GALAXIS SCIENCE FICTION, Band 23: DIE DUNKELHEIT - Robert Moore Williams - E-Book

GALAXIS SCIENCE FICTION, Band 23: DIE DUNKELHEIT E-Book

Robert Moore Williams

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Beschreibung

Ein unerklärlicher Mordfall und eine ebenso rätselhafte Rettung aus größter Gefahr brachte dem Wissenschaftler George Gillian ungewöhnliche Gesellschaft: einen Mann, der schon seit fünf Jahren hätte tot sein müssen; ein Wesen, das nicht von diesem Planeten stammte; eine schöne Frau, welche die Gabe der Telepathie besaß; und einen Gangster, der im Besitz von Waffen war, die es auf dem Planeten nicht geben dürfte. Und als George Gillian das Geheimnis dieser Personen erforschen will, wird er in eine Auseinandersetzung kosmischen Ausmaßes verwickelt – in den Kampf zwischen einem Affen, der von weltweiter Macht träumt, und einer fremdartigen Intelligenz, die nur ein Ziel kennt: die Erde zu erobern. Die Dunkelheit von Robert Moore Williams (geboren am 19. Juni 1907 in Farmington, Missouri; gestorben am 12. Mai 1977 in Dateland, Arizona) erscheint in der Reihe GALAXIS SCIENCE FICTION aus dem Apex-Verlag, in der SF-Pulp-Klassiker als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden.

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ROBERT MOORE WILLIAMS

 

 

DIE DUNKELHEIT

- Galaxis Science Fiction, Band 23 -

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DIE DUNKELHEIT 

Prolog 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

 

Das Buch

 

Ein unerklärlicher Mordfall und eine ebenso rätselhafte Rettung aus größter Gefahr brachte dem Wissenschaftler George Gillian ungewöhnliche Gesellschaft: einen Mann, der schon seit fünf Jahren hätte tot sein müssen; ein Wesen, das nicht von diesem Planeten stammte; eine schöne Frau, welche die Gabe der Telepathie besaß; und einen Gangster, der im Besitz von Waffen war, die es auf dem Planeten nicht geben dürfte.

Und als George Gillian das Geheimnis dieser Personen erforschen will, wird er in eine Auseinandersetzung kosmischen Ausmaßes verwickelt – in den Kampf zwischen einem Affen, der von weltweiter Macht träumt, und einer fremdartigen Intelligenz, die nur ein Ziel kennt: die Erde zu erobern.

 

Die Dunkelheit von Robert Moore Williams (geboren am 19. Juni 1907 in Farmington, Missouri; gestorben am 12. Mai 1977 in Dateland, Arizona) erscheint in der Reihe GALAXIS SCIENCE FICTION aus dem Apex-Verlag, in der SF-Pulp-Klassiker als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden. 

  DIE DUNKELHEIT

 

 

 

 

 

  Prolog

 

 

In jener Galaxis, die ihre Bewohner Milchstraße nennen und die von anderen anders bezeichnet wird, im Riesenraum des Alls, in dem die Sterne wie funkelnde Diamanten gleißen, von lässiger Hand auf schwarzen Samt verstreut, im dritten Spiralnebelarm, ganz weit draußen, fast am Rande, ist eine Sonne. Manche meinen, es sei eine große Sonne. Andere, denen die wirklich großen Sonnen des Alls ein Begriff sind, nennen sie eine kleine Sonne. Einige wiederum sagen, dass es eine geächtete Sonne sei, die wegen aufrührerischer Tendenzen innerhalb ihres Systems an die äußerste Grenze der Galaxis geschleudert worden war. Von anderen wird behauptet, der Grund ihrer großen Entfernung vom Kern der Galaxis wäre in höchst gefährlichen und heiklen Versuchen zu suchen, die in diesem Sonnensystem im Gange sind, Versuche, die die Lebenskraft selbst betreffen, ihre möglichen Modifizierungen und Mutationen, die so große Veränderungen zur Folge haben könnten, dass die Geschichte der ganzen Galaxis einen anderen Verlauf nehmen könnte, falls die Versuche erfolgreich verlaufen.

Groß ist die Galaxis jedenfalls. Und in manchen ihrer Sonnensysteme wird an anderen Versuchen gearbeitet. Hin und wieder gehen diese Experimente schief, es kommt zu Zwischenfällen. Weit draußen, in Richtung Arcturus, hat es einen solchen Zwischenfall gegeben. Auf den Planeten dieser kleineren Sonne gab es einige Unruhe, ein Treffen auf höchster politischer Ebene fand statt, Entschlüsse wurden gefasst und Anweisungen zur Durchführung dieser Entscheidungen gegeben, die mit weitreichenden Folgen verbunden waren.

Aufgrund einer dieser Entscheidungen wurde ein großes Raumschiff in eine Umlaufbahn um den dritten Planeten geschickt. Es umkreiste den Planeten in so großer Höhe, dass eine zufällige Entdeckung durch ein Teleskop äußerst unwahrscheinlich blieb. Um es aber gegen eine etwaige Entdeckung doppelt abzusichern, wurde die Umlaufbahn so gewählt, dass sich das Raumschiff immer auf der Nachtseite des Planeten befand und immer wieder in diese Dunkelheit hineinglitt.

Und was die kleineren Schiffe betraf, die auf der Oberfläche des Planeten landeten, so hatten die sich über Jahrhunderte erstreckenden Versuche gezeigt, dass es überhaupt nichts ausmachte, wenn sie gesichtet wurden. Die Menschen, die sie gesehen hatten, wurden von denen, die sie nicht gesehen hatten, schlicht und einfach als verrückt erklärt.

Aus dem Innern des großen Schiffes wurde an einer wie Silber glänzenden Kette - oder war es ein Kabel? - eine Kristallkugel heruntergelassen. Die Kugel hatte die Größe eines kleinen Hauses. Trat der Mechanismus, der sich im Inneren des Schiffes befand, in Tätigkeit, begann die Kugel wie ein Pendel zu schwingen.

Hin und her, hin und her - wie das Pendel einer riesigen alten Perpendikel-Uhr, welche die Zeit in die Leere, in der sich das Pendel bewegte, verrinnen ließ. Von Zeit zu Zeit änderte das Schiff seinen Standort. Dadurch geriet jeweils ein anderes Stück der Oberfläche des Planeten direkt unter das schwingende Pendel. Manchmal verringerte das große Schiff seinen Abstand zum Planeten, es hielt sich jedoch immer auf der Nachtseite verborgen. Das Riesenpendel blieb dauernd in Bewegung - hin und her, hin und her - wie eine Riesenuhr, die die Sekunden des Schicksals beiseite wirft, so langsam, als bliebe ihr reichlich Zeit, um die Ziele, die sich ihre Impulsgeber gesteckt hatten, zu erreichen. Das große Schiff verblieb ständig in Planetennähe, in Abständen von zehn Jahren wurde jedoch die Besatzung ausgetauscht. Neue Leute kamen, die alten kehrten heim.

  Erstes Kapitel

 

 

Wenn die Todesstunde kommt, ist dafür jedes beliebige Versteck gut genug. Der Mann hatte sich im Eingang eines geschlossenen Lebensmittelladens verkrochen, den Kopf in die Hände gebettet, und war dort gestorben. Er war Mitte zwanzig. Sein schwarzes Haar war wirr, das Gesicht schmal und abgemagert. George Gillian ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den Leichnam gleiten und untersuchte ihn so schnell und gründlich, wie es ihm, ohne den Toten zu entkleiden, möglich war. Keine Verwundung. Gillian hatte keine erwartet.

Wenn sich jemand in einen solchen Winkel unter Aufbietung der letzten Kräfte verkrochen hatte und so zusammengekauert gestorben war, dann war es weder Schusswaffe noch Messer, die seinem Leben ein jähes Ende bereitet hatten. Gillian hatte im letzten Vierteljahr drei solcher Leichen zu sehen bekommen. Bei zweien davon hatte es sich offensichtlich um Verbrecher gehandelt, die auf unerklärliche Weise ein Ende gefunden hatten. Der dritte war ein Student gewesen. Sein Tod war ebenso unerklärlich. Der Anblick von Toten wurde ihm langsam allzu vertraut. Er war diesen Anblick nicht gewohnt gewesen, er hatte mit Leichen nichts zu schaffen gehabt und empfand in ihrer Nähe heimlichen Abscheu. Hier, nur eine Querstraße von seinem Privatlabor entfernt, hatte er nicht erwartet, die vierte Leiche aufzufinden.

Genauso wenig hatte er erwartet, Geräusche eines Kampfes auf der Straße zu hören.

Und erst recht hatte er nicht damit gerechnet, hinter sich eine Stimme zu hören, die ihn etwas fragte.

»Sie ihn getötet?«, radebrechte die Stimme.

Gillian richtete sich aus der Hocke auf und drehte sich um. Dabei hielt er die Taschenlampe nach unten, so dass der Lichtstrahl auf den Gehsteig fiel. Diesem Mann war es vielleicht lieber, wenn sein Gesicht im Dunkeln blieb.

Der Mann war klein von Gestalt und unauffällig gekleidet.

Die Art, wie er den Hut trug, war merkwürdig. Am Kinn eine Spur von Bart. Beide Hände steckten in den Taschen.

»Ich habe ihn nicht getötet«, sagte Gillian. »Ich habe ihn hier gefunden.«

Der Mann sah ihn einen Augenblick lang aufmerksam an. Seine Stimme verriet einen fremden Akzent. Er hörte sich wie ein Ausländer an. »Ich gehe jetzt.« Er wandte sich nach rechts und verschwand in den Schatten der Nacht, aus denen er aufgetaucht war.

Bevor der Fremde sich abwandte, hatte Gillian einen Blick auf dessen Augen geworfen, die im Licht der von links einfallenden Straßenbeleuchtung aufleuchteten. Der Anblick war furchteinflößend. Diese Augen gehörten keinem menschlichen Wesen. Es war etwas Ziegenähnliches in ihnen. Ja, das waren die Augen einer Ziege.

Ein Schauer überlief Gillian, während er im Schatten des Eingangs des Lebensmittelladens stand, einen Toten hinter sich, neben sich einen Fremden mit merkwürdigem ausländischem Akzent, der eben im Schatten der Nacht verschwand. Als der Fremde nicht mehr zu sehen war, fiel Gillian ein, wie vernehmbar schwer diesem das Atmen gefallen war.

Links abseits von Gillians Standort verrieten Flüche und ein dumpfer Schlag, dass der Kampf noch nicht beendet war. In weiter Ferne heulte eine Sirene durch die Nacht. Vielleicht war der Einsatzwagen der Polizei schon auf dem Weg hierher, vielleicht fuhr er woanders hin. Die Polizei war überlastet. Sie sah sich einem gewaltigen Ansteigen der Kriminalität, besonders der Jugendkriminalität, gegenüber. Außerdem waren in und um Los Angeles in letzter Zeit zu viele Tote ohne Wunden gefunden worden.

Wenn man George Gillian ansah, glaubte man, einen Berufsboxer vor sich zu haben. Dieser Eindruck täuschte. In Wirklichkeit war er Forscher, einer der besten unter den jüngeren Köpfen, die die wilden Siebzigerjahre hervorgebracht hatten. Selbst bei Berücksichtigung seiner außerordentlichen Qualitäten war er mit seinen achtundzwanzig Jahren wohl viel zu jung, um ein eigenes Forschungsinstitut zu besitzen. Dennoch - er besaß eines, und soweit die Öffentlichkeit informiert war, war er sowohl Eigentümer des Labors als auch der darin befindlichen Apparate. Nur Gillian selbst wusste natürlich, dass dieses Labor in Wirklichkeit ein Geschenk war. Ein Geschenk mit der definitiven und speziellen Auflage, für die GFU jeden verlangten Forschungsauftrag durchzuführen. Die GFU-Gruppe für Forschung und Untersuchung - ging mit dem Geld ihrer Mitglieder sehr großzügig um und gab es für Wissenschaftler, für Labors, in denen diese Forscher arbeiten konnten, und für die technische Ausrüstung dieser Labors aus. Einigen Mitgliedern der GFU stand außerdem sehr viel Geld zur Verfügung - Gillian wusste also, was er tat, als er das großzügige Geschenk der GFU annahm.

Von links kam wieder das Geräusch eines Zusammenpralls. Gillian lief in diese Richtung, blieb aber unvermittelt stehen, als er die junge Frau zwischen zwei Autos am Straßenrand liegen sah.

Sie konnte sich noch bewegen. Gillian kniete neben ihr nieder und legte eine Hand unter ihren Kopf. Sie versuchte ihn zu beißen.

»Hören Sie auf! Ich möchte Ihnen doch bloß helfen!«

»Verschwinden Sie. Mir kann niemand helfen. Das gilt für alle, die für Ape Abrussi arbeiten.« Zynismus und die Anstrengung, Schmerzen zu unterdrücken, ließen ihre Stimme gepresst klingen.

»Das tut mir leid«, sagte Gillian. »Von diesem Abrussi habe ich noch nie gehört. Gleich wird die Polizei mit einem Krankenwagen da sein.«

»Der Krankenwagen, in den ich einsteige, macht auf dieser Seite der Hölle nicht mehr halt!« Ihre Worte taten ihm direkt weh. Er schätzte die Frau auf Mitte zwanzig. Sie war blond. Ihr früher sicher sehr schickes Kleid war jetzt völlig zerfetzt. »Was ist passiert?«, fragte Gillian. »Ihr Kleid sieht aus, als hätte man Sie die Straße entlang geschleift.« Tief innen, hinter den Sorgen, die er sich um die junge Frau machte, lauerte die Hoffnung, sie könnte ihm etwas Brauchbares mitteilen. »Terry hat mich mit seinem kleinen Renner überfahren. Er hat mich die Straße entlanggeschleift«, kam die flüsternde Antwort. »Meine Wirbelsäule ist kaputt... und mein Inneres grässlich zugerichtet.«

»Wer ist dieser Terry?«

»Wir waren mal befreundet. Das war, bevor Joe kam und bevor sich Terry mit Ape Abrussi zusammentat. Es war wohl hauptsächlich meine Schuld, dass er mich überfahren hat. Ich habe ihn kommen gesehen und versucht, ihn zu bluffen, indem ich ihm in den Weg sprang. Er hat mich erkannt und wollte anhalten, aber der Kerl neben ihm hat ihn gezwungen, weiterzufahren. Ich heiße Mary.«

Dann legte sie den Kopf zurück auf den Betonrandstein, als wollte sie sich ausruhen, ehe sie weitersprach.

»Wer ist dieser Abrussi?«

»Ein Menschenaffe, der aussieht wie ein Mensch. Gott hat ihm keine menschliche Seele geschenkt, daher ist Abrussi der Meinung, alle sollten Affen sein. Er ist schlecht, sogar sehr schlecht. Seine Leute waren aber gar nicht hinter mir und Joe her, sie wollten vielmehr Eck, der mit uns zusammen war. Aber auch Eck war nicht ihr eigentliches Opfer. Sie glauben, wenn sie ihn kriegen, könnten sie Sis zwingen, ihnen etwas zu geben, was nur sie hat. Das wollen sie im Grunde - was Sis hat.« Wieder wurde Mary matt und legte den Kopf auf den Randstein. Gillian notierte sich im Geiste rasch alle Namen. Dann kam ihm urplötzlich ein Gedanke. Er stellte ihr eine Frage, die er nie gestellt hätte, wäre ihm mehr Zeit zur Überlegung geblieben. »Hatte Joe einen schwarzen Haarschopf und ein schmales, abgehärmtes Gesicht?«

»Genau das ist mein Joe«, gab Mary zur Antwort. »Lieber Gott, mir tut alles weh! In mir wütet ein Feuer. Sagen Sie, Mister...«

Plötzlich war sie imstande, an etwas anderes als an den Schmerz, der in ihr wühlte, zu denken.

»Sagen Sie, Mister, woher kennen Sie eigentlich Joe? Sie kenne ich nicht - und ich kenne doch schließlich alle von Joes Bekannten...«

Gillian schwieg. Er wünschte, er hätte seine Frage nicht gestellt. Es hatte keinen Sinn, Mary zu sagen, dass Joe tot war und keine fünfzehn Meter weit entfernt von ihr lag. »Wissen Sie irgendetwas von einer neuartigen Waffe, die tötet und keine Wunde hinterlässt?«, fragte er.

»Hat man das heute angewendet?« Sie schien erstaunt. »So viel wir wissen, lässt Abrussi fast niemals jemand anderen an diese Waffe heran!« Mit einem Mal spürte sie, welche Bedeutung hinter dieser Frage steckte. Sie richtete sich mühsam auf. »Hat man Joe damit getötet, Mister? Stimmt’s? Haben etwa Sie ihn damit umgebracht? Wenn ja, dann werde ich aus der Hölle zurückkommen und Sie heimsuchen, das schwöre ich Ihnen!«

Sie stützte sich auf die Ellbogen und starrte ihn an, als wollte sie sich sein Gesicht für immer ins Gedächtnis einprägen.

»Ich habe ihn nicht umgebracht«, sagte Gillian rasch.

»Ach.« Sie las in seinen Augen, dass er die Wahrheit sagte.

»Man sieht Ihnen an, Mister, dass Sie in Ordnung sind. Deswegen sage ich Ihnen, dass Joe und ich heiraten werden, sobald...«

Ihre Stimme verstummte, als ihr einfiel, wo sie sich befand, und sie sich bewusst wurde, was diesen Heiratsplänen im Wege stand.

»Ich versuche wenigstens, anständig zu sein«, sagte Gillian. »Manchmal weiß man selbst nicht, warum. Aber was diese Waffe betrifft, diese Waffe...« Er war ihren Qualen gegenüber nicht gleichgültig, konnte sie aber nicht lindern. Inzwischen musste er immer mehr daran denken, dass es noch größeres Leid und ein größeres Problem gab als jenes, dem sich Mary gegenübersah.

»Es ist keine richtige Schusswaffe. Am ehesten könnte man es als merkwürdiges Glasding beschreiben.« Sich auf die Ellbogen zu stützen, wurde ihr zu anstrengend. Sie legte sich wieder auf den Randstein zurück. Ihre Augen blickten ins Leere, als eine Welle von Schmerz durch ihren Körper zog.

Aus der Ferne Sirenengeheul, jetzt schon etwas näher.

Ihr Blick wurde wieder klar. Unter Aufbietung aller Kräfte zwang sie sich zum. Sprechen. »Reden Sie mit Sis Randolph, Mister. Mit Sis und mit Eck. Sis - Sis weiß etwas.« Wieder verschleierte sich ihr Blick. Sie schien bereits in eine andere Welt zu blicken. Plötzlich huschte ein Hauch von Glückseligkeit über ihr Gesicht. Ihre Stimme klang freudig erregt. »Joe! Joe - du warst ja die ganze Zeit über hier neben mir - und ich habe dich gar nicht bemerkt! Joe, Liebster...« Die Stimme verstummte, diesmal für immer. Der glückliche Schimmer blieb noch eine kleine Weile auf ihrem Gesicht.

Im Sterben hatte sie den Mann Joe neben sich gesehen. Als er sich ihre Worte noch einmal vergegenwärtigte, war Gillian leicht verwirrt. War das bloß Halluzination gewesen, oder hatte sie tatsächlich in eine andere Welt geblickt, in der Joe auf sie wartete? Gillian wusste es nicht. Ganz sicher wusste er hingegen - und darüber konnte auch kein Zweifel bestehen -, dass Joes Leichnam im Eingang zu einem Lebensmittelladen lag, keine fünfzehn Meter entfernt. Er sah auf das Mädchen nieder. Ihr Körper war auf der Straße zusammengesunken, als hätte sie das geborgenste Plätzchen gefunden, das Mutter Erde je einem ihrer Kinder gewährt hatte.

Ehe Gillian aufstehen konnte, hörte er, wie sich laute Schritte näherten- entlang der Reihe der am Straßenrand geparkten Wagen. Jemand rief: »Sucht Eck!« Ein hochgewachsener junger Mann hatte sich mit einem Baseballschläger in der Hand zwischen den geparkten Autos durchgezwängt und hätte Gillian um ein Haar niedergeschlagen, als dieser sich eben aufrichten wollte. Zwei hart aussehende Männer, mit Totschlägern in der Hand, suchten den jungen Mann von der Straße her anzugreifen.

Wumm! Der Baseballschläger hatte einen der Totschlägerschwinger erwischt.

Zack! Gillian holte im Auf stehen zu einem Haken aus, den er am Kiefer des zweiten Angreifers landen konnte. Der Mann, der schon bewusstlos war, bevor er auf dem Straßenpflaster aufschlug, fiel rücklings um.

»Danke, Kamerad, wer Sie auch sein mögen«, hörte Gillian die Stimme Ecks. »Sie können Ihre Ganglien blitzschnell aktivieren und führen eine beinharte Faust...«

»Überlegen konnte ich gar nicht«, wehrte Gillian ab. »Ich habe einfach den Nächststehenden angegriffen.«

»Wenn Sie so zuschlagen können, ohne nachzudenken, was könnten Sie dann, wenn...« Eck verstummte jäh, als er auf die ausgestreckte Hand der Toten trat. Er sah hinunter und bemerkte, worauf er getreten war. Sein Gesicht wurde starr. Er stieß ein einziges scharfes Wort hervor. »Mary!«

»Ich fürchte, sie kann nicht mehr antworten«, sagte Gillian. »Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie das Mädchen auf dem Gewissen?« Eck hob drohend den Baseballschläger. »Langsam bekomme ich es satt, dass man mir Morde in die Schuhe schiebt, die ich gar nicht begangen habe«, gab Gillian zurück. »Ich habe sie hier gefunden. Sie lag im Sterben. Das ist - Achtung!«

Zwei weitere Männer näherten sich ihnen vom Gehsteig her. Da Gillian ihnen näher war, holte er als erster aus und verpasste dem vorderen der beiden einen soliden Hieb in den Magen. Der Kerl sagte bloß »Uff!« und verlor jedes weitere Interesse an dem Kampf. Dann kam der Baseballschläger von hinten über Gillians Schulter hinweggesaust und traf den Schädel des zweiten. Der griff sich an den Kopf und drehte sich noch um die eigene Achse, bevor er zu Boden ging.

»Mit dem Schläger können Sie tadellos umgehen«, sagte Gillian. Dabei ließ er die Männer nicht aus den Augen, um sicherzugehen, dass keiner Anstalten machte, sich wieder aufzurappeln.

»So wie Sie mit Ihrer Pranke«, sagte der junge Mann. Er bückte sich und untersuchte die Leiche der jungen Frau. Dann sah er Gillian an. »Wo ist Joe?«

»Da unten - in dem Ladeneingang.«

»Tot?«

»Ja.«

Eck sah Gillian anerkennend an. »Jetzt fange ich an, Ihnen zu glauben.«

»Danke«, war die. lakonische Antwort Gillians. Eck stand hochaufgerichtet da und überblickte die Reihe der Wagen und die ganze Straße. »Runter!«

Ohne zu fragen duckte sich Gillian. »Was ist?«

»Der Affe kommt die Straße entlang«, zischte Eck. »Er hat die gemeinste kleine Waffe, die man sich denken kann. Ich habe ihn jetzt nur ganz flüchtig sehen können. Glaube nicht, dass er uns bemerkt hat. Wenn ja, dann brauchen wir mehr als bloß Fäuste und Baseballschläger, um uns hier rauszuhauen.«

»Heißt er Abrussi?«, fragte Gillian. »Mary hat jemanden dieses Namens erwähnt.«

»Ja«, antwortete Eck.

»Hm.« Gillian lauschte und wies dann mit einem Kopfnicken in die andere Richtung. »Die Sirenen kommen näher.«

»Die kommen zu spät, falls er uns entdeckt.« Eck lugte hinter dem Kühler eines Wagens hervor. »Er hat die Sirenen ebenfalls gehört und kann sich nicht entschließen, ob er gleich davonlaufen oder sich vorher noch umsehen soll. Er möchte, wenn möglich, seine Armbandjungs natürlich von hier wegschaffen, bevor die Bullen kommen.«

»Was sind Armbandjungs?«

»Sklaven«, antwortete Eck. Anscheinend meinte er, seine Antwort nicht näher erklären zu müssen.

»Warum sollte er türmen, wenn er die tollste kleine Waffe hat?«, fragte Gillian. Er wusste zu wenig über die Waffe, um sie anders charakterisieren zu können.

»Weil er sie nicht anwenden will, wenn er es irgendwie vermeiden kann. Er begreift die Waffe selbst nicht, hat sogar Angst davor. Er möchte damit auch keinen Streifenwagen voller Polizisten ausschalten, weil kein Mensch glauben würde, dass alle gleichzeitig am Herzschlag gestorben sind.«

»Könnte er denn wirklich eine ganze Wagenladung Bullen damit umbringen?«

»Und wie«, sagte Eck und schnippte mit den Fingern. Wieder lugte er um die Stoßstange. »Er kommt langsam in unsere Richtung. Wenn er mit dem Wagen, der vor uns steht, auf gleicher Höhe ist, schleichen wir uns auf die Straße hinaus. Wir wollen versuchen, ihn von hinten zu packen.«

»Und wenn es schiefgeht?«   

»Sis wird uns begraben«, gab Eck zurück.

Jetzt hatte auch Gillian den Affen erspäht. Er war klein, gedrungen und hatte lange Arme. Als der Affe beim Wagen angekommen war, schlichen Gillian und Eck vorsichtig um das Fahrzeug herum auf die Straße. Die Sirenen erklangen schon viel näher, waren aber immer noch zu weit weg. Hinter Abrussi erspähte Gillian noch einen. Der Kerl war zwar wie ein Schatten, doch an der Art, wie er den Hut trug, erkannte Gillian, dass dieser Schatten der mit den Ziegenaugen sein musste. War er ein Verfolger, der hinter Abrussi her war? Abrussi, der jetzt den Schatten ebenfalls entdeckt hatte, blieb stehen. Gillian hatte ganz den Eindruck, dass Abrussi zwar selbst ein Jäger war, dass sich aber an dem Spiel ein zweiter Jäger beteiligte.

Reifen quietschten auf dem Asphalt. Abrussi musste gewittert haben, dass es die Reifen eines Polizeiwagens waren, der ohne Sirenengeheule herangekommen war. Er verdrückte sich in einer Mauerlücke zwischen zwei Häusern. Der Mann mit dem Hut ging weiter, als wäre nichts geschehen.

Das alles nahm Gillian mit einem einzigen Blick wahr. Dann kreischten wieder Reifen. Motorengeräusch war keines zu hören, dennoch drehte sich Gillian um. Der Wagen war. ein neues Modell mit Elektroantrieb. Von diesem Wagen konnte die Werbung mit Recht behaupten: »Was Sie hören, ist das Rauschen des Fahrtwindes.«

Der Wagen war ein Cabrio mit offenem Verdeck. Ein Zweisitzer. Hinten war ein Spezialsitz angebracht. Dort saß und riss an ihrer Leine die größte Dogge, die Gillian je gesehen hatte. Der Anblick des Riesentieres hatte ihn so aus der Fassung gebracht, dass er die Frau kaum bemerkte, die am Steuer des Wagens saß. Er wusste auch nicht, ob sie sie überfahren würde oder nicht.” Sie kam auf sie zugerast und brachte alle vier Reifen zum Qualmen, als sie unvermittelt auf die Bremse trat.

»Stehen Sie nicht rum und starren Löcher in die Luft«, flüsterte Eck Gillian ins Ohr. »Einsteigen!«

Noch bevor Gillian merkte, was eigentlich gespielt wurde, fand er sich auf den Sitz des Wagens gezwängt, der eigentlich nur für zwei Personen eingerichtet war. Keine angenehme Lage. Das Gefühl des Unbehagens wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass die Dogge ihm ins Genick sabberte.

»Brutus mag Sie«, sagte die junge Frau seelenruhig. »Sonst hätte er Ihnen den Kopf abgebissen.« Wieder quietschten die Reifen, als sie anfuhr. Blitzendes Rotlicht und Sirenengeheul kamen ihnen entgegen.

Sie lenkte das Cabrio an den Randstein, hielt an und entnahm ihrer Handtasche eine Zigarette, während die zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei an ihnen vorbeibrausten. Gillian hätte fast seine gute Erziehung vergessen und reichte ihr erst im letzten Moment Feuer.

»Danke«, sagte sie.

Die Wucht, mit der sie wieder anfuhr, riss Gillian fast den Kopf vom Hals.

  Zweites Kapitel

 

 

»Sis...« Der junge Mann beugte sich an Gillian vorbei vor und redete auf die Fahrerin ein. »Sis, das ist...« Er zwinkerte verlegen, als ihm einfiel, dass er den Namen seines Kampfgefährten gar nicht kannte.

»Eck, hast du schon wieder jemanden von der Straße aufgelesen?«

»Er hat mir das Leben gerettet«, widersprach er.

»So.« Ein Schimmer von Dankbarkeit glitt über das Gesicht der jungen Frau. Dieser Ausdruck war im Nu wieder weg. Sie zuckte die Achseln. »Na, vielleicht hatte er im Moment nichts Besseres vor.«

»Achten Sie bloß nicht auf sie«, mahnte ihn Eck. »Sie liebt mich innig, neigt aber wie alle Schwestern dazu, mir den Kopf zu waschen und mir ihn so oft wie möglich zurechtzusetzen. Wie heißen Sie übrigens?«

Gillian nannte seinen Namen. Eck beugte sich wieder vor. »Sis, das ist George!«, rief er der Fahrerin ins Ohr. »Sie heißt eigentlich Kate. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund lässt sie sich lieber Sis nennen«, sagte er, wieder zu Gillian gewandt.

Sis warf Gillian einen Blick von der Seite zu. Es war der flüchtige prüfende Blick einer Frau, mit dem sie mehr über ihn in Erfahrung brachte als ihm lieb war. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Fahrbahn zu. Gerade noch rechtzeitig, um rasch nach rechts auszuweichen und sich zwischen Gehsteig und einem anderen Wagen einreihen zu können - ein Manöver, das den Fahrer des entgegenkommenden Wagens veranlasste, ihr mit geballter Faust zu drohen.

»Seid ihr wirklich Geschwister?«, fragte Gillian.

»Eck ist mein lieber kleiner Bruder«, antwortete Sis.

Mit einem Kopfnicken deutete sie in den Fond. »Und hinter Ihnen sitzt mein zweiter kleiner Bruder.«