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Wolfgang Wirth

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Beschreibung

Jahre nach der Entdeckung der Uhr mit den magischen Kristallen, die einen Blick in die Vergangenheit gewähren kann, finden deren Besitzer Brian und sein Sohn, der Hacker David keine Ruhe, als die Uhr gestohlen wird. Der einzige Mitwisser, der inhaftierte Chef des französischen Geheimdienstes, hat das Geheimnis ausgerechnet einem russischen Mafiaboss anvertraut, der nun seinerseits ertragreiche Einsatzmöglichkeiten der Apparatur sieht. Zeitgleich beauftragt der Emir von Dubai seinen Neffen mit der Rückführung der Kristalle in die Heimat, wo sie vor vielen Jahrzehnten gestohlen wurden und die Polizei in Berlin heftet sich an die Fersen eines eingereisten russischen Killers.

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2015

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look back again

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

look back

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Impressum neobooks

look back

Wolfgang Wirth

look back again

Prolog

„Komm rein, Dimitri“, rief Natalja Cherkowa durch das offene Fenster in den Garten hinaus und band ihren Zopf zu einem Kranz nach oben. „Papa ist zurück und wir essen gleich!“

Ihr kleiner Sohn saß vergnügt auf der alten rostigen Schaukel und summte ein altes russisches Kinderlied vor sich hin. Als Dimitri den Ruf seiner Mutter hörte, kniff er die Augen zusammen, um von der tief stehenden Sonne nicht geblendet zu werden und schaute erwartungsvoll in Richtung Hofeinfahrt, wo gerade der taubenblaue Simca der Familie zum Stillstand kam. Er sprang mit einem gewaltigen Satz von der noch immer weit schwingenden Schaukel auf das Gras und lief seinem Vater entgegen.

Sergej Cherkow stieg aus dem Wagen und breitete die Arme aus, um seinen heranstürmenden und laut rufenden Sohn zu empfangen. Dimitri sprang in die kräftigen Arme seines Vaters, der sich dreimal um die eigene Achse drehte und die Beine seines Kindes dabei durch die Luft schleuderte.

Diese Willkommensprozedur war ein festes Ritual, wenn Sergej nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kam, aber heute war die Wiedersehensfreude noch größer als gewöhnlich, denn Dimitris Vater war zum ersten Mal eine ganze Woche lang weg gewesen.

Jetzt kam auch Natalja aus dem Haus und begrüßte ihren Mann mit einem warmen Kuss und Freudentränen in den Augen. Der kleine Dimitri griff nach ihrer Hand.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte sie. „War es sehr traurig?“

„Nun, es ist immer irgendwie traurig auf einer Beerdigung“, erwiderte Sergej, „aber für den alten Mann war es sicher besser, von seinen Qualen erlöst zu werden. Und er hat glücklicherweise nicht mitbekommen müssen, wie wenig Menschen ihn auf seinem letzten Weg begleitet haben. Und wenn, dann hätte er es sowieso nicht kapiert.“

„Sprich nicht so über deinen eigenen Großvater“, empörte sich Natalja, „das ist respektlos. Besonders einem Toten gegenüber.“

Sergej holte seinen Koffer aus dem Kofferraum und hob seinen Hut vom Boden auf, der bei der stürmischen Begrüßung Dimitris heruntergefallen war.

„Wer war denn da?“, fragte seine Frau weiter.

„Nur Großtante Irina und meine Cousine Anastasija! Und ein paar Leute von der heiligen Bruderschaft, die ich nicht kannte.“

Sergej brauchte nicht lange zu überlegen. Von seiner Familie waren nicht mehr viele übrig. Tatsächlich hatte der Krieg alle Männer seiner Familie dahingerafft, entweder waren sie im Gefecht gefallen oder wurden als Partisanen entlarvt und hingerichtet. Und auch nur wenige Frauen hatten die schweren Zeiten überlebt, viele von Ihnen waren deportiert worden. Es war keine gute Menschheitsepoche gewesen, besonders nicht für russischstämmige Juden in Frankreich, umso mehr hatten sich die wenigen Überlebenden an der langsamen finanziellen Erholung nach dem Krieg erfreuen können. Sie war durch sorgfältig versteckte Reserven, aber auch durch harte Arbeit wiedererlangt worden.

Sergej selbst hatte sich als Flüchtling durch die schweren Zeiten gerettet und sich in zahlreichen Ländern unter Mithilfe von Gleichgesinnten verstecken können.

Nach Kriegsende war er in sein Elternhaus nach Frankreich zurückgekehrt und hatte Natalja, eine entfernte Cousine, geheiratet. Sie hatten einen gesunden Sohn, eine geregelte Arbeit und führten ein - den Umständen entsprechend - glückliches Leben.

Seine Großtante hatte Sergej vor gut einer Woche ein Telegramm zukommen lassen. Ihr Bruder Anatolij, sein Großvater, hatte im gesegneten Alter von 99 Jahren im Sterben gelegen und sie hatte um seine Unterstützung bei der bevorstehenden Segnung und der Abwicklung all der Papiere und der Organisation der Beerdigung gebeten.

Sergej hatte keine sonderlich gute, streng genommen sogar gar keine Beziehung zu seinem Großvater gehabt. Nachdem seine Eltern verstorben waren, war der Kontakt nahezu eingeschlafen. Er hatte ihn in den letzten Jahren ein-, zweimal besucht, aber der Greis war völlig verwirrt und Sergej konnte nicht viel mit ihm anfangen. Auch in seiner Nachbarschaft galt er als griesgrämiger, alter Zausel, der mit seinen irrwitzigen Geschichten Allen auf die Nerven ging.

„Noch nicht mal vererbt hat der alte Anatolij etwas“, erzählte Sergej seiner Frau weiter, als sie gemeinsam am Essenstisch Platz nahmen. „Bis auf das alte verfallene Haus in Paris, aber wer wird das schon kaufen wollen, das ist morsch von oben bis unten.“

„Wir brauchen nichts von ihm, wir kommen auch so zurecht“, unterbrach Natalja ihren Mann. Mit einer großen Schöpfkelle füllte sie die Teller. Es roch verführerisch gut nach Gewürzen und Knoblauch. Natalja war eine begnadete Köchin und kombinierte gekonnt russische und französische Gerichte, nicht immer unter Einhaltung der jüdischen Kaschrut. Ergebnis waren eigene Kreationen, die vielleicht nicht jedem ihrer Glaubensgemeinschaft, aber zumindest ihrer Familie und nahestehenden Freunden vorzüglich mundete.

„Ich meine auch nicht uns, sondern Großtante Irina“, verteidigte sich Sergej. „Ihr geht es finanziell nicht so gut, aber wir haben auch nicht soviel, dass wir sie unterstützen könnten. Na vielleicht wirft ja die alte Bruchbude doch noch was ab für sie. Aber eigentlich kann man sie nur noch abreißen.“

„Wenn ich mal groß bin, verdiene ich soviel Geld, dass ich Euch allen was abgeben kann“, meldete sich plötzlich Dimitri zu Wort und machte dabei ein ernstes Gesicht.

Mit einem gütigen Lächeln strich ihm seine Mutter über den Kopf und nickte bedächtig. Aber der Blick ihres Sohnes war so entschlossen, dass er ihr fast schon Angst machte. Sie runzelte die Stirn.

„Iss, Dimitri!“, sagte sie dann und lächelte wieder, wenn auch immer noch etwas irritiert. „Sonst wirst du ja erst gar nicht groß!“

„Ach ja“, ergriff Sergej wieder das Wort, nachdem auch er sich nach der überraschend ernsthaften Bemerkung seines Sohnes wieder gefasst hatte, „ich habe dir auch etwas mitgebracht. Das einzige Vermächtnis deines Urgroßvaters. Er hatte wohl darauf bestanden, dass du das bekommst.“

„Was ist es? Sag schon, Papa!“ rief Dimitri und seine Augen leuchteten wieder.

„Leider nichts Wertvolles.“ Sergej stand auf und kramte ein verschmutztes Bündel aus seinem Koffer.

„Pass doch auf, Sergej“, schimpfte Natalja, als ihr Mann das Bündel auf dem Tisch ausrollte. „Du verdreckst noch die Tischdecke!“

Tatsächlich war der Stofffetzen, der nun nach und nach sein Inneres freigab, nicht der sauberste. Ein mit Flecken und Dreck übersäter Lappen, der scheinbar schon seit Jahrzehnten kein Wasser oder gar Seife mehr zu sehen bekommen hatte.

Sergej entnahm dem schmutzigen Stoff ein altes Buch, das nicht minder fleckig war.

„Was ist das?“, fragte Dimitri, sichtlich enttäuscht, hatte er doch wenigstens einen alten Dolch oder einen blitzenden Militärorden erwartet.

„Das ist wohl das Tagebuch meines Großvaters. Ich habe keine Vorstellung davon, was ausgerechnet du damit sollst. Wahrscheinlich werfen wir es lieber gleich weg. Wer weiß, welches Ungeziefer da noch rauskrabbelt. Aber hier liegt ein Lesezeichen drin, das kannst du behalten. Das gefällt dir vielleicht.“

Sergej zog ein ledernes Band aus dem Buch, an dem ein phantasievoll gehäkelter Wollfaden hing, der wiederum am Ende einen glitzernden Stein eingeknotet hatte. Es sah alt, aber nicht so verschmutzt wie das Buch selbst aus. Irgendwie sogar auf seine Weise schön. Noch nie hatte Sergej ein solches Lesezeichen gesehen.

„Was steht da drauf?“ Dimitri zeigte auf einige schwer zu erkennende kyrillische Buchstaben, die das Lederband zierten. Sie waren zwar größtenteils verblichen, aber man konnte noch erkennen, wie kunstvoll sie auf dem Leder eingebrannt waren.

Sergej kniff die Augen zusammen und versuchte den Text zu entziffern.

„Blick zurück, doch nur mit den Augen!“

„Komischer Satz, was bedeutet das?“, fragte der Junge weiter. Er war aufgeweckt und wissbegierig und löcherte oft seine Eltern mit Fragen, auf die auch sie nicht immer eine Antwort wussten.

„Keine Ahnung, passt aber zu dem alten Spinner“, gab sein Vater kopfschüttelnd zurück.

„Sergej!“, wies Natalja ihn zurecht. „Sprich nicht so über dein eigen Fleisch und Blut!“

„Schon gut, schon gut! Also willst du das Band hier behalten, Dimitri? Das Buch werfen wir besser weg. Oder vielleicht können wir die Blätter ja noch zum Ofen anzünden nutzen.“

„Aber erst wenn ich es gelesen habe. Schließlich hat dein Großvater es mir hinterlassen!“ Dimitri klang bestimmt.

„Na gut, mein Sohn. Aber du musst wissen, dass der alte Anatolij nicht mehr ganz richtig im Kopf war. Ich weiß nicht, was er da alles aufgeschrieben hat und ich will es auch gar nicht wissen. Aber geh mal davon aus, dass er sich mindestens die Hälfte davon nur zurechtgesponnen hat und es nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Und komm bloß nicht auf die Idee, dass ich dir das vorlese, da hab ich bei Gott Besseres zu tun.“

Sergej reichte Dimitri das Buch und rieb sich die Handflächen an den Hosenbeinen ab.

„Und noch was“, fügte Natalja hinzu und sah ihren Mann vorwurfsvoll an, „wasch dir bitte jedes Mal danach die Hände, Dimitri! Mit Seife!“

An diesem Abend ging Dimitri früh ins Bett, machte seine Nachttischlampe an und holte das Tagebuch seines Urgroßvaters unterm Bett hervor. Dort hatte er es sicherheitshalber versteckt, bevor sein Vater doch noch auf die Idee kam, es zu entsorgen.

Die abendliche Schachpartie mit seinem Vater musste heute ausfallen, obwohl sie sonst seine größte Leidenschaft neben den Büchern war.

Zunächst betrachtete er das Lesezeichen ganz genau. Es sah irgendwie fremdartig und mysteriös aus. Wie von einer anderen Welt. Diese seltsame Gravur auf dem Leder und der transparent funkelnde Stein, der in den Faden eingebunden war. Dimitri untersuchte ihn sorgfältig. Es war eigentlich mehr ein Kristall, so groß wie seine Fingerkuppe und im Licht seiner Lampe schimmerte er in den schönsten Farben, manchmal sah es sogar so aus, als würde dieser Kristall winzige Funken versprühen, die dann wieder von ihm selbst eingesaugt wurden. War das vielleicht sogar ein Edelstein, oder gar ein Diamant? Dimitri hatte darüber gelesen und je mehr er diesen Stein betrachtete, desto mehr zog er ihn in seinen Bann. Und dann dieser kyrillische Spruch, was er wohl bedeuten mochte? Behutsam legte er das Lederband zur Seite.

Dann nahm er das Buch in Augenschein. Dimitri las gerne und viel, am liebsten phantastische Märchen oder spannende Geschichten, aber auch Reiseberichte von irgendwelchen Forschern, die um die Welt fuhren und fremdartige Dinge entdeckten. Leider hatte die Familie nicht so viele Bücher. Viele waren im Krieg vernichtet worden. Andere waren schwer zu besorgen oder teuer. Und viele Bücher der Stadtbücherei kannte er schon. Er hätte gern noch viel mehr gelesen, insofern kam ihm das alte Buch Anatolijs gerade recht. Es war ihm egal, wie viel darin nun wahr war und wie viel erfunden. Vielleicht war es ja spannend oder lustig.

Schon das Äußere war vielversprechend, auch wenn es nicht sonderlich dick war. Der lederne Einband war teilweise zerfressen und verdreckt, so mussten früher Logbücher von Piratenschiffen ausgesehen haben, in denen Schatzkarten oder geheime Botschaften versteckt waren. Vielleicht war ja auch der Stein ein Teil eines riesigen Schatzes, den er vielleicht eines Tages finden würde. Dann könnte er auch sein Versprechen einhalten, das er seinen Eltern heute am Essenstisch gegeben hatte.

Nun wollte der Junge sich dem Inneren des Buches widmen. Langsam schlug er es auf, dennoch rutschten ihm die ersten Seiten schon entgegen. Schnell klappte Dimitri das Buch wieder zu. Er drehte sich auf den Bauch, legte das Buch neben sein Kopfkissen und sortierte sorgfältig Blatt für Blatt wieder ein. Dann begann er zu lesen, wenn ihm auch die krakelige Handschrift etwas zu schaffen machte. Zeile für Zeile, Seite um Seite verschlang er die Sätze und Anmerkungen, die der alte Mann hinterlassen hatte.

Es war kein Tagebuch im eigentlichen Sinne. Mehr eine Erzählung einer unglaublichen Geschichte. So wie Dimitri es verstand, hatten die Eintragungen erst begonnen, als der alte Mann schon um die siebzig gewesen war.

Sie erzählten von einem arabischen Händler, dessen Onkel ihn zu dem alten Anatolij geschickt hatte. Er hatte aus einem Überfall auf einen reichen arabischen Prinzen einige Kostbarkeiten dabei, welche Dimitris Urgroßvater irgendwohin weiterverkaufen sollte, unter anderem einen ganzen Beutel voller magischer Kristalle. Offenbar war Anatolij so etwas wie ein Zwischenhändler von Diebesgut gewesen.

Jetzt erinnerte sich Dimitri an die mahnenden Worte seines Vaters zum Wahrheitsgehalt dieses Buches. Es klang alles so verrückt und unwahrscheinlich, eine richtige Räubergeschichte. Wie eben eines der Märchen, die Dimitri sonst las. Er stellte sich Ali Baba und die vierzig Räuber vor, sah sich selbst als denjenigen, der eines Tages mit der Aufforderung „Sesam, öffne dich!“ den unglaublichen Schatz finden würde.

Egal, sagte sich der Junge nochmals. Ob wahr oder nicht, spannend ist es allemal.

Und er las weiter.

Wie der Dieb vom Geheimnis der Kristalle erzählt hatte. Und wie dieser dann unter mysteriösen Umständen verschwand und erstochen aufgefunden wurde, noch ehe der Handel zustande kam. Wie Anatolij aus Angst die Steine, die der Araber ihm dagelassen hatte, im Garten versteckt hatte.

Dimitri hatte feuchte Hände, so sehr fieberte er mit seinem Urahn mit und verfolgte die unglaubliche Geschichte Stück für Stück.

„Dimitri, mein Schatz, es ist Zeit zu schlafen!“, riss ihn die Stimme seiner Mutter aus seinem Abenteuer. „Mach das Licht aus. du kannst morgen weiterlesen!“

„Morgen, morgen!“, brummte Dimitri. Wie konnte er ausgerechnet jetzt aufhören, diese Geschichte weiter zu verfolgen. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Alles, was den Jungen beschäftigte, war der Fortgang von Anatolijs Abenteuer. Und jetzt auch von seinem Abenteuer. Denn er war sich nun sicher, dass der Stein, der in das Lesezeichen einflochten war, einer der magischen Kristalle aus dem Schatz des arabischen Prinzen war.

Wieder rief seine Mutter mahnend die Treppe herauf. Dimitri kramte in der Nachttischschublade und fand seine Taschenlampe. Hoffentlich funktionierte sie noch lange genug. Ersatzbatterien hatte er keine und das Buch hatte er gerade erst einmal zur Hälfte durch. Er schaltete die Taschenlampe ein und die Nachttischlampe aus, dann verkroch er sich mit dem Buch unter die Bettdecke und tauchte wieder in sein Abenteuer ein.

Nachdem Anatolij seinen Schatz vergraben hatte, folgten zunächst keine Einträge mehr in seinem Buch, bis auf einen kurzen Satz circa zwölf Monate später, indem er seine Erleichterung niedergeschrieben hatte, dass man ihm wohl nicht auf die Spur gekommen war.

Erst viele Jahre später, 1934, hatte Anatolij das Tagebuch wieder zur Hand genommen und weiter geschrieben. Er hatte offenbar einen Vertrauten gefunden, dem er seine unglaubliche Geschichte anvertraut hatte und mit dem er gemeinsam einen Weg zu finden suchte, die Magie der Kristalle zum Leben zu erwecken.

Jetzt wurde die Geschichte völlig verrückt. Anatolij beschrieb, wie dieser Vertraute, ein Uhrmacher, es geschafft hatte, die Kristalle so anzuordnen, dass damit ein Blick in die Vergangenheit möglich wurde.

Dimitri hielt inne und schüttelte den Kopf. Bislang hatte die Geschichte zwar abenteuerlich geklungen, aber irgendwie noch ein bisschen realistisch. Oder zumindest hoffnungsvoll. Jetzt aber war wohl die Fantasie des Alten komplett mit ihm durchgegangen. Etwas enttäuscht klappte der Junge das Buch zu. Er legte das Buch zurück unter sein Bett und die Taschenlampe auf den Nachttisch.

Mit gerunzelter Stirn legte sich Dimitri zurück und starrte in die Dunkelheit. Spannend war diese Geschichte schon und er würde das Buch auch sicher bis zum Ende lesen, aber der Wunsch an dem Abenteuer teilzuhaben, den er eben noch gehegt hatte, hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. Der Traum von der Entdeckung des Schatzes war geplatzt in dem Moment, als die Geschichte dann doch zu utopisch geworden war.

Nein, es war wohl doch nur die Unfähigkeit eines alten Spinners Wahrheit und Fantasie auseinander zu halten.

Irgendwie schade!

Dimitri legte sich auf die Seite und kuschelte sich in sein Kopfkissen. Nur wenige Sekunden später war er eingeschlafen.

In dieser Nacht aber schlief der kleine Dimitri unruhig. Er träumte wie er durch den Garten auf das Feld hinter dem Haus lief, weg von seinem sicheren Zuhause. Er lief und lief, immer weiter, bis er plötzlich vor einem gewaltigen Felsen stand. Er blickte sich um, doch um ihn herum war nur noch Wald. Noch nie zuvor war er hier gewesen. Er starrte den riesigen Steinbrocken an. Ohne nachzudenken schrie er der Felswand die magischen Worte auf dem Lederband entgegen: „Blick zurück, doch nur mit den Augen!“, und vor ihm öffnete sich eine Höhle gigantischen Ausmaßes. Zögernd trat er ein und blickte auf ein Meer von Goldmünzen und Edelsteinen. Kilometerweit glitzerte und funkelte es. In der Mitte schwebte nur knapp darüber ein fliegender Teppich und auf ihm lag ein kleines Säckchen, was eigenartig schimmerte. In der Ferne sah er seine Eltern, die heftig ihre Arme schwenkten und ihm etwas zuriefen, das er aber nicht verstehen konnte. Sein Vater hielt das alte Tagebuch in der Hand und die Seiten rutschten heraus und fingen Feuer.

Mühsam kämpfte Dimitri sich durch den Goldschatz zu dem Teppich mit dem Beutel vor und öffnete ihn vorsichtig. Darin kamen Diamanten zum Vorschein, die in allen Farben funkelten. Er nahm eine Handvoll heraus und legte sie in einem Kreis auf dem kostbaren Teppich aus. Augenblicklich begannen sie zu leuchten und zu blitzen und in der Mitte des Kreises entstand wie von Zauberhand ein Bild. Bei genauerem Hinsehen war dort ein alter Mann zu erkennen, der sich als Anatolij vorstellte. Er winkte Dimitri freundlich zu und lachte. Dann plötzlich verfinsterte sich seine Miene und er signalisierte seinem Urenkel sich umzudrehen. Als der Junge hinter sich blickte, sah er vierzig bärtige Männer in Turbanen und mit gezückten Dolchen auf ihn zustürmen. Ihr Anführer hatte den längsten Bart und trug ein goldenes Amulett in Form eines Kobrakopfes um den Hals, dessen Rand mit den gleichen leuchtenden Edelsteinen besetzt war, wie sich in dem Sack befanden. Die Räuber stürzten sich auf Dimitri und hielten ihn am Boden fest. Der Junge wehrte sich nach Leibeskräften, hatte aber gegen die starken Arme der Turbanträger keinerlei Chance.

Der Anführer starrte ihn aus tiefschwarzen und zugleich funkelnden Augen an und rief: „Du Dieb!“

Dimitri blickte aus unschuldsvollen und flehenden Augen und versuchte zu sprechen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Keinen Ton brachte er zu seiner Verteidigung heraus.

Dann hob der Araber mit dem Amulett seinen goldenen Krummsäbel an und ließ ihn über dem Hals des Jungen nach unten schnellen.

In diesem Moment wachte Dimitri schweißnass auf und wusste augenblicklich, dass ihn dieser Traum sein Leben lang verfolgen würde!

Berlin, Donnerstag, 5. Oktober, 3.40 Uhr

„Wach auf, wach auf!“

Er hörte zwar das Flüstern, aber er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich, ob er noch schlief und träumte, oder ob die Stimme aus der Realität zu ihm drang. Das Rütteln an seiner Schulter rief ihn aber dann doch ins wahre Leben zurück.

„David, komm schon. Wach auf. Da ist jemand in der Wohnung!“

Die Stimme wurde lauter und entschlossener, aber auch hysterischer. Die Furcht in ihr war nicht zu überhören. Das wurde auch David Bishop langsam klar, wusste er sonst doch die glockenhelle und zarte Stimme seiner Freundin zu schätzen, die ihm eher ins Ohr säuselte, als ihn so unsanft zu wecken.

Er öffnete die Augen und blickte auf den Wecker. Drei Uhr zweiundvierzig. Nicht gerade die perfekte Zeit, um die Nacht zu beenden.

Wieder schüttelte Alex ihn an der Schulter.

„David! Hörst du das denn nicht? Da draußen ist ein Einbrecher!“ Nun überschlug sich ihre Stimme und wurde panischer. Ihr Blick richtete sich starr auf die Schlafzimmertüre. Fest umklammerte sie die Bettdecke und zog sie hoch bis an ihr Kinn.

David hob den Kopf vom Kopfkissen und versuchte sich zu konzentrieren. Jetzt hörte auch er es. Es klang wie das Klappern von Besteck. Er sah Alex an, die mit zerzausten Haaren zitternd im Bett saß, und nickte. Langsam schob er seine Beine über den Rand des Bettes und blickte sich nach etwas um, was man eventuell zur Selbstverteidigung nutzen konnte. Aber nichts sah danach aus, als konnte es einem Eindringling irgendwie Angst einflößen. Vielleicht konnte er dem Einbrecher ja die Socken vom Vortag an den Kopf werfen und er würde dadurch betäubt zu Boden gehen. David musste bei diesem Gedanken trotz der ernsten Situation grinsen.

Vorsichtig und ohne auch nur ein Geräusch stand er auf und zog sich seine Boxershorts über. Völlig entblößt wollte er nun doch nicht dem vermeintlichen Räuber gegenübertreten. Dann schlich er zur Tür.

Da vom Treppenhaus her auch nachts öfter ein Poltern der benachbarten Studenten zu hören war, lehnte er die Schlafzimmertüre immer an, was den Geräuschpegel ein wenig senkte. Nun lauschte er an der Türe und spähte durch den schmalen Spalt.

„Sei vorsichtig, David!“, flüsterte Alex mit bebender Stimme.

Auf dem Flur konnte David ein Flackern erkennen. Offenbar fuchtelte der Dieb mit einer Taschenlampe in der Küche herum. Leise hörte er unterdrücktes Fluchen.

Was sollte er nur tun? In die Küche marschieren und den Dieb zur Rede stellen und dadurch riskieren, irgendein Messer zwischen die Rippen zu bekommen? Oder Lärm machen? In der Hoffnung, der Einbrecher würde dann die Flucht ergreifen? Oder vielleicht doch zurück ins Bett kriechen und still verharren, bis der Fremde von sich aus wieder ging? Oder sollte David letztendlich seinen ersten Gedanken verfolgen und zum Gegenangriff übergehen? Schließlich hatte er den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Allerdings war auch alles, was er im weitesten Sinne als Waffe nutzen konnte in der Küche. Ausgerechnet da, wo sich sein Widersacher aufhielt.

Immer noch kramte der Einbrecher in den Küchenschränken und Schubladen. Glaubte er etwa, David würde sein Bargeld in einem Kochtopf verstecken? So etwas machten doch für gewöhnlich nur alte Leute mit ihrem Notgroschen, die kein Vertrauen zu Banken hatten. Studenten wie David hatten ohnehin nie Bargeld, lediglich eine Kreditkarte eines schon längst überzogenen Kontos.

David fasste einen Entschluss. Das Gefühl, einen Fremden in seiner Wohnung zu haben, verursachte bei ihm ein ungutes Gefühl. Und obwohl keine reale Gefahr bestand, dass etwas Wertvolles gestohlen werden konnte, wollte er den Eindringling verjagen.

Sein Ziel war der Messerblock neben dem Kühlschrank gleich an der Türe. Wenn David den Fremden überraschte und es bis dorthin schaffte, war er nicht mehr wehrlos.

Der junge Mann riss die Schlafzimmertüre auf, stürmte auf den Flur und in die Küche. Dabei stieß er ein martialisches Geschrei aus, das an das Kriegsgeheul mancher Südseevölker erinnerte.

Er knallte seine Hand auf den Lichtschalter und schaffte es bis zu den Küchenmessern, wo er das erstbeste mit einem großen Griff in die Hände bekam. Es war das Brotmesser, nicht gerade der Inbegriff einer todbringenden Stichwaffe.

Erst jetzt wendete er sich dem Eindringling zu, der sich erschreckt zu ihm umgedreht hatte und dabei unter lautem Gepolter mehrere Töpfe fallen ließ. Auch der Fremde schrie auf und blickte voller Furcht auf den mit dem Brotmesser bewaffneten Wohnungsbesitzer. Abwehrend hob er die Hände.

„David, ich bin’s! Tim! Beruhige dich!“

Jetzt erst erkannte David den vermeintlichen Einbrecher. Er stand vor ihm mit verlotterter Kleidung und zitterte, so dass die seitlich herunterhängenden Bommel seiner bunten Strickmütze vibrierten.

Tim war sein ehemaliger Mitbewohner gewesen, bevor David die Wohngemeinschaft vor einigen Monaten aufgelöst hatte.

„Was in Teufelsnamen machst du hier?“, raunzte David ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. „Und wie bist du überhaupt hier reingekommen?“

„Sorry, Alter. Tut mir echt leid.“ Tim ließ schuldbewusst die Schultern hängen. „Wollte Dich nicht erschrecken. Hab gedacht, wenn ich hier nachts vorbeikomme, kriegst du es nicht mit und ich bin in Null Komma Nichts wieder weg. Hatte doch noch einen Zweitschlüssel.“

„Eine selten dämliche Idee, wirklich. Aber was suchst du denn? Oder wolltest du mich etwa beklauen?“

„Nee, echt nicht, Alter!“, beteuerte Tim in tumbem Wortfall. „Würd’ ich nie tun. Hab nur was hier vergessen, das wollt’ ich holen. Wusst’ aber nicht mehr, wo es war.“

„Ja, um Himmels willen, was denn? Und warum kannst du nicht, wie jeder normale Mensch, einfach anrufen oder an der Türe klingeln?“ David war sichtlich aufgebracht. Gut, Tim war noch nie der Hellste und seine Ideen früher schon etwas fremdartig gewesen. Aber das hier schlug dem Fass den Boden aus.

Tim blickte verlegen zu Boden.

„Du hast doch nicht etwa in meiner Wohnung Drogen versteckt?“, fragte David langsam, obwohl er in diesem Moment die Antwort schon kannte. Tims Drogenprobleme waren der Grund dafür gewesen, dass David nicht mehr seine Wohnung mit ihm teilen wollte. Tim war ein netter Kerl und er würde einem jeden Gefallen tun, wenn er gerade mal clean war. Doch er war immer weiter in den Sumpf hineingezogen und unzuverlässig geworden. Und nachdem das erste Mal ein Drogendealer in ihrer Wohnung aufgekreuzt war, zog David endgültig einen Schlussstrich. Ein paar Mal hatte er seinen Mitbewohner noch auf der Straße getroffen, aber selten mit klarem Kopf.

„Okay! Jetzt nimmst du dein Zeug, lässt meine Schlüssel da und verschwindest hier. Hast du verstanden? Du kannst gerne mal auf ein Bier vorbeikommen, wenn du sauber bist. Aber ich will mit deinen Drogengeschäften nichts zu tun haben. Und wenn du noch mal hier einbrichst, ruf ich die Polizei. Ist das klar?“

Tim nickte verschüchtert und kniete sich auf den Boden, um das Geschirr aufzuheben. Beim Einräumen in den Schrank fand er im hintersten Eck ein kleines Päckchen, sorgfältig in Plastik eingewickelt und mit Einmachgummis zugebunden.

„Ich hab’s gefunden“, sagte er kleinlaut, lächelte dabei aber überglücklich. „Das war das einzige, ehrlich!“

„Na gut, Tim. Ich glaube, wir haben uns verstanden.“ David klopfte dem heruntergekommenen jungen Mann leicht auf die Schulter und blickte ihn aufmunternd aber eindringlich an.

Wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz schlich Tim über den Flur in Richtung Haustüre. Er griff in die Tasche und übergab David den Türschlüssel.

„Sorry, Kumpel. Ich versprech’ dir, ich belästige dich nicht mehr.“

Tim verschwand auf den Hausflur ohne sich noch einmal umzudrehen und David knallte die Tür wütend zu. Kopfschüttelnd ging er zurück ins Schlafzimmer, wo Alex im Bett saß und ihn mit verständnislosem Blick ansah.

„Was war das denn, bitte schön?“, knurrte sie.

David antwortete noch immer gedankenverloren: „Das war Tim, mein ehemaliger Wohnungsgenosse hier, als ich noch in einer WG gewohnt hatte. Ich hatte geglaubt, ich könnte damit Kosten sparen. Tatsächlich aber hat es mich neben der Miete, die ich auch alleine gehabt hätte auch noch meine Nerven gekostet. Es hat insgesamt fast ein Jahr gedauert, bis ich Tim endlich los war. Er ist eigentlich ganz in Ordnung, hat nur seine Drogenprobleme nicht in den Griff bekommen.“

„Und du willst nicht die Polizei rufen“, entrüstete sich Alex verständnislos.

„Der Junge hat schon genug Probleme am Hals. Vergiss ihn einfach wieder. Er taucht schon nicht noch mal auf.“

„Das sagst du! Ich wäre mir da nicht so sicher. Was wäre, wenn du jetzt nicht hier gewesen wärst?“

„Dann wärst du auch nicht hier gewesen“, lachte David, aber wirklich konnte er seine Freundin nicht beruhigen. „Und wenn wir zusammenziehen, dann sowieso nicht in dieser Bruchbude, oder?“

Alex senkte den Kopf, sagte aber nichts.

Was sollte das denn jetzt heißen, fragte sich David und betrachtete das Mädchen Stirn runzelnd. Wie sollte er ihre Reaktion deuten? War das Zustimmung oder Ablehnung. Und wenn Ablehnung, bezog sie sich auf die Wohnung, oder das Zusammenleben?

Alex drehte David ihren Rücken zu und versank in ihrem Kopfkissen.

„Schlaf jetzt“, brummte sie, „wir haben schon genug Zeit in dieser Nacht verloren. Ich muss früh raus.“

David streifte sich seine Boxershorts ab und kroch zu seiner Freundin ins Bett. Er drückte sich an ihren warmen Rücken und schlang seinen Arm um sie. Alex aber zeigte keine Reaktion auf seinen Versuch sich ihr zärtlich zu nähern. Offenbar war sie wirklich müde. Oder hatte er sie etwa mit seiner Bemerkung zu sehr bedrängt?

Sie waren jetzt seit zwei Monaten ein Paar und überglücklich miteinander. Sie teilten die gleichen Interessen, verbrachten jede mögliche Minute zusammen und konnten meist gegenseitig ihre Gedanken lesen. Sie waren einfach wie für einander geschaffen.

Leider kam Alex aus einer sehr konservativen Familie, die ein waches Auge über ihre Tochter hatte und bisher noch nichts von ihrer Beziehung wusste. Ich muss es ihnen behutsam beibringen, hatte sie immer wieder gesagt. Offiziell war sie viel mit ihrer besten Freundin Lara unterwegs, die ihr jegliches Alibi verschaffte. Sogar wenn sie bei David übernachtete, war sie ihren Eltern gegenüber bei Lara.

Das klappte bislang auch problemlos, aber David hätte natürlich ganz gern einmal die Familie seiner Freundin kennengelernt. Aber was das anging, musste er sich wohl noch gedulden. Umgekehrt hatte Alex aber immer wieder betont, dass sie wiederum seine Eltern und seine Stiefmutter kennenlernen wolle. Das hatten sie auch tatsächlich endlich für das kommende Wochenende geplant, zuvor hatte er seinem Vater und seiner Stiefmutter auch schon mehrfach voller Begeisterung von Alex erzählt. Bislang hatte sich aber noch nicht die richtige Gelegenheit ergeben, nun waren sie diesbezüglich einen Schritt weiter. Zu seiner leiblichen Mutter hatte David nur wenig Kontakt, aber auch ihr würde er seine große Liebe natürlich zu gegebener Zeit vorstellen.

David lauschte Alex’ ruhigem Atem, sie schlief offenbar schon. Behutsam streichelte er über ihre weiche Haut, deren Geruch er genussvoll einatmete. Er wollte sie aber nicht wecken, darum drehte er sich auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit, während er sich an ihre erste Begegnung erinnerte.

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, als er Alex im Sommer unabsichtlich angerempelt hatte. Sie war vor ihm her gelaufen und ihre aufregenden Kurven waren ihm längst aufgefallen. Die langen Beine über den hohen Absätzen in Verbindung mit dem kurzen Rock ihres Kostüms hatten ihn völlig zum Träumen gebracht. Bei jemand anderem hätte dieses Outfit vielleicht billig wirken können, Alex jedoch verlieh es eine Klasse, die ihn regelrecht hypnotisiert hatte. So hatte er auch nicht rechtzeitig reagieren können, als sie abrupt stehen geblieben war, um in ihre Tasche zu schauen und so war David mit seinem frisch gekauften Eis in der Hand unvermittelt in sie hineingelaufen. Ihr langes, pechschwarzes Haar war augenblicklich über und über mit klebrigem Vanilleeis bekleckert gewesen.

David war das natürlich überaus peinlich gewesen und mit hochrotem Kopf hatte er sich entschuldigt und nach einer fadenscheinigen Erklärung für sein Missgeschick gesucht. Er war darauf vorbereitet gewesen, die schlimmsten Verwünschungen und Flüche an den Kopf geworfen zu bekommen, aber Alex hatte ihn mit einem Blick angeschaut, den er wahrscheinlich sein Leben lang nicht vergessen würde. Ein Blick voller Güte und Sanftheit, voller Verständnis und Mitgefühl und von einer bezaubernden Schönheit.

Er wusste gar nicht, wie ihm geschah und irgendwie hatte er auch zunächst kein klares Wort mehr herausgebracht, es aber danach trotzdem irgendwie geschafft, diese Traumfrau zu überreden, seine Entschuldigung in Form einer Einladung anzunehmen. So kam es zu ihrer ersten Verabredung und sein bis dato noch gar nicht geträumter Traum hatte sich vorzeitig erfüllt.

Es war einfach alles perfekt, fast wie in einem kitschigen Hollywoodfilm. Aber es war real und es lief bestens mit ihnen beiden. Sie genossen die Zeit, die sie miteinander verbrachten und hatten Spaß zusammen. Und wenn es David jetzt noch irgendwann schaffen würde, ihre Eltern zu überzeugen, stand einer glücklichen Zukunft wohl nichts mehr im Wege.

Alex drehte sich im Bett um und schmiegte sich mit einem wohligen Seufzer an Davids Schulter. Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss er die Augen und schlief zufrieden ein.

Epilog

Paris, Freitag, 6. Oktober, 16.30 Uhr

Der Hof strahlte eine beklemmende Stille aus. Einige Männer liefen wortlos auf und ab, andere unterhielten sich im Flüsterton in kleinen Gruppen. Auf einer treppenförmigen Tribüne saßen über ein Dutzend finstere Gestalten auf verschiedenen Ebenen. Es war offensichtlich, dass die jeweilige Sitzposition auf den Stufen einer strengen Rangordnung folgte. Ganz unten war das Fußvolk, das jeden, der sich der Tribüne näherte, entweder davon abhielt, oder nach Zustimmung von Männern höherer Stufen, zu genau diesen passieren ließ. Die Aufgabe dieser Männer der mittleren Ebene war es, jegliches Begehren vorab zu prüfen und die weitere Passage zu gewähren. Ebenso waren unter ihnen zweifelsfrei Beobachter, die jedwedes Treiben auf dem Gefängnishof überwachten und analysierten, um es dann wiederum nach oben zu melden.

Auf der vorletzten Stufe saßen zwei Adjutanten, die das Geschehen organisierten und befehligten. Sie standen sehr wohl mit dem Mann, der über allem thronte, in Kontakt, blieben aber ehrfurchtsvoll auf ihrer Sitzposition unterhalb.

Alle Angehörigen dieser geschlossenen Organisation waren mehr oder weniger eindeutig russisch-slawischer Abstammung. Bei manchen war dies nicht so augenscheinlich, aber alle waren klar von den anderen Gefangenen abzugrenzen, die größtenteils arabischer oder schwarzafrikanischer Herkunft waren und sich ebenfalls in Gruppen zusammenfanden. Es schien nur wenig neutrale Insassen zu geben, die sich nicht einer dieser Gruppierungen zuordneten, was ihr Dasein in der Justizvollzugsanstalt nicht eben leichter machte.

In diesem Gefängnisblock saß eine illustre Mischung aus Gewalt- und Wirtschaftsverbrechern, Betrügern aller Art, Fälschern und Erpressern ein. Alle Gestalten auf dem Hof beäugten sich gegenseitig misstrauisch, keiner traute dem anderen und war jederzeit auf der Hut. Jeder belegte in der entsprechenden Gruppierung einen Rang, auf dem er absolute Loyalität geschworen hatte und wähnte sich dadurch zumindest von einer Seite in Sicherheit. Die kriminelle Vergangenheit und die dazugehörigen Kontakte, sowie die Zeit, die diese Männer im Gefängnis verbracht hatten, hatten sie größtenteils zu gewaltbereiten Menschen gemacht, vielleicht noch mehr, als sie vorher schon gewesen waren. Um in dieser Welt aus Drogen, Selbstmorden und Vergewaltigungen zu bestehen, musste jeder hier seine hässlichste Seite nach außen kehren.

Das Pariser Stadtgefängnis in der Rue de la Santé war einerseits bekannt für seinen Block Drei, den sogenannten VIP-Bereich, wo schon so manche Berühmtheit eingesessen hatte, andererseits aber auch für seine teils inhumanen und mittelalterlichen Verhältnisse. Auch wenn die Guillotine hier 1972 das letzte Mal zum Einsatz gekommen war, waren die Zustände immer noch haarsträubend. Schmutz und Ungeziefer, winzige Zellen, sowie brutales Vorgehen der teilweise bestechlichen Bediensteten prägten den Gefängnisalltag. Auch journalistische Enthüllungen in jüngerer Vergangenheit hatten nichts an dieser Situation geändert, hatte die Politik in ihrem harten Vorgehen gegen die Kriminalität doch die Mehrzahl der Bürger auf seiner Seite. Das Gefängnis war zwar vorübergehend geschlossen worden, aufgrund des Mangels an Unterkünften für Kriminelle hatte man es jedoch ziemlich schnell wieder reaktiviert. Man verzichtete zwar von da an auf eine Aufteilung nach Herkunft, wie sie vorher praktiziert worden war, die katastrophalen Verhältnisse blieben aber die alten.

Je mehr Respekt man sich insofern in diesem Knast bei Wärtern und Insassen erarbeiten konnte, desto erträglicher konnte das Leben hier sein und desto ungestörter konnte man seinen Geschäften innerhalb, aber auch außerhalb der Gefängnismauern nachgehen.

Und so hatte es auch der Mann ganz oben auf der Treppe geschafft. Bullig gebaut mit verschlagenem, aggressivem Blick regierte er über seine Gefolgschaft und diesen Gefängnisblock. Keiner der anderen Insassen wagte es, seine Autorität in Frage zu stellen, würde er doch innerhalb weniger Stunden einen unerwarteten Unfall erleiden, wahrscheinlich mit tödlichem Ausgang.

Von seinen Untergebenen wurde der alte, grauhaarige Mann mit der unverwechselbaren tiefen Narbe über dem linken, blinden Auge nur Staryy Medved, alter Bär, genannt. Keiner der Insassen kannte seinen tatsächlichen Namen, aber das war auch nicht notwendig. Sie kannten und fürchteten seine Macht, nicht nur in diesem Block oder Gefängnis. Sein Einfluss und seine Herrschaft reichten weit über die Mauern hinaus. Das hatte er mehrfach unter Beweis gestellt, auch den Wärtern gegenüber. Auch sie folgten größtenteils respektvoll seinen Anweisungen.

Hätte er es gewollt, wäre der alte Bär auch schon längst aus diesem dreckigen Loch verschwunden, unauffindbar für die Polizei oder irgendwelche Konkurrenten, die ihm nach dem Leben trachteten. Weder hier in Frankreich, noch in den anderen Ländern, in denen er seine Anhänger hatte und seine Organisation nahezu unbehelligt betreiben konnte. Ein Großteil der überall gefürchteten und brutalen russischen Mafia in Europa wurde durch ihn regiert und kontrolliert. Fast in jedem der ertragreichen Länder von Spanien bis vor Russlands Grenzen hatte er führende Gefolgsleute, die alle auf den Fahndungslisten von Interpol wiederzufinden waren. Aber nur die wenigsten wurden gefasst und in diesen Fällen auch innerhalb weniger Tage problemlos ersetzt. Die kriminellen Aktivitäten seiner Organisation reichten von Raubüberfällen, Erpressung, Menschenhandel und Prostitution bis hin zu Auftragsmord. Quasi alles was die Polizei länderübergreifend zu bekämpfen versuchte.

Staryy Medved selbst war wegen Mitwirkung in einer kriminellen Organisation und Befehligung mehrerer Gewalttaten verurteilt worden, eine aktive Beteiligung an den Taten konnte man ihm nicht nachweisen. Acht Jahre hatte er bekommen, davon waren drei bereits abgesessen.

Schon nach kurzer Zeit hatte er alles Notwendige für eine Flucht veranlasst und nach zwei Jahren war der Tag des Ausbruchs gekommen. Aber just zu diesem Zeitpunkt hatte man ihn in einen anderen Block verlegt und zu einem völlig unbekannten Insassen in eine Zelle gesteckt. Offiziell hieß es wegen guter Führung und seiner Sozialverträglichkeit, der offensichtliche Platzmangel in dem überfüllten Gefängnis war aber wohl der wahre Grund gewesen. Die Einzelhaft war für gewalttätige Insassen reserviert. Aber auch seine neue Unterbringung war ursprünglich eine enge Einzelzelle gewesen, nur dass sie jetzt mit zwei Häftlingen besetzt wurde.

Anfangs hatte der Russe protestiert, alle Beziehungen aktiviert und Hebel und in Bewegung gesetzt, um seine Einzelzelle zurückzubekommen, aber dies war nicht so schnell möglich gewesen. Man hatte aber sein Anliegen prüfen und bei Entspannung der ausgeschöpften Kapazitäten darauf zurückkommen wollen. Das bedeutete, nicht innerhalb der nächsten Monate.

Sein neuer Zellengenosse war Franzose gewesen, nichtslawischer Abstammung, mit einem durchtriebenen Blick, aber er hatte sich überwiegend wortkarg zurückgezogen, so dass er kein großer Störfaktor gewesen war. Seine Geschäfte erledigte der alte Bär ohnehin auf dem Gefängnishof mit seinen Handlangern und dafür blieb ihm Gelegenheit und Zeit genug, nicht zuletzt wegen der großzügigen Überweisungen auf das ein oder andere Konto der aufsichtführenden Wärter.

Wären da nicht die seltsamen und immer wiederkehrenden Träume des Franzosen gewesen, in denen er wiederholt im Schlaf gesprochen hatte, hätte Staryy Medved seine Fluchtpläne schnell wieder aufgenommen. Aber das nächtliche Gemurmel seines Mithäftlings hatte ihn an seine eigenen Träume erinnert und deshalb überaus neugierig gemacht. Und so hatte er sich bemüht, den scheinbar undurchdringlichen Schutzpanzer, den der kleine Franzose um sich aufzubauen versuchte, zu knacken, um ihm näher zu kommen. Hilfreich dabei war ihrer beider Vorliebe für das Schachspiel und sie lieferten sich anfangs so manche schweigsame Partie mit unterschiedlichem Ausgang.

Anfänglich hatte sich der glatzköpfige Mann mit der Hakennase gegen die Versuche, sich ihm kommunikativ zu nähern, gesperrt, aber der alte Bär war ein Meister der Manipulation und hatte es binnen weniger Wochen geschafft, dass sich sein neuer Freund ihm völlig öffnete.

Der Franzose war kein geringerer als Philippe Renard, der ehemals mächtige Geheimdienstchef der französischen Staatssicherheit, der wegen Landesverrats und mehrfachem Mord eine lebenslange Gefängnisstrafe abzusitzen hatte. Aus seiner Sicht völlig zu Unrecht. Dies allein machte ihn schon zu einem idealen Kompagnon für den Russen, um sein Beziehungsgeflecht weiter auszubauen. Mit Sicherheit hatte Renard immer noch seine geheimen Fäden aktiviert. Aber viel spannender waren tatsächlich die Informationen gewesen, die er im Traum von sich gegeben hatte und die der alte Bär zu ordnen versuchte. Nach und nach hatte er sich in den intensiven Vier-Augen-Gesprächen mit dem Franzosen an das Thema heran getastet, der nur widerwillig dazu Auskunft geben wollte. Aber die Optionen, die Renard von seinem russischen Kameraden aufgezeigt bekam, nämlich einen Weg aus dem Gefängnis und als sein Partner in Freiheit agieren zu können, machten ihn redseliger als er das ursprünglich vorhatte.

Und so erfuhr Staryy Medved von einer magischen Uhr, die Renard tatsächlich auch schon kurzzeitig in der Hand gehalten hatte. Der sein Vater schon auf der Spur gewesen war. Die fast hundert Jahre verschollen und plötzlich wieder aufgetaucht war. Die einen Blick in die Vergangenheit gewähren konnte, welchen Zeitpunkt man auch immer darauf einstellte. Die ungeahnte Macht bedeutete. Und die sich derzeit wahrscheinlich in den Händen eines Amerikaners in Deutschland befand.

Gelegentlich hatte der Russe das Gefühl gehabt, der arabische Mitinsasse mit den vielen Goldzähnen, der immer die Zeitungen brachte, hätte sie belauscht. Auffällig häufig war er plötzlich erschienen, um seine Magazine und Zeitungen vom Vortag anzupreisen. Daher hatten sie die Gespräche ins Freie verlegt, wo sie von den russischen Befehlsempfängern abgeschirmt werden konnten.

Philippe Renard war inzwischen der Verbündete des alten Bären geworden, er war der Einzige, der auf der hierarchischen Treppe im Gefängnishof auf seiner Stufe neben ihm Platz nehmen durfte. Dort, wo sie sich unbelauscht zu dem einzigen Thema, das sie derzeit beschäftigte, austauschen konnten. Und dem Franzosen war die offenbar steigende Ehrerbietung ihm gegenüber anzumerken, seine Haltung war immer aufrechter und seine Offenheit grenzenlos geworden. Obwohl Staryy Medved ihn ausquetschte wie eine Zitrone, um auch noch an die letzte Einzelheit des Geheimnisses heranzukommen, schien Renard nicht zu erkennen, dass er nur missbraucht wurde und in Wirklichkeit keinerlei reelle Chance auf eine ebenbürtige Partnerschaft mit dem Russen hatte. Aber in seinem Fanatismus, die magische Uhr betreffend, war er blind, besessen von der Möglichkeit, sie zurück zu erlangen.

Ein schriller Signalton erklang und beendete damit den heutigen Freigang der Gefangenen. Der stärker werdende Nieselregen machte dies zu einem nicht allzu bedauernswerten Umstand und die Häftlinge drängten sich zu dem Tor, das sie ins Trockene ließ. Nur zwei Männer verharrten auf ihren Plätzen ungeachtet des feuchten Wetters und ungehindert vom Wachpersonal.

Auf der obersten Stufe der Tribüne startete nun ein weiterer Abschnitt eines endlosen Gesprächs, das mehr einem Verhör glich, nur der Verhörte empfand das nicht so. Er sah die Unterhaltung eher als eine erneute Chance ausschweifend über sein Lieblingsthema zu sprechen, seine Sicht der Dinge zu äußern und Pläne zu schmieden. Doch war ihm nicht bewusst, dass er an diesen Plänen selbst gar nicht teilhaben würde.

Epilog

Dubai, Freitag, 6. Oktober, 17.30 Uhr

Der Blick aus der 154. Etage war atemberaubend. Man hatte nicht mehr das Gefühl in einem Hochhaus zu sein, die Perspektive entsprach eher der Sicht aus einem Flugzeug. Hier im obersten und teuersten Stockwerk der nutzbaren Etagen des Burj Khalifa befand sich das exklusive Büro der Unternehmensberatung Falcon Feather Consulting, doch Publikumsverkehr gab es hier keinen. Auch Beschäftigte suchte man vergebens auf den rund sechshundert Quadratmetern edelster Tagungs- und Besprechungsräume.

Die Räumlichkeiten waren luxuriös ausgestattet in einer Kombination aus traditionellen arabischen Teppichen und Accessoires und modernem Designermobiliar. Originalgemälde alter Meister hingen an den Wänden und teure Schmuckstücke zierten Sideboards und Vitrinen. Alles, was hier goldfarben glitzerte, waren nicht etwa vergoldete Antiquitätenkopien oder gar billige Touristensouvenirs, es waren massivgoldene Skulpturen und Schätze aus alter Zeit, reich verziert mit funkelnden Edelsteinen.

Dies alles gehörte keinem Geringeren als dem Emir von Dubai höchstpersönlich, dem gütigen und diplomatischen, aber auch mit harter Hand regierenden Oberhaupt des kleinen und mächtigen Emirats am Persischen Golf. Sein Vater hatte bereits nach dem spektakulären Bau des weltgrößten Gebäudes die oberste Büroetage über Drittfirmen erstanden, um dort anonym geschäftliche Treffen zu arrangieren, weit ab von seinen Amtsräumen im Diwan und den Privaträumen seines Palastes.

Die beiden Männer, die am Fenster über das Lichtermeer Dubais blickten, hatten in diesem Moment aber wenig Sinn für diesen Reichtum oder auch das unvergleichliche Panorama. Sie trafen sich hier in diesen geheimen Räumlichkeiten des Emirs, um wichtige Angelegenheiten zu besprechen. Dinge, die die Geschichte der Familie und des reichen Emirats betrafen, die vergangene sowie zukünftige Geschichte.

„Raschid bin Hamdan, mein geliebter Neffe!“, sprach der Scheich mit ruhiger, großmütiger Stimme und zeigte mit einer majestätischen Geste auf das Lichtermeer in der Dämmerung unter ihnen. „Alles, was du hier erblickst, hat unsere Familie ermöglicht oder sogar selbst erschaffen. Kein Familienbund weltweit hat Ähnliches erreicht wie unsere Vorfahren und wir als jetzige Herrscher.“

„Ich weiß, Onkel, Verehrungswürdigster!“ Raschid beugte sich leicht vor und folgte demütig dem Fingerzeig seines Onkels. Trotz der familiären Nähe zu ihm und der Tatsache, dass der Emir ihn wie einen eigenen Sohn behandelte, fehlte es ihm nicht an Respekt.

„Schon vor dem Ölboom und dem Reichtum, den er nach der Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate in unser Land schwemmte, waren unsere Familien trotz verhältnismäßiger Armut privilegiert“, fuhr der Emir fort und legte väterlich den Arm um Raschids Schultern. „Viele Schätze gehörten schon unseren Vätern, als sie noch Stammesfürsten waren und in der Wüste in Zelten lebten. Du kennst die Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die die Öffentlichkeit nicht immer kennen muss.“

„Ja, Onkel, Verehrungswürdigster! Ich weiß um den Reichtum unserer Väter und deren Väter. Ich selbst profitiere ja auch davon.“

„Ja, das tust du und das ist auch gut so. Nie soll es unserer Familie an irgendetwas mangeln. Trotzdem bist du ein fleißiger und cleverer Junge, hast dein Studium erfolgreich absolviert und arbeitest im Ministerium deines Vaters. Das Außenministerium ist ein guter Ort, um internationale Erfahrungen in der Diplomatie zu sammeln, besonders für einen so talentierten jungen Mann wie dich.“ Jetzt klopfte der Scheich seinem Neffen auf die Schulter.

„Du beschämst mich mit deinem Lob, Onkel!“

„Nein! Das tue ich nicht! Du hast dir inzwischen einen Namen gemacht und mein Bruder, in seiner Funktion als Minister und ich sind sehr zufrieden mit deiner Arbeit. Du verfügst über viele Talente. Wie viele Sprachen sprichst du?“

„Neben den verschiedenen arabischen Dialekten und englisch noch weitere fünf. Mit chinesisch habe ich aber so meine Schwierigkeiten.“

„Ich glaube“, lachte der Emir laut auf, „mit chinesisch haben sogar die meisten Chinesen ihre Schwierigkeiten. Es heißt, es gibt nur wenige Chinesen, die tatsächlich alle Schriftzeichen beherrschen. Stimmt das?“

„Ich weiß nicht. Aber ich weiß, dass viele nur einen Bruchteil ihrer eigenen Sprache kennen. Ist das nicht traurig?“

„Ja, das ist es!“ Der Emir hob eine Augenbraue und wurde plötzlich ernst. „Ich habe dich aber nicht hier her gebeten, um mit dir deine berufliche Karriere zu besprechen. Die hast du, so glaube ich, ganz gut selbst im Griff. Du erfüllst mich und unsere Familie mit Stolz. Und das ist auch der Grund, warum du hier bist.“

Der junge Emirati schaute seinen Onkel mit fragendem Blick an. Dieser drehte sich zu ihm, ergriff mit beiden Händen seine Schultern und sah ihm tief und eindringlich in die Augen.

„Raschid, ich habe Dringendes mit dir zu besprechen.“ Mit diesen Worten verdunkelte sich der Blick des Scheichs immer mehr. „Eine ursprünglich familiäre Angelegenheit, die aber auch ein internationales Problem darstellen könnte. Und ich brauche deine Hilfe. Du verfügst über die notwendigen Fähigkeiten und ich vertraue dir. Deshalb will ich diese heikle Sache in deine Hände geben.“

Raschid schien nicht wirklich begeistert, offenbar ahnte er bereits, dass es sich um eine riskante und delikate Angelegenheit handelte. „Und du glaubst, dass ich wirklich der Richtige dafür bin, verehrungswürdigster Onkel? Gibt es nicht erfahrenere Männer dafür?“

„Du bist der Einzige, der über die notwendige Kombination aus Loyalität, Sprachkenntnissen und anderen Fähigkeiten verfügt, die du dir nicht zuletzt in der Sondereinheit zur Terrorbekämpfung angeeignet hast. Du hast eine besondere Ausbildung genossen und kennst die verstrickten Wege der Diplomatie. Aber eben auch die Wege daran vorbei. Und du hast das Wichtigste: mein grenzenloses Vertrauen.“

Jetzt erst ließ der Emir die Schultern seines Neffen los. Sein Blick bohrte sich aber noch tiefer in die schwarzen Augen des jungen Mannes. „Ich will und kann dich nicht zwingen, Raschid. Ich bitte dich als mein Vertrauter und Mitglied unserer Familie. Und im Namen aller friedliebenden Völker dieser Erde!“

Raschid wurde bei den letzten Worten richtig mulmig zumute. Wie konnte er, ein kleiner Beamter des Außenministeriums, der gerade mal Mitte Zwanzig war, solch eine international wichtige Aufgabe übernehmen, die zudem noch offenbar mit der Familienehre zu tun hatte? Mitglied der Herrscherfamilie hin oder her, über seine Kenntnisse verfügten Hunderte andere auch, die mit Sicherheit mehr Erfahrung aufzubieten hatten. Aber er wusste, er konnte auf keinen Fall die Bitte seines Onkels ablehnen. Sie war nichts anderes als ein nett verpackter Befehl. Natürlich konnte er ihn nicht zwingen, aber hatte Raschid eine Wahl? Also nickte er vorsichtig und erwiderte den festen Blick des Emirs.

„Setz dich“, sagte dieser und führte Raschid zu dem mit Goldfäden bestickten Sofa. „Ich werde dir bei einem Glas Tee die Einzelheiten erläutern. Ich denke, ich brauche nicht zu erwähnen, dass unser Gespräch hier absolut vertraulich ist. Niemand, selbst unter Anwendung von Folter, darf von dem, was ich dir nun erzähle, jemals Kenntnis erlangen!“

Raschid schluckte bei dem letzten Satz, bestätigte er doch seine Befürchtungen, dass sich der Auftrag als gefährlich erweisen würde. Er setzte sich aber ergeben auf das Sofa und rieb seine feuchten Hände an seiner Kandura. In der Aufregung hatte er ganz vergessen, dass das Recht, sich als erster zu setzen auch hier unter vier Augen allein dem Emir gebührte.

„Wir werden gleich noch einen weiteren Mann hinzubitten, der uns mit neuesten Informationen versorgt“, begann der Emir geheimnisvoll, ungeachtet des Fauxpas‘ Raschids. „Er braucht aber nicht die Vorgeschichte zu hören, die ich dir zunächst erzählen möchte. Vor langer Zeit – ich hatte es eben schon erwähnt – verfügten unsere Väter schon über bescheidenen Reichtum. Nicht unbedingt Bargeld und gefüllte Konten, wohl aber über Gold und Edelsteine aus altem Familienbesitz. Aber, wie das eben nun mal so ist, gibt es auch immer Neider. Kriminelle, die das Eigentum anderer nicht respektieren. Und so sind, trotz der für die verschiedenen Zeitalter höchstmöglichen Sicherheitsmaßnahmen, immer wieder Überfälle verübt, Schätze gestohlen und geraubt worden. Menschen haben für die Vereitelung dieser Verbrechen ihr Leben riskiert und teilweise verloren, häufig wurden auch die Diebe ausfindig gemacht und ihrer gerechten Strafe zugeführt. Heute verfügen wir über Technologien und Möglichkeiten, solche Überfälle zu verhindern oder aufzuklären, in der Vergangenheit war dies leider nicht in diesem Maße möglich. Unterm Strich waren die meisten Verluste durch solche Verbrechen verkraftbar, dennoch ist jeder Angriff auf das Eigentum immer wieder wie ein Dolchstoß in die Magengrube.“

Der Emir machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck Tee. Raschid griff auch nach seinem Glas. Er fragte sich immer mehr, worauf dieses Gespräch hinauslief. War etwa jemand in den Palast eingebrochen? War etwas Wertvolles gestohlen worden?

„Die meisten der gestohlenen Schätze“, fuhr der Scheich fort, „tauchen nicht wieder auf. Sie gelangen auf dunklen Wegen zu privaten Sammlern, die dann einmal die Woche einen Tresor aufschließen, um sich heimlich an ihrem teilweise unrechtmäßig angeeigneten Reichtum zu erfreuen.“

Plötzlich hob der Emir den Finger und seine Stimme wurde lauter.

„Nun aber ist tatsächlich eine Spur aufgetaucht, die offenbar zu einem unserer wertvollsten Familienschätze zu führen scheint. Edelsteine, die vor fast hundert Jahren bei einem Raubüberfall erbeutet wurden. Ein uns wohl gesonnener Informant hat sich gemeldet und davon berichtet. Allah sei gepriesen!“

Raschids Neugier verdrängte seine Bedenken und er rückte unbewusst etwas näher zu seinem Onkel heran, näher als es ihm seine Stellung erlaubte.

„Aber woher kannst du wissen“, fragte der junge Araber, „dass es genau diese Steine aus unserem Familienbesitz sind? Nach so vielen Jahren. Sind sie besonders groß oder anderweitig unverwechselbar?“

„In der Tat, Raschid, das sind sie. Nicht groß, auch eher unscheinbar, für einen Laien auch nicht wirklich attraktiv. Es ist mehr die Fähigkeit, die sie besitzen, die sie einzigartig machen.“

Raschids Augen wurden größer.

„Ja“, betonte sein Onkel, dem das aufflackernde Interesse seines Neffen nicht entgangen war. „Diese Steine sind etwas Besonderes. Es heißt, sie haben magische Kräfte, man kann mit ihnen einen Blick in die Vergangenheit werfen.“

„Du willst mir sagen, irgendwelche Legenden unserer Großväter behaupten, diese Steine erlauben einen Blick zurück?“ Raschids Begeisterung war von einem auf den anderen Moment verschwunden. „Entschuldige, Onkel, Verehrungswürdigster. Bei allem Respekt, aber glaubst du diesen Geschichten etwa?“

Der Emir nickte gütig und lächelte.

„Ich habe die Geschichten unserer Väter gehört und keinen Dirham darauf gegeben, glaub mir. Aber andere, intelligente und in unserer Zeit lebende Männer scheinen es zu glauben. Und mehr noch, es scheint jetzt sogar Beweise zu geben. Unser Informant sitzt in einem französischen Gefängnis und hat zufällig von den magischen Steinen gehört. Heimlich hat er einige Gespräche mitgehört und sich an uns gewandt. Wir haben ihm finanzielle Hilfe und die Unterstützung für eine vorzeitige Haftentlassung angeboten und er hat uns konkretere Hinweise geliefert. Der ehemalige französische Geheimdienstchef, sowie ein führendes Mitglied der russischen Mafia wissen offenbar um die Macht der Steine, wo sie sich befinden und wollen sie in Besitz nehmen. Das müssen wir aus zwei Gründen verhindern. Erstens gehören sie unserer Familie und sollten in unseren Besitz zurückkehren. Zweitens dürfen sie auf keinen Fall einer Verbrecherorganisation in die Hände fallen. Stell dir nur vor, was sie damit anrichten könnten, wenn die Legenden wirklich wahr sind. Sie würden eine Macht darstellen, die, bei Allah, nicht missbraucht werden darf.“

„Und was soll jetzt meine Aufgabe dabei sein, verehrungswürdigster Onkel?“ Raschid hatte immer noch Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser unglaublichen Geschichte und die Vorstellung mit der Mafia zu tun haben zu können, behagte ihm gar nicht. „Wenn es darum geht, die Steine zu stehlen, bin ich bestimmt der Falsche. Und wenn die Geschichten wahr sind, werden wir sie auch nicht für einen akzeptablen Preis zurückkaufen können.“

„Ich sehe, du denkst schon weiter und beschäftigst dich bereits mit einer Lösung. Und genau darum sollst auch du dich der Sache annehmen, die Steine in den Besitz unserer Familie zurückzuholen. Koste es, was es wolle. Ich vertraue dir, weil ich glaube, dass du nicht schwach wirst, wie es vielleicht ein anderer werden könnte, wenn er erst einmal die Steine und deren Macht in Händen hält.“

Raschid schloss die Augen, als wollte er sich die Sache noch überlegen. In Wahrheit war die Entscheidung aber längst gefallen. Sein Onkel hatte sie getroffen und nun musste Raschid irgendwie versuchen, diese Aufgabe zu meistern. Als ob das so einfach wäre. Vor seinem geistigen Auge sah er sich bereits in den Händen der russischen Mafia, die bekannterweise nicht gerade zimperlich mit ihren Widersachern umgeht. Vielleicht aber hatte er ja die Chance, die Steine zu finden, bevor es die Russen taten. Er musste nur schnell handeln.

Die Tastentöne des Mobiltelefons seines Onkels rissen ihn aus seinen Gedanken.

„Kommen sie hoch, Achmed“, sprach der Emir in das Handy und rief damit den angekündigten Besucher herbei.

Nur wenige Minuten später klopfte es an der Türe zu den Büroräumen, an der es keine Klingel gab. Seine Hoheit, der Scheich öffnete persönlich seinem Gast die Türe und führte ihn zu dem Raum, in dem Raschid immer noch gedankenverloren auf dem Sofa saß und seine nächsten Schritte überdachte.

„As-salaam alaykum!“, begrüßte der Neuankömmling Raschid, der ihm schon einmal im Ministerium begegnet war, aber nicht wusste, welches Amt er bekleidete.

„Wa-alaykum as-salaam!“ antwortete Raschid und reichte dem Mann die Hand.

Der Emir stellte die beiden Männer gegenseitig vor, wodurch Raschid erfuhr, dass sein Gegenüber ein leitender Mitarbeiter des Geheimdienstes der arabischen Emirate war. Das Staatsoberhaupt setzte sich und gebot seinen beiden Gästen, es ihm gleich zu tun.

„Bitte, Achmed“, forderte er den hoheitlichen Spion auf, „erzählen sie uns, was sie in Erfahrung bringen konnten und ob wir genug wissen, um handeln zu können!“

„Jawohl, eure Hoheit“, begann der kleine rundliche Emirati, der trotz des angenehmen Raumklimas unter seiner Kufiya schwitzte. Sein Blick schweifte unsicher in Richtung Raschid und dann zum Emir zurück, als wollte er sich vergewissern, dass er frei sprechen konnte. Das entspannte Zurücklehnen und ein kurzes Nicken seines Herrschers gab ihm die Sicherheit seinen Bericht zu beginnen.