GAME OVER - Wolfgang Wirth - E-Book
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Wolfgang Wirth

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Beschreibung

Die Glückssträhne des deutschen Studenten Florian in den Casinos von Las Vegas endet abrupt, als er, ohne zu wissen warum, in einem ungewöhnlichen Gefängnis landet, in dem ihm vieles sehr eigenartig vorkommt. Angefangen von der attraktiven Direktorin über absurde Hausregeln bis hin zu den Mitinsassen aus aller Welt, mit denen er offenbar mehr als nur die Haft gemeinsam hat. Doch wem kann er an diesem mysteriösen Ort trauen, an dem er rund um die Uhr von Kameras beobachtet wird und wo nichts ist, wie es scheint? Schritt für Schritt lüftet Florian das Geheimnis um den eigenartigen Strafvollzug, vor dem er nur flüchten möchte und der ihn in seiner Ausweglosigkeit um den Verstand zu bringen droht.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

GAME OVER

Wolfgang Wirth

Über den Autor:

Wolfgang Wirth wurde 1967 geboren und lebt mit seiner Familie im rheinhessischen Oppenheim.

Nach den Erfolgen seiner Thriller „look back“, der Fortsetzung „look back again“, „…und ich will nicht gnädig sein!“, sowie „Der Stier im roten Mantel“ schafft es der Autor in seinem neuesten Werk erneut geschickt Spannung und Action mit einer Prise Sozialkritik zu würzen.

Impressum

Text: © 2022 Copyright by Wolfgang Wirth Umschlag: © 2022 Copyright by Wolfgang Wirth Verlag: Wolfgang Wirth

Baumschulweg 39

55276 [email protected]

https://wolfgangwirth.de.tl

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; weitere bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

“Though this be madness, yet there is method in 't.”

(Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode.)

aus „Hamlet“ von William Shakespeare

Prolog

Die Luft flimmerte über den Straßen und der unvergleichlichen Architektur der Stadt und die Sonne brannte gnadenlos, selbst im Schatten der Häuserschluchten. Obwohl es erst Frühjahr war, war das Thermometer in den letzten Tagen schon auf weit über dreißig Grad gestiegen. Grundsätzlich waren diese Temperaturen nichts Ungewöhnliches, allerdings schien der Zeitpunkt, an dem sie erreicht wurden, jedes Jahr früher zu liegen. Die Klimaerwärmung machte sich nicht nur in der Arktis, sondern auch in der Wüste bemerkbar.

Hier oben allerdings, in dem exklusiven und klimatisierten Tagungsraum des Waldorf Astoria Hotels mit Blick über den Las Vegas Boulevard war es angenehm kühl, fast schon zu kalt.

»Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten und hierhergekommen sind, meine Herren«, begrüßte der Gastgeber Michael J. Jameson seine Besucher und sah jeden einzelnen mit bedeutungsschwangerem Blick an. Und es waren tatsächlich nur männliche Gäste anwesend. Dies mochte reiner Zufall sein, vielleicht riefen aber auch solch zweifelhafte Projekte eher die skrupelloseren Herren auf den Plan. Mit weiblichen Unterstützern hatte der Projektleiter eher bei romantischeren Vorhaben zu tun und davon hatte er nicht viele zu bieten.

Jameson trug einen dunkelblauen Anzug mit einer Krawatte im Stars-and-Stripes-Muster. Offenbar wollte er seinen Patriotismus an diesem Tag betonen, warum auch immer. Im Gegensatz zu seinem sonst eher hemdsärmeligen Auftreten hatte er für diesen Anlass ein geschäftsmäßiges Outfit gewählt. Ebenso hatte er sein für gewöhnlich zauseliges, halblanges Haar gekürzt und mit viel Gel nach hinten frisiert, so dass seine, für Menschen seiner Hautfarbe typischen, Locken kaum noch zu erkennen waren. Ein zwielichtiger Anwalt hätte nicht schmieriger aussehen können. Jameson jedoch hielt seinen Stil für der Situation angemessen.

»Ich weiß«, fuhr er fort und betonte dabei jedes Wort, während er ein arrogantes Grinsen aufsetzte, »dass es sich bei dem Projekt, das wir Ihnen vorstellen möchten, um eine - na ich will mal sagen - etwas heikle Idee handelt. Aber wer, wenn nicht Sie, wäre nicht bereit, ein kleines Risiko einzugehen? Und ich bin sicher, Gentlemen, dass dies hier eine großartige und nie dagewesene Sache ist, die uns zur Nummer eins werden lässt. Wenn Sie heute Ihr Okay geben, können wir morgen mit den Vorbereitungen anfangen und in ein paar Monaten starten. Schon bald darauf ernten wir die Lorbeeren und eine Menge Geld obendrauf.«

Der Redner hielt seinen Daumen nach oben und streckte dabei den Arm so weit hoch, dass man glauben musste, er hätte Angst, irgendjemand im Raum könnte übersehen, wie überzeugt er von seinem Projekt war. Dabei saßen in dem Besprechungsraum mit seinem edlen Mahagonimobiliar, dem gewaltigen Perserteppich und den Kronleuchtern aus venezianischem Kristallglas lediglich fünf Zuhörer, die teils gelangweilt oder auch genervt den Worten ihres affektierten Gastgebers lauschten.

Jameson blickte in die Runde, immer noch davon überzeugt, sein bewusstes Schweigen würde die Spannung steigern. Dann drehte er sich dem kleinen Mann zu, der schweigend, fast schon schüchtern, am Rand des Geschehens saß, als erwartete er eine Art Mitwirkung von ihm.

Aber dessen Unterstützung blieb aus, vielmehr hatte der schmächtige Mann seine eigenen Probleme damit, seine krebsrote Gesichtsfarbe und sein übermäßiges Schwitzen in den Griff zu bekommen. Er war sichtlich nervös.

Der Gastgeber konzentrierte sich wieder auf seine Besucher, die ihn kritisch musterten. In Las Vegas hatten Geschäftsleute unterschiedlichster Herkunft ihr Glück gemacht und erfolgreiche Unternehmen aufgebaut. Aber Farbige wurden hier immer noch als diejenigen betrachtet, die die Drecksarbeit machten oder auf der Straße lebten. Nicht als diejenigen, die die weißen Platzhirsche mit neuen Ideen überzeugen konnten.

Die Männer in dem Tagungsraum hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zwei von ihnen sahen aus, als wären sie der Zeit entsprungen, als die Mafia noch ganz Las Vegas regiert hatte, vielleicht tat sie es in Person dieser Typen immer noch. Der eine im schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd und schwarzer Krawatte, aber rotem Einstecktuch, der andere im weißen Zweireiher, mit roter Rose im Knopfloch. Der dritte Besucher konnte seinen Beruf als Anwalt nicht verheimlichen, mit skeptischem Blick und einem teuren, aber dezenten dunkelgrauen Anzug. Rechts von ihm schaukelte ein Mann aus Texas in traditionellem Outfit ungeduldig auf seinem Stuhl und drohte jeden Moment umzukippen. Er hatte tatsächlich seinen Cowboyhut aufbehalten, sei es, weil er dachte, das Treffen sei schnell vorüber, oder ganz einfach nur, um sein Toupet nicht zu enthüllen, das schon etwas schief unter dem Hut hervorlugte. Der fünfte im Bunde fiel in diesem Kreis tatsächlich durch seine unauffällige, fast schon gewöhnliche Kleidung auf. Obwohl er nur ein hellblaues Poloshirt über einer beigefarbenen Flanellhose trug, war er tatsächlich der vermögendste unter den Gästen und wohl der Überzeugung, gerade deswegen optisch nicht so auf den Putz klopfen zu müssen. Er lauschte der sonderbaren Vorstellung mit stoischer Miene. Als Geschäftsmann aus Las Vegas wusste er, welche Vorteile ein Pokerface mit sich brachte.

Eines allerdings hatten diese unterschiedlichen Männer gemeinsam. Sie würden alle dem Projekt zustimmen müssen, um es stattfinden zu lassen. Der Texaner und die beiden Pseudomafiosi machten Jameson die wenigsten Kopfschmerzen. Sie mussten auch nur mehr oder weniger informiert werden und würden schnell zu begeistern sein, da war er sich sicher. Der Mann im Polohemd allerdings sollte der federführende Geldgeber sein und würde gleichzeitig wahrscheinlich die größten Skrupel haben. Auch wenn dieses Wort den Männern hier allesamt fremd war. Den Anwalt wiederum würde Jameson mit wirklichen Fakten überzeugen müssen, um seine rechtlichen Bedenken auszuräumen. Wobei es mit Sicherheit nicht persönlichen Bedenken wären, der Winkeladvokat ging über Leichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch hatte er ein gutes Gespür für eventuelle Konsequenzen und deren Auswirkungen, sei es finanzieller Natur, oder einfach nur, was eine mögliche Rufschädigung anging, was letztendlich dasselbe war. Wobei Ersteres durchaus wichtiger sein sollte, gerade in diesem Fall. Bei dem außergewöhnlichen Haftungsrecht der Vereinigten Staaten, das einen Dummkopf schon bei unsachgemäßer und tierquälerischer Nutzung einer Mikrowelle zum Millionär machen konnte, waren eventuelle Folgen kaum abschätzbar. Und hier ging es um weitaus mehr als um eine zu trocknende Katze.

»Jetzt bringen Sie mal die Fakten auf den Tisch, Jameson«, rief der Texaner und schob seinen Hut samt Toupet in den Nacken. »Was ist das denn nun für eine so sensationelle Idee?«

Der Gastgeber nickte. Er war sich sicher, dass nun der geeignete Augenblick war, sein Projekt zu enthüllen. Er trat ein paar Schritte zur Seite, wo eine Plakatwand mit einem Tuch verhüllt war und zog dieses herunter.

Der Titel des Plakats prangte in bunten Lettern über einer martialischen und wenig verspielten Zeichnung im Stil der Fünfziger-Jahre-Comics.

Jameson spürte regelrecht die Fragezeichen in den Blicken seiner Zuhörer, doch bevor auch nur der Erste etwas sagen konnte, fuhr er fort: »Es ist eine Hommage an ein erfolgreiches Format aus Europa vor einigen Jahrzehnten. Aber ich will Sie nicht auf die Folter spannen, meine sehr verehrten Herren, und nun meinem Mitarbeiter das Wort übergeben, der die Idee entwickelt und in ein fertiges Format verarbeitet hat. Er wird Ihnen das Projekt vorstellen und all Ihre Fragen beantworten. Aber ich bin sicher, dass auch Sie nach einem ersten Überblick schon begeistert sein werden und uns letztendlich Ihre Zustimmung geben werden. Es wird eine unglaubliche Sensation, das verspreche ich Ihnen.«

Dann hob Jameson seine Hände, markierte demonstrativ ein Paar Gänsefüßchen in die Luft und ergänzte in geheimnisvollem Unterton und einem diabolischen Grinsen: »Darauf können Sie wetten, im wahrsten Sinne des Wortes!«

Damit trat er zur Seite und breitete die Arme in Richtung des schmächtigen Mannes aus, der bisher zurückgezogen und völlig lautlos in einer Ecke des Raumes verharrt und mit seinen Schweißausbrüchen gekämpft hatte. Mit seiner übertriebenen Gestik und dem aufgesetzt strahlenden Gesichtsausdruck sah Jameson aus wie ein zweitklassiger Showmoderator, der den Star des Abends präsentierte.

»Kommen Sie, Andy«, rief er und applaudierte, in der Hoffnung, seine Gäste würden mit einstimmen. »Das ist Ihr Auftritt!«

Andrew Austin betrat die imaginäre Showbühne mehr schüchtern als selbstbewusst, obwohl er hier doch voller Leidenschaft und Überzeugungskraft ein menschenverachtendes und erbarmungsloses Projekt vorstellen sollte. Nicht im Traum hätte er geglaubt, dass das, was er wenige Monate zuvor im Scherz und mehr als Kritik seinem eigenen Arbeitgeber gegenüber geäußert hatte, jemals Realität werden könnte.

Grausame Realität.

Der nächste Schweißausbruch kündigte sich an.

Entweder waren die Besucher, die ihn jetzt erwartungsvoll anblickten, von Anfang an begeistert, oder sie würden ihn binnen Sekunden in der Luft zerreißen. Ihre Blicke musterten ihn wie die eines Rudels Hyänen, die die gerissene Beute begafften, bewacht von einem von der Jagd erschöpften Geparden in Form seines farbigen Vorgesetzten Mike Jameson, der schon beim ersten Angriff das Weite suchen würde.

Andy hoffte nur, dass der zweifelhafte Ruf, der diesen Männern vorauseilte, sowie ihr Hang zu Radikalität und Gewissenlosigkeit ebenso real war, wie ihre Anwesenheit. Dann würde seine Vorstellung zumindest ein Erfolg werden, bei dem Projekt selbst war er sich allerdings noch nicht so sicher.

Tag 0

1

Flo saß auf seinem Hotelbett und rieb sich die Augen. Er war müde, auch wenn der Abend sehr erfolgreich verlaufen war. Noch besser sogar, als die drei Tage davor. Aber die ständig auf höchstem Niveau andauernde Konzentration hinterließ so langsam ihre Spuren. Noch ein letztes Mal am morgigen Abend, dann würde er aufhören. Und wenn seine Glückssträhne anhielt, sollte er genug zusammenhaben, um sich zuhause endlich seine erträumte Eigentumswohnung zu kaufen.

Als Student, der sich als Kabelträger in den Studios der ZDF-Sendeanstalt ein paar Euro dazuverdiente, konnte er keine großen Sprünge machen. Aber Flo hatte sich schon als Jugendlicher für Kartenspiele interessiert, ganz speziell für Poker. Und dieses Hobby hatte er in den letzten Jahren perfektioniert, diverse Taktiken erfolgreicher Spieler studiert, Wahrscheinlichkeiten akribisch berechnet und ausgearbeitet und an seinem Mienenspiel gefeilt, um dann irgendwann sein großes Ziel zu erreichen und sein Glück in Las Vegas zu versuchen. In den großen Casinos mit den großen Texas Hold’em-Tischen und den großen Einsätzen.

Und jetzt war er hier.

Und das mit Erfolg.

Mit fünftausend Euro Erspartem angereist, lag sein erspieltes Vermögen nach dem vierten Abend bei knapp einhundertfünfzigtausend Dollar, genug für eine eigene kleine Wohnung im heimatlichen aber teuren Mainz. Einen Abend noch mit persönlichem Limit, dann sollte es genug sein. Er wollte sein Glück nicht überstrapazieren, wusste er doch von den berühmtberüchtigten Versuchungen, mehr und mehr zu gewinnen, und das ganz Las Vegas auf dieser Idee und dem berühmten Satz „Die Bank gewinnt immer!“ aufgebaut war. Aber der deutsche Student war trotz seines riskanten Hobbys ein vernünftiger junger Mann und kalkulierte sein Risiko mit Bedacht. So hatte er nach jedem der erfolgreichen letzten Abende immer zwei Drittel seines Gewinns im Hotelsafe gelassen und nur ein Drittel als neues Einsatzkapital mitgenommen. Wäre dieser Teil ohne Gewinn verspielt gewesen, hätte er auf keinen Fall sein restliches Geld eingesetzt. Dann wäre eben früher schon Schluss gewesen. Zumindest an dem jeweiligen Abend.

Nach seiner Ankunft vor knapp einer Woche hatte er sich erst einmal in der aufregenden Stadt umgesehen, über die er zuvor schon viel gelesen hatte. Aber sie war noch aufregender gewesen, als er geglaubt hatte. Von wegen New York, die Stadt, die niemals schläft. In Las Vegas war wirklich rund um die Uhr etwas los. Schon morgens auf dem Weg zum Frühstücksbuffet sah er die hoffnungsvollen Spieler vor den Automaten sitzen. Einmal hatte er sogar eine Frau im Morgenmantel und mit laufendem Tropf an ihrer Seite beobachtet, wie sie voller Eifer an dem Hebel eines einarmigen Banditen zog, immer und immer wieder.

Natürlich starteten die Shows erst am Nachmittag und liefen bis tief in die Nacht hinein, aber in den Casinos klimperte es vierundzwanzig Stunden am Tag.

Flo hatte sich einige Casinos angeschaut, um eine Strategie zu entwickeln, wann und wohin er nach einem Gewinn wechseln würde. Er war zwar in einem günstigeren Hotel in einer Nebenstraße abgestiegen, spielte aber in den luxuriösesten Häusern, da dort die Limits höher waren und somit der mögliche Gewinn. Tagsüber hatte er sich die wahnwitzigen Hotels mit ihren Themenshows, Shoppingzentren und Attraktionen angesehen und war aus dem Staunen nicht herausgekommen. Diese Stadt war wirklich beeindruckend. Ungeheuer künstlich und kitschig, aber wahnsinnig faszinierend.

Um aber auch etwas von der Umgebung zu sehen, hatte er sich für zwei Tage einen Mietwagen genommen. Eine Corvette, auch so ein Jugendtraum. Vormittags war er dann aus der Stadt herausgefahren, einmal in das berühmte Valley of Fire, am nächsten Tag zum gigantischen Hoover-Staudamm, dessen Inneres er unbedingt besichtigen wollte. Der Unterschied hatte natürlich krasser nicht sein können, vom begrünten und glitzernd-leuchtenden Las Vegas hinaus in die karge Landschaft und trockene Wüste, aber auch das war einen Ausflug wert gewesen.

So hatte Flo seine letzten Tage genutzt. Nach einem ausgiebigen Frühstück Sightseeing und abends zu den Spieltischen der separaten Räume, wo die hohen Einsätze verlangt wurden. Aber langsam schlug die Erschöpfung durch.

Bislang hatte ihn das Glück also nicht großartig verlassen. Bis auf dieses eine Mal vorgestern, als er auf dem Highway rechts ranfahren musste.

Das Leuchten und Blinken der rot-blauen Lichter im Rückspiegel hatte fast ein weihnachtliches Gefühl aufkommen lassen, wenn nicht gerade ein Fahrzeug der Highway Patrol dafür verantwortlich gewesen wäre.

»So ein Mist«, hatte Flo geschimpft und ärgerlich mit der flachen Hand auf das Lenkrad der Corvette geschlagen. »Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt.«

Jetzt hatte er mal raus aus Las Vegas und ein wenig von der Umgebung sehen wollen, da musste er von den Cops angehalten werden. Wozu gab es denn in den USA all die tollen Schlitten, wenn man auf dem Highway nur siebzig Meilen fahren durfte, das machte doch gar keinen Sinn. Gut, die Amerikaner schafften sich ja solche Autos auch an, um sich an der nächsten Kreuzung im Drive-Inn Restaurant das Abendessen zu holen. Ja, sogar die Bankautomaten waren hier mit dem Auto anzufahren und man wurde schon seltsam beäugt und eindeutig als Tourist identifiziert, wenn man zu Fuß an einen solchen Geldausgabeautomaten herantrat.

So wie Flo es aus seinem Reiseführer, aber auch aus zahlreichen Hollywoodfilmen kannte, war er brav rechts rangefahren, hatte die Scheiben heruntergelassen und die Hände aufs Lenkrad gelegt. Mit der Hand am Colt war der Beamte der Highway Patrol an seine Beifahrertüre getreten und hatte seine Fahrzeugpapiere verlangt. Der Deutsche hatte sein unschuldigstes Gesicht aufgelegt und höflich gefragt, ob er denn zu schnell gefahren sei, worauf ihn der Polizist streng angesehen und ihm ernsthaft erklärt hatte, dass er bei diesem Tempo leicht einen Unfall verursachen würde.

Was für ein Quatsch, bei vier Spuren schleichendem Verkehr!

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der der Beamte in seinem Streifenwagen die Papiere überprüft hatte, war er zu Flos Fahrzeug zurückgekommen und hatte einhundertachtzig Dollar verlangt. In ernstem Ton hatte er weiterhin erklärt, dass dies nur eine Verwarnung war und bei einer Wiederholungstat mit einer weitaus höheren Strafe zu rechnen sei. Erst nach Begleichung der Strafe hatte er zum ersten Mal freundlich gelächelt, zum Abschied nach alter Manier die Hand an seine Hutkrempe gelegt und dem jungen Touristen noch einen schönen Tag gewünscht.

Gut, die Strafe hatte Flo in Anbetracht seines Glücksspielerfolgs zwar nicht wirklich wehgetan, ärgerte ihn aber trotzdem ungemein, zumal er das Gefühl nicht loswurde, dass die Höhe ziemlich willkürlich festgelegt worden war.

»Ja«, sagte der Student nachdenklich zu sich selbst, während er an die letzten Tage zurückdachte und griff sich an die Schläfen, »morgen ist definitiv der letzte Abend, meine Konzentration lässt spürbar nach.«

Er holte sich ein Glas Wasser, zog sich bis auf die Unterhose aus und legte sich erneut aufs Bett. Er schaute auf seinem Handy nach der Uhrzeit. Es war schon weit nach Mitternacht und auf jeden Fall zu spät für einen Anruf zuhause, aber eigentlich auch nicht, denn dort war es Vormittag, aber er war definitiv zu müde dafür. Tagsüber hatte er es vergessen, sowie auch die Tage zuvor. Seine Mutter machte sich immer gleich Sorgen, obwohl sie wusste, wie vergesslich ihr Sohn manchmal sein konnte. Gerade, wenn es um solche Dinge ging, die ihm nicht wichtig erschienen. Sonst war Flo sehr gewissenhaft und gutmütig, aber eben nicht so feinfühlig, was die Empfindungen anderer anging. Und seine Mutter war sehr empfindsam.

Seinem Stiefvater wiederum war es egal, ob der Junge sich meldete, er hatte ohnehin kein Verständnis für diese Zocker-Tour in die Vereinigten Staaten, wie er es nannte.

»Die Amis spinnen doch eh alle, da muss man denen nicht noch sein Geld in den Rachen werfen«, hatte er immer wieder geschimpft. »Glaub ja nicht, dass ich dir einen einzigen Euro schicke, wenn du all dein Erspartes verspielt hast und da drüben in Schwierigkeiten steckst. Dann musst du sehen, wie du nachhause kommst. Völlig irrsinnig, das Ganze.«

So richtig hatte Flo nie verstanden, warum sich seine Mutter nach dem Tod seines Vaters mit diesem Mann eingelassen hatte. Wahrscheinlich war es ihr wichtig gewesen, dass ihr einziger Sohn gut versorgt war.

Flo entschied sich für eine kurze Textnachricht, in der er seiner Mutter versicherte, dass er wohlauf sei und sein Aufenthalt wie geplant verlief. Von seinem riesigen Gewinn verriet er nichts, das sollte dann eine Überraschung werden, wenn er nachhause kam. Vor Allem würde er den dummen Blick seines Stiefvaters genießen, wenn er erzählte, wie er in fünf Tagen mehr Geld gemacht hatte, als der alte Mann in fünf Jahren.

Kurz noch widmete Flo seine Gedanken dem großen Haufen Tausenderchips, die er heute vom Spieltisch mitgenommen hatte und die neben ihm auf dem Bett lagen, dann schloss er die Augen und schlief erschöpft ein.

2

Gerade als der Croupier vier riesige Stapel mit Zehntausenderchips zu Flo herüberschieben wollte, vernahm dieser ein lautes Klopfen. Die Mitspieler am Pokertisch, die dem jungen Deutschen gerade noch respektvoll zugenickt hatten, sowie der Casinoangestellte hielten inne in ihrer Bewegung, als ob sie eingefroren wären. Als Flo sich fragte, was da gerade vor sich ging, klopfte es erneut und ihm wurde klar, dass es an einer Türe klopfte. Die Bilder seines Traums lösten sich blitzartig auf und ihm wurde bewusst, dass er in seinem Bett im Hotelzimmer lag, wo jemand an die Zimmertüre hämmerte. Dann hörte er die Stimmen auf dem Flur.

»Polizei!«, riefen sie, »öffnen Sie bitte die Türe.«

Flo rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf, um wach zu werden. Noch immer verstand er nicht wirklich, was da vor sich ging. Schlaftrunken bewegte er sich zur Türe und öffnete. Noch bevor er überhaupt registrierte, was passierte, waren bereits zwei Männer in dunklen Anzügen und mit vorgehaltenen Pistolen in sein Zimmer gestürmt. Sie sahen fast wie Zwillinge aus, mit ihrem identischen Outfit, dem dunklen gegelten Haar und dem ernsten Blick. Während sich einer davon überzeugte, dass keine weiteren Personen anwesend waren, zwang der andere Flo, sich flach auf den Boden zu legen und die Arme von sich zu strecken, mit nach oben gerichteten Handflächen.

Jetzt war der Student endgültig wach.

»Was soll das?«, rief er, während einer der Polizisten Flos Reisetasche aus dem Schrank räumte und lieblos seine Habseligkeiten hineinstopfte. Kleider, Handy, alles, was offensichtlich nicht zum Hotelinventar gehörte. Auch die Casinochips, die auf dem Bett und Boden verstreut waren, warf er unbeeindruckt in die Tasche. Eine Hose und ein T-Shirt, sowie ein paar Schuhe ließ er auf dem Bett liegen. Immerhin gestanden sie Flo wohl zu, wenigstens nicht in Unterhosen abgeführt zu werden.

»Sie sind verhaftet«, erklärte der, der neben Flo stand und seine Waffe auf ihn richtete. Kurz schob er seine Jacke beiseite, um den Blick auf seine Polizeimarke frei zu machen, die an seinem Hosenbund steckte. An seinem Revers steckte eine Minikamera, wie sie auch die Streifenpolizisten inzwischen trugen, um die Festnahme aufzuzeichnen. »Ihre Rechte werden Ihnen später noch erklärt.«

»Aber warum? Was habe ich falsch gemacht?«, wimmerte Flo verzweifelt. Er war den Tränen nah.

»Wahrscheinlich mehr als wir wissen«, antwortete der Beamte kurz und zeigte auf die Tausenderchips in der offenen Tasche.

»Noch was im Zimmersafe?«, fragte der andere Polizist und klopfte an den kleinen Tresor im Kleiderschrank, der durch eine Zahlenkombination gesichert war.

Flo nickte. In diesem Moment war er froh, dass er sein bisher gewonnenes Bargeld im zentralen Hotelsafe und nicht in dem kleinen Zimmersafe deponiert hatte.

»Viermal die fünf«, nannte er den Code und wusste in dem Moment, als der Beamte grinste, wie einfältig seine Nummernkombination war.

Der Polizist tippte den Zahlencode ein und entnahm dem Safe Flos Geldbörse und Reisepass. Er glich kurz Flos Konterfei mit dem Bild auf seinem Reisepass ab, dann wanderten auch diese Dinge in die Reisetasche.

»Ziehen Sie sich an«, erklärte der Mann mit der Waffe. »Aber machen Sie keine Dummheiten. Wir bringen Sie jetzt aufs Revier.«

Er ließ Flo langsam aufstehen und die bereitgelegte Kleidung anziehen. Dann forderte er ihn auf, seine Hände auf den Rücken zu drehen und legte ihm Handschellen an. Der Mann steckte seine Pistole zurück ins Holster und schob Flo auf den Flur hinaus, der andere folgte mit der Reisetasche.

»Das muss ein Missverständnis sein«, versuchte der Deutsche erneut eine Erklärung zu bekommen. »Ich habe gegen kein Gesetz verstoßen. Sagen Sie mir doch wenigsten, weshalb Sie mich verhaften, das müssen Sie mir doch begründen. Das ist mein Recht.«

»Klappe, Freundchen«, antwortete der Polizist, von dem Flo über den Korridor geführt wurde. »Deine Rechte hast du längst verwirkt.«

In diesem Moment kam ein eng umschlungenes Pärchen den Flur entlang, das erschrocken den vermeintlichen Verbrecher anstarrte, der gerade abgeführt wurde. Die Beamten grüßten freundlich und erklärten, dass die Gäste nun wieder beruhigt ihren Hotelaufenthalt genießen konnten, dank der nimmermüden Anstrengungen des Las Vegas Police Department.

Der alte Mann, der am Nachtschalter der Rezeption saß, sah Flo ebenfalls an, als sei er ein Schwerverbrecher, der endlich seine verdiente Strafe erhielt.

»Hab ich mir doch gleich gedacht«, brummte er missmutig.

Noch nie hatte sich Flo so geschämt wie in diesem Moment und blickte betreten zu Boden. Er hatte ein schlechtes Gewissen und fühlte sich schuldig, obwohl er noch nicht einmal wusste, warum.

Was hatte er denn nur verbrochen?

Vor dem Hoteleingang stand eine schwarze Limousine, auf deren Rückbank Flo gesetzt wurde. Seine Tasche landete im Kofferraum, einer der Polizisten nahm am Lenkrad Platz, der andere setzte sich neben seinen Gefangenen. Dann fuhren sie los.

Flo war verzweifelt und überlegte krampfhaft, was wohl der Grund für seine Festnahme sein konnte. Hatte er vielleicht wirklich gegen ein Gesetz verstoßen. Man wusste ja nie und hörte so viel davon, wie leicht man im Ausland in die Mühlen der Justiz gelangen konnte, nur weil man eine falsche Handbewegung gemacht oder sich mit dem falschen Tischnachbarn unterhalten hatte. Aber was hatte er denn nur angestellt? Oder war es letztendlich vielleicht eines der Casinos, die es ihm verübelt hatten, zu schnell zu viel gewonnen und dann nicht weitergespielt zu haben? Aber konnte das sein? Das war doch deren Geschäft. Und er hatte auch nicht betrogen, sondern lediglich beobachtet und Wahrscheinlichkeiten abgewogen. Außerdem war er doch nur ein kleiner Fisch, andere sahnten Gewinne ab, die um ein Vielfaches höher waren als seine.

Oder war es wegen seines Verkehrsvergehens? Das war doch bereits bezahlt und somit abgegolten. Oder etwa nicht?

Unwillkürlich schüttelte Flo verständnislos den Kopf und blickte verstohlen zu dem Polizisten neben ihm. Vielleicht waren es ja gar keine echten Polizisten, sondern hatten sich nur als solche ausgegeben. Wie konnte denn ein Tourist wie Flo die Echtheit einer Polizeimarke erkennen, zumal er sie nur zwei Sekunden lang gesehen hatte. Und hätten es nicht eher uniformierte Beamte sein müssen, die ihn verhafteten. Polizisten in schwarzen Anzügen gab es doch nur beim FBI. Zumindest war das in den Hollywoodfilmen immer so.

Seine Fantasie ging mit ihm durch.

Aber was zum Teufel wurde hier gespielt? Musste er sich das alles ohne Erklärung bieten lassen? Er war ja durchaus ein geduldiger und friedlicher Zeitgenosse, der sich viel gefallen ließ, bis er sich mal auflehnte. Wahrscheinlich zu gutmütig und zu gutgläubig. Ja, das war sicherlich sein Fehler, er hatte nie wirklich gelernt „Nein!“ zu sagen.

Aber was sollte er in diesem Fall auch tun?

Erneut ließ er einen heimlichen Blick zu seinem Sitznachbarn schweifen. Dabei ließ Flo das an seinem Wahrnehmungsvermögen zweifeln, was er gerade aus dem Augenwinkel zu erkennen glaubte. Hatte der Polizist wirklich eine Spritze in der Hand, die er entspannt auf die Rückenlehne legte?

Flo konnte sich nicht mehr davon überzeugen. Er vernahm noch einen kleinen Stich in seinem Nacken, dann wurde alles trüb um ihn herum und er verlor das Bewusstsein.

Tag 1

Wer bricht die Regeln?

3

Als Flo erwachte, kam es ihm vor, als läge er tief in unzähligen wattigen Kopfkissen versunken. Alles um ihn herum erschien ihm dumpf und grau. Nur langsam, noch langsamer als gewöhnlich, kam er zu sich und öffnete schwerfällig seine Augen. Sie brannten beim Öffnen und waren trocken, als ob er über keine Tränenflüssigkeit mehr verfügte. Blinzelnd blickte er sich um und musste feststellen, dass er zwar nicht in Watte gehüllt war, obwohl es sich so anfühlte, das Grau um ihn herum allerdings durchaus real war. Die Augen schmerzten, aber so langsam wurden sie wieder feucht. Im Gegenteil, jetzt tränten sie sogar über alle Maßen.

Instinktiv tastete er nach seinem Handy, erst in seiner Tasche, dann auf einem nicht vorhandenen Nachttisch. Es schien nicht in Reichweite zu sein. Wie spät mochte es sein? Und wo zum Teufel befand er sich?

So langsam und verschwommen wie die Bilder um ihn herum, kamen auch seine Erinnerungen zurück. Das Hotelzimmer in der Nacht, die hereinstürmenden Polizisten und seine Festnahme. Auch die Bilder seines Abtransports in der schwarzen Limousine und die offensichtliche Betäubung durch eine Spritze in den Nacken kehrten in sein Gedächtnis zurück.

Flo griff unwillkürlich nach der Stelle, an der er den Einstich vermutete und wo es jetzt, als er daran dachte, juckte. Er spürte ein Pflaster und riss es ab, um es sich anzusehen. Wie nach einer Blutabnahme beim Arztbesuch befand sich ein winziger Blutfleck auf dem Pflaster, sonst war da nichts. Nur die Stelle im Nacken fühlte sich seltsam an, wie eine kleine Beule auf der Haut. Wahrscheinlich eine Reaktion auf die Spritze.

Aber warum hatte man ihn derart außer Gefecht setzen müssen? Von so einem Vorgehen hatte er noch nie gehört, auch nicht in den Vereinigten Staaten, wo die Polizeimethoden sicher rigoroser und gewalttätiger waren als in Deutschland. Aber er hatte sich doch gar nicht gewehrt und sich brav an die Anweisungen der Beamten gehalten. Noch nicht einmal seine Nachfrage nach dem Grund der Verhaftung hätte man seiner Ansicht nach als Protest verstehen dürfen.

Flo runzelte die Stirn bei seiner Erinnerung an die Geschehnisse der letzten Nacht. War es überhaupt die letzte Nacht? In seinem dämmrigen Zustand hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Es wäre nicht verwunderlich, hätte man ihn für längere Zeit aus dieser Welt gespritzt.

Jetzt zeigten auch seine Augen wieder ein halbwegs klares Bild seiner Umgebung, obwohl dort nicht viel zu sehen war. Er befand sich ohne Zweifel in einer Gefängniszelle, auch wenn sie nicht so aussah, wie man das landläufig vermutete. Etwa vier Quadratmeter groß, mit einer Pritsche, auf der er lag, samt einer dünnen Matratze und einer Baumwolldecke, sowie einem Kopfkissen. Sonst nichts. Noch nicht einmal eine Toilettenschüssel gab es hier. Ebenso kein Fenster, lediglich eine Deckenlampe strahlte ihr kaltes LED-Licht in die winzige Zelle, die zwar sauber war, aber dennoch nicht gerade einladend. Die Stahltüre hatte ein kleines Gitterfenster, durch das man auf den Flur blicken konnte. Seiner Zelle gegenüber befand sich allerdings nur das Pendant dazu, ebenfalls eine verschlossene Stahltüre, so wie auch links und rechts davon. Weiter konnte er den Flur nicht einsehen.

Über der Türe konnte Flo eine kleine Kameralinse ausmachen. Hätte er nicht ähnliche kleine Kameras wie diese während seiner Tätigkeit beim Fernsehen kennengelernt, wäre er wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen diese als solche zu erkennen. Für den Laien hätte dies auch einfach eine Niete oder Schraube im Stahlrahmen der Türe sein können.

Vom Flur her zog ein seltsamer Geruch durch das Gitterfenster. Flo konnte erst gar nicht bestimmen, was das war. Es erinnerte ihn spontan an den Umzug in das neue Haus seines Stiefvaters und an sein Zimmer, dass der ihm fremde Mann für ihn renoviert hatte. Und in hellblau gestrichen. Eine Farbe die der damals siebzehnjährige Teenager überhaupt nicht gemocht hatte.

Ja, genau das war der Geruch – frischer Putz und frische Farbe! Es roch, als wäre hier vor nicht allzu langer Zeit verputzt und gestrichen worden. Und so sah es bei genauerem Hinsehen auch in der Zelle und auf dem Flur aus. Nicht verschmutzt oder abgenutzt, sondern frisch renoviert.

Nachdem auf dem Flur niemand zu sehen war, stellte sich Flo vor die Überwachungskamera und winkte.

»Ich muss mal auf die Toilette«, rief er, in der Hoffnung, dass auch irgendwo ein Mikrofon installiert war, oder man ihn über den Flur hören konnte.

»Hallo?«, schrie er nochmal, jetzt etwas lauter, nachdem sich nichts rührte.

Es dauerte noch zwei weitere Versuche und mehrere Minuten, bis er das Summen eines Türöffners und dann endlich Schritte auf dem Flur hörte. Kurz danach erschien das kantige aber durchaus gutmütig wirkende Gesicht eines Farbigen im Gitterfenster der Türe, das Flo aufforderte, von der Türe zurückzutreten, dann wurde offenbar ein Code eingegeben und mit einem Piepen quittiert, das den Türriegel zurückfahren ließ.

Als die Türe geöffnet wurde, stand dahinter ein Riese von einem Mann. Mindestens zwei Meter groß und mit Muskeln bepackt, die seine Gefängniswärteruniform fast zu sprengen schienen. Auf einem Namensschild unter einer Marke mit einer Art Sheriffstern stand „Atlas“.

Der Schwarze winkte Flo zu sich, die andere Handan einem schweren Schlagstock, der an seinem Gürtel hing. Die respekteinflößende Statur und sein versteinerter Gesichtsausdruck ließen trotz der vermeintlich freundlichen Fassade keinen Zweifel daran, dass der Beamte seine Waffe schnell und effektiv einsetzen würde, wenn es auch nur den geringsten Anlass dazu gäbe.

»Ich muss mal«, wiederholte Flo eingeschüchtert und trat nach einem weiteren Winken des Wärters vorsichtig aus seiner Zelle in das grelle Licht des Korridors. Tatsächlich war der Druck auf seiner Blase zwar da, es war aber bei Weitem nicht so dringend, wie er vorgab. Vielmehr wollte er wissen, wo er überhaupt war und was mit ihm passierte.

Demzufolge versuchte er sein Glück bei dem Hünen, der hinter ihm her stapfte, nachdem er seinem Gefangenen Handschellen angelegt und den Weg zur Toilette gedeutet hatte. Flo drehte sich zu seinem Bewacher um und setzte ein freundliches Lächeln auf. So freundlich man eben unter diesen widrigen Umständen noch schauen konnte.

»Wo bin ich hier und was wird mir vorgeworfen? Kann ich mit einem Verantwortlichen sprechen oder mit einem Anwalt?«

Der Schwarze namens Atlas schwieg jedoch und deutete lediglich auf die Türe zu den Waschräumen, als sie davor zum Stehen kamen.

Dann brummte er mit dem tiefsten Bass, den Flo jemals gehört hatte: »Klein oder groß?«

Der junge Mann starrte seinen hünenhaften Bewacher fragend an.

Atlas deutete auf Flos Handschellen. »Wenn du nur ein kleines Geschäft zu erledigen hast, lass ich die an. Ich muss ja wohl nicht mit reinkommen, oder? Also mach keinen Scheiß und beeil dich. Ich warte hier.«

Flo wusste, von dem Wachmann war nichts zu erwarten, was einer Klärung seiner Situation zuträglich gewesen wäre. Also ging er ohne weitere Fragen gemäß Atlas‘ Aufforderung auf die Toilette. Die ganzen Waschräume samt den Toiletten waren blitzeblank. Entweder waren sie hier nie benutzt worden oder ständig gereinigt, was Flo sich beides nicht vorstellen konnte. Oder aber man hatte den ganzen Bereich erst kürzlich neu installiert. Generell schien alles hier neu oder neu renoviert zu sein. Die Zelle, der Flur, der Nassbereich. Nun, bei allem Unglück, das Flo gerade widerfuhr, war es wenigstens ein Trost, dass er nicht in einem völlig verdreckten Loch gelandet war, unter hygienisch unzumutbaren Zuständen. Das hatte er im Fernsehen schon mehrfach gesehen und war bisher der Meinung gewesen, dass jemand, der im Gefängnis sitzt, nicht auch noch unter besten Verhältnissen einsitzen sollte. Schließlich kamen doch normalerweise nur Verbrecher in den Knast und hatten ihren Anspruch auf Luxus verwirkt.

In seinem Fall war er dankbar, dass das hier scheinbar nicht so war.

Während er seine Notdurft verrichtete, dachte Flo angestrengt nach. Niemand konnte oder wollte ihm sagen, warum er ins Gefängnis gebracht worden war. Weder die, die ihn verhaftet hatten, noch die, die ihn bewachten.

Das durfte doch nicht sein.

Er ging davon aus, dass ihm irgendein Verantwortlicher heute sagte, was man ihm vorwarf und wie es weiterging. Schließlich musste ihm ein Anwalt gestellt werden und er musste doch auch seine Familie in der Heimat informieren können.

Er dachte an seine Mutter. Vielleicht war es sogar besser, wenn sie nichts davon erfuhr. Zumindest so lange, bis er wusste, was mit ihm geschah. Sie würde sonst einen Herzanfall bekommen.

Flo trat wieder auf den Flur hinaus, wo Atlas ihn mit unveränderter Miene erwartete. Er zeigte mit dem Finger den Flur entlang in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Könnte ich bitte mit jemandem sprechen«, startete er einen erneuten Versuch den Wachmann zu erweichen, ahnte aber, dass diesen das wenig beeindruckte.

Er blickte sich um und sah in das Gesicht des Schwarzen, das wie eine Maske wirkte und starr nach vorne gerichtet war. Nur seine Augen bewegten sich und nahmen jede kleinste Bewegung wahr, die der Gefangene machte, jederzeit bereit zu reagieren.

Flo schüttelte enttäuscht den Kopf und sah den Flur entlang. Tatsächlich gab es hier zehn dieser Stahltüren, die in irgendwelche Zellen führten. Jetzt vernahm er auch andere Stimmen, die durch die Gitterfenster drangen. Verschiedene Sprachen oder akzentuiertes Englisch, Gemurmel, sowie Rufe nach einem Wärter, ähnlich derer, die Flo vor einigen Minuten getätigt hatte. Offenbar schien der ganze Bereich langsam wach zu werden.

Vor seiner Zelle angekommen, entfernte Atlas die Handschellen von Flos Handgelenken. Er gab neben der Türe den entsprechenden Zahlencode ein und der Riegel öffnete sich voll elektronisch, aber dennoch mit lautem, metallischem Schleifen.

»Du wirst gleich geholt«, brummte er und nickte unmerklich. Dann schloss er die Türe und drückte einen Knopf. Mit einem Piepen schob sich der Riegel vor und verschloss die Türe.

4

Flo stand an dem kleinen Gitterfenster seiner Zellentüre und blickte auf den Flur, auch wenn er außer den drei Zellentüren gegenüber nichts sehen konnte. Aber irgendwie erhoffte er sich davon, irgendetwas Neues zu erhaschen, vielleicht einen anderen Wärter, der über den Flur lief und den er hätte fragen können, ob er ihm helfen wollte. Obwohl Flo nach dem Erlebnis mit Atlas‘ Schweigsamkeit nicht davon ausging, dass andere hier gesprächiger waren.

Plötzlich erschien hinter dem Gitter der Zelle schräg gegenüber ein weiteres Gesicht. Ein Latino mit den typischen Gesichtszügen eines Südamerikaners, schätzungsweise ein Mexikaner. Schwarze, zurückgekämmte und gegelte, oder einfach auch nur fettige Haare machten den Blick frei auf unzählige Narben, die wahrscheinlich eine Akne in jungen Jahren auf dem breiten Konterfei des Mannes um die fünfzig hinterlassen hatten. Er sah zu dem jungen Deutschen herüber, aber statt eines Lächelns oder einer Geste der Solidarität bezogen auf ihr gemeinsames, vielleicht vergleichbares Schicksal, starrte der Latino nur verächtlich zu Flo herüber und zog sich dann wortlos hinter seiner Zellentüre zurück.

»Wo bin ich hier nur hineingeraten?«, fragte sich der Student und blickte niedergeschlagen zu Boden.

Gerade drehte er sich um, um sich wieder betrübt auf seine Matratze zurück zu begeben, da hörte er ein Flüstern von gegenüber.

»Hey, Mann«, hörte er eine Stimme und blickte wieder durch das Gitter nach draußen. Direkt gegenüber schaute ein Farbiger aus seiner Zelle heraus und sah ihn fragend an. »Wo sind wir hier?«

Flo zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es auch nicht. Ich bin betäubt worden, als ich hierhergebracht wurde. Ich weiß noch nicht einmal, warum ich überhaupt hier bin.«

»Geht mir genauso«, bestätigte der Mann gegenüber. Im Gegensatz zu seinem südamerikanischen Zellennachbarn sah er freundlich und nicht wie ein Krimineller aus. Nur seine kleinen, am Kopf entlang geflochtenen Zöpfe kamen dem Deutschen etwas befremdlich vor. »Ist das nicht seltsam? Das dürfen die gar nicht. Hat man dir deine Rechte vorgelesen? Mir nicht. Das alleine verstößt schon gegen das Gesetz, ganz zu schweigen von der Vorgehensweise hier. Da stimmt was nicht, das sage ich dir.«

Gerade wollte Flo seinem Mitinsassen zustimmen, da wurde am Ende des Flurs der summende Türöffner betätigt und eine grell klingende Stimme brüllte über den Flur. Das war auf jeden Fall nicht der sonore und wohlklingende Bass des schwarzen Atlas.

»Guten Morgen, Herrschaften! Willkommen in eurer Übergangsunterkunft«, brüllte die Stimme, die nicht sehr freundlich klang. »So Leute, zuhören! Ihr bekommt jetzt von mir neue Kleidung, die zieht ihr an. Zieht euch aus und tretet von der Tür weg. Legt eure alten Klamotten ordentlich zusammengelegt auf einen Stapel. Die kommen zu euren Habseligkeiten, die ihr mitgebracht habt. Auf der Liste, die ihr gleich bekommt, steht alles drauf, was ihr dabeihattet, als ihr in der Nacht hergekommen seid. Kontrolliert alles und unterschreibt das Papier. Nur so bekommt ihr euren Kram auch wieder, wenn ihr diese heiligen Hallen wieder verlasst. Wann auch immer das sein wird. Kapiert?«

Flo fielen spontan seine Casinochips im Wert von mehreren Tausend Dollar ein. Ob sie auf der Liste stehen würden?

Nach einer kleinen Pause, in der sich niemand zu Wort meldete, fuhr die schrille Stimme in militärischem Befehlston fort: »Außerdem bekommt ihr einen kleinen Imbiss. Lasst ihn euch schmecken. In einer Viertelstunde holen wir euch alle zum gemeinsamen Antreten und registrieren. Haltet euch bereit und macht keine Mätzchen.«

Ohne Zweifel hatte der Mann, zu dem diese unangenehme und durchs Mark gehende Stimme gehörte, eine militärische Ausbildung genossen und war wie einer dieser tyrannischen Drillsergeants, die man aus amerikanischen Militärfilmen kannte. Automatisch formte sich vor Flos geistigem Auge ein Bild von dem Mann in Militäruniform mit einem in die Stirn gezogenen Armee-Hut und einem Riemen vor dem Kinn, ohne dass er den Mann bisher gesehen hatte.

»Und zum Schluss noch das Wichtigste«, ergänzte der Schreihals, »ihr bekommt noch einen zweiten Zettel. Darauf stehen die Regeln, die für euren Aufenthalt in diesem Fünf-Sterne-Hotel hier gelten. Lest sie euch durch und lernt sie auswendig, oder legt sie euch aufs Kopfkissen. Mir egal. Aber haltet euch daran. Sie gelten ab jetzt! Und wer dagegen verstößt, der erlebt sein blaues Wunder. Nehmt dies als letzte Warnung.«

Damit hörte man das Entriegeln der ersten Türe. Während Flo seine Kleidung auszog, zählte er mit. Fünf Türen wurden geöffnet und wieder verschlossen, bevor sich der Riegel an seiner Türe bewegte. Nackt stand er da und blickte in ein vertrautes Gesicht, als sich die Türe öffnete. Atlas füllte komplett den Türrahmen aus und warf einen orangefarbenen Overall auf die Pritsche, sowie ein paar weiße Sneakers. Beides sah glücklicherweise nicht so aus, als wäre es schon einmal getragen worden. Dann legte er eine gefüllte Papiertüte und ein Klemmbrett mit zwei Zetteln und einem angebundenen Stift darauf, nahm den Stapel mit Flos Kleidung und verschloss wieder die Türe. Einen direkten Augenkontakt vermied der Riese offensichtlich.

Während Flo die Sträflingskleidung überstreifte, horchte er, wie viele Türen noch nach seiner geöffnet wurden.

Drei!

Das bedeutete, neben ihm waren acht Neuankömmlinge hier. Neun Menschen, die auf diesem Flur untergebracht waren und offensichtlich gerade neu inhaftiert worden waren.

War das üblich, dass man die Neuen zunächst von den alten Gefangenen separierte? Aus welchem Grund sollte man das tun?

Gut, dass es keinen Spiegel gab. Allein das Gefühl des Overalls auf seiner Haut bereitete Flo eine Gänsehaut. Er kam sich bereits jetzt wie ein Verbrecher vor, trotz seiner Unschuld.

Was ging hier nur vor sich?

Er ergriff die beiden Listen und sah sich zunächst die an, auf der sein Eigentum aufgeführt war. Alles war sorgfältig aufgelistet, jedes Kleidungsstück, inklusive der Sachen, die er gerade abgegeben hatte, sein Reisepass, sein Portemonnaie samt seiner Kreditkarte, dem Führerschein und dem bis auf den Cent abgezählten Bargeld. Sogar die Casinochips waren vollständig aufgeführt. Wenigstens hatte man ihn nicht betrogen, was angesichts der bisherigen Vorgehensweise nicht verwunderlich gewesen wäre. Gut, er hatte sein Eigentum noch nicht zurück und er war immer noch grundlos eingesperrt, aber es ließ ihn zumindest hoffen, dass es hier halbwegs gerecht zuging, wenn auch mehr als sonderbar.

Der Student unterschrieb die Liste mit dem beigefügten Filzschreiber und widmete sich flüchtig dem zweiten Zettel.

Hierauf waren, wie bei einer Hausordnung, die Verhaltensregeln für die Dauer des Aufenthalts beschrieben.

Eigentlich waren diese Regeln fast alle logisch und selbstverständlich, warum betrieb man also so einen Aufwand, überreichte jedem eine Liste und betonte die Einhaltung so vehement?

Eine weitere, vorerst ungeklärte Frage im Rahmen seines seltsamen Aufenthalts in diesem Gefängnis. Flo hoffte nur, dass sich das Missverständnis seiner Verhaftung bald klären würde und er die Möglichkeit hatte, dies bei einem Verantwortlichen vorzutragen.

Nach einem ersten Überfliegen nahm sich Flo sein in der Papiertüte verpacktes Käsesandwich vor und las die Regeln noch einmal mit erhöhter Konzentration, vielleicht hatte er ja etwas falsch oder nicht komplett verstanden. Er war nur froh, dass sein Englisch so gut war, dass er sich hier zurechtfand. Was wäre gewesen, spräche er nur schlecht die Sprache. Er dachte an den Latino schräg gegenüber. War es vielleicht ein illegaler Einwanderer, der nur Spanisch verstand?

Die Liste las sich wie die zehn Gebote Moses‘.

1. Den Anweisungen des Wachpersonals ist widerstandslos Folge zu leisten!

War ja logisch in einem Gefängnis.

2. Das laute Herumschreien ist untersagt! Das Kommunizieren unter den Gefangenen ist nur innerhalb der Zellen und während des gemeinsamen Essens in angemessener Lautstärke erlaubt!

Das bedeutete schon einmal, dass es ein gemeinsames Essen gab und vielleicht sogar Zellen mit mehreren Insassen. Flo fragte sich, was besser war. Machte den Aufenthalt aber insgesamt vielleicht etwas angenehmer. Und Schreien durfte hier offenbar allein der Drillsergeant. Und wer sollte einen hier sonst auch hören?

3. Die gegenseitige Unterstützung und ein respektvoller Umgang untereinander, sowie dem Personal gegenüber werden vorausgesetzt!

---ENDE DER LESEPROBE---