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Krispin lebt gleichzeitig in der Wirklichkeit und in der Welt seiner Visionen. Als er von Fremden aus seinem Alltag „entführt“ wird, tritt er eine Reise an, die sein Leben für immer verändern soll. Doch die boshaften, finsteren Gebilde aus seinen Träumen treiben ihn an den Rand des Wahnsinns, bis die rätselhafteste aller Erscheinungen ihn zu einer unheimlichen Erkenntnis führt. Der Vater der Familie Kopp deckt bei der Aufklärung des Mordes an seiner Familie eine tiefgreifende Verschwörung auf. An zahlreichen Menschen wurden von einer geheimen Organisation körperliche und psychische Experimente durchgeführt. Aber was kann er gegen diesen mächtigen Gegner ausrichten? Beide haben etwas gemeinsam: einen mysteriösen Feind, der so gut wie unsichtbar ist.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2016
Inhalt
Impressum
Vorwort
Abreise
Tanzende Figuren
Sind Sie Herr Kopp?
Unheil-Bar
Dem Geist auf der Spur
Das erfrorene Gesicht
Du hast eine Stunde
Nur eine Softdrinkfirma
Die Gebrüder Grau
Hi, ich bin Milly
Höllenfratze
Das Göttlichste aller Gewässer
Marduk
Unerwartetes Wiedersehen
Auf der Lichtung
Kannst du mich hören?
Dagon
Die Wolkentreppe
Rätselhafte Inspiration
Die blaue Höhle
Cimeries
Jemand hat eine Entscheidung getroffen
Du bist an allem Schuld!
Der Sturm
Schachmatt
Die Welt wartet nicht auf dich!
Das Privileg der Wahrheit
Impressum
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© 2016 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-95840-216-4
ISBN e-book: 978-3-95840-217-1
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlagfoto: Maria Reimann
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag
www.novumverlag.com
Vorwort
Zeit ist uns nicht gegeben,
um zu wissen, wie alt wir sind.
Die Vorstellung von Zeit brauchen wir,
damit wir Veränderungen herbeiführen können.
Ohne Zeit könnten wir
Veränderungen nicht verstehen.
Abreise
„Was hast du denn mit deinen Schuhen gemacht? Die sind ja gar nicht richtig zu. Bist du nicht langsam zu alt dafür, dass ich dich auf deine offenen Schuhe aufmerksam machen muss? Komm, wir müssen uns beeilen, wir sind ziemlich spät dran, und ich will nicht, dass wir diesen Bus verpassen!“
Halina zieht eine schwere Tasche auf Rollen hinter sich her und bemüht sich währenddessen, noch ihren Sohn dazu zu bringen, mit ihr Schritt zu halten. Ein anstrengendes Unterfangen, denn ihr zehnjähriger Sohn Joel scheint nicht richtig verstehen zu wollen, dass die Zeit knapp ist. Beide tragen sie Rucksäcke auf den Schultern, ihr Handgepäck für eine lange Fahrt, falls sie den Bus noch rechtzeitig erreichen.
„Siehst du da drüben den blinkenden Bus? Das ist der, mit dem wir fahren müssen. Lauf doch schon mal vor zu dem Herrn, der vorne an der Tür steht, und sag ihm, dass wir auch noch mit dazugehören! Aber achte auf deine Schnursenkel!“
Joel rennt vor und erreicht kurze Zeit später den Busfahrer. Halina sieht, wie Joel auf sie zeigt, was wohl das Zeichen ist, dass sie es gerade noch so geschafft haben. Halina atmet einmal laut aus, teils, weil sie beruhigt ist, teils, weil das Hinterherziehen des Reisegepäcks sie sehr anstrengt.
Damit ist die Fahrt gerettet. Es handelt sich um ein paar Urlaubstage, die die Mutter der Familie Kopp gern mit ihrem Sohn zu Besuch bei seinen Großeltern verbringen möchte. Es sind die Eltern des Vaters Kopp, der leider nicht dabei sein kann, weil zu viel Schreibkram in viel zu kurzer Zeit vollendet werden muss. Das ist das Schlimmste daran, Rechtsanwalt für eine große Firma in der Stadt zu sein, man verbringt einfach zu wenig Zeit mit der Familie. Und wenn, dann stellt man genau die falschen Fragen, weil man zu viel verpasst hat. Entweder sind es Fragen, dessen Antwort der Vater eigentlich kennen sollte, oder es sind Fragen auf Dinge, die der Sohn schon tausende Male erzählen musste. Oder es sind Fragen, die dem Alter des Sohnes nicht gerecht werden.
Mittlerweile ist die Mutter auch beim Busfahrer angekommen, zeigt die Fahrscheine, ihren Ausweis und wird gleich darauf auf einer Liste abgehakt und hineingebeten. Der Busfahrer verstaut die schwere Reisetasche unten im Stauraum des Busses und versichert sich, dass alles richtig geschlossen ist. Währenddessen sucht Halina nach Sitzplätzen.
„Da, möchtest du am Fenster sitzen? Vielleicht wird dir weniger übel, wenn du aus dem Fenster gucken kannst.“
Joel setzt sich direkt ans Fenster und seine Mutter nimmt neben ihm Platz. Beide platzieren sie ihr Handgepäck unter ihren Beinen und machen es sich für die Reise bequem. Halina fährt sich mit ihren Händen einmal durchs Gesicht und entlässt einen Seufzer, der die Sorgen aus ihrem vollen Kopf verbannen soll. Jetzt sind sie weg, als würde sie sie an diesen Ort festgebunden haben. Doch gewiss würde der Stress geduldig darauf warten, dass Halina zurückkehrt und sie hier wieder willkommen heißen.
Sie ist immer sehr gut mit ihren Schwiegereltern ausgekommen, sehr aufgeschlossene und nette Menschen und trotz ihres Alters niemals langweilig. Der Besuch verspricht die notwendige Entspannung, die Halina gerade so sehr gebrauchen kann. Abstand von den lauten und nervenden Grundschulkindern, für die sie Lehrerin ist.
Jetzt wendet sie sich wieder an ihren Sohn: „Und, freust du dich schon auf deine Großeltern? Freust du dich auf den Strand und das Meer?“
Von Joel kommt nur ein schwaches Nicken, als er weiter aus dem Fenster sieht. Irgendetwas hat seine Aufmerksamkeit vollständig auf sich gezogen, was Halina das Zeichen gibt, dass sie sich weiter zurücklehnen und kurz die Augen schließen kann. Der Busfahrer betritt jetzt auch den Bus und nimmt auf seinem Fahrersessel Platz. Per Knopfdruck verschließt er alle Türen, und die Fahrgäste legen ihre Gurte an.
Doch in dem Moment, als Halina gerade ein bisschen Ruhe findet, tippt Joel sie von der Seite an und spricht ganz aufgeregt.
„Da steht ein Mann vor meinem Fenster und beobachtet mich die ganze Zeit!“
Halina öffnet leicht genervt ihre Augen und sieht zum Fenster heraus. „Wo denn?“ Und tatsächlich, da steht er, ein Mann in grauem Mantel mit einem Hut auf dem Kopf.
Das, was von seinem Kopf zu sehen ist, lässt vermuten, dass er eine Glatze trägt oder nur sehr wenige Haare hat. Seine Augen sind die ganze Zeit auf ihren Sohn fokussiert. Aber als er Halina auch bemerkt, sieht er sie beide an. Er sieht sie einfach ganz eindeutig an und mustert sie genau. Sein Blick scheint nie von ihnen abzuweichen.
„Hey, lassen Sie uns in Ruhe!“, sagt Halina, wohl wissend, dass ihre Worte vermutlich nicht durch die Scheibe hindurch zu hören sind.
Sie nimmt ihren Sohn in den Arm und dreht ihn vom Fenster weg. Sie selbst behält den fremden Mann aber weiter im Auge.
Zu Joel sagt sie: „Schon gut. Das ist bestimmt nur irgendein verwirrter Reisender. Wahrscheinlich sucht er jemanden.“
Dann klopft sie gegen die Scheibe und macht eine Geste in Richtung des Fremden, die ihm anzeigt, dass er verschwinden soll. Der Busfahrer beginnt eine allgemeine Durchsage. Es geht um die Begrüßung der Fahrgäste, Benutzung der Toilette, die voraussichtliche Dauer der Fahrt und hin und wieder ein paar scherzende Worte zur Auflockerung.
„Jeden Augenblick fahren wir los, dann ist er weg“, fügt sie hinzu.
Der Mann starrt sie weiter gnadenlos an. Und wenn er bislang dabei keine Miene verzogen hat, so formt sich jetzt langsam ein Grinsen in seinem Gesicht. Und das Grinsen gilt eindeutig Halina und ihrem Sohn.
„Was zum Teufel hat der für ein Problem, ist der pervers oder was?“, sagt sie zu sich. Kein anderer scheint den Fremden zu bemerken, entweder interessiert es niemanden, oder sie haben alle schon die Augen geschlossen, weil sie die Fahrt schlafend verbringen wollen.
Jetzt ertönen die Motorengeräusche. Gleich geht es los, dann hat dieser Spuk hier ein Ende. Sie hat ihren Sohn immer noch im Arm, um zu verhindern, dass dieser Kerl ihn noch einmal so ansehen kann. Sie agiert wie eine Löwenmutter, die ihr Junges um jeden Preis vor den zahlreichen unvorhersehbaren Gefahren der Natur schützen will. Und sie macht auch den Eindruck dazu imstande zu sein. Weiterhin erforscht sie seinen Blick genau und hält ihm Stand, ohne sich davon einschüchtern zu lassen.
Doch was war das? Haben sich seine Augen gerade bewegt? Schon wieder. Der Fremde richtet seine Augen immer kurz in Richtung des Busfahrers, um in seine Richtung zu weisen. Seine Pupillen zeigen immer nur kurz dorthin und kehren gleich wieder zu ihr zurück. Was soll das bedeuten?
Halina klopft erneut gegen die Scheibe und sieht den Mann fragend an. Doch der bleibt starr in seiner Pose und hält an seinen Augenbewegungen fest, die eine mechanische Gleichmäßigkeit zu haben scheinen, wie eine Uhr oder ein Metronom. Hin und her. Hin und her.
Der Busfahrer beendet seine Durchsage mit: „Das war es von meiner Seite, ich wünsche allen Fahrgästen eine angenehme Reise.“
In dem Augenblick, wo der Satz beendet ist, hört der Kerl plötzlich mit seinen Augenbewegungen auf und sieht nur noch zu ihr. Sein Grinsen wird mit einem Mal größer. Und blitzartig durchfährt sie die Gänsehaut ihres Lebens und ihr Herz schlägt auf einmal doppelt so schnell. Sie weiß, was das zu bedeuten hat. Und gerade in dem Moment, wo sie den Mund aufmachen und sich und ihren Sohn aufrichten will, betätigt der Busfahrer das Gaspedal und verursacht damit den Knall und das Feuer, das allen Fahrgästen den Tod verspricht.
Tanzende Figuren
„Meine Damen und Herren,ich heiße Sie recht herzlich Willkommen an diesem wundervollen Abend. Ich begrüße auch unsere Zuschauer,die von zu Hause aus zusehen. Wir haben wie immer etwas ganz Besonderes für Sie!“
Der Moderator,gekleidet in ein violett-golden gestreiftes Jackett,steigt aus einer Tür und tritt die Stufen hinab auf die Bühne. Es ist die Sorte Moderator,die mit theatralisch-überspitzter Stimme und ausfallenden Gesten auftritt. Er ist sehr kräftig gebaut,hat keine Haare auf dem Kopf und erinnert irgendwie an einen Mönch. Eine sehr bizarre Erscheinung.
„Heute Abend schauen wir auf zwei Menschen,die auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens sind. Und lassen Sie mich Ihnen noch Folgendes verraten: Sie sind auf ganz spezielle Weise eng verbunden.“Und mit diesen Worten formt sich bei ihm ein dickes Grinsegesicht.
Jetzt weiß ich,woran er mich noch erinnert: an einen Clown. Er sieht wirklich aus wie ein moderner Clown,zuständig für die Belustigung der zeitgenössischen Gesellschaft. Aber etwas stimmt hier trotzdem nicht,etwas,dass die ganze Sache noch viel absonderlicher erscheinen lässt. Über seinen beiden Augen befindet sich in der Mitte eine auffällige Falte,umgeben von weiteren kleineren Falten. Eine Spalte,die sich vor sich selbst versteckt,als würde man vehement seine Lippen aufeinanderpressen oder mit aller Kraft ein Auge zukneifen. Es könnte auch zugenäht oder zusammengetackert worden sein,sieht irgendwie schmerzhaft aus. Zusammen mit seinen beiden Augen formt es ein nach oben gerichtetes Dreieck. Hatte er einmal drei Augen?
Mit offener Hand deutet er auf ein sich öffnendes Tor im Hintergrund,durch das die beiden Teilnehmer auf einer Plattform zur Bühne gefahren werden.
„Aber sehen Sie selbst: das wohl spannendste Blind-Date-Erlebnis aller Zeiten!“
Die beiden Teilnehmer sitzen auf Stühlen Rücken an Rücken. Das Wortspiel des Moderators hat deshalb für Beifall gesorgt,weil sie beide tatsächlich blind und verbunden sind,und zwar durch ein dickes Tuch an ihren Augen und Seile,die um ihre beiden Körper geschnallt sind. In was für einen schlechten Scherz bin ich denn hier herein geraten? Ich sehe,dass einer der beiden Teilnehmer ich selbst bin. Ich sehe mich selbst. Von dem armen,unschuldigen Mädchen,das direkt hinter mir sitzt,weiß ich nichts,außer dass es ihre Entscheidung vermutlich genauso bereut wie ich meine.
Die Lichter an unseren Stühlen gehen abwechselnd nacheinander an und wieder aus,sodass immer ein Stuhl leuchtet,während der andere dunkel bleibt. Jedes Aufleuchten wird von einem elektrisch erzeugten Ton begleitet,und die Töne werden jedes Mal höher,um die Spannung zu erhöhen. Schließlich bleibt das Licht irgendwann bei mir stehen und ich leuchte. Der Moderator ist wieder dran:„Ah! Wunderbar,die Entscheidung steht also fest: Der Junge darf anfangen.“
Ein Beifall tobt durch das Studio. Die Zuschauer sind wie in einer Symbiose mit dem Moderator,sie zehren von ihm.
„Junge,erzähl ihr und uns von dir. Möglicherweise könntest du der Partner ihrer Träume sein.“Er hält mir das Mikrofon hin. Jetzt bin ich an der Reihe.
„Also,mein Name ist Krispin. Aber ich bevorzuge Kris,so nennen mich auch alle. Zu meinem Aussehen: ich habe braunes,lockiges Haar und grüne Augen. Ich bin eins achtzig groß,bin 25 und … ich habe Visionen.“
Der Moderator zieht das Mikrofon zu sich,um hineinzulachen. Und mit ihm beginnt auch das Publikum in Gelächter auszubrechen. Daraufhin hält er mir wieder das Mikrofon hin. Durch die Nase lasse ich etwas heraus,das wohl eine Mischung aus Lachen und Ausatmen ist. Ich spiele mit.
„Ja ehrlich,ich meine es ernst. Ich habe Visionen. Ich habe Albträume,finde so gut wie keinen ruhigen Schlaf. Ich hasse die Belanglosigkeit des Alltags,ich bin oft verwirrt,und manchmal glaube ich,dass die ganze Welt nur aus Spielfiguren besteht und ich der einzige menschliche Spieler bin. Außerdem esse ich keine Gurken.“
Wieder Gelächter. Das Publikum fühlt sich amüsiert und unterhalten,gut für sie.„In den guten Träumen wird dieser grauen Welt ein bisschen Sinn verliehen. Die sind zwar selten,aber diese Vorstellungen machen mir dann sogar Spaß.“
Der Moderator sagt:„Oh,wir haben es also mit einem erwachsenen Kind zu tun. Ich bin gespannt,was unsere weibliche Teilnehmerin dazu zu sagen hat.“
Ich öffne wieder die Augen und bringe damit diesen grässlichen Moderator und sein grauenhaftes Publikum zum Schweigen. Und dass, obwohl auch mich sehr interessiert hätte, was das Mädchen dazu gesagt hätte. Aber sie hätte wohl nur den Text gesprochen, den ich ihr in meiner Vorstellung zu Verfügung gestellt hätte, oder?
„Auf Wiedersehen!“, sagt eine weibliche Stimme irgendwo hinter mir. Das wäre also die Antwort? Hat ihr denn nichts an mir gefallen? Sitze ich vielleicht wirklich Rücken an Rücken an ein fremdes Mädchen gebunden? Ich drehe mich um. Und tatsächlich sitzt dort ein Mädchen, aber es verabschiedet sich nicht von mir, sondern von seinem Gesprächspartner, der jetzt aus dem Bus aussteigt, und den es im selben Moment noch durch einen MP3-Player ersetzt. Ich drehe mich wieder zurück.
Tagträume können einen wirklich aus der Realität holen. Ich reibe mir noch einmal meine Augen und reiße sie wieder auf. Jetzt bin ich wieder in der echten Welt und nur noch eine Bushaltestelle von meinem Zielort entfernt, die in weniger als drei Minuten erreicht ist. Der Bus hält am Rande des Stadtparks und ich steige aus.
Nachdem ich die nächste Häuserecke passiert habe, sehe ich unfreiwillig einen merkwürdigen Typen, der mich irgendwie an den Moderator von eben erinnert, aus einer öffentlichen Toilette kommen. Er hat ein schmerzverzerrtes Gesicht, als würde er sich vor sich selbst ekeln. Aber wenn er sich bereits vor sich selbst ekelt, wie sehr muss sich dann der Nächste, der da rein will, vor dem ekeln, was der da drinnen fabriziert hat? Und wie sehr muss sich das, was er fabriziert hat, vor ihm geekelt haben, dass es unbedingt aus ihm heraus wollte? Na ja, das ist zumindest für mich im Augenblick irrelevant. Ich gehe weiter Richtung Marktplatz.
Hier wartet Erik schon auf mich. Man könnte sagen, Erik ist mein bester Kumpel, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kennen. Genau gesagt kennen wir uns erst seit zweieinhalb Jahren, aber wir verbringen viel Zeit miteinander. Es ist so ein Ding, wo sich die Freundeskreise im Verborgenen überschneiden, und zwar durch eine Person, die niemand kennt oder die jeder längst vergessen hat, ohne es zu merken. Und ehe man sich versieht, sitzt man des Öfteren in großer Runde am Tisch und leert Gläser, bis es einem nicht mehr gut geht. Erik ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil von mir. Er hat schwarzes, kurzes Haar, ist größer als ich und wirkt irgendwie stabiler. Er ist konzentriert und klar bei Verstand, obwohl er immer die verrücktesten Theorien aufstellt. Und jedes Mal aufs Neue rätsele ich darüber, wie ernst er diese meint, denn häufig wanken sie am Rande jeglicher Absurdität.
Wir laufen auf der von einer kleinen Menschenmasse gepflasterten Straße. Der Weg führt uns immer tiefer in die Stadt hinein. Es ist eine mittelgroße Stadt. Nicht so klein, dass hier nichts los wäre, aber es ist auch nicht so viel los, dass man noch nie auf den Gedanken gekommen wäre, sie irgendwann zu verlassen. Heute findet hier ein Fest statt. Es ist eine Art Erntefest, aber immer mit der unterschwelligen Botschaft: Esst mehr Obst und Gemüse! Hört auf, die Tiere zu schlachten und ihr mit Stresshormonen übersätes Fleisch zu verspeisen! Wir sind aber nicht hier, um billig Gemüse einzukaufen. Wir sind hier, weil es Freitag ist und uns nichts Besseres einfällt.
Die alljährlichen Markt- und Straßenfeste. Eine beherzte Stimmung liegt in der Luft, und alle scheinen ihren Stress auf der Arbeit und daheim gelassen zu haben, um woanders neuen zu produzieren. Überall rechts und links die überdachten Stände. Überall diese Menschen, die einem ständig etwas aufquatschen wollen, für irgendeine gute Sache werbend. Überall die Standmieter, Obst und Gemüse verkaufend.
Aber nicht, dass es nicht auch einen Stand geben würde, an dem wir halt machen würden: „Obstwein und verschiedene Obstschnäpse.“ Das ist doch schon eher unser Ding. Hier stehen wir also jetzt, an diesem Tisch, und trinken einen Wein, der sowohl an Erdbeere als auch ein wenig an Himbeere erinnert, aber ebenso eine leichte Spur Zitrone durchschmecken lässt. Als ob jemand einfach irgendwelche beliebigen Früchte miteinander vermengt und einen Wein daraus gemacht hätte.
„Hey, sieh mal!“, kichert Erik. „Da drüben steht eine übergroße Tomate! Hahaha.“
Und da steht sie wirklich. Eine Tomate. Irgendwer steht dort auf der anderen Seite der Straße in einem viel zu großen Tomatenkostüm, um auf den Verkauf leckerer Obst- und Gemüsesorten aufmerksam zu machen. Jetzt dreht sie sich zu uns, mit einem breiten, gestellten Grinsen, während man sich nur allzu gut vorstellen kann, welchen Gesichtsausdruck im selben Moment die Person darunter wohl haben muss. Nicht einmal der anspruchsloseste und am leichtesten zu überzeugende Zuschauer da draußen hätte einem Schauspieler dieses falsche Grinsen abgekauft. Das erinnert mich an etwas.Die Menschen,Bürger,Kunden,Wähler,Zuschauer und Leser unterschätzen systematisch ihre eigene Rolle. Man kann nur etwas Beeindruckendes machen,wenn sich auch genug Leute davon beeindrucken lassen.
Die Worte hat Erik mir einmal gepredigt, an einem dieser langen Abende am Tisch. Und er hat recht. Ohne das Einverständnis der Mehrheit, und wenn es nur ein passives ist, geht gar nichts. Jede Theateraufführung funktioniert nur, wenn der Zuschauer den Schauspielern seine Vorstellungskraft leiht und sich von der Geschichte entführen lässt.
Dann sehen wir zwei halbstarke Jugendliche in Richtung der Tomate gehen, mit demselben Ausdruck in ihren Gesichtern wie dem, den man der Tomate wohl aufgemalt hatte. Nur hinter ihrem Grinsen steckt eine völlig andere Absicht.
Sobald sie vor ihr stehen, zwickt einer von ihnen heftig in die Seite ihres Kostüms, während der andere ein paar Birnen aus der Kiste daneben greift. Beide rennen sie sofort los, und die Tomate, die beinahe umgefallen wäre, rennt ihnen hinterher, als sie den Diebstahl bemerkt. Was für ein Anblick, eine fette, grinsende Tomate verfolgt zwei Jugendliche. Dann verschwinden sie irgendwo hinter einer Ecke aus unserem Sichtfeld. Ein sehr belustigendes Schauspiel.
Ich wende mich nun wieder Erik zu: „Kennst du das, wenn man das Gefühl hat, als würden alle einen verarschen, als wären alle nur gute Schauspieler und du eine Art Versuchsaffe? Stell dir doch mal vor, alle gaukeln sie die nur etwas vor. Oh Mann, das würde so vieles erklären. Manchmal warte ich wirklich nur noch darauf, dass sich jeder Teilnehmer dieser riesigen Vorstellung der Reihe nach mit wirklichem Namen vorstellt und dankend verbeugt, wie am Ende einer Aufführung oder beim Abspann nach einem Film.“
Mit scharfem Blick schaue ich Erik an, um genau seine Reaktion aufzunehmen. Möglicherweise gesteht er mir ja jetzt, dass alles nur Teil einer riesigen Verschwörung ist und ich mich nicht länger damit auseinandersetzen muss, was mit dieser Welt nicht stimmt. Vielleicht hat dieser ganze Zirkus ja endlich ein Ende.
„Und dann denke ich wieder, dass ich das nie herausfinden würde, wenn sie gut aufeinander abgestimmt wären. Also alles Gedankenverschwendung. Das Einzige, was ich dabei immer noch im Hinterkopf behalte, ist das Wissen darüber, dass ich dieses Versteckspiel wenigstens in Betracht gezogen habe. Wenn ich also doch letzten Endes recht behalten sollte und sie sich irgendwann dazu bekennen sollten, dann könnten sie sich nicht mehr einbilden, sie hätten mich damit völlig überrascht.“
„Also ich habe nichts mit einer solchen Verschwörung zu tun, das kann ich dir versichern. Das würde dir wahrscheinlich jeder, der sich gegen dich verschworen hat, auch sagen, aber mir kannst du’s glauben. Wenn, dann verarschen sie uns beide und wir werden nie dahinterkommen. Für die Ewigkeit verarscht, aber wenigstens nicht allein.“
„Wenn einer hört, was wir hier so reden, der muss uns für krank halten.“
„Na ja, nach deiner Theorie wären wir doch die einzig Gesunden.“
„Mann, du musst aber auch immer auf alles noch eine schlagfertige Antwort geben, oder? Du kannst es nicht einmal aushalten, einfach etwas stehen zu lassen, ohne dich dabei zu profilieren.“
Zuerst senkt er seinen Kopf, aber dann sieht er mich schweigend an, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Und allmählich gehen seine Gesichtszüge in ein hämisches Lächeln über. Und dann wird es auch mir klar. Es ist einfach nicht zu fassen! Sogar jetzt behält er seine Schlagfertigkeit, nämlich indem er den Mund hält.
Einen weiteren Becher Wein später gehen wir weiter in Richtung des Flusses, der durch unsere Stadt fließt. Kurze Zeit später gelangen wir an das ruhige Gewässer, und hinter uns steht ein penetrant hoch und breit gebautes Hotel in einem sehr merkwürdigen Stil. Alles daran ist komisch geformt und bunt bemalt, mit Farben aus einer anderen Welt. Die oberen Etagen ragen über den Fluss hinweg, während die unteren Etagen weiter hinten gelegen sind. Es scheint, als ob das Gebäude einen Oberkörper besitzt, der sich nach vorne lehnt, um nach etwas zu greifen, was der Unterkörper gar nicht braucht.
Als wir einen entspannten Platz gefunden haben und uns hinsetzen, sagt Erik sofort: „Ich hatte auf den Straßen hierher eben so viel Blicksex, dass ich erst einmal eine rauchen muss.“ Also zieht er etwas hervor, das sich als Joint entpuppt, und steckt es sich an.
Erik sagt: „Das mit nächster Woche steht noch, ja? Da ist der Tag der offenen Tür am Institut für Philosophie, und du wolltest mitkommen, weißt du noch?“
„Ja“, sage ich.
„Also?“
„Also was?“
„Also kommst du mit? Sag mal, was ist denn mit dir los?“
Beim Blick auf den Fluss war ich wieder einmal völlig in Gedanken versunken und habe ihm nicht zugehört. Aber ich kann nie genau sagen, was ich eigentlich gedacht habe, es passiert einfach.
„Ach so, klar bin ich dabei. Kann ich mir allerdings immer noch schwierig vorstellen“, sage ich. „Du als Philosoph und Entdecker des Sinnes des Lebens.“
„Aber ich entdecke doch nicht den Sinn des Lebens. Das haben irgendwelche anderen klugen Leute schon gemacht, und ich lerne von ihnen.“
Alles klar, ich selber habe also noch keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll, aber ich geh erst mal mit zu irgend so einer Veranstaltung von Philosophen. Mal ehrlich, ich habe keine Pläne, obwohl ich mir immer so einen Kopf mache. Ich bin am Arsch. Oh man, wenn ich nicht bald mal eine zündende Idee für meinen Lebensentwurf habe, bin ich voll am Arsch.
„Du bist im Arsch“, sagt Erik. „Wenn du das hier rauchst, bist du völlig im Arsch.“ Mit diesen Worten entlässt er den restlichen Rauch aus seiner Lunge und reicht mir den Stängel.
„Das bringt dich mal ein bisschen runter“, fügt er hinzu.
„Ich rauche kein Gras, und du solltest auch mal langsam damit aufhören. Immerhin studierst du ja bald.“
„Man, die rauchen da alle, das sind Philosophiestudenten. Denkst du, die Geheimnisse der Welt offenbaren sich einem, wenn man nüchtern ist? Komm schon! Du gehörst wohl auch zu den Leuten, die glauben, Rotkäppchen bringt ihrer Großmutter einen Korb voll Wein und Kuchen, oder? Mann, diese ganzen Märchen sind eine Lüge, die haben sich den Scheiß von morgens bis abends hinter gepfiffen.“
Ich nehme auch einen Zug, einen zweiten, einen dritten – und gebe ihn wieder zurück. Aber merken tue ich davon nicht viel.
Etwas später sitzen wir mit dem Gesicht zu diesem scheußlich aussehenden Gebäude. Unten in der Lounge scheint irgendeine Feier stattzufinden. Elektronische Musik, laute Beats, viele Farben und betrunkene Menschen, viel zu gut gekleidet für diesen Anlass. Ehrlich gesagt sind derartige Feierlichkeiten für mich nur sehr schwer zu ertragen. Aber glücklicherweise wurde ich dazu nicht eingeladen. Und ich will diese Stimme in meinem Kopf ausschalten, die die ganze Zeit über so laut ist, dass ich mit meiner echten Stimme gar nicht mehr weiß, was ich sagen soll. Jetzt bin ich hier, nur hier.
Und dann fällt mir etwas Merkwürdiges auf. Im Erdgeschoss, gleich rechts neben der Lounge mit der Party, geht das Licht an. Es ist nicht nur irgendein Licht, es ist verschiedenfarbig. Durch das große Fenster sehe ich, dass ein Beamer all diese Farben links an die leere Wand projiziert. Tanzende Figuren von Licht bewegen sich auf der Leinwand, während langsam schreitend mehrere Personen den Raum betreten. Und wie sie angezogen sind, feiner als fein.
Diese Männer, die sich jetzt setzen, sehen verdammt reich und mächtig aus, und so ernst. Es ist, als ob sie die Oper betreten hätten, eine sehr bedrückende Vorführung. Der Projektor wirft die Lichter an die Wand. Der Rest des Raumes ist vollkommen dunkel. Kein Geräusch dringt aus diesem Raum zu uns. Vielleicht ist es auch vollkommen still da drinnen, so sieht es jedenfalls aus. Aber mit der Musik von nebenan, aus der Lounge, ergibt das Schauspiel eine noch merkwürdigere Situation. Alle starren nur wie gebannt auf die Wand. Verschiedene Muster ergeben sich durch das Licht. Sehr kunstvolle und aufwendige Formen, die unterschiedlichsten Farben schnell und unerwartet einander abwechselnd. Ihre ruckelnden Bewegungen, betont von den abgehackten Beats aus dem anderen Raum. Vermutlich irgendeine Form von abstrakter Kunst. Mit kritischem Blick schauen die Gäste aufmerksam zu, als ob sie anschließend dafür eine Bewertung abgeben müssten. Sie wirken so nachdenklich und gebannt. Wie hypnotisiert.
Und wir beide sind ebenfalls wie in einen Bann versetzt. Diese Leute dort, was sind das für welche? Menschen aus einer anderen Zeit? Aliens? Unter den Gästen, oder was auch immer die sind, ist einer dabei, der hervorsticht. Er hat einen Zylinder auf dem Kopf, einen großen schwarzen Zylinder. Eigentlich merkwürdig, dass niemand etwas sagt, denn mit seinem Haupt müsste er allen anderen die Sicht versperren. Und was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt: Er dreht langsam seinen Kopf und starrt zu mir herüber. Als er in unsere Richtung guckt, bekomme ich eine Gänsehaut. Etwas furchterregend sieht der schon aus. Ich weiß nicht, ob es die Farben sind, aber sein Gesicht wirkt irgendwie leer. Jetzt nimmt er seinen Zylinder ab und verneigt ihn in meine Richtung, als ob er mich damit begrüßen will. Wer ist denn dieser Kerl – und was will der von mir?
„Was sind das denn für kranke Typen?“, sage ich. Daraufhin neigt der Mann seinen Kopf wieder zur Leinwand.
„Wieso?“, entgegnet Erik. „Lass die doch auch mal ihren Spaß haben. In dieser freien Welt darf jeder seine Fantasien ausleben, oder nicht?“
Dann scheint die ganze Sache also nur mir komisch vorzukommen, oder vielleicht liegt das auch an dem Gras. Meinetwegen sollen die doch alle machen, was sie wollen. Aber es ist etwas daran, dass mir trotzdem keine Ruhe lässt. Die Tatsache, dass dieser dunkel schimmernde Mann einer Figur ähnelt, die ich fast regelmäßig in meinen Träumen sehe, erschreckt mich irgendwie. Nur hatte diese Figur nie einen Zylinder – und sie hatte sich mir noch nie in der Wirklichkeit offenbart. Vielleicht wollte er sich mit dem Zylinder zuerst vor mir verstecken, um sich dann mit einem Gruß vor mir zu entpuppen. Was sollte dieser Gruß? Schauderhaft. Mich beschleicht der schreckliche Gedanke, dass er damit den Beginn von etwas einleiten wollte, was sich immer mehr in meinem Erleben bemerkbar macht. Das wahnsinnige Gefühl, nicht mehr unterscheiden zu können, was real ist und was fantasiert. Womöglich ist die Trennung zwischen Vorstellung und Wirklichkeit die eigentliche Illusion. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: Die Grenzen werden durchlässiger.
Sind Sie Herr Kopp?
Es ist später Abend. In einem wohlhabenden Haus in einer Siedlung am Rande einer anderen Stadt hört man ein Geräusch. Es klingt wie ein Warnsignal in einem U-Boot, welches einem mitteilen will, dass das Radar andere Schiffe in der Umgebung geortet hat. Zwei oder drei Töne wechseln schnell einander ab. In diesem Haus ist es das Telefon. Aber niemand scheint da zu sein, um den Anruf entgegenzunehmen. Das Telefon ruft nach Aufmerksamkeit, es klingelt einsam in den Flur hinein.
Doch dann hört man die Tür fallen und jemand kommt herein. Dieser jemand macht aber keine Anstalten, sich zu beeilen, um das Telefon zu erreichen. Stattdessen legt er in Ruhe seinen Mantel und die Schlüssel ab und betätigt dann die Lautsprechfunktion des Haustelefons. Aber mehr als ein unmotiviertes „Ja“ bringt er erst mal nicht heraus. Die Stimme am Hörer sagt: „Herr Kopp?“
„Ja.“ – Gleicher Tonfall.
„Ich bin Doktor Friedmann vom St. Vincent Krankenhaus. Wir haben den ganzen Tag über versucht, Sie zu erreichen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass es einen Unfall gegeben hat. Der Reisebus, in den Ihre Frau und Ihr Sohn heute Morgen eingestiegen sind, ist aus noch unbekannten Gründen in Flammen aufgegangen.“
Kopps Stimme schwenkt von Gleichgültigkeit in panische Besorgnis um. „Moment mal, was sagen Sie da? Wieso in Flammen? Was ist passiert?“
„Wir wissen nicht, wie es genau passiert ist. Viele Fahrgäste haben es leider nicht überlebt. Und ich bitte Sie, umgehend hierher ins Krankenhaus zu kommen!“
„Haben mein Sohn und meine Frau …?“
„Ich würde Sie wirklich bitten, so schnell wie möglich hierher zu kommen! Dann können wir über alles reden.“
„Bin gleich da.“
Und plötzlich läuft alles langsamer ab und die Umgebung verschwimmt. Kopp spürt, wie sein Herz immer schneller schlägt und sein ganzer Körper plötzlich so warm wird. Er fängt überall gleichzeitig zu schwitzen an, und der Schock verpasst ihm eine Gänsehaut. Kurz noch steht er starr und gelähmt im Flur, sein Blick an die Wand gefesselt.
Sobald er sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hat, steigt er direkt in seinen Wagen und begibt sich auf die Straße. Eine kurze Autofahrt später steht er in der Notaufnahme des St. Vincent Krankenhauses. Eine Schwester spricht ihn von der Seite an, als er nach seiner Familie sucht.
„Sind Sie Herr Kopp?“
Er dreht sich zu ihr. „Ja.“
„Gehen Sie bitte in das Zimmer 009. Da hinten auf der linken Seite.“
Daraufhin eilt er weiter den Gang entlang und hält auf der linken Seite Ausschau nach den Zimmernummern. 013 … 012 … 011 … 010 … 009, da ist es.
Das Zimmer ist abgedunkelt, nur eine kleine Lampe leuchtet neben dem Bett. Alles scheint irgendwie sehr ruhig und leer. Viel zu ruhig für das, was passiert ist. Doktor Friedmann steht mitten im Raum und wirkt etwas erleichtert, während er Kopp bemerkt.
„Sie müssen Herr Kopp sein. Gut, dass Sie es so schnell geschafft haben.“
Kopp tritt näher an das Bett heran und sieht seinen Sohn dort liegen, an eine Maschine angeschlossen.
„In diesem Zimmer haben wir Ihren Sohn Joel untergebracht. Er leidet an schweren inneren Verletzungen und liegt jetzt im Koma. Wir tun, was uns möglich ist, um ihn wieder da rauszuholen. Aber das wird seine Zeit dauern.“
„Wie lange?“
„Das können wir Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Wir können Ihnen nicht einmal sagen, wie die Chancen stehen, dass er wieder erwachen wird. Dafür ist es zu früh. Sobald wir was wissen, werden Sie unmittelbar darüber informiert.“
Kopp hockt sich neben das Bett, sieht Joel an und nimmt seine Hand. Die Ungewissheit ist das Schlimmste daran, weil man nicht sicher sein kann, ob man sich ein Fünkchen Hoffnung erlauben darf. Aber das ist noch nicht alles, es bleibt ja noch eine andere Frage.
„Und wo ist meine Frau?“
Ein schweres Atmen dringt von Seiten des Doktors an ihn heran. Also noch einmal. „Wo ist sie? Im Zimmer nebenan?“
„Herr Kopp …“
„Nein, nicht Herr Kopp! Ich habe sie nachFrauKopp gefragt!“
„Sie hat die Explosion leider nicht überlebt.“ Daraufhin sackt Kopp am Rande des Bettes zusammen und lehnt sich mit dem Rücken gegen das Bett, um nicht auf dem Boden liegen zu müssen. Sofort laufen ihm die ersten Tränen das Gesicht herunter.
In fassungslosem Leid versunken, spricht er ins Leere. „Was? Meine Frau ist tot?“
Der Doktor kommt zu ihm und berührt ihn an der Schulter. „Sie haben mein aufrichtiges Beileid. Es war ein schwerer Unfall. Bevor ihr Körper den Geist aufgegeben hat, war sie auch zunächst in einem komatösen Zustand, als sie hierher gebracht wurde. Ihr Bewusstsein ist also vor dem Brand geflüchtet, weshalb ich denke, dass sie keine Qualen leiden musste.“
Nach kurzem Schweigen redet der Doktor weiter: „Ich werde Sie beide jetzt allein lassen. Sie haben morgen einen Termin bei dem zuständigen Polizeibeamten. Er interviewt alle Beteiligten. Machen Sie es gut, Herr Kopp!“
Kopp bleibt noch immer fassungslos. Er weiß nicht, was er sagen oder denken soll. Alles daran überfordert ihn. Seine Frau Halina ist für immer weg, sein Sohn ist bewusstlos, und es bleibt abzuwarten, ob er überhaupt irgendwann richtig weiterleben wird. Das alles passiert so plötzlich. Eben noch wünschte er beiden eine wundervolle Urlaubswoche und küsste seine Halina zum Abschied, bevor er zur Arbeit fuhr. Aus dem Auto hatte er winkend zum Ausdruck gebracht, dass er sie beide nur widerwillig gehen ließ. Halina hätte diese Freizeit so dringend gebraucht. Und dann sind sie beide auf einmal weg oder nur noch körperlich anwesend.
In seinem Kopf hallen jene Worte wider, die der Doktor zu ihm gesagt hat: „Es war ein Unfall.“ Ein Unfall. Wie kann so etwas passieren? Und obwohl er sich dessen bewusst ist, dass die Antwort auf diese Frage weder seine Frau zurückholt noch seinen Sohn erwachen lässt, führt sie ihn zu einer grauenvollen Überzeugung: Es handelt sich um Mord, einen Terroranschlag oder etwas Ähnliches.
Nach einigen Minuten richtet er sich mühsam vom Boden auf, entweder, weil er irgendwann eingesehen hat, dass er anfangen muss, die Geschehnisse zu akzeptieren, oder weil er es einfach nicht länger ausgehalten hat, dort herumzukauern. Er tritt ans Fenster heran und sieht nach draußen. Dort ist es dunkel und still, Vollmond.
Piep,piep. Piep,piep.
Dieses Geräusch ist ihm vorher gar nicht aufgefallen. Es ist die Maschine, die Joel versorgt und die ihm das Leben retten könnte. Ihr rhythmisches Piepen verbindet sich mit der Ruhe, die in diesem Zimmer herrscht und die auch draußen zu herrschen scheint. Nichts bewegt sich da draußen, es ist alles so ruhig und leer. In diesem Moment melden sich die nächsten Fragen zu Wort: Was ist, wenn Joel zwar überlebt, aber für immer im Koma gefangen bleiben wird? Was ist, wenn er nie wieder wird gehen oder sprechen können? Das Piepen ist jetzt nur noch ein leises Seufzen irgendwo im Hintergrund. Ein letzter und schwacher Hoffnungsschimmer.
Unheil-Bar
Den ganzen Tag fühle ich mich wie erschlagen – ob es nun an dem Zeug liegt, was wir gestern geraucht haben oder ob es nur der schlechte Schlaf war. Es ist fast schmerzhaft, nicht richtig geschlafen zu haben, fühlt sich an wie eine Metallstange, die man mir von der Seite durch den Kopf gebohrt hat und die mich den ganzen Tag daran erinnert, wie dringend ich guten Schlaf brauche. Wie nervig.
Am Abend schleppe ich mich durch meine unaufgeräumte Wohnung bis in die Küche, vielleicht ist es sogar mehr ein Taumeln als ein Schleppen. Aber als ich vor dem Kühlschrank stehe, ist mein Kopf wie ausgeschaltet. Blackout. Ich weiß, dass ich irgendetwas wollte, aber es entzieht sich mir ganz plötzlich. Erst die Tatsache, dass ich an die Kühlschranktür starre, bringt mich wieder zurück auf den Plan. Ich öffne sie und erfreue mich an der belebenden Kälte, die mir entgegenkommt. Ich entnehme ein paar Utensilien und schließe sie wieder. Aus einem anderen Schrank hol ich das Brot dazu und setze mich mit meiner Ausrüstung an den Tisch.
Meine Atmung ist schnell und angestrengt. Entweder ist mein Körper wirklich überfordert oder er will mich wachhalten. Einen kurzen Moment bastele ich an der Brotverpackung herum, um die Plastikklemme, die das Brot luftdicht verschließt, zu entfernen. Das Ganze hat lächerlich lange gedauert, und wenn ich gerade mehr Kraft hätte, würde ich sogar über mich selbst lachen. Ich nehme zwei Scheiben Brot heraus und lege sie auf ein Brett …
Eine große Fläche von nichts umgeben. Voll mit Getreidepflanzen,die in der Melodie schwingen,die der Wind vorgibt. Erntekörbe bis zum Rand gefüllt mit Korn. Eine Mühle rackert am Fluss. Ich kann ihn plätschern hören. Dann eine Gemeinschaft von Hühnern,Eier legend,mit dem Ausdruck von Rebellion im Gesicht. Mehl und Gewürzmischungen,Wasser und eine heiße Flamme. Überdimensional große metallene Rührtöpfe verarbeiten den Teig.
Wie automatisch schieben sich diese Bilder vor mein Auge, wie in einer Diashow, eins nach dem anderen. Mit dem Unterschied, dass ich fühlen kann, was auf diesen Bildern passiert. Ich mache mir ein Geflügel-Tomaten-Sandwich, ziehe meine Straßenschuhe an und werfe eine Jacke über. Das Sandwich in der einen, den Schlüssel in der anderen Hand, verlasse ich meine Wohnung und einige Treppenstufen und einen Biss ins Brot später auch die Wohnhaustür. Draußen herrscht eine unruhige Atmosphäre. Es hat leicht zu regnen angefangen.
Man kann den Wind dabei beobachten, wie er einzelne Regentropfen durch die Gegend wirbelt. Jetzt fällt mir auf, wie ungewöhnlich stark der Wind heute ist. Es ist schon gewaltig, wie er sich jedes Mal aufbaut und allmählich zu einem wuchtigen, langsamen Peitschenhieb gegen die Häuserwände ausholt. Aber dort hängt er fest, das hört man. Er scheint auch alle Leute von den Straßen vertrieben zu haben, was mir auch erst jetzt klar wird. Hier ist niemand. Wo sind die alle? Ich warte an einer Kreuzung darauf, dass die Ampel auf Grün umschaltet. Dabei beiße ich noch zweimal in mein Sandwich, als es in meinem Kopf wieder zu blitzen anfängt …
Das rote Ampelmännchen steht starr und rührt sich nicht. Da kommen drei grüne Ampelmännchen zu ihm. Das eine zieht ihm am Arm,das zweite zieht an seinem Bein. Beide wollen ihn aus seiner Starre holen und in Bewegung versetzen. Das dritte Ampelmännchen jedoch bemerkt,dass sich das Wesen des fremdartigen Ampelmännchens vor allem durch seine rote Farbe auszeichnet,nicht durch seine Starre. Deshalb kommt es mit einem in grüner Farbe getunkten Pinsel daher,in der Hoffnung,es würde ihn zu einem der ihrigen machen. Doch was sie alle drei nicht verstehen,ist die Tatsache,dass das rote Ampelmännchen dadurch seinen Informationsgehalt verlieren würde,den Grund für seine Existenz. Und damit würden aber auch die grünen Männchen ihren Sinn verlieren. Und so würden sie nie wieder jemanden warnen. Alle Menschen würden einfach weitergehen und niemals stehen bleiben. Aber das gehört nicht zum Wissensschatz eines Ampelmännchens,das kann es nicht.
Sobald die Ampel auf Grün schaltet, komm ich automatisch zu mir und will gerade loslaufen, als ich merke, dass ein Bus noch an mir vorbei will, also lasse ich ihn. Das Fahrzeug biegt schnell um die Ecke, wodurch es mir nur einen kurzen Blick auf die Passagiere erlaubt. Und was ich dort sehe, ist wieder einmal typisch. Ein wunderschönes Mädchen mit einer viel zu starken Ausstrahlung, als dass man ihr standhalten könnte. Sie sieht mich im Vorbeifahren auch an. Und plötzlich durchfährt mich ein Kitzelgefühl, als ob man von irgendwo her runterfällt. Aber dieses Mädchen anzusehen fühlt sich gar nicht gut an. Es fühlt sich eher an wie ein Vorwurf: Warum rennst du nicht dem Bus hinterher und steigst an der nächsten Haltestelle mit ein? Warum sprichst du nicht mit mir? Der Bus zieht vorüber, die Straßen sind wieder leer, und ich gehe weiter.
