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Seit einigen Wochen wird die 17jährige Schülerin, Nancy Browning, in ihren Nächten von eigenartigen Albträumen heimgesucht. Plötzlich erscheint ihr, mitten im Biologieunterricht, der seltsam aussehende Junge Jamal. Er ist aus der Zukunft zu ihr gekommen. In dieser düsteren Zukunft herrscht der Tyrann Helios, und Götter und Dämonen sind dort sehr lebendig. Versehentlich gerät Nancy in den Wirbel der Zeitmaschine, ein mysteriöses Amulett, und wird mit Jamal in die Zukunft katapultiert. Das ist für sie der Beginn eines gefährlichen Abenteuers, wo Gefahren und der Tod ihre ständigen Begleiter sind. Zur selben Zeit herrscht in der Gegenwart, in der MI6-Zentrale in London Ausnahmezustand. Bereits seit einigen Wochen ist dort mehrfach ein seltsames Phänomen auf den Bildschirmen beobachtet worden. Die Spionagesatelliten registrieren eine sehr starke Konzentration von Energie. Unter der Leitung von Chief Kommander Fisher wird eine Spezialeinheit gebildet.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2014
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I. R. Zimmermann
Future Love
Liebe aus der Zukunft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog Traum
Gegenwart/Ankunft
Die MI6-Zentrale
Brandon
Zukunft 2320
Gegenwart/ Wieder in der Schule
Die Proxas-Rebellen, ein neues Zeitalter
Gegenwart: Jamals Ankunft bei mir
Besuch bei Rob
Der Professor
Götter und Dämonen
Fehlschläge
Angriff des Riesenkraken
Die Schlangen
Der Angriff des Kraken
Jamal ist zurück
MI6 - sein erster Erfolg
Meine Reise in das Unbekannte
Kampf gegen den Kraken
Déjà vu
Reise zu den Proxas
Impressum neobooks
Es war ein düsterer, kalter Morgen in meinem Traum und obwohl es Sommer war, und ich die duftenden Blüten des Jasmins riechen konnte, fröstelte ich vor Kälte .Irgendwie überkam mich plötzlich großes Unbehagen und meine feinen Nackenhaare stellten sich auf. Ich stand mitten auf einer mir unbekannten Straße, die völlig leer gefegt war und dichte Nebelschwaden zogen darüber hinweg. Angestrengt kniff ich meine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen, damit ich das Ende der Straße sehen konnte, aber seltsamerweise schien sie kein Ende zu nehmen. Die Bordsteine und Gehwege waren vollkommen verschwunden und der linke und rechte Straßenrand versank in einer schwarzen, seltsam aussehenden Schlammwolke. Irgendwie kam es mir plötzlich so vor, als ob sich der süße Duft in der Luft veränderte in einen muffigen, faulen Geruch. Ich musste würgen und ein bestialischer Gestank von Tod und Verwesung überwältigte mich. Ich zitterte vor Angst und vom Adrenalin, das mein Herz durch den Körper pumpte. Aus Furcht davor, ich könnte hineinfallen, in diese faulende, stinkende Schlammwolke, wagte ich es nicht, mich auch nur einen Zentimeter nach vorne oder zur Seite zu bewegen. Der Nebel war mittlerweile undurchdringlich geworden. Ich sah nicht, was auf mich zuflog und im selben Moment segelte etwas über meinen Kopf hinweg. Ich drehte mich blitzschnell zur Seite und ein schrecklicher Schrei ertönte. An meinem Körper stellten sich nun alle Härchen auf und kalter Schweiß legte sich auf meinen Nacken. Meine Kehle war wie zugeschnürt und ich rang nach Luft. Das fürchterliche Kreischen wurde immer lauter. Es schien aus den Tiefen der düsteren Schlammwolke hervorzutauchen und auf mich zuzurasen. Vor Angst und Entsetzen hielt ich mir mit beiden Händen die Ohren zu und schloss die Augen. Ichhoffte so, dem dämonischen Treiben Einhalt zu gebieten und sah nicht die sich nähernde, abscheuliche Hand. Die Haut hatte sich schon teilweise vom Knochen gelöst und messerscharfe Nägel, so braun wie die Erde, griffen plötzlich nach mir. Ich spürte nur einen wahnsinnigen, stechenden Schmerz in meiner Brust und wurde gleichzeitig wie eine Feder durch die Luft gewirbelt. Ich schlug wie wild um mich und versuchte verzweifelt, mich aus dem dämonischen Wirbel zu befreien, aber die Kraft der übelriechenden Wolke war zu mächtig. „Das ist mein Ende. Ich bin verloren. Ich kann diesem Bösartigen, Unerklärlichen nicht entrinnen“, durchfuhr es kraftlos meine Gedanken.
Dann fiel ich, wie in Watte gepackt, tiefer und tiefer. Geistesgegenwärtig streckte ich meine Arme und Hände aus, um den Sturz abzufangen und bevor ich aufschlug, wachte ich auf ….
Ich weiß nicht genau, wann es begann, aber wo ich ihn das erste Mal sah, das weiß ich noch ganz genau. Es war am 05. Juli 2012 in meiner Schule, der St. Hughs High School. Genau genommen die dritte Stunde, mitten im Biologieunterricht von Frau Bakerfield. Er stand plötzlich da, in ein seltsam aussehendes, helles Licht getaucht und sah gebannt aus dem Fenster, in den Pausenhof hinunter. Fasziniert beobachtete er, wie sich die dicken Kastanienbäume im Wind hin- und herbewegten. Die schulterlangen, blonden Haare waren streng zurückgekämmt und wurden mit einem Lederband im Nacken zusammengehalten. Er hatte ein jungenhaftes Aussehen und eine blasse, olivfarbene Haut. Auf seiner Stirn schien ein seltsames Zeichen zu sein. Irgendwie hatte er etwas Exotisches an sich. Ich schätzte, er war genauso alt wie ich. Der Overall, mit dem er bekleidet war, bestand aus einem mir unbekannten Material. Er schimmerte regenbogenfarben und war in der Taille mit einem breiten, metallischen Gürtel zusammengebunden. Der Verschluss des Gürtels wurde von einem seltsam aussehenden, runden Amulett gehalten. Die anderen Schüler meiner Klasse schienen ihn gar nicht wahrzunehmen und starrten gelangweilt auf die Schultafel. Ich aber konnte ihn sehen und meinen Blick nicht abwenden. Plötzlich drehte er sich um und sah mir direkt in die Augen, ungläubig starrte er mich an, als ob er sich fragen würde, warum ich ihn sehen konnte und seine Lippen formulierten mir unverständlich klingende Laute. „Ich verstehe dich nicht. Wie heißt du?“, fragte ich, neugierig geworden von alldem, und wollte schon geradewegs von meinem Stuhl aufspringen, da war er auch schon verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sich mein ganzes, bisheriges Leben in den nächsten 24 Stunden total verändern würde und nichts mehr so sein würde, wie bisher.
Mein Name ist Nancy Browning und gestern war mein 17. Geburtstag. Eigentlich ist ein Geburtstag immer ein glücklicher und aufregender Tag. Es wird mit Freunden und der Familie ausgelassen gefeiert, die Person wird großzügig beschenkt, es werden Geburtstagsständchen gesungen und es wird eine große Torte gebacken, die mit der entsprechenden Anzahl an Kerzen verziert und dem Schriftzug Happy Birthday überzogen ist.
Mein eigener Geburtstag wird nie wieder so fröhlich und glücklich sein, denn an jedem neuen Geburtstag werde ich schmerzlich daran erinnert, wie unfassbare Leere und entsetzliches Leid über meine Familie hereinbrach. Vor drei Jahren, an meinem 14. Geburtstag, ist meine Ma bei einem furchtbaren Unglück, einem Verkehrsunfall, ums Leben gekommen. Dieser schicksalhafte Tag war wohl der schlimmste Tag in meinem jungen Leben und seitdem ist nichts mehr so, wie es war.
An jenem Tag fuhr ich mit meiner Ma in unserem neuen Auto über die River Stone Bridge, und wie üblich stritten wir beide wieder darüber, dass ich meine gesamte Freizeit nur mit meinen Computerfreaks verbrachte und darüber die Schule total vernachlässigte. Meine Ma drehte den Regler vom CD-Player lauter, es war nur ein verhängnisvoller Augenblick, ein tragischer Moment der Unachtsamkeit, und doch zu spät, um dem führerlosen, auf uns zurasenden 40-Tonner auszuweichen, dessen Fahrer am Lenkrad einen Herzinfarkt erlitten hatte. Verzweifelt versuchte sie, das Lenkrad herumzureißen, aber der LKW erfasste uns an der Kotflügelecke und schleuderte uns frontal gegen die Brüstung. Die Leitplanke zerbrach und wir stürzten hinab in den wild tobenden, eiskalten Fluss.
Viel später sagte man mir, dass wir beide vier Minuten klinisch tot waren, bevor die herbeieilenden Rettungskräfte uns aus dem Autowrack befreiten und versuchten, uns wiederzubeleben. An all das Schreckliche kann ich mich kaum erinnern, nur an ein merkwürdiges, leuchtendes Glitzern in der fernen Finsternis des eiskalten Wassers. Die Ärzte meinten, das wären posttraumatische Belastungsstörungen, hervorgerufen durch das katastrophale Erlebnis, aber ich bin mir sicher, dass es etwas ganz anderes war, was ich da sah, etwas, was greifbar und physisch nicht zu erklären war.
All das Schreckliche ist jetzt drei Jahre her und es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht die Frage stelle, warum ich gerettet wurde und meine Ma nicht. Meine Ma zu verlieren, war unsagbar schwer, aber sie täglich zu vermissen, ist noch viel schlimmer. Manchmal glaube ich, dass sie da ist und sich mit mir freut und manchmal spüre ich, dass sie mir nahe ist, wenn ich sie brauche.
Vor neun Monaten sind mein Vater und ich von Bristol nach Oxford umgezogen. Wir wohnen mit Rover, unserem Mischlingshund, in einem komfortablen Landhaus, am Ende der Headlington Road, direkt am South Park, der im Süden der Stadt liegt.
Dad sagte, er wolle „ganz neu anfangen“, aber ich wusste tief in meinem Innern, dass er vor irgendetwas davonlief und dass er mich für das tragische Geschehen verantwortlich machte. Die Gegend hier ist total öde. Die Anwohner gehören der vornehmen Schickeria an und sind in jeder Beziehung absolute Snobs. Taktvoll und höflich gehen sie miteinander um, dabei ist dieses Getue nur gespielt, um ihre gesellschaftliche Stellung zu festigen. Wie zum Beispiel unser Nachbar, der örtliche Bürgermeister. Er wohnt mit seiner Frau und den beiden niedlichen Kleinkindern in einem wahrlich prächtigen Anwesen. Täglich wird von seinem Gärtner das Unkraut entlang der exakt angelegten Blumenbeete gezupft und herauskommende, neue Sprossen werden umgehend entfernt. Der Rasen seines Vorgartens wird ständig gemäht und misst haargenau vier bis fünf Millimeter. „Das entspricht genau dem ‚Putting-Green‘ der Golfplätze“, so sagt er.
Er erweckt den Eindruck eines glücklichen, beschützenden Ehemanns und sorgsamen Vaters, dabei weiß jeder hier, dass er ein Schürzenjäger ist, und momentan ein Auge auf die gut aussehende Verkäuferin vom hiesigen Drugstore geworfen hat. Oder die betagte und vornehme, weißhaarige Dame, von der gegenüberliegenden Straßenseite.
Ihr Stammbaum reicht zurück bis ins 14. Jahrhundert, sie entstammt einem uralten Adelsgeschlecht, welches tatsächlich einen Sitz im „House of Lords“ hatte. Etikette und alte Traditionen, wie der Brauch des Fünf-Uhr-Tees, sind für sie ein Muss. Sie macht auf kultiviert, dabei ist bekannt, dass sie kurz vor dem Bankrott steht und sie einen großen Teil ihres Vermögens heimlich beiseite geschafft hat. Mylady wohnt mit ihrem treuen Butler und Chauffeur und, weiß Gott, er ist ein seltsamer Kauz, in einer traumhaft schönen Villa, mit malerischen Erkern und kleinen Türmchen. Das runde Gesicht strahlt Freundlichkeit aus, aber seine Augen erwecken einen gehetzten Eindruck. Er hat fast eine Glatze und das restliche Haar ist schon grau durchsetzt. Ständig steckt er in schwarzen Hosen und roten Polohemden, die um seine schlanke Silhouette schlottern. Außerdem hat er wohl den Zwang, pausenlos Handschuhe zu tragen, da er sie komischerweise nie ablegt. Er strebt ständig nach Perfektion und versucht, alle Dinge, seinen strengen Regeln entsprechend, in einer symmetrischen Form anzuordnen. Beispielweise die Kiefernhecke, die das komplette Arial nebst Villa umzäunt. Jede einzelne Kiefer misst in ihrer Höhe haargenau 2,00 m, nicht mehr und nicht weniger. Neue Knospen der Triebe werden rigoros beschnitten, damit die Kiefern harmonisch und im richtigen Größenverhältnis zueinander wachsen.
Sogar beim Einkaufen im Supermarkt versucht er ständig, die Nahrungsmittel gemäß seinen Ordnungsprinzipien anzuordnen. Diese Scheinheiligkeit der Anwohner geht mir, ehrlich gesagt, auf die Nerven. Dazu fehlt ihnen auch noch jegliche Art von Humor. In der direkten Umgebung gibt es kaum Unterhaltungsmöglichkeiten. Es ist, kurz gesagt, ätzend, zum Sterben langweilig. Glücklicherweise gibt es in der City eine echt coole Altstadt mit zahlreichen Pubs und Cafés, wo man perfekt rumhängen kann. Es wäre sonst sicherlich ein absoluter Alptraum für mich, hier zu wohnen.
Heute war der letzte Schultag auf meiner Schule und für mich die allerletzte Gelegenheit, meinen Schwarm Brandon endlich anzusprechen und auf ein Date einzuladen. Brandon war der absolute Wahnsinn und klar, er sah einfach super aus. Seine Haare waren dunkel, fast schwarz und wenn er lachte, glitzerten in seinen strahlend, blauen Augen kleine Funken, wie der Schaum des Meeres, wenn die Sonne sich darauf spiegelt. In der Schule konnte ich meine Augen nicht von ihm losreißen und sah er mich an, wurde mir kalt und heiß gleichzeitig, und in meinem Bauch flatterten dann Hunderte von Schmetterlingen umher. Er war der beste Spieler im hiesigen Rugbyteam und er hatte einen Körper, bei dem würde selbst Brad Pit schlecht aussehen und sich dahinter verstecken.
Alle Mädchen beteten ihn an und lagen ihm zu Füßen. Ich muss mir selbst eingestehen, auch ich war bereits am ersten Tag verloren und verliebte mich hemmungslos in ihn. An diesem besagten
Morgen wachte ich schweißgebadet auf, denn ich hatte in der Nacht wieder diesen merkwürdigen Traum gehabt, der mich in den letzten Nächten immer wieder heimsuchte.
Eigentlich hatte ich immer einen erholsamen, traumlosen Schlaf, und selbst wenn ich träumte, konnte ich mich tags darauf kaum an den Traum erinnern. Doch bei diesem Traum kam es mir irgendwie so vor, dass er viel bedeutsamer für mich war, als jeder andere Traum zuvor. Dieser Traum ließ mich nicht los. Etwas war da in diesem Traum, eine tiefe Dunkelheit und ein namenloses Entsetzen, das über mir lauerte und mich hilflos machte. Irgendwie war dieser Traum wie ein Spiegel dessen, was geschehen würde, an einem anderen Ort oder gar in einer anderen Zeit. Völlig gerädert und übermüdet von dieser fürchterlichen Nacht verbrachte ich an diesem Morgen viel Zeit im Bad. Zuerst duschte ich heiß und ausgiebig, um so die Schreckgespenster des Alptraums aus meinen Gedanken zu verjagen. Für mich war heute ein aufregender Tag und ich musste meinen Kopf freibekommen.
Ich wollte Brandon endlich auf ein Date einladen und hoffte insgeheim, dass er genauso viel für mich empfand, wie ich für ihn. Es war für mich die letzte Chance vor den Ferien, ihm meine Gefühle zu gestehen. Die durfte ich mir nicht durch diesen bescheuerten Traum vermasseln lassen.
Durch den Schlafentzug hatte ich dunkle Ringe unter meinen grünen Augen, die ich mit großzügigem Make-up übertuschte, ich wollte schließlich nicht wie ein ausgehungerter Zombie zur Schule gehen. Meine fuchsroten, gekräuselten Haare kämmte ich wie wild und bearbeitete sie dann mit meinem neu erworbenen Haarstylinggerät, zu großen Lockwellen à la 1930er-Jahre. Meine Haare sollten perfekt aussehen und nicht, als hätte ich soeben in eine Steckdose gefasst. Selbstkritisch schaute ich mir mein eigenes Spiegelbild an und war mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden. Zugegeben, die da war nicht wirklich ich, aber Brandon würde mit absoluter Sicherheit darauf abfahren, und das war momentan für mich das Allerwichtigste. Normalerweise hätte ich mir das nächstbeste, halbwegs saubere Teil geschnappt, das auf dem Boden herumlag, aber heute war ein besonderer Tag und ich wollte Brandon natürlich nicht nur mit meinem natürlichen Charme und meiner Anmut umhauen.
Ich zog ein knappes rotes Top über, schlüpfte in meine superenge Lieblingsjeans und warf mir noch meine Heavy-Metall-Bikerjacke über. Froh gelaunt lief ich die Treppen hinunter und schon trottete Rover gemächlich heran, legte seinen großen Kopf auf mein Knie und ich kraulte ihm die langen Ohren, bis er zufrieden schnaufte. „Morgen, Dad“, sagte ich, als ich in die Küche kam. Mein Vater saß am Tisch, trank Kaffee und blätterte in irgendwelchen Akten. Dad war ein hervorragender Anwalt und hatte einen gut bezahlten Job, bei einer alteingesessenen Kanzlei in der Stadt gefunden. Anscheinend hatte er diese Akten mit nach Hause genommen und machte wieder jede Menge Überstunden. Dad ignorierte mich total und schlürfte weiter an seinen Kaffee. Während ich die Schranktüren der Küchenanrichte aufriss und nach meinen Cornflakes suchte, überkam mich plötzlich der Gedanke, ob ich mich bei Brandon, dem König der Schule, nicht komplett zum Idioten machte, denn normalerweise kam ich gar nicht in seine Nähe. Entweder schwänzelte die Highschoolbeauty Jane und ihre Cheerleadergroupies um ihn herum oder seine Rugbykumpels umringten ihn. Ein nervöses Kribbeln breitete sich in mir aus. Aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder, ich war verrückt nach ihm, und heute war mein ganz besonderer Tag.
„Guten Morgen, Dad“, sagte ich wieder, diesmal etwas lauter und schlug mit einem deutlichen Knall die Schranktüren zu. Dad fuhr ruckartig hoch und sah mich endlich an. In seinen braunen, treuen Augen, die mich stark an einen Hundewelpen erinnerten, spiegelte sich milde Überraschung. „Oh, Morgen, Nancy, mein Schatz“, sagte er ruhig, „ich habe gar nicht gehört, wie du hereingekommen bist. Was hast du gerade gesagt?“ „Ach, nichts, Dad“, antwortete ich, umarmte ihn freudig und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Ich konnte ihm nicht böse sein, Dad war ein hoffnungsloser Fall. Ich konnte ihm 20 x etwas sagen, er vergaß es trotzdem immer wieder, sobald ich nur den Raum verlassen hatte. Es war nicht so, dass mein Dad herzlos oder ich ihm völlig gleichgültig war, nein, er liebte mich, aber seit Mas Tod sah er mich immer so überrascht und merkwürdig an, als hätte er völlig vergessen, dass ich auch existiere und mit ihm in diesem Haus lebe. Ich nahm mir die Milch aus dem Kühlschrank, schüttete sie zu den Cornflakes und löffelte genüsslich an meinem Frühstück, während ich gleichzeitig die Uhr im Auge behielt. „Hey, Dad, warte“, sagte ich, als er gerade gehen wollte und stellte mich aufrecht hin. „Wie gefällt es dir?“ Irgendwie hatte ich innerlich gehofft, ihn mit meinem stark veränderten Aussehen so zu reizen, dass er aus seinem apathischen Gemütszustand herausgerissen würde, dass er mir endlich wieder seine ganze Aufmerksamkeit widmen würde und mich bewusst wahrnehmen würde. Oder vielleicht schimpfen würde und mir verbieten würde, in diesem sexy Outfit in die Schule zu gehen. Aber nichts dergleichen geschah. Dad schenkte mir keinerlei Beachtung. Er drehte sich nicht einmal zu mir um. „Mhm? Alles klar, mein Schatz“, meinte er nur trocken und stand auf. „Ich muss jetzt zur Arbeit.“ Seine Schritte verklangen auf der Treppe und ich blieb alleine zurück. Ein Blick auf die Uhr ließ mich leise fluchen und mit einem letzten, skeptischen Blick in den Spiegel setzte ich den Helm auf und fuhr mit meinem Mofa los. Kaum dass ich in der Schule ankam, traf ich meinen Freund Rob, der bereits ungeduldig auf mich wartete. Rob hatte das blasse Aussehen eines Vampirs. Das lag wahrscheinlich daran, dass er stundenlang vor dem Computerbildschirm abhing und dem daraus resultierenden Elektrosmog. Zur Außenwelt hatte er kaum Kontakt und war irgendwann zu einem Aussteiger geworden. Rob hatte lange, dunkelbraune Haare, die er mit einem mit Blumen geschmückten Stirnband zusammenschnürte. Seine lässige Kleidung ähnelte dem Stil der Hippies aus den 1960er-Jahren, Blumengewänder, Jesuslatschen usw., natürlich mit dem Unterschied, dass Rob Turnschuhe, Hemd und Blue Jeans trug.
Er wohnte in einem alten Güterwaggon auf einem abgestellten Bahngleis mitten in der Wildnis. Wo Rob herkam, wusste keiner so genau, aber das war auch nicht so wichtig, denn Rob war, genau wie ich, ein absoluter Computerfreak und seine Welt war das Cyberspace. Meine Freundschaft zu Rob war natürlich rein platonisch. Sie konnte in keinerlei Weise mit meiner Liebe zu Brandon verglichen werden. Bei Brandon konnte ich nicht mehr klar denken und mit Rob war ich verbunden durch eine gute Kameradschaft und die uneingeschränkte Begeisterung für den Computer. Da war er ein absolutes Genie und man konnte mit ihm die fantastischsten Aktionen starten. Erst vor wenigen Tagen hatte Rob sich beim ortsansässigen Energieversorger eingehackt und dort innerhalb weniger Minuten den kompletten Server lahmgelegt. Es dauerte volle drei Stunden, bis der von ihm eingeschleuste Virus entdeckt wurde, mit dem Ergebnis, dass die Hälfte der Stadtbewohner in dieser Zeitspanne ohne Strom auskommen musste. Etwas verwundert über mein radikal verändertes Äußeres zog er seine Denkerstirn kraus und schaute mich mit großen Augen an. Irgendwie sah er nicht sonderlich klug aus in diesem Moment. „Hi, Rob! Schön, dich zu sehen“, begrüßte ich ihn freudig.
„Hi, Nancy! Dito! Äh, ich meine, auch schön dich zu sehen“, antwortete er stockend. Er legte seinen Kopf etwas zur Seite und gleichzeitig wanderten seine braunen Augen mit einem völlig entgeisterten Blick über meine Gestalt. Irgendeine Reaktion hatte ich erwartet, aber nicht unbedingt diese Reaktion. „Und, was denkst du? Wie sehe ich aus?“, fragte ich ihn nach einem kurzen Augenblick und fügte noch leise hinzu: „Ich will Brandon auf ein Date einladen.“ Dabei stellte ich mich geschickt in Pose und warf ihm einen koketten Seitenblick zu. Mir fiel auf, dass Rob mich ungewöhnlich lange anstarrte. Ich zupfte nervös an meiner Kleidung und wäre am liebsten im Erdboden versunken. „Äh, ja, du siehst, äh, irgendwie anders aus“, antwortete er verdächtig langsam. Dabei huschten seine Augen von links nach rechts. Ich verstand nur Bahnhof. Rob hielt eine kurze Zeit inne und räusperte sich: „Äh, ich meine natürlich: Wow, du siehst klasse aus“, dabei kratzte er sich etwas verlegen am Kinn. Ein Blick in seine Augen verriet mir, dass sie genau das Gegenteil vom dem widerspiegelten, was er gerade gesagt hatte, aber ich nahm mir einfach vor, nicht weiter nachzufragen. Ich wusste, dass Rob Brandon nicht ausstehen konnte. Brandon war für ihn nur ein verwöhnter, reicher Oxfordpinkel, der von seinen reichen Eltern unterstützt wurde.
