Gänsehals und Putenbrust - Jürgen Böckler - E-Book

Gänsehals und Putenbrust E-Book

Jürgen Böckler

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Tag wie jeder andere? Manchmal sollte man morgens einfach nicht aufstehen. Was kann an einem ganz normalen Arbeitstag schon passieren? Eine ganze Menge. Geschichte eines nicht ganz normalen Arbeitsalltag auf der letzten Zeche im Ruhrpott.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gänsehals und Putenbrust

Geschichten von auffe Zeche

Jürgen Böckler

© 2021 Jürgen Böckler

ISBN Softcover: 978-3-347-27800-4

ISBN Hardcover: 978-3-347-27801-1

ISBN E-Book: 978-3-347-27802-8

ISBN Großschrift: 978-3-347-55204-3

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Urlaub in der Karibik

Der Auftrag

Malapropismus

Kinderzimmer

Gänsehals und Putenbrust

Psychologie

Schlosser mit Zylinder

Für den Rest des Lebens

Steiger Zweier

Moorleiche

Splitter durch Finger

Schokolade aus der Hose

Unter Wasser

Stutenkerl

Klappe

Glossar

Urlaub in der Karibik

Sand, so weit das Auge reicht, fast so weiß wie Schnee. Das habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Ein sanfter Wind weht kleine Wellen an den menschenleeren Strand. Ich sitze auf einem Stuhl aus Holz. Meine Füße liegen auf einem kleinen Hocker, der ebenfalls aus Holz ist. Trotzdem sitze ich angenehm weich und gemütlich. Wenn ich wieder zuhause bin, kaufe ich mir auch solche Möbel für den Garten. Das ist kein Vergleich zu den Plastikmöbeln aus dem Baumarkt. Am Horizont ist ein Segelboot mit weißen Segeln zu sehen. Die Sonne steht kurz über dem Boot und verstärkt das weiß der Segel. Diese blenden fast ein wenig. Vielleicht sollte ich morgen auch einmal segeln gehen. Die Sonne brennt unerbittlich. Aber heiß ist mir nicht. Eine Palme breitet ihre riesigen Blätter aus und spendet mir so Schatten. Ich genieße diese himmlische Ruhe. Ein Kellner kommt mit einem Tablett und bringt mir einen Cocktail mit einem Strohhalm und einem kleinen Schirm.

Heißt es überhaupt noch Kellner? Es ist lange her, dass ich mal in einem Restaurant essen war. Die Berufsbezeichnungen ändern sich ja alle naselang. Seltsam, um was ich mir im Urlaub so alles Gedanken mache. Ein Namensschild am Hemd des Kellners verrät mir, dass er Ezio heißt. Der Cocktail sieht lecker aus. Eine Orangenscheibe steckt auf dem Glas. Ich hatte mir einen Cocktail mit Rum bestellt. Bier kann ich auch zuhause trinken. So lasse ich mir meinen Karibikurlaub gefallen. Das Glas ist angenehm kühl. Sofort bestelle ich mir einen zweiten Cocktail.

Ezio verbeugt sich, nickt freundlich und geht wieder in Richtung Strandbar. Der Rand des Glases wurde in Zucker getaucht und schmeckt süß. Fast schon ein wenig zu süß. Ich freue mich auf den ersten Schluck.

Eine unerträglich laute Musik stört plötzlich diese paradiesische Ruhe. Ich werde Ezio bitten sie leiser zu stellen. Ein wenig verärgert drehe ich mich zu ihm um. Wo ist er denn plötzlich hin? Die Strandbar ist auch nicht mehr da, wo sie noch vor ein paar Minuten stand. Das Meer ist ebenfalls verschwunden. Die Sonne scheint nicht mehr. Alles ist schwarz. Warum ist denn alles auf einmal schwarz?

Unsanft schrecke ich aus meinem Schlaf auf. Scheiße. Nur ein Traum. Die Musik aber ist immer noch da. Wer hört denn mitten in der Nacht so laute Musik? Das kann nur mein Sohn sein. Sein Zimmer ist genau über unserem Schlafzimmer. Der spinnt doch wohl. Ich ziehe mir mein Kopfkissen über die Ohren. Es hilft nicht viel, die Musik scheint immer lauter zu werden. Was stimmt denn mit dem Jungen nicht? Wenn ich nicht so müde wäre, dann würde ich aufstehen und dem Bengel ein paar passende Worte sagen. Der kann gleich beim Frühstück was erleben. Ich presse mein Kopfkissen förmlich gegen meine Ohren. Die Musik wird leiser. Immer leiser, bis ich sie nicht mehr höre. Eine angenehme Müdigkeit umgibt mich. Ich kann das Meer und den Strand wieder sehen. Wo ist denn mein Cocktail?

Ein unsanfter Stoß auf meinen verlängerten Rücken weckt mich ein zweites Mal. Plötzlich ist die unerträglich laute Musik auch wieder da. Ich öffne meine Augen. Der Wecker steht auf zwei Uhr fünfzig und blinkt. Es ist gar nicht die Musik meines Sohnes, die so laut ist. Der Lärm kommt aus meinem Wecker. Eine Stimme neben mir fragt mich ungeduldig:

„Hörst du den Wecker nicht? Wenn du liegen bleiben willst dann bleib liegen. Aber mach um Himmels willen endlich den verdammten Wecker aus.“

Mir kommt es so vor, als hätte ich mich gerade erst hingelegt. Müde taste ich nach dem Wecker und schon beim dritten Versuch treffe ich den Schalter. Wer hat bloß den verdammten Wecker gestellt und wieso soll ich am Sonntag arbeiten gehen? Das ist doch mein einziger freier Tag in der Woche. Habe ich etwas verpasst? Langsam dämmert es mir. Es ist gar kein Wochenende mehr, der Sonntag ist längst vorbei, es ist Montagmorgen. Oder besser gesagt, es ist noch nicht einmal Montagmorgen. Natürlich ist es schon Montagmorgen, aber mir kommt es nicht so vor. Ein viel zu kurzes Wochenende liegt hinter mir.

Ich überlege kurz ob ich nicht doch liegen bleiben soll, aber entscheide mich dann fürs Aufstehen. Oft hatte ich mir überlegt einfach nicht zur Arbeit zu gehen, aber es ist jedes Mal nur bei diesen Überlegungen geblieben. Aufgestanden bin ich immer. So auch heute. Mühsam quäle ich mich aus dem Bett und schnappe mir Hose, Socken und Hemd. Mein Weg führt durch die Küche ins Badezimmer. Im Vorbeigehen betätige ich den Schalter der Kaffeemaschine, die ich am Abend zuvor schon aufgefüllt hatte. Während ich die kurze Treppe herunterlaufe ziehe ich mein Hemd an. Im Badezimmer angekommen mache ich den Wasserhahn an und lasse das Wasser laufen. Wasser läuft nun aus dem Hahn und verschwindet im Abfluss. Dann lasse ich es in meine Hände fließen und schütte es mir ins Gesicht. Das vertreibt die Müdigkeit. Lustlos putze ich meine Zähne. Mein Spiegelbild schau ich mir um diese frühe Uhrzeit erst gar nicht an. Vielleicht sollte ich doch einen kleinen Blick riskieren. Ein müdes Gesicht schaut mich an. Eine Rasur würde sicher nicht schaden. Komischerweise wachsen die Haare im Gesicht wie verrückt, während die auf dem Kopf immer weniger werden. Rasieren kann ich mich auch heute Abend. Unser Hund steht vor der Tür und schaut mich mit seinen traurigen Augen an.

„Willst du in den Garten?“, frage ich ihn, während ich mir die Zähne putze.

Eigentlich eine blöde Frage. Antworten wird er mir bestimmt nicht. Ich spucke die Zahnpasta aus, gurgle kurz mit kaltem Wasser und gehe zur Gartentür. Beim Öffnen quietscht sie. Ein bisschen Öl würde der Tür nicht schaden. Der Hund rennt in den Garten. Wie kann man nur am frühen Morgen schon so fit sein?

Kalte Luft strömt mir entgegen. Ich gehe einen Schritt vor die Tür. Es regnet leicht. Die Dunkelheit hat den Hund verschluckt. Ein schmatzendes Geräusch verrät mir, dass er wieder Wasser aus dem Gartenteich trinkt. Das dreckige Wasser scheint ihm besser zu schmecken als das frische Wasser aus seinem Trinknapf. Ich rufe nach ihm. Das scheint ihn nicht zu interessieren. Mit Hören hat er es nicht so. Er bleibt im Garten verschwunden. Eigentlich wollte ich nie einen Hund haben, aber ich habe mich von der Familie überreden lassen. Du wirst gar nicht merken, dass der Hund da ist. Das haben mir alle versprochen. Wir kümmern uns um alles, haben sie gesagt. Das war die Theorie. Fakt ist, dass ich morgens um kurz vor drei Uhr im Garten stehe, ohne Hose, Socken oder Schuhe und warte auf einen Hund, der sowieso nicht hört.

Der Regen wird stärker. Mir ist kalt. Aus dem Garten kann er nicht heraus, soll der Hund doch bleiben wo er ist. Irgendwann wird er schon reinkommen. Ich gehe wieder ins Haus, direkt in die Küche und schütte mir einen Kaffee ein. Mit der Tasse gehe ich ins Wohnzimmer, lasse mich in den Sessel fallen und lege meine Füße auf den Tisch. Mit geschlossenen Augen trinke ich langsam den noch viel zu heißen Kaffee in kleinen Schlucken. Der Hund kommt herein, legt sich in seinen Korb und reckt sich. Ich darf gleich nicht vergessen die Gartentür wieder zu schließen.

Der Hund gähnt und dreht sich auf den Rücken. Hund müsste man sein, dann könnte man schlafen und müsste nicht zur Arbeit. Auf dem Wohnzimmertisch steht noch eine Schale mit einem einsamen Keks vom Vortag. Leise nehme ich ihn mir und beiße vorsichtig ein Stück von dem viel zu trockenen Keks ab. Nur den Hund nicht wecken, sonst muss ich wieder teilen.

Die Kaffeetasse ist viel zu schnell leer. Bevor ich wieder ein-schlafe stehe ich lieber auf. Immer noch müde, ziehe ich Socken und Hose an. Im Kühlschrank liegen meine Brote. Die habe ich am Abend zuvor gemacht. Morgens Brote schmieren, dazu habe ich keine Lust. Ich packe die Brote in meine Arbeitstasche. Auf dem Küchentisch steht eine Schale mit Obst. Ich nehme eine Banane und einen Apfel und packe beides zu den Broten in meine Tasche. Von der Garderobe nehme ich meine Jacke und ziehe meine Schuhe an. In weniger als zwei Stunden muss ich fertig angezogen am Schacht stehen.

Ich bin Bergmann. Aufsichtshauer in einer maschinen-technischen Abteilung eines Bergwerkes. Meine Arbeitstage verbringe ich mit der Reparatur und Wartung von Maschinen und technischen Einrichtungen unter Tage. Ich habe nie etwas anderes gearbeitet. Selbst meine Lehre habe ich auf einer Zeche gemacht. Seitdem habe ich, mal von meiner Bundeswehrzeit abgesehen, nur unter Tage gearbeitet. Einfach ist die Arbeit selten, aber abwechslungsreich und niemals langweilig. Ich möchte keine andere Arbeit machen, auch wenn ich oft darüber fluche. Meine erste Zeche war nur wenige hundert Meter entfernt. Mittlerweile gibt es nicht mehr viele Bergwerke und schon gar keine in der Nähe. So muss ich jeden Tag einen weiten Weg in Kauf nehmen. Aber ich fahre nicht allein. Ein paar Straßen weiter wohnt mein Kollege Bernd. Bernd arbeitet im gleichen Revier wie ich.

Ich nehme meinen Schlüssel und meine Tasche, schließe die Haustür ab und gehe zu meinem Auto. Leise fährt der Elektroantrieb das Garagentor hoch. Der Motor meines alten Volvos startet nur sehr widerwillig. Der scheint auch etwas dagegen zu haben so früh schon seine Dienste zu verrichten. Eigentlich wollte ich schon lange ein anderes Auto kaufen. Aber solange es noch jeden Morgen anspringt, werde ich auf gar keinen Fall viel Geld für ein neues Fahrzeug ausgeben.

Langsam rollt der Wagen aus der Garage. Irgendetwas habe ich vergessen. Aber was? Die Gartentür, ich habe vergessen die Gartentür zu schließen. Freudig erwartet mich mein Hund, als ich die Haustür wieder öffne. Als Wachhund taugt er gar nichts. Selbst Einbrechern würde er noch helfen die Beute aus dem Haus zu tragen.

„Ich muss nur die Gartentür schließen und bin gleich wieder weg. Du kannst wieder schlafen gehen“, erkläre ich ihm.

Aufmerksam lauscht er meinen Worten. Er dreht sich um und geht wieder ins Wohnzimmer. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mich doch versteht. Aber nur wenn er will. Vielleicht ist er aber auch nur müde.

Nun wird es aber Zeit. Bernd wartet sicher schon. Langsam biege ich in die Straße ein, in der er wohnt und warte vor seinem Haus. Bernd wohnt in einer alten Zechensiedlung. Häuser, die eigens vor hundert Jahren für die Bergleute gebaut wurden, als die Zeche hier errichtet wurde. Meine Eltern und meine Großeltern haben früher auch hier gewohnt. Das Licht im Haus meines Kollegen zeigt mir, dass er zumindest schon wach ist. Es ist das einzige Haus in dem Licht brennt. So wie es aussieht sind wir die einzigen Blöden, die schon wach sind.

Die Haustür öffnet sich. Bernd winkt mir mit einem großen roten Taschentuch zu. Wer hat heutzutage denn noch Stofftaschentücher? Die Tür geht wieder zu. Warte ich eben noch ein bisschen. Endlose Minuten vergehen, bis die Tür sich wieder öffnet. Bernd kommt heraus. Er ist klein und schlank. Tiefe Falten zeichnen sein Gesicht. Seine Haare sind noch grauer als meine. Er hat eine alte abgegriffene Ledertasche in der Hand. Ich starte den Motor. Bernd öffnet die Wagentür und setzt sich auf den Beifahrersitz. Er riecht nach Zigarettenqualm und Rasierwasser.

„Guten Morgen, du hast aber ein schönes rotes Stofftaschentuch“, begrüße ich ihn.

Bernd schaut mich verwundert an.

„Das war ein weißes Taschentuch“, nuschelt er. „Ich hatte Nasenbluten.“

Irgendwie hört sich seine Stimme heute anders an. Aber ich mache mir keine weiteren Gedanken darum, möchte endlich losfahren. Wir sind spät dran. Viel später als gewöhnlich. Aber diese Zeit hole ich auf der Autobahn wieder auf. Fahre ich eben ausnahmsweise heute mal etwas schneller.

Bernd schließt seine Augen. Das frühe Aufstehen bekommt ihm ebenso wenig wie mir. Es gibt Dinge im Leben, an die gewöhnt man sich nie. Zur Autobahn sind es nur ein paar Minuten. Trotzdem muss ich an drei roten Ampeln stehen bleiben, obwohl hier niemand unterwegs ist. Die Autobahnauffahrt liegt vor uns. Ich rolle auf die vierte rote Ampel zu und setze den Blinker. Wieso sind nachts um zwanzig nach drei überhaupt Ampeln an?

„Verdammt.“ Bernd öffnet die Augen. „Wir müssen nochmal zurück fahren. Ich habe etwas Wichtiges vergessen“, bittet er mich.

„Ich leih dir gerne etwas Geld für deinen Kaffee oder ein Brötchen. Aber wir sind spät dran“, erwidere ich.

„Nein.“ Bernd schüttelt den Kopf.

„Das ist es nicht. Wir müssen zurück. Das ist wirklich wichtig.“

Ich wende meinen Wagen vor der Autobahnauffahrt. Um diese Zeit sind auch hier keine anderen Autos unterwegs. Warum ist ihm das nicht erst in ein paar Minuten eingefallen? Dann wäre ich schon auf der Autobahn gewesen und hätte nicht mehr umkehren können. Sicher wird das wieder einer dieser Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre. Ich fahre schneller als erlaubt. Erfahrungsgemäß sind um diese Zeit weder Schulkinder unterwegs, noch hat die Polizei Radarfallen aufgebaut.

Bernd springt aus dem Auto und sprintet ins Haus. Er erinnert mich an unseren Hund, ähnlich ist der vorhin auch in den Garten gerannt. Bei dem Hund sieht es allerdings viel eleganter aus, wenn er rennt. Wenige Minuten später hat Bernd sein wichtiges ´was auch immer geholt´ und steigt wieder ins Auto. Ich werde auf der Autobahn heute viel schneller fahren müssen als gewohnt, will ich die Zeit wieder reinholen. Bernd öffnet seine Arbeitstasche und kramt herum. Er holt eine Schachtel Zigaretten heraus.

„Bernd, du weißt doch, dass in meinem Auto nicht geraucht wird.“

Ich mag es nicht, wenn mein Auto nach Qualm stinkt. Bernd packt die Zigaretten wieder ein. Murmelt etwas, was ich nicht verstehe. Ich frage auch nicht nach. Manchmal denke ich, dass es besser ist alleine zu fahren, aber der Sprit wird immer teurer. Es macht viel aus, wenn man sich die Benzinkosten teilen kann. Außerdem hat man ein bisschen Unterhaltung, zumindest auf der Rückfahrt. Morgens im Auto ist mir noch nicht nach Reden. Aber was Bernd vergessen hat interessiert mich nun schon. Schließlich hatte er nichts bei sich als er wieder ins Auto stieg.

„Ich möchte nicht neugierig sein“, hake ich nach. „Aber was in aller Welt hast du denn vergessen?"

„Meine Zähne“, gibt Bernd kleinlaut zu.

Ich glaube immer mehr, dass es heute ein Tag wird, an dem man besser im Bett geblieben wäre. Zum zweiten Mal stehe ich heute vor der roten Ampel an der Autobahnauffahrt. Bernd hat mittlerweile wieder seine Augen geschlossen. Ich fahre auf die Autobahn. Auch hier sind kaum Autos unterwegs, so dass ich recht zügig fahren kann. Ich schalte das Radio ein. Die Musik war auch schon mal besser. Volksmusik möchte ich mir um diese Zeit nicht anhören. Eigentlich würde ich die auch zu keiner anderen Zeit hören. Die Schlagermusik auf dem anderen Sender ist auch nicht meine Welt. Ich schalte das Radio wieder aus. Die Strecke ist monoton und ich muss aufpassen, dass mir nicht auch die Augen zufallen. Bernd schnarcht leise. Der Tacho pendelt sich auf hundertvierzig ein. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt auf der Autobahn. Früher war hier Baustelle an Baustelle. Mittlerweile ist alles gut ausgebaut.

Von der Abfahrt ist es nicht mehr weit. Wieder muss ich an jeder Ampel warten. Es ist wie verhext. Der riesige Parkplatz des Bergwerks ist so gut wie leer. Die wenigen Autos, die hier stehen, gehören den Kumpeln von der Nachtschicht. Wir steigen aus. Auch hier regnet es. Bernd geht in die Kantine. Er will sich einen Kaffee holen. Ich mache das später am Automaten.

Der Auftrag

Vor mir liegt das mächtige alte Zechenbauwerk. Hier ist alles in einem riesigen Gebäude untergebracht. Die Waschkaue und die Büros der Steiger liegen im Erdgeschoß. Im Untergeschoß sind weitere Büros und im hinteren Teil befinden sich Werkstätten und Lager. Durch die große Glastür gehe ich in das alte Gebäude. In der hohen Eingangshalle ist wieder eine Ausstellung der Sicherheitsabteilung.

»Sicher gehen« steht in großen Buchstaben über einem über-dimensionalen Bergmann aus Pappe, mit offenem Schnürsenkel. Als wenn es nichts wichtigeres gäbe als einem erwachsenen Mann zu zeigen, wie er richtig laufen soll. Bilder und Plakate wechseln sich ab. Es läuft sogar ein Film. Ich schaue kurz zu. Der Film zeigt einen Bergmann, der sich den Schnürsenkel bindet. Was kommt als Nächstes? Wie esse ich meine Stulle, ohne mir auf die Zunge zu beißen? Oder, wie pinkel ich richtig unter Tage? Den Film dazu werde ich mir auf keinen Fall ansehen. Ob sich die Bergleute früher auch über so etwas ärgern mussten? Auf der anderen Seite, die Sicherheit ist ja nicht gerade ein unwichtiges Thema. Später werden Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung wieder gratis Kaffee ausschenken und Gebäck verteilen. Das war bisher bei jeder Ausstellung so. Irgendwie müssen die ja die Bergleute dazu bringen sich die langweilige Ausstellung anzusehen. Eigentlich ist das Gebäck immer der Höhepunkt. Berliner wären diesmal nicht schlecht. Amerikaner sind auch nicht zu verachten. Besser wäre allerdings etwas mit Schokolade. Schokoladendonuts, die gab es schon lange nicht mehr. Nur nichts mit Pudding. Pudding esse ich sehr gerne. Gebäck natürlich auch. Aber beides zusammen mag ich nicht.

Ich gehe weiter und lasse die Ausstellung hinter mir. Die Drehtür der Weißkaue liegt vor mir. Es ist eine uralte schwere Tür mit undurchsichtigen Glasscheiben. Geputzt wurden die Scheiben scheinbar seit langer Zeit nicht mehr. Durch diese Tür sind schon Generationen von Bergleuten gegangen. Ich drücke gegen den Bügel der Drehtür und knarrend setzt sie sich in Bewegung. Vor mir liegt die riesige Weißkaue. Alles ist mit weißen Kacheln gefliest, bis unter die Decke. Wären die Reihen mit den Bänken und den Kauenhaken nicht, so könnte man meinem, man wäre ich einem Schlachthaus, oder einem überdimensionalen Krankenzimmer aus vergangenen Tagen. Während die Gebäude und auch die Fördertürme auf den Zechen immer verschieden aussehen, ist es mit den Waschkauen anders. Die sehen alle fast gleich aus. Viel ist auch hier noch nicht los. Es ist ja auch noch früh. Die große Uhr an der Wand zeigt gerade mal fünf vor vier. Eine gute Stunde habe ich bis zur Seilfahrt noch Zeit.

Ich schließe das Schloss meines Wäschehakens auf, lasse meinen Haken herunter und ziehe mich aus. Aus meiner Arbeitstasche krame ich Socken und Unterwäsche. Ich muss an meinen Vater denken. Er war selbst Bergmann, ebenso wie sein Vater und dessen Vater.

„Junge", hat er früher oft zu mir gesagt. „Suche dir einen ruhigen Beruf, aber werde nie Bergmann. Am besten ist ein Beruf, wo du keinen Arbeitsanzug tragen musst. Wo du am Schreibtisch sitzen kannst und dir die Hände nicht schmutzig machst.“

Ich konnte es mir bisher nicht vorstellen mit Anzug und Krawatte in einem Büro zu sitzen und den ganzen Tag Daten in einen Computer einzugeben. Aufzuspringen und stramm zu stehen, wenn der Chef ruft oder stundenlang in Besprechungen mit irgendwelchen anderen Anzugträgern zu sitzen. Bergmann zu sein ist nicht verkehrt. Es ist ein ordentlicher Beruf, wenn auch ohne Zukunft. Irgendwann wird es keine Zeche mehr geben. Kaum vorzustellen. Solange ich mich erinnern kann habe ich immer irgendwo ein Schachtgerüst gesehen. Förderräder, die sich gedreht haben und ein Förderseil, das sich bewegt hat. Ich habe als Kind den Bussen hinterher geschaut, in denen die Bergleute zu Arbeit gefahren wurden und nachher wieder zurück. Männer, mit von Kohlenstaub geschwärzten Gesichtern und dreckigen Arbeitsanzügen, standen und saßen in den Bussen. Meine Enkelkinder werden den Bergbau nur noch aus Büchern oder Erzählungen kennen. Oder dem Internet, was wahrscheinlicher ist. Ich werde versuchen, dass ich wenigstens mit meinen Jungs noch eine Grubenfahrt mache, bevor alles Geschichte ist.

Ich verlasse die Weißkaue und gehe durch einen langen schmalen Gang in die Schwarzkaue. Auch hier ist, wie in der Weißkaue, alles mit weißen Kacheln gefliest. Nur ist es hier viel schmutziger. Der ganze Dreck vom Wochenende liegt noch auf dem Boden. Kaffebecher, Staubmasken und alte Zeitungen werden einfach fallen gelassen. Die Arbeit im Bergbau war früher härter und gefährlicher, aber dass die Kauen damals so dreckig waren glaube ich nicht. So etwas gibt es bei den Anzugträgern in ihren feinen Büros sicher nicht. Die Luft ist stickig und warm. Ich steuere auf meinen Wäschehaken zu.

Mein Kumpel Marek sitzt in Unterwäsche auf der Bank. Er hat den Inhalt seines Wäschesacks auf dem Boden verteilt und sortiert eifrig seine Wäsche.

„Junge“, ruft er mir von weitem lautstark zu.

Genau wie mein Vater es früher auch gemacht hat. Nur hat der nicht so gebrüllt. Marek ist ein herzensguter Mensch, wenn auch mit einer großen Klappe. Einer lauten großen Klappe. Marek ist auch Aufsichtshauer. Er macht sich einen Riesenspaß daraus andere auf den Arm zu nehmen.

„Glückauf Junge, ich frag mich echt was die Kauenwärter hier morgens so treiben. Sicher trinken die nur Eier und spielen sich am Kaffee rum“, ruft er so laut, dass es auch in der hintersten Ecke der Kaue noch zu hören ist.