"Für zwei Tage Buddha" - Ralf Scherer - E-Book

"Für zwei Tage Buddha" E-Book

Ralf Scherer

0,0

Beschreibung

Yasutani Rôshi weist jedem Schüler, je nach Tiefe seines Wunsches um Zen, eine Übung zu, etwa das Zählen der Atemzüge, das Verfolgen der Atemzüge, Shikantaza (Sitzen ohne Leitstern) oder ein Kôan, im Allgemeinen das Kôan Mu. Eine Schülerin beispielsweise wird in solch einem Dialog von Yasutani Rôshi gefragt: "Wollen Sie Erleuchtung finden?", und als ich das las, dachte ich: "Aha, Erleuchtung, das fragt er sie so einfach. So, als sei das gar kein großes Problem", und ich dachte weiter: "Wenn Zen Freiheit ist und die Erleuchtung höchster Ausdruck dieser Freiheit, dann will auch ich Erleuchtung finden." So wies ich mir selbst das Kôan Mu zu.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie ich zu Zen kam

Erfahrungsbericht

Vorwort

2015 veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel „Kôan Mu des Jôshû, Erfahrungsbericht und Einordnung“. Ich hatte es geschrieben, weil ich mit dem Kôan Mu, dem paradoxen Rätsel des Zen-Buddhismus, das geeignet ist sich selbst zu erkennen, so gute und hilfreiche Erfahrungen gemacht hatte, dass ich es für wichtig hielt, auch dem interessierten Leser davon zu berichten.

Ich habe mich nun für eines neues Buch zum Thema „Kôan Mu“ entschieden. Nicht nur, weil ich heute das ein oder andere anders als damals formulieren würde, sondern vor allem, weil es mir ca. 1 Jahr nach der o.g. Buchveröffentlichung gelang, aufgrund des Kôan Mu, für zwei Tage einen „Zustand“ zu erfahren, den ich erstmals als Erleuchtung bezeichnen würde. Eine Erfahrung, die weit über das erste Erkennen von Mu, das ich bereits Jahre zuvor erreicht hatte, hinausging. Sie wollte ich unbedingt noch in den Inhalt einfließen lassen.

Das Buch ist quasi ein Erfahrungsbericht. Einer der durch lose miteinander verbundene Absätze zunächst kurz erzählt, wie ich zu Zen kam und dann all das beschreibt, was mir auf dem weglosen Weg begegnete und was ich für einen Menschen, der diesen ebenfalls beschreiten möchte, für erwähnenswert halte. Begleitet wird diese Schilderung durch Zitate zahlreicher tief erleuchteter Meister der Vergangenheit und Gegenwart. Zitate, an denen auch ich mich oft orientiert habe und die mir halfen auf dem Weg voranzukommen.

Ralf Scherer, 2018

Wie ich zu Zen kam

Als ich etwa 17 Jahre alt war...

... las ich viele Bücher über die asiatischen Kampfkünste Karate, Taekwondo, Aikido etc., dabei kam ich zum ersten Mal mit Zen in Berührung. Ich las beispielsweise auch das „Tao des Jeet Kune Do“ des großen Kampfkünstlers Bruce Lee, in dem er davon spricht keinen Weg als Weg zu verwenden, wie auch davon, dass letzten Endes der Name des von ihm begründeten „Jeet Kune Do“ ausgelöscht sei, also eine Rückkehr zum Ursprung stattfände und der Kreis sich schließe. Ich konnte solche Aussagen zu dieser Zeit nicht in ihrer Tiefe verstehen, es war eher ein intellektuelles Verstehen, kein Verstehen im Sein. Die wirkliche Berührung mit Zen kam erst viele Jahre später, als ich auf das Kôan Mu stieß, das paradoxe Rätsel des großen Zen-Meisters Jôshû Jushin (778 - 897), da war ich 38 Jahre und ist nun 14 Jahre her. Heute bin ich also 52 Jahre alt.

Diese wirkliche Berührung mit Zen...

… entstand als einige Dinge in meinem Leben nicht nach meinen Erwartungen und Wünschen verliefen. Ein „Knackpunkt“ war sicherlich das Scheitern meiner Beziehung. Es war nicht so, dass meine Freundin und ich lange zusammen gewesen wären, gerade mal ein dreiviertel Jahr, aber dass die Beziehung überhaupt scheiterte, schockte mich, denn eigentlich war diese Frau, was ich immer wollte, und eigentlich wollte ich mit ihr zusammenbleiben, aber ich konnte nicht. Meine Gefühle für sie waren plötzlich einfach weg, und erstmals in meinem Leben erfuhr ich diese enorme Diskrepanz zwischen Wollen und Können. Ich wollte diese Frau lieben, und wie ich das wollte, aber ich konnte nicht.

Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Als mein Handeln ihr gegenüber durch den Wegfall der Liebe nicht mehr durch diese beseelt war und ich ihr auch keinen Grund für den Wegfall nennen konnte, fühlte ich mich elend, denn ich war schon der Meinung, dass ein Mensch sein Handeln gegenüber dem Anderen begründen können muss. Das Handeln, so dachte ich weiter, sollte schon an etwas gebunden sein. Aber an was? Und wenn es an etwas gebunden war, wie konnte es dann dennoch frei sein?

Ich fragte mich: „Was ist eigentlich dein Wertemaßstab, woran bemisst du die Dinge? Woran machst du fest, was gut oder böse ist?“ und fand in mir keine Klarheit. Was, wenn ich wie ein Architekt wäre, der mit einem falschen Maßstab herumliefe, einem Lineal mit falscher Skala, und danach die Häuser bemäße? Was wenn ich die Dinge des Lebens falsch bewertete? Ich tat dann, was ich immer getan hatte, wenn ich etwas sehr genau wissen wollte: Ich kaufte mir Bücher. Zum Thema Mensch. Bücher aus den Bereichen Psychologie, Philosophie, Esoterik, Religion etc., alles, was mir irgendwie das Menschsein erklären könnte. Dabei stieß ich auf einen Klassiker des Zen-Buddhismus, auf das Buch „Die drei Pfeiler des Zen“ von Philip Kapleau.

Durch dieses Buch...

... kam ich wirklich zu Zen, und zwar indem es mich mit dem Kôan Mu des Jôshû bekannt machte. Durch es erkannte ich Mu und fand in Mu den unabhängigen Maßstab, den Leitstern, den Halt, den ich immer gesucht hatte.

Die Frage, an was das Handeln gebunden war, und dennoch frei, hatte nun eine Antwort gefunden.

Erfahrungsbericht

In dem genannten Buch...

… war es vor allem der Dialogteil, der es mir angetan hatte und den ich immer wieder las. In diesem wird beschrieben wie jeder Schüler im Dokusan1 zu Yasutani Rôshi2 (1885 - 1973) kommt und mit ihm spricht.

Philip Kapleau, der ursprünglich Gerichtsreporter war, u.a. bei den Nürnbergern Prozessen, hörte mit der Erlaubnis des Rôshi zu und schrieb danach den Dialog zwischen Schüler und Rôshi, solange er ihn noch frisch im Gedächtnis hatte, in Kurzschrift auf. Es ging darum die wichtige Unterredung nicht durch ein Aufnahmegerät oder das Machen von Notizen zu stören oder zu beeinflussen. So ist der gesamte Dialogteil sehr authentisch.

Yasutani Rôshi weist...

... jedem Schüler, je nach Tiefe seines Wunsches um Zen, eine Übung zu, etwa das Zählen der Atemzüge, das Verfolgen der Atemzüge, Shikantaza (Sitzen ohne Leitstern) oder ein Kôan, im allgemeinen das Kôan Mu.

Eine Schülerin beispielsweise wird in solch einem Dialog von Yasutani Rôshi gefragt: „Wollen Sie Erleuchtung finden?“, und als ich das las, dachte ich: „Aha, Erleuchtung, das fragt er sie so einfach. So, als sei das gar kein großes Problem“, und ich dachte weiter: „Wenn Zen Freiheit ist, und die Erleuchtung höchster Ausdruck dieser Freiheit, dann will auch ich Erleuchtung finden.“

So wies ich mir selbst das Kôan Mu zu.

Was ist...

… eigentlich ein Kôan?

In Kapleaus Buch stand:

Ein Kôan ist eine in verwirrender Ausdrucksweise abgefasste Formulierung, die auf die letzte, die ultimative Wahrheit hinweist. Kôans lassen sich nicht mit Hilfe logischen Denkens lösen, sondern nur, indem man eine tieferliegende Schicht des Geistes erweckt, die jenseits des diskursiven Intellekts liegt. Gebildet werden Kôans aus den Fragen der Schüler alter Zeit und den Antworten ihrer Meister, aus Teilen von Predigten und Reden der Meister, aus Zeilen der Sûtras (buddhistische Schrifttexte) oder anderer Lehren.

Das Kôan Mu ist das bekannteste aller Kôans.

Es lautet:

Ein Mönch fragte Jôshû in allem Ernst: „Hat ein Hund Buddha-Wesen oder nicht?“

Jôshû versetzte: „Mu!“

Auch wurde...

… erläutert, dass Mu japanisch ist und „nichts“, „nicht“, „das Nichts“, „kein“ und „un-...“ heißt.

„Versetzen“ bedeutete „scharf, unmittelbar, spontan“ zu antworten.

Und wer...

… Jôshû war, erfuhr ich auch, nämlich ein berühmter Zen-Meister der T'ang-Zeit.

Jôshû Jushin lebte von 778 – 897.

Kapleau über ihn:

Wie sein Meister, Nansen, war Jôshû von sanftem Gebaren. Er vermied die kraftvolle Rede und heftige Handlungsweise eines Rinzai, doch waren seine Weisheit und sein Scharfsinn im Umgang mit seinen Schülern derart, dass er mit seinem sanften Spott oder hochgezogenen Augenbrauen mehr vermitteln konnte als andere Meister durch Anbrüllen oder Stockhiebe. Das geht aus den zahllosen Kôans hervor, die ihn zum Mittelpunkt haben. Jôshû Zenji wird in Japan hoch verehrt.

Mit diesem...

… Grundwissen ausgerüstet, begann Ich also mit dem Kôan Mu zu arbeiten. Ich setzte mich auf den Fußboden, auf eine kleine Decke in den Schneidersitz, der Lotussitz war wegen der fehlenden Beweglichkeit meiner Beine nicht drin, und begann, so wie Yasutani Rôshi oder andere Zen-Meister es an diversen Stellen des Buches angegeben hatten, mit dem Kôan Mu zu arbeiten.

Die Arbeit bestand darin herauszufinden, was Mu ist. Dabei aber nicht nur verstandesgemäß zu wissen, dass Mu japanisch und begrifflich das Nichts oder die Leere ist, sondern Mu jenseits aller Begriffe zu erfahren. Erst das war das wirkliche Wissen. Erst das war das wirkliche Begreifen.

So sagt Yasutani Rôshi zu einem Schüler:

Natürlich verstehen Sie das in der Theorie. Aber theoretisches Verständnis ist wie ein Bild: Es ist nicht das Ding selbst, sondern nur dessen Darstellung. Lassen Sie die logischen Gedankengänge fahren, und packen Sie das wahre Ding.3

Um mit dem Kôan Mu...

... zu arbeiten und „das wahre Ding zu packen“, galt es die Frage „Was ist Mu?“ beständig im Geist zu wiederholen und sich ohne Unterbrechung auf sie zu konzentrieren. Wohlgemerkt im Geist, nicht mit dem Mund, nicht mit der Zunge.

Dachte man als Übender also an etwas anderes als an diese eine Frage und unterbrach damit sein Streben Mu zu erkennen, beispielsweise weil man an die Einkaufsliste für das Abendessen dachte, oder an das Vorstellungsgespräch nächste Woche, oder was auch immer, so zog man sich, alsbald man bemerkte, dass man die Frage verloren hatte, wieder zur Frage zurück.

Ich versuchte...

… genau dies umzusetzen. Ich saß also da und begann in meinem Geist „Was ist Mu?“ zu wiederholen:

Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? Etc.Ab und zu wollte die Zunge noch mitsprechen, doch dann gings. Die Wiederholung erfolgte nur noch im Geist.

Kurz überlegte...

… ich: „Was machst du jetzt eigentlich mit dem Hund und diesem seltsamen Buddha- Wesen?“ und entschied mich dafür dies erst mal ganz außer Acht zu lassen und mich nur auf die Wiederholung der Frage zu konzentrieren. Was es damit auf sich hatte, würde sich sicherlich noch klären.

Es ging also...

… los.

Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu?

Dann kam mir irgendein Gedanke, beispielsweise:

Schönes Wetter heute, da könnte ich doch Spazierengehen

Ich sitz da und denk mir: „Ok, das ist jetzt ein anderer Gedanke als die Frage, ich hab sie also verloren, d.h. ich zieh mich sofort wieder zur Frage zurück“. Und schon wiederholte ich wieder:

Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu?

Wieder kam mir irgendein anderer Gedanke, beispielsweise:

Muss nachher noch einkaufen gehen

Ich sagte mir: „Aha, wieder ein anderer Gedanke als die Frage, ok, erkannt“, und ziehe mich sofort wieder zur Frage zurück.

Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu?

Ok, soweit hatte ich die Arbeitsweise verstanden.

Ich las...

… bei Kapleau dann noch den Hinweis, dass ich die Frage auch einfach zu Mu abkürzen könne, wenn sie dem Übenden in Fleisch und Blut übergegangen sei.

Auch das probierte ich aus. Zwei bis drei Tage wiederholte ich im Geist noch die gesamte Frage, von da an nur noch die Kurzform:

Mu Mu Mu Mu etc.

Ansonsten blieb alles dasselbe. Kam irgendein Gedanke, der nicht Mu war, zog ich mich umgehend zu Mu zurück.

Manchmal mischte ich auch beides, Lang- und Kurzform:

Mu Mu Mu Was ist Mu? Mu Mu Mu Was ist Mu? Was ist Mu? Mu Mu Mu

Ich tat dies auch, um mir hin und wieder klar zu werden, was ich wollte, nämlich zu „wissen“, was Mu ist, da man bei der Kurzform doch auch dazu neigt die Wiederholung lediglich mechanisch auszuführen und dabei das Streben nach einer Antwort zu vernachlässigen.

Es galt...

… also, wie oben bereits erwähnt, einzig auf die Frage „Was ist Mu?“ (bzw. die Abkürzung „Mu“) konzentriert zu bleiben, und wenn ein anderer Gedanke als die Frage kam, dies so schnell als möglich zu bemerken und wieder zur Frage zurückzukehren.

Es ging darum einzig die Frage (bzw. Mu) im Geist (Sinn) zu haben und sich mit seinem ganzen Wesen um eine Beantwortung zu bemühen.

Man musste dabei sehr aufmerksam sein, um die Unterbrechung der Frage so kurz wie möglich zu halten, oder noch besser, gar keine Unterbrechung zuzulassen. Schließlich ging es ja darum keine langen Gedankenketten aufzubauen, sondern von Gedanken leer zu werden.

Hierzu...

... auch die Worte des großen Zen-Meisters Mumon Ekai (1183 - 1260) aus dem Mumon-kan, der torlosen Schranke (Torlose Tor), Fall 1, Jôshûs Hund:

Konzentriere deine ganze Energie auf dieses Mu und lasse keine Unterbrechung zu. Wenn du in dieses Mu eintrittst, und es erfolgt keine Unterbrechung, so wird dein Erfolg wie eine brennende Kerze sein, die das ganze Universum erleuchtet.

Hat ein Hund Buddha-Wesen?

Das ist die ernsteste aller Fragen.

Sagst du ja oder nein,

so verlierst du dein eigenes Buddha-Wesen.

Ich bemerkte...

... bei diesen meinen ersten Versuchen, dass die gestellte Aufgabe alles andere als einfach war. Meist war es so, dass bereits wenige Sekunden, nachdem ich mich zum Üben hingesetzt und mir felsenfest vorgenommen hatte, nur an dieser einen Frage festzuhalten, ich mit meinen Gedanken schon wieder ganz woanders war. Ich war so leicht abzulenken, und mein Geist wollte einfach nicht auf Mu konzentriert bleiben, sondern viel lieber herumwandern. Ich schimpfte mit mir: „Jetzt reiß dich mal zusammen, die Aufgabenstellung ist doch klar und deutlich. Sie lautet: Halte nur an Mu fest. Das wirst du doch noch hinbekommen.“

Auch dachte ich...

... nach einigen Tagen des Übens: „Das ist doch voll bekloppt, du suchst nach etwas, von dem du nicht einmal weißt, wonach du suchst.“

Klar, man sucht nach Mu. Doch was ist Mu?

Oder etwas...

… anders gefragt: Was sucht der Mensch eigentlich, wenn er mit dem Kôan Mu nach Mu sucht?

Er sucht sein Ego. Er sucht sein Ich.

Arbeitet der Mensch mit dem Kôan Mu und fragt dabei „Was ist Mu?“, so fragt er also „Wer bin ich?“.

Das Kôan Mu ist damit ein Instrument zur Selbsterkenntnis. Beide Fragen sind dieselbe Frage, beide Fragen führen zu demselben.

Ich möchte...

… dazu den großen indischen Heiligen Sri Baghavan