Gagamba, der Spinnenmann - Francisco Sionil José - E-Book

Gagamba, der Spinnenmann E-Book

Francisco Sionil José

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gagamba, der »Spinnenmann«, handelt mit Glück: Er verkauft Lose auf dem Bürgersteig vor dem Camarin – Nobelrestaurant, Nachtclub und Bordell in Manila. Und er sieht sie alle kommen und gehen: den reichen Besitzer des Camarin, Bettler Joe und Lucy mit ihrem Handkarren, Touristen, Männer mit Geld und Einfluss an den höchsten Stellen und die Frauen, aus deren Schönheit das Camarin Profit schlägt. Als ein Erdbeben die Stadt erschüttert, stürzt das Camarin in sich zusammen. Nur zwei Menschen werden lebend aus den Trümmern geborgen. Wer überlebt in einer kaputten Gesellschaft, wenn alles zerfällt? Francisco Sionil José, einer der größten Autoren der Philippinen, erschafft mit dem Camarin ein Modell der philippinischen Gesellschaft – und bringt es dann zum Einsturz.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Über dieses Buch

Ein Erdbeben erschüttert Manila und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Doch nur ein Haus stürzt komplett in sich zusammen: Das »Camarin«, ein Nobelrestaurant, das auch als Nachtklub und Bordell fungiert. Alle Besucher und Menschen, die sich in dessen Umgebung aufhalten, werden verschüttet, nur drei überleben.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Francisco Sionil José (*1924 ) studierte Medizin und Literatur. Er gilt weltweit als der wichtigste philippinische Autor. Er wurde mit der Ehrendoktorwürde der University of the Philippines sowie zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt.

Zur Webseite von Francisco Sionil José.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Francisco Sionil José

Gagamba, der Spinnenmann

Roman

Aus dem Englischen von Markus Ruckstuhl

E-Book-Ausgabe

Horlemann @ Unionsverlag

HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.

Impressum

Dieses E-Book des Horlemann-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel Gagamba – The Spider Man bei Solidaridad Publishing House, Manila.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 im Horlemann Verlag.

Originaltitel: Gagamba, The Spider Man

© F. Sionil José, 1991

© by Horlemann Verlag 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Till Kaposty-Bliss, Berlin

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30925-8

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 25.06.2024, 21:52h

Transpect-Version: ()

DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.

Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.

http://www.horlemann.info

[email protected]

E-Book Service: [email protected]

www.unionsverlag.com

Unsere Angebote für Sie

Allzeit-Lese-Garantie

Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.

Bonus-Dokumente

Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.

Regelmässig erneuert, verbessert, aktualisiert

Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.

Wir machen das Beste aus Ihrem Lesegerät

Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:

Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und Mac

Modernste Produktionstechnik kombiniert mit klassischer Sorgfalt

E-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.

Wir bitten um Ihre Mithilfe

Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.

Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags

Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

Unsere Angebote für Sie

Inhaltsverzeichnis

GAGAMBA, DER SPINNENMANN

1 – Am 15. Juli 1990 schlug ein tödliches Erdbeben …2 – Bevor Didi Gamboa, die Herrin des Camarin …3 – Joe Patalinghug, zweiundzwanzig, kam an einem regnerischen Novemberabend …4 – Nur den Stammgästen des Camarin war es bekannt …5 – Ruth Denison, Jims Mutter, war sehr energisch …6 – Mitsuis leitender Angestellter, Hiroki Sato, bevorzugte die Philippinen …7 – Eric Hariyan und Gaston (oder Gasty) Novato waren …8 – Eines Tages, als Eduardo Dantes nach einem Besuch …9 – Dolf Contreras war kein Stammgast des Camarin …10 – Tony Picazo fand Father Hospicio dela Terra lesend …11 – Am späten Freitagnachmittag kurz vor Büroschluss erhielt Major …12 – Die im Camarin eingeschlossenen Menschen hatten Geld und …Worterklärungen

Mehr über dieses Buch

Über Francisco Sionil José

Andere Bücher, die Sie interessieren könnten

Zum Thema Asien

Für Edith S. Coliver

1

Am 15. Juli 1990 schlug ein tödliches Erdbeben zu. Es war das stärkste, das bisher in der philippinischen Geschichte registriert wurde. Vier Minuten lang tauchte es mit apokalyptischer Turbulenz Zentralluzon mit Manila in eine Welle der Panik. Weiter im Norden der Hauptstadt, wo das Epizentrum mit einer Intensität von mehr als acht auf der Richterskala gemessen wurde, veränderte sich die Landschaft, als Berghänge abstürzten und die Erde aufbrach.

Tranquilino Penoy, bei den Bewohnern von Ermita auch als Gagamba, die Spinne, bekannt, war einer von denen, die den Einsturz des Camarin an der M. H. del Pilar-Straße überlebten. Es war das einzige Gebäude in Manila, das komplett zerstört wurde. Es war Sonntag, und es hätte bestimmt mehr Opfer gegeben, wären die Büros auf den oberen Stockwerken besetzt gewesen. Vor dem renommierten Restaurant stand der Losverkäufer auf seinem Posten, als die Erde mittags, Schlag ein Uhr bebte. Er vertrat den Portier, der zum Mittagessen in die Küche gegangen war.

Das Beben kam mit einem leisen, kurzen Vorspiel: ein Zittern der Tische, ein Klirren von Geschirr in der Küche. Doch dann folgte ein massiver Ruck nach oben, der den Gehsteig und mit ihm Gagamba hochhob. Er wurde die Straße hinunter geschleudert, als hätte ihn ein Windstoß wie ein vertrocknetes Blatt gepackt und hochgewirbelt. Die Erde stöhnte, als plötzlich in der Mitte der Straße ein riesiger Spalt klaffte, der gräuliches Wasser zu speien begann. Gagamba drehte sich gerade rechtzeitig zum Gebäude, um es bersten zu sehen. Dann wichen Stein, Stahl und Glas kläglich vor dieser urzeitlichen Wut.

Das gleichzeitige Aufheulen der Motoren von tausend Lastwagen? Das Tosen riesiger Wellen? Das Toben der Brandung an der Küste? Das Heulen eines Taifuns? Für Gagamba war das alles derselbe unheimliche Lärm. Dann plötzlich brach der dumpfe Aufprall der Steine ab, und es kamen undurchdringliche Staubwolken aus dem zertrümmerten Gebäudeinnern. Eine Grabesstille trat ein, unterbrochen vom Schreien und Stöhnen der unter den Trümmern Begrabenen. Die Strommasten entlang der Straße schwankten noch einige Zeit, und die Leitungen surrten und knisterten mit bläulich aufblitzenden Flammen inmitten der Schreie von Leuten, die aus anderen vom Einsturz bedrohten Gebäuden stürzten.

Gagamba schob seinen Karren weg und schaffte eine größere Distanz zu den Ruinen des Camarin, das noch immer in Staubwolken gehüllt war, die sich allmählich zu setzen begannen. Was war das für eine Kraft, die die Erde auseinanderriss? Alles, was ihm auf diesem Gehsteig vertraut gewesen war – die Topfpalmen vor dem Restaurant, das Wachhäuschen aus Holz, war genauso verschwunden wie die großen, glänzenden Wagen, die vorher wie immer entlang des Gehsteigs geparkt waren.

Menschen drängten sich um ihn und fragten, wer im Camarin eingeschlossen und wie er entkommen sei. Der Wächter und die Fahrer, denen es gelungen war, dem Inferno zu entgehen, scharten sich ebenfalls um ihn, um zu hören, was er zu berichten hatte. Auf all ihre drängenden Fragen folgte allerdings nur ein langsames Schütteln des schwerfälligen, beinahe unbehaarten Hauptes. Es war Gottes Wille, davon war er überzeugt. In der Tat bewegt sich Gott auf seltsamen, unfassbaren Wegen, und er, die nichtsnutzige Kreatur, blieb verschont.

Schau ihn mal an, schau ihn mal an! Sieht er nicht einer zweibeinigen Spinne ähnlich mit diesem kugeligen Kopf, diesem gedrungenen Körper? Und diese langen Arme! Ach, die ihn so ansehen, wissen ja nicht, dass sie so kraftvoll sind, die einzigen Körperteile, die er mit Präzision und Kraft bewegen kann. Und was die Beine betrifft: Er war mit kurzen, schlaffen Gliedern geboren worden, nicht länger als einen Fuß lang, und sogar jetzt mit seinen 50 Jahren blieben sie so nutzlos wie eh und je. Als kleines Kind war er mit einem Stützapparat ausgestattet worden, und zwar auf Anraten des Kinderarztes vom öffentlichen Krankenhaus, in dem er von großer Neugier umgeben auf die Welt gekommen war. Vielleicht hatte der Doktor geglaubt, dass die unteren Gliedmaßen durch den Gebrauch wachsen würden, doch ihnen fehlten die Knochen. So musste er sich mit seinen Armen fortbewegen, die Hände versehen mit kleinen Holzschuhen, und seinen sonst normalen Körper nachziehen. Sein Vater hatte den Knaben in eine Holzkiste mit kleinen Rädern auf der Unterseite gesteckt. Der Junge lernte mit vollendetem Geschick zu navigieren. Er konnte Kehren und Schleifen fahren, ja sogar Purzelbäume damit schlagen. Und einmal, nachdem er einen Taschendieb auf der Straße verfolgt hatte, stellte er den von der ungeheuren Kraft dieser halben Portion überraschten Gauner und nagelte ihn auf dem Asphalt fest.

Sein Kopf, auf dem schon im Knabenalter nur spärlich Haar wuchs, war ungewöhnlich breit. Seine Augen traten aus dem Gesicht, als wäre er ständig ängstlich oder überrascht, und es schien, dass er weder zwinkerte noch seine Augen schloss. Abgesehen von diesen Missbildungen sah er ganz normal aus. Seine Nase war gerade, seine Lippen eher dünn, und seine dunkle Haut strahlte Gesundheit aus, denn Gagamba, der Spinnenmann, aß gut.

Didi Gamboa, die erste Inhaberin des Camarin, würde ihm nicht erlaubt haben, sich so lange am Eingang aufzuhalten, um seine Lotterielose anzubieten, wenn er nicht gewusst hätte, sich nützlich zu machen. Er war ein guter Aufpasser auf die geparkten Autos, außerdem ein willkommener Ersatzmann, wenn der Portier gerade für einen Stammgast des Camarin Besorgungen zu erledigen hatte oder in der Küche seine Mahlzeit einnahm. Viele Stammgäste des Camarin machten es sich zur Gewohnheit, ihre Lose bei ihm zu kaufen. Insgeheim glaubten sie, die Lose von einem Krüppel seien sicherlich mit etwas mehr Glück versehen als solche von normalen Verkäufern. Gagamba wollte nicht als Bettler bezeichnet werden. Nie hatte er eine Hand nach Almosen ausgestreckt und nie hatte er von den Kunden mehr als den Preis der Lose verlangt. Aber wenn ihm jemand eine zusätzliche Zehn-Peso-Note zusteckte, akzeptierte er es höflich und mit einem feierlichen: »Möge Gott Ihnen Glück und Gesundheit bescheren!« Draußen vor dem Restaurant ertrug er die Hitze und den Regen und verdiente dabei mehr als irgendeiner der Kellner. Der Portier bestätigte dies. Einmal versuchte er, nur die Trinkgelder zu errechnen, die Gagamba zugesteckt wurden. Der Spinnenmann verdiente mehr als 200 Pesos. Und was war mit den Geldern, die er nicht gesehen hatte?

»Gagamba ist reich. Er hat mehr Geld als irgendeiner von uns«, sagte er den Kellnern.

Obwohl sie nicht genau wussten, wo er wohnte, nahmen sie an, sein Haus in San Andres unterscheide sich wesentlich von ihren eigenen in den Elendsquartieren. Eines Nachts gegen elf Uhr, als das Camarin keine Gäste mehr hatte, sah der Portier, wie sich Gagamba am Boulevard selbst in einen Jeep hievte. An fast derselben Stelle stieg er täglich um zehn Uhr morgens aus. Einmal fragte ihn der Kellner, der Andres Bonifacio ähnlich sah, warum er sich in seinem Mercedes Benz nicht zum Eingang des Camarin bringen lasse, worauf er vergnügt erwiderte: »Und wer würde dann meine Lose kaufen?«

Gagamba war wirklich intelligent. Mit einer seriösen Ausbildung hätte er bestimmt eine brillante Karriere machen können. Er war der klügste von Aling Pacings zwölf Kindern. Der Schwachkopf eines Gatten der Gemüsehändlerin war schon tot. Eines Tages war er wie gewöhnlich betrunken gewesen und in einen der tiefen Kanäle des Viertels gefallen und ertrunken. Aling Pacing musste danach die große Familie unterhalten, und alle Kinder beendeten ihre Schulzeit nach der Grundschule, um zu arbeiten. Obwohl seine Missgestalt Gagamba vom Schulbesuch abhielt, hinderte ihn das nicht daran, die Bücher seiner Geschwister immer und immer wieder durchzulesen. Es wurde erzählt, dass Aling Pacing schon ein paar Wochen mit Gagamba schwanger war, als sie von einer riesigen Spinne fixiert wurde. Die Spinne hatte ihr Netz in dem

Palmblattgiebel des kleinen Hauses in San Andres gebaut, in dem die Familie lebte, als der Ort ein noch immer übel riechendes, mit Kangkong überwuchertes Stück Land war, das fast vollständig brachlag, nachdem die meisten anderen Besitzer ihre Rechte einem Grundstücksmakler abgetreten hatten. Aling Pacing hatte die kleine Familienparzelle jedoch nicht einfach aufgegeben.

Gagambas ungewöhnlich breiter Kopf war nicht mit Flüssigkeit gefüllt, was sonst bei abnormal großen Köpfen oft vermutet wird. Neben seiner Intelligenz besaß Gagamba auch ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter, Daten, Ereignisse. Ein phantastisches Gedächtnis, das nie gefordert wurde, außer wenn er Lotterielosnummern herunterrasselte oder sich an Nummernschilder erinnern musste, die übrigens genau in seiner Augenhöhe angebracht waren. Er las alle Zeitungen vom Kiosk an der Straße weiter unten und wusste sehr viel über die bedeutenden Leute, über deren Leben berichtet wurde. Er konnte sich daran erinnern, wer sie waren und wie ihre Beziehungen während der letzten 30 Jahre verliefen. Für ihn waren sie Männer von Rang und Würde, weil er sie ja ins privilegierte Heiligtum des Camarin hatte eintreten sehen. Ihre Augen, das wusste Gagamba, verrieten mehr als die Zeitungen, weil es für Augen schwierig ist zu lügen: Augen mit Begierde, Boshaftigkeit und Hass, Augen, die verführen, Augen, die töten.

Er hatte auch sich selbst betrachtet: den aufgedunsenen Kopf, den kurzen dicken Nacken und die Augen. Warum waren sie ohne Augenbrauen? Ein weiterer Schlag des Schicksals, der Gene oder was auch immer es war, das den Körper missgestaltete. Er konnte die Augen rollen, und sie fielen fast aus den Höhlen. Sie waren immer traurig beim Anblick seiner mit Mängeln behafteten Welt. Sie waren Zeuge dieses anderen Lebens, des Wohlstands des Camarin, der Männer, die kamen, um gesehen zu werden und um mit dieser sinnlichen Atmosphäre zu verschmelzen. Er sah sie ganz genau, ohne durch Kleidung und Manieren getäuscht zu werden, diese unterirdischen Kreaturen, die alle die anonyme Umarmung der Dunkelheit suchten. Seine Froschaugen registrierten alles: Leute, wie sie eben wirklich waren, manchmal mit offenem Hosenschlitz, worauf er sie ungeniert aufmerksam machte. Auch die Frauen, manchmal die Höschen zur Schau stellend, mit ihren knallengen Röcken und leicht geblähten Bäuchen. In der Tat sah er Körper als Körper und bemerkte in ihnen die Organe, die einen Großteil ihrer Triebe bestimmten. Er konzentrierte sich auf ihre Bäuche, oft hervorstehend und dick, vor allem bei Männern mit sitzender Beschäftigung, deren einzige Körpertätigkeit vielleicht die Anstrengung bei der Kopulation war. Dies sind wichtige Leute ohne schwarze Falten am Nacken, ohne Dreck zwischen den Zehen, ohne Ausdünstungen nach getrocknetem Fisch in Essig.

»Aber warte nur«, sagte Gagamba zu sich selbst, »trotz ihrer teuren Seifen und Parfüms stinken ihre Exkremente genau wie die ärmerer Leute.«

Er hatte die Toiletten des Camarin besucht, und die waren äußerst keimfrei, die malvenfarbenen Fliesen makellos sauber, der ganze Ort roch nach versprühten Duftnoten. Wie schnell doch alles, was anzüglich war, was die Sinne verletzte, desodoriert wurde. Und einmal mehr dankte er seiner Mutter, die ihn geboren und akzeptiert hatte, wurden doch jetzt ungewollte Babys stranguliert und die Toiletten hinuntergespült.

Gott sei Dank auch, dass seine Arme brauchbar waren. Sie waren sein größtes Kapital, da sie ihm praktisch alle Tätigkeiten eines Mannes ermöglichten. Er konnte sich selbst mit nur einem Arm abstützen und über den anderen frei verfügen, um den verschiedensten körperlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Er konnte sich selbst auf die WC-Brille heben, genau so leicht wie irgendein anderer. Und im Bett konnte er sich mit beiden Händen oder auch nur mit einer Hand abstützen und dann wegschwingen wie eine läutende Glocke, bimm bamm, bimm bamm, bimm bamm… Und im Augenblick größter Lustempfindung rollte er die Augen und gab ein tierisches Grunzen von sich. Das tat er auch, wenn er Stuhlgang hatte. Beide Körperausscheidungen lösten in ihm die gleiche orgastische Befreiung aus, so umwerfend befreiend, dass dies der eigentliche Sinn seines Daseins hätte sein können.

Seine Frau war eine Spielkameradin aus seiner Kinderzeit, eine Waise aus Ilokos mit Namen Namnama, die von seiner Mutter adoptiert worden war. Das Mädchen wuchs zusammen mit Gagamba auf; sehr bald waren ihr seine Missbildungen egal. Es war fast der natürliche Lauf der Dinge, dass die beiden zusammenfanden, nachdem sie die Pubertät erreicht hatten. Sie war in keiner Weise geisteskrank, obwohl die Nachbarn lästerten, dass nur eine Frau mit Dachschaden Gagamba zum Mann nehmen könne.

Nun waren sie alle tot und er lebte, und es war vielleicht Gottes unwandelbarer Wille, der es so verfügte. Er konnte sich an ihre Stimmen, an ihre Gesichter erinnern, vor allem an die von Senator Reyes und Eduardo Dantes. An die Art ihrer Kleidung, an ihre Golduhren, ihre Diamantringe, ihre Bally-Schuhe. All dies befand sich nun unter einem Haufen Steinen und Zement.

Erzähl uns noch einmal, Spinnenmann, wie alles geschah an diesem Sonntagnachmittag, als ihre gut geordnete Welt zugrunde ging. Ihre Mägen waren wenigstens gefüllt, ihr Geist erleichtert. Vielleicht waren dort auch aufrechte Männer, die mit ihnen in Würde starben. Der Tod hat so viel Vereinendes und Demokratisches an sich, das Leben aber sicher nicht, auch wenn alle in Sünde leben. Die Armen, die ihr Heil im Gebet oder in einem Bündel Lotterielose suchen, haben manchmal nichts anderes übrig als den Segen eines neuen Tages.

Aber Gagamba, du bist ja nicht arm. Dein Haus ist viel besser als die Hütten deiner Nachbarn. Auch hast du eine Familie, die sich wirklich um dich sorgt. Du wirst geliebt, Spinnenmann. Deine groteske Figur ist ihnen egal, da du ihr Vater bist, ein ausgezeichneter Ernährer. Du besitzt Edelmut und Weisheit, wie sie sonst nur Leuten von hohem Rang beschert sind.

Na und, wird uns all diese Liebe, all dieser Edelmut vor dem Weltuntergang befreien? Ich bete für sie, danke für all die Münzen, die sie mir zuwarfen. Ich danke Gott, dass ich nicht im Camarin war, denn Orte wie das Camarin schließen mich aus, die können sich mit einer missgebildeten Kreatur wie mir nicht wohlfühlen.

Sage uns trotzdem, Spinnenmann, ob es überhaupt eine Erklärung gibt, warum das Camarin zerstört wurde, während andere von Dämonen heimgesuchte Ermita-Häuser verschont blieben, und warum du, nachdem du zurückgeblickt hast, nicht zur Salzsäule erstarrt bist!

2

Bevor Didi Gamboa, die Herrin des Camarin, aus lauter Langeweile über die in ihrem Lokal stattfindenden lesbischen Ausschweifungen in die Staaten auswanderte, konnte sie ihren Cousin, Fred Villa, an ihrem Restaurant interessieren. Dies war eine äußerst günstige Fügung. Er gehörte nicht nur zur Familie, sondern war auch Stammgast des Camarin und kannte die meisten der alten Kundschaft persönlich. Als sie erfuhren, dass er das Lokal übernehmen werde, waren sie erleichtert und gleichzeitig erfreut. Mit ihren kleinen Sünden und Eigenheiten konnten sie ihm trauen, weil er eine Eigenschaft besaß, die sie schätzten: Er war diskret. Fred Villa hatte einen MBA in Wharton erworben und wusste, wie man ein Geschäft führen musste. Doch sein Vater, jetzt schon über 70, hatte ihm die Direktion der familieneigenen Haziendas und ihrer Zuckermühle auf Negros nicht anvertraut. Deshalb verbrachte er die meiste Zeit auf dem Familiensitz im Park, spielte an der Börse, sammelte Autos und Frauen und benahm sich im Allgemeinen wie ein Großgrundbesitzer, der er war. Wie die meisten Grundbesitzer investierte er hauptsächlich in sichere Werte, Gebäude, Grundstücke, jedoch nie in die Produktion, wo er die Chinesen als Meister kannte. Er hatte jede Menge Zeit, und Didi Gamboa betrachtete ihn als den idealen Mann für die Übernahme ihres Lokals. Er hatte sie in dieser Annahme auch nicht enttäuscht.

Der Grund, warum Don Jose Villa seinem Sohn die großen Ländereien nicht anvertraute, war nicht, dass Fred Villa unfähig gewesen wäre. Allein seine Art, in Manila selbständig voranzukommen, offenbarte, dass er mit Geld clever umging. Aber Don Jose war wie sein Bruder Don Manuel konservativ und konnte nicht verstehen, dass sein Sohn so großzügig mit Geld umsprang, es für Frauen ausgab und für all diese Autos. Wie so viele begüterte Großgrundbesitzer der Visayas hatte der alte Mann geplant, Fred gut zu verheiraten. Genauer gesagt sollte er in eine der reichen Familien der Gegend einheiraten, auch wenn das Mädchen eine Cousine oder sogar eine Tante sein sollte, es machte nichts aus, solange die Besitztümer unangetastet in der gleichen Sippe blieben.

Um seinem Vater zu gefallen, hatte Fred Villa sogar nach seiner Rückkehr aus Philadelphia eine Cousine geheiratet, die gut genug aussah zum Herumzeigen. Aber schon nach weniger als zwei Jahren kinderloser Ehe war das Mädchen so stark gealtert, dass ihre Verwandten und Freunde sich wunderten. Zunächst weigerte sie sich, über ihren Mann zu sprechen, doch wurde es bald offenkundig, dass Fred Villa außerhalb seines Ehebettes sehr aktiv war und dass ihm selbst die Dienstmädchen in ihrem Hause willkommenes Freiwild waren. Wenn es eine Frau wie Didi gab, die unersättlich war, dann durfte auch er, ein Mann, so sein, und das größte Wunder – zumindest für die Männer, die Fred Villas Potenz kannten – war, dass er trotz seines ausschweifenden Lebenswandels wie ein junger Mann vor Gesundheit strotzte und keineswegs gealtert und verlebt aussah. Die Übernahme des Camarin kam ihm auch deshalb sehr gelegen, denn von nun an würde er ein konstantes Angebot an Partnerinnen haben.

Aber das Camarin war während der letzten zwei Jahre unter Didi Gamboas Management einem stillen Untergang entgegengegangen. Die Kundschaft war zwar loyal, aber jedermann stellte leicht fest, dass das Essen sich verschlechtert hatte und eine leicht modrige Atmosphäre das Lokal durchzog. Seine besten Zeiten hatte es in den 60er Jahren, als Didi in ihrer Blüte stand und dem kleinsten Detail volle Aufmerksamkeit zuteilwurde: immer frische Speisen, Raffiniertheit in der Ausstattung, keimfreie Toiletten. Gerechterweise muss gesagt werden, dass auch während der letzten zwei Jahre unter Didi Gamboas Führung der Ort immer sauber gehalten wurde. Es gab keine Stelle, an der eine Küchenschabe sich hätte verstecken können. Trotzdem sah alles etwas abgenutzt aus, und die Stammkundschaft musste gelegentlich eine Frischluftzufuhr gewünscht haben, denn einem neuen Gast erschien das Camarin fahl und belastet mit dem antiquierten Gebaren englischer Clubs.

Fred Villa verstand sich auf das Gaststättengewerbe. Noch bevor Didi Gamboa mit dem Packen fertig war, hatte er begonnen, sich um das Camarin zu kümmern. Er übernahm nicht nur das Restaurant, sondern das ganze Gebäude mit allen acht Stockwerken und außerdem das Privatmotel an der Padre-Faura-Straße für die Kundschaft des Camarin. Eigentlich hatte er vor, das Camarin zu renovieren und in ein aristokratisches Hotel zu verwandeln, denn obwohl in Manila unter der verschwenderischen Herrschaft von Imelda, der First Lady, mehrere neue Hotels entstanden waren, fehlte denen doch der Stil, wie ihn gewisse kleine Hotels auf dem Kontinent durch jahrelange ausgezeichnete Dienstleistungen und eine königliche Kundschaft erworben hatten. Aber schau dir dieses ausgebleichte Katzenhaus an! Es wirkt aus der Zeit gefallen, mit seinem trübseligen Dekor, den dunklen kastanienbraunen Gardinen und seiner Pfarrhausatmosphäre.

Fred Villa schloss das Camarin für zwei Monate. Das erste, was er in Angriff nahm, war, das ganze Gebäude weiß streichen zu lassen. Über der geschwungenen Markise aus Zelttuch wurde ein Neonschild angebracht: Camarin – mit femininer Hand kunstvoll geschrieben. Er ließ sämtliche Stühle neu polstern, pastellrosa überziehen und die Holzumrandung weiß streichen. Er behielt die große Karrenradlampe, ein Wahrzeichen des Camarin, ließ aber auch sie zusammen mit der Decke, die jetzt eine dekorative quadratische Holztäfelung in rotem Narra stolz zur Schau stellte, weißen. Die karierten roten Tischtücher wurden ausrangiert, stattdessen gab es nun weiße Leinentücher. Die schwarzen Hosen der Kellner wurden beibehalten, aber die dunklen Jacketts wurden durch sorgfältig ausgewählte, elegante Barongs ersetzt, deren weite Ärmel bei den Kellnern nicht beliebt waren, weil sie sich beim Servieren oft darin verhedderten. Sie beschwerten sich darüber erfolglos bei Sir Fred. Ja, vom ganzen Personal wurde Fred Villa »Sir Fred« genannt, da er Vertraulichkeit nicht zuließ. Auch die Mädchen, die ihm zu Diensten standen, nannten ihn Sir Fred. Der Oberkellner, der Jose Rizal sehr ähnlich sah, war der einzige im Smoking.

Wo früher das Klavier stand, installierte Fred Villa eine HiFi-Anlage, die sogar Langspielplatten und Tonbänder wiedergeben konnte, falls jemand alte Musik zu hören wünschte. Bedienen konnte er sie von seinem »Adlerhorst« oder von der Kassierer-Kabine aus. Hinter der Tonanlage hatte er eine enge Bühne mit einer kleinen Rampe bauen lassen, auf der die Mädchen entweder bei einer Modenschau paradieren oder zur Discomusik ihre Hintern schwingen konnten.

Er vergrößerte den Speisesaal durch einen zweistöckigen Anbau, den er auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude hochziehen ließ. Er platzierte die Küche, die Bar, die Kassierer-Kabine und neue Toiletten sowie Aufenthaltsräume im Erdgeschoss und die Vorratskammer und den Weinkeller im ersten Stock des Anbaus. Dieser Umstand erklärt, warum die drei Köche und ihr Helfer, der Barkeeper und der Kassierer überlebten, obgleich alle sechs von Furcht und Schrecken erfüllt waren und noch Wochen nach dem Erdbeben Alpträume hatten.

An einem Ende der Küche, der direkt an den Speisesaal grenzte, installierte er, ähnlich wie in japanischen Restaurants, einen offenen Grill, damit die Gäste sich Auberginen, Okra, frischen Fisch, Muscheln und Tintenfisch grillen lassen konnten. Die Küche war nun voll im Blick der Gäste. Er gab strikte Anweisungen, sie sauber und die Geräte glänzend zu halten, denn nichts ist für den Appetit stimulierender als eine blitzblanke Küche.

Fred Villa behielt Didi Gamboas kleine Wohnung im Mezzanin. Sie war ihr ganz exklusiver Bereich gewesen, und nun war sie sein. Doch der Raum war durchtränkt vom Duft femininer Lebensweise und dem widerwärtig süßlichen Geruch von Marihuana, weshalb er die ganze Wohnung desodorieren ließ. Er schenkte ihren ganzen Krimskrams, den Aschenbecher in Form einer Vagina und die schwingende Bogenlampe, dem Schneider Macoy Pondillo, dem es bizarre Dinge angetan hatten. Dann möblierte er die Wohnung, bestehend aus einem großen Zimmer und einem Bad, nach seinem Geschmack: ein moderner Büroarbeitstisch auf der einen Seite, auf der anderen, versteckt hinter einem japanischen Shoji-Paravent, ein extragroßes Bett, denn Fred Villa brauchte sehr viel Platz, wenn er es tat. Hier verbrachte er nun den größten Teil seiner Zeit, viel lieber als in seinem Büro in Makati, denn er lebte seit zehn Jahren allein, wegen seiner Untreue von seiner Frau getrennt. Er behielt Didis Durchblickspiegel, durch den er beobachten konnte, was unten im Lokal vor sich ging. Wenn er es im Bett tat, wünschte er manchmal, dass die Leute unten im Lokal es sehen könnten. Fred Villa war ein echter Angeber. Das hatte er mit den meisten Filipinos mit ihren manikürten Fingernägeln und ihren mit Riesenklunkern geschmückten Fingern gemein. Viele dieser Männer waren Stammgäste des Camarin.

Wenn Didi Gamboa diskret war, war Fred Villa es erst recht. Er schätzte den Ruf seiner Girls und den der reichen und mächtigen Filipinos, des Diktators, als er noch zugegen war, und seiner Getreuen, wie auch der prominenten Besucher, die die First Lady zufrieden wissen wollte. Seine Girls wurden noch sorgfältiger selektiert. Einige von ihnen waren Filmstars, andere kamen aus der feinen Gesellschaft, ein paar waren Schönheitsköniginnen oder studierten an renommierten Universitäten. Tatsächlich eilte dem Camarin der Ruf voraus, die exklusivsten Callgirls des Landes zu besitzen. Die Mädchen waren schön und zudem ewig jung, denn eine der ersten Regeln, die Fred Villa einführte, war eine Altersgrenze. Er erinnerte sich an das, was

Sukarno gesagt hatte: Eine Frau sei wie ein Kautschukbaum, sie sei nur bis zum 30. Jahr gut. Sir Fred setzte die Altersgrenze noch niedriger: Aufgrund der Überlegung, dass ein Callgirl in diesem Alter sich entweder einen Mann geschnappt oder aber genügend Kontakte geknüpft hat, um selbständig zu sein, war keines seiner Mädchen älter als 25. Die meisten Girls aus Didis Zeit waren schon älter; einige hatten sich als Geliebte oder sogar als Ehefrauen häuslich eingerichtet. Fred Villa brauchte Frischfleisch. Die Rekrutierung war kein Problem, und fast jede Woche wurde ein neues Mädchen initiiert. Dabei verließ er sich auf einige sehr gute Verbindungen. Zu denen, die für ihn scouteten, gehörten Manilas exklusivste Schneider. Es gab immer Mannequins, die mehr Geld brauchten, um stilbewusst leben zu können. Diesen Bedarf konnten sie leicht decken, wenn sie den Besitzer des Camarin kannten.