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Gianluigi Cherubin

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Barcelona, eine Nacht am Meer. Verzweifelt versucht Arturo seine Erinnerungen zu ordnen. Erlebnisse und Personen verfliessen im Strom seines Bewusstseins, festen Boden bietet ihm nur die Musik. Ausgangs- und Endpunkt seiner Reise, die ihn tief in sein Inneres und einmal rund ums Mittelmeer führt und von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben mit all seinen hellen und dunklen Seiten und dessen herausfordernden Grenzenlosigkeit erzählt, bleibt derselbe: die Liebe, die Zukunft, Futura.

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2019

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for all those who won’t make it

Barcelona, eine Nacht am Meer. Verzweifelt versucht Arturo seine Erinnerungen zu ordnen. Erlebnisse und Personen verfliessen im Strom seines Bewusstseins, festen Boden bietet ihm nur die Musik. Ausgangs- und Endpunkt seiner Reise, die ihn tief in sein Inneres und einmal rund ums Mittelmeer führt und von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben mit all seinen hellen und dunklen Seiten und dessen herausfordernden Grenzenlosigkeit erzählt, bleibt derselbe: die Liebe, die Zukunft, Futura.

Gianluigi Cherubin, geboren 1983, studierte Komparatistik und Geschichte, arbeitet und lebt als Autor, Musiker und DJ in Bern, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und träumt vom Meer.

»Ich hab die Zukunft gesehen.

Ich konnte nichts genau erkennen,

alles verschwommen

vor lauter Tränen.«

(Torch)

»They don’t make it

the beautiful die in flame-

[…]

They don’t make it

the beautiful can’t endure,

they are butterflies

they are doves

they are sparrows,

they don’t make it.«

(Henry Charles Bukowski)

»Trotz allem scheint die Welt immer noch zu existieren«, dachte er sich und ging weiter die Strasse entlang. Die Stimmen wurden leiser und das Licht der Laternen spärlicher. Es war nicht kalt, doch vom Meer wehte ein starker Wind, der ein Gefühl der Kälte erzeugte. An der letzten Strassenkreuzung blieb er stehen, griff in seine Manteltasche, zündete sich eine Zigarette an und ging weiter.

Das Licht der letzten Laternen spielte mit seinem Schatten, warf Formen, Gebilde und Figuren an die Wände der Häuser, welche die Strasse säumten, die sich weiter unten am Strand verlor. Dort schien sich sein Ziel zu befinden, falls er überhaupt ein Ziel vor Augen oder besser gesagt im Kopf hatte, wollte oder brauchte.

»Im Kopf oder vor Augen; ist doch eigentlich dasselbe: konstruierte Unterschiede durch konstruierte Begriffe. Konstruktion ist die einzige Fähigkeit des Menschen und gleichzeitig seine grösste Errungenschaft«, dachte er sich. »Übersteigerte Konstruktion, um sich von der Destruktion, welche in der Natur einen gleichwertigen Teil einnimmt, abzulenken. Das bedeutet Menschsein. Doch nun benutze ich selbst schon Begriffe.«

Er lachte und zündete am Ende der letzten den Anfang der nächsten Zigarette an.

»So weit so gut. Als ob Weite per Definition etwas Gutes wäre. Aber ist es das nicht? Deshalb bin ich doch am Meer gelandet, in dieser Nacht, zu dieser Stunde, jetzt.«

Die Erkenntnis kam ihm in diesem Moment, als seine Füsse schon in der schwachen Brandung standen. Er war am Meer. Einmal mehr landete er in einer Stunde, in der er loslief, ohne sich zu achten wohin oder zu wissen warum, einfach nur um zu laufen (vielleicht um den Zustand seines Körpers demjenigen seines Geistes anzupassen), mit den Füssen im Salzwasser.

»Erstaunlich, erstaunlich«, murmelte er vor sich hin in das Rauschen der Brandung. »Ich überrasche und erfreue mich immer wieder selber. Und trotzdem schaffe ich es auch immer wieder mich selbst zu langweilen und zu enttäuschen. Auch das ist ein Dualismus, auch das Konstruktion und Destruktion. Alles dreht sich im Kreis.«

Er liess sich in den nassen Sand fallen und warf die halbgerauchte Zigarette in die Brandung.

»Jetzt brauche ich was anderes.«

»Say good bye, good bye to whiskey

lordy, so long to gin.

Say good bye, good bye to whiskey

lordy, so long to gin.

I just want my reefers,

I just want to feel high again.«

Er sang leise vor sich hin, suchte in seinem Mantel, fand endlich wonach er suchte, hantierte mit Gras, Filter, Papier und zündete sich in einem finalen Akt der Anstrengung den Joint an, den er sich zwischen die Lippen gesteckt hatte, um sich im selben Moment mit einem Seufzer vollends im Sand auszustrecken.

»Endlich zuhause«, sagte er sich, ohne wirklich zu ahnen wo er sich befand, aber in völligem Einklang mit dieser Unwissenheit, so dass sich ihm die Frage nach diesem Wo nicht einmal auf einer metaphysischen Ebene stellte, auf welcher er einer Antwort vielleicht schon näher gekommen wäre.

Der süssliche Duft des Marihuana vermischte sich mit der salzigen Luft des Meeres zu einer Kreation, die an Fusion-Küche erinnerte, um nach einem Bruchteil einer Sekunde von einer Windböe weggeblasen zu werden. Ein Mandala für den Geruchsinn, hinter welchem nicht akribische Arbeit stand (ergo ein Ungleichgewicht zwischen Erschaffen und Vergehen), sondern in welchem sich Konstruktion und Dekonstruktion etwas ausgeglichener präsentierten. Die Brandung kräuselte um seine Füsse, seine Augen im Himmel, doch in sich selbst hinein gerichtet, versunken.

»Was für eine Nacht«, dachte er, »man müsste das Ganze rekonstruieren, alles was passiert ist, noch einmal der Reihe nach auf sich wirken lassen (ein Versuch Vergangenes noch einmal zu erleben), um es dann erneut der Dekonstruktion der eigenen Gedanken zu überlassen. Doch wo und wann ist der Anfang? Solange ich den nicht finde, werde ich auch nicht zu einem Ende kommen. Gibt es das überhaupt, einen Anfang?«

Er erinnerte sich daran, wie er sie kennenlernte, alle, jeden einzelnen dieses Kreises, der aufgehört hatte zu existieren, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Kreis gewesen ist, oder besser noch eine Spirale, in welcher sich alles drehte, einem unbestimmten Ort entgegen, um sich dann doch immer irgendwie zu wiederholen, mit feinen, kaum wahrnehmbaren Unterschieden, immer schneller und schneller (oder waren die Unterschiede stärker wahrnehmbar und die Wiederholungen kaum merklich, nur für ihn zu erkennen?). Doch vor allem erinnerte er sich an den Moment als er das erste Mal ihre Augen spürte, ihre Stimme hörte und ihren Namen erfuhr; Futura.

Es war an einem Nachmittag (Donnerstag, wenn er sich richtig erinnerte), an dem alles erschien wie immer, an dem ihm das Profane der Normalität, die unerträgliche Langeweile des Seins, trotz ihrer unbestreitbaren Präsenz, weder stärker noch schwächer zur Last fiel, als an jedem anderen Tag. Und trotzdem; rückblickend war der Zauber des Augenblicks, dieses Flirren und Flimmern der Luft, der Geräusche, der Menschen, der Stadt, der ganzen Umgebung (des eigenen Körpers?), an diesem Tag, wenn auch natürlich nicht rational wahrnehmbar, doch trotzdem in jeder einzelnen Sekunde mit jeder Faser des Körpers spürbar, vom Moment des Erwachens einige Zeit vor ihrem Zusammentreffen, bis zum Einsetzen des Schlafes unbestimmte Zeit später. Er hatte den grössten Teil des Morgens mit Schlafen verbracht (diesem herrlichen Zustand des Unbewussten), was auch nötig war, nach den Ereignissen, Diskussionen und Substanzen der Nacht, welche diesem Morgen voranging (oder jeder Nacht seines Lebens?). Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, oder war sogar schon wieder im Begriff langsam zu sinken, als er endlich seine Wohnung verliess und sich, ein Buch unter dem Arm und eine Zigarette im Mund, auf den Weg Richtung Carre A. machte, um Kaffee zu trinken und auf einen alten Freund zu warten. Er bestellte zwei Espressi, schnappte sich eine Zeitung, setzte sich mit dem Rücken zur Wand an einen Tisch auf der Strasse und rauchte, die vorbeigehenden Menschen scheinbar aufmerksam beobachtend, lesend, in den Himmel blickend, träumend.

»Arturito«, hörte er eine Stimme aus unendlicher Entfernung, schrak hoch und erblickte ein ihm wohlbekanntes Gesicht, dessen unmittelbare Nähe mit der Weite des Raumes, aus dem ihm sein Name entgegengeklungen war, nur auf äusserst abstrakte Weise korrelierte; vielleicht in einer Fusion von Salvador Dalì und Jeff Mills – ›the bells‹, welche langsam und zähflüssig unter einer kalten Sonne dahinschmelzen?

»Hola, Arturi«, insistierte die Stimme und die Abstraktheit der Situation löste sich in einem freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf, dessen Wirkung stark genug war, um das kilometerdicke, vernebelte Glas, welches Arturo umgeben hatte, in einem Bruchteil eines Augenblicks zu zerschlagen und die Scherben, welche sich zu riesigen fluoreszierend blau-schimmernden Bergen auftürmten und für eine Nanosekunde ein gleissendes Licht in seine Augen warfen, in den Ausdruck eines Lachens auf seinem Gesicht zu verwandeln.

»Bella Manù«, presste er zwischen die zwei Begrüssungsküsse; Manuel setzte sich rittlings auf einen Stuhl, eine dimensionslose Tasse Milchkaffee in der einen und den Koffer mit seiner Gitarre (oder in seinen eigenen Worten: seinem Leben) in der anderen Hand balancierend, und innerhalb weniger Sekunden war scheinbar ein tiefes Gespräch im Gange, so dass es für vorbeigehende Passanten den Eindruck erwecken musste, diese zwei (jungen?) Männer seien schon Stunden an diesem Tisch, in diesem Café, in dasselbe Gespräch vertieft.

Auch Manuel war Teil dieses Kreises, doch mit Manuel war es anders; er bewegte sich, genau wie Arturo, an der Peripherie, wurde vom Zentrum genau so stark angezogen wie abgestossen (und liess diese Kräfte mit stoischer Ruhe auf sich wirken), obwohl er von den anderen, wenn er denn anwesend war, gerne in ebendieses gerückt wurde, weil er sich, was Arturo sehr an ihm mochte, eigene, unkonventionelle Gedanken machte und grosse Phantasie und Offenheit besass, welche ihn Äusserungen ebensolcher Gedanken von seinen Mitmenschen (sprich: ihm, Arturo) leichter verstehen liessen, als die meisten anderen Menschen.

Ihr Gespräch knüpfte an eine Diskussion an, welche sie bei ihrem letzten Zusammentreffen (oder bei jedem ihrer Treffen?) geführt hatten, in welcher beide eigentlich ein und diesselbe Position vertraten, weshalb strenggenommen nicht von einer Diskussion die Rede sein konnte, auch wenn beide ihre Meinung mit solchem Enthusiasmus und solcher Emotion vortrugen, dass es den Anschein machte, als wären sie in ein Streitgespräch vertieft, wie man sich das bei einem (imaginären) Zusammentreffen von Nietzsche und Martin Luther nicht schöner oder bedeutender vorstellen würde. Arturo war gerade dabei zum wiederholten Male den Funktionalismus in der modernen Musik(-kultur?) und dessen schrittweise Verbreitung über alle Musikstile (bis zur Tanzmusik) anzuprangern, als zum ersten Mal an diesem Tag etwas passierte, das aus der Norm ausbrach, etwas, dass dieses wohlbekannte Gefühl des Unbekannten, des Überraschenden erzeugte, welches, obwohl über die Sinne (ergo das Gehirn) ausgelöst, sich zuerst im Magen und den Gedärmen ansammelte, um sich dann im ganzen Körper langsam auszubreiten und erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder an seinem eigentlichen Ausgangspunkt, dem Gehirn (oder Bewusstsein?), anzukommen, die Sinne für einen wunderschön verstörenden Augenblick leicht benebelnd.

»…es ist doch eine extrem degenerative Entwicklung, wenn Musik in einem bestimmten Kontext funktionieren muss und diesen Kontext nicht länger selber erschaffen darf oder will; wer konstruiert denn jetzt diesen verdammten Kontext, wenn nicht die verdammten Unternehmen, welche über den Konsum den Willen der Menschen...«, unterbrach Arturo seinen Redefluss mitten im Argumentationsstrang, um sich mit einem lauten Schrei dem eben beschriebenen Moment hinzugeben und sich gleichzeitig unter den Tisch des Cafés in Deckung zu werfen. Mit einem lauten Knall und dadaistischem Gejaule zerbarst ein Konzertflügel, dessen Auftauchen so überraschend kam, dass sein Herkunftsort im ersten Moment beinahe automatisch eine mystische Überhöhung erfuhr, nur wenige Meter entfernt von Arturo und Manuel, welche geistesgegenwärtig (oder paranoid?), doch eigentlich unnütz, unter ihrem Tischchen Deckung suchten, auf der schmalen Strasse in ein Chaos aus Holz, Metall und einem Lärm, den man dem stilvollen Instrument gar nicht zugetraut hätte.

Menschen blieben verdutzt stehen, blickten in den Himmel, als ob die Auflösung der Abstraktheit der Situation zwangsläufig von oben kommen würde und die ganze Strasse war für einen kurzen Augenblick in ein magisches Licht getaucht, welches den Blick an Orte lenkte, die einem sonst verborgen blieben, welches Menschen die Augen auf eine Art öffnete, wie sie es vielleicht noch nie in ihrem Leben getan hatten (oder wenn doch, haben sie es bestimmt schon vergessen und verdrängt) und welches das Rad der Welt immer langsamer und langsamer drehen liess, bis die Zeit für den Bruchteil einer wahrnehmbaren Zeiteinheit still stand. Die farbigen Klänge, der zerreissenden Saiten widerhallten an den Mauern aus Beton und ihr unaufhaltsames Echo bahnte sich den Weg durch die Strasse, allmächtig, alles in die dunkel grollenden und hell kreischenden Farben der Dekonstruktion tauchend, eine Welle der Zerstörung, welche alles heil liess bis auf die Empfindungen in den Köpfen der Menschen und natürlich den inzwischen zur Unkenntlichkeit verformten Flügel.

»Ironie der Begrifflichkeit«, sagte Manù nachdem der erste Schrecken vorüber war, »ein Flügel sollte doch eigentlich fliegen.«

»Braucht es zum Fliegen nicht zwei Flügel?«, antwortete Arturo lachend, »so lange also kein zweiter Flügel vom Himmel fällt, bleibt in meiner Realität ein semantischer Bruch aus.«

Er griff in seine Manteltasche, nahm zwei Zigaretten aus der Packung, gab eine davon Manuel, steckte sich die andere zwischen die Lippen und fragte den noch immer völlig verstörten Kellner mit einer Selbstverständlichkeit nach Streichhölzern, als wäre eben überhaupt nichts passiert, mit einem Ausdruck in seiner Stimme, als wäre das Groteske der Situation für ihn Manifestation der Normalität in ihrer reinsten Form; sprich, als würde ihm jeden Tag mindestens einmal ein Konzertflügel vor die Füsse fallen. Dabei war ihm das Magische des Moments durchaus bewusst, wobei eben dieses Magische für ihn der Realität noch nie als Antipode gegenüber stand, es war viel mehr Teil dieser Realität, eine momentane Überhöhung derselben, eine sogenannte Über-Realität (das Reale in seiner ursprünglichsten, pursten Form), die sich nur aufgrund der menschlichen Krankheit der Wahrscheinlichkeitseinschätzungen von der Realität losgelöst hatte, obwohl genau diese Wahrscheinlichkeitsberechnungen doch eigentlich die untrennbare Einheit von Magie und Realität manifestieren würden.

»Eigentlich hätte es mir genau in diesem Moment klar werden sollen«, dachte er sich, während die Brandung immer noch schwach seine Füsse umspülte, »in diesem einzelnen surrealen Moment hätte mir bewusst werden sollen, dass dieser Tag von einer speziellen Magie durchzogen war, dass alles was an diesem Tag geschah, mein weiteres Leben auf signifikante Weise beeinflussen würde. Wäre diese Ahnung in diesem Moment in mein Bewusstsein gelangt, hätte ich mich nicht von diesem magischen Licht blenden lassen, hätte all das, was später an diesem Tag noch geschah, vollkommen anders interpretiert, nüchterner, bewusster, klarer (doch sich weniger dem Moment hingebend?). Ja, hinterher weiss man immer alles, oder glaubt es jedenfalls zu wissen, weil es bereits geschehen ist und man trotzdem nur eine dumpfe Ahnung davon hat, was denn eigentlich wirklich geschah, doch dieser Bruchteil einer Ahnung genügt meistens schon, damit man glaubt zu wissen, damit man eine komplette (neue?) Existenz aufbaut auf diesem Zu-Wissen-Glauben.«

Er lächelte, brachte seinen Körper in eine etwas aufrechtere Haltung, durchsuchte erneut seine Manteltaschen und wiederholte die komplette Prozedur, bis sich ein weiteres Mal der süssliche Marihuanaduft mit dem salzigen Geschmack des Meeres vermischte. Das Licht des Mondes, der beinahe voll war, und der Sterne tauchte die Umgebung, den Strand, das Meer, die Wellen, die Felsen, den Sand, in ein milchiges Licht und jetzt, nachdem er bereits einige Zeit hier verbracht hatte und sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, erschien ihm die Dunkelheit durchsichtig, beinahe hell. Sein Blick wanderte umher, blieb für einige Zeit auf Spuren oder Zweigen ruhen, welche mit ihren Schatten faszinierende Figuren in den Sand zauberten, beobachtete eine Möwe, die über den Strand wanderte, eine beinahe ebenmässige parallele Spur hinterlassend und richtete sich dazwischen immer wieder auf die Wellen, welche sich, im Mondlicht glitzernd und glänzend, gleichmässig und zugleich chaotisch ihren Weg Richtung Strand bahnten, um dort schliesslich, wenige Meter von ihm entfernt, in einem natürlichen Ausdruck absoluter Anarchie zu brechen, sich in nichts aufzulösen, weissen Schaum hinterlassend und alles ins Meer (in sich selbst?) zurückziehend. Doch schon nach wenigen Minuten des Dasitzens, des Beobachtens, des Rauchens, des Sich-im-Moment-Befindens, des Langsam-aus-dem-Körper-Gleitens, gingen seine Gedanken in immer kürzeren Intervallen zurück an diesen anderen Tag, den Tagwie-jeder-andere-Tag, der eben doch nicht war wie jeder andere Tag; den Tag mit dem Treffen mit Manuel, den Tag mit dem magischen Flügel, den magischen Tag, den Tag mit… Futura.

Um die Magie des Moments zu konservieren und sie nicht der Zerstörung durch übertriebenes Suchen nach Rationalität, nach Kausalzusammenhängen und Akteuren zu überlassen, welche den Menschen inhärent scheint und welche auch sofort nach dem kurzen Moment der Magie in den Köpfen Einzug hielt, zogen sich Arturo und Manù zurück aus der Strasse des fallenden Flügels und gingen, ihrerseits eine gewisse Verzauberung in den Augen behaltend, eine Weile ziellos in der Stadt umher, hier links abbiegend, sich dort nach rechts wendend, dazwischen immer wieder geradeaus gehend, konzentrierten sich auf Details, auf Formen und Schatten, auf Lichteinflüsse, welche nur mit diesem Zauber in den Augen überhaupt wahrnehmbar waren, machten sich gegenseitig auf ihre Entdeckungen aufmerksam und diskutierten diese anschliessend lautstark und lachend. Nach aussen wirkten sie wie Betrunkene, trunken von den Sinneseindrücken, berauscht vom Leben und vielleicht vom Marihuana, während sie ihre Wanderung durch die Wüste der Stadt fortsetzten, eine Wüste, wie nach einem seltenen Regenguss, wenn die wenigen Pflanzen zu blühen und alle verborgenen Samen zu spriessen beginnen, eine Wüste, die nur für sie beide in allen möglichen psychedelischen Farben glühte und leuchtete, eine Wüste, die Arturo an seine Jugend erinnerte. Und wie in dieser Jugend, gab er sich vollkommen dem Moment hin, diesem Herumspielen an der Raum-Zeit-Achse, dem Verdrehen des Abstrakten ins Normale und des Normalen ins Abstrakte, während sich die Zeit willkürlich ausdehnte und zusammenzog und räumliche Distanzen ihre übliche Bedeutung verloren, driftete langsam aus dem Kontinuum von Raum und Zeit, welches das Menschsein so entscheidend definiert und erschuf sich ein neues System mit seinem Herzschlag und Manuel als einzigen systemrelevanten Bezugspunkten. Und auch wenn dieser Zustand nach menschlichem Ermessen nicht wirklich lange andauerte, so schien er für Arturo doch unendlich und als ihn der Klang der Glocken der ›Sagrada familia‹ als beinahe heiliges Ohm in den Tiefen seiner selbst erreichte und ihn langsam doch gleichsam abrupt daraus zurückholte, schien es ihm, als wäre er um Jahre gealtert, als hätte er ein komplettes Leben gelebt in einem einzigen Moment. Manuel schien seinen eigenen magischen Zustand ebenfalls aufgrund der Kirchenglocken, welche ihn gnadenlos an die Einteilung der Zeit erinnerte, langsam zu verlassen.

»Hast du mitgezählt?«, fragte er Arturo, sobald das Nachhallen der Glocken aus ihren Köpfen wich und eine Illusion von Klarheit in ihnen hinterliess, als hätte der Klang dieser (heiligen?) Glocken sie gleichsam geläutert.

»Hmmm, drei Mal ganz sicher, vielleicht auch vier?«, antwortete Arturi, überhaupt nicht sicher wissend, was er von sich gab, »Scheisse, ich hab mich doch nicht geachtet.«

»Scheisse, ich glaub ich muss los!« Manuel wirkte plötzlich hektisch, ging zielstrebig auf eine Gruppe älterer Damen zu, die mit in allen vorstellbaren Farben grell schillernden Kleidern aus schwerem Tuch und schrill über die Strasse klingenden Stimmen den Eindruck eines Schwarmes verstörter Papageien erweckten, welchen die Angst vor diesem langhaarigen Typen samt Gitarrenkoffer auf dem Rücken und indianischen Zügen im Gesicht mit jedem Schritt, den er in ihre Richtung tat, stärker ins Gesicht geschrieben stand, setzte sein freundlichstes Lächeln auf und fragte sie mit seiner sanftesten Stimme, ob nicht eine von ihnen ihm doch bitte freundlicherweise die genaue Uhrzeit nennen könnte, wenn es denn auch nicht zu grosse Umstände für sie bedeuten würde. Die Damen, von seinem Auftreten noch stärker irritiert als von seinem Aussehen, brauchten einen kurzen Moment, um sich zu sammeln, in welchem Manù, sich leicht verbeugend und einen imaginären Hut zwischen seinen Fingern drehend, seine Frage in noch höflicheren Worten wiederholte, worauf sich eine von ihnen, erstaunlicherweise die kleinste und zierlichste von allen, ein Herz fasste, zitternd den Ärmel ihres Kleides zurückschlug, auf ihre Armbanduhr blickte und mit einer kaum hörbaren Stimme stammelte, »es ist jetzt genau drei Uhr und drei Minuten, Señor Indio«. Manuel bedankte sich höflichst, einen enormen Lachanfall unterdrückend und zog sich unter wiederholten tiefen Verbeugungen und Danksagungen von den Seniorinnen zurück, sich langsam in Arturos Richtung bewegend, welcher denselben Impuls verspürend, diesem seinerseits nachgab, in hemmungsloses immer lauter werdendes Gelächter ausbrechend, welches ein so enormes Ansteckungspotential besass, dass Manù es nur wenige Sekunden aushielt, um anschliessend, infiziert vom Virus des lachenden Arturitos, selber loszulachen, stolpernd, hinfallend, sich schliesslich auf dem Boden wälzend.

Kurz darauf trennten sich ihre Wege, Manuel hatte um vier Uhr Musikunterricht, eine gute Möglichkeit, um seine Existenzgrundlage einigermassen zu sichern, und Arturo musste auch weiter, auch wenn er nicht genau wusste wohin oder warum, er verspürte diesen Drang weiterzugehen und so ging er. Eine Weile spazierten sie noch Seite an Seite in Richtung der Ramblas, doch schon bald wandte sich Arturo einer Eingebung folgend nach links, nachdem er Manuel kurz aber heftig in seine Arme schloss, bog in eine schmale Seitengasse ein und war innerhalb von Sekunden aus dem Blickfeld von Manù verschwunden, allein in einer Menge von Menschen, sich ziellos vorwärtsbewegend. Er genoss die Wärme der Sonne auf seiner Haut, in seinem Gesicht, die Geräusche der vorbeigehenden und stillstehenden Menschen, das Raunen des Verkehrs und der Maschinen der Bauarbeiter, welche willkürlich gewisse Bereiche der Strasse aufrissen, um sie zu erneuern, das vereinzelte Zwitschern der Vögel und das Gurren der Tauben, das Gekeife von kämpfenden Strassenkatzen, das Gekreische der Bremsen und das Fluchen der Chauffeure, das Klacken der hochhackigen Absätze schöner Frauen auf dem Kopfsteinpflaster und das kreisende Bewegen ihrer runden Hüften, welches ihn immer wieder hypnotisierte, während die Wirkung des Marihuanas langsam aus seinem Körper wich, ihn in einem unbestimmten Zustand der Erwartung zurücklassend, der, als Nachwirkung der magischen Erlebnisse, in einem Schleier von Müdigkeit auf- und abtauchte. Ohne es zu merken war er in eine ihm wohlbekannte Strasse abgebogen und als er seinen Blick kurz von den schwingenden Kreisen, die eine vor ihm gehende Frau mit ihren Hüften in die Luft zeichnete, lösen konnte, entdeckte er Gesichter, die ihm bekannt schienen vor einem Hintergrund, der Erinnerungen weckte, und mit jedem Schritt, den er in diese Richtung tat, trat er einen Schritt hinaus aus dem Unbewussten, hinein ins Bewusste, für den Verstand hell scheinende.

»Hola Arturi«, begrüssten ihn zwei Stimmen schon von weitem, »wie gehts? Setz dich doch zu uns.«

»Bella ragazzi«, antwortete Arturo, die letzten Meter in ihre Richtung stolpernd und begrüsste die Frau am Tisch con baci e abbracci und den Mann mit einem Lamecool-guy-handshake.

»Was trinkst du?«, fragte ihn David, offensichtlich der Mann am Tisch, gross, mager, bestimmend, laut, während er mit den Fingern bereits nach dem Kellner rief und bevor es sich Arturo richtig bequem gemacht hatte, standen schon eine Tasse Espresso und ein Glas Orangensaft vor ihm und wurde er bereits von David mit Fragen und Informationen überhäuft. David und Alejandra, beides Literaturwissenschaftler, er spezialisiert auf deutsche Literatur, sie Expertin der Literatur Spaniens und Italiens, beide elementare Bestandteile des ominösen Kreises, beide stur und nie einer Meinung, waren in eine lebhafte Diskussion vertieft über die Bedeutung des Werkes eines unbedeutenden deutschen Autoren und dessen Einfluss auf eine noch unbedeutendere Generation spanischer Poeten irgendwo im literarischen Untergrund, irgendwann in der vergangenen (verlorenen?) Zeit. Arturo hatte Mühe ihren Argumenten, die gleichzeitig und pausenlos von beiden Seiten auf ihn einprasselten, zu folgen, er strengte sich auch nicht besonders an, driftete in seinen Gedanken ab und schnappte nur noch vereinzelte Schlagworte auf – rhythmische Verschachtelungen, poetisches Grauen, punktgenaue Metrik, in der Tradition von Sophokles stehend, Vokabular der Gosse, Pentameter, rhetorische Figuren, Widerspiegelung der Dialektik, realitätsbezogene Bilder und Metaphern, magische Komponente, gesellschaftskritische Lesart, antisemitische Tendenzen, Grundlagen des Feminismus, sozialgeschichtliche Interpretation, verschobene Traditionen, metaphysisches Entsetzen, lautmalerische Komponenten, faschistoide Utopien und immer wieder Symbol der Angst.

»Seit dem Zweiten Weltkrieg fällt es den Menschen schwer, Literatur aus Deutschland von Hitler unabhängig zu betrachten, sie machen sogar den Fehler und interpretieren ihn in Bücher hinein, bei deren Entstehungszeit er noch nicht einmal als Idee existierte, und in Spanien sind die Menschen, unserem Freund Franco sei dank, noch immer speziell empfänglich für alles, das die Aura des Faschistoiden auch noch so spärlich atmet, nehmen es dankbar auf, um anschliessend diese faschistoide Komponente entweder zu verteufeln oder, was viel häufiger vorkommt, zu verherrlichen«, murmelte Arturito nach einiger Zeit, die immer noch lebendige Diskussion seiner beiden Freunde auf einen Schlag beendend, den Tisch in eine gespenstische Stille getaucht.

»Was soll das denn jetzt heissen?«, unterbrach David die entstandene Stille nach einiger Zeit des Nachdenkens mit einem noch immer verwirrten Ausdruck in seinem Gesicht, indem seine Irritation und seine Abneigung gegenüber dem eben von Arturo geäusserten Gedanken gleichermassen geschrieben stand, wandte sich Alejandra zu, welche mit offenem Mund in Arturos Gesicht starrte und zündete sich nervös eine Zigarette an.

»Willst du damit sagen, ich sei ein Faschist?«, fragte er weiter und ereiferte sich immer mehr, »hast du vielleicht vergessen, dass ich Jude bin?«

»Das schützt dich noch lange nicht davor Faschist zu sein, oder faschistische Tendenzen in dir zuzulassen«, antwortete Arturo in seinem ruhigen, beinahe schläfrigen Tonfall, »denk nur an die Politik Israels im Umgang mit den Palästinensern. Und ausserdem habe ich nie behauptet, dass du ein Faschist seist, nur weil ich sagte, dass du das Faschistische suchst, denn du bist einer von denen, die es suchen, um es anschliessend anzuprangern und zu verteufeln, doch trotzdem suchst du es, immer. Viel spannender ist jedoch, dass ihr beide in einer Diskussion über einen deutschen Spätromantiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Vokabular verwendet, das erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Faschismus überhaupt entstanden ist, und damit eurem Autoren auch nicht in dem Sinne bekannt gewesen sein konnte, dass er davon beeinflusst gewesen wäre, oder es selber benutzt hätte. Und ich behaupte, dass eure Interpretation in erster Linie so ausfiel, weil der diskutierte Autor deutscher Abstammung ist, dass ihr ein komplett anderes Vokabular verwenden würdet, wäre er Engländer oder Franzose, dass das Deutsche in euren Köpfen untrennbar mit der Idee des Faschismus verbunden ist und ihr euch dankbar und begierig auf diese Annahme stützt und sie in alles mögliche hineininterpretiert, aus welchen Gründen auch immer sei dahingestellt, wahrscheinlich aus Einfachheit. Ihr folgt Stereotypen in eurem Kopf, aber verteufelt sie in der Öffentlichkeit – doch macht euch das besser? Ich bezweifle es, genau wie ich bezweifle, dass es euch schlechter macht, denn eine blosse Tatsache ist immer wertfrei, bleibt aber eben trotzdem eine Tatsache. Und nur darauf habe ich vorhin hinweisen wollen.«

»Arturito mit seinen unwissenschaftlichen Gedanken! Du bringst mich immer wieder zum Lachen. Wir verwenden hier doch allgemeingültige Begriffe, mein Freund, das ist Wissenschaft…«

»Meinem Empfinden nach wurde die Wissenschaft in dem Moment ruiniert, als Newton über Goethe siegte. Newtons Modell ist reduktiv, mathematisch; Goethe oder Humboldt dagegen stellen das organische Leben ins Zentrum ihres Universums. Ich wünschte, Goethe hätte gesiegt. Wenn seine Ideen und die der deutschen Romantiker auf dieselbe Art ins Denken eingegangen wären wie die newtonsche Physik, dann würden wir die Welt heute vielleicht anders ansehen.«

Er lehnte sich zurück, trank einen Schluck Orangensaft, drehte sich gemütlich eine Zigarette, nahm Davids Feuerzeug vom Tisch und rauchte in tiefen Zügen, während sein Blick an ihm vorbei über den kleinen Platz und die dahinterstehenden Häuser Richtung Himmel wanderte, einen kurzen Moment auf den wenigen Wolken verharrend, um danach sofort auf die Dächer zurückzukehren, genauer auf ein Dach, auf welchem er in einer grossen Gruppe noch grösserer weissen Möwen einen riesigen schwarzen Raben entdeckte, dessen Anblick ihn faszinierte und seinen Blick fesselte. Die Diskussion kam damit zum Erliegen, auch wenn David, der sich beleidigt fühlte, damit nicht wirklich einverstanden war, so dass er nach einiger Zeit etwas wie »muss noch zur Universität« murmelnd aufstand, sich mit einem Handzeichen als Gruss bei den anderen beiden verabschiedete und schnellen Schrittes in der nächsten Gasse verschwand, offensichtlich auch enttäuscht von Alejandra, welche ihm nicht entscheidend beigestanden war, welche zwar weder seine Argumente, noch diejenigen Arturos gestützt hatte, von der er jedoch, als sozusagen Kollegin der Literaturwissenschaft, dieselbe Empörung erwartet hätte, die ihn selbst ereilt hatte. Arturos Blick war immer noch auf den Raben fixiert, der in stoischer Ruhe inmitten einer Übermacht an Möwen sass, seinen Kopf beinahe unmerklich drehend, beobachtend. Die Signifikanz dieses Bildes schälte sich langsam aus dem Unbewussten und fand ihren Weg in den bewussten Teil von Arturos Kopf: er war der Rabe und die meisten anderen Menschen waren Möwen oder Tauben – hunderttausend Möwen und hunderttausend Tauben zu einem Raben. Er war allein unter einer Million Anderen, Fremden, lebte unter ihnen im Bewusstsein anders zu sein und die anderen spürten sein Anderssein ebenfalls, immer stärker von Tag zu Tag. Der Rabe bewegte sich plötzlich, veränderte seine Position auf dem Dach, breitete behutsam seine Flügel aus, stieg empor in die Lüfte, drehte einige Kreise und entschwand langsam aus Arturos Blickfeld. Es musste einen anderen Raben geben und er musste ihn finden – das war seine Aufgabe.

Die leichte, kaum spürbare Berührung an seinem Arm riss ihn mit einem immer stärker anschwellenden Sog aus seinem Gedankenfluss. Alejandras Hand strich sanft über seine, sie hatte sich leicht in seine Richtung gebeugt, ihre grossen braunen Augen, eingerahmt von dichten braunen Locken, fixierten seine Augen, ihre Lippen öffneten sich leicht, als wollte sie etwas sagen, doch noch blieb sie stumm, liess Arturo zuerst wieder vollkommen in die Realität zurückkehren, bevor sie sich räusperte, mit der Zungenspitze über ihre Lippen strich, um endlich Worte zu formen, mit diesem herrlichen Mund, ihre ebenmässigen weissen Zähne leicht entblössend.

»Ich finde auch, dass David in allem immer das Faschistische zu sehen glaubt, dass er es in einer gewissen Weise sucht, getrieben von einer dunklen Faszination, einem Ekel, einem gewissen Unverständnis, um es anschliessend anzuprangern, mit der armseligen Arroganz desjenigen, welcher es bereits vorher gewusst hat. Er widmet sein Leben der Suche nach dem Faschistischen und somit leider auch der Konstruktion des Faschismus, um diesen anschliessend zu dekonstruieren und ihn als Teil des Menschlichen festzumachen, ohne zu merken, dass er langsam aber stetig zum Teil seiner eigenen Person wird, sich in ihm ausbreitet, ihn korrumpiert, dass sein ganzer Körper und sein ganzer Geist von dieser Idee annektiert und schliesslich beherrscht werden, alles in ihm darauf ausrichtend, wie bei einem Jagdfalken, bei dem durch die dauernde Abschottung der Sinne der Jagdtrieb ins Unendliche gesteigert wird, bis er das ganze Sein des Vogels dominiert und bestimmt.«

Arturo verlor sich immer mehr im Sog ihrer Augen, der ihn tiefer und tiefer unter Wasser zog, bis ihre Worte, zwar immer noch klar und deutlich, doch trotzdem wie durch kilometertiefes Wasser an sein Ohr drangen, den sanften, wunderschönen Klang ihrer Stimme beibehaltend, vielleicht sogar noch samtiger erscheinend.

»Bist du ein Rabe?«, fragte er sie wie in Trance, die Worte langsam und klar aussprechend, jedes einzelne betonend, jeden Klang vollständig ausklingen lassend, während sich ihre beiden Augenpaare fixierten, ihre Blicke zu einem wurden, ineinander verschmolzen.

»Das wäre ich wohl gerne«, antwortete Alejandra nach einer Weile mit einem Lächeln, »doch ich glaube, ich bleibe mein Leben lang eine Nachtigall, klein und verängstigt am Tag, singe ich nur in der Dunkelheit, verstecke mich vor den anderen, grösseren und stärkeren Vögeln hinter meinem schönen Gesang und habe nicht den Mut eines Raben, zu zeigen, dass ich anders bin, obwohl ich es wahrscheinlich bin.«

Er lächelte ebenfalls, seine Hand strich ihr eine Locke aus dem Gesicht, kehrte zurück auf ihre Wange, ein Finger berührte ihren Mundwinkel, zurück in ihr Haar, fester, ihren Kopf langsam aber bestimmend in seine Richtung ziehend, näher, immer näher, ihre Lippen öffneten sich einen Spalt, glänzten feucht in der Sonne, seine Lippen zuerst sanft auf ihrer Wange, dann auf ihren Lippen, stärker, ihre Münder öffneten sich leicht und ihre Zungen berührten sich, tanzten einen kurzen Tango, den einzig wahren Tango, den Tango des Lebens; und dann nichts.

Es war bereits kurz nach fünf Uhr, als er Alejandras Wohnung, welche sich ganz in der Nähe der Bar befand, verliess und in der Gasse einen Moment stehenblieb, die letzten Züge seines Joints rauchend ein letztes Mal zum Fenster im vierten Stock hinaufblickte, Alejandra, die ebenfalls rauchend nur mit einem T-Shirt bekleidet an ebendiesem offenen Fenster lehnte, kurz zuzwinkerte, um anschliessend seinen Spaziergang Richtung Meer mit einiger Verspätung (oder genau rechtzeitig) wiederaufzunehmen, den Stummel seines Joints mit der Schuhsohle zerdrückend und wie eine Erinnerung auf der Strasse zurücklassend. Innerhalb weniger Sekunden hatte ihn die nächste Seitengasse verschluckt, einen durchsichtigen dumpfen Nebel um seine Sinne legend, welcher wahrscheinlich schon vorher da war, seine Kraft aber erst jetzt langsam voll entfaltete und ein leichtes Taumeln in ihm auslöste. Er ging durch menschenleere Gassen, die immer enger und enger schienen, während links und rechts die Häuser aus dem Boden wuchsen, weiter und weiter, immer höher gegen den Himmel, graue Wände mit Fenstern, die wie Löcher erschienen und überall Masken, in den löchrigen Wänden, auf der Strasse, leere Augenhöhlen, gespenstische Fratzen im gleissenden Sonnenlicht, doch keine Menschen, die Gasse nur noch einen Meter breit, die Häuser hunderte von Meter in den Himmel reichend und plötzlich brach vor und hinter ihm der Boden auf, Pflastersteine flogen durch die Luft, der Asphalt wurde von Spalten aufgerissen, welche immer breiter wurden, nach und nach auch die Häuser erreichend, tiefe Klüfte in den Beton brechend, bis alles ohne einen Laut in sich zusammenfiel, als wäre Zerstörung bloss eine visuelle Erfahrung, und sich schliesslich eine riesige, überwucherte Trümmerlandschaft präsentierte. Zerschlagene Masken. Kakteen. Ein Feuerball als er die Augen öffnete und die ganze Szenerie ins Nichts verschwand, vor ihm Barcelonetta, der Strand, das Meer, Menschen. Er lächelte, griff in seine Tasche, zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief, beobachtete den ausgeatmeten Rauch, wie er langsam gegen den Himmel stieg und ging plötzlich, mit den Augen etwas fixierend, über die Strasse in Richtung des Strandes. Mit quietschenden Reifen kam ein Taxi nur wenige Zentimeter neben ihm zum Stehen, der Fahrer steckte seinen Kopf fluchend aus dem Fenster, erschrockene Menschen stiessen Verwünschungen aus, doch all das nahm Arturo nur am Rande wahr. Er war wie in Trance, ging weiter über die Strasse, niemanden eines Blickes würdigend, die Augen starr nach vorne gerichtet, fixiert von einem anderen Augenpaar, welches ihn verzaubernd auf dem Platz zu erwarten schien. Ein Augenpaar schwarz wie die Nacht und doch glühend wie Kohle. Sie sass auf dem Boden, ihr Gesicht von langen schwarzen Haaren verdeckt, durch welches nur ihre Augen den Weg fanden, vor ihr ausgebreitet ein farbiges Tuch auf welchem etwa ein Dutzend Bilder lagen, kubistische Landschaftsbilder und Porträts, welche sie allem Anschein nach zu Verkaufen gedachte, ihre Beine in zerrissenen Jeans übereinandergeschlagen, auf ihrer linken Schulter ein Tattoo eines Raben.

»Ich habe dich erwartet«, das waren die ersten Worte, die Arturo aus ihrem Mund hörte und die ihn im ersten Moment sprachlos hinterliessen, gefolgt von ihrem wunderschönen Lachen. Auch Arturo lächelte, sie strich sich die Haare, die im Sonnenlicht schwarzblau glänzten, aus dem Gesicht und er sah es zum ersten Mal in all seiner Schönheit, von den dunklen Augen, über die leicht gebogene Nase und die vollen Lippen ihres Mundes, bis zur perfekten Rundung ihres Kinns und dem schmalen Hals, der von einer Kette aus roten Korallen geschmückt war.

»Ich habe dich gesucht«, antwortete Arturo nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er ihr Gesicht genauestens studiert und sich eingeprägt hatte, und lachte ebenfalls, die Situation umkehrend und sie ihrerseits für einen Moment sprachlos zurücklassend, wandte seinen Blick kurz zum Strand und entdeckte zwei Raben, die nebeneinander über den Sand spazierten.

»Sono Arturo«, stellte er sich endlich, doch unüblicherweise in italienischer Sprache vor, wahrscheinlich Ausdruck der tiefen Irritation, welche die ganze Szene in ihm hervorrührte und die ihn in seine Muttersprache zurückfallen liess, ohne dass er es bemerkt hätte.

»Sono la futura«, antwortete sie ihm ebenfalls in akzentfreiem Italienisch, mit einem immer grösser werdenden Lächeln, welches einen Blick auf ihre weissen Zähne freigab und Arturo immer stärker hypnotisierte.

»La futura cosà?«, fragte er verwirrt und im Glauben, sie hätte sich mitten im Satz unterbrochen.

»Forse la tua…«, hauchte sie mit ihrer betörenden Stimme, ihn ihrerseits unterbrechend, die letzte Insel der Realität, des Bewussten, in ihm auf einen Schlag überflutend, ihn im Meer des Unbewussten zurücklassend, taumelnd, gelähmt, ertrinkend, mit ihrer Stimme, ihren Augen, ihrem Körper als einzigem Rettungsring.

Von diesem Moment an war er ihr, ohne das Ausmass zu ahnen, verfallen, war in ihren Bann gezogen, hypnotisiert, von ihr unwiderstehlich angezogen; und sie war ihm verfallen, in seinem Bann, ebenfalls hypnotisiert und angezogen, was er zu diesem Zeitpunkt (eigentlich zu jedem Zeitpunkt) aber natürlich noch weniger ahnen, geschweige denn wissen konnte. Alles weitere an diesem Tag ertrank in den endlosen Tiefen ihrer Augen. Um sie herum existierte nichts mehr, die Stadt, die Menschen, die Häuser, der Strand, das Meer, die ganze Welt schien sich aufzulösen, nur sie beide zurücklassend, eine neue Welt erschaffend in den Augen des anderen, bis sich die eigene Existenz, das Gefühl des eigenen Körpers, ebenfalls auflöste und sich beide nur in den Augen des anderen wiederfanden, nur noch in ihnen existierten, das Sein des anderen zum eigenen, zu einem universalen Sein, werdend, jegliche Existenz ausserhalb dieses Seins kategorisch verneinend. Sie spazierten durch Wälder voller Blumen, die in allen vorstellbaren Farben blühten und einen Duft verströmten, welcher ihnen die Sinne betäubte und in diesem wohlriechenden Nebel begannen sie zu schweben, immer höher und höher, bis die Blüten der Blumen nurmehr ein farbiges Muster bildeten und die Bäume wirkten wie Blumen, höher und höher bis die gesamte Waldlandschaft nur noch der Grösse einer Pupille entsprach, einer Pupille, welche im unendlichen Meer des Auges schwamm, ein dunkler Punkt im weissschäumenden Meer, ein Rettungsboot im Sturm des Lebens, geflochten aus Blumen und ihren Blüten, zerbrechlich wie Glas, fragil wie das Bewusstsein, während vom Himmel ein Regen aus Millionen von Blütenblättern fiel, zwei Raben über dem Boot kreisten, schliesslich darauf landeten und sich alles im Sog einer riesigen Spirale auflöste. Endlich half er ihr die Sachen zusammenzupacken, die Bilder legte sie behutsam in eine grosse schwarze Mappe, das grosse farbige Tuch band sie sich um ihre wunderschönen, einladenden runden Hüften. Ihre Augen funkelten ihn an, während er ihr eine Strähne ihres vollen schwarzen Haares aus dem Gesicht strich, die Hand für einen Moment auf ihrem Kopf ruhen lassend. Ihre Finger suchten seine Hand, zogen sie zu ihren Lippen, er beugte sich vor, seine Lippen fanden ihre, ein Kuss, alles, nichts. Sie setzten sich in den Sand, nahe beieinander, immer enger umschlungen, blieben eine Weile am Strand sitzen und betrachteten abwechslungsweise den anderen und das Meer, welches im Licht der tiefstehenden Sonne glänzte, wechselten einige Worte, Sätze, deren Inhalt mehr oder weniger mit der Situation korrespondierte, jedoch im allgemeinen Zauber des Augenblicks verlorenging.

»Genau so war dieser Tag«, dachte er sich, während er in seiner Manteltasche herumhantierte, seinen silbernen Flachmann hervorzauberte und einen tiefen Zug daraus nahm, »episodenhaft, voller Lücken, fantastisch, magisch, surreal, aber vor allem von Futura abhängig, durch den Filter ihrer Augen gesehen.«

Das salzige Schwarzweiss des Meeres vermischte sich in seinem Blick mit dem rötlichen Schimmer der Lichter der einige Kilometer entfernten Hafenanlagen und hinterliess die Illusion eines Nebels in seinem Kopf, welcher der beinahe wolkenlosen Realität des Nachthimmels etwas Gespenstisches verlieh. Nur vereinzelte Sterne und natürlich der Mond waren sichtbar, die grösste Anzahl der leuchtenden Himmelskörper wurden von den künstlichen Lichtern des niemals-schlafenden Molochs aufgefressen und verschluckt, eine Aura des Synthetischen erzeugend, welche sogar das Gekreische der Möwen und das Rauschen des Meeres zu Klängen eines modularen Klangerzeugers degradierten. Er seufzte und strengte seine Erinnerung an, doch der Rest dieses Tages, des ersten Tages mit Futura, verschwamm in einem Cocktail aus Traum und Einbildung, abgeschmeckt mit einem Hauch von Wirklichkeit.

Sie gingen über den Grat eines hohen Berges und vor ihnen breitete sich eine mächtige, schneebedeckte Ebene aus, welche links und rechts ebenfalls von hohen Bergen begrenzt war, ihnen gerade gegenüber in unendlich scheinender Entfernung jedoch in ein Tal herabzusinken schien, aus welchem ihnen ein leises Geräusch entgegenklang, anschwellend und beinahe wieder verschwindend, ein Geräusch mit hypnotischer Wirkung, dass sie beide in seinen Bann zog. Nach Stunden des beschwerlichen Abstiegs erreichten sie endlich den Anfang der Hochebene, doch die einbrechende Dunkelheit machte ihnen ein Weitergehen unmöglich, denn die von oben so glatt wirkende Ebene war in Wirklichkeit von tiefen Spalten und Klüften durchzogen, welche, teilweise von Schnee bedeckt, für jeden Hineinstürzenden den sicheren Tod bedeuteten. Erstaunlicherweise schien ihnen die Kälte nichts auszumachen, sie setzten sich in den Schutz einer der wenigen, zerzausten Wettertannen und rauchten, während Abermillionen von Sternen die mondlose Nacht in ein schwaches Licht tauchten. Sie redeten stundenlang miteinander ohne ein Wort zu wechseln, ihre Gesichter abwechslungsweise vom Glutkegel des Joints erhellt und in die Schwärze der Nacht zurückgeworfen, Futuras Augen jedoch stets erleuchtet. Von Zeit zu Zeit durchzuckten leuchtende Streifen den Himmel, den Polarlichtern ähnlich, doch abwechselnd in allen vorstellbaren Farben fluoreszierend, Gebilde an den Himmel zeichnend und wieder im Nichts verschwindend. Sich stärker an den mächtigen Stamm des Baumes zurücklehnend, die Augen in den Himmel gerichtet, schmiegten sie sich immer enger aneinander, bis die Luft um sie Feuer fing. Hinter den zerklüfteten Felsen, in deren Mitte sie sich befanden, lauerten Schatten aus seiner und aus ihrer Vergangenheit, schnellten hervor und breiteten ihre Netze aus, doch die Kraft des lodernden Feuers liess ihre dunklen Kräfte wirkungslos verpuffen, bis sich der Horizont langsam rötlich färbte, das Rot den gesamten Himmel erfasste und sich endlich der gelbe Feuerball über die Bergspitzen erhob und auf alles ein grelles Licht warf. Mit dem Anbrechen des Tages kehrte auch das Geräusch in ihre Wahrnehmung zurück, dessen Existenz sie während der Nacht (trotz seiner Anwesenheit) beinahe vergessen hatten, und breitete sich über der Ebene aus, anschwellend und wieder verschwindend, doch deutlich klarer und lauter als am Tag zuvor, so dass verschiedene Töne erkennbar wurden, die in den Köpfen der beiden Wanderer immer mehr zu einem Lied wurden, gesungen von einem mächtigen, dröhnenden Chor, welches eine enorme Anziehung auf sie ausübte und ihre Neugier weckte.

Sie gingen weiter, folgten dem falschen Pfad, demjenigen, der sie an einen falschen Ort führen würde, doch sie bemerkten es nicht, wähnten sich auf dem richtigen Weg, glaubten der falsche sei in Wirklichkeit der richtige Ort (das heisst der Ort, den sie sich zum Ziel gesetzt hatten) und gingen weiter, immer geradeaus über die Ebene in die Richtung, aus welcher das Lied an ihr Ohr drang, auf dem Pfad, der sich schwach im Schnee abzeichnete, sich unendlich schmal zwischen den bodenlosen Tiefen der Spalten hindurch schlängelte und sie mit jedem Schritt dem Tal näher brachte, aus welchem die geheimnisvollen Töne zu stammen schienen. Es begann zu schneien und Arturo streckte seine Zunge heraus, um die Schneeflocken wie ein kleines Kind damit aufzufangen, doch der Schnee schmeckte bitter und chemisch und brannte wie Kokain. Tagelang (natürlich dachte keiner der beiden daran die Tage zu zählen) folgten sie dem schmalen Pfad, brachten tagsüber Kilometer um Kilometer hinter sich und ruhten die Nächte im Schutze der immer zahlreicher auftretenden Wettertannen, im selben Zustand, in dem sie bereits die erste Nacht verbracht hatten. Sie kamen bloss langsam voran, die Gefahr, die am Rande des Pfades lauerte und der immer noch stark andauernde Schneefall liess sie bloss behutsam einen Fuss vor den anderen setzen. Doch trotz ihrer Langsamkeit schien das verheissungsvolle Tal in einer viel höheren Geschwindigkeit näher zu kommen und die bekannten Töne wurden von Minute zu Minute klarer und unterscheidbarer, bis sich eine klare Melodiefolge durchsetzte, welche sich durch pausenlose Repetition in ihren Köpfen festsetzte, wie die Acidline einer Roland 303 an einer Technoparty. Die ständige Wiederholung ihres Tagesablaufes in Verbindung mit der Repetivität der Melodie liess die Zeit in einem riesigen weissen Meer aus Schnee und Eis aufgehen und verschwimmen; sie wurden zeitlos. Es vergingen Stunden, Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate und Jahre, in denen sie sich nur auf sich selbst konzentrierten, auf die Melodie, die sie vor sich hin summten und den Pfad, dem sie folgten, in denen sie zusammen alt wurden, ohne zu altern. Von Zeit zu Zeit wechselte sich der Schnee ab mit Regen, dessen kalte Tropfen eisige Löcher durch ihre Köpfe in ihr Flash bohrten, Momente der Klarheit erzeugend, welche sie sogleich im süssen Dunst des Marihuana erstickten, um wieder einzutauchen ins Nichts.

Als sie endlich das Ende des Hochplateaus erreichten und einen ersten Blick in das alles verheissende Tal werfen konnten, stockte ihnen der Atem. Das Tal war viel mehr eine breite Schlucht, gegenüber von ihnen ebenfalls durch eine Hochebene mit Bergen am Horizont begrenzt, die sich endlos durch die Landschaft zog, in ihren Tiefen eine unvorstellbare, niemals endende Masse von Menschen (komischerweise meist paarweise aneinandergekettet), die sich in einer grenzenlosen Panik von links nach rechts bewegte, ihre Fahnen schwingend, singend, ohne Rücksicht aufeinander, sich niedertrampelnd, stolpernd, übereinander kriechend, unzählige Verletzte und Tote unter sich zurücklassend, ohne zu wissen warum. Vereinzelte Verzweifelte versuchten dem Chaos zu entkommen und kletterten die steilen Felshänge empor, stürzten wieder herunter und versuchten es erneut. Sie schienen die Vernünftigen zu sein. Doch wie jeder Einzelne dieser Masse sangen auch sie lautstark das Lied des Todes, die Melodie, die sich auch in den Köpfen von Futura und Arturo eingebrannt hatte. Plötzlich griff aus dem Abgrund eine Hand nach Futuras Knöcheln, packte sie und es wurde nicht klar, ob der Verzweifelte sich an ihr in Sicherheit ziehen oder ob er Futura in die Tiefe, ins Verderben, in die Masse reissen wollte. Arturo reagierte schnell, stiess den Körper mit seinem Stock, brachte ihn langsam in Bewegung und ignorierte das Stöhnen, als er den Abhang herunterrollte, auf die Felsen aufprallte und schliesslich in den Menschen unterging; Arturo musste tapfer sein, um ihren Tag zu retten.

Er drehte sich um und schaute Futura tief in die Augen.

»Das Grab scheint nahe, aber wir sind noch jung.«

Arturo stand auf, knöpfte seinen Mantel zu, klappte den Kragen hoch und vertrat sich die Beine, die ihm im Laufe des Nachdenkens halb eingeschlafen waren. Es war kälter geworden und die Bewegung löste seine starren Glieder, wärmte seinen Körper und löste seinen Geist langsam aus der Umklammerung der Erinnerung, bis die Geräusche und Gerüche des Meeres wieder an seine Sinne gelangten und sie nach und nach vollkommen einnahmen. Nun war er wieder ganz im Moment, in dem sich sein Körper befand, in der Nacht am Meer. Er zündete sich eine Zigarette an, nahm schnell einige tiefe Züge, blickte auf die Wellen und rauchte anschliessend gemütlich weiter, während er langsam den Strand entlang spazierte und seine Gedanken durch Wortassoziationsspiele zu beruhigen versuchte, seinem andauernden ›stream of consciousness‹ für eine kurze Zeit Einhalt gebietend, einen Damm des Moments errichtend im ewigen Fluss seiner Gedanken. Nach einigen hundert Metern versperrte ihm ein Wall aus künstlich aufgeschütteten grossen Steinen (oder Felsen?) den Weg, welcher den Strand willkürlich in Abschnitte unterteilte.