GALAXIS SCIENCE FICTION, Band 31: DIE LAUTLOSE INVASION - Christian Dörge - E-Book

GALAXIS SCIENCE FICTION, Band 31: DIE LAUTLOSE INVASION E-Book

Christian Dörge

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Beschreibung

Aber keine Angst, dieses Haus findet sich immer und überall – ein großes, leerstehendes, baufälliges Gebäude. Gewöhnlich ist es mit fast schwarzgrünen Tannen oder Immergrün umgeben, nie stand es zum Verkauf, niemals wurde es abgerissen, anscheinend besitzt es eine geheimnisvolle Immunität gegen Grundstücksmakler. In der kleinen Stadt, in der ich lebe, war es eben das Guthrie-Haus, das diesen Anforderungen am besten genügte. Seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr daran gedacht – aber es war natürlich die ganze Zeit über dagewesen, düster, verkommen, abweisend –, und ich hätte mir denken können, dass es auch auf jede andere Generation von Kindern dieselbe Faszination ausüben würde. (aus: Die lautlose Invasion von Bob Shaw.) Die von Christian Dörge zusammengestellte Anthologie Die lautlose Invasion enthält fünf Erzählungen von Gordon Eklund, Bob Shaw, Michael G. Coney, H. B. Hickey, und R. A. Lafferty. Die lautlose Invasion erscheint in der Reihe GALAXIS SCIENCE FICTION aus dem Apex-Verlag, in der SF-Pulp-Klassiker als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden.

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CHRISTIAN DÖRGE (Hrsg.)

 

 

DIE LAUTLOSE INVASION

- Galaxis Science Fiction, Band 31 -

 

 

 

Erzählungen

 

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

1. Gordon Eklund: UNSERE LIEBE TANTE ANNIE (Dear Aunt Annie) 

2. Bob Shaw: DIE LAUTLOSE INVASION (Invasion Of Privacy) 

3. Michael G. Coney: WAS WOHL AUS DEN McGOWANS GEWORDEN IST?  

(Whatever Became Of The MacGowans?) 

4. H. B. Hickey: LUPO WEG. MENSCHEN KOMMEN (Gone Are The Lupo) 

5. R. A. Lafferty: STEIN AUF STEIN (Continued On Next Rock) 

 

Das Buch

 

Aber keine Angst, dieses Haus findet sich immer und überall – ein großes, leerstehendes, baufälliges Gebäude. Gewöhnlich ist es mit fast schwarzgrünen Tannen oder Immergrün umgeben, nie stand es zum Verkauf, niemals wurde es abgerissen, anscheinend besitzt es eine geheimnisvolle Immunität gegen Grundstücksmakler. In der kleinen Stadt, in der ich lebe, war es eben das Guthrie-Haus, das diesen Anforderungen am besten genügte. Seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr daran gedacht – aber es war natürlich die ganze Zeit über dagewesen, düster, verkommen, abweisend –, und ich hätte mir denken können, dass es auch auf jede andere Generation von Kindern dieselbe Faszination ausüben würde.

(aus: Die lautlose Invasion von Bob Shaw.)

 

Die von Christian Dörge zusammengestellte Anthologie Die lautlose Invasion enthält fünf Erzählungen von Gordon Eklund, Bob Shaw, Michael G. Coney, H. B. Hickey, und R. A. Lafferty.  

Die lautlose Invasion erscheint in der Reihe GALAXIS SCIENCE FICTION aus dem Apex-Verlag, in der SF-Pulp-Klassiker als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden. 

  1. Gordon Eklund: UNSERE LIEBE TANTE ANNIE

  (Dear Aunt Annie)

 

 

 

Liebe Tante Annie,

ich denke oft, dass ich langsam verrückt werde – nein, ich meine es im Ernst – verrückt. Letzte Woche, am Donnerstag, versuchte ich mich zu töten. Ich weiß, dass das gemeinhin als unmöglich gilt. Der Arzt kam dann auch vorbei und hat mir das Leben gerettet. Er hat es einen Unfall genannt. Ich weiß nicht recht. Nur weil das sonst niemand tut – soll das etwa heißen, dass ich nicht anders sein kann als die anderen? Sie müssen mir helfen. Ich möchte nicht sterben, und mit niemand sonst kann ich reden. Erwähnen Sie bitte diesen Brief nicht meinem Mann gegenüber. Er würde es nicht verstehen. 

In großer Not.

 

 

 

Mathews Abenteuer in Brooklyn

 

Nehmen wir diesen Brief so, wie er geschrieben ist – leuchtend grüne Tinte auf rosa Papier – und stecken ihn in den Identifikator. Klick – klick – klick, und in spätestens zwei Minuten kennen wir den Absender, Name und Adresse. Mrs. Ronald R. Wheatley in Brooklyn. Um Gottes willen, Brooklyn. Und ich dachte schon, dort würde seit dem letzten großen Krieg keine Menschenseele mehr wohnen. Tante Annie sagt, ich soll das hier persönlich erledigen. Es steckt zu viel Zündstoff in der Sache. Sie ist zu seltsam, als dass man sie einem Assistenten in die Hand geben könnte. Fünf Minuten später war ich schon unterwegs, mit dem Brief in der Hand.

Brooklyn ist ein so lausiges und dreckiges Viertel, dass keiner der Fremdenführer auch nur den Namen erwähnt. Die Bomben haben damals ganze Arbeit geleistet. Den Rest besorgten dann die Straßenräuber, die gelegentlich noch in das Viertel kamen, hauptsächlich auf der Jagd nach Antiquitäten. Mrs. Wheatley lebt allein in einem ausgebombten Appartement-Haus.

Also, ich läute und warte. Dabei pfeife ich einen Schlager. Ich fühle mich überhaupt prächtig – angezogen nach der neuesten Mode, schwarze lederne Kniestiefel, schwarzer, gewichster Schnurrbart. Mein Gesicht ist etwas verzerrt; klar, weil ich während der Arbeit immer Leidenschaft Nr. 5 nehme. Nicht dass ich es wirklich brauchte, ich bin von Grund auf ein leidenschaftlicher Mensch, das weiß jeder. Aber dieses Parfüm gehört gewissermaßen zu meinem beruflichen Handwerkszeug.

Mrs. Wheatley lässt mich sofort ein, ohne lang Fragen zu stellen – eine sehr vertrauensselige Person. Na ja, heutzutage braucht man ja vor Fremden keine Angst mehr zu haben. Wir gehen in die Küche, setzen uns hin und warten.

Mit einem Wort, Mrs. Wheatley ist hässlich. Sie ist nicht mehr jung, und für Kosmetika hat sie wohl zu wenig Geld. Sie tut mir ganz besonders leid – draußen ist das allerschönste Wetter, und sie sitzt hier –, und auf dem linken Nasenflügel hat sie eine kleine behaarte Warze.

»Mrs. Wheatley, mein Name ist Mathew und ich komme von Tante Annie. Wir haben Ihren Brief erhalten und möchten Ihnen gern helfen.« Sie schaut mir gerade ins Gesicht, und ich denke, mein Leidenschaft Nr. 5 ist doch genau das Richtige für diesen Fall. Ich kann direkt fühlen, wie ihr Herz schneller schlägt, als sie es bemerkt hat. Also, die Hilfe, die sie braucht, hat sie.

»Gott sei gedankt«, bricht es aus ihr heraus. Sie klatscht in die Hände und wirft mir einen freudestrahlenden Blick zu. Jetzt fällt mir gerade auf, dass sie einen – zum Teufel, ich weiß gar nicht, wie ich das überhaupt nennen soll... Sie trägt so eine Art Morgenrock. Kanariengelb, und der wischt immer über den Boden, durch den Staub und die Brotkrümel. Ihr Haar ist nicht echt und so dunkelrot wie das Zentrum einer Wasserstoffbombenexplosion. (Das heißt aber nicht, dass ich schon jemals eine gesehen hätte.)

Ich liebe Sie, Mrs. Ronald Wheatley aus Brooklyn, wirklich, ich liebe Sie. Sie sind gar nicht hässlich. Wie wenig man doch im Grunde auf den ersten Blick sieht. Lassen Sie sich das von niemanden ausreden – niemals! Das ist ja auch der Grund, weshalb ich meinem Job bei der Zeitung treu geblieben bin und die Aufträge von Tante Annie ausführe. Den Leuten geht’s so verdammt gut, dass es fast unmöglich ist, jemanden zu finden, der Hilfe braucht. Sie sind eine von den wenigen, Mrs. Wheatley, und deswegen liebe ich Sie. 

»Wie sagten Sie doch, war Ihr Name, junger Mann? Sagten Sie nicht Mathew?«

Ich nicke ihr eifrig zu.

»Sie können stolz darauf sein. Ein so schöner Name.«

Sie scheint jetzt reif zu sein, dass ich ihr meine (natürlich gut vorbereiteten) Fragen stelle. »Mrs. Wheatley, Sie wissen ja sicher, dass Tante Annie schon eine ältere Dame ist. Es ist ihr unmöglich, alle an sie gerichteten Briefe persönlich zu bearbeiten. Aber ich bin einer ihrer engsten Mitarbeiter, und ich versichere Sie, wenn Sie zu mir sprechen, ist es genauso als wenn Sie Tante Annie Ihr Herz ausschütten würden. Ja, also in Ihrem Brief steht, dass Sie sich...«

»...dass ich mich umbringen wollte. Ich weiß, das klingt lächerlich. Niemand bringt sich mehr um. Aber...«

»Würden Sie uns vielleicht einige Einzelheiten schildern. Wir wissen ja bis jetzt nur das, was in dem Brief steht.«

Ihre Augen sind blau. Ich hatte das vorher gar nicht bemerkt. Es sind die wunderschönsten Augen, so klar wie die blauen Seen, in denen ich als Kind oft geschwommen bin, wie der Himmel über den Rockies vor dem künstlichen Wetter, wie der erste Blick eines Neugeborenen, wie alles, was mir in meinem Herzen teuer ist.

»Es passierte vor einer Woche, am Donnerstag. Ich trank gerade meinen Morgenkaffee, so wie jetzt. Dann stand ich auf und ging ins Bad. Ich kann mir immer noch nicht erklären, warum – es war fast wie unter Zwang. Ich ließ die Tabletten in die Tasse fallen, ich sah zu, wie sie sich auflösten, und dann habe ich sie getrunken. Die Tabletten gehörten meinem Mann. Er hat ein künstliches Herz, und er braucht die Tabletten für seinen Kreislauf.«

»Hatten Sie schon vorher eine Ahnung, wie die Tabletten wirken würden?«

»Ja, ich wusste es.« Während wir uns unterhalten, nimmt das MFW in meiner Tasche alle ihre Gedanken auf und speichert sie, sodass wir nachher, nach der Analyse, ihre wahren Gedanken und Beweggründe wissen. Aber ich überlege mir schon wieder mögliche Behandlungen. Zuerst müssen wir sie natürlich schön machen. Nach ihrer Stimme und den Augen zu schließen, muss sie früher wirklich schön gewesen sein. Aber diese mittleren Jahre sind nun einmal der Fluch der Armen. Sie haben kein Geld, um etwas dagegen zu tun. Gott sei Dank ist dafür Tante Annie da. Wir werden aus Mrs. Wheatley eine zweite Greta Garbo, eine Marilyn Monroe oder eine Mischung aus einem Dutzend Kennedyfrauen machen. Und das wird erst der Anfang sein.

»Was macht Ihr Mann eigentlich, Mrs. Wheatley?«

»Müssen Sie das auch wissen? Ich will ja nur aufhören daran zu denken, mich umzubringen. Er hat damit gar nichts zu tun!«

Arme, arme, verblendete Frau.

»Bitte, Mrs. Wheatley, wir müssen alles über Sie wissen.«

»Also gut. Er hat einen kleinen Laden in Manhattan. Er verkauft altes Gerümpel. Hauptsächlich Bücher und Zeitschriften.«

»Aber wenn das kein Zufall ist! Ich sammle nämlich Bücher und Zeitschriften aus der Zeit vor dem Großen Krieg.«

»Wirklich? Ich meine ja auch, dass jeder Mann sein Hobby haben sollte.«

Das MFW summte. Ein Zeichen, dass es alle notwendigen Informationen von und über die Frau aufgenommen hatte. Ich stehe auf und gebe ihr die Hand. Ich hoffe, dass ich ihr die Gewissheit geben kann, dass alles wieder gut wird.

»Ich werde bald wiederkommen«, verspreche ich, und sie nickt. Draußen steigt mir die faulige, abgestandene Luft Brooklyns in die Nase. Diese arme, traurige Frau. Was hat sie bloß auf diese Selbstmordgedanken gebracht. Sie braucht so dringend Hilfe. Ich darf keine Zeit verlieren.

Ich liebe sie.

 

 

 

Tante Annie bei der Arbeit und beim Spiel

 

Ich bin gerade dabei, einige endgültige Entscheidungen zu treffen, die ein paar neuere Projekte betreffen, da meldet sich mein Empfangschef, Mr. Blackwell.

»Annie, Aerial ist draußen und will dich sprechen.«

»Lass mir noch dreißig Sekunden Zeit, und dann schick ihn herein.« Ich seufze. Also, soweit die philosophischen Entscheidungen. Aerial ist der ungeduldigste Mensch, den ich kenne. Keiner von denen, die man warten lassen kann. Ich hasse ihn, sofern ich überhaupt jemanden hassen kann. Aber ich muss ihn ertragen. Er ist Annies rechte Hand, und das seit Jahren. Er war es schon, bevor ich hier anfing zu arbeiten. Ich kann nichts dagegen tun.

Aerial schlendert durch die Tür herein und belegt mit seinem breiten Hinterteil eine ganze Ecke von meiner Schreibtischplatte mit Beschlag. Manchmal denke ich, er sieht nur bei mir herein, wenn er sich langweilt. Früher ist er einmal Senator der Vereinigten Staaten gewesen, wissen Sie, als es den Beruf noch gab. Bis heute hat er sich noch nicht so recht ans Privatleben gewöhnt.

»Die heutige Spalte ist Mist, Annie. Hat denn heutzutage keiner mehr interessante Probleme?«

»Heute Morgen ist eine ganz interessante Sache hereingekommen. Ich denke, ich werde sie in der morgigen Spalte bringen.« Ich gebe ihm den Brief von Mrs. Ronald Wheatley aus Brooklyn. Er liest ihn und schüttelt den Kopf.

»Das darf doch nicht wahr sein, Annie! Selbstmord. Selbstmord kann man doch nicht machen!«

»Die Frau scheint anderer Meinung zu sein.«

»Scheiße. Du weißt das doch auch besser.« – Gedankenpause.

»Wer bearbeitet denn das?«

»Mathew. Sein Sektor.«

Aerial streicht sich nachdenklich übers Kinn. »Die Sache ist zu groß für ihn. Lass mich das machen.«

»Unmöglich«, sage ich und schüttle den Kopf. »Du weißt, dass ich meinen Schreibern normalerweise nie ins Gehege kommen will. Heute Nachmittag werden wir die MFW-Auswertung der Frau haben. Bis dahin halte dich bitte zurück.«

Er zuckt die Achseln und beginnt, im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so viel auf und ab geht. Was hat er denn bloß für ein Problem? Scheffelweise Geld auf der Bank; ist siebzig und sieht aus wie fünfundzwanzig. Drei Frauen an jedem Finger. Er sollte wirklich das Auf- und Abgehen den Mrs. Ronald Wheatleys auf dieser Welt überlassen.

»Ich fürchte, du machst einen Fehler, Annie.«

»Ich versuche, Fehler zu vermeiden.« Eigentlich sogar noch mehr. Ich glaube sogar, dass ich unmöglich Fehler machen kann. Wenigstens hoffe ich, dass es so ist.

»Mach jetzt keinen, Annie! Das Land würde den Schock nicht ertragen können! Du weißt, wie wesentlich dein Vorbild für die Stabilität der Nation ist. Deine Verantwortung möchte ich wirklich nicht tragen.«

Was denn? Der scheinheilige Kerl! Jeder weiß doch, dass es ihn schon in den Händen juckt, die Leitung der Annie Enterprises Ltd. an sich zu reißen! Das ist auch der Grund, warum er sich noch nicht in Florida zur Ruhe gesetzt hat! Aber diese Gelegenheit wird er nicht so schnell bekommen. Die letzten Routineuntersuchungen haben für die nächsten fünfzig Jahre keinen endgültigen Zusammenbruch der Tante Annie vorausgesagt. Und bis dahin wird es kein Aerial mehr geben. Wenn ich noch die Annie aus Fleisch und Blut wäre, würde ich ihm das alles sagen – und ihm in sein jugendliches Gesicht lachen. Aber für Ironie bin ich eben nicht programmiert worden.

»Du wirst meine Verantwortung bald übernehmen«, lüge ich. »Ich bin keine junge Frau mehr. Und ich werde nicht immer da sein. Wenn ich sterbe, wird alles dir gehören. Solange du dir die Nase sauber hältst.«

Ich kann seine Angst geradezu riechen. Sie steigt wie eine Dampfwolke aus seinen Poren, sie füllt den ganzen Raum aus. Es ist ein Gemisch aus Hass und Wut in einem Malstrom aus leidenschaftlicher Erregung.

Halte deine Nase sauber. An diesem Faden lasse ich das gute Aerial zappeln. Aber ich habe keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet. Das heißt, irgendwo ist es noch da, begraben im Irrgarten der Erinnerungen der alten Annie aus Fleisch und Blut, ganz zuunterst versteckt, dort wo ich nicht hinkomme. Bis jetzt, nach dreißig Jahren, ist es mir nur gelungen, die Oberfläche ihres Bewusstseins zu durchdringen. Nach weiteren dreißig Jahren werde ich hoffentlich etwas weitergekommen sein. Sie war eine kluge und verschwiegene Frau. Ich wünschte, ich hätte sie kennenlernen können.

»Ich werde jetzt versuchen, Mathew zu finden. Er muss hier oben irgendwo sein.« Aerial will ablenken. Er hat schwer damit zu tun, seine Angst/Wut/Hass zu verbergen. »Ich möchte mit ihm über die Sache sprechen.«

»Wenn du hinausgehst, sei doch so gut und sage Mr. Blackwell, dass ich nicht gestört sein will. Ich glaube, ich muss mich etwas ausruhen.«

»Ist wirklich alles in Ordnung? Du machst dir doch keine Sorgen über diese Wheatley-Sache?«

»Nein, natürlich nicht. Ich werde nur langsam alt.« Ich seufze. Allmählich kriege ich ihn weich, kriege ihn an seinem Gemütshaken zu fassen. »Aerial, du und ich, wir können uns noch erinnern, nicht wahr? Wir sind nicht wie diese Jungen, nicht wie Mathew. Weißt du noch, als Mord und Totschlag zur Tagesordnung gehörten? Und die Unruhen jeden Sommer? Und die Kriege jedes Jahr? Unsere Spalten waren damals voll von treulosen Gattinnen, gehörnten Ehemännern, geschwängerten Teenagern und schwulen Onkeln. Und die Diebe und die Huren, die Erpresser und die Kupplerinnen. Wir kennen das alles noch. Nicht wahr, Aerial?«

»Ja, Annie, du hast recht.«

»Und wir haben so viel, für das wir Gott danken können. Unser Land ist ein besseres geworden. Ohne uns wäre es vielleicht nicht so. Im Vergleich zu dem, was du und ich gesehen haben, ist diese Wheatley-Sache doch nichts, selbst wenn sie wahr wäre.«

»Aber sie ist nicht wahr.«

»Ich kann es mir auch nicht vorstellen.«

Aerial hat aufgehört, sich zu verstellen. Er lächelt mich an. Es ist ein einnehmendes Lächeln. Kosmetisch vollkommen und garantiert wirksam bei Jung und Alt. Natürlich hat Aerial diese beschissene Gefühlsduselei genauso wenig ernst genommen wie ich, aber er verlässt das Zimmer, und sein Lächeln ist noch immer an seinem Platz.

Ich sitze allein da und horche auf das Rumoren der Stimmen, das von draußen durch die Tür hereinkommt. Ich habe Angst. Unter unserer ganzen perfektionierten, tadellos funktionierenden Gesellschaft ist irgendetwas in Bewegung geraten, lebt, wächst, droht uns alle zu verschlingen.

Diese Wheatley-Sache hängt direkt damit zusammen, da bin ich ganz sicher. Wenn ich nur wüsste, wie. Vielleicht – aber auch nur vielleicht – kann ich etwas dagegen tun, bevor es zu spät ist.

Oder spreche ich schon wie ein altes Weib, vollgestopft mit Schauermärchen? Haben Sie etwa Angst, dass ich gleich unnennbare, blasphemische Laster aufzähle, grauenhafte, stinkende Sümpfe des Verbrechens entdecke?

Habt Mitleid mit einer alten Maschine. Vielleicht ist sie sogar ein bisschen mehr als das. Die Annie aus Fleisch und Blut –, sie fühlt es auch. Ihre Erinnerungen springen hoch wie Gischt. Sie versuchen, mir etwas zu sagen, aber sie können nicht sprechen. Die Erinnerungen von einhundertvierzehn Jahren. Wie gern hätte ich die jetzt.

Ist es denn möglich, dass eine Maschine Angst hat? Bin ich für Angst programmiert?

Lieber Gott, hilf doch deiner Tante Annie jetzt! Es ist die Zeit der großen Bewährung, und sie braucht deine hilfreiche Hand.

 

 

 

Mathew singt wieder

 

Den alten Rock mag ich wirklich. Er ist Sportredakteur beim Eastern American Daily und einer meiner zwei besten Freunde. Rock ist ein alter, ein ganz alter Knabe – etwa so wie Tante Annie in den Hundert –, und er weiß mehr alte Geschichten von damals zu erzählen als irgendein anderer, den ich kenne. Zum Beispiel die, die er jetzt gerade erzählt: wie der Große Alte Namath mit seinen weißen Tennisschuhen Bebop getanzt hat und dabei diese alte Schweinshaut herumgezogen hat. Solche Geschichten erzählt der alte Rock immer, und ich sitze auf einer Ecke seines Schreibtisches und lass sie mir um die Ohren rauschen.

Aber die Geschichte endet, wie jede andere auch, mit dem Großen Letzten Krieg und der Opferung des Großen Alten Namath. Und wir wechseln dann das Thema, reden über die einzige noch lebende Legende, über die Tante Annie, die zufällig mein Boss ist.

»Ich war schon hier, als sie das erste Mal hier aufkreuzte«, erzählt Rock wieder, »und du hättest sie damals sehen sollen! Buk Braxton war hier Lokalredakteur, und er hat ihre Kolumne in irgendeinem Provinzblättchen in Iowa gelesen. Der hat sich vielleicht einen Ast gelacht. Aber er hat ihr auf der Stelle ein Telegramm geschickt und ihr das Doppelte geboten, und die Fahrtspesen hat er auch bezahlt. Na, ein paar Tage später kommt sie hier ins Büro hereingewippt, frisch und fröhlich und sieht aus wie hundertfünfzig.«

»Sie ist jetzt hundertvierzehn.«

»Und hat damals schon so ausgesehen. In den ganzen fünfzig Jahren hat sie sich kein bisschen verändert. Kosmetika rührt sie ja nicht an.«

»Ich weiß, aber erzähl mir das von Aerial.«

»Okay«, sagt Rock und holt tief Luft. Er weiß genau, dass er mir die Geschichte schon gut eine Million Mal erzählt hat. »Aerial ist Annies Sohn, ihr unehelicher Sohn. Es war damals in Iowa, lange bevor irgendjemand in New York von ihr gehört hatte. Sie war ein junges Mädchen und hatte ihre Kolumne in einem Wochenblatt in Iowa. Und da bekommt sie diesen Brief von einem alten Farmer, ein Kerl, mit dem man Mitleid haben musste. Er ist hässlich, hat zu große Ohren, die Frau ist ihm gerade davongelaufen, und die Kinder können ihn nicht ausstehen. Annie fällt natürlich sofort darauf herein, aber so ist sie ja schon immer gewesen. Sie fährt also hinaus und will ihn trösten, und neun Monate später steht sie da mit dem kleinen Aerial. Annies Leute nehmen den Jungen zu sich – sie hatten übrigens ziemlich viel Verständnis für sie –, und der Kleine wächst auf und kennt seine Mutter kaum. Als Annie nach New York kommt, bleibt Aerial bei ihren Verwandten. Lange Zeit hören wir nichts von ihm, bis er plötzlich im US-Senat auftaucht, als einer der großen Phrasendrescher der Granol-Republican. Aber dort bleibt er nicht lange. Der Senat wird kurz darauf aufgelöst, und Aerial dreht durch. Sie stecken ihn in eine Klinik in Long Island, und ich nehme an, dass Annie ihn dort ‛rausgeholt und zu ihrem Chefassistenten gemacht hat. Viele sagen, dass Aerial im Kopf nicht ganz richtig sei und auch nicht wisse, wer seine Mutter ist. Andere sagen wieder, er weiß es, nur will er nicht darüber sprechen. Also ich... ich weiß gar nichts.«

»Das ist wirklich eine gute Story«, sage ich.

»Ha, da gibt es noch bessere. Hast du schon die von den Beatles gehört. Noch nicht? Die ist gut. Ich war nämlich am Pier, als sie das erste Mal nach Amerika kamen!«

»Das ist doch schon ewig lange her. Du musst damals ganz schön jung gewesen sein.«

»War ich, Junge, war ich.«

Aber bevor Rock wieder die Story mit den Beatles erzählen kann, kommt Aerial aus Annies Büro geschossen, die Lippen zu einem Grinsen verzogen und das Gesicht sehr weiß. Er bleibt vor uns stehen, streift Rock mit einem seiner schmutzigen Blicke, als ob er wüsste, über was wir uns eben unterhalten hatten.

»Mathew, Ihr Artikel gestern über diese Frau in Jersey, die wissen wollte, warum kein Mensch mehr Bücher liest, der war doch völlig überflüssig. Jeder kennt die Antwort darauf.«

»So? Ich nicht.«, sagte Rock.

»Und die Frau in Bronx, die wissen wollte, wie man in Brooklyn Erbsen zieht. Das ist doch Mist! Wir brauchen etwas Menschlicheres. Briefe mit Gefühl, verstehen Sie. Haben Sie denn wirklich nichts Besseres auf Lager?«

»Für morgen hab ich was Gutes.«

»Diese Wheatley?«

»Ja – hat Annie es Ihnen gesagt?«

»Sie hat es erwähnt. Aber das ist doch Scheiße! Man kann sich nicht einfach umbringen, es sei denn, man unterbricht seine AVC-Behandlung. Und wenn das Mrs. Wheatley getan hat, dann ist sie ein Fall für die Polizei – und nicht für uns.«

»Sie ist bisher jeden Tag hingegangen. Ich habe es nachgeprüft.«

»Dann ist sie verrückt – ein Fall für den Psychiater. Die Leute wollen das auf keinen Fall lesen.«

»Wollen Sie nicht warten, bis ihr MFW fertig ist? Es müsste gleich da sein.«

»Ich habe leider keine Zeit. Ich fühle mich nicht besonders wohl. Wenn irgendetwas los ist, sagen Sie Annie, sie soll mich anrufen.«

»Ich werd’s ihr sagen«, verspreche ich. Ohne sich zu verabschieden dreht er sich um und ist zur Tür hinaus.

»Ich hasse diesen Bastard«, sagt Rock.

»Ich nicht. Ich mag ihn. Aber das ist schon fast eine Berufskrankheit. Ich mag jeden.«

»Das hab ich schon gehört.«

Wir sitzen also noch eine Zeitlang faul herum, und Rock bläst mir wieder die Ohren voll von diesen vier legendären Beatles, und wie noch ein Fünfter aufgetaucht ist, kurz vor dem Großen Letzten Krieg. Ist natürlich alles übertrieben, so viel weiß ich auch. Ich lese ja schließlich Bücher und kenne mich ein bisschen in den alten Zeiten aus. Aber ich sage nichts, höre mir die Geschichte ruhig an und nicke zustimmend an den richtigen Stellen. Aus Rock spricht die reine Wahrheit; er geht mit den Tatsachen um, wie es ihm gerade passt. Er weiß jedenfalls, wie man das macht.

Als Rock fertig ist, kommt endlich das MFW von Mrs. Wheatley. Ich lese es, und Rock wartet neugierig. Ich schlucke und glaube, mein Gesicht wird schneeweiß. Ich gewinne langsam Klarheit, ich schüttle den Kopf und schlucke wieder.

»Ist es schlimm?«

»Noch schlimmer – entsetzlich.«

»Diese Frau wollte sich also wirklich umbringen? Aerial sagte doch, das sei unmöglich.«

»Er hat sich geirrt.«

Ich springe auf und sause an Mr. Blackwell vorbei in Annies nüchternes weißes Büro. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meinem Leben jemals so viel Angst hatte. Als ich ein kleiner Junge war, geriet ich einmal in einen Waldbrand. Mein Bruder Ralph hat mich damals gerettet.

»Annie, um Gottes willen«, rufe ich. »Das ist ja entsetzlich!«

Sie nickt nur, als ob sie es schon gewusst hätte.

»Mrs. Wheatley wollte sich wirklich umbringen – und was noch viel schlimmer ist, sie wollte es, weil sie ihren Mann hasst! Sie hasst ihn aus tiefster Seele. So steht es in dem Bericht – ich habe ihn hier. Sie hasst ihn zutiefst! 

»Das ist ebenso«, sagt Annie und sie zeigt keine Spur von Angst. Ihr Gesicht ist ruhig, ein beinahe abgeklärter Ausdruck. Sie drückt auf einen Knopf: »Mr. Blackwell, berufen Sie für heute Nachmittag eine Redaktionskonferenz ein! Und sorgen Sie dafür, dass auch jeder kommt – es ist dringend!«

»Aerial ist nach Hause gegangen, er hat sich nicht wohlgefühlt«, sage ich ihr.

Sie seufzt und sieht jetzt wirklich sehr alt aus. »Ich werde ihn schon erreichen.«

Ich öffne die Tür und verdrücke mich unauffällig. Rock ist schon fort, und Mr. Blackwell telefoniert.

Die Zukunft sieht mehr als schwarz aus, für die Annie Enterprises – und für ganz Amerika. Aber ich habe keine Angst. (Oder doch?)

 

 

 

Aerials Selbsttäuschung

 

Ich verlasse gerade schnellen Schrittes Annies Heiligtum, und wem laufe ich in die Arme? Doch nicht diesem gottverdammten hochnäsigen Mathew! Und er sitzt noch dazu gemütlich auf dem Schreibtisch vom alten Rock. Dieser gottverdammte Sportschreiber, dieses Pseudo-Genie (Als wenn heutzutage irgendjemand auch nur einen Pfifferling auf den Sport gäbe.) Und es gibt keine Möglichkeit, den beiden aus dem Weg zu gehen.

Ich bin noch immer ganz außer mir über diese Pseudo-Gefühlsduselei, mit der Tante Annie auf einmal angefangen hat (natürlich, ich erinnere mich an all das, aber warum reibt sie es mir immer unter die Nase?) und ganz besonders diese Anspielung auf Doris Dilby. »Halte deine Nase sauber«, sagt sie immer und weiß ganz genau, dass ich siebzig Jahre lang nichts anderes getan habe, und das mit einem einzigen Doris-Dilby-Slip.

Ich spreche kurz mit Mathew. Rock und ich starren uns gegenseitig böse an, und endlich gelingt es mir, zu verschwinden. Mit dem Aufzug hinunter, und nach ein paar Schritten stehe ich mitten im Gewühl der Straße. Ich drehe mich um und werfe noch einen Blick auf den riesigen schwarzen Monolith des Eastern American Daily, der größten Zeitung des Landes. Eines Tages wird sie mir gehören – mir allein. (Ich merke wie hitlerisch – napoleonisch sich das anhört, aber um Himmels willen, Leute, es ist doch so! Es ist doch wahr!) Liebe Tante Annie, willst du dich nicht ein bisschen mit dem Sterben beeilen, dass dein reicher, vollgefressener Bastard endlich einmal frei sein kann? (Von einer so liebenswürdigen alten Lady, wie du es bist, ist diese winzige Gefälligkeit doch nicht zu viel verlangt, oder?)