Gabrielles verborgener Garten - Stéphane Jougla - E-Book

Gabrielles verborgener Garten E-Book

Stéphane Jougla

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Beschreibung

Mit Hilfe von Büchern und einem paradiesischen Hinterhof-Garten in Paris versucht ein Mann, den Tod seiner Frau zu überwinden. Der französische Autor Stéphane Jougla erzählt in "Gabrielles verborgener Garten" eine poetische und zauberhafte Geschichte über das Werden und Vergehen und über Trost, den Bücher, Literatur und Garten-Arbeit spenden können. Gabrielle ist tot. Einfach so, ein Unfall hat sie aus Martins Leben gerissen. Indem er ihre unzähligen Bücher zu lesen beginnt, versucht Martin, seine Geliebte bei sich zu behalten. Kafka, Prévert, Rilke – überall in ihren Büchern hat Gabrielle Sätze angestrichen, die ihr etwas bedeutet haben. Diese Sätze zu entdecken, ist für Martin beinahe wie ein Zwiegespräch. Dann ist da noch der Garten. Ein kleiner versteckter Hinterhof-Garten mitten in Paris, den Gabrielle liebevoll angelegt hat. Die Arbeit im Garten ist Trost für Martin und sein Versuch, den Tod seiner Geliebten zu verarbeiten, denn er beginnt, sich hingebungsvoll um die prächtigen Pflanzen zu kümmern. Doch er scheint nicht der Einzige zu sein … "Ein wunderbar poetischer Spaziergang zwischen Hortensien, Azaleen und Rhododendren." Le Républicain Lorrain

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Stéphane Jougla

Gabrielles verborgener Garten

Roman

Aus dem Französischen von Juliane Gräbener-Müller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Mit Hilfe von Büchern und einem paradiesischen Hinterhof-Garten in Paris versucht ein Mann, den Tod seiner Frau zu überwinden. Der französische Autor Stéphane Jougla erzählt in »Gabrielles verborgener Garten« eine poetische und zauberhafte Geschichte über das Werden und Vergehen und über Trost, den Bücher, Literatur und Garten-Arbeit spenden können.

Gabrielle ist tot. Einfach so, ein Unfall hat sie aus Martins Leben gerissen. Indem er ihre unzähligen Bücher zu lesen beginnt, versucht Martin, seine Geliebte bei sich zu behalten. Kafka, Prévert, Rilke – überall in ihren Büchern hat Gabrielle Sätze angestrichen, die ihr etwas bedeutet haben. Diese Sätze zu entdecken, ist für Martin beinahe wie ein Zwiegespräch. Dann ist da noch der Garten. Ein kleiner versteckter Hinterhof-Garten mitten in Paris, den Gabrielle liebevoll angelegt hat. Die Arbeit im Garten ist Trost für Martin und sein Versuch, den Tod seiner Geliebten zu verarbeiten, denn er beginnt, sich hingebungsvoll um die prächtigen Pflanzen zu kümmern. Doch er scheint nicht der Einzige zu sein …

»Ein wunderbar poetischer Spaziergang zwischen Hortensien, Azaleen und Rhododendren.« Le Républicain Lorrain

Inhaltsübersicht

Das wilde Huhn

Der Unfall

Der Bote

Sternblumen

Leichenschauhaus

Verleugnung

Zerstreuungen

Gymnopédies

Die Freunde

Widerstand

Die Hortensie Gabriella

Automatismen

Die Listen der Liebe

Die Fühlmaschine

Das Bett

G

Bücher und Gärten

Schimäre

Nießbrauch

Blätter

Erinnerung von jenseits des Grabes

Hexerei

Postsendung

Panne

Die Wirklichkeit

Marionette

Kommunikation

Die Rache des Geistes

Nomadentum

Gartenarbeit

Herbsttaschentücher

Ismael und John

Einladung

Die Tanne

Blanche

Gabrielles Buch

Orlando

Schnee

Stille, Ewigkeit

Wünsche

Wiederbeginn

Perspektivenwechsel

Verwirrung

Personalabteilung

»Die zehn goldenen Regeln für das Mitarbeitergespräch«

Die Vernunft

Über die Rosen

Die Gartenhütte

Versetzung

Methode

Auf das Grün!

Bescheinigungen

Fotografie

Charlie

Der kleine Gärtner

Ende des Rätsels

Verdacht

Das poetische Amt

Jacques Prévert

Metamorphose der Lüge

Baobab

Anwesenheit

Außerhalb des Gartens

Die Vögel

Azurblaue Augen

Grausamkeit des Frühlings

Der Schiefer

Tiefen

Vogelgedicht

Schranken und Absperrungen

Eine Bibel

Der Eindringling

Freitag

Opfer

Der Gemüsegarten

Habitat

Gladys und Gloria

Adieu

Die Insel

Die Linde und ihr König

Sprechende Fenster

Die Höflichkeit des Abfalls

Blanche

Nationalfeiertag

Vom Himmel

Feuer

Ferien

Körper und Bewusstsein

Bloßes Eigentum

Ferienende

Geburtstag

Die Zukunft

Die Besonderheit des Menschen

Das Glück der Toten

Vorbereitungen zur Überwinterung

Raus!

Die Ewigkeit

Das graue Huhn

Das Kind

Quellenverzeichnis

 

 

 

Für Suzanne

Das wilde Huhn

»Der Strom wurde abgestellt«, brüllte uns der Makler aus dem hinteren Teil der Wohnung zu.

Von der Türschwelle aus beobachtete ich Amélie.

»Alles in Ordnung«, beruhigte sie mich, eine Hand auf dem Bauch.

Wir hörten es knirschen und knacken, dann ward es Licht.

Schon in der Diele war der Boden mit Zeitungen, Plastiktüten, Flaschen, Altkleidern und zerdrückten Joghurtbechern übersät.

»Ich hatte Sie vorgewarnt«, sagte der Mann, der wieder auf uns zukam.

Im Grunde besichtigten wir eine Müllhalde. So gut wie überall – auf den Möbeln, dem Teppich und auf dem Wohnzimmerkamin, vor dem ein aufgeschlitztes und mit Abfall übersätes Chesterfield-Sofa prangte – lagen Bücher herum. In einer Ecke fixierte uns aus sämtlichen Knöpfen ein Ohrensessel mit blauer Velourssteppung.

»Er stand im Garten«, erklärte unser Führer. »Und ich habe ihn reingeholt!«, fügte er so stolz hinzu, als hätte er ihn vor dem Ertrinken gerettet.

In der Küche machte ich einen der Schränke auf. Hier waren die Küchenutensilien bestialisch stinkendem Müll gewichen. Im Bad genügte mir ein Blick: Der Spiegel vervielfachte den Dreck des Waschbeckens. Das Schlafzimmer hingegen war aufgeräumt. Tipptopp.

»Die Tür war zu«, räumte der Makler ein.

»Aha! Und warum?«

»Keine Ahnung.«

In der Anzeige war von einer renovierungsbedürftigen Dreizimmerwohnung im Gartengeschoss die Rede gewesen. Der Makler ließ uns ins Arbeitszimmer eintreten, das gegenüber dem Wohnzimmer lag – ich sage deswegen Arbeitszimmer, weil es dort einen Schreibtisch gab; er brach förmlich zusammen unter den mit Erde gefüllten Behältern, die mich eher an Nosferatus Särge im Bauch seines Geisterschiffs erinnerten.

Amélie strich sich über den Bauch. Das Kinderzimmer würde nicht groß sein, durch zwei über Eck liegende Fenster jedoch einen gewissen Charme erhalten.

Die Fenster gingen direkt auf einen Urwald hinaus.

»Der Garten!«, verkündete der Makler triumphierend. »Kommen Sie, man betritt ihn vom Wohnzimmer aus.«

Also durchquerten wir ein weiteres Mal das zugemüllte Wohnzimmer.

»Der offene Kamin funktioniert übrigens«, bemerkte der Mann im Vorbeigehen.

Ich beugte mich hinunter, um zu sehen, ob nicht vielleicht noch ein bisschen Feuerstein drin war, während Amélie vor dem beeindruckenden Bücherregal stehen blieb, das, wenn auch mit vielen Lücken, den Kamin flankierte.

»Das Raubtier im Dschungel, Robinson Crusoe, Die Verwandlung … Nicht schlecht«, sagte sie.

»Wenn Sie sich für die Bücher interessieren, können wir sehen, was sich machen lässt. Das gilt übrigens auch für die Möbel«, bemerkte der Makler, während er die Terrassentür zum Garten aufstieß.

Wir traten hinaus – oder hinein, je nachdem: Draußen sah es jedenfalls gepflegter aus als drinnen. »Bestimmt, weil da der Regen die Pflanzen reinigt«, würde meine Amélie, bereits gewonnen, später sagen. Worauf ich sie daran erinnern würde, dass Jahr für Jahr die Blätter fallen, von Neuem wachsen und dann wieder fallen: Es gäbe also lästiges Laub aufzukehren.

»Genau, du liebst doch die Natur!«

»Du ja offenbar auch!«

»Ja, aber ich könnte nicht …«

»Was? Laub aufkehren?«

»Wir werden uns einen Gärtner nehmen.«

»Kommt nicht infrage!«

»Aber er ist doch ganz klein …«

Der Garten war tatsächlich nicht groß: ein gerade mal fünf oder sechs Meter breiter Streifen in L-Form, der sich auf der Rückseite des Gebäudes an der Wohnung entlangzog. In der Beschreibung war allerdings von hundert Quadratmetern die Rede gewesen, also zwanzig mehr, als die Wohnung allein hatte.

Um dorthin zu gelangen, überquerte man eine Terrasse, die auf drei Seiten von einer Vielzahl an Töpfen unterschiedlicher Form und Größe gesäumt war, einer davon mit einer Tanne, Typ Weihnachtsbaum, bepflanzt. Auf der vierten Seite befanden sich Gestelle mit ledern gewordenen Pflanzen, an deren Enden, schwarz und zerknittert, eine merkwürdige Gemüseart hing.

»Zucchini?«, tippte ich.

Warum nicht? Ein Blick genügte, um festzustellen, dass dieser Garten in keine Schublade passte – Gemüsegarten, Ziergarten, Pfarrgarten, englischer, französischer, japanischer Garten …, als wäre seine Geschichte nur eine lange Abfolge von Invasionen gewesen. Je weiter man in ihn vordrang, desto tiefer tauchte man ein in die am längsten zurückliegenden Perioden der Menschheit, vielleicht sogar schon vor dem Auftreten des Menschen, als die Natur noch in völliger Wildnis gedieh – ein Zustand, in den zurückzukehren sich dieses Fleckchen Erde nach Kräften mühte. Kamelien, Bauernjasmin, Buchs und Rhododendronbüsche drängten sich bunt durcheinander zwischen dem Gebäude und dem vom Efeu angefressenen Gartenzaun, während ein kaum noch sichtbarer Pfad sich zwischen jungen Salat-, Erdbeer-, Zwiebel- und Lauchpflanzen hindurchschlängelte. In der Ecke reckte ein gewaltiger Baum seinen gigantischen Stamm, an dessen Ende wirres Astwerk die ganze Fülle des Gartens in den Himmel hinein verlängerte.

Wir stiegen die zwei Stufen von der Terrasse hinab.

Im Vorbeigehen strich Amélie mit der Hand über die blauen Dolden einer riesigen Hortensie.

Die Pflanze rauschte unverhältnismäßig laut.

»Amélie? Warst du schon mal hier?«

»Ich lasse Sie jetzt mal allein. Wenn Sie Fragen haben, bin ich zur Stelle«, rief dieser Heuchler uns von der Terrasse herab zu.

»Antworte mir, Amélie: Hast du diese Wohnung ohne mein Wissen schon mal besichtigt?«

Kerzengerade, taub und stumm marschierte Amélie vor mir her.

Doch dann musste ich den Versuch eines Gesprächs auf später verschieben: Der Weg, der den Garten durchzog, wurde an der Hausecke unterbrochen, und wir mussten über eine unglaublich üppige Vegetation steigen und mit bloßen Händen unentwirrbares Geäst und riesige Brennnesseln auseinanderbiegen, die uns am Fortkommen zu hindern suchten. Ich schob mich vor Amélie und machte meinen Körper zu einem Bollwerk gegen mögliche Angriffe von Schlangen, Spinnen, Ratten und anderem Getier, das garantiert in diesem Dschungel Zuflucht gefunden hatte – vor allem unter dem Fenster von Nosferatus Arbeitszimmer, wo ein gewaltiges Dornengestrüpp wuchs, das wir nur mit allergrößter Mühe durchqueren konnten.

»Rosenstöcke, Liebling«, präzisierte meine Amélie, die mit einem Mal die Sprache wiedergefunden hatte. »Schau doch mal den hier an, wie schön er ist! In Blüte muss er fantastisch aussehen«, schwärmte sie, während sie eine riesige Liane an ein altes Spalier zurücklegte.

»Und das da?«

»Oh ja, das! Ist es nicht reizend?«

»Was ist das?«

»Du wirst sehen …«

Vor uns erhob sich ein unförmig wirkendes Gebäude, überzogen von wildem Wein, dessen entlaubte Ranken ihm die Frisur einer Mumie verliehen.

Vorsichtig näherte ich mich ihm.

Seitlich davon deutete ein Kreis aus verrußten Steinen auf eine primitive Feuerstelle hin. Wie naiv ich doch gewesen war, als ich im Wohnzimmerkamin nach Spuren von Zivilisation gesucht hatte …

Amélie stieß die Tür auf.

»Halt!«

»Jetzt schau’s dir doch wenigstens mal an: Hier steht ein Bett, es gibt Bücher, eine Lampe, sogar einen kleinen Elektro-Radiator …«

Während sie eintrat, nahm ich notgedrungen die Umgebung näher in Augenschein. Dabei fiel mir eine Holzkiste auf, die man an der Außenwand abgestellt hatte; Tonziegel, die als Bedachung dienten, waren, ebenso wie das Fenster auf jeder Seite, stümperhaft in einem grellen Orange gestrichen worden; vorn diente eine rechteckige Öffnung als Tür, darüber diese unerwartete Inschrift:

Saint-Estèphe 1996

Amélie kam mit einem Buch in der Hand aus der Hütte.

»Guck mal: Lady Chatterley, das ist doch witzig, oder?«

»Wie man’s nimmt … Guck lieber mal hier«, sagte ich, auf die Kiste zeigend.

»Was ist denn das? Eine Hundehütte?«

»Für einen winzig kleinen Hund vielleicht.«

»Oh, nein!« Plötzlich brachte Amélie, den Blick auf meinen rechten Fuß geheftet, kein Wort mehr heraus.

Unter meinem Schuh befanden sich Reste von Knochen und Federn.

»Friede seiner Asche, Liebling.«

»Aber was kann das bloß sein?«

»Bestimmt eine Flugechse. Nichts wie weg!«

»Warte!«

»Kommt nicht infrage.«

Ohne auf das Flehen der künftigen Mutter meines Kindes zu achten, machte ich auf dem Absatz kehrt. Doch ich war kaum auf dem Pfad angelangt, da stieß sie einen Schrei aus – genau deswegen hatten wir uns eigentlich geeinigt, bis zur Geburt des Babys nichts mehr zu besichtigen.

Zum Glück lag Amélie im nächsten Moment gesund und wohlbehalten in meinen Armen.

»Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass du schwanger bist, Liebling! Was ist denn los?«

»Noch ein …«

»Ein was?«

»Ein Huhn!«, sagte sie und deutete mit dem Finger aufs Gestrüpp.

Die Feder- und Knochenreste waren also schlicht die eines Huhns.

Ich versuchte, die Ruhe zu bewahren.

»Und?«

»Es lebt, ist aber völlig abgemagert! Es muss unbedingt was zu fressen kriegen …«

Ohne zu fragen, nahm ich meine Frau bei der Hand und stieg mit ihr unverzüglich wieder auf die Terrasse: Jane und Tarzan, die dem Leben in der Wildnis Adieu sagen.

»Die Wohnung ist Ihre!«, rief der Makler, kaum dass er uns bemerkte.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich spüre es.«

»Das ist alles?«

Allmählich ging mir dieser Immobilienfritze auf die Nerven.

»Von hier aus brauchen Sie nur zehn Minuten bis zur Arbeit, Monsieur, und können sich obendrein an einem Fleckchen Grün erfreuen. Bei Erdgeschosswohnungen dieser Größe ist das sehr selten. Sonst findet man das eher in Villenvierteln …«

»Bloß nicht!«

»Und dieser Garten steht nur Ihnen zur Verfügung«, ergänzte er, meine Spöttelei ignorierend. »Sie haben das alleinige Nutzungsrecht. Mit anderen Worten, Sie können dort tun und lassen, was Sie wollen.«

»Der Garten Eden, endlich!«, rief meine Amélie aus, so, als wäre sie nicht hochschwanger.

»Genau, Madame, nur dass nicht Gott, sondern die Eigentümergemeinschaft ihn pflegt«, antwortete der Makler, nicht ohne eine gewisse Beherztheit, wie ich leider zugeben muss.

»Offenbar ja nicht besonders gut«, hielt ich dagegen, um zu zeigen, dass wenigstens einer von uns auf dem Teppich blieb. »Aber was für ein Spinner hat denn bloß hier gewohnt?«

Diese Frage hatte mir von Anfang an auf den Nägeln gebrannt.

»Ein gewisser Martin Robinson.«

»Allein oder mit einem Huhn?«, erkundigte sich meine Liebste, ganz offensichtlich zum Scherzen aufgelegt.

Sie hatte Lady Chatterley nicht aus der Hand gelegt und suchte nun im Bücherregal einen Platz dafür.

»Gabrielle Beauchan. Vor zwei oder drei Jahren verstorben, ziemlich jung, soviel ich weiß …«

»Also eine Frau«, sagte ich, um Präzisierung bemüht.

»Und Monsieur Robinson?«

»Er ist nicht der Verkäufer. Er war nie Eigentümer. Solange er hier wohnte, konnte man im Prinzip nichts machen, aber nach dem Tod seiner Lebensgefährtin ist er übergeschnappt. Eigentümer sind Mademoiselle Beauchans Eltern, die am Ende die Wohnung ihrer Tochter wieder übernehmen konnten. Ich habe den Auftrag gerade erst bekommen, und sie hatten noch keine Zeit, die Wohnung auszuräumen. Aber sie wird weggehen, unter Garantie, bei dem Potenzial und dem Preis …«

»Wir denken darüber nach«, unterbrach ich ihn.

»Nicht lange«, berichtigte Amélie, während sie Lady Chatterley an der Stelle, die sie dafür ausgesucht hatte, ins Bücherregal schob.

»Wenn Sie sich für die Wohnung interessieren, rate ich Ihnen, sich rasch zu entscheiden. Es gibt noch andere Interessenten.«

Amélie zwinkerte mir zu.

Ich schaffte es, keine Miene zu verziehen.

Der Makler ließ uns ein Formular unterschreiben, mit dem wir ihm den Besichtigungstermin bestätigten.

Auf dem Weg zum Ausgang umschiffte ich die Abfälle, die auf dem Fußboden herumlagen, während Amélie noch im Wohnzimmer blieb.

Wie konnte sie nur in Erwägung ziehen, eine derartige Bruchbude zu kaufen? Ich war schon jetzt völlig fertig bei dem Gedanken an die vielen Diskussionen, die mich erwarteten.

»Wie sieht’s aus, kommst du?«, rief ich ihr von der Türschwelle aus zu.

»Ja. Aber warte mal. Schau nur!«

Als ich mich ungeduldig umdrehte, sah ich sie mit einem alten Joghurtbecher dribbeln. Die Hände beide auf dem Bauch, setzte sie zum Schuss an und versenkte den Becher im Kamin.

Der Unfall

Das Kleid hochgerutscht bis zur Taille und den Fuß in einer Pedale ihres Fahrrads eingeklemmt, lag Gabrielle unter der Stoßstange.

Der Inhalt ihrer Tasche hatte sich über den Asphalt verteilt – ein Handy, eine Flasche Mineralwasser und dieses Buch mit dem seltsamen Titel: Die Verzückung der Lol V. Stein.

An eins der großen Lastwagenräder gelehnt, fragte sich der Fahrer, wie der Unfall hatte passieren können. Nicht der Zusammenprall hatte den Tod der jungen Frau bewirkt, versuchte er sich einzureden: Er hatte sie kaum berührt; der Leichnam wies im Übrigen keinerlei Verletzungen auf, am Boden gab es keine Blutspuren …

Es kam zu einem Menschenauflauf. Eine Passantin drückte fest die Hand ihrer kleinen Tochter, ehe sie sich zu der jungen Verstorbenen beugte, um ihr das Kleid über die gebräunten Schenkel zu ziehen.

Niemand wagte, ihr die Augen zu schließen.

Gabrielle wirkte nicht tot, nur verwundert, dass alles so aufgehört hatte.

Der Bote

Martin wurde erst ziemlich spät am Abend benachrichtigt. Er und Gabrielle waren nicht verheiratet. Bevor man ihm die Nachricht eröffnete, musste er erst die Art ihrer Beziehung näher beschreiben. Danach nannte der Polizeibeamte ihm alle Einzelheiten: Gabrielle Odile Beauchan, Lehrerin für Französisch und Literatur am Lycée Balzac in Levallois-Perret, war am Nachmittag nur einige Straßen von der Schule entfernt, die sie gerade verlassen hatte, von einem Lastwagen angefahren worden. Der Polizist gab Martin auch die Adresse des Leichenschauhauses, in dem man den Leichnam aufgebahrt hatte.

»Es ist sinnlos, jetzt gleich hinzufahren«, fügte er hinzu. »Gehen Sie morgen hin, die Öffnungszeiten sind acht bis achtzehn Uhr. Wir haben die Eltern benachrichtigt, sie werden die Erlaubnis bekommen, ihre Tochter zu identifizieren.«

Sternblumen

Mit tränenverhangenem Blick öffnete Martin die Terrassentür. Er taumelte aus dem Wohnzimmer in den Garten, stieß sich an Büschen, an Hecken, dann erblickte er die achtzehn weißen Köpfe, die sich im Dunkeln wiegten.

Er ging auf sie zu, bückte sich, hörte Gabrielles Lachen: »Die Anemonen haben keinen Duft, Liebling, oder einen so schwachen, dass nur ein echter Gärtner ihn wahrnehmen könnte. Aber du bist kein echter Gärtner. Sieh dir lieber die Reinheit dieser Blumen an: Man könnte sie fast für Sterne halten, die zu weit herabgestiegen, der Erde zu nah gekommen sind und die jetzt unschlüssig knapp über dem Boden schweben, so, als könnten sie sich weder mit dem Abstürzen noch mit dem Wiederaufsteigen zum Himmel abfinden …«

Leichenschauhaus

Am nächsten Morgen wurde Martin durch einen Anruf von Gabrielles Mutter Blanche geweckt.

Sie und Yves, Gabrielles Vater, führen jetzt in Poitiers los und seien am späten Vormittag am Leichenschauhaus.

»Er machte nicht den Eindruck, als hätte er das wirklich verstanden«, sagte Blanche beim Auflegen zu Yves.

Verleugnung

Yves und Blanche identifizierten Gabrielle im Leichenschauhaus.

Martin überhaupt nicht.

Diese Lippen, die er so oft betrachtet hatte: Er hatte immer Lust gehabt, die seinen daraufzulegen, wenn seine Geliebte auf diese Weise die Augen schloss.

Aber nicht hier.

Nicht an diesem Ort, in dieser Umgebung, diesem Licht …

Er schlang die Arme um Gabrielle.

Ein Angestellter griff gerade noch rechtzeitig ein.

Jemand schob einen Stuhl heran, auf den Martin sich setzen musste, während Blanche ihm mit einem sehr rauen Taschentuch die Stirn abtupfte.

Natürlich, erklärte der eilig aus der Klinik geholte Psychiater, wolle Martin Gabrielle ein letztes Mal in ihrem Bett sehen, inmitten ihres ganzen Nippes, ihres Ehelebens … Das sei die ewige Geschichte von Eros und Thanatos. Orpheus selbst …

»So ein Blödsinn!«, rief Martin aus.

Daraufhin machte der Mann auf seinem großen Formular das Kreuz bei Verleugnung und setzte Martin darüber in Kenntnis, dass nur ein Bestattungsunternehmen sich der sterblichen Überreste annehmen dürfe. »Privatpersonen sind dazu nicht autorisiert«, fügte er hinzu.

Da bekam Martin einen richtigen Tobsuchtsanfall: Er sei keine Privatperson. Er sei der Geliebte, der Witwer, die Liebe der Verstorbenen!

Blanche und Yves gelang es, ihn zu beruhigen.

Im Grunde, ohne ihm viel zu sagen.

Eine gewisse Stille war angebracht.

Schließlich verabschiedeten sich alle drei gemäß den geltenden Verwaltungsvorschriften von Gabrielle. Martin händigte man das Fahrrad, die Schultasche, die Kleidung, die Handtasche und Gabrielles persönliche Dinge aus, die man auf der Straße aufgelesen hatte, außerdem einen Totenschein.

»Sie werden ihn brauchen«, sagte ihm der Kliniksekretär.

»Wozu?«

»Als Beweis dafür, dass es die Verstorbene nicht mehr gibt, Monsieur.«

Da sickerte ein kleiner Zweifel in Martins Bewusstsein.

Von dem er sich nie mehr ganz befreien konnte.

Zerstreuungen