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"Es gibt noch allerhand Dinge, die ich ihn gerne fragen würde. So vieles, was mir durch den Kopf schwirrt." Amelie steht völlig neben der Spur, seit sie ihren lieben Papa verloren hat. In ihrer Trauer gefangen, kämpft sie damit, den Verlust anzunehmen. Auf surreale Weise findet sie zu ihm und führt ein letztes Vater-Tochter-Gespräch, um alle Fragen zu klären, die sie seit seinem plötzlichen Tod beschäftigen. Eine Geschichte über das Abschiednehmen, das Leben und den Mut, auf die innere Stimme zu hören.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Jedes Wort, jede Zeile, jede Seite ist für dich, Papa. Du hast mir das Lesen nähergebracht, mich ermutigt, zu schreiben und an meine Träume zu glauben. Dafür bin ich dir unendlich dankbar. Für das und für vieles mehr.
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
MEINE INTENTION
Papa summt vor sich hin. Im Radio läuft Live is Life. Er wirkt beschwingt und klopft locker auf das Lenkrad, während er mehr oder weniger aufs Gas steigt.
„Du magst dieses Lied“, bemerke ich und Papa grinst.
„Ja, das und das eine von diesem dicken Hawaiianer mit der Gitarre.“
„Der Dicke mit der Gitarre“, wiederhole ich lachend und kann nur den Kopf schütteln. „Du meinst das Lied Somewhere over the rainbow”, korrigiere ich ihn, woraufhin er zustimmend nickt. Ich schaue aus dem fahrenden Auto und beobachte die Leute, die auf dem Gehweg auf und ab spazieren. Sie sind fast gleich schnell wie wir.
„Weißt du eigentlich, dass das Lied, das soeben im Radio spielt, von Mama und mir ist?“, fragt er und den kurzen Moment, den er zu mir blickt, leuchten seine Augen.
„Oh mein Gott, dann haben Opus euch den Song geklaut?!“, ziehe ich Papa durch den Kakao und lache. Was für eine Vorstellung: Meine Eltern auf der Bühne, umgeben von tausenden Fans, die begeistert im Takt mitklatschen. Das passt genauso wenig zusammen, wie wenn ich die Fußball-Nationalmannschaft trainieren würde.
„Nein, ich meinte, dass es unser Lied ist. So ein Pärchen-Ding“, erklärt mir Papa verschmitzt und nun lache ich erst recht.
„So ein Pärchen-Ding“, zitiere ich ihn schmunzelnd.
„Da versucht man einmal ein vernünftiges Vater-Tochter-Gespräch zu führen und das kommt dabei heraus“, gibt er seinen Senf hinzu und wirkt genauso amüsiert wie ich über unseren Dialog.
„Ich mach doch bloß Spaß. Ich wusste schon bei deiner ersten unglücklichen Formulierung, was du meinst“, versichere ich und bitte ihn, weiterzuerzählen.
„Das Lied lief in der Disco, in der ich mit Mama war. Wir hatten uns am selben Tag kennengelernt. Das war in Griechenland. Wie verrückt das Leben manchmal läuft. Da lernt man eine flotte Biene aus Niederösterreich ausgerechnet in Griechenland kennen! Nicht, dass sie mir vielleicht am Wörthersee über den Weg gelaufen wäre, nein.“ Papa schwelgt in Erinnerung und ich weiß nicht, was ich unterhaltsamer finde: dass er mit Mama die Disco unsicher gemacht hat oder sie als flotte Biene bezeichnet. „Ach, was war das für ein grandioser Abend. Die ganze Nacht über haben wir getanzt, gelacht und ja, geküsst habe ich sie auch.“ Papa plaudert verliebt aus dem Nähkästchen und kann sich das Grinsen nicht verkneifen, dass er Mamas Herz wenige Stunden nach ihrer ersten Begegnung für sich gewann. An dieser Stelle nehme ich mir fest vor, dass ich Mama mal nach ihrer Version frage. Papa übertreibt gern. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich ebenfalls mit dieser Eigenschaft gesegnet bin, und diese habe ich eindeutig von ihm. Tja, wie war das nochmals mit dem Apfel und dem Stamm. „Jetzt sind wir über dreißig Jahre verheiratet und ich liebe deine Mutter wie am allerersten Tag.“
„Ohhh, wie romantisch … Als würde ich mit meiner besten Freundin quatschen“, albere ich und finde es gleichzeitig herzig, dass er diese Erinnerung mit mir teilt.
„Live is Life“, legt er noch eines drauf und schmunzelt über sich selbst. Die Ampel blinkt. Papa bleibt stehen, obwohl es sich locker ausgegangen wäre, noch die Straße zu überqueren. Aber nein, er wartet lieber, bis die Ampel wieder auf Grün springt. Zum Ärger von den Autofahrern hinter uns. Das macht er jedes Mal und meint dann frech, dass er keinen Stress hat. Schließlich ist er Pensionist.
„Wir freuen uns, wenn du wieder da bist“, sagt er und verrenkt sich fast den Kopf, während er die Ampel fixiert und dabei das Lenkrad fest umklammert, als könnte ihn jemand bitten, auszusteigen. Was dem Fahrer hinter uns und ein paar anderen Mitmenschen sicherlich nicht so unrecht wäre.
„Ach, Papa. Ich bin doch nicht lange weg. In lausigen vier Wochen gehe ich euch wieder auf die Nerven, versprochen.“ Papa zuckt daraufhin bestätigend mit den Schultern. „Stimmt … Trotzdem, wir freuen uns.“ Erneut sieht er mich an und lächelt. Da schwenkt die Ampel auf Grün und ehe er reagiert, wird hinter uns hysterisch gehupt. „Wir lassen uns nicht hetzen“, murmelt er, während er langsam aber doch das Gaspedal benützt.
Im Schneckentempo geht’s dahin. Als Paps Beifahrerin muss man eine große Portion Geduld mitbringen. Und das ist eine Tugend, die ich normalerweise nicht mitbringe. Da macht mich seine überaus entspannte Fahrweise wahnsinnig. Vermutlich liegt das aber daran, dass ich für gewöhnlich irrsinnig gestresst bin. Dann hetze ich ihn, dass er sich beeilen soll. Heute ist es ausnahmsweise mal anders. Wir haben es pünktlich aus dem Haus geschafft, oder besser gesagt ich habe es endlich mal pünktlich geschafft, und bin deshalb super gelassen. Der Zug geht erst in einer halben Stunde nach Wien.
Gemütlich biegt Papa in die Tiefgarage vom Bahnhof ab. Wir rollen gemächlich die Einfahrt hinunter. Papa zieht ein Ticket und die Schranken gehen auf.
„Sesam öffne dich“, kommentiert Papa und ich sag kurzerhand hex-hex, bloß um uns gegenseitig zum Lachen zu bringen. Und schon ist der magische Moment auch wieder vorbei.
„Schön, dass du da warst“, sagt Papa zum x-ten Mal. Ich lächle und weise ihn ein, wie er sich einparken soll. Natürlich ignoriert er das gekonnt und parkt sich aus Trotz woanders hin. Der Wagen hält. Papa summt vor sich hin und es klingt von der Melodie her nach dem Song von vorhin. Wir steigen aus und er reicht mir meinen Koffer.
„Soll ich noch mitkommen?“, fragt er fürsorglich, allerdings lehne ich dankend ab.
„Schon gut. Mit fast dreißig schaffe ich das selbst, mich durch den Bahnhofsdschungel zu schlagen“, albere ich.
„Ach, Amelie. Ich möchte einmal erleben, dass du mir normal antwortest.“ Diesen Satz höre ich von ihm öfters.
„Ach, Daddy. Ich möchte einmal erleben, dass du mich nicht daran erinnerst. Das ist doch langweilig und so sind wir ja nicht.“
Papa lacht. „Stimmt allerdings.“
„Ich muss zum Ticketschalter und hole mir noch was von der Bäckerei. Schließlich habe ich alle Zeit der Welt. Was so viel heißen soll wie: Danke, ich komm zurecht. Also fahr heim und genieß dein Pensionisten-Dasein. Deine flotte Biene ist bestimmt bald von der Arbeit zurück und ihr könnt euch noch einen erholsamen Nachmittag machen. Wer weiß, vielleicht gibt’s heute Abend ein Honigbrot.“
Daraufhin blödeln Papa und ich herum, wie Mama im Bienenkostüm Honigbrote verteilt.
„Das wäre ja mal ein kreativer Marketinggag“, muss ich zugeben und füge hinzu, wie schade es ist, dass ich in keine Imker-Familie hineingeboren wurde.
„Das sagt die Veganerin unter uns“, meint Papa.
„Touché!“, kichere ich und drücke Papa fest an mich. „Hab dich lieb, Daddy“, sage ich, während er mich fest im Arm hält.
„Ich dich auch. Ich bin stolz auf dich“, setzt er noch eines drauf. „Du wirst deinen Weg schon machen. Lass einfach alles auf dich zukommen.“
„Jaaa, mach ich …“, antworte ich auf seine lieb gemeinte Predigt und lass ihn los. „Ne, noch einmal“, ändere ich meine Meinung und schon gibt es eine weitere Umarmung. Und dann noch eine, schließlich sind alle guten Dinge drei. Papa lacht. Er amüsiert sich immer wieder über unseren theatralischen Abschied. Perfekt, dass wir heute so überpünktlich sind, sonst wäre sich dieser nicht ausgegangen.
„Hab eine angenehme Fahrt. Wird sicherlich schnell vergehen. Hab dich lieb“, sind Papas letzte Worte und ich schmunzle, dass er sich wiederholt.
„Ja, Papa. Spread the love. Bis daaann!”, nehme ich ihn aufs Korn und ruf ihn noch zu, dass er der beste Papa auf der Welt ist. Peinlich berührt lacht er. Demzufolge sage ich gespielt mahnend, dass er brav bleiben soll.
„Du aber auch!“, ruft er zurück und winkt. Ich rolle den Trolley hinter mir her und gehe zum Eingangsbereich vom Bahnhof. Es ist eine automatische Glastüre, durch die ich nochmals durchblicke und Papa dabei beobachte, wie er zum Kartenautomat schlendert, damit er wieder aus der Garage kommt. Ich bleibe kurz stehen, was er nicht mitbekommt. Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl in der Bauchgegend, welches ich gleich beiseiteschiebe. Generell habe ich öfters die Sorge, dass es der letzte Moment sein könnte, den man mit einem geliebten Menschen teilt. Traurigerweise war das solch einer. Ohne es zu wissen und ohne jegliche Vorwarnung war das die letzte Begegnung, die ich mit Papa hatte. Unser letztes Gespräch. Unsere letzte Umarmung. Rückblickend frage ich mich, ob es an diesem Tag so sein hat sollen, dass unsere letzten Minuten derart locker und ohne Zeitdruck abliefen. Dass ausgerechnet dieser Tag eine der wenigen Male war, dass wir nicht zum Bahnhof gestresst sind, sondern alles gemütlich verlief und wir uns in Ruhe verabschieden konnten. Als ob es so sein musste, dass Papa und ich noch einen letzten Papa-Tochter-Augenblick hatten, ehe wir für immer entzweit wurden.
Was man sich ausmalt, wie das Leben zu verlaufen hat? Welch außergewöhnliche Dinge man erleben will. So viele unvergessliche Momente wie möglich sammeln. Lachen, Spaß haben, neue Eindrücke gewinnen. Hindernisse meistern, Pläne schmieden und hinnehmen, dass keiner davon aufgeht. Spontan sein und gefühlt die Welt erobern. Jeden Tag genießen, als ob es der letzte wäre. Mit dem Hintergedanken, dass das Leben unendlich zu sein scheint. Kaum jemand macht sich dabei Gedanken, wie es wirklich wäre, wenn man bloß noch einen Tag zu leben hätte. Vierundzwanzig Stunden. Tausendvierhundertvierzig Minuten.
Niemand geht davon aus, dass seine eigene Geschichte lediglich aus ein paar Kapiteln bestehen könnte. Hoffen wir nicht alle, dass es stattdessen ein Besteller wird? Unzählige Seiten. Ein richtiger Wälzer, der nicht aufhört, spannend zu bleiben. Ein Abenteuer, das Zeile für Zeile fesselt und voller Emotionen gepackt ist, die einen nicht mehr loslassen wollen. Mit filmreifen Szenen, Freude, positiven Gedanken und wundervollen Anekdoten gefüllt, die man sich im hohen Alter gerne zurück ins Gedächtnis ruft. Wenn Herausforderungen und Sorgen rückblickend winzig klein erscheinen oder einfach als die beste Lektion überhaupt. Dann, genau dann, wenn einem die vielen Falten im Gesicht egal sind und man sich locker zurücklehnt, freut man sich über jede einzelne Peinlichkeit, die einem herzhaft zum Lachen brachte. Dann erinnert man sich zurück. An das junge Ich, die Leichtigkeit, die Lebensfreude. Man spürt sie am gesamten Körper, in jeder einzelnen Zelle. Man sieht sich die eigene Lebensgeschichte von einer anderen Perspektive an, und zwar immer und immer wieder. Vielleicht sogar in Endlosschleife. Kein Wunder, denn was gibt es Schöneres, als diese Bilder zum hundertsten Male abzuspielen?
