Gangolf der Große - Joachim Drießler - E-Book

Gangolf der Große E-Book

Joachim Drießler

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Beschreibung

Erzählt wird, natürlich in rein fiktiver Form, von einem Arbeitstag eines geschäftsleitenden Beamten bei einer, natürlich rein fiktiven, Ermittlungs- und Vollstreckungsbehörde im äußersten Südwesten unserer Republik.

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Das Werk

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

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Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Das Werk

Vorliegende märchenhafte Erzählung kündet vom gelungenen Miteinander diversester Personen in einer fiktiven Behörde.

Die kleinen dramatischen Ereignisse spielen in einem Land der Phantasie, und zwar in Sylvanien, von dem jeder Mensch mit gediegener Halbbildung weiß, dass es nur in der möglicherweise kranken Vorstellungskraft des Verfassers zu existieren in der Lage ist.

Ähnlichkeiten mit den noch lebenden und im Büchlein beschriebenen Figuren sowie mit tatsächlichen Geschehnissen wären rein zufällig und werden so verzerrt wiedergegeben, dass irgendwelche Unterlassungs- bzw. Rufschädigungsklagen keinerlei Aussicht auf irgendeinen Erfolg haben, zumal der Verfasser auf Wunsch jederzeit ein psychiatrisches Gutachten vorlegen kann, aus dem sich absolute Schuldunfähigkeit gewissermaßen mühelos ablesen lässt.

1.

Der Wecker schrillte und er erwachte langsam. Auf der Zunge spürte er den herben Geschmack, den der Genuss von erheblichen Mengen heimatlichen Bieres herbeizuführen vermag.

Obwohl er diesen Zustand jeden Morgen genießen durfte, hatte er sich noch immer nicht an ihn gewöhnt. So kämpfte er wie jeden Morgen gegen die morgendliche Übelkeit, die sich weiter verstärkte, als er unglückseligerweise die Umrisse seiner Frau, die neben ihm lag, wahrzunehmen begann.

Tapfer öffnete er seine Augen und überließ sich jenem Anblick, der ihn jeden Morgen aufs Neue erschütterte.

Sie hieß nicht nur Gertrude, sondern sah auch genauso aus. Im Augenblick wirkte sie besonders trostlos. Mit weit geöffnetem Mund schnarchte sie vor sich hin und aus ihrem Rachen wehte der Wind des Verderbens, der sogar Gangolfs Ausdünstungen gänzlich überdeckte.

Eine neue Welle der Übelkeit schüttelte ihn und zum Ausgleich stieß er seinen rechten Ellbogen in Gertrudes gut gepolsterten Rippen, was Gangolfs freundlich gedachte Aufforderung, nunmehr aufzuwachen, aufzustehen und sich zur Bereitung des Frühstücks in die Küche zu trollen, darstellen sollte.

Gertrude schrak aus tiefem friedfertigem Schlummer und mit einem jahrzehntelang trainierten Reflex schlug ihre linke Faust, die man als Tribut an die Ehrlichkeit besser als Riesenpranke bezeichnen sollte, in Richtung dessen, was mit etwas gutem Willen durchaus als Gangolfs Kopf beschrieben werden könnte.

Gangolf schien diese Reaktion aber antizipiert zu haben, denn mit einer Behändigkeit, die ansonsten nur beim Bier trinken an ihm wahrzunehmen war, sprang er aus dem Doppelbett und die Riesenhand schlug mit Getöse im leeren Kopfkissen ein.

Gangolf ging es sofort glänzend. Im internen Schlagabtausch im jahrzehntelangen Ehekrieg war er an diesem Tag mit einem überraschenden 1:0 in Führung gegangen.

Mit graziler Anmut bewegte er sich in Richtung Badezimmer, öffnete den Rollladen und stellte sich furchtlos vor den Spiegel.

Der Anblick, der hier geboten wurde, war nur etwas für Männer ohne Nerven.

Der dicke Kopf, bedeckt mit Relikten, die mit viel Phantasie als Haare identifiziert werden konnten, schielende, blutunterlaufene Augen, die ihre Funktion nur noch mit Hilfe von Ferngläsern aufrechtzuerhalten vermochten und ein Teint, der in seiner ungesunden Blässe unwillkürlich den Gedanken an eine schon lang abgelagerte Wasserleiche aufkommen ließ, hätte in jeder Geisterbahn auch den abgefeimtesten Besuchern zum erwünschten Gruselkick verholfen.

Gangolf aber war hartgesotten, eine etwas arg kurz geratene deutsche Eiche, ein sylvanischer Beamter eben. Nachdem er seine Morgentoilette beendet hatte, setzte er seine gewichtige Brille auf und bewunderte seinen Körper. Der kaum vorhandene Hals störte ihn nicht, da er diesen dann auch nicht zu waschen brauchte. Sein Blick glitt herab zu seinem massiven Bierbauch, der ihm den Anblick seiner Füße nicht mehr gestattete und den er in geselliger Runde gern als Massengrab für alles Ess- und Trinkbare bezeichnete und womit er den Nagel sicher auf den Kopf getroffen hatte.

Das zutreffende Gefühl, absolut einmalig zu sein, beschlich ihn jeden Tag aufs Neue und war durchaus berechtigt.

Da wurde seinen heiter friedvollen Gedanken ein jähes Ende bereitet.

Gertrude hatte sich unbemerkt und heimtückisch von hinten an ihn herangeschlichen und ihre Faust war zum 1:1 Ausgleich auf seinem Hinterkopf eingeschlagen.

Gangolf ging ob der Wucht des erlittenen Hiebes sofort in die Knie und ihm wurde schwarz vor den Augen.

Dieses Gefühl war ihm nicht ganz unbekannt und auch die Wut, die explosionsartig in ihm hochschoss, kam ihm irgendwie vertraut vor.

Er hätte so gerne zurückgeschlagen, aber Gertrude, die mit einem überlegen wirkenden Lächeln vor ihm stand, war ein zu starker Gegner. Um ihre imposante Brünhildgestalt mit einiger Aussicht auf Erfolg und eigenes Überleben niederringen zu können, hätte es einer Panzerfaust bedurft. Eine solche befand sich zu seinem großen Bedauern nicht in unmittelbarer Reichweite.

So knirschte er nur mit den wenigen ihm verbliebenen Zähnen, fischte die Zahnprothese aus ihrer nächtlichen Deponie und schlurfte in die Küche, um nun das Frühstück in eigener Regie zuzubereiten.

Auf dem Weg dorthin erregte der Pudel seiner ungeliebten Ehefrau, den er ebenso hasste wie diese, seine Aufmerksamkeit.

Und da er gelesen hatte, dass aufgestaute, nicht abreagierte Frustrationen unweigerlich zu schweren Erkrankungen führen, versetzte er dem arglosen Pudel Adolf einen befreienden Tritt und betrat nunmehr fröhlich gestimmt das Wohnzimmer, um dort die am Vorabend zur Strecke gebrachten Bierflaschen zu inspizieren. Er zählte 12 Flaschen und war sehr zufrieden mit seinem gezeigten Leistungsvermögen.

Danach betrat er die Küche, in der sich bereits Tochter Gundi im wahrsten Sinne des Wortes breitgemacht hatte. Sie war sein ganzer Stolz und ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber das war ihr noch nicht bewusst und das war auch gut so.

Gundi forderte ihn liebevoll auf, sich zu setzen und servierte ihm Kaffee sowie den gesamten Inhalt des prall gefüllten Kühlschrankes. Misstrauisch geworden ob soviel Aufmerksamkeit, harrte Gangolf der Dinge, die da noch kommen sollten. Und sie kamen.

Kaum waren die ersten vier Brötchen verschlungen und ein Liter Kaffee inhaliert, begann Gundi von den Vorteilen eines eigenen Autos zu schwärmen. Damit könne sie ganz bequem die 500 Meter entfernte Schule erreichen, in der ihr der ehrenvolle Titel „Älteste Abiturientin aller Zeiten“ nicht mehr zu nehmen war, würde für die Mama die Einkäufe erledigen und ihren Lieblingspapa zu jeder Zeit und vor allem in jeder Lage sicher und gefahrlos aus seiner Stammkneipe „Rainers gudd Stubb“ abholen können.

Während Punkt eins und zwei der Argumentation Gangolf nicht so recht zu überzeugen vermochten, leuchtete ihm die Logik des dritten Arguments sofort ein.

Vorsichtig gab er daher zu, dass die ganze Sache durchaus überlegenswert sei, aber aus Gründen der geschlechtlichen Gleichbehandlung auch die liebe Mama, womit er zweifelsfrei Gertrude meinte, am Entscheidungsprozess zu beteiligen wäre.

Im selben Moment rauschte diese in die Küche, wurde umgehend über die Problematik informiert und verkündete, nachdem sie das Für und Wider äußerst sorgfältig abgewogen hatte, ohne Zögern, dass dies auf keinen Fall in Betracht gezogen werden könnte.

Da sie auf eine Begründung verzichtete, wussten Gundi und Gangolf, dass damit die Angelegenheit erledigt und Widerspruch nicht zugelassen war.

Gleich, nachdem das Frühstück beendet war, zwängte Gangolf seinen überdimensionierten Körper in seinen blauen Anzug . Es handelte sich dabei um ein sehr strapazierfähiges Kleidungsstück, da Nessel eben diesen Zweireiher an jedem Arbeitstag in den letzten zwanzig Jahren zu tragen beliebte. Man achtete halt sehr auf Qualität im Hause Nessel.

Nach einem kurzen und wie er glaubte unbemerkten Abstecher in das Wohnzimmer, in dem die Haushaltskasse verwahrt wurde und der er fünfzig Euro entnahm, wollte er mit einem fröhlichen „Servus“ seine Heimstatt verlassen.

Er hatte es auch schon beinahe geschafft. Bevor er jedoch die rettende Haustür erreichen konnte, schob sich Gertrude bedrohlich wie ein weiblicher Sumo-Ringer zwischen ihn und den nahen Fluchtweg.

Mit schnellen routinierten Bewegungen tastete sie ihn ab und filzte den Inhalt sämtlicher Taschen. Mit siegesgewissem Lächeln beschlagnahmte sie dann den sicher geglaubten „Fuffi“ und gab ihm dafür gönnerhaft den täglichen 10 Euro Schein.

Anschließend erteilte sie ihm die üblichen Ermahnungen, unter anderem riet sie ihm, mit dem anvertrauten Geld sparsam umzugehen und ihr noch etwas Schönes aus der Stadt mitzubringen.

Endlich war er entlassen und wurde mit einem freundlich gedachten Fußtritt auf den Weg gebracht.

2.

Gangolf stand nun auf der Straße, die zum Bahnhof führte und schnaubte vor Wut.

Schon wieder hatte er das Nessel-Duell verloren. Knapp zwar, immerhin war er in Führung gegangen, aber den entscheidenden Treffer hatte wie so oft Gertrude gesetzt.

Er hasste seine Frau, dieses Mammut und Supertrampeltier, wie er sie gerne zu bezeichnen pflegte, allerdings nur heimlich und wenn Gertrude weit weit weg war, da er in den sich dann zweifellos ergebenden Kampfhandlungen absolut chancenlos gewesen wäre.

So ging er mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach, als er zum Bahnhof trabte.

Er schmiedete Mordpläne.

Heimlich würde er die hohe Kunst der Selbstverteidigung erlernen. Und eines Tages, Gundi war außer Haus, würde er sie zum Kampfe fordern. Mit stahlharter Faust wollte er sie auseinander nehmen. Schön langsam selbstverständlich. Das Erstaunen in ihrem feisten Gesicht würde in grauenvolles Entsetzen verwandelt, sobald sie seine grenzenlose Überlegenheit anerkennen musste. Vor seinem geistigen Auge fiel sie auf die Knie, umklammerte seine Beine und winselte lang anhaltend um Gnade. Sie bot ihm den Inhalt der gesamten Haushaltskasse, wenn er sie nur verschonen würde.

Aber Gangolf, der letzte lebende Samurai, schüttelte nur angewidert sein weises Haupt und vollendete dann das blutige Werk.

Die Überreste wollte er zu Hundefutter verarbeiten. Gundi und den neugierigen Nachbarn würde er erzählen, dass Gertrude übergeschnappt und spurlos verschwunden sei.

Der Lärm des herannahenden Zuges riss ihn aus seinen Blütenträumen und so betrat er heiter und gelöst das Abteil.

Dort hing er weiter seinem großen Traum nach.

Das dolce vita könnte beginnen.

Sobald Gertrude aus dem Weg geräumt war, konnte er sich getreu dem Vorbild des sylvanischen Landesvaters Osram Lacoste in den sündhaftesten Rotlichtbars vergnügen.

Alles, was das teutonische Männerherz begehrte, würde er sich gönnen. Das Leben könnte so schön sein. Wäre er doch nur Ministerpräsident oder zumindest Witwer.

Seufzend verließ er den Zug, der mittlerweile in der Landeshauptstadt Sylbrücken angekommen war und machte sich auf den Fußmarsch in Richtung seiner Dienststelle.

Unterwegs zu seinem kleinen Fürstentum, wie er nicht müde wurde zu betonen, durchquerte er viele Straßen Sylbrückens.

Sein Blick suchte ständig den Anblick ansprechender weiblicher Wesen, auf dass er erfreut werde. An diesem Morgen kreuzte jedoch keine anziehende Eva, die es Wert gewesen wäre ausgezogen zu werden, seine Pfade.

Entsprechend missgestimmt stand er schließlich vor seinem Dienstgebäude. Dieses war ein überaus hässlicher Zweckbau, der in seiner phantasielosen Funktionalität einem überdimensionierten Katzenklo erschreckend ähnlich sah. Der geniale Komponist des späteren Welthits „Katzenklo“ muss jenes Gebäude vor Augen gehabt haben, als er sein Jahrhundertwerk schuf.

Die Schachtel, quadratisch, unpraktisch und unschön wie eine Magenschleimhautentzündung, war direkt an der Autobahn gebaut worden, die ihrerseits in unmittelbarer heimeliger Nähe zum idyllischen Fluss Syl verlief, der dem Land und der Stadt zu den Anfangsbuchstaben ihrer Namen verhalf. Die Syl hatte leider zuweilen die unangenehme Eigenschaft auf das Adjektiv idyllisch zu verzichten und hochwasserführend über die Ufer zu treten.

Dies war den Erbauern der Schachtel natürlich zur Gänze unbekannt, da anständige Flüsse solch ein Verhalten nie und nimmer in Erwägung ziehen.

So waren alle bitter enttäuscht, als die Syl die Maske fallen ließ und ihr wahres Gesicht zeigte. Sie überschwemmte nicht nur die Stadtautobahn, die seither im Volksmund als Nebenfluss der Syl mit 13 Buchstaben zu landesweiter Popularität gelangte, sondern auch Keller und Erdgeschoss des Katzenklos.

Die einzig wahren Epigonen der Erbauer der Pyramiden hatten wirklich alles getan, um die Monotonie des tristen Büroalltags mit lebhaften Hochwassereinsätzen und Leerpumpaktionen aufzulockern und den bürokratischen Dienstabläufen die so oft vermisste Würze zu verleihen.

3.

Gangolf betrat mit hoheitsvoll wirkender Miene die Schleuse, die der Absicherung des Gebäudes vor hinterhältigen Attentatsversuchen diente.

Er beantwortete den mürrischen Willkommensgruß des Wachtmeisters, der von einer eigens für ihn errichteten Zelle, genannt Pforte, die Eingangstüren bediente, mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken seines Hauptes, das schief fast auf den Schultern ruhte.

Diese für ihn charakteristische Kopfhaltung hatte er sich im Laufe der Jahre mühsam angeeignet, nachdem er gelesen hatte, auch Alexander der Große habe diese einzunehmen beliebt.

Jener war sein Vorbild und diesem wollte er auch äußerlich immer ähnlicher werden.

Nun wird es an der Zeit, seinen bisherigen Werdegang zumindest holzschnittartig wiederzugeben.

Er war ein Einzelkind. Seine Eltern wussten in jenen Jahren noch nichts über die Vorzüge der Empfängnisverhütung, hätten sich im Nachhinein allerdings für eine rechtzeitige Aufklärung überschwänglich bedankt.

Gangolf entwickelte bereits in jungen Jahren einen eisernen Willen, der sich vor allem im Verputzen der gehorteten Lebensmittelvorräte Bahn brach.

Nach dem Weltkrieg, den Optimisten als den letzten bezeichnen, absolvierte er eine Ausbildung in der Rechtsanwaltskanzlei Braun & Braun. Seine Lehrherren Braun und Braun, die sich schon in den letzten und erstaunlich schnell vergangenen 1000 Jahren als echte Bewahrer teutonischen Brauchtums bewährt hatten, übten unverdrossen mit Gangolf die alten Grundtugenden Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin und Gehorsam.

Vor allem Letzteres trainierten sie dermaßen gründlich mit ihrem Lehrbuben, Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre, dass Gangolf aufgrund einer sich beinahe zwangsläufig ergebenden Wirbelsäulenverkrümmung seinen affenartig wirkenden Gang sich abzugewöhnen nun nicht mehr in der Lage war.

Nach Beendigung seiner Lehre ergab sich die Gelegenheit, Zuflucht im Staatsdienst zu finden. Dort machte er als erste männliche Tippse schnell Furore.

Da er seinem damaligen Herrn und Meister jeden Wunsch von den Augen ablas und sich durch wertvolle Dienste als Kaffeekocher und Brötchenholer auszeichnete, empfahl dieser ihm, sich weiterzuqualifizieren und die Beamtenlaufbahn einzuschlagen.

So absolvierte er dann zuerst die Ausbildung im mittleren Justizdienst.

Dort erwies er sich als fleißig und anpassungsfähig und da er darüber hinaus darauf verzichtete, eine eigene Meinung kundzutun, war er bei seinen Vorgesetzten beliebt und wurde für den Aufstieg in den gehobenen Dienst vorgesehen.

In dieser Laufbahn kreuzten seine Pfade zum ersten Mal die seines Mitstudenten Ferdi Kanne.

Jener war ein untersetzter kerniger Bauernsohn aus Santa Wöndel, bei dem sofort eines ins Auge stach und dies war eine riesige sichelförmige Nase.

Den Freuden unseres Daseins bereits in jungen Jahren sehr zugetan, breitete er seine Fittiche über den lernbegierigen Gangolf und weihte ihn in die Mysterien derTrinkkunst ein.

Gangolf erwies sich als überaus talentierter Schüler und überflügelte seinen Lehrmeister im Laufe der Zeit. Dieser unterwies ihn jedoch, immer neidischer werdend, nicht mehr in der Meisterschaft der Betörung schöner Maiden.

So führte er ein unbeflecktes, aber glückliches Junggesellendasein, als er Gertrude in die Hände fiel.

Wie so oft hatte er mit Ferdi zahllose in Sylbrücken gelegene Destillen heimgesucht und anschließend den Weg zum Bahnhof gesucht und dank göttlicher Hilfe auch gefunden.

Er bestieg den Zug in Richtung Nahwalden, wo er die elterliche Schlafstatt aufzusuchen gedachte, während Ferdi auf dem Bahnsteig vergeblich versuchte, sich in Erinnerung zu bringen, wie der Ort hieß, von dem er am Morgen voller Zuversicht aufgebrochen war.

Gangolf überlies den Saufkumpan einem ungewissen Schicksal, setzte sich in ein Abteil und schlief sofort ein.

Als er wach wurde, fiel sein Blick auf ein Wesen, das allem Anschein nach ein weibliches war.

Gangolf, der bereits zu jenem Zeitpunkt an einem noch nicht entdeckten Augenleiden laborierte, fand jene holde Maid gar wunderschön. Besonders faszinierte ihn ein watzmannähnlicher Vorbau, der seine kranken Augen geradezu magisch anzog.

Nachdem Gertrude sein Interesse, das er durch weit geöffneten Mund und heftiges Hecheln dokumentierte, wahrnahm, war sie zuerst sehr verwundert, da noch kein männliches Etwas jemals in dieser Art auf ihre robuste Körperlichkeit reagiert hatte.

Sie erkannte dann aber ihre einmalige Chance und war fest entschlossen diese zu nutzen.

Instinktiv zauberte sie ein Lächeln in ihr feistes Gesicht und fragte ihn nach Namen und Herkunft.

Dies war Gangolf entfallen, was mit den erheblichen Alkoholmengen und der verständlichen Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte, hinreichend entschuldigt werden kann und so übergab er ihr der Einfachheit halber mit roten Wangen und blutunterlaufenen Augen seinen Personalausweis.

Ein solch amtliches Dokument sagt mehr als tausend Worte und ein Beamter im Aufstieg war sich dessen in jeder Situation bewusst. Gertrude wies nun darauf hin, dass die Endstation erreicht war, eine nahezu prophetisch zu nennende Formulierung, der Gangolf zu seinem späteren großen Leidwesen allerdings keinerlei Bedeutung beimaß, hakte den Widerstandsunfähigen ein und führte ihn ab.

Eine auf einer Bahnhofsbank in tiefsten Schlummer gefallene Gestalt ähnelte ganz gewaltig Ferdi Kanne.

Langsam kam ihm die Erkenntnis, dass er wieder in der Landeshauptstadt gelandet sein musste. Er hatte also seinen Heimathafen verfehlt und war wieder zurück verfrachtet worden. Gertrude verbrachte ihr zukünftiges Opfer in ihre Wohnung, legte sich zu ihm ins Bett und behauptete am nächsten Morgen schamlos, er habe sie verführt.

Dies nahm Gangolf mehr staunend als ungläubig zur Kenntnis, zog als treuteutonischer Jüngling allerdings die Konsequenzen und heiratete seine Gertrude.

Im Laufe der Jahre stieg er die Beamtentrittleiter immer höher hinauf, verdiente mehr Geld und war schließlich in die Lage versetzt, sich zuerst ein Haus und dann eine Tochter leisten zu können.

Nachdem er bei den unterschiedlichsten Gerichten in den unterschiedlichsten Positionen zu dienen bereit war, wurde ihm als Krönung seines unvergleichlichen Aufstieges die Geschäftsleitung der Ermittlungsbehörde übertragen.