmel gelobt und ihre, wie er fand, »blödsinnige Sucht nach Sicherheit«, verhöhnt hatte. Dennoch vergötterte Bud ihren Vater. Sie verzieh ihm alles.

Aus Guys angespannter Miene allerdings schloss sie, dass Whoopee ihm auf die Nerven ging. Er mochte es nicht, wenn man sich über seinen Vater lustig machte.

Möglicherweise registrierte Whoopee in diesem Moment, dass er zu weit gegangen war. Als Nächstes schien er unvermittelt zu stolpern und in das wild flackernde, knackende Feuer zu rutschen. Er fiel, sodass Evie entsetzt aufschrie und selbst Spud, der es hätte besser wissen müssen, besorgt den Kopf hob.

Kurz vor den lodernden Flammen blieb Whoopee liegen, rappelte sich taumelnd auf, schien erneut auszurutschen und wiederholte die akrobatische Einlage. Evie und Theo brüllten ihn an, beschimpften ihn als dumm und leichtsinnig.

Selbst Guy lächelte jetzt. Typisch Vater, dachte Bud. Er machte das Leben lebenswert. Was auch immer geschah, er brachte sie zum Lachen.

Der Wein war schon lange getrunken, und die Enkel, die zum Abwasch in die Küche abkommandiert worden waren, hatten damit begonnen, Gläser und Geschirr abzuräumen. Schließlich verstanden die letzten Gäste den Wink mit dem Zaunpfahl und begannen, sich zu verabschieden, was das nächste Problem auf den Plan rief. Aber diesmal war es für Robert ein willkommener Anlass, einzuschreiten, denn er sehnte das Ende des Abends herbei. Während die Gäste sich vom Rest der Familie verabschiedeten, hörte man ihn bereits laute Kommandos erteilen, mit denen er das Chaos zu entwirren versuchte, das Spud auf dem Parkplatz angerichtet hatte.

»Ein wunderbarer Gottesdienst«, erklärte Celias Verlegerin – allerdings gehörte ihr nicht der Verlag der ersten Stunde, der ein halbes Jahrhundert zuvor eine junge Frau in sein Programm aufgenommen und aus dem man die Autorin vor Jahren herausgekauft hatte. Sie war eine smarte, erfolgreiche Geschäftsfrau – und von Celias Erbe entzückt. »Wir bleiben in Verbindung«, versprach sie beim Abschied.

»Zauberhaft … großartig … unvergesslich«, lauteten die enthusiastischen Kommentare der Gäste, als sich der Abend dem Ende zuneigte. Margaret fiel auf, dass das Wort »betrügerisch« nicht gefallen war, obwohl Celia in Wahrheit alle getäuscht hatte. Wäre ihr nicht diese außergewöhnliche posthume Publicity zuteil geworden, hätten diese anständigen, einfachen Leute weiterhin geglaubt, sie sei eine von ihnen gewesen.

Im nächsten Moment fand sie sich in Priscillas erstaunlich kräftiger, alles verschlingender Umarmung wieder. War jeder Abschied für sie wie ein Abschied für immer? Oder suchte man als alter, einsamer Mensch den Körperkontakt besonders intensiv? Margaret warf ihrer Schwester einen verzweifelten Blick zu, doch die war mit Whoopee beschäftigt, dessen dunkler Anzug aus irgendeinem Grund voller Gras war.

»Ich habe deine Mutter geliebt, Kleines.«

»Das weiß ich.« Margaret fühlte, wie sie angesichts dieses Gefühlsausbruchs ganz steif wurde.

»Wir waren seit anno dazumal befreundet. Ich habe sogar noch ihre Mutter kennengelernt. Und das war vielleicht ein bizarrer Abend!«

»Ach, wirklich?« Margaret beobachtete, wie ihre Schwester Whoopee das Gras vom Anzug klopfte – wobei beide kicherten. Er ist betrunken.

Priscilla schnaubte wie ein alter Blasebalg in Margarets Nacken. »Sie hat über die alten Zeiten nie gesprochen. Ich mache ihr das nicht zum Vorwurf, Liebes. Es war wegen ihm … sie hat es für ihn getan. Aber weißt du, ich habe sie immer für eine von uns gehalten.«

»Natürlich«, antwortete Margaret, obwohl sie keinen blassen Schimmer hatte, wovon Priscilla faselte.

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung gab Priscilla sie plötzlich wieder frei und machte eine äußerst rätselhafte Geste. Sie nickte mit ernster Miene und fuhr sich mit dem Zeigefinger von rechts nach links über den Mund, als ziehe sie einen imaginären Reißverschluss zu. Dabei hinterließ ihr Finger einen magentafarbenen Schmierfleck auf einer Wange.

Es war Zeit, schlafen zu gehen. Doch einige von ihnen hatten einen letzten Kontrollgang zum Feuer auf der Wiese unternommen. Vom lodernden Flammeninferno war nur noch schwelende Glut übrig, die in wenigen Stunden zu einem Häuflein Asche verbrannt sein würde. Sarah und Margaret weinten in der Dunkelheit, niedergeschlagen angesichts der Symbolik.

Plötzlich ertönte von irgendwo außerhalb ihres Kreises ein scharfes Zischen, und im nächsten Moment fühlten sie sich wie unter Raketenbeschuss. Etwas Undefinierbares explodierte unter unzähligen grellen Lichtblitzen, die zischend und krachend eine halbe Ewigkeit lang über die Wiese zuckten und Evie so nahe kamen, dass sich der sonst so kecke, selbstbewusste Teenager hysterisch schluchzend an seine Mutter klammerte.

Schließlich endete der Irrsinn so schnell, wie er begonnen hatte, mit feuchtfröhlichem Zischen.

Miranda lächelte längst nicht mehr. »Wir hätten … das hätte uns alle …« Sie legte ihre Hände auf ihren Bauch.

»Welcher Idiot hatte denn diese blödsinnige Idee?«, fragte Bud.

»Ja, wer war das?« Sarah warf Whoopee einen etwas ängstlichen Blick zu. Zu ihrer großen Erleichterung allerdings schien er ebenso wütend zu sein wie alle anderen, so als benähme er sich diesmal wie der Rest der anständigen, verantwortungsbewussten Familie, die er seit Jahren mit Spott übergoss.

Evie hatte eine Taschenlampe. Sie fanden einen verräterischen Stock im Boden eingegraben, nur gut sieben Meter vom Feuer entfernt. Offenbar hatte sich jemand aus der Gruppe heimlich entfernt, um eine große Feuerwerksrakete zu zünden. Die Lunte musste unentdeckt im dichten Gras abgebrannt sein, und hatte dem Witzbold damit Zeit genug gelassen, sich in Sicherheit zu bringen.

In Abwesenheit von Robert übernahm Guy dessen Rolle. »Ich gehe der Sache auf den Grund«, verkündete er, und sein Blick wanderte drohend von einem Cousin zum anderen.

Bud allerdings hielt Spud für zu egozentrisch, um so etwas geplant zu haben. Und sosehr Theo auch Aufmerksamkeit liebte, war er für solche Dummheiten viel zu feige.

Wer immer jedoch die Rakete gezündet hatte, hatte dies wohl in bester Absicht getan, sozusagen als letzte sprühende Hommage an die Frau, die sie alle geliebt hatten. Nur Pech, dass die Rakete, nachdem sie Celias geliebte Enkel und den ungeborenen ersten Großenkel in Angst und Schrecken versetzt hatte, schmählich in einem Sumpfloch verpufft war.

3

Es bedarf eines kräftigen Stocks, um die Last zu übernehmen, die das betroffene Bein normalerweise trägt. Stöcke sollten auf der dem schwachen oder verletzten Bein gegenüberliegenden Seite eingesetzt werden. Mag sein, dass das dem widerspricht, was wir intuitiv getan hätten, es erlaubt jedoch eine Stabilisierung der Haltung und eine bessere Entlastung der schwachen Körperpartie.

GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR EINEN SPAZIERSTOCK, GEFUNDENIM ARBEITSZIMMER. AUF DER RÜCKSEITE MIT DER HANDSCHRIFTLICHEN BEMERKUNG: Ich schwanke wie ein wanderer zwischen den welten, unsicher, in welche richtung ich mich wenden soll.MIT GROßER SICHERHEIT IN DEN TAGEN UNMITTELBAR NACH F. B.S TOD GESCHRIEBEN, ALSO NACH DEM 7. JANUAR 1990. AUSGESPROCHEN ZITTRIGE HANDSCHRIFT.

»Wir haben sogar Fasanenpastete«, informierte Sarah Margaret, noch bevor sie die Schwelle von Parr’s überschritten hatte. Sie sprach sehr schnell, so als wolle sie die Angst vor der Rückkehr übertünchen. »Whoopee hat das Picknick vorbereitet. Das heißt, er hat vorgeschlagen, was ich einpacken soll. Wir haben Walnussbrot und Ziegenkäse, Himbeeren und Sahne. Ich bin ja so glücklich!« Sie hielt den Korb mit dem Essen fest umklammert. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie starrte auf die Gummistiefel ihrer Mutter, schmutzverkrustet und von Spinnweben überzogen, die noch immer aufrecht in der Diele standen.

In diesem Moment ertönten ein paar gedämpfte Takte aus Pachelbels Kanon in D-Dur, und Sarahs Melancholie war wie weggewischt. Sie kramte lachend in ihrer unordentlichen Handtasche, förderte einen Lippenstift, Sonnenbrille, Pinzette und eine kleine Pflanzkelle zutage, und erklärte: »Es macht Whoopee verrückt, wenn er beim Telefonieren in die Warteschleife gerät und gezwungen ist, sich diese schrecklichen Pausenfüller anzuhören. Letzte Woche hat er meinen Klingelton, das Leitmotiv vom ›Frühjahr‹ aus den Vier Jahreszeiten abgeändert. Er meint, wenn Vivaldi geahnt hätte, dass seine Musik eines Tages bei den Menschen Mordgelüste auslösen würde, hätte er sich die Komposition zweimal überlegt.« Schließlich bekam sie ihr Handy zu fassen. »Hallo, Liebling. Ja ich bin in Parr’s. Gerade angekommen. Mit mir ist alles in Ordnung, versprochen … Sozusagen.« Ihre Stimme bebte leicht. »Okay, ruf mich später an. Liebe dich auch …« Sie kicherte leicht hysterisch, bevor sie wie die Herren und Damen in der Telefonvermittlung, die Whoopee so hasste, hinzufügte: »Bleiben Sie in der Leitung!« Und Margaret konnte seine gespielt wütende Stimme hören, während er kilometerweit entfernt in London auflegte.

»Fangen wir lieber an«, sagte sie, obwohl Sarah gerade erst angekommen, es fast ein Uhr war und sie an nichts anderes denken konnte als an ein schönes Picknick. Ihre Züge wurden hart, während sie an ihren gut aussehenden Schwager dachte und sich das amüsante Leben der Schwester und eine Ehe vorstellte, die wie eine Offenbarung gewesen sein musste. Sie würde ihren Mann Charles zwar einige Tage nicht sehen, konnte die verbitterten gemeinen Gedanken an das, was aus ihr geworden war, jedoch nicht abstellen.

Sie war eine halbe Stunde vor Sarah ins Haus gekommen. Die Blätter des wilden Weins, der den ganzen Sommer die Klinkerfassade überwucherte, verfärbten sich bereits rot. Das Anwesen sah so aus, als wäre es länger als nur ein paar Wochen verlassen. Während sie noch nach den Schlüsseln gekramt hatte, hatte drinnen das Telefon zu klingeln begonnen, verstummte jedoch, kaum dass sie es erreicht hatte. Einen Anrufbeantworter gab es nicht. Dafür war sie sogar dankbar. Sie hätte es vermutlich nicht ertragen, die Stimme der Mutter auf Band zu hören – als letztes Überbleibsel physischer Präsenz wie der Kondensstreifen eines längst verschwundenen Flugzeugs am Himmel. Sie hatte die Nummr 1471 gewählt und erfahren, dass diese unterdrückt gewesen war. Daraus hatte sie spontan geschlossen, dass es ein Journalist gewesen sein musste, was sie jedoch nach reiflicher Überlegung wieder verwarf. Die Zeitungen waren mittlerweile voll von Berichten über Parteitage und die Spannungen im Nahen Osten. Inzwischen schien der Hype um eine Achtzigjährige fast eine verrückte Sommerlaune gewesen zu sein.

Einst hatte der von ihr so geliebte, autoritäre Vater den Ton ganz nach Soldatenart im Haus angegeben. Kein langes Ausschlafen; kein Herumlungern bei schönem Wetter; kein Jammern und Schwächeln. Er war klug, aber nicht intellektuell gewesen. Stress oder Probleme wurden durch einen schnellen Spaziergang oder eine anstrengende Partie Tennis bewältigt. Ein grausames Schicksal hatte ihn die letzten zwanzig Jahre seines Lebens, gelähmt und der Sprache nicht mehr mächtig, an den Rollstuhl gefesselt. Ein Los, das ihm vor Augen geführt haben musste, dass Selbstmitleid und Depressionen durchaus ihre Berechtigung haben konnten.

Nach seinem Tod hatte Celia viele Jahre allein in Parr’s gelebt, über ihren Schreibtisch gebeugt, sogar bei schönstem Sommerwetter. Sie hatte es sich nicht gestattet, geistig zu verkümmern, wie das bei vielen alten Menschen der Fall war. Sie hatte in ihrem Arbeitszimmer in der Mansarde gesessen, sich stundenlang konzentriert, während Arthritis sich in ihre Gelenke fraß und ihre Augen schmerzten, hatte Bücher geschrieben, die sie berühmt machten. Nach getaner Arbeit war das Haus voller Stimmen gewesen: Das Radio lief die ganze Nacht, hallte im Lauf der Jahre immer lauter durch die Räume, während ihr Gehör nachließ.

»Es ist so still hier«, stellte Sarah fest und dachte an die Reportermeute, die sie tagelang belagert hatte. Kamerateams hatten das Haus gefilmt – sowie die Nachbarn, und einmal sogar den alten Hund der Mutter.

»Klingt, als würdest du sie vermissen.«

»Ich vermisse es, über sie zu reden.«

»Das können wir weiterhin tun«, entgegnete Margaret ein wenig hilflos.

»Und es fehlt mir, mit ihr reden zu können.« Eine Träne fiel auf Sarahs Pullover.