Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater ersteht der in Berlin lebende Amerikaner Brian auf dem Pariser Flohmarkt eine alte, ungewöhnliche Uhr. Weder er noch die hübsche Verkäuferin haben eine Vorstellung davon, welch mysteriöse Macht sie birgt. Doch auch der französische Geheimdienstchef ist schon lange auf der Jagd nach dem antiken Stück. Nach und nach gibt das Schmuckstück sein Geheimnis Preis und Brian sieht sich einem mächtigen Feind gegenüber. Er findet aber auch Verbündete im Kampf ums Überleben bei dem Gut und Böse nicht mehr so leicht auseinander zu halten sind. Seine Flucht sowie seine Gegenwehr erfahren dadurch immer wieder neue Wendungen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wolfgang Wirth
look back
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
Epilog
Impressum neobooks
Es war kein verheißungsvolles Klopfen. So klopfte keiner, der auf einen Kaffee oder einen Pernod vorbeikam.
Sonst klang alles wie gewohnt an diesem sonnigen Maimorgen. Die Vögel zwitscherten durch das offene Fenster von den blühenden Obstbäumen im Garten. Die Autos knatterten auf der Rue de l’Auvergne und das gelegentliche Hupen ihrer Signalhörner störte schrill die sonst so friedliche Szenerie.
Es war eigentlich ein ganz normaler Morgen, so wie jeder andere. Aber nicht für den alten Jean-Pierre, denn dieser Morgen hatte bereits einige Ereignisse hervorgebracht, die alles andere als normal waren. Gestern schon fing alles so erfolgversprechend an. Die ganze Nacht hatte der hagere alte Mann an seinem Werktisch gearbeitet, nachdem er am Vorabend den Durchbruch förmlich gespürt hatte. Jahre der Forschung, des Experimentierens, der Aufopferung für sein ganz persönliches Projekt. Die Entdeckung, die die Welt verändern könnte. Nur ob zum Guten war Jean-Pierre noch nicht ganz klar. Darüber grübelte er, seitdem er an seiner Erfindung gearbeitet hatte. Seitdem er diese alten Aufzeichnungen gesehen und das wirre Gefasel seines russischen Nachbarn von Kristallen im Garten gehört hatte. Seitdem er genau diese Kristalle in dem Gartenversteck des greisen Russen und deren Geheimnis entdeckt hatte. Seitdem er die Puzzleteile entziffert und mit mikroskopisch, chirurgischer Feinarbeit all die Schräubchen und Zahnrädchen zusammengesetzt hatte.
Und ganz besonders seit diesem Morgen, nachdem er seine Erfindung, dieses Wunderwerk an mehreren Beispielen erfolgreich ausprobiert hatte.
Da lag es nun, sein Schmuckstück. Jean-Pierre sah es liebevoll an, seine dünnen aber immer noch nicht zittrigen Finger streichelten jedes Teilchen seines Werkes. Es war nicht wirklich verziert mit Gold und Silber wie die anderen Exemplare dieser Zeit, dabei auch noch relativ groß und wuchtig, sonst aber eher schlicht. Auffällig war jedoch die offene Mechanik mit dem ungewöhnlichen Spiegel im Zentrum, die das ganze eher wie eine winzige Maschinerie erscheinen ließ, als ein Exemplar zeitgenössischen Herrenschmucks. Nur die warnenden Worte des russischen Wirrkopfes aus dem Nachbarhaus hatte er zu seinem Gedenken in kunstvoller Form auf den Rand graviert. Dabei hatte dieser Jean-Pierre eindringlich von seinem Vorhaben abbringen wollen, er sollte nicht in Gottes Handlungen eingreifen, jeder Mensch sollte sich nur auf seine eigenen Erinnerungen konzentrieren. Aber der alte Uhrmacher war wie besessen von dem Gedanken, etwas Einzigartiges zu erschaffen, etwas, was die Welt noch nicht gesehen hatte. Etwas, was vielleicht die Welt auch etwas friedlicher machen könnte, eventuell aber auch genau das Gegenteil bewirken könnte.
Seitdem Cartier vor kurzem das Tragen solcher Uhren am Handgelenk modern gemacht und sein alter Kollege Harwood eine Automatik hierfür erfunden hatte, war es angesagt, solche Prachtexemplare nicht mehr in der Westentasche zu verstecken, sondern seinen Wohlstand, Klasse und Eleganz etwas offener zur Schau zu stellen.
Aber dieses Prachtstück unterschied sich von allem bisher Dagewesenen. Nicht nur, dass es auch ein achtstelliges Datum anzeigen konnte, die wirkliche Revolution lag in einer kleinen zusätzlichen Funktion einer zweiten Krone, die mit der reinen Zeitmessung nur noch wenig zu tun hatte.
Neben seiner kleinen Enkelin hatte der alte Mann nur einem Menschen sein Geheimnis bisher in Teilen offenbart. Seinem alten Freund und Gönner Jacques Renard, einem Pariser Juwelier, den er vor zehn Jahren kennengelernt hatte, als er aus Genf an die Seine gekommen war. Jean-Pierre hatte für ihn gearbeitet, aber obwohl seine Arbeit für den Juwelier seit einiger Zeit nicht mehr so umfangreich war, hielt dieser doch an ihm fest, nicht zuletzt auch aus Interesse an seiner wissenschaftlichen Tüftelei. Jacques hatte erkannt, welches Talent in dem hageren Uhrmacher steckte. Sie waren auch privat eng verbunden und sie konnten über Alles miteinander reden. Und so erfuhr Jacques auch von dem Durchbruch in Jean-Pierres Forschung, besonders als es in der letzten Nacht so aussah, als hätte es der alte Tüftler endlich geschafft. Jean-Pierre war zu Jacques hinübergelaufen und voller Euphorie von seiner Entdeckung erzählt. Sie sprachen nur kurz miteinander, aber Jacques erschien an diesem Abend so abwesend, so reserviert, anders als gewöhnlich. Aber mehr Gedanken daran zu verschwenden schien dem alten Schweizer unnötig, wo er doch gerade mitten in der Entdeckung des Jahrhunderts steckte und schnell zurück zu seiner Arbeit wollte, um sie endgültig zu testen.
Erst jetzt, als es unten abermals heftig an seine Tür pochte, kamen diese Gedanken zurück und er stellte instinktiv eine Verbindung dieser Ereignisse her, wunderte sich plötzlich über Jacques’ Interesse an seiner Arbeit und deren Unterstützung. Bei näherem Nachdenken erschien Jean-Pierre das Ganze aber doch zu absurd.
Das Hämmern an die Tür wurde kräftiger. Wer konnte das nur sein? Die Polizei hätte bestimmt das Klopfen mit einem Ruf oder einer Aufforderung bekräftigt. Eventuelle Gläubiger hatte er nicht. Hatte das alles mit seiner Entdeckung zu tun? Wollte ihm etwa jemand seinen Erfolg streitig machen? Aber wer konnte davon wissen? Die Gedanken schossen ihm durch den Kopf, alles schien sich zu drehen. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er wusste nur, die Uhr musste in Sicherheit gebracht werden. Aber wenn sie nun doch jemand fände? Nein, das durfte nicht passieren. Sie musste zerstört werden, bevor sie in falsche Hände geriet. Trotz all seiner Bedenken, war ihm bisher nie der Gedanke gekommen, dass dieser Moment so schnell kommen könnte. Insofern hatte er auch keinen vorbereiteten Plan.
Das Klopfen wurde lauter und wilder – jetzt rüttelte jemand an der Tür. Es klang nicht so, als würde dieser Jemand lange auf ein freundliches Öffnen der Türe warten. Jean-Pierre musste handeln. Aber die Uhr komplett zu zerstören bedeutete den Verlust jahrelanger Arbeit, sollte er das riskieren? Er nahm die Apparatur und schraubte die zweite Krone vorsichtig ab – den Mechanismus und den Spiegel wollte er dann nun doch nicht beschädigen. Vielleicht war ja doch alles nur falscher Alarm. Er legte die Krone zu den anderen Kleinteilen, die auf seinem Arbeitstisch herumlagen und lief mit der Uhr schnellen Schrittes auf den Flur, um ein geeignetes Versteck fernab des Arbeitszimmers zu entdecken. In diesem Moment flog unter lautem Krachen die Haustür auf. Splitter flogen durch den Eingangsraum und zwei Männer stürmten in das Haus. Vom oberen Treppenabsatz sah der Uhrmacher die Szenerie und es durchfuhr ihn augenblicklich massive Angst und lähmte sein Bewusstsein. Die Eindringlinge riefen nun laut seinen Namen. Dadurch rappelte er sich wieder auf und kletterte schnell auf den Dachboden. Eine alte Kiste, die mit nicht mehr benötigten Spielsachen seiner längst aus dem Haus ausgezogenen Tochter gefüllt war, schien ihm in der Eile als Notunterbringung geeignet. Er schob die Uhr schnell unter das Kleid einer alten Puppe, verschloss die Kiste und warf eine alte, verstaubte Wolldecke darüber. Später würde er sich dann überlegen müssen, wo er ein ideales und sicheres Versteck zu suchen hätte.
Schnell kletterte er den Stieg in den ersten Stock wieder herab. Auf dem Flur angekommen stand ihm unvermittelt einer der in dunkle Mäntel gekleideten Männer gegenüber.
„Wo ist sie?“, stieß dieser barsch aus.
„Wovon sprechen sie?“, war alles, was der Schweizer stotternd herausbrachte. „Und was wollen sie in meinem Haus?“
Statt einer Antwort rief der Mann seinen Kumpanen herbei und schnappte Jean-Pierre beim Revers. Dieser sah nur noch aus dem Augenwinkel, wie die andere Hand des finsteren Eindringlings zu einer Faust geballt auf ihn einkrachte. Weitere Schläge folgten an den Kopf, in die Magengrube und als er zusammengesunken auf dem Boden lag, spürte er Tritte von schweren Arbeitsstiefeln im Rücken und am Schädel. Immer wieder brüllten die Männer die einzige Frage, die er um keinen Preis der Welt beantworten wollte: „Wo ist die Uhr?“
Unter dem Stakkato der Tritte verlor er das Bewusstsein. Ein Nebel umschloss ihn und er verspürte keine Schmerzen mehr. Wie im Zeitraffer schossen die Erinnerungen durch seinen Kopf. Er sah seine Ehefrau, die ihm viel zu früh durch eine Lungenentzündung entrissen wurde, seine Tochter als kleines Mädchen, dann als erwachsene Frau im Kindbett mit seiner Enkelin im Arm, der kleinen Fernande, die er so liebte und die ihm so gern bei seinen Arbeiten zusah. Alle waren sie bei ihm. Aber genauso schemenhaft, wie sie erschienen waren, verschwanden sie auch wieder.
Das erste, was Jean-Pierre hörte, als er wieder zu sich kam, waren wiederum die Stimmen der beiden dunklen Gestalten in seinem Haus. Wie aus der Ferne drangen sie langsam zu ihm und das Bewusstsein und die Erinnerung an das Geschehene kehrten allmählich zurück. Aber auch der Schmerz. Er spürte, dass seine Knochen nicht mehr in der gottgegebenen Form waren und die flüssige Wärme die ihn umgab, ließ ihn erahnen, dass er in seinem eigenen Blut lag. Als sich der Schleier mehr und mehr hob, wurden die Stimmen deutlicher. Er konnte aus den Rufen folgern, dass sie die Uhr noch nicht gefunden hatten.
Instinktiv blieb er reglos liegen, er hätte sich ohnehin nicht viel bewegen können. Aber er wusste, dass seine einzige Chance weiteren Schmerzen zu entgehen war, so zu tun, als hätten die Schläger ihr tödliches Werk bereits vollendet. Schon hörte er, wie sich schwere Schritte auf dem Holzboden näherten und hielt die Luft an. Seine blutgetränkten Augen brannten, aber er versuchte auch nur das geringste Zucken zu vermeiden.
„Der sagt uns nichts mehr!“, war eine der Stimmen zu hören.
„Das war deine Schuld! Wir hätten es vorher aus ihm rausquetschen sollen.“ Das war der andere, der nicht minder feindselig klang. „Jetzt finden wir das Ding nie!“
Ein letzter Tritt erschütterte Jean-Pierres Leib, so als wollte der Schläger auch wirklich sicher sein, dass der alte Mann sich nicht mehr regte. Der Uhrmacher verkniff sich unter Schmerzen einen Laut von sich zu geben und biss die Zähne aufeinander.
Dann entfernten sich die Schritte wieder. Erst auf dem Flur, dann die Treppe hinunter. Kurz darauf war es still. Die Männer mussten das Haus verlassen haben.
Jean-Pierre lag noch eine Weile bewegungslos da, um sich zu versichern, dass er auch wirklich alleine war. Die Schmerzen in seiner Magengegend und das Pochen im Kopf wurden immer stärker, ein taubes Gefühl machte sich allerdings in seinen Beinen breit. Er wollte sich aufrichten, doch er war nicht in der Lage dazu. Seine untere Körperhälfte schien er gar nicht mehr kontrollieren zu können und sein Kopf fühlte sich an als stünde er kurz vor dem Zerbersten. Der alte Uhrmacher wusste, dass seine letzte Stunde auf dieser Welt angebrochen war. Sein alter Körper war geschunden. Er wusste, diese Männer würden sein Leben auf ihrem Gewissen haben. Aber sein Geist war noch wach. Er hatte noch eine Aufgabe zu vollbringen.
Seine Entdeckung, sein größter Schatz, dem er sein halbes Leben gewidmet hatte, durfte nicht in einer Spielzeugkiste verstauben. Er wollte sein Geheimnis weitergeben. Aber nicht irgendwem. Vielleicht musste auch etwas Gras über Alles wachsen, vielleicht war die Welt einfach noch nicht reif für ein Wunder. Seinem Freund Jacques vertraute er nicht mehr, irgendetwas sagte ihm, dass er für den Überfall verantwortlich war. Niemand sonst hätte etwas von seiner Arbeit wissen können. Nein, nur Fernande, sein unschuldiger kleiner Engel sollte die Erbin seines Schatzes sein. Sie war gerade einmal acht Jahre alt, aber schon so wissbegierig und clever. Sie hatte die Intelligenz und die Neugier ihres Großvaters in ihren Genen. Sie war es auch, die er als erste an seinem Abenteuer teilhaben lassen wollte. Nun würde es seine Enkelin alleine bestreiten müssen. Der Tag würde kommen, an dem sie wüsste, was zu tun sei. An dem sie sein Vermächtnis der Welt offenbaren würde.
Aber wie sollte er sie informieren ohne gleichzeitig seine Verfolger auf ihre Spur zu setzen?
Seine Kraft wich aus seinen Armen, auf die gestützt er versuchte sich vorwärts zu bewegen. Allzu weit kam er so nicht, das wusste er. Geschweige denn die Treppe hinunter und bis zur Straße, wo er um Hilfe rufen konnte. Das Telefon hing ebenfalls unten im Flur an der Wand und somit für ihn unerreichbar. Die Zeit lief ihm davon, in seiner Sanduhr verblieben nur noch wenige Körner. Und die Schmerzen ließen ihn immer wieder zusammensacken. Er versuchte sich umzublicken. Erst jetzt sah er die Verwüstung, die seine Mörder hinterlassen hatten. Sie waren durchaus gründlich gewesen. Nichts war mehr an seinem Platz, Möbel ausgeräumt und teilweise zerschlagen, das ganze Haus sah aus wie nach einem Wirbelsturm. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dort bewusstlos gelegen hatte und wie lange die zwei Eindringlinge in seinem Haus gewütet hatten. Trotzdem hatten sie seinen Schatz offensichtlich nicht geborgen.
Sein Blick fiel auf eine Zeitung, die blutgetränkt neben ihm lag. Er riss mit letzter Kraft eine noch saubere und überwiegend unbeschriebene Ecke ab und suchte nach etwas zu schreiben. Ein kleiner Schraubenzieher lag glücklicherweise nicht allzu weit entfernt in einem Haufen aus Überresten seines Schreibtischs. Tinte wiederum war nicht zu sehen. Das einzige Flüssige in seiner Reichweite war die Blutlache, die zum Teil noch nicht ausgetrocknet war, da sie immer weiter durch die breit klaffende Wunde an seiner Schläfe gespeist wurde.
Und so schrieb Jean-Pierre seine letzten Worte mit seinem eigenen Blut, als Botschaft für ein kleines Mädchen, die ein schweres Erbe übernehmen sollte.
Falls dieses Mädchen die Botschaft jemals verstehen würde…
Samstag, 12. Mai, morgens
„Was kostet die Kaffeemühle?“ Der Mann mit dem dicken Norwegerpullover zeigte auf eines der vielen antiken Stücke auf dem ramponierten Tapeziertisch. Ganz klar ein Weiterverkäufer, dachte die junge Frau hinter dem Verkaufstisch. Er würde mit seinem Gegengebot hundertprozentig weit unter dem tatsächlichen Wert bleiben.
„Zwanzig Euro, Monsieur!“ Das war schon ein verdammt guter Preis.
„Für fünf nehm’ ich sie mit!“
„Pardon, Monsieur – ich wollte sie nicht verschenken! Sagen wir fünfzehn.“
Ohne eine Antwort ging der Mann scheinbar desinteressiert weiter. Diese Masche funktionierte bestimmt bei Vielen. Bevor man ein Teil gar nicht verkauft, gibt man es dann eben doch zu einem Spottpreis her. Aber Laeticia Bernard fiel darauf nicht herein. Nicht, dass sie nicht froh gewesen wäre, den ganzen Plunder los zu werden, zumal sie ja auch alles wieder einpacken, in den Kisten verstauen und zum Auto zurück tragen musste. Aber es gab eben doch ein paar Prinzipien, die sie einzuhalten versuchte, auch wenn sie meist nur durch ihr Unterbewusstsein gesteuert wurden. Aber dies war so ein Fall. Der arrogante Blick, das ignorante Verhalten, das Gefühl, dass dieser Mann das Stück wahrscheinlich nur hundert Meter weiter zum Vielfachen wiederverkaufen würde, waren für Laeticia Grund genug, nicht weiter auf ihn einzugehen.
Außerdem war es noch früh an diesem Samstagmorgen, es würden noch genügend Interessenten vorbeikommen, da brauchte man sich nicht gleich dem ersten schon ergeben. Andererseits war es für Mai an diesem Tag eher unfreundlich, Wolken hingen tief am Himmel, die Sonne hatte sich noch nicht sehen lassen. Und es war noch relativ kühl. Aber Laeticia hoffte, mit der Sonne würden später an diesem Vormittag auch noch weitere Flohmarktbesucher erscheinen.
Ein kurzes Zögern des Mannes im Pullover bestätigte ihre Vermutung, dass er ihr noch eine Chance geben wollte, ihn doch noch aufzuhalten, um ihm das Objekt seines Begehrs zu seinem völlig unrealistischen Angebot zu überlassen. Aber sie hatte eben auch ihren Stolz. Schließlich waren es doch alles mehr oder weniger Familienerbstücke. Zugegebenermaßen kein einziges, was ihrem Geschmack auch nur im Entferntesten entsprach. Nicht ein Exemplar ihrer angepriesenen Ware würde sie jemals bei sich zuhause hinstellen, auch wenn es von ihrer geliebten Großmutter stammte. Aber es war dennoch kein wertloser Tand.
Nachdem vor einigen Wochen die Großmutter ins Pflegeheim gezogen war, hatte Laeticia sich bereiterklärt, sich um den Hausrat zu kümmern. Ihre Tante hatte schon genug mit dem Haus selbst zu tun. Die Reparaturen, der Garten, alles musste auf Vordermann gebracht werden, wenn man einen einigermaßen guten Preis erzielen wollte. Die Lage war zwar ideal, fast mitten in Paris und dennoch relativ ruhig gelegen, aber das Haus war über 100 Jahre alt, zu klein für heutige Ansprüche mit niedrigen Decken, und die Gegend inzwischen leider ziemlich heruntergekommen. Damals hatte das Viertel sicher zu einem der besseren hier gehört, aber heute bestand ein Großteil des Umfeldes aus Hochhäusern in desolatem Zustand. Auch die direkten Nachbarhäuser von Laeticias Großmutter waren größtenteils unbewohnt und schienen ausgeplündert. Graffitis prägten das Stadtbild in diesem Viertel und nicht selten brannte nachts mal wieder irgendein Fahrzeug auf den Straßen ringsherum. Zum Zeitvertreib der Jugendlichen, die hier ohne Zukunftsvisionen und Aussichten auf ehrliche Arbeit aufwuchsen. Dennoch stand die alte Dame seltsamerweise genau bei diesen Straßengangs irgendwie unter besonderem Schutz. Ihr Haus war weder je beschmiert worden, noch war es in irgendeiner Weise beschädigt.
Keiner der wenigen verbliebenen Familienmitglieder Laeticias wollte jedoch dort einziehen, also einigte man sich, das Haus herzurichten und das Beste aus einem Verkauf herauszuholen, falls es überhaupt verkäuflich war. Vielleicht würde es ein Käufer auch abreißen und ein Garagenhaus an dessen Stelle bauen. Eine Investition, die hier vielleicht sogar Gewinn versprechend sein könnte, wo doch kein Anwohner sein Fahrzeug länger als notwendig auf der Straße parkte. Schon als die Großmutter hier noch lebte, wollte keiner ihrer Besucher lange bleiben, wenn er sein Auto nicht auf ihrem Grundstück abstellen konnte.
Laeticia war die einzige, die sich wirklich um die alte Frau kümmerte. Früher hatte das ihre Mutter getan, aber sie war vor einigen Jahren Laeticias Vater ins Grab gefolgt. Jetzt war nur noch die andere Tochter da, zu der die Alte nie ein besonderes Verhältnis gehabt hatte, und eben ihre geliebte Enkelin. Diese besorgte ihre Einkäufe, besuchte sie regelmäßig und las ihr aus den alten Büchern vor, die heute ebenfalls auf dem Flohmarkt zum Verkauf standen. Gerne hätte Laeticia das ein oder andere als Andenken behalten, aber sie hatte in ihrer kleinen Stadtwohnung keinerlei Platz für all diese Dinge. Mit dem Einverständnis ihrer Großmutter behielt sie den Schmuck für sich, auch wenn sie ihn nie tragen würde. Aber er nahm keinen Platz weg und wäre auch zu wertvoll, ihn einfach zu verkaufen.
Aber diese ganzen Dinge, die jetzt hier auf dem Tisch lagen, Küchenutensilien, Dekoration, Geschirr und allerlei Krimskrams sollte sie verkaufen und sich von dem Erlös einen Wunsch erfüllen. Darauf hatte die Alte bestanden. In einem ihrer wenigen lichten Momente hatte sie all das gemeinsam mit ihnen besprochen, ihrer Tochter und Laeticia, mehr Familienmitglieder direkter Linie gab es nicht.
Und nun war Großmutter Fernande ins Altenheim gegangen. Alleine schaffte sie es nicht mehr. Körperlich schon seit längerem nicht, aber da konnte ihre Enkelin noch helfen, außerdem kam morgens und abends jeweils eine Pflegerin vorbei. Nun war aber auch der Geist vom Alter angegriffen und der Verfall machte seit einigen Monaten rapide Fortschritte. Vorbei waren die Abende, an denen die alte Fernande ihrer wissbegierigen Enkelin von den alten Zeiten erzählte, von ihrer eigenen Jugend, dem Krieg, der Zeit des Wiederaufbaus danach und der Kindheit von Laeticias Mutter. All diese Erinnerungen lösten sich allmählich in Luft auf. Nur selten gab es Momente, an denen die Alte alle Sinne beisammen hatte und man mit ihr über ernsthafte Angelegenheiten sprechen konnte.
„Achtzig Euro!“, beantwortete Laeticia die Frage eines jungen Pärchens nach dem Preis für ein Ölgemälde. Eines dieser langweiligen Landschaftsbilder mit einem röhrenden Hirsch.
„So viel wollten wir nicht ausgeben, aber es ist wirklich wunderschön! Könnten wir es nicht für vierzig haben?“
„Sagen wir sechzig, dann treffen wir uns in der Mitte!“
Die beiden jungen Leute schauten sich verzweifelt an. Man sah ihnen an, dass sie sich mit einer Entscheidung schwer taten.
„Fünfzig?“
„Na gut!“ Laeticia ließ sich erweichen, die beiden waren ihr sympathisch. Außerdem war es wieder ein sperriges Teil weniger für den Rückweg und fünfzig Euro auf der Habenseite waren ja auch in Ordnung. Wer auf dem Flohmarkt verkauft, sollte ohnehin den Verkaufspreis nicht in Relation zum Wert setzen, redete sie sich ein. Das machte vielleicht der professionelle Händler, aber nicht so ein Gelegenheitsverkäufer wie sie.
Dies war jetzt schon der zweite Flohmarkttermin, den sie wahrnahm. Maximal viermal wollte sie es versuchen. Der berühmte Marché aux Puces in Paris war ihr für solche antiken Dinge empfohlen worden. Und in der Tat hatte sie schon einiges losbekommen. Das Problem war, dass nicht viel in ihren kleinen Renault passte. Sie hatte sich für das zweite Mal schon einen großen Kombi von ihrem Nachbarn ausgeliehen, aber einiges war so sperrig, dass sie nicht umhin kam, mehrere Male hierher zu kommen. Aber Alles in Allem lohnte es sich schon. Abzüglich der nicht gerade geringen Standgebühr hatte sie schon mehrere hundert Euro eingenommen. Was sie sich mit dem Erlös leisten wollte, wusste sie noch nicht. Vielleicht ein schönes Wochenende im Süden? In sauberer Luft. Sie liebte das Meer. Aber auch die Berge hatten ihren Reiz. Sie war immer noch Schweizerin, obwohl sie hier in Frankreich geboren und aufgewachsen war. Eigentlich verband sie nichts mit der ursprünglichen Heimat ihrer Familie, deren letzte Generationen immer wieder zwischen Frankreich und der Schweiz hin und her getingelt waren. Das meiste kannte sie nur aus den Erzählungen der Großmutter, die selbst schon in Frankreich aufgewachsen war, und von den wenigen Besuchen bei entfernten Verwandten in den schweizerischen Bergen. Aber ihre Nationalität erleichterte ihr die Ausübung und das eventuelle Weiterkommen in ihrem Job. Sie hatte Sprachen an der Sorbonne in Paris studiert und arbeitete als Botschaftssekretärin in der schweizerischen Botschaft in der Rue de Grenelle. Sie sprach herkunftsbedingt französisch, deutsch und italienisch und hatte zusätzlich englisch und russisch gelernt. Einerseits war ihre Arbeit in der Botschaft abwechslungsreich und spannend, andererseits war sie auch froh, wenn sie nach Feierabend oder an freien Tagen ihre Ruhe hatte. Dann zog sie sich in ihr kleines Reich zurück, schmuste mit ihrem Kater, las ein spannendes Buch und probierte die neuesten Kochrezepte aus. Gelegentlich traf sie sich mit ihrer Freundin Sandrine zum Bummeln, wobei sie letztendlich meistens in irgendeinem Café strandeten, reichlich Milchkaffee tranken und über die Passanten herzogen.
Eigentlich wollte Sandrine doch vorbeikommen, dachte sie. Allzu viel ist heute sowieso nicht los bei diesem grauen Wetter, dann könnten wir wenigstens ein bisschen quatschen.
So in Gedanken vertieft, bemerkte sie gar nicht den großgewachsenen Mann, der bereits seit einiger Zeit vor ihrem Stand verweilte und eines der Fundstücke von Oma Fernandes Speicher in der Hand hielt.
Hatte da nicht gerade etwas geblitzt?
Ungläubig ging er den halben Schritt zurück, um den möglichen Winkel von gerade wieder herzustellen. Aber nichts passierte, kein Funken, kein Blitzen. Offensichtlich doch nur eine Lichtspiegelung. Und das bei absolut sonnenfreiem Wetter. Dennoch hatte etwas seine Neugier geweckt.
Eigentlich schaute er nicht wirklich nach etwas Bestimmtem, zugegebenermaßen nach gar nichts. Er wollte nur mal an die frische Luft, sich die Füße vertreten, auf andere Gedanken kommen. Und da er schon seit je her Flohmärkte mochte, hatten ihn seine Schritte ganz gedankenverloren hierher geführt. Die ganze Nacht hatte er schlaflos in seinem Hotelbett verbracht, damit beschäftigt die Ereignisse des vergangenen Tages gedanklich zu sortieren und weitere Schritte zu überlegen.
Seit zwei Tagen war Brian bereits in Paris auf der Suche nach seinem Vater. Gequält von einem unguten Magengefühl und einem schlechten Gewissen war er hierher gereist, in der Hoffnung, den erst kürzlich so überraschend wieder hergestellten Kontakt wieder zu finden. Und dann hatte er ihn sofort wieder verlorenen. War etwas passiert, oder war es nur die Rache eines verbitterten Mannes? Über zehn Jahre lang hatten Vater und Sohn nicht miteinander gesprochen, keiner hatte Verständnis für die Reaktion des anderen gezeigt. Und keiner konnte über seinen Schatten springen, den ersten Schritt der Versöhnung zu machen.
Und dann kam plötzlich dieser Anruf. Sein Vater hatte ihn völlig unerwartet und ohne Vorgeplänkel um Verzeihung gebeten und ihn schnellstmöglich wiedersehen wollen. Man solle sich doch zusammensetzen und über alles reden. Er sei für ein paar Tage in Paris und da wäre es doch schön, wenn man die Chance nützte. Sie hatten sich im Restaurant Robespierre am Montmartre verabredet. Für Brian keine weite Anreise aus seiner zweiten Heimat Deutschland. Und Zeit hatte er auch, viel zu viel sogar. Er hatte keine Sekunde gezögert zuzusagen, aber mehr aus Verwunderung über die plötzliche Sinneswandlung, als aus Überzeugung. Wollte sein alter Herr sich tatsächlich mit ihm versöhnen nach all den Jahren? Sie hatten sich früher immer großartig verstanden und der Bruch zwischen ihnen war genau betrachtet lächerlich und nichts, worüber man nicht hätte sprechen können. Aber nachdem einmal der Zeitpunkt für eine Aussprache vorbei war, verbarrikadierten sich beide hinter dem eigenen Stolz.
Aber nun hatte Brian sich auf den Weg gemacht, war mit dem Zug von Berlin nach Paris gefahren und pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt zu dem Restaurant gekommen. Sein Vater war allerdings nicht erschienen. Brian hatte über zwei Stunden gewartet und sich geärgert, nicht vorher wenigstens die Handynummern ausgetauscht zu haben. Aber je länger er dort gesessen hatte, desto zorniger war er geworden, denn er hatte mehr und mehr das Gefühl bekommen, dass ihn sein Vater aus reiner Bosheit herkommen ließ, um ihn dann zu versetzen. Irgendwann hatte er die Nase voll und war zurück zum Hotel gegangen, wobei er sich noch eine Flasche Whisky mit aufs Zimmer genommen hatte. Und mit jedem Glas war er ruhiger geworden und hatte überlegt, ob nicht doch ein anderer Grund seinen Vater am Kommen gehindert haben konnte. Und je mehr er gegrübelt hatte, desto auswegloser war ihm die Situation erschienen, da er nicht wusste, wo sein Vater zu finden war, und umgekehrt der alte Herr ihn nicht erreichen konnte. Er hatte seinen Anrufbeantworter zuhause angerufen, in der Hoffnung, dass ihn dort vielleicht eine Antwort erwartete, aber bis auf einen Anrufer, der nur ein Gurgeln auf dem Band hinterlassen hatte, war keine Nachricht dagewesen.
Obwohl durch genügend Alkohol in die Welt der Träume geschickt, hatte Brian in dieser Nacht wie gewohnt unruhig geschlafen. Am nächsten Morgen hatte er sich dann nach einem ausgiebigen Frühstück überlegt, welche realistischen Möglichkeiten es vor Ort gab seinen Vater zu finden, oder ob es nicht besser sei, gleich wieder die Heimreise anzutreten. Er war dann zu dem Schluss gekommen, zu dem Restaurant zurückzukehren, um zu fragen, ob sein Vater vielleicht am Vorabend doch noch aufgetaucht war. Dies war jedoch nicht der Fall gewesen, woraufhin Brian sich entschlossen hatte, zur Polizei zu gehen.
Brian griff nach der seltsamen Uhr, die ihm unter all den Antiquitäten ins Auge gefallen war. Sie sah ungewöhnlich aus, eigentlich gar nicht wie eine Uhr. Trotz des altmodischen Gehäuses, das auf ein älteres Exemplar hindeutete, war die Größe und Machart eher modern. Und dann dieser deplaziert wirkende Spiegel in der Mitte. Er sah aus wie ein alter Bildschirm in Miniaturgröße und schien gar nichts mit der Uhr zu tun zu haben. Dennoch machte ihn diese Apparatur neugierig. Und sei es aus rein beruflichem Interesse. Schließlich war er gelernter Uhrmacher, auch wenn seine berufliche Praxis ein Jahrzehnt zurücklag und er sich seitdem nur noch als reiner Sammler und Nutzer von Zeitmessern aller Art damit beschäftigte. Aber gerade diese Sammelleidenschaft ließ ihn jetzt diese Uhr näher betrachten. Es gibt verschiedene Gründe warum Menschen Dinge sammeln, aus Passion, aus Langeweile, aus Zufall. Manche wollen die teuersten Exemplare besitzen, manche die schönsten und manche eben die seltensten. Und solch ein Sammler war Brian. Es mussten nicht unbedingt wertvolle oder besonders attraktive Uhren sein. Sie mussten einfach nur anders als das Gewöhnliche sein. Er verliebte sich immer dann in ein Stück, wenn er etwas vergleichbares vorher noch nicht gesehen hatte. Und so ging es ihm in diesem Moment.
Er untersuchte das Stück nach Herkunft, Hersteller, Funktionsfähigkeit und Beschädigungen. Aber dieses Exemplar erschien ihm sehr ungewöhnlich. Weder eine Manufaktur noch sonst ein Hinweis war zu erkennen, lediglich die Initialen JPC, die anstelle der Ziffer Zwölf eingesetzt waren. Dann war da noch eine Gravur in kyrillischen Buchstaben auf dem Rand zu entdecken, die so gar nicht zu der restlichen Uhr passte. Zudem fehlte eine zweite Krone, mit der offensichtlich das Datum eingestellt werden konnte. Dies stand auf dem 24. Mai 1935. Ansonsten war die Uhr bis auf ein wenig Staub in tadellosem Zustand. Durch leichtes Schütteln setzte er die Automatik in Gang und die Zeiger setzten sich augenblicklich in Bewegung. Aufziehen ließ sich die Uhr auch problemlos. Es sah fast so aus, als handelte es sich hier um ein Einzelstück, was noch nie genutzt worden war. Genau das, wonach er immer wieder suchte. Das fehlende Ersatzteil zu finden war zwar wahrscheinlich komplett aussichtslos, aber es zu ersetzen und damit die Uhr wieder zu reparieren schien sehr realistisch. Abgesehen davon würde er sie nicht tragen wollen. Aber eine funktionsfähige Uhr hatte natürlich einen vielfachen Wert. Das musste er der Verkäuferin ja nicht unbedingt erklären.
Erst jetzt nahm er die junge Frau wahr. Sie wirkte etwas deplaziert hinter der Ansammlung alter Gerätschaften in ihrem konservativen und dennoch modernen Outfit. Trotz dezenter Kleidung und Make-up konnte sie ihre Attraktivität nicht verstecken. Gleichmäßige Gesichtszüge mit vollen Lippen, leichte Bräune und leuchtend grüne Augen standen in perfektem Einklang mit sehr langem, zu einem Pferdeschwanz gebundenem, braunem Haar. Aber sie sah nicht aus wie jemand, der diese Sachen mit großem Sachverstand anbot. Dafür waren sie zu lieblos auf dem Tisch angeordnet. Sie schien die typische Verkäuferin alten Hausrats zu sein, der irgendwo auf dem Speicher entdeckt worden war. Sie würde froh sein für jedes Teil, was sie los bekam, ungeachtet dessen wahren Werts. Aber handeln würde er sowieso nicht unbedingt, viel zu groß war seine Neugier, ob er diese Uhr restaurieren konnte und was er über deren Herkunft erfahren würde.
„Combien?“, versuchte Brian sich nach dem Preis zu erkundigen. Sein Französisch war nicht gerade gut, aber ein paar Brocken konnte er noch.
Die hübsche Verkäuferin zuckte mit den Achseln und lächelte, ein Lächeln, für das es sich alleine schon gelohnt hatte heute aufzustehen. Sie sprach einige Worte auf Französisch, er glaubte irgendetwas mit Fünfzig verstanden zu haben, aber sein etwas ratloser Blick ließ sie schnell erkennen, dass er sie nicht verstanden hatte.
„Sind sie Amerikaner?“, fragte sie in akzentfreiem Oxford-Englisch.
Offensichtlich konnte man ihm das ansehen. Wie unangenehm, schon rein optisch sofort als Amerikaner erkannt zu werden, dachte er. Oder war es sein mit Sicherheit fürchterlicher Akzent, der ihn schon bei einem Wort verriet? Obwohl der wahrscheinlich eher eine Mischung aus amerikanisch und deutsch war.
„Ja, größtenteils!“, gab er automatisch zurück, wobei er sich gleichzeitig gewissermaßen über seine Offenbarung ärgerte, symbolisierte er durch sein Geständnis nicht automatisch den dollarschweren Touristen, den man so gerne bei solchen Möglichkeiten übers Ohr haute?
Aber das sympathische Lächeln dieser äußerst attraktiven jungen Dame ließ seine negativen Gedanken im Nu verschwinden. Von ihr würde er nichts zu befürchten haben, ihre Augen blickten ihn einfach zu ehrlich an.
„Sie sprechen ein perfektes Englisch.“, sprach er weiter und lächelte ebenfalls, obwohl das heute gar nicht seiner Stimmung entsprach.
„Danke!“, sagte sie knapp. „Ich weiß nicht recht, was ich dafür verlangen soll.“ Sie zeigte auf die Uhr in seiner Hand. „Was würden sie mir denn dafür geben? Die ist bestimmt 100 Jahre alt.“
„Na wirklich elegant ist sie ja nicht gerade, außerdem fehlen Teile.“
„Was würden sie von fünfzig Euro halten?“
Spätestens jetzt wusste Brian, dass die Händlerin weder professionell war, noch überhaupt die Spur einer Ahnung hatte von dem, was sie dort anbot. Er war sich sicher, er hätte den Preis noch um einiges herunterhandeln können, auf der anderen Seite wollte er wiederum die Frau nicht übervorteilen. Aber handeln gehörte auf solch einem Markt doch auch irgendwie dazu.
„Ich gebe ihnen vierzig – ok?“
„Einverstanden!“ Die Verkäuferin war offensichtlich froh, wieder ein Teil verkauft zu haben und somit wieder etwas weniger mit nachhause nehmen zu müssen. So waren beide Seiten zufrieden, wenn auch Brian mit Sicherheit das bessere Geschäft gemacht hatte. So hatte dieser Tag doch wenigstens noch etwas Gutes hervorgebracht.
„Sind sie öfter hier?“, fragte Brian während er bezahlte. Er wunderte sich in diesem Moment selbst über seine Frage, ahnte er doch eigentlich, dass dies nicht der Fall war und außerdem konnte es ihm egal sein. Er würde doch in wenigen Tagen sowieso nicht mehr hier sein. Wahrscheinlich war es nur dieses gewinnende Lächeln der jungen Frau, das ihn dazu brachte weitere Höflichkeiten auszutauschen. Oder hatte er am Ende doch ein schlechtes Gewissen, dass er ein echtes Schmuckstück für einen Spottpreis erworben hatte?
„Nein. Nächstes Wochenende wahrscheinlich noch einmal. Dann habe ich hoffentlich das meiste weg. Brauchen sie nicht noch Silberbesteck? Alles vollzählig. Ich habe auch noch eine Kaminuhr, die habe ich nur heute nicht dabei, bringe ich dann aber nächsten Samstag mit.“
Jetzt zeigte die Verkäuferin wieder ihr strahlendes Lächeln und sah ihn mit einem Blick an, der ihn davon hätte überzeugen können, den ganzen Stand zu kaufen. Aber was sollte er mit dem ganzen Trödel? Wäre er nicht zufällig auf die Uhr aufmerksam geworden, hätte er den Stand sicher ohne zu zögern passiert. Jetzt hatte er ein Stück für seine Sammlung erstanden und ein bezauberndes Lächeln erblicken dürfen, seine Stimmung war sichtlich besser als noch vor einer halben Stunde, der Tag hatte doch noch gut begonnen.
„Danke nein, aber ich wünsche ihnen weiterhin noch viel Erfolg.“ Brian reichte der hübschen jungen Dame die Hand, die sie mit einem festen und dennoch zarten und warmen Händedruck ergriff.
„Es war mir ein Vergnügen!“ fügte er noch hinzu, lächelte sie an und ging langsam weiter. Er glaubte, ihren Blick in seinem Rücken zu spüren, als er sich jedoch noch einmal umdrehte, war sie schon mit einem weiteren Kunden beschäftigt. Unter anderen Umständen hätte er sie vielleicht gefragt, ob er sie auf einen Kaffee einladen dürfe. Aber erstens hatte er heute noch Wichtiges zu erledigen, zweitens war sie schließlich um einiges jünger als er. Vor Jahren wäre er vielleicht mit dieser Masche erfolgreich gewesen, aber er musste der Realität ins Auge sehen. Er konnte nun mal mit den jüngeren Verehrern nicht mehr Schritt halten. Und eigentlich wollte er das ja auch gar nicht.
Brian hatte die Vierzig inzwischen überschritten und seine einst athletische Statur war mit dem Alter, der Bequemlichkeit und seiner Liebe zu diversen Gaumenfreuden etwas aus der Form geraten. Aber er war dennoch nach wie vor eine stattliche Erscheinung mit seinen fast zwei Metern Körpergröße und den breiten Schultern, die ihn schon als Jugendlicher für den Angriff eines jeden Footballteams attraktiv gemacht hatte. Das jahrelange Training hatte dann seinen Körper weiter gestählt und selbst seine Arbeit am Schreibtisch oder in der Uhrmacherwerkstatt hatte ihn nicht schwächen können. Erst die Trennung von seiner Frau und das Zerwürfnis mit seinem Vater hatte ihm die Lust an körperlicher Ertüchtigung genommen. Einzig seinem Sohn wollte er noch weiterhin Vorbild und ein guter Vater sein, sonst hätte er sich vielleicht schon in Selbstmitleid zerfressen.
David war jetzt sechzehn, ein durchaus guter Schüler und lebte abwechselnd bei seiner Mutter und Brian. Man hatte sich im Guten getrennt, weil beide, Brian und seine Frau Christine, eingesehen hatten, dass es gemeinsam keinen Sinn mehr hatte. Sie stritten sich unentwegt und erst seit der Trennung verstanden sie sich in der Tat besser denn je. Auch wenn man in Fragen von Davids Erziehung immer wieder unterschiedlicher Meinung war, raufte man sich doch zusammen und kam überraschenderweise immer wieder zu einer Einigung, schneller als dies jemals während ihrer Partnerschaft der Fall gewesen war.
Brian fiel ein, dass er unbedingt noch David anrufen wollte. Schließlich stand doch eine Versöhnung von Vater und Großvater bevor. Und David hatte seinen Großvater nicht mehr gesehen seit seinem vierten Geburtstag, dem Tag als Brians Vater unbedingt seine neue Partnerin mitbringen musste, keine drei Monate nach dem Tod seiner Ehefrau. Das hatte Brian ihm nie verzeihen können, aber anstatt sich darüber auszusprechen, ignorierten sich die beiden Männer nach heftigem Streit. Sein Vater war zurück in die Vereinigten Staaten gegangen und Brian in Deutschland und damit in der Nähe seines Sohnes geblieben. Und bis vor wenigen Tagen hatte Brian nicht mehr mit seinem Vater gesprochen.
Und nun, kurz vor einer längst überfälligen Aussprache und Versöhnung war sein Vater verschwunden. Bei der Polizei hatte man Brian nicht wirklich weiterhelfen können und wollen. Wirklich viel konnte er ja auch nicht dazu beitragen, seinen Verdacht zu bekräftigen. Sein Vater war selbst nur vorübergehend in Paris, seine Adresse hier in Paris, sowie in den USA oder Telefonnummern waren nicht bekannt und seine Vermutung beruhte auf einer nicht wahrgenommenen Verabredung. Nichts, was die Polizei hätte verfolgen können. Also bat man ihn, am kommenden Montag noch einmal vorbeizukommen, vielleicht hatte man dann etwas, was weiterhelfen konnte, einen Unfallbericht, eine Vermisstenmeldung oder Ähnliches. Bis dahin versuchte Brian auf eigene Faust etwas in den Regionalnachrichten und im Internet zu finden, beziehungsweise Grundlegendes über seinen Vater zu erfahren. Was sich als nicht gerade erfolgversprechend herausstellte.
Nun hatte Brian aber mit dem Kauf des neuen Sammlerstücks etwas Zerstreuung gefunden. Es war nur schade, dass er sein Uhrmacherwerkzeug nicht dabei hatte, sonst hätte er sich gleich daran gemacht, die Uhr zu reparieren. Aber er war auch genauso neugierig, Näheres über den Konstrukteur und die geheimnisvolle Gravur herauszufinden. Und dies war sein Ziel an diesem grauen Nachmittag in Paris, während er gedankenverloren und uninteressiert an den weiteren Marktständen vorbeischlenderte.
Samstag, 12. Mai, nachmittags
Das Büro strahlte eine beängstigende Ruhe aus, jedes noch so kleine Accessoire war ordentlich an seinem vorgesehenen Platz. Eine große Standuhr tickte in beruhigendem Ton. Alles wirkte behaglich und irgendwie eher einem gediegenen Wohnzimmer gleich, als einer Stätte der Arbeit, wo über die Sicherheit des Landes entschieden wurde, über Tod und Folter, über Verräter, Terroristen und Spione.
Philippe Renard regierte hinter seinem gigantischen Schreibtisch, der noch monströser durch die Tatsache wirkte, dass sein Eigentümer selbst von kleiner Statur war. Dies war auch der Grund, weshalb der Sessel auf einer kleinen Erhöhung hinter dem Schreibtisch stand, die jedoch von vorne nicht zu sehen war. Während jeglichen Besprechungen, die in diesem Raum stattfanden, thronte Renard hinter diesem Möbelstück und herrschte von dort über seine Gesprächspartner. Einzig dem Präsidenten der Republik und pro forma dem Innenminister war er Rechenschaft schuldig und nur dafür verließ er seine Herrscherstätte durch einen Nebeneingang, der nur ihm vorbehalten war.
Auf dem Flur vor dem Büro war er nie zu sehen, morgens kam er durch die Seitentür und verließ spät abends sein Büro auf dem gleichen Weg. Sein Sekretär war das Bollwerk vor der Türe, an dem nur wenige Besucher vorbei hineingelassen wurden. Hinter vertäfelten Wänden versteckt war sein Büro mit der modernsten Technik ausgestattet. Videowände, Kameras, Kommunikations- und Sicherheitstechnik. Alles, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und Zugriff auf jede Einheit in dieser Behörde zu haben, vom Pförtner über die leitenden Beamten bis zu dem Verhörtrakt, der irgendwo im Keller des Hauses untergebracht war und zu dem nur wenige Mitarbeiter Zutritt hatten.
Renard selbst war noch nie dort unten gewesen, trotzdem kannte er jeden Winkel in diesem Trakt und kein Verhör durfte ohne seine persönliche Überwachung durchgeführt werden. Er wusste über Alles Bescheid, was in seiner „Direction centrale du renseignement intérieur“, dem Inlandsgeheimdienst, vor sich ging. Aber nur wenige Mitarbeiter ahnten auch nur, dass sie selbst genauso überwacht wurden.
Nachdem der letzte Leiter des Geheimdienstes auf mysteriöse Weise verschwunden war und somit sein Amt zur Verfügung stellte, gab es nur wenige geeignete Nachfolger. Und als auch diese überraschenderweise nach und nach Abstand von einer Bewerbung nahmen, blieb nur noch Philippe Renard übrig. Lange hielten sich die Gerüchte, er hätte Einfluss auf den Rückzug seiner Kollegen genommen, nachweisen konnte man ihm aber nie etwas.
Seine Familie war schon seit vielen Generationen wohlhabend und somit hatte er genügend Mittel, um den ein oder anderen Konkurrenten zu überzeugen, lieber ein gefülltes Konto in der Schweiz zu besitzen, als sich mit einem doch eher unangemessenen Gehalt eines Behördenleiters und dessen immenser Verantwortung herumzuschlagen. Ihm persönlich ging es nicht um das Geld, für ihn war es wichtig Macht zu besitzen. Über andere zu entscheiden, deren Leben in seinen Händen zu halten. Insofern waren seine Methoden durchaus umstritten, aber eben genauso effektiv und erfolgreich. Unter seiner Führung war das Land ein wenig sicherer geworden und die Erfolge und das Ansehen auch im Ausland wuchsen mehr und mehr durch seine Arbeit, auch wenn er selbst dabei im Hintergrund blieb. Öffentliche Auftritte seinerseits gab es nicht, noch nicht einmal sein Konterfei war jemals in der Presse aufgetaucht. Er blieb unerkannt im Dunkeln und zog seine Fäden. Sollten andere sich die Lorbeeren einholen, ihm reichte die Kenntnis darüber, dass er die entscheidenden Schritte eingeleitet hatte. Er alleine entschied in diesem Land über jeden einzelnen, er fühlte sich dadurch gottgleich und das gab ihm dieses Gefühl der persönlichen Befriedigung.
In der Tat war er ein mächtiger Mann in Frankreich und Europa, sogar in der ganzen Welt. Man zollte ihm Respekt in Kreisen der Geheimdienste, wo man ihn natürlich nicht persönlich, sondern nur per Codename und Funktion kannte. Dennoch lechzte er nach noch mehr Macht und er hatte sogar vielleicht die Möglichkeiten dazu. Zumindest theoretisch. Sein Ziel war es, dem großen Bruder und Konkurrenten, den Vereinigten Staaten von Amerika, beweisen zu können, dass er ihnen ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen war.
Vor vielen Jahren hatte ihn sein Vater in ein Geheimnis eingeweiht, das ihm eine einzigartige Macht verleihen könnte. Er musste nur noch einen verschollenen Schatz finden, einen Schatz, dem sein Vater sein ganzes Leben nachgejagt war und schließlich die Hoffnung aufgegeben hatte. Aber Philippe hatte nie an den Erzählungen seines Vaters gezweifelt, wenn sie auch noch so unwahrscheinlich klangen. Aber wenn er dieses Geheimnis lüften könnte, wäre er an Macht allen überlegen. Und das spornte ihn an.
Seit er im Geheimdienst tätig war, versuchte er seinen Einfluss zu nutzen um den Schatz aufzutreiben. Aber so sehr er auch all seine Beziehungen und Kontakte aktivierte, es schien ein aussichtsloses Unterfangen. Er hatte schon fast befürchtet das Geheimnis sei mit den Verstorbenen der Vergangenheit beerdigt worden, da kam plötzlich neues Licht ins Dunkel. Eine seiner Fallen hatte zugeschnappt, seit vielen Jahren mal wieder. Vielleicht war es auch nur eine weitere unbrauchbare Niete, die er dort geangelt hatte, so wie es von Zeit zu Zeit immer mal eine gab, die sich irrtümlicherweise und rein zufällig in seinem Netz verfangen hatte. Aber er musste jeglicher Spur nachgehen. Tief in seinem Inneren glaubte er weiter an den Erfolg seines Vorhabens.
Er hatte mehrere solcher Köder ausgelegt und das Bereitstellen von Treffern auf Suchmaschinen im Internet war der einfachste Weg die Witterung aufzunehmen.
Und nun war sein neuester Fang hierher transportiert worden und befand sich in den Kellerräumen in einem der Verhörräume, bereit sich den bohrenden Fragen zu stellen.
Nur einige wenige Mitarbeiter hatte er mit dem Fall direkt betraut, ohne sie über die genauen Hintergründe zu informieren. Je weniger Mitwisser es gab, desto weniger musste er nachher eliminieren. Jetzt war Jacobert mit dem Gefangenen im Keller, seinem besten Mann, und Renard würde sich gleich dazu schalten und grünes Licht für die Vernehmung geben. Es bestand also wieder mal ein Fünkchen Hoffnung.
Brian war im Hotel angekommen. Er hatte bei einem afrikanischen Trödler noch ein paar Dinge eingekauft. Nicht wirkliches Uhrmacherwerkzeug, aber ein paar kleine Schraubendreher und Pinzetten, eine Zange und einen Magnetteller, sowie ein paar winzige Schräubchen und eine Lupe. Alles nicht neu und in schlechtem Zustand, darüber hinaus viel zu teuer. Wahrscheinlich war das die einzige Möglichkeit, chinesische Billigware miesester Qualität auf einem Trödelmarkt zu verkaufen, auf dem sonst nur Antiquitäten feilgeboten werden. Aber Brian war das in diesem Moment egal. Zu groß war seine Neugier auf die neu erworbene Uhr und die Aussicht, diese genauestens zu untersuchen und möglichst wieder in Gang zu bekommen.
Die Polizei konnte er am Wochenende ohnehin nicht erreichen. Erst Montag würde man ihm nach deren Information weiterhelfen können, so hatte er also genügend Zeit sich zu beschäftigen, um auf andere Gedanken zu kommen.
Zuhause wartete niemand auf ihn, noch nicht einmal Arbeit. Seitdem er seinen Job in der Uhrmacherwerkstatt seines Vaters hingeschmissen hatte, lebte er von Gelegenheitsjobs und vom Unterhalt seiner Frau. Die zahlte sogar mehr als sie eigentlich müsste. Und ab und an übernahm er einen Auftrag als Übersetzer oder Sprachtrainer, den ihm eine Sprachschule vermittelte. Somit hielt er sich über Wasser. Dadurch konnte er so viel Zeit wie möglich mit seinem Sohn verbringen. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihn seine Exfrau unterstützte. Und er war dankbar dafür, wenn es ihm auch etwas unangenehm war. Aber sie verdiente als leitende Angestellte gut und hatte selbst nicht so viel Zeit, noch die Geduld für ihr pubertierendes Kind. Und so redete er sich ein, dass es durchaus in Ordnung so war.
Er musste David noch dringend anrufen. Normalerweise telefonierte er regelmäßig mit seinem Sohn, wenn er nicht bei ihm war oder sie kommunizierten über das Internet. Aber die Aufregungen der letzten Tage hatten ihn das ganz vergessen lassen und einen Anruf Davids hatte er verpasst und nicht beantwortet. Das letzte Mal hatten sie nach seiner Ankunft in Paris kurz telefoniert.
Brian legte seine Einkäufe aufs Bett seines winzigen Zimmers und zog die Jacke aus. Dann schenkte er sich ein Glas mit Leitungswasser ein und trank einen großen Schluck. Seine Gedanken gingen noch einmal zurück zu der hübschen Verkäuferin auf dem Flohmarkt, ihre betörenden grünen Augen konnte er einfach nicht vergessen. Vielleicht hätte er sie doch fragen sollen, ob sie Lust auf einen Kaffee hatte. Oder er hätte ihr anbieten können, ihr beim Einpacken und Beladen zu helfen. Aber nein, er verwarf den Gedanken gleich wieder, es war lächerlich. Außerdem war es jetzt sowieso zu spät. Wenn er je eine Chance gehabt hätte, war sie jetzt ohnehin vorbei. Außerdem hatte er wichtigere Dinge zu tun als sich von jugendlichen Schwärmereien ablenken zu lassen. David würde ihn auslachen, wenn er jetzt seine Gedanken kannte.
Brian setzte sich aufs Bett und wollte gerade zum Handy greifen, als dieses klingelte und er Davids Nummer auf dem Display erkannte.
„Hallo, mein Großer!“, sagte er.
„Hi Dad!“, erklang die Stimme seines Sohnes. „Wo bist du?“
„Hier im Hotel. Bin gerade wieder ins Zimmer gekommen. Sorry, dass ich mich noch nicht gemeldet habe. Aber hier geht alles drunter und drüber.“
„Wieso? Was ist passiert? Wie war dein Treffen mit Großvater?“ Davids Stimme klang besorgt. Wie erwachsen er doch in letzter Zeit geworden war, dachte Brian. Sein kleiner Junge reifte zu einem ernstzunehmenden, jungen Mann heran. Er betrachtete seinen Sohn schon lange nicht mehr als Kind sondern eher als einen Freund, mit dem man viel unternehmen und durchaus kontrovers aber auch sachlich diskutieren konnte. Auch David honorierte das offensichtlich, denn seine pubertätsbedingte Antihaltung, die er seiner Mutter gegenüber an den Tag legte, war im Verhältnis mit seinem Vater komplett verschwunden.
„Ich habe ihn gar nicht getroffen!“, antwortete Brian enttäuscht. „Er kam einfach nicht.“
„Und dafür bist du jetzt extra nach Paris gefahren? So eine Sauerei. Du hättest ja auch nicht gleich losstürmen müssen. Hab ich doch gleich gesagt.“ David klang nun mehr erbost als besorgt. „Und wieso bist du noch dort? Oder machst du jetzt einen auf Tourist?“ Jetzt sprach er schon wieder normal, er liebte diese kleinen Sticheleien, obwohl er bei seiner Mutter damit mehr Erfolg hatte und Entrüstung verursachte.
„Nein, ich hab das Gefühl, irgendetwas ist passiert. Ich war auch schon bei der Polizei, aber vor Montag können die nichts unternehmen. Deshalb bin ich noch hier. Aber ich weiß eben noch nichts. Aber sag deiner Mutter nichts davon, sie regt sich nur unnötig auf.“ Brian wusste, er konnte seinem Sohn vertrauen. Es wäre nicht das einzige Geheimnis, welches die beiden vor seiner Exfrau geheim hielten.
„Warum sollte denn etwas passiert sein? Vielleicht hat er es sich auch einfach nur anders überlegt. So, wie du mir Euer Verhältnis beschrieben hast, würde mich das nicht wundern. Hast du denn keine Nummer von ihm?“
„Nein“, musste Brian beschämt zugeben. „Ich hatte einfach vergessen danach zu fragen. Und eine Nummer hat auch das Telefon nicht gespeichert.“
„Hast du denn auch keine Nummer von ihm zu Hause?“ Davids Unverständnis war eindeutig herauszuhören.
„Seitdem er zurück in die Staaten gegangen ist, habe ich ja nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß nichts mehr von ihm, keine Nummer, keine Adresse, nichts! Ich war von seinem Anruf ja auch völlig überrascht!“
„Aber dann einfach so auf einen Anruf hin nach Frankreich fahren. Das ist wieder mal typisch Daddy!“
„Daddy“ nannte ihn David eigentlich immer nur dann, wenn er sich über ihn lustig machte. Normalerweise rief er ihn „Dad“, oder wenn es etwas ganz ernstes war auch mal „Papa“. Dann kam der Einfluss seiner deutschen Mutter durch, die immer dann, wenn sie sich um eine Entscheidung drücken wollte, sagte: „Frag deinen Papa!“
„Ich weiß. Vielleicht habe ich auch deswegen ein so schlechtes Gewissen. Aber wie gesagt, ich werde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas schief gegangen ist. Dieses Gefühl hat mich auch bei deinen Unternehmungen nie im Stich gelassen. Und davon gab es ja einige. Weißt Du noch, wie ich damals im Krankenhaus angerufen hatte in dem Moment als du dort eingeliefert wurdest. Ich hab so etwas im Urin!“
„Ja, ja, behalte deinen Urin mal schön bei dir! Ich hoffe aber, dass das Ganze nicht nur ´ne Luftnummer war. Was machst du denn jetzt bis Montag? Den Eiffelturm besichtigen? Oder such´ dir doch ´ne hübsche Französin. Als ich zum Schüleraustausch dort war, liefen dort ´ne ganze Menge schicker Mädels rum. Na ja, Daddy, zugegebenermaßen hab ich nicht in deiner Altersgruppe geschaut!“ Brian konnte Davids Grinsen genau vor Augen sehen.
„Na, ich hab mich heute schon mit einem besonders hübschen Exemplar unterhalten“, gab Brian zurück. „Hab bei ihr eine antike Uhr gekauft.“
„Eine Antiquitätenhändlerin? Oh Mann, kann mir schon vorstellen, wie die aussah. Wahrscheinlich ähnlich verstaubt wie ihre Ware!“ Jetzt lachte David lauthals ins Telefon. „Jetzt baggert mein Daddy schon alte Jungfern an!“
„Du würdest dich wundern, mein Kleiner!“, brüstete sich Brian, als hätte er wirklich mit der jungen Frau schon ein Rendez-vous gehabt. „Aber jetzt werde ich mal ein bisschen an der Uhr rumschrauben. Sag deiner Mutter Hallo. Ich melde mich spätestens Montag. Vielleicht finde ich auch noch ein Internetcafé. Dann schreib ich mal vorher. Will noch ein paar Sachen nachschauen.“
„Aber du hast doch ein Handy, damit kannst du doch ins Internet.“
„Ja aber um ganze Artikel zu lesen ist es doch ein wenig klein. Außerdem im Ausland so teuer.“
„Ist es jetzt der Rentner-Geiz, der dich mehr antreibt, oder die Tatsache, dass deine alten Augen langsam eine Brille vertragen könnten, Daddy? Wie auch immer, bis bald! Und lass die alten Jungfern in Ruhe – falls du sie überhaupt erkennst!“
Mit einem lauten Lachen legte David auf.
Trotz dieser nett gemeinten Unfreundlichkeiten seines Sohnes fühlte sich Brian besser. Wie immer, wenn er mit David sprach. Der Junge hatte so eine herzerfrischende Natürlichkeit, die jeden in seinem Umfeld immer wieder erfreute.
Eigentlich gab es an diesem Tag ja nur positive Erlebnisse, die nette, dunkelhaarige Schönheit, der Kauf der Uhr, das aufmunternde Gespräch mit David. Wenn er jetzt noch etwas Gutes von seinem Dad hören würde, wäre der Tag perfekt.
Brian packte seine Einkäufe aus und breitete Alles ordentlich auf dem winzigen Tisch in seinem Zimmer aus. Die Hotelbroschüren und das Telefon legte er auf den Boden und platzierte die kleine Schreibtischlampe so, dass sie seine so errichtete Arbeitsfläche beleuchtete. Es war zwar nur ein notdürftiger Arbeitsplatz, aber besser als nichts. Brian setzte sich an den kleinen Tisch und nahm vorsichtig die alte Uhr in die Hand.
Sorgfältig betrachtete der Uhrmacher unter der Lupe erneut sein neu erstandenes Stück von allen Seiten. Er kannte sich sehr gut mit Uhren aus und demzufolge auch mit den verschiedenen Manufakturen und Designern. Selbst die weniger bekannten Namen und Initialen oder Logos waren ihm geläufig, aber dies hier hatte er noch nie gesehen. Ein geschwungenes JPC anstelle der Zwölf des Zifferblatts, welches ohne Zweifel die Initialen des Konstrukteurs waren, denn um eine Manufakturarbeit handelte es sich nicht, wie Brian glaubte. Natürlich hieß das nicht unbedingt, dass es sich um ein Einzelstück handelte, aber es lag sehr nahe. Wobei ihn die russischen Worte irritierten. Sie passten gar nicht zu den Initialen JPC auf dem Zifferblatt. Auch die Machart und die Materialien die hier benutzt worden waren, deuteten eher auf eine westeuropäische Herkunftsstätte hin. Seine Kenntnisse und Erfahrung ließen ihn auf Deutschland oder die Schweiz tippen.
Die Funktionalität der Uhr schien tatsächlich in keiner Weise beeinträchtigt. Der Aufzugmechanismus, sowie die Automatik taten genauso ihre Dienste wie die Stellfunktion der Zeiger. Zu prüfen war natürlich noch die Ganggenauigkeit über einen längeren Zeitraum und die Gangreserve, wobei beides bei einer antiken Uhr nicht so vordergründig war. Ein solches Stück nutzte man gewöhnlich nicht als Zeitmesser und für ein reines Schmuckstück war es zu klobig. Einen Hemdärmel würde man darüber gar nicht schließen können.
Die Uhr verfügte tatsächlich nicht über die geringsten Gebrauchsspuren, sie sah so aus, als hätte man sie nach der Konstruktion direkt beiseitegelegt, wobei der Aufbewahrungsort nicht geschlossen gewesen sein dürfte, hatte die Uhr doch einigen Staub abbekommen. Offenbar hatte sie die Verkäuferin vom groben Schmutz befreit, aber in den Ecken um die Schräubchen herum war doch eine jahrelange Staubschicht zu erkennen. Mit seinem Rasierpinsel entfernte Brian die restlichen Staubpartikel so gut es ging.
Blieb noch das Rätsel um die Einstellung des Datums. War die Anzeige des Jahres 1935 vielleicht wirklich das Datum, an dem die Uhr zum letzten Mal bewegt worden war? Und bedeutete das automatisch, dass dieses auch das Herstellungsjahr war? Und warum fehlte ausgerechnet hierfür die Krone, wo doch alles andere so gut in Schuss war? Wurde sie bewusst entfernt oder war sie vielleicht nie eingesetzt worden? Viele Fragen, die vorerst ungeklärt bleiben würden.
