Fürstin Pauline - Carola Moosbach - E-Book

Fürstin Pauline E-Book

Carola Moosbach

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Beschreibung

Fürstin der Armen Fürstin Pauline zur Lippe (1769-1820) führte ihr kleines Fürstentum mit bemerkenswertem Geschick durch eine unruhige Zeit. Sie setzte bedeutende Reformen um, verbesserte die Lebensbedingungen der Armen und sicherte die Unabhängigkeit Lippes. Geboren als Prinzessin Pauline von Anhalt-Bernburg, wurde sie früh zur unverzichtbaren Stütze ihres Vaters. Nach einem Zerwürfnis verließ sie ihr Zuhause, um Fürstin von Lippe zu werden. Ungeachtet persönlicher Verluste und Herausforderungen widmete sie sich unermüdlich dem Wohl ihrer Untertanen. Sie gründete Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen, die das Leben vieler Menschen nachhaltig verbesserten. Ihre Reise nach Paris, um mit Napoleon über das Schicksal Lippes zu verhandeln, und ihre enge Beziehung zu Regierungsrat Wippermann gehören zu den bewegendsten Kapiteln ihres Lebens. Trotz aller Widrigkeiten setzte sie ihre Reformen fort und hinterließ ein Erbe, das weit über ihre Zeit hinausreichte. Dieser Roman erzählt die inspirierende Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, deren Mut und Tatkraft auch heute noch beeindrucken. Die Autorin: Carola Moosbach, in Detmold geboren und aufgewachsen, lebt seit 1978 in Köln und ist seit über 20 Jahren als Schriftstellerin tätig. Zuletzt erschien ihr Roman »Johann Sebastian Bachs Töchter«.

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Carola Moosbach

Fürstin Pauline

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Bild Umschlag: Sammlung Sander / The Sander Collection

Copyright 2024 by Lippe Verlag,

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

ISBN 978-3-89918-857-8

Carola Moosbach

Fürstin Pauline

Lippe Verlag

Die Überschriften der Kapitel stammen aus Briefen, Gedichten und Tagebüchern der Fürstin Pauline

Prolog

Detmold im Juni 1819. Die Nachricht geht um wie ein Lauffeuer. Fürstin Pauline hat soeben den Erlass einer neuen Verfassung verkündet. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes sollen Bauern im lippischen Landtag vertreten sein. »Das ist nur recht und billig, schließlich zahlen wir Steuern genug!«, rufen sie sich auf den Feldern zu. »Der Bauernstand muss die größte Last tragen, also sollte er auch gehört werden«, sagen die Zeitungsleser unter ihnen. »Endlich geht es dem Adel an den Kragen!«, meinen einige Heißsporne, nachdem sie sich im Wirtshaus Mut angetrunken haben.

Alle reißen sich um das Fürstlich-Lippische Intelligenzblatt, in dem die Verfassung veröffentlicht ist. Im Ratskeller versammeln sich die Honoratioren um einen Apotheker. Ihm ist es gelungen, eines der letzten Exemplare in der Meyerschen Hofbuchhandlung zu ergattern. »Es ist das schöne Vorrecht hoher Menschenwürde, niemals still zu stehen, nie am Ziele sich zu glauben«, liest der stark schwitzende Herr unter Zuhilfenahme eines Monokels und zeigt das in goldenen Lettern gesetzte Vorwort der Fürstin herum. »Weiter, weiter!«, rufen die Zuhörer. »Wo es dem gemeinen Wohle gilt, muss dem persönlichen Vorteil, den hergebrachten Gewohnheiten entsagt werden, und das Glück der Gesamtheit darf allein die Richtschnur sein.«Der schwitzende Herr setzt sein beschlagenes Monokel ab, um es zu putzen. »Das ist alles recht gut, aber wer darf jetzt wählen?«, will der Postmeister wissen. Ein besonders Ungeduldiger reißt dem Apotheker das Blatt aus der Hand und liest die Verfassungsurkunde ohne weitere Unterbrechung vor. Bis in die Nacht hinein wird das Für und Wider bei Bier und lippischem Pickert besprochen.

In den folgenden Tagen erscheinen Abordnungen der meisten, wenn auch nicht aller lippischen Städte im Schloss, um der Regentin ihren Dank abzustatten. »Es kann nur von Vorteil für die Städte sein, wenn wir uns im Landtag mit den Bauern verbünden und dadurch den hochmütigen Adel überstimmen können«, versichern sie der Fürstin. Das würden auch die Strohköpfe in Horn und Salzuflen bald einsehen.

Die Advokaten zeigen sich ebenfalls zufrieden mit der neuen Verfassung. Einige bemängeln allerdings hinter vorgehaltener Hand, dass die Urkunde ohne ihr Zutun und noch dazu von einer Frau aufgesetzt wurde. Unter Berücksichtigung dieser Umstände war sie gut gelungen, das müssen sie schließlich zugeben

Nach dem Kirchgang am Sonntag bitten einige Abgeordnete die Landesmutter untertänigst um Erlaubnis, Detmold zur Feier des Tages zu illuminieren. »Die ganze Stadt wird im Lichte der neuen Zeit erstrahlen«, schwärmt ihr Sprecher. Die Fürstin stimmt zu. Jubel brandet auf, als ihre Kutsche am Abend durch die Straßen und Gassen fährt. Im Schritttempo geht es von Haus zu Haus. Überall sind Lampen und Kerzen angezündet, an den Toreinfahrten brennen Fackeln. Selbst in den ärmlichsten Hütten steht ein kleines Talglicht auf der Fensterbank. Lediglich auf der Langen Straße bleiben drei der besten Häuser dunkel. In einem steht Landkammerrat von Donop mit seinem Freund, Landrat von Borries, hinter der Gardine, um das Spektakel bei einem Glas Wein zu beobachten.

»Wenn ich das Weibsbild nur sehe, läuft mir schon die Galle über.«

»Und mir erst!«, ruft der Landrat.

»Sie war schon immer eine verschlagene Person und Jakobinerin dazu«, murmelt von Donop. »Ich werde ihr umstürzlerisches Treiben dem Kaiser melden.«

Sein Freund nickt. »Durch Weiberlist und Ränke will sie den Adel um seine Vorrechte bringen. Es läuft auf die Diktatur des Pöbels hinaus.« Sicherheitshalber tritt er einen Schritt von der Gardine zurück, als die Kutsche direkt vor dem Haus anhält.

Von Donop bleibt stehen, wo er ist. »Napoleon hat ihr den Kopf verdreht. Sie hätte sich nie mit ihm verbünden dürfen. Das kommt dabei heraus, wenn Weiber das Regiment führen. Metternich wird sie Mores lehren, so wahr ich hier stehe.«

»Mores lehren, das trifft es«, lacht der Landrat. »Seit wann verstehen Frauenzimmer etwas von Diplomatie und Kriegskunst? Das Weib hütet Haus und Kinder, bloß dafür hat Gott sie geschaffen.«

Frau von Donop setzt zu einer Erwiderung an, doch der Blick ihres Mannes hält sie davon ab. Sie tritt ans Fenster und sieht hinaus. Im Licht einer Straßenlaterne ist die Fürstin deutlich zu erkennen. »Durchlaucht ist in die Jahre gekommen. Das Gesicht wirkt geradezu eingefallen.«

»Der Erbprinz ist fast 23 Jahre alt, sie hätte längst zu seinen Gunsten abdanken müssen«, findet ihr Mann.

Frau von Donop reckt ihren Hals, um die anderen Insassen der Kutsche genauer anzusehen. »Prinz Leopold scheint nicht dabei zu sein. Ich sehe nur den Jüngeren und die Hofdame.«

»Der Erbprinz will nicht mit der neuen Verfassung in Verbindung gebracht werden, deshalb lässt er sich nicht blicken«, mutmaßt von Donop.

»Wenn er erst Regent ist, wird er alles wieder rückgängig machen.« Da ist sich von Borries sicher.

»Solange die Fürstin lebt, wird er es nicht wagen«, widerspricht sein Freund.

Frau von Donop interessiert sich mehr für das Aussehen der Fürstin. »Was für einen schönen Hut sie trägt. Womöglich ist er aus Paris.«

»Sie lässt sich allerlei Tand und Flitter aus Frankfurt mitbringen. Ihr Gesandter bei der Bundesversammlung soll ihr in jedweder Hinsicht zu Diensten sein«, kichert der Landrat.

Von Donop ballt die Fäuste. »Ich kann ihr unmöglich länger dienen, gleich morgen werde ich um meine Entlassung bitten.«

Seine Frau erschrickt. »Bist du von Sinnen? Wir haben hier ein gutes Auskommen!«

Doch von Donop lässt nicht mit sich reden »Sie ist eine Kanaille!« Er stürzt seinen Wein in einem Zug hinunter.

»Aber beim Volke sehr beliebt«, entgegnet Frau von Donop, während sie ihm frischen Wein einschenkt.

Das dunkel gebliebene Haus bleibt den Insassen der Kutsche nicht verborgen.

»Ist das nicht von Donop hinter der Gardine?«, fragt die Hofdame. »Wie kann er sich an einem solchen Tag erdreisten, sein Haus dunkel zu lassen?«

Die Fürstin wirft einen kurzen Blick durch das Kutschenfenster. »Das finde ich ganz in der Ordnung, liebe Biedersee. Wo Licht ist, muss auch Schatten sein. Den allgemeinen Fortschritt wird auch von Donop nicht aufhalten.«

Der Kutscher knallt mit der Peitsche, die Pferde ziehen an, die Fahrt geht weiter.

Alles selbst wissen und sehen

Schloss Ballenstedt im März 1779. Der Winter war ungewöhnlich streng in diesem Jahr. Unmengen von Schnee fielen auf die Städte, Dörfer und Wälder des Harzes herab. Niemand ging vor die Tür, wenn es nicht unbedingt sein musste. Prinzessin Pauline saß am Fenster ihrer Stube und schaute missmutig auf die herabfallenden Flocken. Der Schlosshof lag schon wieder unter einer dichten Schneedecke, obwohl ihn die Knechte erst vor Kurzem freigeschaufelt hatten. Mühsam bahnte sich das Gesinde seinen Weg zu den Ställen und Wirtschaftsgebäuden. Es war später Nachmittag. Eine Dienstmagd kam herein, schürte das Feuer im Ofen und zündete die Kerzen an. Ostern war nicht mehr weit, doch der Winter hatte sich wie für die Ewigkeit eingerichtet. Im Februar war Pauline zehn Jahre alt geworden und hatte zu diesem Anlass ihr erstes Pferd bekommen. Eine klein gewachsene Stute mit rötlich glänzendem Fell hatte sie aus großen, dunklen Augen prüfend angeblickt, als sie mit dem Vater noch vor dem Frühstück in den Pferdestall gegangen war. »Gib ihr etwas zu fressen«, hatte der Vater gesagt, und Pauline hatte der Stute eine Möhre hingehalten. Seitdem stattete sie ihrer neuen Freundin jeden Tag einen Besuch ab. Wie freute sie sich darauf, mit dem Pferd über Felder und Wiesen zu reiten! Doch solange es nicht taute, war daran nicht zu denken.

Endlich, es war bereits Ende April, begann der Schnee zu schmelzen. Die Sonne gewann mit jedem Tag an Kraft. Ein sanfter Frühlingswind strich über die Anhöhe, auf der Schloss Ballenstedt thronte. An einem hell leuchtenden Morgen war es so weit. Der Schlosshof wurde auf Befehl des Fürsten mit Stroh ausgelegt, die Stute von einem Knecht aus dem Stall geführt. Kaum saß Pauline auf dem Pferd, wurde sie in hohem Bogen abgeworfen. Das Tier war offenbar nicht so gutmütig, wie es der Pferdehändler versprochen hatte. Pauline stand sofort wieder auf. »Das wird kein zimperliches Frauenzimmer!«, rief der Vater und zeigte lachend auf seine mit Heubüscheln bedeckte Tochter. Bloß jetzt nicht weinen, dachte Pauline und verlangte, gleich wieder auf das Pferd gehoben zu werden. »Du musst dich besser festhalten«, riet Prinz Alexius, der das Geschehen mit brüderlicher Herablassung verfolgt hatte. Der Bruder hatte gut reden. Als Junge durfte er mit gespreizten Beinen auf seinem Pferd sitzen, während für Pauline eigens ein Damensattel angefertigt worden war. Der seitliche Sitz machte es nicht eben leicht, sich auf dem Pferd zu halten. Zusätzlich behinderte sie der schwere Stoff des Reitkleides. Was sprach eigentlich dagegen, es Alexius gleichzutun? Der Bruder wäre sofort bereit gewesen, Pauline Hose und Sattel für eine heimliche Reitstunde zu überlassen, doch das hatte Fräulein von Rauschenplat zu verhindern gewusst. Nur der seitliche Damensitz sei für ein Mädchen und besonders für eine Prinzessin schicklich, hatte sie erklärt und gedroht, die Sache dem Vater zu melden. Die Gouvernante achtete streng auf die Einhaltung der höfischen Etikette, da half kein Murren. So war Pauline nichts anderes übrig geblieben, als es weiterhin im Damensitz zu versuchen.

Schon bald gelang es besser. Der Stallmeister führte das Pferd langsam im Kreis herum und Pauline fiel es jetzt leichter, sich den schaukelnden Bewegungen anzupassen. Der herbeigerufene Vater war zufrieden. »Weitermachen!«, rief er und verschwand in seinem Arbeitszimmer. Pauline saß auf dem Pferd, bis es dunkel wurde.

Vor dem Schlafengehen zog es die Prinzessin in den großen Ahnensaal. Inmitten einer Reihe ernst blickender Männer, die schweigend auf sie herabsahen, hing dort ein Porträt ihrer Mutter. Louise Albertine von Anhalt-Bernburg, geborene Prinzessin von Holstein-Sonderburg-Plön, war als 15-Jährige an den Fürsten verheiratet worden. Vier Jahre hatte das Paar vergeblich auf Nachwuchs gehofft, dann wurde endlich der ersehnte Erbprinz geboren. Zwei Jahre später folgte Pauline. Ein zweiter Sohn wäre besser gewesen, hatte der Fürst im Stillen gedacht. Doch seine Frau war jung, sie konnte noch viele Kinder bekommen. Es kam anders. Eine Woche nach Paulines Geburt starb die Fürstin. »Noch kurz vor ihrem Tod hat sie dich geküsst und an sich gedrückt«, erzählte Paulines Kinderwärterin später der kleinen Prinzessin. »Vom Himmel aus wacht sie über dich und schützt dich vor jeder Gefahr«, murmelte sie, wenn ihr Schützling wieder einmal nicht einschlafen konnte oder schlecht geträumt hatte.

An diesem Abend schienen die großen, dunklen Augen der Mutter Pauline direkt anzusehen. »Heute hatte ich eine Reitstunde«, erzählte sie. »Hätte ich Reithosen wie Alexius und müsste nicht seitlich auf dem Pferd sitzen, wäre es viel einfacher. Aber das Fräulein hat es verboten. Mussten Sie auch im Damensitz reiten, liebe Mutter? Wozu bin ich eine Prinzessin, wenn ich nichts selbst bestimmen darf?« Darauf wusste die Mutter keine Antwort. Doch im flackernden Kerzenschein blickten die großen, dunklen Augen warm und freundlich auf die Tochter. Wenn Pauline lange genug hinsah, schien es sogar, als wenn der rote Mund sich leicht zu einem Lächeln verzog, das nur ihr galt. Nur ihr.

Am nächsten Morgen wachte Pauline mit Muskelkater auf, was sie nicht weiter störte. Schließlich war sie kein zimperliches Frauenzimmer! Sie klingelte nach warmem Wasser. Nach dem Waschen begann die Prozedur des Ankleidens. Auf Anordnung der Gouvernante brachte die Kammerzofe das hellblaue Kleid mit Hermelinkragen. Pauline seufzte auf. Dieses Kleid war so weit ausgestellt, dass sie sich nur mühsam daran bewegen konnte. Wie sollte sie damit durch die endlosen Zimmerfluchtendes Schlosses rennen?

»Eine Prinzessin rennt niemals, sie schreitet mit Würde einher«, hatte ihr Fräulein von Rauschenplat eingeschärft und den richtigen Gang mit zierlichen Trippelschritten vorgemacht. Schließlich sei sie mit ihren zehn Jahren kein kleines Kind mehr, da müsse das Herumtollen ein Ende haben.

Die neuen, nach den Anweisungen der Gouvernante geschneiderten Kleider ließen Pauline keine Wahl. Ab der Taille spreizten einige Reifen aus Fischbein den Rock so weit in die Breite, dass lediglich ein langsames Gehen möglich war.

»Wie albern ich aussehe!«, rief Pauline, als sie sich im Spiegel betrachtete.

»Es sieht wunderschön aus«, versicherte die Zofe. »Wie gerne würde ich selbst einmal ein solches Kleid tragen.«

»Du kannst es haben«, murmelte Pauline verstimmt.

Nach dem Ankleiden mussten die Haare frisiert werden. Paulines dunkles, lockiges Haar ließ sich kaum bändigen. Die Zofe benötigte mehrere Anläufe, bis sie es gründlich durchgekämmt und anschließend der Mode entsprechend bauschig aufgetürmt hatte. Alexius riss die Tür auf. »Bist du endlich so weit? Es gibt Frühstück!« Der ungeduldige Bruder hatte das morgendliche Sitzen unter dem Pudermantel kurzerhand abgekürzt, indem er seinem Kammerdiener davongelaufen war. Dass seine Perücke dadurch bloß auf einer Seite gepudert war, störte ihn nicht.

Im großen Speisesaal war bereits das Frühstück angerichtet. Schlag acht Uhr hatte es auf dem Tisch zu stehen, darauf legte Fürst Albrecht von Anhalt-Bernburg größten Wert. Die Gouvernante hatte sich pünktlich eingefunden. Als Hofdame der verstorbenen Fürstin und Erzieherin Paulines gebührte ihr ein Platz am oberen Ende der Tafel. Ihr gegenüber saß Magister Rohleder. Ursprünglich als Lehrer von Alexius angestellt, hatte der Fürst – sehr zum Unwillen von Fräulein von Rauschenplat – beschlossen, dass Pauline ab dem zehnten Lebensjahr auch vom Magister unterrichtet werden sollte.

»Meine Tochter soll mehr lernen als Handarbeiten und Konversation«, hatte er der überraschten Erzieherin verkündet. »Sie lernt gerne und fasst schon jetzt die schwierigsten Dinge wie im Fluge auf, das haben Sie mir selbst gesagt.«

»Gewiss«, hatte Fräulein von Rauschenplat bestätigt. »Ob es jedoch klug ist, eine Gelehrte aus ihr zu machen? Denkende Frauen sind wie Männer, die sich schminken, sagt man. So manch einen Bewerber um ihre Hand könnte sie mit allzu großer Gelehrsamkeit in die Flucht schlagen«.

»Sei es drum«, hatte der Fürst gelacht. »Hier gibt es Platz genug, und wenn ich alt bin, kann sie mir eine Stütze sein.«

Das Fräulein hatte so schnell nicht aufgegeben. Schließlich war die Erziehung Paulines bisher allein ihre Aufgabe gewesen. »Eine unverheiratete Prinzessin ist nirgends recht am Platze, wie jedermann weiß.«

»Sie wird ihren Weg schon machen«, hatte der Fürst widersprochen.

»Wie kann eine Prinzessin ihren eigenen Weg gehen? Ihr Weg ist von Geburt an vorgezeichnet. Um es ohne Umschweife zu sagen: Pauline fehlt es an Anmut, sie spricht zu laut und ist allgemein ungebärdig. Außerdem neigt sie zum Eigensinn und zu heftigen Ausbrüchen, wenn es nicht nach ihrem Willen geht.«

Der Fürst war von dieser Mängelliste zunächst unbeeindruckt geblieben. »Gerade das gefällt mir!« Dann war er nachdenklich geworden. »Natürlich will ich Pauline später einmal gut verheiraten. Was schlagen Sie also vor?«

Man war übereingekommen, dass Pauline in Zukunft sowohl bei Magister Rohleder als auch bei Fräulein von Rauschenplat Unterricht erhalten werde. Die Gouvernante würde sie in französischer Konversation, Handarbeiten, Zeichnen und höfischer Etikette unterweisen. Zudem sollte die Auswahl der Kleidung fortan ganz in ihrer Hand liegen.

Fürst Albrecht tunkte gerade eine Scheibe Weißbrot in seine Kaffeetasse, als die beiden Kinder endlich erschienen. Große Platten mit Rührei, Schinken und Wildpastete standen auf dem Tisch. »Trödelt nicht herum!«, rief er, »in fünfzehn Minuten beginnt euer Unterricht.« Das fleischige, auf den ersten Blick gutmütig wirkende Gesicht des Fürsten konnte von einem Moment auf den anderen jede Gutmütigkeit verlieren. Insbesondere Nachlässigkeit und Ungehorsam waren ihm verhasst.Sein Blick fiel auf Alexius. »Soll das eine gepuderte Perücke sein? Und warum ist deine Weste nicht zugeknöpft?« Alexius sah an sich herunter. An die Weste hatte er in der Eile nicht gedacht.

»In diesem Aufzug brauchst du dich gar nicht erst an den Tisch zu setzen. Geh zurück in dein Zimmer und richte deine Kleidung«, befahl der Fürst. »Das Frühstück fällt heute für dich aus.« Alexius zog eine Grimasse, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Der Rest des Frühstücks wurde in gedämpfter Stimmung eingenommen. Wenn Fürst Albrecht schlechte Laune hatte, tat man gut daran, sich zurückzuhalten. Pauline stocherte lustlos in ihrem Rührei. Dass ihr Bruder nicht essen durfte, verdarb ihr den Appetit.

Endlich hob der Fürst die Tafel auf und verließ den Raum. Pauline füllte einen Teller mit Leckereien, um ihn Alexius zu bringen. Magister Rohleder, dem dies nicht entgangen war, zwinkerte ihr unter seinen buschigen Augenbrauen verschwörerisch zu.

Punkt halb neun begann der Unterricht. Pauline saß bereits mit gespitzter Feder an dem großen Tisch in der Schulstube, als der Magister das Zimmer betrat. Trotz seines einfachen Rocks und seiner rundlichen, eher klein gewachsenen Erscheinung hatte er sich so viel Respekt zu verschaffen gewusst, dass Alexius keinen offenen Ungehorsam wagte. Er war pünktlich erschienen und hatte seinen Stammplatz neben dem Ofen eingenommen. Von hier aus konnte er aus dem Fenster sehen und die Eichhörnchen in den Bäumen beobachten. Dem Magister entgingen solche Unaufmerksamkeiten keineswegs. Weil der Prinz aber ein zarter, stets fröstelnder Junge war, sah er davon ab, ihm einen anderen Platz zuzuweisen. Im Ballenstedter Schloss mit seinen zugigen Fenstern und Türen wurde es nie richtig warm. Bis weit in den Sommer hinein musste geheizt werden. Pauline fror trotzdem nie. Sie sah nicht aus dem Fenster, sondern war zur Freude des Magisters ganz bei der Sache. Mit den Rechenaufgaben, die er ihr stellte, war sie schnell fertig. Während der Magister sich mit Alexius beschäftigte, betrachtete sie die Karten und Kupfertafeln an den Wänden. Auf einer Karte war das Fürstentum Anhalt-Bernburg abgebildet. Sie folgte mit den Augen den eingezeichneten Wegen und versuchte, sich die verschiedenen Ortschaften vorzustellen. Bernburg kannte sie bereits, dort hatte sie einmal übernachtet. Aber wie mochte es zum Beispiel in Gernrode oder in Güntersberge aussehen? Auch das nahe gelegene Mägdesprung beflügelte ihre Fantasie. Sie hatte ihren Vater einmal von der Eisenhütte in Mägdesprung reden hören. Eine springende Magd und eine Hütte aus Eisen, was mochte es damit für eine Bewandtnis haben? Neben der Karte von Anhalt-Bernburg hing ein handkolorierter Kupferstich mit dem Bild des Brockens. Diesen Berg wollte sie unbedingt einmal aus der Nähe betrachten, wenn möglich sogar besteigen.

Nach dem Rechnen stand Latein auf dem Stundenplan. Der Unterricht folgte einem festen, vom Fürsten selbst aufgestellten Plan, auf dessen genaueste Einhaltung er größten Wert legte. Magister Rohleder schlug ein speckig glänzendes Buch auf. »Alexius, nimm dir bitte diesen Abschnitt aus Virgils Aeneis vor und übersetzte ihn.« Vor Pauline legte er ein Blatt, auf dem alle römischen Zahlen von eins bis hundert verzeichnet waren. »Pauline, du schreibst bitte diese Ziffern ab.«

Während Alexander sich über Virgils Text beugte, malte Pauline mit größter Sorgfalt die römischen Zahlen auf das Papier. Rohleder schaute ihr beifällig nickend über die Schulter, setzte sich dann hinter sein Pult und widmete sich der Zeitungslektüre. Alexander kaute derweil an seinem Federkiel und seufzte. Was gingen ihn die alten Römer an? Viel lieber hätte er eine spannende Rittergeschichte gelesen. Am Ende der Stunde legte er dem Lehrer das Ergebnis seiner Bemühungen vor. Er war nicht über die ersten Sätze hinausgekommen. Jetzt war es an Magister Rohleder zu seufzen. »Wie willst du ein guter Fürst und Regent werden, wenn du ungebildet bleibst wie ein Bauer?«

»Ist mein Vater nicht ein guter Fürst?«, entgegnete Alexius. »Dennoch kann er kaum ein Wort Latein, das hat er mir selbst gesagt.«

»Eben deshalb wünscht Seine Durchlaucht, dass du es später einmal leichter haben wirst als er«, versetzte der Magister. »Und jetzt Schluss mit dem Räsonnieren. Morgen legst du mir eine vollständige Übersetzung vor.«

Nun ging man zur Landeskunde über. Rohleder stellte sich so zwischen Alexius und Pauline, dass sie ihrem Bruder nicht vorsagen konnte »Alexius, nenne mir die vier anhaltinischen Fürstentümer.«

»Bernburg, das ist leicht«, antwortete Alexius.

»Das will ich meinen«, lachte der Magister, »schließlich bist du der Erbprinz von Anhalt-Bernburg. Nun fehlen noch drei.«

Alexius überlegte. Wie hießen noch gleich diese verflixten Fürstentümer? Gestern hatte er es noch gewusst. »Köthen und Dessau«, brachte er schließlich heraus.

Rohleder nickte. »Jetzt fehlt nur noch eines«.

»Zerbst«, wisperte Pauline. Sie hatte sich ein wenig zur Seite gebeugt, damit Alexius ihr die Antwort von den Lippen ablesen konnte.

»Zerbst«, echote der Bruder.

Der Lehrer beschloss, es dieses Mal durchgehen zu lassen. Die Stunde war ohnehin zu Ende. Schlag elf Uhr trat der Hofprediger in die Schulstube, um Unterricht in evangelischer Religion zu erteilen.

Nach dem Mittagessen hatten beide Kinder sich in ihre Zimmer zu begeben, um dort weitere Studien zu betreiben. Nachdem Alexius pflichtgemäß einige Tonleitern und Etüden auf der Flöte geübt hatte, wandte er sich der Armee von Zinnsoldaten zu, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Er malte sich aus, wie er eine große Schlacht gewinnen und anschließend als strahlender Held nach Ballenstedt zurückkehren würde. Sein Vater würde ihn in die Arme schließen und sein Hinken würde keine Rolle mehr spielen. Von Geburt an war sein linkes Bein teilweise gelähmt. Viele schmerzhafte Behandlungen und Apparate hatten daran nichts ändern können.

Pauline wartete unterdessen auf Fräulein von Rauschenplat, um sich in den weiblichen Arbeiten unterweisen zu lassen. Sie nahm den Stickrahmen zur Hand, an dem sie schon seit Wochen arbeitete. Weit war sie bisher nicht gekommen. Dabei sollte die Blumenstickerei bis zum Geburtstag des Vaters in wenigen Wochen fertig sein. Pauline hatte sich alle Mühe gegeben, doch bei dem Versuch, die Stiche richtig zu setzen, stach sie sich eher die Finger blutig, als dass etwas Ansehnliches dabei herausgekommen wäre.

Fräulein von Rauschenplat erschien. In ihrem dunklen, schmucklosen Seidenkleid sah die kaum Dreißigjährige weit älter aus, als sie war. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie sich ebenso wenig auf das Kommende freute wie ihre Schülerin. Wortlos betrachtete sie den Stickrahmen und nahm ihn Pauline dann aus der Hand. Wenigstens die feinen Stiche der Rosenblüte übernahm sie besser selbst, sonst würde man das Ergebnis dem Fürsten nicht als Geschenk überreichen können.

Pauline wurde aufgetragen, ihrer Lehrerin unterdessen aus einem französischen Buch vorzulesen. Auf Anordnung des Fürsten beschäftigte sich Pauline in diesen Wochen mit der Enzyklopädie von Diderot. Da an der fürstlichen Tafel regelmäßig Französisch gesprochen wurde, war sie von klein auf mit der Sprache vertraut. Inzwischen war ihre Aussprache so gut, dass es von Seiten der Gouvernante nicht mehr viel zu verbessern gab.

Als Nächstes ging es ans Zeichnen. Für dieses Mal hatte das Fräulein eine Obstschale mitgebracht. Ob Pauline einmal versuchen wolle, einen Apfel zu zeichnen? Pauline warf einige Striche auf das Papier. Da das Ergebnis einem Apfel wenig ähnelte, setzte sie noch einmal an. Der zweite Versuch fiel nicht besser aus. Schließlich nahm die Rauschenplat ihrer Schülerin den Stift aus der Hand. »Sieh her«, sagte sie und vollendete die Skizze mit wenigen Strichen. »Morgen versuchst du es noch einmal. Jetzt ist es Zeit für deine Reitstunde.« Das ließ Pauline sich nicht zweimal sagen. Sie klingelte der Zofe, um sich umzukleiden. Dann stürmte sie davon.

Es war Sonntag. Prinzessin Pauline wachte in aller Frühe auf. Noch im Hemd ging sie zum Fenster und öffnete es. Der Schlosshof zu ihren Füßen lag still im Morgenlicht. Vom Schlossgarten wehte ein leichter Blütenduft herüber. Sie schloss die Augen. Heute wollte sie in allem geduldig sein und Fräulein von Rauschenplat nicht verärgern. Am Tag zuvor hatte sie nämlich zum Entsetzen ihrer Erzieherin einen Apfel an die Wand geworfen. Er hatte für eine weitere Übungsstunde im Zeichnen Verwendung finden sollen. Ein weiteres Mal war es Pauline nicht gelungen, den Apfel richtig zu zeichnen. »Er ähnelt eher einer Kartoffel als einem Apfel«, hatte die Rauschenplat zutreffend bemerkt. Da hatte Pauline die Wut gepackt. Sie hatte den Apfel genommen und mit aller Kraft gegen die Wand geworfen. Sie bereute ihr Handeln sofort, aber der Schaden war angerichtet. Der Apfel war in dem kostbaren Spiegel gelandet, der seit Weihnachten ihre Stube schmückte. Das Glas des Spiegels war geborsten. Hier war es mit einer einfachen Ermahnung nicht mehr getan. Noch vor dem Abendessen hatte Fräulein von Rauschenplat sich beim Fürsten melden lassen, um ihm vom Jähzorn seiner Tochter zu berichten. Sie kommt ganz nach mir, hatte der Fürst gedacht und nur mühsam ein Lächeln unterdrücken können. Dennoch war Pauline daraufhin ernstlich ermahnt und ohne Abendessen auf ihr Zimmer geschickt worden. Zur mahnenden Erinnerung an ihre Missetat sollte der beschädigte Spiegel bis auf Weiteres in ihrem Zimmer verbleiben.

Der sonntägliche Gottesdienst erschien Pauline heute besonders lang. Sie bemühte sich tapfer, der nicht enden wollenden Predigt zu folgen. Fräulein von Rauschenplat überwachte mit Argusaugen ihr Benehmen. Saß die Prinzessin gerade, die Hände sittsam gefaltet? Waren die Augen auf die Kanzel gerichtet, statt zügellos in der Hofkapelle umherzuschweifen? Pauline schien alles richtig gemacht zu haben, denn als der Prediger den Segen gesprochen hatte und alle hinausgingen, nickte die Gouvernante ihrem Zögling zufrieden zu.

Nach dem Gottesdienst ging man im Schlosspark spazieren. »Wie schön!«, rief Pauline, als sie die Freitreppe zum Garten hinuntergingen. Überall blühte und grünte es. Blumenrabatte mit Narzissen, Tulpen und Primeln leuchteten in allen Farben. In einigen Wochen würden ihre Lieblingsblumen, die Rosen, in voller Blüte stehen. Darauf freute Pauline sich schon jetzt.

Der Park war erst vor einigen Jahren von Fürst Albrecht angelegt worden. Nachdem er seine Residenz von Bernburg nach Ballenstedt verlegt hatte, um näher an seinem Jagdrevier zu wohnen, ließ er den damals noch recht kahlen Schlossberg bepflanzen. Der so entstandene Lustgarten sollte besonders seiner kaum dem Kindesalter entwachsenen Frau gefallen und hatte seinen Zweck vollkommen erfüllt. Täglich war die junge Fürstin zwischen den Rabatten umhergegangen, um Blumen für die zahlreichen Sträuße auszusuchen, die das Schlossinnere schmückten.

Viel hat sie nicht von dem Garten gehabt, dachte der Fürst und blieb vor einem Tulpenbeet stehen. Seine Miene verdüsterte sich bei dem Gedanken an ihren viel zu frühen Tod. Gerade einmal 21 Jahre war sie alt geworden. Er selbst war jetzt seit zehn Jahren Witwer, obwohl manch eine Prinzessin nicht abgeneigt war, ihn zu heiraten, wie wohlmeinende Verwandte angedeutet hatten. Eine weitere Ehe sei nichts für einen alten Griesgram wie ihn, pflegte er zu antworten, wenn er wieder einmal auf die ein oder andere Heiratskandidatin hingewiesen wurde. Eine junge Frau würde nur Unruhe ins Haus bringen. Fürst Albrecht hasste Unruhe. Wenn er sich nicht um seine Amtsgeschäfte kümmern musste, war er am liebsten im Wald. Auf der Jagd nach dem Wild zog er die Gesellschaft des schweigsamen Oberförsters jederzeit den Gesprächen bei Hofe vor.

In der Nähe des Wasserfalls war ein Imbiss vorbereitet. Diener hatten Decken auf dem Rasen ausgebreitet und richteten nun die Leckereien aus den mitgebrachten Körben an. Pauline griff ordentlich zu, die Frühlingsluft machte sie hungrig. Auch das Fräulein ließ sich nicht lange bitten. Bloß Alexius hatte keinen rechten Appetit. »Du musst mehr essen, sonst bleibst du für immer ein missratener Mickerling«, brummte der Fürst, schnitt eigenhändig eine dicke Scheibe vom Rehbraten ab und legte sie seinem Sohn auf den Teller. Alexius nahm gehorsam einen Bissen, kaute lange darauf herum und schluckte ihn schließlich zusammen mit den aufsteigenden Tränen herunter. Pauline drückte verstohlen die Hand des Bruders. Warum musste der Vater so grob zu Alexius sein? Schweigend aß man, schweigend ging man bald darauf zum Schloss zurück. Als Pauline ihrem Bruder auf sein Zimmer folgen wollte, um ihn zu trösten, schob er sie von sich. »Lass nur«, sagte er mit belegter Stimme und schloss die Tür.

An der sonntäglichen Ausfahrt am Nachmittag nahmen außer der fürstlichen Familie die Gouvernante und der Magister teil. Pauline war die Lust darauf vergangen, doch danach fragte niemand. Als die vierspännige Equipage Schlag drei Uhr vor der großen Freitreppe vorfuhr, erschien der Kammerdiener des Prinzen.

»Seine Durchlaucht lässt sich entschuldigen, er befindet sich nicht wohl.«

»Seine Durchlaucht?« Der Fürst lachte verächtlich auf. »Dieser Milchbube muss erst noch eine Durchlaucht werden. Was soll das heißen, er befindet sich nicht wohl?«

»Er hat Kopfweh.«

»Kopfweh ist etwas für Weiber. Richte Er meinem Sohne aus, dass er sich umgehend hierher zu verfügen habe. Man darf seinen Grillen nicht die Zügel schießen lassen.«

»Wie Eure Hoheit befehlen.« Der Kammerdiener machte auf dem Absatz kehrt.

Wenige Minuten später erschien Alexius. Er hatte offenbar geweint. Sein blasses Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er zu lächeln versuchte. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Pauline entfuhr ein Schluchzen. Alexius war krank, das war offensichtlich. »Gut, gut«, knurrte der Vater nach einem Blick auf seinen Sohn und schickte ihn mit einer Handbewegung ins Schloss zurück. Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch.

Im Schritttempo fuhren sie die steile Schlosseinfahrt bis zur Kastanienallee hinunter. Der Fürst richtete sich auf. »Sind das nicht prächtige Häuser?« Er hatte auf beiden Seiten der Straße zweigeschossige Mansardenhäuser errichten lassen, die von höheren Hofbeamten bewohnt wurden. Wie jeden Sonntag zu dieser Stunde hatten sich einige Spaziergänger im besten Sonntagsstaat an der Allee eingefunden, um einen Blick auf den Fürsten und seine Kinder zu erhaschen. Ihre Gespräche verstummten, sobald sie die fürstliche Equipage erblickten. Während die Männer ihre Dreispitze abnahmen und sich verbeugten, machten die Frauen einen tiefen Knicks. Prinzessin Pauline wusste, was sie zu tun hatte. Sie setzte ihr bestes Lächeln auf und grüßte mit einer einstudierten Handbewegung von der offenen Kutsche herab die Menschen. Der Fürst ließ sich bei dem ein oder anderen Spaziergänger zu einem huldvollen Kopfnicken herab. Wenn er gleichzeitig winkte, galt dies als besonderer Gunstbeweis, der sorgfältig registriert und in den folgenden Tagen in den besseren Häusern von Ballenstedt eingehend besprochen wurde. An diesem Sonntag zeichnete er Geheimsekretär Reich auf diese Weise aus. »Ein tüchtiger Mann«, erklärte er Pauline. Die bemühte sich, ein verständiges Gesicht zu machen, und nickte wie der Vater dem Geheimsekretär zu.

Nach einigen Minuten passierten sie das Obertor von Ballenstedt. Die schmalen Häuser des Städtchens duckten sich vor dem fürstlichen Glanz der Equipage. Wie mochte es wohl sein, in einem so kleinen Haus zu wohnen, fragte sich Pauline, während die Kutsche über das Kopfsteinpflaster rumpelte. An der Nicolaikirche hielten sie wie jeden Sonntag an. Der Pfarrer eilte herbei, um seinem Landesherrn den Fortschritt der Renovierungsarbeiten im Inneren der Kirche zu zeigen. Schnell waren sie von Kindern umringt. Pauline lächelte einem barfüßigen Jungen in Lumpen zu. Der Junge starrte regungslos zurück. Sie hätte ihm gerne eine Münze gegeben, aber von solcher Art der Mildtätigkeit hielt der Vater nichts, das wusste sie. Die Minuten vergingen. Es roch nach Pferdeäpfeln, Kohlsuppe und Schweiß. Fliegen surrten umher. Endlich kam der Fürst zurück. Die Besichtigung war nicht zu seiner Zufriedenheit verlaufen, das sah Pauline sofort. Sie war froh, als die Kutsche wieder auf den Schlosshof fuhr. Jetzt war sie für den Rest des Tages von allen Pflichten befreit.

Als Erstes wollte sie nach Alexius sehen. »Wir sind wieder da!«, rief sie, während sie seine Zimmertür schwungvoll öffnete. Das Zimmer war leer. Sie versuchte es bei den Pferden. Dort hatte niemand den Prinzen gesehen. Dann blieb nur noch eine Möglichkeit. So schnell es ihr schweres Kleid erlaubte, bestieg sie den mächtigen Westturm. Er gehörte zu den ältesten Teilen der Schlossanlage, die einmal ein Benediktinerkloster gewesen war. Oben angekommen, fand sie wie gehofft Alexius vor. »Hast du noch Kopfweh?« Alexius antwortete nicht. Wie konnte sie ihn aufheitern? »Wollen wir bald einmal wieder das Schlüsselspiel spielen?« Alexius schüttelte den Kopf.

Das Schlüsselspiel war ihr größtes Vergnügen. In einer Kommode unter dem Dach hatten sie vor Jahren eine Schublade voller alter Schlüssel gefunden. Riesige, längst verrostete Türschlüssel waren darunter, dazu kamen kleinere, mit denen man eine Schatulle aufschließen konnte. Womöglich würden sie einen vergessenen Schatz in einer solchen Schatulle finden! Auch die Türschlüssel waren interessant. Es galt zu erraten, zu welcher Tür ein bestimmter Schlüssel wohl passen mochte. Die dreiflügelige Schlossanlage barg so viele Zimmer, dass sie unmöglich alle Schlösser ausprobieren konnten. Dennoch machte es großen Spaß, die verborgenen Winkel des Schlosses zu durchstöbern. Es gefiel ihnen, die großen Flügeltüren mit ihren für Kinder viel zu hoch angebrachten Türklinken durch Hüpfen zu öffnen. Besonders Alexius hatte darin eine große Geschicklichkeit entwickelt.

Pauline seufzte auf. Wenn ihr Bruder nicht mal Lust auf das Schlüsselspiel hatte, musste er sehr traurig sein. Schweigend stellte sie sich neben ihn und fasste seine Hand. Schweigend sahen sie über die wogenden Wipfel des Harzes hinweg bis zum Brocken, dessen schneebedeckter Gipfel in der Sonne leuchtete.

Am Morgen ihres elften Geburtstags betrat Prinzessin Pauline wie immer um halb neun die Schulstube. Ein Buch lag auf ihrem Platz. »Das ist mein Geschenk für dich«, sagte der Magister. »Schau es dir ruhig an.«

»Moral für Frauenzimmer nach Anleitung der moralischen Vorlesungen des sel. Prof. Gellerts und anderer Sittenlehrer von Dorothee Henriette von Runkel«, las Pauline und schlug das Buch auf. Auf der ersten Seite befand sich eine handschriftliche Widmung.

Pauline sah fragend zu Rohleder. Der nickte. »Die Widmung habe ich dir hineingeschrieben. Lies sie bitte vor.«

Dir gab dieser Tag das Leben,

das du so schön bis hero angewandt.

Gut werden, weise sein ist dein Bestreben,

Mit Stolz und Hochmut bist du unbekannt.

Es lehret dich den Weg zum Glücke finden,

zum Glücke, das dir nicht der Purpur gibt:

es zeigt ein Gut, das dem nie kann verschwinden,

der seiner Pflicht getreu, die Tugend übt.

Alexius verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ihm hatte der Magister noch nie ein Buch geschenkt. Eines mit Widmung schon gar nicht. Es ließ sich nicht leugnen, dass der Lehrer Pauline vorzog. Ihr machte das Lernen Freude. Im Lateinischen war sie so weit fortgeschritten, dass sie Tacitus Schrift über die Germanen übersetzen konnte. Das Französische beherrschte sie inzwischen fehlerfrei. Damit nicht genug, sie hatte angefangen, Italienisch und Dänisch zu lernen. Neben den Sprachen interessierte sie sich besonders für Geschichte, Geografie und Staatswissenschaft. Auf Veranlassung des Vaters hatte sie deshalb mit dem Durcharbeiten eines Buches über das Staatsrecht der Altfürstlichen Häuser Deutschlands begonnen. Nur mit der Rechtschreibung hatte sie Probleme. Es konnte vorkommen, dass sie hartnäckig an einer falschen Schreibweise festhielt, weil sie ihr nun einmal richtig erschien. Magister Rohleder konnte seine eigensinnige Schülerin noch so oft korrigieren, es half nichts. »Der Mann, der dich einmal bekommt, wird es nicht leicht haben«, pflegte er dann zu bemerken, worauf Pauline stets erwiderte, sie werde ohnehin nicht heiraten. Warum sollte sie ihre Heimat verlassen? Konnte es irgendwo schöner sein als zu Hause? Sie ritt inzwischen so gut, dass sie den Vater auf seinen Inspektionsreisen begleiten konnte. Mit ihm war sie in Gernrode gewesen und in Güntersberge. Auf dem Meiseberg hatte sie im Jagdschloss übernachtet und auf der Viktorshöhe einen 20 Meter hohen Aussichtsturm erklommen. Sogar in das Rammelsberger Erz­bergwerk war sie eingefahren. Beim Erkunden der Stollen hatte sie zum Entsetzen des Fräuleins ihr bestes Reitkleid ruiniert. Am besten hatte ihr der Ausflug zur Eisenhütte in Mägdesprung gefallen. Auf dem Weg dorthin hatte ihr der Vater die Sage von der Riesin erzählt, die mit einem gewaltigen Satz über das Selketal gesprungen war und dabei einen Bauern samt Pferd und Wagen in ihrer Schürze mitgenommen hatte.

Als sie sich dem Selketal genähert hatten, waren die von Wasserkraft angetriebenen Hämmer schon von Weitem zu hören gewesen. Das Eisenerz wurde auf großen Feuern geschmolzen und anschließend zu Roheisen umgewandelt. Aus dem Eisen ließen sich Sägen, Beile und Gewehrläufe schmieden, die guten Gewinn brachten. Pauline hatte alles ganz genau wissen und sehen wollen. Weder Krach noch Hitze hatten sie abschrecken können. Nur das Aufsehen, das sie beim Volk erregte, störte sie. Sobald der Fürst und sein Gefolge anhielten, liefen die Leute herbei. Überall wurde sie neugierig angegafft. Überall wunderte man sich, dass nicht der Erbprinz, sondern die Prinzessin den Fürsten begleitete. Alexius blieb zu Hause. Bei den wenigen Ausritten, zu denen der Vater ihn gezwungen hatte, machten sein zarter Körper, sein Hinken und seine Wortkargheit einen derart schlechten Eindruck, dass der Fürst beschlossen hatte, ihn künftig nicht mehr mitzunehmen. Die Kopfschmerzen traten inzwischen in immer kürzeren Abständen auf. Alexius konnte dann tagelang nicht das Zimmer verlassen, Übelkeit und Erbrechen quälten ihn. Die Vorhänge mussten während dieser Anfälle zugezogen sein, da er kein Licht vertrug. Schon das Geräusch einer heruntergefallenen Tasse konnte Weinkrämpfe auslösen. Sein Kammerdiener ging auf Zehenspitzen. Außer ihm durfte niemand das Zimmer betreten. Nicht einmal Pauline war willkommen. Der hinzugezogene Leibarzt ließ den Patienten zur Ader, verordnete kalte Kopfwickel und erklärte, das Übel werde sich mit den Jahren wohl auswachsen. Darauf hoffte der Fürst. Bald würde Alexius die für Prinzen übliche Kavaliersreise antreten. Von der war schon manch kränkelnder Knabe als gesunder Mann zurückgekehrt.

Nach dem Unterricht zog Pauline sich wie an jedem anderen Tag in ihr Zimmer zurück. Ein Geburtstag befreite sie nicht von ihren Pflichten. Der Magister hatte ihr aufgetragen, ein Verzeichnis ihrer Bücher anzulegen, sodass sie später einmal nicht den Überblick verlieren würde. Noch war das nicht zu befürchten, denn die Prinzessin konnte bisher nur ein weiteres Buch ihr Eigen nennen. Fräulein von Rauschenplat hatte es ihr zu Weihnachten geschenkt. Alle anderen Bücher, die sich auf ihrem Schreibsekretär stapelten, stammten aus der kleinen, vollkommen ungeordneten Hofbibliothek ihres Vaters. Der zierliche Schreibsekretär war schon jetzt zu klein für Paulines umfangreiche Studien, doch das Möbel war ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, weswegen sie es in besonderen Ehren hielt.

Pauline nahm einen Bogen Papier zur Hand, tauchte die Feder ins Tintenfass und schrieb mit schwungvollen Zügen

Handbibliothek:

1. Sophie la Roche. Geschichte des Fräuleins von Sternheim

Das zunächst skeptisch beäugte Geschenk der Gouvernante über eine junge Adlige, die trotz aller Widrigkeiten ihren Weg geht, hatte ihr gut gefallen.

2. Dorothee Henriette von Runkel. Moral für Frauenzimmer

Die Buchseiten waren bereits aufgeschnitten, sodass sie ein wenig herumblättern konnte. Schon bald stieß sie auf einen Absatz, der ihr so gut gefiel, dass sie zur Feder griff, um ihn abzuschreiben.

Keine Vernachlässigung ist trauriger, und keine wird doch oft weniger bei unserem Geschlechte geachtet, als jene unserer Vernunft und unsres Verstandes. Man begnügt sich leider beim Frauenzimmer nicht selten damit, daß man ihre ungebildete Vernunft auf nichtswürdige Kleinigkeiten, oder doch nur auf geringere Gegenstände anwendet, als sie ihrer hohen Bestimmung nach angewendet werden sollten.

Das würde sie gleich morgen Fräulein von Rauschenplat zeigen!

Die Tage wurden länger, die Sonne gewann mit jedem Tag an Kraft. Endlich schmolz auch der Schnee. »Was haltet ihr davon, im Sommer den Brocken zu besteigen?«, fragte der Fürst, als man sich zu einem sonntäglichen Imbiss auf der großen Terrasse eingefunden hatte. »Wenn wir im August fahren, können wir dort am 15. meinen Geburtstag feiern.«

»Das wird ein Abenteuer!«, rief Pauline, sprang auf und küsste ihrem Vater die Hand.

»Ich habe bislang nicht gesagt, dass du mitdarfst«, erwiderte der Vater. Aber Pauline wusste sein Lächeln richtig zu deuten.

Sie wandte sich ihrem Bruder zu. »Freust du dich nicht?«

»Doch, doch«, murmelte Alexius.

Bei Fräulein von Rauschenplat löste das Vorhaben wenig Begeisterung aus. Der Fürst würde vermutlich erwarten, dass sie sich an der Expedition beteiligte. »Ist es dort oben nicht gefährlich? Das Volk erzählt sich, dass Hexen und böse Geister auf dem Gipfel ihr Unwesen treiben.«

»Sie schwatzen dummes Zeug«, versetzte der Fürst. »Natürlich kommen Sie mit. Pauline kann eine solche Reise nicht ohne weibliche Begleitung machen.« Er wandte sich zum Magister. »Auch Sie will ich dabeihaben. Wir können Gesteinsproben nehmen.« Der Fürst besaß eine Mineraliensammlung, die er ständig erweiterte.

Rohleder nickte. Er freute sich, aus dem Schloss herauszukommen.

Vor dem Ausflug musste Pauline noch eine lästige Pflicht erledigen. Ein Maler mit besten Referenzen war ins Schloss bestellt worden, um ein Porträt der Prinzessin anzufertigen. Es war langweilig, stundenlang stillzusitzen, das wusste Pauline noch vom letzten Mal. Damals war sie erst sechs Jahre alt gewesen und Alexius hatte es darauf angelegt, sie durch allerlei Grimassen und Faxen aus der Fassung zu bringen.

Ein dunkelblaues Seidenkleid mit schwarzem Mieder wurde bestellt. Erst musste Maß genommen, danach das Kleid wieder und wieder anprobiert werden. Was hätte sie in dieser Zeit alles lesen und lernen können! Ein noch größeres Ärgernis war in Paulines Augen die Schleppe, mit der sie überall hängen blieb.

Als das Kleid endlich fertig war, wurde die erste Sitzung anberaumt. Die im Frisieren geschickte Kammerzofe türmte Paulines widerspenstige Haarpracht am Hinterkopf auf und befestigte das Gebilde mit einer Unzahl von Nadeln und Spangen. Eine dicke Schicht Puder vervollständigte ihr Werk. Fräulein von Rauschenplat wurde dazugerufen. Nach gründlicher Prüfung drückte sie ihr Einverständnis durch ein stummes Kopfnicken aus, was alle, die sie kannten, als Lob zu deuten wussten.

In feierlicher Prozession wurde Pauline in den Salon geführt. In dem mit roten Seidentapeten geschmückten Raum hatte der Maler seine Staffelei aufgebaut. Er bat die Prinzessin unter allerlei Verbeugungen, sich an einen Tisch zu setzen. Auf der marmornen Tischplatte war ein roter Fürstenmantel als Ausweis der hochadligen Abstammung Paulines drapiert. Die Prinzessin nahm auf einem goldbestickten Sessel Platz, was mit der Schleppe nicht einfach war.

»Ich bitte, den rechten Arm ein wenig aufzustützen«, sagte der Maler.

Pauline stützte ihren rechten Arm wunschgemäß auf der Tischplatte auf. Dann hatte sie eine Idee. »Lauf, und hole drei Bücher aus meinem Zimmer«, befahl sie der an der Tür stehende Zofe. Kaum hatte die Dienerin die große Flügeltür geöffnet, um das Gewünschte so schnell wie möglich herbeizuschaffen, rief Pauline sie zurück. »Nimm nicht irgendwelche Bücher.« Pauline überlegte. »Sondern das über Staatsrecht, außerdem die Moral für Frauenzimmer und die Geschichte des Fräuleins von Sternheim.«

Die Zofe knickste. Dann zögerte sie. »Woran erkenne ich diese Bücher?«

Pauline hatte nicht bedacht, dass das junge Mädchen kaum lesen konnte. Sie wandte sich an Fräulein von Rauschenplat. »Ob Sie vielleicht so freundlich wären, meine Zofe zu begleiten?«

Das Gesicht des Fräuleins wurde rot vor Ärger. Es gehörte nach der Hofetikette nicht zu den Aufgaben einer Gouvernante, Botengänge für die Prinzessin zu erledigen. Andererseits konnte sie die Bitte nicht rundheraus abschlagen, schließlich war Pauline kein kleines Kind mehr. Sie erhob sich. »Öffne mir die Tür, du dummes Ding«, herrschte sie die Zofe an und verschwand.

Der junge Maler nutzte die Unterbrechung, um Gesicht und Gestalt der Prinzessin zu betrachten. Das leichte Doppelkinn kann ich kaschieren, die Nase ist recht groß, Augen und Mund sind passabel, dachte er. Pauline wurde rot unter seinem prüfenden Blick. Als der junge Mann einen Schritt auf sie zumachte, um die Form der Ohren zu begutachten, begann ihr Herz zu klopfen. Ob er mich hübsch findet? Sie erschrak. Was waren das für unziemliche Gedanken? Hatte der Hofprediger nicht erst kürzlich vor der weiblichen Eitelkeit und Gefallsucht gewarnt, die schon so manches Frauenzimmer ins Verderben gestürzt hatte? Beschämt schlug sie die Augen nieder.

Nach endlosen Minuten erschien die Rauschenplat endlich mit den Büchern. Zwei davon wurden neben den beiseite geschobenen Fürstenmantel gelegt. Das dritte Buch nahm Pauline in die rechte Hand, wobei sie einen Finger zwischen die Seiten steckte. Es sah aus, als sei sie gerade beim Lesen unterbrochen worden. Um die Botschaft noch deutlicher zu machen, zeigte sie mit der linken Hand auf die anderen beiden Bücher. Alle sollten sehen, was ihr wichtig war!

»Sehr schön. Nicht bewegen!«, rief der Maler und begann mit den ersten Strichen.

An einem lichtblauen Sommermorgen brachen sie auf. Der Fürst hoch zu Ross, Pauline, Fräulein von Rauschenplat und der Magister in der großen Reisekutsche. In einem zweiten Wagen folgten Paulines Zofe, der Kammerdiener des Fürsten und ein weiterer Diener. Alexius fehlte. Wieder einmal war er von starken Kopfschmerzen geplagt, hatte am Abend zuvor sogar erbrochen. Selbst der Vater hatte zugeben müssen, dass in einem solchen Zustand an Reisen nicht zu denken war.

Der Brocken war vom Schloss aus an klaren Tagen gut zu sehen. Dennoch war er weiter entfernt, als Pauline es sich vorgestellt hatte. Sie erreichten das am Fuße des Berges liegende Schierke erst am frühen Abend. Nach einem schnellen Imbiss ging es gleich weiter zum Gipfel. An der Spitze ritt der Fürst auf seinem prächtigen, für seine Trittsicherheit bekannten Hengst. Die anderen folgten zu Fuß. Doch welche Enttäuschung! Die eben noch hell strahlende Sonne verschwand schon bald hinter einer dicken Nebelwand. Wind kam auf. Es begann zu nieseln. Ihr Reiseführer, ein Köhler aus dem Nachbarort, machte ein bedenkliches Gesicht. Aber eine Umkehr kam nicht infrage. Morgen war der Geburtstag des Fürsten und den wollte er nun einmal auf dem Berggipfel feiern. Der Anstieg wurde steiler, je weiter sie vorankamen. Über Wurzeln und felsiges Granitgestein führte der Weg über einen Bach, den sie auf einer bedenklich schwankenden Holzbrücke im Gänsemarsch überquerten. Bald ließen sie die Eckerlochschlucht hinter sich und durchwanderten einen dichten Fichtenwald.

Pauline störten weder Wind noch Regen. Sie sammelte Steine auf, um sie dem Vater zu zeigen, kletterte auf Felsbrocken, lief mal vor, mal hinter der Gruppe und versuchte vergeblich, den schweigsamen Köhler zum Sprechen zu bringen. Sicher kannte er eine der vielen Sagen, die im Volk über den Brocken umgingen. Der Köhler machte ein erschrockenes Gesicht, als sie ihn danach fragte. »Man soll die Hexen nicht herausfordern«, war alles, was sie aus ihm herausbrachte.

Endlich erreichten sie die Baumgrenze. Aus dem Nieselregen war ein heftiger Schauer geworden. Schon nach wenigen Minuten waren alle bis auf die Haut durchnässt. Schweigend gingen sie weiter. Bis zum Wirtshaus auf der Heinrichshöhe war es noch fast eine Stunde Weg. »Meine Schuhe sind ruiniert und die Frisur sowieso«, stöhnte die Rauschenplat. Niemand antwortete ihr.

Sie erreichten das Wirtshaus erst nach Einbruch der Dunkelheit. Nichts war für ihren Empfang vorbereitet, obwohl sie angemeldet waren. Der Fürst tobte, doch es half nichts. Statt der heißen Suppe, auf die sich alle gefreut hatten, konnten ihnen die mürrischen Wirtsleute bloß saures Bier und trockenes Brot anbieten. Die Betten waren so verwanzt, dass man sie nicht benutzen konnte. Man würde auf zusammengestellten Tischen schlafen müssen. Da das Gepäck nicht angekommen war, konnten sie die nassen Kleider nicht wechseln. Selbst Pauline wurde jetzt schweigsam. Ihre Laune besserte sich erst wieder, als der Vater aus seinem Reisesack ein riesiges Hemd hervorholte. »Für dich«, sagte er und wickelte Pauline eigenhändig darin ein. Wie schade, dass Alexius sie nicht in diesem Aufzug sehen konnte. Nachdem die Zofe ein notdürftiges Nachtlager neben dem Kamin für sie zurechtgemacht hatte, schlief Pauline sofort ein.

Am nächsten Morgen regnete es noch immer. Der Wind war jetzt so stark, dass es sie kaum auf den Füßen hielt. Dichte Nebelschwaden machten jeden Blick auf das unter ihnen liegenden Tal unmöglich. Dann riss der Himmel für einen Moment auf. Man beschloss, mit dem Abstieg noch zu warten. Hatte es nicht geheißen, der Berg böte eine wunderbare Aussicht? Pauline vertrieb sich die Zeit damit, die Stammbücher des Gasthauses durchzublättern. Zu ihrer Belustigung waren sie nicht die Einzigen, die über einen beschwerlichen Aufstieg, schlechtes Wetter und schmerzende Füße zu klagen hatten.

Man wartete bis zum Mittag, doch die Wolken verzogen sich nicht. Schlecht gelaunt befahl der Fürst endlich den Abstieg. Seinen Geburtstag hatte er sich anders vorgestellt. Nur seine Tochter, die ihm gleich nach dem Aufstehen ein selbst geschriebenes Gedicht vorgetragen hatte, konnte ihm an diesem Tag ein Lächeln entlocken.

Zu Hause führte Paulines erster Weg zu Alexius. Der lag immer noch mit Kopfschmerzen im abgedunkelten Zimmer. Nur die Mutter hörte geduldig zu, als Pauline am Abend in die Ahnengalerie ging und von ihren Abenteuern erzählte.

Der kleine Kreis, in dem ich lebe

Nimm dieses Lied, mein teurer, Bester

geneigt von deiner Schwester an

stets werde unsere Freundschaft fester

bis nichts mehr sie zerstören kann.

Das war für den Anfang nicht schlecht. Pauline hatte sich noch im Schlafrock an ihren Schreibsekretär gesetzt, um ein Gedicht für ihren Bruder zu schreiben. Der frühe Morgen war die beste Zeit zum Arbeiten. Besonders das Schreiben fiel ihr dann leicht. Es war ruhig im Schloss. Nur die Fensterläden klapperten im Wind, gelegentlich war das Trippeln einer Maus zu hören. Als sie noch Kinder waren, hatte Alexius sich vor der Dunkelheit gefürchtet. Überall hörte er es rascheln, trippeln und knarzen. Das konnte nur ein Gespenst sein. Eine Küchenmagd, die sich vor langer Zeit auf dem Dachboden erhängt hatte, geisterte ruhelos umher. In der Gesindestube hatte er darüber reden hören. Selbst seine Kinderwärterin hatte zugeben müssen, dass solche Dinge wohl vorkommen mochten.

Inzwischen war Alexius kein Kind mehr. Der 15-Jährige würde in wenigen Tagen zu seiner Kavaliersreise aufbrechen. Sie würde ihn durch halb Europa führen, nach Italien, Frankreich und England. In dem Jahr seiner Abwesenheit würde Alexius zum Mann reifen. Das jedenfalls hoffte der Fürst. Er hatte in jungen Jahren die große Kavalierstour gemacht, schwelgte seit Wochen in Erinnerungen und sparte nicht mit guten Ratschlägen. In Italien müsse man sich vor Beutelschneidern und Gaunern aller Art hüten, während in Frankreich die liederlichen Weibspersonen zu meiden seien.

Je näher die Abreise des Bruders rückte, desto trauriger wurde Pauline. Alexius war um sie gewesen, seit sie denken konnte. Mit wem würde sie sprechen können, wenn er abwesend war? Wer würde abends mit ihr Karten spielen, wenn der Vater nach dem zweiten Glas Wein einnickte, während das Fräulein schweigend über ihrem Stickrahmen saß? Ihr Vater hatte angekündigt, dass sie bald eine Hofdame zur Gesellschaft bekäme. Ob eine Hofdame ihre Freundin werden konnte? Pauline wünschte sich jemanden wie das Fräulein von Sternheim zur Gesellschaft, eine junge Frau, die trotz aller Widrigkeiten ein tugendhaftes, von Menschenliebe und Tatkraft bestimmtes Leben führte. Ob es solche Frauen lediglich in Büchern gab? Die adligen Mädchen, die Pauline bisher kennengelernt hatte, sprachen von nichts anderem als von ihrer Toilette, der neuesten Pariser Mode und dem nächsten Ball. So sehr sie versuchte, sich für derlei Themen zu interessieren, es gelang ihr nicht.

Wie herrlich musste es dagegen sein, in ferne Länder zu reisen. Alexius würde Rom sehen, das Kapitol, die Museen mit ihren berühmten Gemälden. Pauline beherrschte inzwischen die italienische Sprache recht gut. Konnte das dem Bruder nicht von großem Nutzen sein? Wie gerne würde sie ihn begleiten. Ihr Vorschlag hatte bei Tisch für große Erheiterung gesorgt. »Schlag dir diese Grille aus dem Kopf, Mädchen«, hatte der Vater gesagt. »Eine Kavaliersreise ist nichts für Frauenzimmer. Oder willst du wie eine Amazone in Männerkleidern reisen und abends bei einer Pfeife im Wirtshaus sitzen?«

Alle hatten gelacht, auch Alexius. Das hatte sie ihm übel genommen. Trotzdem sollte ihr Abschiedsgedicht von Liebe handeln und unzerstörbarer Freundschaft. Bis zu seiner Abreise musste es fertig sein. Sie schrieb, strich durch und schrieb, bis es Zeit zum Ankleiden wurde.

An einem verregneten Frühlingstag des Jahres 1782 reiste Alexius schließlich ab. Magister Rohleder begleitete ihn. Pauline stand mit den anderen auf der Freitreppe und winkte, bis die Kutsche außer Sichtweite war. Der Fürst schnäuzte sich, dann verschwand er ohne ein weiteres Wort in seinem Kabinett. Auch Pauline hatte zu tun. Da der Unterricht bei Magister Rohleder beendet war, studierte sie auf eigene Faust weiter. Zum Lateinischen gesellte sich das Altgriechische, sie interessierte sich für Rousseaus Schriften, für theologische Abhandlungen und das Allgemeine Preußische Landrecht. Mit jedem Buch, mit jedem Aufsatz lernte sie dazu. Einem festen, von ihr selbst aufgestellten Arbeitsplan folgend stand sie jeden Morgen um fünf Uhr auf und setzte sich gleich nach der Morgentoilette an den Schreibsekretär. Dort schrieb sie Briefe, lernte griechische Vokabeln und fertigte erste Übersetzungen an. Sie las stets mit der Feder in der Hand, machte sich Notizen und schrieb wichtige Stellen ab. Nach dem Frühstück begab sie sich in das fürstliche Arbeitszimmer. Dort war ein eigener Schreibtisch für sie aufgestellt worden. Nach den Anweisungen des Vaters führte sie inzwischen seine gesamte französische Korrespondenz. »Du weißt dich weit besser als ich im Französischen auszudrücken«, hatte der Vater gesagt, und sie war stolz, dass er ihr diese Arbeit anvertraute.

Nach der Mittagstafel ging Pauline gewöhnlich mit Fräulein von Rauschenplat im Park spazieren. Viel zu sagen hatten sie sich nicht. Nur auf ein Thema kam die Gouvernante immer wieder zu sprechen.

»Du wirst bald 14, Pauline. Bald muss ich dich siezen.« Sie lachte. Dann wurde sie ernst. »Deine selige Frau Mutter war 15, als sie deinem Vater die Hand zum Ehebund reichte. Es wird höchste Zeit, dich in die Gesellschaft einzuführen. Ein Tanzmeister muss kommen und dich die wichtigsten Schritte für den ersten großen Ball lehren. Auch Singen und Klavierspielen wird von einer Prinzessin erwartet.«

Sie habe Besseres zu tun, als ihre Zeit mit derlei Nichtigkeiten zu vertändeln, pflegte Pauline zu antworten. Um der Gouvernante wenigstens etwas entgegenzukommen, hatte sie sich schließlich bereit erklärt, das Klavierspielen zu erlernen. Zweimal in der Woche erschien der Hoforganist im Schloss und bemühte sich, seiner Schülerin einige leichte Klavierstücke beizubringen. Einmal hatte der Organist sie gebeten, eine Arie zu singen, die er am Klavier begleitete. Nach Paulines ersten Tönen hatte er die Sache aber sofort wieder fallen gelassen.

Nach langem Drängen bekam die Prinzessin endlich ein eigenes Studierzimmer. Es lag direkt neben ihrer früheren Kinderstube, die jetzt als Schlaf- und Ankleidezimmer diente. Außer dem zierlichen Schreibsekretär der Mutter war es mit einem Schreibpult und einem solide gearbeiteten Bücherschrank ausgestattet. Ein Chaiselongue sorgte für Bequemlichkeit. Tagsüber betrieb Pauline ihre Studien, an den Abenden widmete sie sich leichter Lektüre, las in einem Roman oder einem der zahlreichen Journale, die sie inzwischen bezog. Wenn Pauline aufblickte, um über das Geschriebene nachzudenken, blickte sie mit Befriedigung auf ihren neuen Bücherschrank.Im Kerzenlicht schimmerten die von eigenem Geld angeschafften Bücher wie eine Verheißung hinter der Glasscheibe. Das Verzeichnis ihrer Handbibliothek war inzwischen merklich angewachsen. Außer den Schriften von Rousseau waren Klopstocks Messias, Werke von Wieland und Lessing hinzugekommen. Auch Reisebeschreibungen las Pauline gerne. Als Nächstes bestelle ich mir Georg Forsters Reise um die Welt, beschloss sie, nachdem sie in einem Journal von dem Buch gelesen hatte. Wenn sie die Welt schon nicht mit eigenen Augen sehen konnte, wollte sie wenigstens darüber lesen.