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1. Teil des Romans: Die französische Romanautorin Rosa Mansier und der britische Schauspieler Thomas Patrick Savage lernen sich bei Dreharbeiten in der Bretagne kennen. Rosa verliebt sich auf der Stelle in den wesentlich jüngeren Mann, der ihre Gefühle zu erwidern scheint. Trotz aller Bedenken wegen des großen Altersunterschieds beginnt sie eine Beziehung mit Tom und die Liebenden stellen fest, dass sie eine tiefe Seelenverwandtschaft miteinander verbindet. Doch ihrem Glück steht eine fatale Diagnose im Weg: Rosa ist unheilbar an Krebs erkrankt. Als der ahnungslose Tom in seine Wahlheimat Los Angeles zurückkehren muss, scheint das Ende ihrer Liebe besiegelt zu sein.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Claudia A. Wieland
Für immer Rosa
1. Nordbretagne
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I. NORDBRETAGNE
Ein Mädcheninternat in Frankreich
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Impressum neobooks
C’est en vérité un lieu admirable, et j’avais de la peine à détacher mes regards de cette mer blanchissante d’écume, d’où sortent çà et là les têtes verdâtres d’une multitude des rochers aux formes fantastiques. Ce coin de terre semble exceptionnel.
Es ist Abend, kurz vor der Schlafenszeit. Ein blasses, rotblondes Mädchen mit ausdrucksvollen, grünen Augen und weichen, ebenmäßigen Gesichtszügen, vielleicht zehn Jahre alt, sitzt auf seinem Bett in dem großen Schlafsaal. Die Kleine hat ihr weißes, am Saum mit zarter Spitze besetztes Nachthemd weit über die angewinkelten Beine gezogen, fast bis zu den kleinen Füßen, die in merkwürdig groben Wollsocken stecken. Eifrig kaut sie an einem Bleistift und starrt angestrengt auf das Heft auf ihren Knien, die Stirn in kleine Falten gelegt.
Liebste Maman,
jetzt bin ich schon 3 Monate hier und endlich komme ich dazu, Dir zu schreiben. Das Internat gefällt mir ganz gut und die Direktorin und die Mädchen sind nett. Ich habe auch schon ganz viele Freundinnen gefunden.
Ob das Essen gut schmeckt? Natürlich nicht so gut wie das, was Du für mich gekocht hast, aber ich esse immer alles auf. Mach’ Dir bitte keine Sorgen!
Ich habe auch bestimmt kein Heimweh!!!
Ich habe ganz tolle Noten in den Naturwissenschaften. Und auch in Musik und Englisch bin ich sehr gut. In Latein und Sport klappt es nicht so richtig. Ist das schlimm? Ich brauche aber in keinem Fach Nachhilfestunden! Nicht, dass Du das denkst!
Im Unterricht darf ich nicht so viele Fragen stellen, weil sie mich dann einen Quälgeist nennen. Ist das Quälen, wenn ich von den Lehrerinnen Sachen wissen will, die wir hier sonst nicht lernen? Ich will ihnen doch nicht wehtun!
Vielleicht kannst Du mir bei ein paar Fragen helfen? Warum kann ich in meinen Träumen fliegen? Du hast mir einmal erklärt, was eine schöne Seele ist. Weißt Du das noch? Aber kann man auch ohne Seele leben? Oder warum sind manche Menschen überhaupt nicht lieb? Und noch was muss ich unbedingt wissen. Wie lange muss ich bis zu der Stelle schwimmen, wo die Sonne im Meer untergeht? Kann ich das schon mit 10 Jahren? Und ist das Wasser da auch im Dunkeln schön warm?
Wir müssen mal wieder zusammen erzählen, wie früher, wenn wir abends im Bett gekuschelt haben.
Ich muss jetzt wieder Schluss machen, denn gleich ist Zeit zu schlafen und ich muss mir noch die Zähne putzen.
Du bist die beste Maman auf dieser Welt!
Ich umarme Dich. Deine Zabou.
P.S. Papa wollte jede Woche anrufen, aber er hat im Moment wohl nicht so viel Zeit. Er hat mir Wollsocken geschickt, damit ich nicht frieren muss. Das ist doch lieb von ihm, oder? Wenn er mich das nächste Mal besuchen kommt, bringt er mir ganz bestimmt meinen Lieblingskuchen mit. Und dann fahren wir vielleicht zu Dir, um …
Die Tür zum Schlafsaal wird aufgerissen und eine Schar von etwa gleichaltrigen Mädchen in bunten Pyjamas kommt hereingestürmt.
»Ah, da ist ja unsere kleine Märchenerzählerin.« Die Stimme des stämmigen Mädchens, das die Gruppe anführt, klingt keineswegs freundlich. »Na, was schreibst du denn da schon wieder?« Sie geht schnurstracks auf das Bett zu, entreißt der vor Schreck erstarrten Kleinen das Heft und liest in spöttischem Tonfall laut vor. Dann lacht sie hysterisch auf. »Sieh mal einer an! Sie hat schon ganz viele Freundinnen gefunden! Ja welche denn? Hier will doch niemand mit dir spielen, du unschuldiges Engelsgesicht. Willst doch nur was Besseres sein!«
Die Kleine hat jetzt ihre Ärmchen ganz fest um ihre Knie geschlungen und blickt verängstigt in die Runde der anderen Mädchen, die bestätigend nicken und miteinander tuscheln.
Die Anführerin schaut verächtlich auf die Neue, die hier bestimmt nicht willkommen ist. Seit geschlagenen drei Monaten weigert sie sich doch tatsächlich, sich den Spielregeln der Mädchen zu unterwerfen. Lieber kritzelt sie abseits von den anderen immerzu irgendwas in ihre Hefte.
»Ständig denkst du dir Geschichten aus, die gar nicht stimmen. Ich habe alles gelesen, was du da in deiner blöden Kiste unter dem Bett aufbewahrst. Über die Meerjungfrau, die bei Sonnenuntergang brave kleine Mädchen in ihr Reich mitnimmt und mit goldenen Muscheln beschenkt. Und über den Prinzen, der angeblich kommt und dich holt. Ha, ha, dass ich nicht lache! Womöglich ein Prinz aus … aus … na eben da, wo sie den ganzen Tag Tee trinken. Das hättest du wohl gerne, Mademoiselle Aschenputtel! Wo sind denn deine gläsernen Pantöffelchen? Ach ja, die hast du ja gegen doofe Schafswollsocken eingetauscht. Und deine Mutter soll die beste Mutter auf der Welt sein? Wo ist sie denn? Nie kommt sie dich besuchen.«
»Sie ist Konzertpianistin und reist durch die ganze Welt«, flüstert die Kleine trotzig. »Ich bin nur für ein paar Monate hier. Nach der Tournee kommt Maman, um mich abzuholen.«
»Du Lügnerin!« Die Anführerin packt die Kleine am Arm und zerrt sie aus dem Bett. »Lügnerinnen gehören bestraft!«
Die Mädchen drängeln und schubsen die Kleine in Richtung Waschraum und hinein in einen der nach vorne hin offenen Duschplätze, die durch blanke Mauern voneinander getrennt sind. Die Anführerin dreht den Kaltwasserhahn auf, mit weit ausgestrecktem Arm, um sich ja nicht den Schlafanzug nass zu machen. Dann schubst sie das Opfer unter den harten Strahl, der mit unbarmherziger Kälte auf den Kopf der Kleinen prasselt. Die seidigen Haare und das zarte Nachthemd sind auf der Stelle durchnässt und hängen kraftlos herunter. Nur die groben Wollsocken saugen das Wasser gierig auf.
Die anderen Mädchen kreischen vor unverhohlenem Entzücken und klatschen in die Hände.
Die Kleine rührt sich nicht. Die Augen krampfhaft geschlossen, die Arme starr an den aufrechten Körper gepresst, mit angehaltenem Atem, steht sie da, vollkommen regungslos, wie in Trance.
Bald haben die Mädchen genug, weil sich ihr Opfer nicht wehrt. Es wird ihnen langweilig. Auch kommt gleich die Kontrolle des Schlafsaals. Da müssen die Lichter ausgeschaltet sein! Und es muss absolute Ruhe herrschen! Vorsorglich dreht die Anführerin das plätschernde Wasser wieder ab, bevor sich die immer noch lärmende Rotte abwendet. Die Mädchen putzen sich die Zähne, löschen dann das Licht und verlassen den Waschraum, ohne die Kleine auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen
Erst jetzt sinkt sie in sich zusammen und drückt sich in eine Ecke. Sie bebt am ganzen Körper vor Kälte und Schutzlosigkeit. Lange hockt sie so da und horcht auf jeden Laut in der Dunkelheit. Als alles still geworden ist, rappelt sie sich endlich auf und schleicht in den Schlafsaal, um sich zu ihrem Bett vorzutasten und unter die Bettdecke zu kriechen. Ihr nasses Nachthemd klebt an ihrem Körper und die Socken zerkratzen ihre Zehen, aber es ist zu dunkel, um die Schuluniform, geschweige denn andere Anziehsachen zu finden. Und nackt zu schlafen ist strengstens verboten.
Die regelmäßigen Atemzüge aus den anderen Betten zeigen der Kleinen an, dass ihre Widersacher im Moment tief und fest schlafen. Es braucht lange, bis sie sich in den Schlaf gezittert hat. Ganz leise, um bloß niemanden zu wecken.
XXX
»Sehr verehrte Frau Direktorin, wie stellen Sie sich das vor? Ich kann doch jetzt nicht kommen. Ausgeschlossen. Meine Frau ist unpässlich. Sie ist nervlich sehr angeschlagen. Da darf und kann ich sie nicht alleine lassen. Außerdem habe ich dringende geschäftliche Termine, die es mir ebenfalls nicht erlauben, mich von hier zu entfernen. Hat sie eigentlich die wunderbaren Wollsocken bekommen, die ihr meine Frau geschickt hat? Wahrscheinlich ist sie mal wieder barfuss durch die Gegend gelaufen und hat sich deshalb erkältet. Nichts als Sorgen hat man mit diesem Mädchen.«
»Aber Monsieur, ihre Tochter ist wirklich krank. Sie hat eine schwere Bronchitis, die sie sich wer weiß wo zugezogen hat und die sich zu einer Lungenentzündung ausweiten könnte, wenn sie sich nicht in Acht nimmt. Der Arzt hat ihr strengste Bettruhe verschrieben. Nur können wir deren Einhaltung natürlich nicht Tag und Nacht kontrollieren. Da müssten wir ja eine persönliche Aufpasserin engagieren.«
»Tun Sie einfach alles, was in Ihrer Macht steht! Schließlich bezahle ich genug für Elisabeths Versorgung. Nicht zu vergessen meine regelmäßigen und, ich möchte sagen, großzügigen Spenden.«
»Also gut, Monsieur. Wie Sie meinen. Aber da wäre noch etwas. Ähm… Wo ich schon mal die Gelegenheit habe, mit Ihnen persönlich zu telefonieren. Ähm… Darf Ihre Tochter private Klavierstunden nehmen? Sie hat sich nämlich neuerdings in den Kopf gesetzt, Pianistin zu werden. Die Stunden müssen natürlich extra bezahlt werden.«
»Was für ein Unsinn ist das denn jetzt schon wieder? Erst Schriftstellerin, dann Pianistin! Was denken Sie, warum wir sie auf dieses teure Mädcheninternat schicken? Sie soll etwas Vernünftiges lernen, damit sie später mal auf eigenen Beinen stehen kann. Hast du das gehört, Liebling? Elisabeth will jetzt Pianistin werden und deshalb Klavierstunden nehmen. Was sagst du dazu? … Natürlich, du hast ganz Recht! Unnützer Zeitvertreib ist das. Als wenn ich nicht schon genug bezahlen würde. Kommt überhaupt nicht in Frage. Meine Frau ist da ganz meiner Ansicht. Haben Sie das verstanden, Frau Direktorin?«
»Natürlich, Monsieur. Und was darf ich ihr ausrichten? Wann werden Sie sie besuchen kommen?«
»Wenn es meine Zeit erlaubt. Im Übrigen muss ich dieses Gespräch nun beenden. Ich muss meiner Frau jetzt dringend beistehen, denn unser Gärtner hat gekündigt.«
XXX
Einige Wochen später. Unsere Kleine sitzt auf einem von der Sonne beschienenen Felsen am Strand, abseits von den im seichten Wasser herumtobenden, lärmenden Mädchen, und schreibt in ihr Heft. Das unvollendete Post Scriptum des letzten Eintrags hat sie ganz energisch durchgestrichen.
Liebste Maman,
ich komme erst jetzt wieder dazu, Dir zu schreiben. Du weißt sicherlich, dass ich krank war. Aber es war nicht so schlimm! Ich habe viel geschlafen und, wenn ich durfte, gelesen. Und ich habe geschrieben. Aber nur ganz heimlich. Hier sagen nämlich alle, dass Geschichten ausdenken wie Lügen ist. Du weißt, dass das nicht stimmt! Schreiben ist ein bisschen wie Klavierspielen. Glaube ich jedenfalls. Ich setze einen Buchstaben hinter den anderen, ein Wort hinter das andere, wie Töne in einem Klavierstück, und plötzlich ist da um mich herum eine ganz andere, eine richtig schöne Welt, die mich zum Lachen bringt. Ich bin so froh, wenn ich schreibe. Dann fühle ich mich wie ein Vögelchen, wenn jemand vergessen hat, die Tür vom Käfig zuzumachen. Es kann dann nämlich immer wegfliegen, wenn es Lust dazu hat. Und wiederkommen, wenn es das will.
Vielleicht bekomme ich ja auch bald richtige Klavierstunden. Das wäre ganz, ganz toll. Ich hoffe, dass die Frau Direktorin Papa um Erlaubnis gefragt hat.
Ich weiß, dass es nicht richtig ist, Dich anzuschwindeln. Das mit den vielen Freundinnen stimmt nämlich nicht. Ich habe noch keine. Aber das macht nichts. Glaube mir, ich schaffe das schon. Du musst mir nur ein bisschen vertrauen.
Ich umarme Dich. Deine Zabou.
P.S.: Habe ich Dir schon gesagt, dass mir Papas neue Frau warme Socken geschenkt hat? Ich glaube, sie mag mich doch, obwohl ich einfach so ins Internat gegangen bin und sie mit der ganzen Arbeit zuhause im Stich gelassen habe.
Noch ein P.S.: Leider konnte ich Dich immer noch nicht besuchen, aber ich frage die Direktorin, wann ich kommen kann.
XXX
»Guten Tag, Frau Direktorin. Darf ich hereinkommen?« Die Kleine lugt vorsichtig durch den Türspalt.
»Tritt ein, Elisabeth! Ich habe sowieso mit dir zu reden.«
Die Kleine schlüpft durch den Spalt, schließt behutsam die Tür, tritt an den großen Schreibtisch heran und blickt erwartungsvoll in das strenge Gesicht der Schulleiterin.
»Nun, zunächst einmal muss ich dir mitteilen, dass deine Bitte, Klavierstunden nehmen zu dürfen, von deinem Vater abschlägig beschieden worden ist.«
»Abschlägig be….?«
»Abschlägig BE-SCHIE-DEN. Will heißen, dass dein Vater nicht wünscht, dass du Klavierstunden nimmst.«
Die Kleine möchte so gerne mal ordentlich mit dem Fuß auf dem Boden aufstampfen. Nie hat sie einen Extrawunsch gehabt. Nie, nie, nie. Nur dieses eine, einzige Mal. Aber sie ballt nur die Fäuste und stößt hervor: »Wenn ich doch so gerne möchte …«
»Kleines Fräulein, hier ist nicht der richtige Ort, um Widerworte zu geben. Es ist so, wie es ist. Keine Diskussion.«
»Ja, Frau Direktorin.« Die Kleine senkt den Blick und knickst höflich.
»Und? Was gibt es sonst noch zu besprechen?«.
Die Kleine ist ziemlich eingeschüchtert von der schroffen Art der Schulleiterin. Mit dem rechten Daumen massiert sie heftig die Innenfläche ihrer linken Hand. Doch sie nimmt all ihren Mut zusammen, denn ihr Anliegen ist sehr, sehr wichtig. »Ich wollte fragen, ähm… ob ich meiner Mutter ähm… ein paar Blumen bringen darf?«
»Wie stellst du dir das vor? Du kannst doch nicht alleine dorthin fahren. Wer soll dich denn begleiten? Das ist ja fast eine Weltreise. Jedenfalls für ein kleines Mädchen wie dich.«
»Ich dachte, vielleicht könnte die Köchin … an ihrem freien Tag … ich meine … mit mir kommen?«
Zum ersten Mal während des Gesprächs zeigt sich der Anflug eines Gefühls auf dem Gesicht der Direktorin. Entfernt erinnert es an Mitleid. Ihre Stimme wird milder.
»Ach Kind, ich will ja kein Unmensch sein, aber das geht wirklich nicht. Du musst schon warten, bis dein Vater herkommt und dich mitnimmt.«
»Aber dann bekommt Maman zu ihrem Geburtstag ja kein Geschenk von mir!«
»Was wolltest du ihr denn schenken?«
»Eine Geschichte. Ähm… Die habe ich schon vor ganz, ganz langer Zeit geschrieben. Wirklich! Als ich noch neun Jahre alt war. Über eine Konzertpianistin und ihre kleine Tochter, die sie überallhin auf der Welt begleiten darf. Sie hat einen Privatlehrer, der ihr alles beibringt, was man in der normalen Schule lernen muss. Und noch viel, viel mehr. Alles, was sie wissen will. Und von ihrer Mutter lernt sie das Klavierspiel. Die beiden sind immer zusammen. Sie haben sich nämlich unheimlich lieb.«
»Vielleicht wollen wir deiner Mutter die Geschichte schicken?«
»Aber das geht doch gar nicht. Das weiß doch jedes Kind.« Die Kleine lächelt mitleidig. »Es gibt doch gar keine Adresse. Ich meine, von da oben.« Sie richtet ihren Blick zur Zimmerdecke. Dann fixiert sie mit ihren undurchdringlichen Augen, die jetzt von zusammengezogenen Augenbrauen überschattet werden, das Gesicht der ältlichen Pädagogin. Das Lächeln ist einem äußerst entschlossenen Gesichtausdruck gewichen. »Aber ich könnte die Geschichte in eine kleine Schachtel tun. Die von den Pralinen, die ich von Papa zu Weihnachten bekommen habe. Die habe ich nämlich mit buntem Einwickelpapier beklebt. Und eine rote Schleife habe ich auch noch. Die hat mir Maman mal für mein Haar gegeben. Sie mochte nämlich so gerne, wenn ich die Haare hinten zusammengebunden habe.« Die Mundwinkel der Kleinen beginnen zu zucken. »Und dann fahre ich mit der Köchin zu Maman. Sie hat nämlich gesagt, dass sie mich gerne begleitet. Und dann kann ich die Schachtel mit der Geschichte drin und dem bunten Einwickelpapier und der Schleife auf Mamans Grab stellen und … und dann kann sie sehen, dass ich an sie denke und … und dass wir eigentlich immer zusammen sind und … und dass ich sie unheimlich lieb habe und … « Die restlichen Worte der Kleinen gehen in einem verzweifelten Schluchzen unter.
Die Direktorin starrt auf das Mädchen. Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Kind tröstend in den Arm genommen. Gerne würde sie es jetzt tun, denn diese kleine Elisabeth ist etwas ganz Besonderes, übersensibel und außergewöhnlich gutherzig. Mit diesen tiefgründigen Augen, die mehr gesehen haben, als man einem Kind zumuten sollte. Und die vielleicht mehr wahrnehmen, als für die meisten Menschen sichtbar ist.
Aber nein. Man hat sie gelehrt, dass es im Leben darum geht, Contenance zu bewahren und das will und muss sie auch diesem Mädchen vermitteln.
Als sich die Kleine einigermaßen beruhigt hat, fordert die Schulleiterin sie auf, in ihr Klassenzimmer zurückzugehen. »Gleich ist die Pause vorbei und du hast jetzt Lateinunterricht. Den darfst du nicht verpassen, denn du weißt ja, dass deine Leistungen in diesem Fach zu wünschen übrig lassen. Also streng dich an und arbeite fleißig! Und bete für deine Mutter! Du darfst jetzt gehen!«
»Ja, Frau Direktorin.« Die Kleine knickst noch einmal und verlässt dann ganz leise und unauffällig das Büro.
Vor der Türe hält sie inne, wischt sich mit den Händchen energisch durchs Gesicht, atmet ganz tief durch und flüstert dann vor sich hin: »Sei bitte nicht traurig, Maman, weil ich zu deinem Geburtstag nicht kommen kann! Vielleicht klappt es ja das nächste Mal. Aber weißt du was? Ich fange gleich damit an, alles aufzuschreiben, was ich hier erlebe. Genau so, wie es passiert. Ich bin nämlich keine Lügnerin. Du wirst sehen, jetzt werde ich doch Schriftstellerin.«
Und die Kleine rennt los, um mit der ersten Geschichte anzufangen. Den Titel weiß sie schon.ORA ET LABORA– Bete und arbeite!
Sie standen am Strand eines kleinen bretonischen Küstenorts mit dem überaus merkwürdigen Namen HEILIGER-YANN-VOM-ZEIGEFINGER.
»Ich möchte Ihnen unbedingt unseren Hauptdarsteller vorstellen.« Hank Stevenson rief in Richtung einer kleinen Gruppe, etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt: »Tom! … Tom! … Tooooooom! Kannst du bitte mal herkommen?!«
Aus der Gruppe löste sich eine hochgewachsene, schlanke Gestalt und kam lässig auf sie zugeschlendert.
Rosa beobachtete den jungen Schauspieler sehr genau. Sein Gang war leicht federnd, schlaksig und aufreizend langsam, so als folge er nur äußerst unwillig der Aufforderung des Regisseurs. Er trug eine olivgrüne Cargohose und Sneaker, hatte die Hände in den Kängurutaschen einer dunklen Sweatjacke vergraben und die Kapuze über den Kopf gezogen. Seine Augen waren von einer Sonnenbrille verdeckt. Wahrscheinlich Ray Ban, dachte Rosa amüsiert. Männer mit seinem Image trugen neuerdings immer Ray Ban. Auf seinem Gesicht war ein breites Grinsen zu sehen, dessen Grund sich ihr im Moment nicht erschloss.
Rosa wusste kaum mehr über Tom Savage, als das, was sie gegoogelt hatte. Obwohl der Engländer mit Wohnsitz in Los Angeles einer der gefragtesten Schauspieler in den USA war, hatte Rosa ihn noch nie auf der Leinwand gesehen. Sie rechnete sich definit nicht zu der Zielgruppe seiner Filme, die ihres Wissens vorwiegend von weiblichen Teenagern und jungen Frauen mit einer Neigung zu unkontrollierbaren Ausbrüchen angeschaut wurden.
Tom wäre auch nicht ihre erste Wahl für die Besetzung der Rolle des Victor, ihres Romanhelden, gewesen. Sie hatte eher an einen Typ wie Matt Damon in GOOD WILL HUNTING gedacht: rebellisch, trotzig, ein bisschen verloren. Aber Matt Damon war natürlich schon viel zu alt für die Rolle eines jungen Mannes von dreiundzwanzig Jahren. Im Übrigen hatte sie gar kein Mitspracherecht gehabt, weder beim Schreiben des Drehbuchs, noch beim Casting der Darsteller. Und so wurde ihr eines Tages von der Produktionsfirma der Name von Thomas Patrick Savage mitgeteilt. In den Medien wurde er als absoluter Adonis beschrieben, war ein heißbegehrter Junggeselle und, wie Rosa vermutete, ein Womanizer, wie er im Buche stand. Das war nur gut für die Vermarktung des Films. Aber war er überhaupt der Rolle eines ernsthaften jungen Erwachsenen auf der Suche nach dem eigenen Selbstverständnis gewachsen? Und war er mit seinen sechsundzwanzig Jahren nicht schon eine Idee zu alt für diese Rolle?
Tom kam näher und blieb dann vor Rosa und Hank stehen. Augenblicklich zog er die Kapuze herunter, nahm die Sonnenbrille ab und schaute Rosa mit einem fragenden Ausdruck an. Das unverschämte Grinsen war einem scheuen Lächeln gewichen.
Der Regisseur deutete mit dem Finger auf Tom: »Darf ich vorstellen: Das ist Thomas Savage. Und das ist Rosa Mansier, die Autorin von VICTOR UND CLAIRE. Ich habe Frau Mansier gebeten, unseren Dreharbeiten beizuwohnen.«
Tom sah sie aufmerksam an. Mit einer Spur von Neugier in seinem Blick. Rosa schaute in tiefblaue, ein wenig verträumte, aber kristallklare Augen, die von dichten, kräftigen Augenbrauen überschattet wurden. Die fein geschnittene, fast zart anmutende Wangenpartie stand in starkem Gegensatz zu seinem markanten Kinn und dem Drei-Tage-Bart, den er sich vermutlich wegen der heute zu drehenden Szene hatte stehen lassen. Das dichte, haselnussbraune Haar war vom Wind wild zerzaust.
Das, was Rosa sah, war in der Tat schön anzusehen. Toms Jungenhaftigkeit gefiel ihr sogar ausnehmend gut. Doch was sie wirklich berührte war seine kraftvolle Ausstrahlung, die sich ihr buchstäblich entgegendrängte.
Tom streckte ihr die Hand hin und sein Lächeln wurde noch ein wenig freundlicher, sein Blick noch ein wenig interessierter. Und wenn sie sich nicht irrte, sah sie in seinen Augen … Überraschung aufblitzen? Sie nahm seine Hand, spürte einen angenehm festen Händedruck und dann … dann geschah etwas Seltsames.
Ein unsichtbares und sehr lebendiges ETWAS kam von ihm zu ihr hinübergesprungen. Es umkreiste sie spielerisch, immer wieder und wieder, stupste sie mit Dutzenden von luftigen, vorwitzigen Zeigefingern hierhin und dorthin, zuerst zaghaft und vorsichtig, dann immer übermütiger, in die Wangen, in den Hals, in die Schultern, in die Arme, kribbelte über ihren Rücken, ihren Bauch, ihre Hüften, ihre Beine, streichelte sie dann behutsam über das Haar und hüllte sie schließlich in einer innigen Umarmung ganz fest ein. Es fühlte sich warm und weich an. Es war angenehm. Nein, es war viel mehr! Es war … wohltuend, fürsorglich, tröstlich. Eine unbändige Freude stieg in ihr auf.
»Guten Tag, Rosa! Ich darf Sie doch Rosa nennen?« Tom machte eine kleine Pause, schien aber keine Antwort zu erwarten. »Ich bin Tom. Wir sind hier am Filmset wie eine große Familie.«
