Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Deutschland, anno 1315. Adara von Unrichs Bruder Brandolf, ein ehemaliger Kreuzritter des Templerordens, wird nach seiner Heimkehr durch Herzog Meinrad als Ketzer verurteilt und vom herbeigerufenen Scharfrichter Marius gehängt. Der Herzog hat aus Rachsucht sich das Recht der Leibeigenschaft Adaras und somit am Familienbesitzes derer von Unrich vom Klerus absegnen lassen. Mainrad klagt Adara kurz darauf wegen Teufelsbuhlschaft an und übergibt sie dem Scharfrichter. Adara kann jedoch durch fremde Hilfe entfliehen. Somit geraten die wohldurchdachten Pläne des Herzogs durcheinander. Bei ihrer Flucht entführen Adara und ihre Befreier den Scharfrichter. Diese Geschicht handelt von einem Scharfrichter, der noch sozial geachtet wurde.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Mit besonderem Danke an …
meine zauberhaften Korrekturleserinnen
Dana & Eileen,
sowie an meine Lektorin
ohne deren Hilfe ich diese Geschichte
hätte nicht veröffentlichen können.
Prolog
Grauenvolle Nachrichten
Falsches Spiel
Die Hinrichtung
Weg des Verderbens
Familiengruft
Dem Scharfrichter übergeben
Unmoralische Absprache
Hilflos und im Herz berührt
Unerwartete Hilfe
Sühne und Leid
Pein
Kostet meine süße Rache
Unerwartete Wende
Wohl gemeinte Warnung
Frucht der Liebe
Hoffnung zerstreut
Suche
Entdeckt
Marius Geheimnis
Gespräch mit dem König
Unerfreuliches Wiedersehen
Des Königs Neffe
Aussprache
Großherzog und Großherzogin
Vasalleneid
Willkommen Zuhause oder auch nicht
Heilbereinigende Gespräche
Epilog
Anhang
Deutschland, Frühjahr, anno 1315
Die Mittagshitze lastete bleiern auf dem Land. Kein Lüftchen regte sich.
Drei Reiter kamen den Weg unterhalb des Waldes entlang geritten, deren Rösser voller Straßenstaub waren. Diese erregten die Aufmerksamkeit des Herzogs Meinrad, der mit einigen seiner Männer, nach einem Erkundungsritt, auf dem Weg zurück in die Stadt war. Handelsreisende konnten es nicht sein, denn die Männer waren mit Schwertern bewaffnet und einer von ihnen hatte einen Bogen in der dafür vorgesehenen Tasche hinter dem Sattel seines Pferdes festgeschnallt. Die Bewaffnung war einfach zu ungewöhnlich für Reisende oder einfache Bürger, zumal die gerittenen Rösser einer edlen Zucht abzustammen schienen.
Herzog Meinrad spannte seinen Körper an, um von seinem Ross aus die Reiter besser in Augenschein nehmen zu können. Er richtete sich noch ein wenig mehr im Sattel auf, als der Reiter in der Mitte seine Kapuze vom Kopf zog, sodass man sein Gesicht sehen konnte.
Meinrads Interesse an den Reitern schien für ihn eine günstige Fügung des Schicksals gewesen zu sein, denn im nächsten Augenblick konnte er seine Verblüffung nicht ganz vor seinen Männern verbergen. Dann jedoch legte sich ein gehässiges Grinsen auf seine Gesichtszüge, als er seine Männer anwies: »Die Männer dort auf dem Weg, greift diese sofort an, denn es sind gesuchte Kreuzritter. Lasst den in der Mitte am Leben, die anderen beiden Templerketzer könnt ihr töten!«
Seine Männer griffen die drei Reiter sogleich an, ehe diese überhaupt erahnen konnten, was vor sich ging.
Graf Brandolf von Unrich begriff sofort, dass die Stadtwache, als welcher er die Angreifer erkannte, sie nicht freundlich willkommen heißen wollte.
Auf dem Konzil von Vienne war ihr Templerorden formell aufgehoben und sechzig ihrer Ritterbrüder hingerichtet worden. Doch sie hatten mit elf Kampfgefährten entkommen können und erfahren, dass Ritter ihres Ordens im Heiligen Römischen Reich, zu dem Deutschland zählte und was ihre Heimat war, dass diese dort als Mönche weiterleben durften. Im Erzbistum Magdeburg war ein Teil ihrer zurückgekehrten Ritterbrüder in den Johanniterorden aufgenommen worden und andere waren wieder zu Privatleuten geworden. Burkhard III. hatte eine Vollmacht für den Johanniterorden ausgestellt, worin er aufforderte, dass taugliche und ehrbare Persönlichkeiten, die ehemals den Templern angehört hatten, zum Dienst und Nutzen des Ordens aufzunehmen und zuzulassen seien. Die drei Männer, die dem Adel angehörten, wollten nun zuerst ihre Familien aufsuchen, um ihre Besitztümer zu regeln und sich dann zum Johanniterorden begeben.
Brandolf schnaubte hörbar, als seine Hand sich auf seinen Schwertknauf legte. Mit leiser Stimme, in der Verzweiflung lag, sagte er: »Es war wohl keine gute Idee von euch, mit mir hierher zu kommen, Freunde. Verschwindet, wenn ihr könnt. Ich denke, sie wollen mich und sie sind in der Überzahl. Ich kann mir als Graf dieses Landes unter den Männern der Stadtwache kein Blutvergießen leisten, da ich zu meiner Schwester, wenn auch nur für kurze Zeit, heimkehren möchte. Vergesst mir jedoch euren Schwur nicht, sollte man mich gefangen nehmen, einkerkern oder gar töten, denn Meinrad hasst mich schon seit der Kindheit und wird gewiss alles daran setzen zu versuchen mich los zu werden!«
»Brandolf, wir bleiben an deiner Seite und werden diesem Herzog zeigen was wie in den letzten Jahren für Kampf erprobte Kämpfer geworden sind!«
Doch Brandolf wischte den Einwand seines Freundes mit einer kurzen Handbewegung beiseite. »Geht!«, sagte er nur.
Die Beiden blickten ihn entsetzt an und begriffen schließlich, dass es keinen Sinn hatte ihrem Kampfgefährten weiter zu widersprechen, denn er brachte sein Pferd mit einem Schenkeldruck zu einer schnelleren Gangart und zwar auf die heranreitenden Männer zu.
Brandolf hoffte nur, seine Freunde und Kampfgefährten würden so die Gelegenheit haben, den durch sein Verhalten entstehenden Moment der Verwirrung zu ihrer Flucht nutzen zu können. Seine Freunde schienen die Aussichtslosigkeit selbst zu erkennen, machten zwar noch zwei der herbeieilenden Gegner kampfunfähig bei ihrer Flucht, mussten ihren Freund aber wohl oder übel zurücklassen, denn Brandolf hielt sein Pferd auf einmal an, so dass das Tier sich auf die Hinterläufe stellte und sich dann mit einem Satz den auf sie zujagenden Wächtern entgegenwarf, um den anderen die Gelegenheit zur Flucht zu geben.
Brandolf hatte wirklich geglaubt, des Herren Wille hätte sie unversehrt aus dem Morgenland zurück in die Heimat geführt, um ihre Familien wieder sehen zu können. Die Hoffnung nicht mehr länger kämpfen zu müssen war in ihm aufgekeimt, nachdem sie erfahren hatten, dass der Mainzer Erzbischof, der Ludwig am 25.11.1314 in Aachen zum König gekrönt hatte, zumal auch Ludwig selbst, sehr zum Zorn des französischen Königs Philipp, sich gegen eine Verurteilung der Templer ausgesprochen hatte. Sie hatten zwölf ihrer Tempelbrüder zwei Tage zuvor auf Burg Lahneck1 im Glauben an eine störungsfreie Heimkehr und ein ruhiges Leben in Frieden zurückgelassen. Doch Brandolf und seine beiden Gefärten hatten sich auch darin geirrt, denn auch jene ihrer Brüder lieferten sich an diesem Tag einen erbitterten Kampf gegen die Soldaten des Erzbischofs Peter von Aichspalt, bei dem keiner von ihnen überlebte.
Brandolf duckte sich rasch unter einem halbherzig geführten Schwerthieb eines der Stadtwächter hinweg, nachdem dieser ihm zugerufen hatte, er solle sich ergeben. Doch das ging noch nicht; er musste verhindern, dass die Männer seinen Freunden nacheilten, erst dann konnte er sich ihnen auf Gnade oder Verderb ergeben. Er wich einem weiteren Mann aus. Brandolfs Augen verengten sich, als er Herzog Meinrad erblickte und er verpasste gleichzeitig dem nun wieder angreifenden Mann einen Schlag ins Gesicht, um ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen. Laut fluchend stürzte dieser, nach einem zweiten Schlag von Brandolf gegen den Kopf, vom Pferd.
»Im Namen des Herzogs, Ihr seid verhaftet!«, rief einer der anderen Wächter mit fester Stimme. »Legt Eure Waffen nieder und ergebt Euch!«, verlangte er beharrlich. »Sogar, Ihr Graf, Ihr dürftet erkennen, dass wir in der Übermacht sind! Seid kein Narr!«
Nur langsam ließ Brandolf das Schwert sinken und ergab sich.
Kurz darauf zerrte man den Edelmann von seinem Ross. Dann wurde er auf die Knie gezwungen.
Meinrad baute sich mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck vor seinem knienden Gefangenen auf und meinte: »Ich kann es nicht fassen, wen wir da eingefangen haben. Was für ein wundervoller Tag! Der vermisste Templer aus Jerusalem ist wieder da und wie mir scheint, noch wohlauf! Ich befürchte nur, das wird jedoch nicht lange so bleiben, so wie Ihr Euch dies wohl wünscht!«, spottete er. »Ihr hättet nicht zurückkommen sollen, Brandolf! Ihr und Eure uns nun wohl entkommenen Freunde, ihr sollt auch hier im Lande noch wegen eurer Taten verfolgt werden. Natürlich wäre es mir ein Vergnügen, Euer jämmerliches Leben nun mit meinem Schwert sogleich zu beenden. Doch verschafft mir der Gedanke durchaus ebenso einen großen Genuss, dass dies ein Kirchenmann für mich, nach Recht und Gesetz erledigen wird! Dies wird dem Inquisitor wohl gefallen und mir ist es nur recht, denn ich denke Euch verhören zu dürfen und bei Eurer Verurteilung auch ein Wörtchen mitsprechen zu können. Männer, fesselt ihn und dann bringt den Gefangenen in die Stadt, denn es wird ihm Ketzerei von der Kirche zur Last gelegt!«
»Ihr wart, seid und bleibt ein Bastard, Meinrad!«, zischte Brandolf, während man ihm die Hände auf den Rücken band.
Meinrad lachte zu Brandolfs Verwunderung nur, tätschelte ihm dann fast sachte die rechte Wange, während er belustigt meinte: »Der Herr dachte wohl, er würde nach seiner Rückkehr für seine Verfehlungen gänzlich in Ruhe gelassen.« Dieses Lachen, gab seinem Gesicht einen schadenfrohen Ausdruck. »Mit Euch werden wir im Verhörraum bei der Beweisführung gewiss mehr als unseren Spaß haben!«
Brandolf wurde mit den Worten: »Los hoch, Ketzer!«, auf die Beine gezerrt und Meinrad beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »Eure liebreizende, eingebildete Schwester und Euer Besitz werden bald mir gehören, mein Bester!«
Der Herzog zeigte in nächsten Augenblick auf einen seiner Männer: »Du reitest sogleich zum Kloster bei Hammelbach! Hochwürden Eliott, unser werter Inquisitor, hält sich dort auf. Teil ihm mit, dass wir seine Eminenz brauchen, um die Beweisführung bei dem Inquisitionsverfahren gegen den Templer Grafen von Unrich ob seiner Ketzerei zu leiten. Sag ihm, dass wir Graf Brandolf habhaft geworden sind, als er auf seinen Besitz zurückkehren wollte, dass dieser nun im Stadtkerker sitzt und auf sein Verfahren wartet. Eil dich!«
»Sehr wohl, Euer Gnaden!«
Als einer der Inquisitoren war Eliott als Sonderbeauftragter in Deutschland eingesetzt worden, um die geheimen Zufluchtsorte der Templer aufzuspüren und entdeckte Ketzer gefangen zu setzen, zu verhören und wenn nötig, diese auch zu verurteilen.
Meinrad hatte nun vor, seinen verhassten Widersacher aus dem Weg zu schaffen. Dies jedoch mit nach außenhin wirkend legalen Mitteln, um sich dessen Hab und Gut anzueignen. Dabei würde er seinen Spaß haben und mit der schönen Adara, der Schwester des Grafen, nach dessen Tod sein Bett bereichern können. Er freute sich jetzt schon darauf, sie dort zu zähmen und sich gefügig zu machen.
Zur Wahrheitsfindung bei Inquisitionsprozessen war die Folter nur mit Einschränkung erlaubt, da dem Betroffenen keine bleibenden körperlichen Schäden zugefügt werden durften. Das Verhör sollte in erster Linie zu Reue und Buße führen, doch wo durch Verstocktheit keine Schuldanerkennung erfolgte, da durfte auch gefoltert werden.
Meinrad kannte Brandolf nur zu gut und er wusste, dieser würde nie gestehen ein Ketzer zu sein. Der Inquisitor würde in diesem Zusammenhang erlauben ihn zu foltern und für dieses Handeln Meinrad persönlich die Absolution erteilen. Dies würde notariell von einem Schreiber beglaubigt werden. Es war mit keinem Strafnachlass oder - dessen Freiheit zu rechnen. Graf Brandolf von Unrich war somit schon so gut wie tot, denn der Prozess würde damit enden, dass er hingerichtet werden würde. Er würde schon dafür sorgen, selbst wenn Brandolf Vergehen zugab, das es bei der Vollstreckung der Todesstrafe kein Retentum2 durch eine geheime Urteilsklausel geben würde.
Der Inquisitor eilte noch am selben Nachmittag aus dem Kloster in die Stadt. Als er dort eintraf war es jedoch schon später Abend.
»Ich freue mich Euch zu sehen, Hochwürden Eliott«, meinte Meinrad.
»Die Freude hält sich im Moment bei mir etwas in Grenzen. Nur wegen Eurer Nachricht und der angeblichen Dringlichkeit, verpasse ich gerade ein üppiges Abendmahl, zu dem ich geladen wurde. Das bekommt meinem leiblichen Wohle nicht! Eure Nachricht hat jedoch sehr interessant geklungen, so dass ich schneller zu Euch eilte, als ich es sonst zu tun pflege.«
Meinrad machte eine vielsagende Geste und meinte gelassen: »Nun, ich denke, es ist auch für Euch gut, eine hervorragende Exekutionsbillanz von Ketzern aufweisen zu können. Wir haben, wie Ihr nun schon wisst, Graf Brandolf habhaft werden können. Aber ich verstehe Euch, ein knurrender Magen ist nicht schön! Brandolf sitzt gut bewacht im Kerker, so könnt Ihr auch Morgen noch zu ihm. Ich habe für Euch ein Gästezimmer richten und ein vorzügliches Mahl vorbereiten lassen.«
Der Geistliche hatte schon beim hereinkommen den himmlischen Duft von Essen wargenommen, so wurde sein Gesichtsausdruck etwas freundlicher.
»Ihr mögt doch pikant gewürzten Fasan? Und als Nachtisch gibt es eine Mandel-Kirsch-Speise.«
Wohlwollender sah der Geistliche den Herzog nun an und sprach zu Meinrad: »Ich danke Euch und werde mich in Euren Räumlichkeiten bestimmt gut ausruhen, Herzog!«
»Es ist mir eine Ehre! Doch dürfte ich Euch nach dem Abendmahl noch einmal kurz hier in meinem Amtszimmer empfangen, denn es geht mir um die Erbgräfin von Unrich, die von der Anklage und der Gefangennahme ihres Bruders noch nichts weiß. Ich hätte ihr bezüglich die Bitte, dass der Spruch gegen Brandolf schnell gefunden wird, damit Adara nicht lange unter der Ungewissheit über das Urteil leiden muss. Wenn Ihr also bereit wärt, ein Tribunal bestehend aus Euch, mir und dem Schreiber zu bilden, so denke ich, wäre dies ausreichend, um das Verhör zu führen und ein Urteil zu finden.«
»Ich denke, das ist in unser aller Sinn, zumal mir die Familie von Unrich bekannt ist«, äußerte sich der Kirschenmann zustimmend nickend auf Brandolfs Äußerung hin.
»Hochwürden, ich habe noch eine Bitte: Sollte es eventuell, wenn Brandolf geständig ist, bei ihn zu einer lebenslänglichen Gefangenschaft kommen oder seine Verstocktheit zu einer Hinrichtung führen, so ist dies im allgemeine mit der Beschlagnahmung des Eigentums des Verurteilten verbunden. Als Herr des Landteils fällt die Grafschaft wohl dann an mich. Sollte dies geschehen, so will ich die bedauernswerte Gräfin bei mir aufnehmen. Ihr Liebreiz entzückt mich, auch wenn sie gelegentlich ein etwas störrisches Wesen an den Tag legt. Dennoch, ich möchte sie abgesichert wissen. Das arme Ding kann doch nichts für die Tat ihres Bruders.«
»Warten wir ab, was das Verhör ergibt. Doch sollte es geschehen das Graf Brandolfs Schuld in diesem Rahmen festgestellt wird, so wird sie per Gesetz Euch unterstellt, mein werter Meinrad! Somit wird es wohl nicht nötig sein uns hier noch einmal zu treffen. Nach dem Mahl begebe ich mich der täglichen Pflicht des Stundengebetes und danach dem Schlafe hin. Brandolf sitzt wie Ihr sagt, sicher im Kerker verwahrt und so mitkann alles andere auch bis Morgen warten. Also, wo speise ich?«
»Bitte hier entlang, Hochwürden.«
Am nächsten Tag waren Inquisitor Eliott und Herzog Meinrad früh im Verhörraum des Stadtkerkers - Folterkammer war dafür jedoch eher das passende Wort.
Der Stadtschreiber trat kurz darauf ebenfalls ein.
Der Mann verbeugte sich ehrerbietig, vor den hohen Herrn. Verschloss die Tür danach hinter sich, trat an das Schreibpult heran, legte einige leere Pergamentseiten darauf und stellte ein Tintenfass mit Schreibfeder daneben.
Schließlich öffnete sich die Tür ein weiteres Mal und die Wachen zerrten Brandolf unsanft herein.
Der Inquisitor und Meinrad saßen nun schon etwas erhöht an einem Tisch.
»Dorthin mit ihm!«, wies Meinrad die Wachen an und zeigte auf den Flaschenzug, der von der Decke in der Mitte des Raumes hing.
Man zerrte Brandolf dorthin.
Die Wächter banden ihm die Hände verdreht hinter dem Rücken zusammen, das Seil wurde über die Rolle des Flaschenzugs geführt.
Der Schreiber griff zur Feder und seine Hand schwebte abwartend über dem Pergament.
Absolute Stille breitete sich im Raum aus, als Hochwürden Eliott sich von seinem Stuhl erhob und ins Licht der Fackeln trat, um sich den Gefangenen genauer anzusehen. Hochwürden kannte den Beschuldigten noch aus dessen Kinder- und Jugendtagen, denn er war oft Gast im Hause dessen Eltern gewesen, als diese noch lebten. Nun war Brandolf jedoch kein Jüngling mehr, sondern ein Mann. Ein Mann, der seinen Besitz seiner Schwester und einem Diener zur Verwaltung überlassen hatte und als Kämpfer in ferne Lande gezogen war. Hellblondes Haar fiel ihm in das vom Wetter gebräunte Gesicht. Die Jahre seiner Abwesenheit hatten ihn sichtlich verändert. Aus dem mageren Jüngling war ein von Muskeln bepackter Mann geworden. Auch das Templerleben hatte seine Spuren auf dem Körper hinterlassen, wenn auch keine besonders schlimmen. Diese bestanden, wie Hochwürden nun sah, aus einer kleinen Narbe über der linken Augenbraue und einige weitere Narben an den Armen und am Brustkorb waren erkennbar. Die anderen Blessuren, die sein Körper nun trug, waren frisch. Sie bestanden aus blauen und bräunlichen Flecken, die seinen entblößten Oberkörper zierten und eine bläuliche Verfärbung um sein rechtes Auge.
»Ihr hattet wohl schon eine nette Unterhaltung mit dem Herzog und seinen Männern gehabt?«, meinte Eliott.
Brandolf verdrehte die Augen, gab dem Gottesmann darauf jedoch keine Antwort. Er war sich bewusst, dass dies keine Frage war, sondern dessen Worte eher einer Bemerkung gleichkam.
Auf ein Zeichen Meinrads packte einer der Wachmänner nun Brandolf am Haarschopf und riss dessen Kopf unsanft in den Nacken. »Seht seine Eminenz an, Ihr Hundesohn, und antwortet, wenn Euch der Inquisitor eine Frage stellt!«
»Lass es gut sein, Wachmann!«, meinte Eliott. »Der Mann galt als Adeliger dieses Landes und wir haben nun die leidvolle Aufgabe ob der Anklage, ihm zu beweisen, dass er ein Ketzer ist.« Nun wandte Eliott sich wieder an Brandolf. »Da der von mir bestellte Scharfrichter noch nicht eingetroffen und kein Foltermeister anwesend ist, so haben wir die Aufgabe, Euch zu verhören. Nun, Brandolf, Ihr seid der Ketzerei beschuldigt. Dachtet wohl, Ihr könntet Euch dem Vorwurf entziehen und Euch einfach und unentdeckt nach Hause schleichen? Doch nun bekommt auch Ihr die Macht der Kirche sowie der Gerichtsbarkeit zu spüren! Wenn Ihr nicht redet und offen gesteht, dann sehe ich mich allerdings gezwungen auch Zuchtwerkzeug bei der Befragung einzusetzen.«
Eliott trat einen Schritt zu Seite, die lange rote Sutane bedeckte den fülligen Leib des Kirchenmannes. Eine auffällige Kette mit einem massiven goldenen Kreuz, hing um seinen Hals. Um zu untermalen, was er meinte, zeigte er auf die vorbereiteten Folterwerkzeuge.
»Ich habe nichts zu gestehen Hochwürden!«, erklärte Brandolf. »Ich bin kein Ketzer, und ich bin ein guter Christ!«
»Stadtwächter, erhitzt schon mal das Eisen, falls es von Nöten sein sollte«, befahl Eliott.
Behände schritt einer der Wächter zur Glutwanne, in der schon die Kohle glomm. Er nahm eines der Eisen hoch, die auf einem kleinen Holztisch neben Zangen und anderen Gerätschaften lagen, besah es sich und dann schwenkte er es in der Glut hin und her.
Herzog Meinrad wurde ungeduldig und rief: »Nun mach doch! Sollen wir hier versauern?«
»Verzeiht Euer Gnaden, es glüht ja schon!«
Eliott aber schüttelte verneinend den Kopf. »Noch nicht, wir werden mit einer solchen Befragung in der zweiten Stufe erst beginnen. So frage ich Euch, bereut Ihr Eure Schandtaten und steht Ihr zu Euren Sünden, die Euch von Papst und König als Kreuzritter zur Last gelegt wurden?«
»Was ich tat war keine Sünde, denn wären alle die, die für ihr Land, ihren Glauben und ihren Herrscher in den Kampf ziehen, Sünder, es bliebe kein Mann der sich als unschuldig bezeichnen dürfte!«
Die Miene von Hochwürden Eliott verfinsterte sich. »So, das ist also Eure Antwort und Meinung, Brandolf? Eure Blasphemie und Hochnäsigkeit sind schier unerträglich für mich! Aufziehen, so dass er gerade noch stehen kann«, kam der Befehl.«
»Ich werde gewiss vor Euch nicht zu Kreuze kriechen!«
»Nehmt doch Vernunft an!«
Brandolf hatte schon einiges hinter sich und er wusste, es war wohl bald vorbei. Warum dann schweigen? Gestehen würde er jedoch nie, was er nicht zu gestehen hatte, aber er würde sagen, was er dachte. »Was wisst Ihr denn schon von mir, Hochwürden? Was wisst Ihr, was im Heiligen Land geschehen ist? Ihr, der Ihr mit Eurem wohlgenährten Bauch in der sicheren Heimat wart, während gläubige Brüder um ihr Leben rangen? Ihr bildet Euch ein, ein Urteil über mich fällen zu können, nur weil wir vom Papst denunziert worden sind. Einem Mann, der nicht mehr lebt, ebenso wie der König, mit dem er gemeinsame Sache gemacht hat. Für Euch sind alle Kreuzritter schlecht. Doch ich denke, Ihr solltet nicht vorschnell über uns urteilen, vielleicht bin ausgerechnet ich es der Euch eines Tages, wenn der Feind ins Land einfällt, den Rücken decken wird und den Hintern rettet.«
»Für diese Blasphemie und Eure Überheblichkeit werdet Ihr alsbald in die Hölle fahren, Sünder! Zieht ihn etwas höher und bringt das Eisen!«
Das Seil ruckte, seine Arme wurden an den Händen nach oben gezogen und er verlor den Boden unter den Füßen.
Brandolf entkam ein vernehmbarer Seufzer.
Der Wächter ging mit dem Eisen in der Hand auf den Gefangenen zu.
Eliott musterte ihn mit einem forschenden Blick.
Brandolf zischte: »Nicht ich, sondern Ihr und Meinrad werdet nach Eurem Ableben zur Hölle fahren und mit euch beiden all die, die sich an uns und unseren Ordensbrüdern so schändlich vergangen haben! Hat man Euch nicht beigebracht Hochwürden, dass Menschen die anderen Menschen Unrecht tun, keinen Anteil am Himmelsreich haben?«
»Brennt ihn mit dem glühenden Eisen!«, sagte Meinrad.
Als der Wächter den Geistlichen fragend ansah, nickte Hochwürden nur.
Meinrad grinste hämisch, als der Mann nun das glühende Eisen gegen die rechte Körperseite des Gefangenen drückte.
Brandolf schrie kurz auf. »Ahrrrrrg…« Doch konnte ihn selbst der Schmerz nicht davon abbringen, seiner Wut freien Lauf zulassen: »Ihr … werdet Euch … dafür selbst … vor dem Herrn … verantworten müssen!«
»Brennt ihn noch einmal, am Oberschenkel, solange das Eisen noch heiß ist!«, rief Meinrad.
Nach endlosen Sekunden des Schmerzes löste der Wächter das Eisen wieder von Brandolfs Haut.
Meinrad nahm den Geruch von verbranntem Fleisch wahr. Einer seiner lang gehegten Träume war mit Brandolfs Gefangennahme schon in Erfüllung gegangen und er durfte ihn nun sogar mit dem Segen eines Geistlichen quälen lassen. Es gab so viele Arten der Folter … so viel Pein, die man bereiten konnte … er genoss es!
Brandolf sah das gehässige Grinsen von Meinrad und konnte sich ein weiteres Mal nicht zurückhalten. »Meinrad … Ihr verdammter Hundesohn. Ihr solltet hier stehen! Ihr foltert, tötet und verbrennt Unschuldige aus reiner Lust am Quälen! Glaubt nicht, dass ich nicht weiß, was während meiner Abwesenheit hier vor sich gegangen ist. Selbst Nachrichten aus der Heimat erreichen Jerusalem.«
»Haltet Euer dreckiges Mundwerk, Ketzer!«, fauchte Meinrad. »Hochwürden, er erscheint mir unbelehrbar. Wir sollten ihn dafür peitschen lassen!« Der Herzog warf Brandolf einen belustigten Blick zu und meinte, ohne eine Antwort des Inquisitors abzuwarten: »Peitscht diesen Ketzer bis er seine Sünden herausschreit!«
Kurz runzelte der Inquisitor zwar die Stirn, wandte sich dann aber mit einem kurzen Nicken vom Gefangenen ab. »Tut, was getan werden muss. Ich denke es schadet nichts, wenn Ihr es nicht übertreibt. Ein paar Peitschenhiebe werden ihn vielleicht dann doch lehren seine unverschämte Zunge im Zaun zu halten. Doch ich fordere Euch hiermit auf, Euch unter Kontrolle zu halten. Ich warne Euch, tötet ihn nicht, denn er soll geläutert werden und seine Aussage machen!«
Meinrad ließ seinen Blick auf Brandolf ruhen. Er wusste, der Graf kannte die Wahrheit warum ihm dies hier wiederfuhr. Es hatte überhaupt nichts mit seinem zerschlagenen Orden und der Tatsache, dass er Kreuzfahrer gewesen war zu tun. Auch des Herzogs Männer kannten die Wahrheit wohl, außer vielleicht Eliott, diese arglose Seele von Gottesmann, der das Zusammenspiel von Intrige, Rachsucht und Machthunger wohl nicht erkennen wollte.
»Ich denke, ihr habt des Inquisitors Worte gehört? Los Mann, peitsch ihn aus!«
Meinrads Mundwinkel verzogen sich zu einer noch breiter grinsenden Fratze. Denn die Vorstellung, bald die Schmerzensschreie Brandolfs erneut zu hören, beflügelte seinen sadistischen Geist.
»Wie ihr befehlt, Euer Gnaden!«
Eliott sah Meinrad an. »Ich denke, Ihr braucht mich im Moment nicht. Aber versteht, es soll niemand behaupten können wir würden uns nicht an die Gesetze zur Befragung von Ketzerverdächtigen halten, nicht wahr? Also lasst den Schreiber dabei anwesend sein und alles notieren!«
»Wie Ihr wünscht, Hochwürden!«, meinte Meinrad zuckersüß.
Meinrad blickte dem sich entfernenden Inquisitor nach, bis sich die Kammertür hinter diesem geschlossen hatte. Dann richtete sich seine Aufmerksamkeit erneut auf Brandolf und den Wächter, der diesen mittlerweile mit einer Peitsche drangsalierte.
»Mein Gott! Mach es ihm nicht zu leicht! Gib mir die Peitsche!«, befahl Meinrad dem Mann. »Ich zeig dir jetzt einmal wie man das macht!«
Meinrad schlug so kräftig zu, wie er nur konnte. »Hörst du wie es klatscht?«
Es bereitete Meinrad sichtlich Freude ihm die schlimmsten Schmerzen zuzufügen, ihn zu erniedrigen, zu schlagen. Wieder und wieder erklang der Knall der Peitsche und hinterließ blutige Spuren auf Brandolfs Rücken.
Erst als Blut in Strömen aus der aufgeplatzten Haut rann, ließ Meinrad die Peitsche sinken. Sein Arm schmerzte, doch er war noch nicht bereit, Brandolf zu schonen. »So jetzt kannst du weitermachen, Mann!«, meinte Meinrad und reichte dem Wächter die Peitsche.
Nach einer geraumen Zeit ließ das Stöhnen Brandolfs nach.
»Euer Gnaden, er hält nicht mehr lange durch«, meinte der Wächter.
Meinrad trat wieder ein wenig näher und ließ seinen Blick über den Gefolterten schweifen.
Brandolf hing ermattet und fast bewusstlos am Seil.
»Hmmmmmm…«, meinte Meinrad. Mit einem kurzen, nachdenklichen Blick sah der Herzog in das Gesicht seines Opfers. »Du hast Recht, er hat genug. Bereiten wir dem erst einmal ein Ende.« Dann äußerte Meinrad wie beiläufig: »Ich denke, ich sollte morgen wohl eine Nachricht an sein Schwesterherz schicken. Sie sollte doch wissen, dass ihr Bruder heimgekehrt ist, bevor wir ihn als Ketzer hinrichten.« Sein Blick glitt zum Schreiber hinüber und er fuhr in einem freundlicheren Ton fort: »Mein verehrter Schreiber, da der Ketzer nicht gestanden hat, sollten wir das Beste für ihn aus der Situation machen. Ich schlage vor, Barmherzigkeit an ihm zu üben und ihm weitere solcher Befragungsstunden zu ersparen. Überantworten wir seine Seele Hochwürdens Gerechtigkeitssinn, indem Ihr im Verhörprotokoll bestätigt, dass er im Punkte der Anklage geständig war!«
»Wenn er aber widerruft und auf den Wiederruf beharrt?«
»So wird er erneut befragt und zwar auf dem Folterbrett. Sein Schicksal ist besiegelt, der Teufel erwartet den Templer bereits, um ihn mit seinen Brüdern im Fegefeuer zu vereinen. Ich selbst möchte ihn aus bestimmten Gründen nicht dem Verbrennungstot ausliefern. Ich denke, ihm sollte die besondere Milde des Erhängungstodes zugedacht werden.«
»Aber Herzog, das Feuer eines Scheiterhaufens ist doch das einzige effektive Mittel, um die Seele eines Sünders, der der Ketzerei überführt wurde vollständig zu reinigen, also somit die einzige Möglichkeit, um alle Sünden los zu werden.«
»Ich dachte, Ihr seid Euch darüber im Klaren, wem Ihr Euren Posten als Stadtschreiber zu verdanken habt und wüsstet was Ihr mir Schuldet.«
Der Schreiber nickte dem Herzog schweigend zu, denn er wollte dessen Gunst nicht für einen Mann verlieren, der des Todes war.
Zufrieden wandte sich Meinrad an seine beiden Männer.
»Macht ihn los und bringt ihn in die Zelle zurück. Ich habe Hochwürden nun von unserem Befragungsergebnis zu unterrichten.«
Herzog Meinrads Augen leuchteten triumphierend, als er den Verhörraum verließ. Was war er doch für ein schlauer Kerl! Man musste eben mit allen Mitteln für eine gerechte Ordnung in diesem Land kämpfen, wenn man etwas erreichen wollte! Warum nicht ein kirchliches Gesetz und den Hass des Klerus gegen den Erzfeind nutzen, wenn man diesem damit den Tod bescheren konnte, dazu dessen Güter in Besitz nehmen konnte und dessen Schwester als Weib bekam, wo man diese seit Jahren zu beschlafen begehrte?
1Im Gedicht 'Die Templer von Lahneck' verband im 18. Jahrhundert der deutsche Dichter Wolfgang Müller von Königswinter, ebenso wie auch der deutsche Lehrer und Schriftsteller Christoph Ferdinand Heinrich Pröhle in seiner Sagengeschichte ‘Die Tempelherren auf der Burg Lahneck', die Geschichte der Templer sowie das historische Wissen über den Untergang des Ordens und deren Templerhäuser mit den altertümlichen Bauwerker-Ruinen der Burg von Lahneck. Er beschrieb in seinem Werk den Untergang der vermeintlichen 12 Ritter des Ordens. Da keine Datumsangabe existiert, habe ich diese Sage mit dem Datum meiner Geschichte kombiniert.
Weiteres über die rheinische Sage und den Hinweis zum Quellentext ist im Anhang nachzulesen.
2 Retentum - Milderung bei der Vollstreckung der Todesstrafe.
Das Tor des gräflichen Herrschaftssitzes, derer von Unrich war bereits für die Nacht geschlossen und verriegelt worden, als ein heftiges Klopfen den treuen Diener Rohan aufschreckte. Der Mann von großer Statur und leicht angegrauten Schläfen war einer der wenigen Bediensteten, den die Erbgräfin und ihr Bruder, der Graf des Anwesens, hatten. So eilte Rohan mit einer Laterne in der Hand zum Tor und sah nach, wer um die späte Stunde noch Einlass begehrte.
Vor dem Tor standen fünf berittene Männer der Stadtwache nebst ihrem Leutnant Ulrich und hatten in des Herzogs Namen, eine Nachricht zu übermitteln.
Gräfin Adara wusste bereits, dass der Großmeister der Templer Jacques de Molay, sowie Gottfried von Charney, mit zwei weiteren hohen Würdenträgern des Kreuzritterordens am 18.März 1314 bei lebendigem Leibe in Paris verbrannt worden waren. Auf dem Scheiterhaufen stehend, solle Jacques seine Peiniger und die seiner Ordensbrüder verflucht und ihnen gedroht haben, dass diese noch im selben Jahr für ihre Tat vor ihren Herrn berufen würden, um sich vor diesem zu verantworten. Auch war bekannt, dass weitere Templer hingerichtet worden waren. Nur einen Monat später war Papst Clemens der Ruhr erlegen und ein halbes Jahr danach, war König Philipp an den Folgen eines Reitunfalls gestorben.
Adara bangte somit schon seit Monaten um ihren Bruder, der dem Templerorden ebenfalls angehörte und von dem sie bis zu diesem Tag keine Nachricht über sein Befinden und seinen Verbleib erhalten hatte.
Adara las das Pergament, das der Leutnant der Stadtwache ihr gereicht hatte.
Schon nach der ersten Zeile wurde ihr Gesicht aschfahl und ihre Lippen begannen zu zittern. »Nein!«, flüsterte sie. »Das ist alles doch bestimmt nur ein Missverständnis, Leutnant Ulrich?«
Der Mann schüttelte nur verneinend den Kopf.
»Das ist nicht wahr! Mein Bruder ist kein Ketzer!«
Der Leutnant warf Adara einen abschätzigen Blick zu und gab dann seinen Männern Anweisungen, das Tor des Gutshofes zu schließen und vor diesem sofort Stellung zu beziehen, da alle Bewohner des Hauses nun erst einmal unter Arrest standen. Des Leutnants Gesichtsausdruck wirkte hart, als er meinte: »Ich muss erwähnen, Ihr steht auf Befehl des Herzogs hin, derzeit unter Arrest, Gräfin Adara.« Seine Stimme wurde bei den nächsten Worten ein wenig weicher. »Versteht bitte: Ich führe nur meine Befehle aus und tue, was ich tun muss, Gräfin Adara!«
Er als Leutnant der Stadtwache durfte einen Befehl des Herzogs nicht in Frage stellen, obwohl er so etwas wie Mitleid für die junge Gräfin empfand. Aber Ulrich wusste: Wer sich dem Herzog widersetzte, der wurde hart bestraft. Nicht selten hatte er die Schreie derer, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten, aus dem Kerker bis nach oben in die Wachstube gehört oder hatte sogar selbst bei der Bestrafung einer seiner Männer oder Kameraden mit Hand anlegen müssen. Leutnant Ulrich sah nun zwar Ärger auf sich zukommen. Kein Zweifel: Der Herzog würde nicht von seiner eigenwilligen Entscheidung begeistert sein, als er Adara ansah und erklärte: »Um in die Stadt zurückzukehren, dazu ist es heute zu spät. Wir bestehen also darauf, hier bei Euch auf dem Landsitz Quartier zu beziehen, um dann morgen nach Sonnenaufgang mit Euch in die Stadt zu reiten.«
Er wollte der Gräfin damit etwas Zeit gewähren, um den ersten Schock zu verkraften, den die Nachricht sichtlich bei ihr hinterlassen hatte.
»Ehrlich gesagt, ich möchte so schnell wie möglich in die Stadt! Wir …«
Sie kam nicht dazu weiterzusprechen, denn Leutnant Ulrich fiel ihr ins Wort: »Ihr werdet Euch bis morgen gedulden müssen, Gräfin!«
Rohan war sehr stolz auf die Freundschaft, die ihn und die gräflichen Geschwister verband. Der Verlust der Eltern und die Jahre der Abwesenheit von Brandolf, hatten Adara und ihn noch enger zusammengeschweißt.
»Adara, du brauchst nach der Nachricht erst einmal Ruhe, du bist durcheinander.«, meinte Rohan.
»Nein Rohan, lass mich, ich kann jetzt nicht ruhen! Ich habe schreckliche Angst um Brandolf, sie haben ihn vielleicht schon gefoltert. Wer weiß wozu der Herzog fähig ist! Ich muss …«
»Morgen!«
Seltsamerweise sagte dieses eine Wort mehr, als Adara ertragen konnte. Die Ungewissheit über Brandolfs Zustand war einfach zu viel für ihre Nerven. Die ersten Tränen liefen über ihre Wangen. Eine entsetzliche Ahnung stieg plötzlich in ihr auf, dass sie ihren Bruder nun auch verlieren würde.
»Ich glaube, Leutnant Ulrich wollte dir etwas Zeit geben, um dich der Sache ein wenig besser wappnen zu können.«
Rohan griff nach ihrer Hand, als Adara anfing zu zittern und hielt sie so fest er konnte. Er wollte sie beschützen, sie trösten, ihr Hoffnung machen, doch er konnte nichts sagen. Er wusste, dass Adara den Anblick, sollte Brandolf gerichtet werden, nicht ertragen konnte und er fühlte sich hilflos und verzweifelt, zumal er Adara nicht begleiten durfte, wie man ihnen soeben mitgeteilt hatte.
Adara atmete tief ein, entzog ihrem väterlichen Freund und Diener die zitternde Hand, erhob sich und blickte aus dem Fenster, als sie sagte: »Wenn wir Morgen fort sind, dann schicke die Haushilfe, die beiden Mägde und den Stallburschen heim zu ihren Familien. Bezahle sie gut und sage ihnen, dass wir sie, wenn wie sie wieder benötigen, holen werden! Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, Rohan!« Sie sah ihn an und lächelte bitter. »Vielleicht solltest du auch gehen! Ich habe das Gefühl, dass der Herzog seine Finger im Spiel hat und wenn ich an die Templer und ihren Großmeister Jacques de Molar denke, dass es ein schlimmes Ende mit Brandolf und unserem Familienbesitz nimmt.«
Rohan war erschrocken über Adaras Worte. Er sagte jedoch: »Wie du willst! Ich schicke die anderen fort, doch ich bleibe, mein Mädchen! Mir bleibt zwar nichts anderes übrig, als mich der Anordnung des Leutnants zu beugen, dich nicht zu begleiten, um nicht auch im Kerker zu landen. Aber, ich lasse dich und Brandolf auf keinen Fall im Stich!«
Adara war verzweifelt. Ruhelos wanderte sie in ihrem Schlafgemach umher, denn sie brachte kein Auge zu. Nun endlich, nach vier langen und von Ängsten geprägten Jahren, war ihr geliebter Bruder, der Tempelritter und Herr dieses Hauses heimgekehrt. Doch noch bevor er den Familienbesitz überhaupt erreicht hatte, als angeblicher Ketzer von den Männern des Herzogs verhaftet und in den Stadtkerker geworfen worden. Adara, als seine Schwester und einzige lebende Verwandte, hatte der Herzog nun eskortiert durch seine Männer in die Stadt befohlen. Im Schreiben stand, dass Brandolf schon verurteilt worden sei und dass sie der nun folgenden Hinrichtung ihres Ketzerbruders, wie Meinrad ihn in seinem Schreiben nannte, als Zeugin beizuwohnen hatte.
So hatte man die junge Gräfin nun am nächsten Tag unter der Eskorte der Soldaten in die Stadt gebracht. Ihr treuer Diener und väterlicher Freund Rohan hatte die junge Adelsfrau, die ihm so sehr am Herz lag als sei sie seine eigene Tochter, auf diesen schweren Weg begleiten wollen, doch man hatte dies jeglichen Bediensteten untersagt und eine Zuwiderhandlung dieses Befehls unter die Androhung einer Kerkerhaft gestellt. Adara war somit nichts anderes übriggeblieben, als sich der Anordnung zu beugen. Dies alles war der erste Schritt von Herzog Meinrad die junge, alsbald Familien lose Erbgräfin, die er schon lange als Weib begehrte und das Land der Grafenfamilie für sich zu bekommen.
Herzog Meinrad, der Mann mit den dunkelbraunen Haaren, dem gepflegten Spitzbart und eng beieinanderstehenden, dunkelgrauen Augen, hoffte inständig, dass seine Intrige nach seinen Vorstellungen funktionierte. Und es lief für den Anfang sogar besser, als er zuvor erwartet hatte.
Natürlich gab er sich keinen Illusionen hin, dass Adara ihm so einfach um den Hals fiel und sich im freiwillig hingab. Auch wusste er nur zu gut, dass die Geschichte mit Graf Brandolf einer genaueren Überprüfung wohl nicht wirklich standhalten würde, doch die Zeit arbeitete im Moment für ihn. Die erhobene Anklage und das Urteil konnten noch einmal durch ein Tribunal geprüft werden, doch dazu musste es erst einmal jemanden geben, der dieses Urteil bei einer höheren kirchlichen Instanz oder beim König selbst, anfechten würde. Der König war derzeit schon einmal nicht im Lande. Eine Eingabe und Anfechtung würde somit Zeit in Anspruch nehmen und die stand im Augenblick der jungen Gräfin nicht zur Verfügung. Zu seinem Glück war Hochwürden Eliott, der ehrenwerte Inquisitor, ein wenig voreingenommen gegenüber den ehemaligen Mitgliedern des zerschlagenen Templerordens und dieser hochwürdige Mann wollte natürlich seine Frömmigkeit und seine Treue zur Kirche in einem guten Licht dastehen lassen. Zudem war Eliott auch ein wenig geldgierig, wie Meinrad wusste. Wenn also etwas schieflaufen sollte, dann würde er mit ein paar Münzen aus seiner Geldkatze1 der Sache wohl ein wenig nachhelfen können. Da dem gutgläubigen Kirchenmann von ihm zugesichert worden war, dass er mit seinem Handeln nur das Beste für die leidgeprüfte Adara bezwecke, genügte dies, um keine Bedenken an der Richtigkeit die Grafschaft ihm zukommen zu lassen.
So kam der Dominikaner Eliott - der Hund des Herrn2, - der im Auftrag der Kirche Ketzer verfolgte, um dann über diese Inquisitionsverfahren abhielt, auch alsbald in des Herzogs Arbeitszimmer geeilt. Das Arbeitszimmer war klein und dunkel, da durch das bleiverglaste Fenster, nur wenig Licht einfiel. Der Kirchenmann eilte zum Schreibtisch und verkündete: »Hier, mein werter Herzog, sind alle benötigten Dokumente.« Er legte einige Schriftrollen auf des Herzogs Schreibpult, mit den Worten: »Dies ist das Todesurteil für den Templerketzer Brandolf und dies hier die Urkunde für die Übertragung der Grafschaft derer von Unrich an Euch, als Lehnsherr. Die Urkunde habe ich bereits auch unterschrieben und beide Pergamente wurden von mir mit den nötigen Siegeln versehen. Gräfin Adara wird Euch somit als Leibeigene unterstellt und Ihr habt nach der Hinrichtung ihres Bruders die Muntgewalt3 über sie.«
Meinrad sah sich die Pergamentrollen an. Nun hatte er es also geschafft. Die Grafengeschwister waren entmachtet und die schöne Adara würde alsbald ihm gehören. Adaras Bruder, als letzter männlicher Familienangehöriger, würde bald tot sein. Er dachte nicht, so schnell an sein Ziel zu gelangen.
»Nun, damit ist das traurige Schicksal der von Unrich und deren Grafschaft wohl besiegelt. Ich danke Euch, Hochwürden Eliott und werde mich bei Euch für diese Güte … erkenntlich zeigen! Meine baldige Gemahlin wird dies gewiss auch tun!«
Diese Unterredung und die Übergabe der beurkundeten Schriften war nun einen Tag her. Meinrad hatte somit noch am gleichen Mittag des Tages seine Männer losgeschickt, um die Gräfin, die nun laut dieser Dokumente alles verloren hatte, in die Stadt zu eskortieren. Doch wo blieben dieser Ulrich und seine Männer nur mit ihr?
Die Stadtwache hatte mit der in Gewahrsam genommenen Adara die Stadt erreicht.
»Gräfin Adara, kommt bitte, der Herzog erwartet Euch!«
Die Stimme des Leutnants riss Adara aus ihren Gedanken. Etwas schwerfällig stieg sie vom Pferd, übergab einem der wartenden Stallburschen die Zügel ihres Reittieres und schritt wortlos hinter dem Leutnant her. Sie war kraftlos, denn sie hatte die Nacht schlaflos verbracht.
Leutnant Ulrich klopfte an die Tür des Arbeitszimmers seines Herrn. Er biss dabei sichtlich nervös auf seiner Unterlippe herum und hoffte nur, dass der Herzog nicht allzu ungehalten auf die Verzögerung reagieren würde.
Als er ein Herein hörte, öffnete er die Tür. Er verbeugte sich tief, stand dann stramm und meinte: »Verzeiht, Euer Gnaden!«
Der Herzog sah seinen Leutnant, mit vor Wut hochrotem Kopf an. »Verdammt, wo wart Ihr so lange, Ulrich?«
»Es war gestern schon sehr spät, mein Herr, als wir das Anwesen der von Unrich erreicht hatten. Man hatte sich dort bereits für die Nacht vorbereitet und um in die Stadt zurück zu reiten war es bereits zu dunkel. Ich hatte mich daher aus Rücksicht und zur Sicherheit der jungen Frau Gräfin gegenüber, dafür entschieden, dort zu nächtigen und wir sind somit erst bei Tagesanbruch hierher aufgebrochen. Verzeiht meine Eigenmächtigkeit, mein Herr!«
»Dies sei Euch gerade noch mal verziehen, Ulrich.«
Adara versuchte sich im Hintergrund zu halten, da sie sich vor dem Herzog fürchtete.
»Doch wo ist Gräfin Adara?«
Der Leutnant drehte sich um: »Gräfin Adara, bitte!«
Adara hatte sich bereits gewappnet. Sie würde ihren Bruder mit allen Mitteln verteidigen, und alles dafür tun, um seine Unschuld zu beweisen. Ihre Erziehung war es wohl auch, die sie davon abhalten würde, Meinrad sämtliche Beleidigungen an den Kopf zu werfen, die in ihr loderten. Vielmehr ermahnte sie sich selbst, ruhig zu bleiben, als sie in dessen Arbeitszimmer trat. Sie wusste, dass ein verbaler Ausbruch ihm als Stadtherrn nur Gelegenheit bieten würde, mit besonderer Härte auch gegen sie zurückzuschlagen. So musste sie versuchen sachlich zu bleiben, auch wenn sie den Mann auf den Tod nicht ausstehen konnte. So schluckte sie ihren Ärger hinunter, um abzuwarten, welche Folgen diese Unterhaltung mit ihm haben würde. Doch bereits jetzt war sie sich sicher: Es würden keine guten sein. Allein schon die Vorstellung, sich seiner Willkür vielleicht beugen zu müssen, ekelte sie an.
Gespielt bedauernd sah Meinrad Adara nun an. Er machte eine einladende Handbewegung zu einem leeren Stuhl hin. »Adara, nehmt doch bitte erst einmal Platz!«, meinte er dann.
Sie folgte seiner Bitte mit äußerstem Widerwillen und er selbst setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber.
»Ich verstehe, die Geschichte bereitet Euch größten Gram, denn Euer Bruder, meine liebreizende Adara, ist, wie Ihr bereits durch meine Nachricht wisst, von seiner Eminenz Eliott - unserem heiligen Inquisitor - der Ketzerei überführt und verurteilt worden. Ihr sollt und müsst wissen: Euer Bruder war im Verhör geständig. Welch ein Glück, so besaß ich die Möglichkeit durch meine Rechtshoheit über die Stadt wenigstens ein Retentum für ihn erreichen zu können.« Er rutschte auf dem Stuhl etwas nach vorne und tätschelte über den Tisch hinweg Adaras auf der Tischplatte liegende verschränkten Hände, so als wolle er sie beruhigen, als er ihr mitteilte: »Brandolf wird morgen früh am Galgen gerichtet. Leider kann ich Euch diese Sorge nicht nehmen und Ihr werdet das Urteil nicht mehr ändern können. Ich konnte ihn nur vor dem für Ketzer üblichen Verbrennungstod bewahren. Ach Adara, es tut mir so leid, dass Ihr Euch dies nun auch als letztes Familienmitglied noch mit ansehen müsst, so wie es vorgeschrieben ist.« Die Lüge brachte Meinrad mit einem bedauernden Lächeln hervor.
Adara schluckte schwer und stieß dann hervor: »Ich möchte meinen Bruder sehen und dann mit Hochwürden Eliott sprechen, um eine Petition auf Begnadigung beim kirchlichen und weltlichen Gericht einreichen zu können, denn dieses Recht steht mir und somit meinem Bruder zu!«
Meinrad hob überheblich die Brauen und meinte gefährlich leise: »Das kann … und werde ich nicht zulassen, und damit du mir nicht auf dumme Gedanken kommst, werde ich dich für diese Nacht in der Wachstube oben im Stadtturm einsperren lassen, meine Hübsche.« Ein boshaftes Lächeln erschien nun auf seinen Lippen, als er weitersprach: »Natürlich könntest du auch in meinem Gemach nächtigen und wir könnten deine Talente bei der Vereinigung erforschen, denn ich gedenke so großzügig zu sein und dich vor einer Kerkerhaft und den Repressalien, die Angehörige eines Ketzers zu erwarten haben, durch einen Ehebund mit mir zu erretten!«
Adara starrte Meinrad an, als sei dieser verrückt geworden.
Meinrads Grinsen wurde noch breiter. »Adara, mein dummes einfältiges Täubchen, du weißt, ich rede nicht gerne um den heißen Brei herum. Also sollst du wissen, dass ich laut diesem Pergament hier nun dein Vormund bin!«
»Wie bitte?«
Meinrad hielt ihr nun das Pergament vor die Nase, dann stand er auf, packte Adara an den Schultern und zog sie vom Stuhl hoch. »Ich denke unter diesen Umständen gewährst du mir gewiss die Gunst, meine Frau zu werden!«
Nun verlor Adara ihre Beherrschung. »Auf keinen Fall! Bereits in der Vergangenheit sagte ich Euch, dass ich nicht, selbst wenn Ihr der letzte Mann auf Gottes Erden währet. in Erwägung ziehen würde, Euch zu ehelichen. Also lasst mich augenblicklich los, Herzog, sonst …«
»Sonst was?«, wollte Meinrad wissen, als er sie mitten im Satz unterbrach und sie noch fester an sich zog. »Du gehörst mir, Jungfer, ob du es nun willst oder nicht! Ich werde mit dir machen, was mir gefällt. Denn Hingabe ist die Schwester der Unterwürfigkeit.«
Adaras Panik wuchs und ihr versagte fast die Stimme, als ihr ein leises und entsetztes »Was?«, entfuhr. Doch dann wurde sie wieder wütend und fuhr in an: »Ich habe Euch deutlich genug gemacht, dass ich niemals Eure Frau werde!«
Meinrad reagierte äußerst ungehalten auf ihre ablehnenden Worte, als er sie sogleich anfuhr: »Weib, mir ist vollkommen gleichgültig was du willst oder nicht, denn du bist beurkundet mein Eigentum! Überlege dir also gut wie du dich gegenüber mir benimmst, ansonsten werde ich mir wohl noch etwas besonders Nettes für deinen Bruder einfallen lassen müssen, damit du begreifst! Mach lieber, was ich von dir verlange - sonst könntest du es wirklich bereuen!« Seine Lippen legten sich im nächsten Augenblick grob und fordernd auf die ihren.
Adara jedoch sträubte sich gegen den Kuss, presste ihre Lippen fest aufeinander und versuchte sich aus Meinrads Griff zu befreien. Doch gegen die Hand, die er ihr in den Nacken gepresst hatte, reichte ihre Kraft nicht aus.
Meinrads Puls raste gleichzeitig vor Zorn und Lust. Sein Blut pulsierte wild in seinen Adern, als er sie, sein Opfer, an die Wand drückte. Es war schon lange her, dass er eine Frau unter seinen Lenden gehabt hatte. Adara war so schön und ihr Körper voller Versprechungen auf unsagbare Wonne ….
Alles in Adara schrie danach, sich von ihm zu befreien, als er ihr ins Ohr zischte: »Du bist ganz schön störrisch, aber das werde ich dir schon noch austreiben, sobald wir mit deinem Ketzerbruder fertig sind! Wenn du dich dann noch zierst, werde ich dir gegenüber zu härteren Maßnahmen greifen. Glaube mir, ich werde dich schon zähmen, mein wildes Kätzchen. Ich werde derjenige und der einzige sein, der dich besteigen und das Lustschwert in deine noch reine Grotte stoßen wird! Du wirst mir nicht mehr entkommen und ich werde dich nach Lust und Laune benutzen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für dich: Entweder du schreist auf vor Lust, oder vor Schmerz. Gewöhn dich an diesen Gedanken.«
In diesem Augenblick wurde die Tür zum Vorraum seines Arbeitszimmers geöffnet und Meinrad hörte, dass jemand unaufgefordert in den Raum eintrat. Sein Blick glitt irritiert zur Tür. Doch er konnte sich schon denken, wer so dreist war, ohne eine Aufforderung einzutreten. So ließ er Adara zu deren Glück endlich los. Er knurrte vor sich hin und musste sich stark zusammenreißen, um ihr nicht augenblicklich doch noch die Gewandung vom Leibe zu reißen und vor den Augen des Inquisitors, wie ein brunftiges Tier über sie herzufallen.
»Ähem …, störe ich etwa, Herzog?« Der Sprecher räusperte sich noch einmal verlegen, sprach dann aber weiter: »Entschuldigt, ich wusste nicht, dass Ihr beschäftigt seid …« Dann ließ der Mann in der roten Robe seinen Blick interessiert und abschätzend über die Gestalt Adaras wandern und meinte: »Aha! Das ist wohl die Jungfer Adara, der Ihr so außerordentlich zugeneigt seid, mein lieber Herzog?«
Hochwürden hielt im nächsten Augenblick Adara die beringte Hand hin: »Mein Kind, ich bin Hochwürden Eliott, der Inquisitor, der Euren Bruder ob seiner Taten gegen die guten Sitten und des Glaubens verurteilen musste. Bedauerlich, sehr bedauerlich, aber von Nöten, um seine verdorbene und beschmutzte Seele vielleicht doch zu erretten!«
Adara zögerte einen Augenblick und sah den schmächtigen Mann mit deutlich ausgeprägter Adlernase an, der sie mit seinen scharfen, blaugrauen Augen wachsam musterte. Nach kurzem Zögern - denn sie hätte dem Inquisitor lieber ins Gesicht gespuckt - neigte sie den Kopf doch, um Hochwürdens Ring zu küssen, wie es der Anstand und die Sitte von einem dem Herrn gefälligen Menschen verlangte. Dies tat sie in der Hoffnung, dass Hochwürden sie vielleicht doch anhören würde.
Hochwürden Eliott warf einen gedankenverloreneren Blick auf Adara, als er meinte: »Ich kannte Eure Eltern, mein Kind! Ich war einige Male auf Eurem elterlichen Gut zu Gast, als ich noch Pater hier im nahen Kloster war. Doch ich denke, Ihr wart noch zu jung, um Euch daran erinnern zu können, denn das ist nun schon über siebzehn Jahre her.«
Erneute Hoffnung keimte in Adara auf und sie wollte gerade zum Sprechen ansetzen, da wandte sich der Geistliche wieder an Meinrad: »Wie ich sehe hat die Jungfer die stolze Haltung ihres verstorbenen Vaters und die schönen Gesichtszüge ihrer von uns gegangenen Mutter! Sei der Herr ihrer beiden Seelen gnädig!«, fügte Eliott an und bekreuzigte sich.
Meinrad lachte auf: »Hochwürden Eliott, ich würde eher sagen, die Jungfer schlägt vom Wesen her leider auch ihrem ketzerischen Bruder nach. Ihr müsst wissen, dass die liebe Adara ein wenig rebellisch ist, wie ich gerade wieder einmal zu meinem Leidwesen feststellen musste. Es mangelt der jungen Dame mir gegenüber, trotz meiner Gutmütigkeit, am nötigen Respekt. Aber sie wird sich schon an die Leibeigenschaft und an die mir von Euch übertragene Verfügungsbefugnis gewöhnen und lernen, sich an Weisungen und Wünsche zu halten, so wie es einem demütigen Weibe in dieser Situation und Lage gebührt!«
Adaras Gesicht verzerrte sich vor Empörung und ihre Augen bohrten sich mit hasserfülltem Blick in die von Meinrad, als sie empört hervorstieß: »Was hat das schon wieder zu bedeuten? Herzog Meinrad, ich sagte Euch bereits, dass ich nicht Eure Frau werde!«
»Ach meine Liebste, als Schwester eines Ketzers und Frevlers, fällt alles Hab und Gut deiner Familie, so wie es das Gesetz verlangt, an mich als Lehnsherr und somit auch du. Mädchen, du bist gerade zwanzig Lenze und somit noch nicht einmal voll mündig. Um ehrlich zu sein: Du weißt schon selbst, dass du recht - sagen wir mal - hübsch aussiehst. Naja, jedenfalls für eine … Leibeigene. Ich meine: Du weißt, dass du mir nicht gleichgültig bist.«
»Wie Euch sicherlich schon einmal zu Ohren gekommen ist, Herzog, seid Ihr mir trotz Eurer ewigen Aufwartungen jedoch durchaus gleichgültig!«, schnaubte Adara verächtlich. »Weder Euer erlangter Stand als Herzog, noch die Aussicht Euch als Gatte zu haben, ist für mich von Interesse. Ich konnte Euch schon als Kind nicht besonders leiden und daran hat und wird sich auch nichts ändern!«
Meinrads Gesicht verzog sich zu einer säuerlichen Fratze und er grollte: »Ich befürchte Adara, deine Gefühle sind unerheblich für mich!« Er legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. »Wir werden schon noch sehen, ob du diese gegenüber mir zurückweisende Haltung nicht doch noch änderst!«
»Wieso sollte ich das tun, Herzog Meinrad? Immerhin habt Ihr vor, meinen Bruder morgen umbringen zu lassen! Ihr wisst nur zu genau, dass die Anschuldigungen, die Ihr gegen ihn erhebt, nicht der Wahrheit entsprechen. Brandolf ist ein Ritter, ein Ehrenmann und kein Ketzer! Noch nicht einmal zu ihm gelassen habt Ihr mich! Ich sage Euch hier vor Euer Hochwürden, was Ihr von mir haben könnt, Meinrad. Es ist meine abgrundtiefe Verachtung!«
Meinrad schienen ihre Worte zwar zu ärgern, doch er ignorierte sie, auch wenn er innerlich kochte und bewahrte den Anschein, so als hätte Adara keineswegs unfreundlich mit ihm gesprochen. Tat somit so, als störte er sich nicht weiter daran, als er mit gefasster Stimme meinte: »Unglücklicherweise, meine Liebe, ist dein Bruder aber ein verurteilter Ketzer in des Kirchengerichten Auges und du bist mir überantwortet. Hochwürden Eliott ist mit mir, entgegen der Ursprünglichen Weisung des Bischofs in Absprache des Kaisers, die besagt, dass Angehörige eines Ketzers in den Kerker zu sperren sind, bis sie ihre eigene Unschuld als angenommene Mitwisser beweisen können, zu deinen Gunsten so verblieben. Ich verstehe deine große Aufregung und die Bestürzung natürlich auch darüber, da dein dir so ans Herz gewachsener Bruder wegen seiner schändlichen Tat vom Leben zum Tode befördert wird. Dadurch werden nun auch dein Titel und das Erbe deiner Familie verloren sein. Das ist alles sehr übel für dich und verwirrt dich wohl gerade sehr. Ich bin mir gewiss, dass du mir noch einmal für meine Fürsprache und meine Zuneigung dir gegenüber sehr dankbar sein wirst, Adara! Ich glaube - nein ich kann dir versichern - dass du in meinen Armen deine Starrköpfigkeit schon bald vergessen und mir ein treues und vor allem gehorsames Weib werden wirst. Du wirst gewiss bald auch stolz und glücklich sein meine Kinder in dir tragen und gebären zu dürfen»
Adara lief ein kalter Schauer über den Rücken, doch sie versuchte sich ihre Panik und Verzweiflung nicht anmerken zu lassen und machte ein trotziges Gesicht.
Meinrad sah ihr schon an der Nasenspitze an, dass sie nicht im Geringsten daran dachte, ihm kampflos Folge zu leisten.
Nun brach es aus Adara heraus, in der Hoffnung, dass Hochwürden Eliott ihr beistehen würde. »Ich soll Euch also dankbar sein, Meinrad? Dankbar dafür, dass Ihr meinen Bruder umbringt, nur weil er Euch im Wege sein könnte, da er wieder heimkehrte?! Dankbar, dass Ihr uns unsere Grafschaft und unsere Titel nehmt und Ihr mich beschlafen wollt, nur weil Ihr Euren Schwanz in mir ver…?«, Adara sprach das für sie Unglaublichste nicht aus. »Was glaubt Ihr eigentlich wer Ihr seid? Ich werde …«
Meinrad unterbrach sie barsch: »Du wirst nichts tun, außer bei der Hinrichtung anwesend zu sein, um deinem Bruder dabei zuzusehen, wie er sein Ketzerleben am Galgenstrick aushaucht. Danach wirst du nach einigen Tagen, die ich dir der Trauer wegen gewähre, meine Gemahlin werden», um sich dann an Eliott zu wenden. »Hochwürden, würdet Ihr bitte Adara selbst noch einmal erklären, was ab heute als Leibeigene ihre Pflichten mir gegenüber sind? Ich denke sie versteht das Urteil über sie aus Eurem Munde einfach etwas besser, als aus dem meinen!«
Hochwürden Eliott nickte, legte dann seine Hand auf Adaras Arm und begann: »Mein Kind, Ihr seid zur jung und schon alleine deswegen Eurer Person selbst nicht mächtig. Ihr werdet ab sofort der großen Güte von Herzog Meinrad unterstellt. Ihr habt durch das Verbrechen, welches Eurem Bruder zur Last gelegt wird, ebenfalls Euren Adelstitel verloren. Der Herzog ist nun Euer Herr und hat ab sofort das Recht Euren Gehorsam ihm gegenüber - wenn es sein muss, sogar mit großer Härte - im Namen des Herrn einzufordern. Das bedeutet, dass Ihr als unmündiges Mitglied Eurer entehrten Familie zwar bis zur Verurteilung Eures missratenen Bruders diesem unterstanden habt, doch nun werdet Ihr vor Gericht und Gesetz nur noch vom Herzog vertreten werden können. Selbst könnt Ihr somit auch keine Rechtsansprüche einfordern. Ihr mein Kind, steht unter seiner Muntgewalt und wenn Ihr verehelicht seid, dann ist es an Euch tugendhaft dafür zu sorgen, einen gesunden, möglichst männlichen Nachkommen für Euren Gemahl zu gebären! Aber Schluss jetzt damit und mit dem Gezeter! Der Herzog und ich, wir haben uns noch um Euren Ketzerbruder zu kümmern. Ich will von Euch jetzt nichts mehr hören.«
Just in jenem Moment klopfte es an der Tür, nach einem Herein, öffnete sich diese.
Nach einer kurzen aber tiefen Verneigung trat ein Mann ein.
»Da seid Ihr ja endlich, Marius!«, meinte der Inquisitor und warf dem Mann einen etwas missbilligenden Blick zu.
»Verzeiht Hochwürden Eliott. Mir wurde nur ausgerichtet, Ihr und der Herr dieser Stadt bedürft meines Handwerks, nicht das es eilt. Ich musste mich auch noch um einiges kümmern, bevor ich, Eurem Wunsch folgend, hierher aufbrechen konnte. Ich kann Euch versichern, dass ich mich beeilt habe, doch andernorts wird meine Arbeit ebenso verlangt und geschätzt.«
»Wie immer viel beschäftigt, der Herr Scharfrichter.«
»So könnte man sagen, denn immer häufiger enden Schuldsprüche mit Todesurteilen! Da wir aber gerade bei Todesurteil angelangt sind, ich habe vor dem Stadttor gesehen, dass man auch schon ohne mich begonnen hat, einen Hinrichtungsplatz vorzubereiten.«
»Man hat, man hat, mein junger Scharfrichter!«, lächelte Eliott nun versöhnlich. »Ihr werdet hier nur zur Vollstreckung gebraucht, denn das Urteil ist durch Herzog Meinrad und mich schon gefunden.
»Ich nehme an, Ihr, mein Herr, seid Herzog Meinrad?«, fragte der schwarzhaarige, recht junge Mann nun und neigte sein Haupt noch ein weiteres Mal ehrerbietig.
»So ist es!«, meinte Meinrad ein wenig abfällig.
Der Mann schien es zwar zu bemerken, ging aber nicht darauf ein und meinte freundlich: »Euer Herrschaftsbereich, werter Herzog, ist ein sehr schöner Landstrich. Möge das wachsame Auge des Herrn über Eure Herrschaft, Euch und Eure Untertanen wachen! Euch, Hochwürden Eliott, möge der Herr allzeit den Pfad eines gottgefälligen, langen und gesegneten Lebens beschreiten lassen.«
»Habt Dank, Marius, für Eure freundlichen Worte!«, meinte Eliott und warf dem jungen Mann einen wohlgefälligen Blick zu.
Der Scharfrichter war nicht nur ein wortgewandter und höflicher Mensch, sondern wie Adara für sich bemerkte auch ein Bild von einem Mann. Sein dunkles, fast schwarzes Haar, hatte er im Nacken mit einem Lederband zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine braunen Augen hatten einen goldenen Glanz inne und einen fast melancholischen Ausdruck. Er war für einen Mann mit ausnehmend schönen Gesichtszügen gesegnet; Mund und Nase, waren von vollendeter Form. Ein leichter Anflug von Bartstoppeln bedeckte sein Kinn. Er war groß, schlank, muskulös und seine Haut hatte einen leicht gebräunten Teint. Er trug schwarze Lederkleidung mit einem wollweißen Hemd, einen Ledermantel, schwarze wildlederne Stiefel, deren Schaft bis an die Knie reichten, und wie ein Krieger und Kämpfer trug er ein Schwert und einen Dolch am Gürtel.
Nicht ein Wort war seit dem Eintreten des Scharfrichters über Adaras Lippen gekommen. Sie musterte den Fremden weiterhin verstohlen.
Als habe er ihren Blick bemerkt, wandte der Mann sich ihr zu und ihre Blicke trafen sich.
Er hatte etwas Anziehendes an sich und Adara lief ein wohliger Schauer durch den Körper. Obwohl: Was dachte sie da gerade? Sie hätte diesen Mann seines Berufes wegen alleine schon hassen müssen. Seine weich geschwungenen Lippen schienen seinem harten Blick in diesem Moment auch schon Lügen zu strafen, als er sie auf einmal freundlich anlächelte, dabei seinen Kopf leicht neigte und galant meinte: »Seid mir ebenfalls gegrüßt, holde Dame, Ich hoffe Ihr verzeiht mir den Fauxpas Euch jetzt erst zu Grüßen.« Dass sie von hohem Stande war konnte er an ihrer herrschaftlichen Reitkleidung wohl erkennen. »Hochwürden hat leider verpasst Euch mir vorzustellen. So werde ich, wenn Ihr erlaubt, dies nun selbst tun. Ich bin Scharfrichter Marius. Mit wem, wenn ich fragen darf, habe ich die Ehre?«
Zorn und Missbilligung zeichneten sich nun in Adaras Gesicht ab und sie presste im verächtlichen Ton hervor: »Euch bei mir so vorzustellen, das ist nicht von Nöten. Ihr müsst nicht wissen wer ich bin, es gereicht mir, dass ich nun weiß, was und wer Ihr seid. In meinen Augen ein Mörder, da Ihr für die Herren hier einen Mann töten sollt, den ich liebe, auch wenn Ihr Euch als Diener des Herrn und der Gerechtigkeit ausgebt.«
Marius Gesicht spiegelte für den Bruchteil eines Augenblicks Verwunderung, aber auch so etwas wie Entsetzen wieder. Irgendetwas riet ihm jedoch, sich nicht weiter auf die Äußerung dieser jungen Frau einzulassen. Und in dem Moment schnaubte der Herzog auch schon ungehalten über den verbalen Ausbruch Adaras und er rief: »Wenn die Herren mich kurz entschuldigen mögen? Ich möchte die holde …«, er lachte erheitert auf, »… fauchende Wildkatze hier erst einmal in ihr Nachtquartier bringen. Danach werde ich den Herren gerne bei einem Kelch Gewürzwein Gesellschaft leisten und wir können den morgigen Hinrichtungsablauf in Ruhe miteinander besprechen.«
Mit vor Zorn funkelnden Augen und einer höchst finsteren Miene sah Adara den Herzog an, als dieser sie am Arm packte und mit den Worten: »Benimm dich gefälligst, wie es sich gehört, Weibsstück!«, unsanft aus dem Raum zerrte.
Im Hinausgehen wandte der Herzog sich noch einmal an Marius und Hochwürden: »Wenn Ihr Euch allerdings den Verurteilten ansehen wollt Henker, so gebe ich meinen Männer Anweisung Euch zu ihm zu lassen.«
Als die Tür sich geschlossen hatte wandte sich Marius an den geistlichen Herrn, dessen Auftrag er am morgigen Tag zu erfüllen hatte: »Wer war diese junge, auf mich so ungehaltene wirkende Dame, hochwürdiger Inquisitor?«
Ihre schönen blauen Augen waren es, die Marius erstaunt hatten. Sie waren so hell und glasklar. Hatten vor Zorn gesprüht und waren dennoch so abgrundtief traurig hinter diesem Zorn gewesen. Die junge Frau war eine göttliche Schönheit, mit ihrer blassen Haut und den fein geschnittenen Gesichtszügen. Mit der Farbe ihres Haares, ein helles, goldenes Blond, sah sie aus wie ein Engel und sie hatte ihn mit ihrem ganzen Wesen in ihren Bann gezogen.
Eliott sah Marius fragend an. »Mein werter Marius», begann er dann, »Adara heißt sie. Sie ist die Schwester des zum Tode verurteilten Ketzers Graf Brandolf von Unrich. Die junge Frau hat mit seiner Verurteilung ihren Adelstitel verloren und gehört nun als Leibeigene, wie auch ihre Ländereien, Herzog Meinrad. Er ist so gütig und wird sie nach der Hinrichtung ihres Bruders durch die Verehelichung mit ihm wieder zu einer ehrbaren Frau machen. Aber warum fragt Ihr, mein Junge?«
»Ich habe den Hass, aber auch den Schmerz in den Augen dieser jungen und schönen Frau schon beim Eintreten wahrgenommen, als dieser Zorn noch nicht meiner Person selbst galt. Doch jetzt verstehe ich auch warum sie mich mit ihren Worten so anging!«
»Ja, es ist nicht leicht einen Ketzer als Bruder zu haben, wenn man ohne Eltern in noch so zarten Alter dasteht«, meinte Eliott. »Doch ich denke wir sollten uns nicht weiter mit den Details über die Grafenfamilie die Zeit stehlen. Es ist schon spät, doch wir sollten uns im Beisein des Herzogs durchaus noch der Planung des Ablaufes der Hinrichtung widmen, damit Ihr nicht völlig unvorbereitet seid. Bedauerlicherweise wissen wir auch nicht wohin Brandolfs Schwertbrüder verschwunden sind. Es waren zwei und den Männern des Herzogs bis jetzt nicht möglich ihrer habhaft zu werden. Also ist Achtsamkeit geboten.«
Mit unbewegter Miene verfolgte Marius den Bericht des Inquisitors.
»Der Gefangene hat sein ketzerisches Verhalten unter dem Verhör gestanden und alles wurde niedergeschrieben. Somit könnt Ihr morgen zur zehnten frühen Stunde ohne Vorbehalte zur Hinrichtung schreiten, da das Urteil und die Strafe - Erhängen am Galgen - schon entschieden wurden.«
Marius sah Eliott nun an, als er meinte: »Der Verurteilte hatte doch einen Adelstitel! Bedeutet dies nicht auch, dass ihm ein gewisses Maß an Respekt bei der Hinrichtung gebührt?«
