Gänsekrieg - Cornelia Mörbel - E-Book

Gänsekrieg E-Book

Cornelia Mörbel

4,9

  • Herausgeber: Silberburg
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Die Backnanger Frauen begehren auf. Ein historischer Roman nach einer wahren Begebenheit. Im Jahr 1603 scheint in Backnang die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch hinter den Mauern der Stadt brodelt es gewaltig. Es herrscht Krieg, Gänsekrieg. Der Vogt und die Ratsherren der Stadt verbieten die Haltung von Gänsen. Denn das Federvieh, das vor den Gärten der Gutbetuchten nicht Halt macht, ist zum Ärgernis geworden. Das wollen die Backnanger Frauen nicht auf sich sitzen lassen - denn die Gänse sind ein entscheidender Faktor in ihrem täglichen Lebensunterhalt. Die junge Hebamme Margaretha, die durch ihren Beruf in vielen Haushalten Zutritt hat und dadurch viele Mitstreiterinnen findet, wendet sich an den Herzog von Württemberg, als der wegen des geplanten Schlossbaus in der Stadt weilt. Wird er die Bitte der streitbaren Frauen aus Backnang erhören? Gleichzeitig häufen sich rätselhafte Todesfälle. Margaretha vermutet mehr dahinter und begibt sich auf Spurensuche ...

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Seitenzahl: 341

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Beliebtheit




Cornelia Mörbel

Gänsekrieg

Historischer Roman

Cornelia Mörbel, Jahrgang 1969, ist in der Pfalz aufgewachsen. Als sie vor vielen Jahren, frisch nach Backnang umgezogen, an einer historischen Stadtführung teilnahm, wurde ihr Interesse an den geschichtlichen Hintergründen der Stadt entfacht. Sie arbeitet in einer Facharztpraxis in Backnang und wohnt mit Ehemann, Sohn und Tochter sowie zwei Katzen vor Ort.

© 2012 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.Covergestaltung: Anette Wenzel, Tübingen,unter Verwendung des Gemäldes»Die Gänserupferinnen« von Max Liebermann.Lektorat: Bettina Kimpel, Tübingen.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1510-9E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1511-6Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1184-2

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Hauptpersonen

1. Kapitel

Zwei Bewohner Backnangs hatten in diesem Jahr ihr Leben im Fluss Murr gelassen. Der erste Tote wurde von Kindern, die an der Uferböschung spielten, im feuchten Schlick gefunden. Ein paar dort arbeitende Gerber bargen den Mann. Vermutlich aus Unachtsamkeit und durch einen zu tiefen Blick in sein Glas war er in diese missliche Lage geraten und nicht mehr herausgekommen.

Ratlos schauten sich die Gerber an. Gleichwohl fiel dem alten Wendel Gerber ein, dass der Anatom von Ulm in der Stadt weilte. Schnell schnappten sie sich einen Karren, luden den durchweichten Toten auf und eilten in Richtung Rathaus.

In dem Moment, als der Handkarren mit dem Leichnam passierte, traten der Anatom Gregor Horstius mit seinem Gehilfen Johann Sigismund und der jungen Hebamme Margaretha aus einem Haus auf die Gasse.

»Heda, was habt Ihr da? Bleibt stehen!«, rief Gregor Horstius herrisch.

»Herr, nur ein Trunkenbold, der alte Meister Buck. Wir wollten ihn Euch übergeben«, erklärte der alte Gerber.

»Wie ist er zu Tode gekommen. Ertrunken? Nur dann interessiert er mich!«

»Jawohl, Herr«, antwortete der Gerber ergeben. »Ersoffen ist der arme Kerl!«

»Was ist mit seinen Angehörigen?«, fragte Margaretha Goldtner.

»Hat er nicht, der alte Zecher war allein«, sagte der Gerber.

»Nun, dann überlasst mir den Toten. Wenn niemand Anspruch auf den armen Mann erhebt, werde ich ihn mir ansehen.«

Erleichtert übergaben die Gerber die Leiche. Horstius versprach, den Toten im Anschluss ehrenvoll beerdigen zu lassen und die anfallenden Beerdigungskosten zu übernehmen.

Nur der Karrenmann Simon Franck empörte sich über die Abnahme des Leichnams, als er davon hörte, weil er um seine Arbeit und seinen Lohn gebracht worden war.

Die Gerber verstanden nicht, warum der Anatom ein derartiges Interesse an der Leiche zeigte, denn eigentlich weilte er aus einem anderen Grund in der Stadt. Gregor Horstius war amtlich bestellter Hebammenprüfer. Mindestens einmal im Jahr kam er in die Stadt und kontrollierte deren Arbeit. Er fragte nach der Anzahl der Geburten und Totgeburten, erkundigte sich nach Komplikationen und hatte auch ein Auge auf die Reinlichkeit der Hebammen. So kam der Anatom im ganzen württembergischen Land herum und hatte noch ein kleines Zusatzeinkommen, denn die Hebammen bekamen die Prüfung nicht umsonst.

Der Tod des alten Buck hatte sich in dem kleinen Städtchen schnell herumgesprochen, aber niemand erregte sich besonders darüber. Der Tod war ein düsterer Bekannter. Schnell gingen die Menschen wieder zur Tagesordnung über und kümmerten sich nicht weiter darum.

Man schrieb das Jahr 1605. Die Reformation, in der Württemberg protestantisch geworden war, hatte Backnang einen gewissen Wohlstand gebracht. Das ehemalige Stift war zu großen Teilen in den Besitz der Stadt übergegangen. 1601 war das neue, prächtige Rathaus fertiggestellt worden.

In einer Schleife der Murr gelegen, zog sich die Siedlung hinauf bis zum Burgberg mit Stift und Stiftskirche. Eine Stadtmauer schützte die Bewohner vor Eindringlingen. Vor dieser Mauer, dicht an das Ufer der Murr gedrückt, standen kleine, einstöckige Gerberhäuschen mit ihren Werkstätten. Die Gerber selbst lebten allerdings innerhalb der Stadt, denn die Hochwassergefahr war zu groß. Die Häuser im Zentrum der Stadt, zweistöckig und von den wohlhabenderen Bürgern bewohnt, vermittelten den Eindruck einer Idylle mit angesehener Bürgerschaft. Die schmucken Fachwerkhäuser boten einen hübschen, sauberen Anblick. Die Kirche St. Pancratius diente seit 1603 dem regierenden Herzog Friedrich I. von Württemberg als Stiftskirche. Unweit davon lag der Stiftsbrunnen, der bis zur Murrsohle hinabreichte.

Viele weitere Brunnen der Stadt wurden durch die Murr gespeist. Bei einigen von ihnen, den Pumpbrunnen, musste mühsam mit einem Pumpschwengel das Wasser heraufgepumpt werden. Knechte, Mägde und Kinder wurden geschickt, um das wohltuende Nass heraufzuholen.

Der Fluss diente den Bewohnern Backnangs in mehr als einer Hinsicht. Er war die Lebensgrundlage einer Vielzahl von Familien. Die wenigen Gerber der Stadt nutzten die seichten Flussläufe für ihr Handwerk. Das Gerberviertel lag direkt am Ufer der Murr, wie auch die Bleichwiese für die Tuchmacher und Färber. Die rohen Tierhäute, befreit von Fett und Haaren, wurden hier eingeweicht und gewaschen. In großen Reihen standen hölzerne Stangen im Flussbett, an denen die nassen Häute aufgehängt wurden.

Die Murr bestimmte das Schicksal dieser Menschen, viel zu häufig kam durch sie auf tragische Weise der Tod.

Als die zweite Leiche gefunden wurde, wunderte sich niemand. Das Ereignis war zwar das Ortsgespräch für einen Tag, da es ausgerechnet den Sohn des Karrenmannes Franck getroffen hatte, aber nur die wenigsten interessierte es ernsthaft, da der Junge als »Epilepticus« bekannt war. Der kleine, erst dreijährige Bursche war in der Nachbarschaft beliebt gewesen, er hatte jedem freundlich zugenickt und sich höflich verbeugt. Aber einzig dem Bader, der das Kleinkind ebenfalls kannte, kam dies merkwürdig vor, denn er hatte einmal Reisende aus dem Orient getroffen, die ihre Arme zum Gebet vor dem Brustkorb zusammenführten und den Kopf neigten, wie es der Kleine tat. Er glaubte, dass irgendetwas dem Kind seinen Willen aufdrückte und es zwang, sich wie diese Orientalen zu verbeugen. Ob dies mit seiner Krankheit zusammenhing? War es das Verbeugen, das ihn zu Fall gebracht hatte?, fragte sich der Bader. Es war ihm wohl eine Pfütze zum Verhängnis geworden. Diese kleine Senke am Ufer der Murr hatte gereicht, um den kleinen Jungen umzubringen.

Der zufällig immer noch anwesende Anatom besah sich auch den Jungen. Er hatte von seiner Erkrankung gehört. Deswegen lautete sein Befund: »Ertrinken auf Grund eines krampfartigen Anfalles bei Fallsucht.«

Nach seinem Studium der Medizin an der Universität zu Helmstedt 1597 und Wittenberg im Jahre 1600 hatten ausgiebige Studienreisen Gregor Horstius in die Schweiz und nach Österreich geführt. Auf einer dieser Reisen hatte er den Kaufmann und Heiligenpfleger Jeremias Bäderlin aus Backnang kennengelernt. Bei seinen Besuchen in dieser Stadt kam er gewöhnlich bei ihm unter und war ihm in herzlicher Zuneigung verbunden. Horstius stand kurz vor seiner Promotionsarbeit und nutzte jede noch so außergewöhnliche Gelegenheit, um sich darauf vorzubereiten. Er hatte sich völlig der Anatomie verschrieben. Die Wissenschaft vom Körperbau der Pflanzen, Tiere und Menschen faszinierte ihn. Besonders interessierte er sich für den menschlichen Körper. Sein Ehrgeiz und seine grenzenlose wissenschaftliche Neugier hatten ihn dazu gebracht, Untersuchungen an Leichen durchzuführen.

Aus Respekt vor dem Freund und dessen hippokratischem Eid, der unter anderem besagte: »In welches Haus immer ich eintrete, werde ich zum Nutzen des Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung meine Arbeit tun«, hatte ihm Bäderlin seinen Keller ohne viel Fragerei zur Verfügung gestellt. Der Anatom hielt sich im untersten Geschoss des Hauses so oft wie möglich auf, ohne das gastfreundliche Wesen seines Freundes zu beleidigen oder ihn gar gefährden zu wollen.

Sein Assistent – oder eher Gehilfe – Johann Sigismund diente ihm gewissenhaft. Horstius vermochte nicht mit Bestimmtheit zu sagen, woher er seine Grundkenntnisse in der Heilkunst hatte. Unbezweifelbar hatte er nie eine medizinische Fakultät besucht. Der Anatom nahm an, dass er seine Kenntnisse von einem fahrenden Bader gelernt hatte. Einfache medizinische Behandlungen konnte Johann Sigismund vornehmen, aber von Forschung und Wissenschaft verstand er nichts. Wie Horstius wiederholt überprüft hatte, verspürte Johann keinerlei Drang, Zusammenhänge bei Erkenntnissen in der Heilung von Krankheiten verstehen zu wollen, wenn der Anatom sie ihm erklärte. So war aus Johann lediglich ein Faktotum, ein Gehilfe für alle anfallenden Arbeiten im Dienste des Studierten geworden.

Johann Sigismund stand nun neben Horstius und übernahm mit bloßen Händen das vollständige Entkleiden des stinkenden Toten. Das Leichengift schien weder ihm noch dem Anatomen etwas anzuhaben.

Verstohlen betrachtete Gregor Horstius seinen Gehilfen. Fleißig und gewissenhaft, ja, das war er, aber mit Erschrecken musste sich Gregor eingestehen, wie wenig er ihn kannte, wie wenig er von ihm wusste. Hatte er Familie? Nie hatte er eine Frau oder sogar Kinder erwähnt. Lediglich von seinen alten Eltern aus Wittenberg hatte er früher gesprochen. Lebten sie noch? Der Anatom wusste es nicht. Johann Sigismund war sehr zurückhaltend, was seine eigene Person anging. Es hatte Horstius bisher nicht danach verlangt, weiter nachzuforschen. Merkwürdig, dass er sich gerade jetzt darüber Gedanken machte. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er im Haus seines Freundes war, den er in- und auswendig zu kennen schien, dem er vertraute. Johann Sigismund traute er nicht. Obwohl sie schon mehrere Jahre gemeinsam arbeiteten, war ein ungutes Gefühl in seinem Bauch zurückgeblieben.

Horstius sprach oft davon, eines Tages zu heiraten und eine Familie zu gründen, das war für ihn selbstverständlich. Sobald er einen festen Lehrstuhl und vielleicht sogar seine eigene Praxis hätte, wollte er diese Träume in die Tat umsetzen.

Der Medicus gab sich einen Ruck, um die lästigen Gedanken abzuschütteln, und begann mit der Untersuchung der vor ihm liegenden Leiche. Dabei verlor er jedes Zeitgefühl. Er roch an dem Toten, tastete intensiv Hände, Gliedmaßen und Bauch ab, besah sich die Haare und Nägel. Er wusste, dass er sich auf heißem Pflaster aufhielt. Aber die Volksmeinung, durch das bloße Anfassen einer Leiche könne man sich vergiften, hatte er schnell widerlegt. Als erfahrener und aufgeklärter Anatom wusste er, dass keinerlei Gefahr von ihr ausging, außer, der Tote wäre von einer schweren, tödlichen Krankheit befallen gewesen.

Gregor Horstius glaubte fest daran, dass der Augenblick kommen würde, wo es jedem Menschen gestattet sein würde, auch unter den Augen der Kirche einen Toten zu berühren. Aber er wagte es nicht, dies laut auszusprechen. Sein ganzes Tun musste heimlich geschehen. Und oft arbeitete er bis spät in die Nacht im Haus seines Freundes.

Ein empörtes Murren ging durch die Stadt, als bekannt wurde, dass Simon Franck dem Anatomen erlaubt hatte, seinen Sohn mitzunehmen. Das Gerücht verbreitete sich schnell, der Karrenmann hätte ein großzügiges Geld für den Leichnam seines Sohnes erhalten. Obwohl Franck das entschieden abstritt, blieben Zweifel bei den Backnangern bestehen.

Anna Binder, das bekannte Klatschmaul der Stadt, drückte aus, was viele dachten: »Anständige Bürger begraben ihre Angehörigen selbst und geben ihnen ein ordentliches Begräbnis auf geweihtem Boden. Wer weiß, wo das Kind verscharrt wird!« Empört schimpfte sie weiter: »Ich hätte niemals gedacht, dass Simon Franck seinen Sohn verkauft!«

Gregor Horstius kümmerte sich nicht um das Gerede der Leute. Er wachte über die Hebammen und besprach sich mit der Stadtobrigkeit über das Errichten eines Spitales. In Ulm, wo sein Amtskollege Johannes Schultes praktizierte und lehrte, war die Versorgung der Armen und Kranken schon viel fortgeschrittener. Johannes Schultes förderte die Errichtung entsprechender Einrichtungen. Auch auf die Einhaltung hygienischer Vorschriften achtete er genau.

Immer wieder predigte Horstius den einfachen Bürgern: »Der Eimer mit der Notdurft muss regelmäßig entsorgt werden und darf nicht neben Nahrung abgestellt werden. Wascht eure Hände.« Weiter befahl er: »Bringt eure Abfälle aus dem Haus und kehrt eure Rinnsteine regelmäßig sauber. Dann werdet ihr nicht so oft von Krankheiten befallen.«

Den Leuten leuchteten seine Vorschriften meist nicht ein. Man hatte jahrhundertelang neben dem Dreck gegessen und gelegen, warum sollte man daran etwas ändern? Was immer funktioniert hatte, konnte auch weiter bestehen. Doch der Medicus Gregor Horstius befürwortete die Vorschriften von Johannes Schultes, befolgte sie eisern und gab sie auch in jeder Stadt, die er bereiste, entsprechend weiter.

Margaretha Goldtner war mit ihren einundzwanzig Jahren nett anzusehen, sie hatte feine Gesichtszüge und braune Locken und strahlte eine tatkräftig entschlossene Energie aus. Sie freute sich über das erfolgreiche Abschließen ihrer jährlichen Hebammenprüfung. Diese wurde ihr abverlangt, um ihren geliebten Beruf ausüben zu können. Nach diesem anstrengenden Vormittag ging sie zufrieden nach Hause. Den Nachmittag wollte sie zur Herstellung ihrer verschiedenen Salben nutzen.

Gestern hatte sie sich beim Rotgerber Breuninger eine kleine Schüssel mit Talg geholt. Nun erwärmte sie das zerkleinerte Rinderfettgewebe, bis es geschmolzen war, dann fügte sie zerstoßene Heilkräuter hinzu. Sie verwendete den reinen Talg zudem, um Beleuchtungskörper zu ziehen. Dies geschah durch wiederholtes Eintauchen eines Fadens in die geschmolzene Fettmasse. Einzig der ranzige Geruch, den diese Kerzen verströmten, trübte die Freude an dem warmen, anheimelnden Licht. In der Kirche gab es dann und wann Altarkerzen aus Bienenwachs. Meist wurden diese Kerzen von reichen Bürgern gespendet. Der Pfarrer bewahrte sie für besondere Anlässe auf. An hohen Festtagen wie Ostern und Weihnachten verströmten sie dann einen honigschweren Duft. Aber so etwas konnte sie sich nicht leisten. Ihr und ihrer kleinen Familie mussten die Talgkerzen genügen.

Es kostete Margaretha einen ganzen Nachmittag, bis die Salben und Kerzen fertig waren. Das Abendrot leuchtete schon und sie war sehr müde. Zusammen mit ihrem Mann nahm sie noch ein schnelles Vesper ein, das ihre hübsche Magd Anna-Maria gerichtet hatte. Margaretha brachte ihre Tochter zu Bett, bevor sie selbst todmüde in ihr weiches Daunenbett fiel.

Am frühen Morgen an einem Tag Ende August 1605 kam Anna-Maria, die Magd der Schuhmacherfamilie Goldtner, aufgeregt vom Wasserholen am Brunnen zurück. Eilig lief sie zu Margaretha in die Wohnstube.

»Ich habe den Lehrbub des Zimmermannes Bükling am Brunnen getroffen. Er hat mir erzählt, dass der fahrende Bader aus Heilbronn heute zum Markt kommt. Er sollte ausrichten, dass er eine Bestellung für Euch dabeihabe.«

»Ach, heute schon? Das ist ja wunderbar!«, erwiderte Margaretha. »Bitte geh und weck Barbara, ich möchte sie mit zum Markt nehmen.«

Geschwind lief Anna-Maria ein Stockwerk nach oben in das Zimmer, in dem die vierjährige Tochter des Hauses schlief. Sanft rüttelte sie das Mädchen wach.

»Zieh dich an!«, forderte Anna-Maria die Kleine auf.

»Wieso so früh?«, fragte das Mädchen und gähnte ausgiebig.

»Deine Mutter wird dich zum Marktplatz mitnehmen, der Bader kommt in die Stadt und er hat etwas für sie dabei. Es scheint ihr wichtig zu sein«, antwortete Anna-Maria.

In der Stube begrüßte Margaretha ihre Tochter mit einem liebevollen Kuss. Dann nahm sie eine Holzschüssel vom Regal über dem Ofen und füllte eine Kelle Hafergrütze hinein.

»Hier, Barbara, iss. Der Brei ist noch warm.«

Die Kleine nahm die Schüssel entgegen und fing ohne großen Appetit an zu essen. Sie war ängstlich und aufgeregt, weil sie mit ihrer Mutter so zeitig zum Markt gehen sollte. Es war nicht üblich, dass ihre Mutter sie mitnahm, normalerweise ging sie nur in Begleitung der Magd in die Stadt.

»Muss ich mir vom Bader die Haare schneiden lassen?«, fragte sie.

»Aber nein!« Margaretha strich ihr über die blonden, weichen Locken. »Behalte du noch eine Weile deine Locken und ich behalte mein Geld. Das nächste Mal vielleicht.«

Sie seufzte leise. Ihr kleines Mädchen brauchte nichts von ihren Sorgen zu spüren. Wenn nicht bald ein paar ihrer Patientinnen in Kreuzern bezahlen würden und nicht nur in Naturalien, konnte sie in Kürze keine Rechnung mehr bezahlen. Geschweige denn sich ihren größten heimlichen Wunsch erfüllen.

Von Heinrich Albrecht, dem Bader, hatte sie von einem Buch über Geburtshilfe erfahren. Seitdem er ihr davon erzählt hatte, ging ihr das Buch nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht war heute der große Tag, an dem sich ihr Wunsch erfüllen würde! Jeden Kreuzer, den sie bisher mühselig erübrigen konnte, hatte sie dafür zur Seite gelegt. Doch solange sie nicht sicher war, dass sie sich dieses Buch je leisten konnte, versuchte sie den Gedanken daran, so gut es ging, zu verdrängen.

Margaretha öffnete den schweren Vorratsschrank. In einem kleinen geflochtenen Weidenkorb lagen Eier. Schnell zählte sie nach.

»Ein Dutzend, das reicht nur noch für ein oder zwei Tage.«

Sie nahm sich vor, Anna-Maria mehr auf die Finger zu schauen.

»Wenn ich nicht aufpasse, vergisst sie, im Hof nachzusehen, ob die Hühner und Gänse dort Eier gelegt haben!«

In den großzügig mit Stroh ausgeschütteten Verschlag, Herberge für drei Dutzend Hühner und Gänse, ging die Magd gerne. Es gehörte zu ihren ersten Pflichten am frühen Morgen, die Tiere zu versorgen. Schnell waren die Legestätten nach Eiern abgesucht. Aber im Hof sämtliche Verstecke der Tiere gründlich nach Eiern abzusuchen, gebückt oder auf Knien rutschend, verabscheute Anna-Maria. Sie stand lieber verträumt am warmen Herd.

Margaretha wusste das ganz genau. Dagegen schätzte sie Anna-Marias Kochkünste, denn sie schaffte es, auch aus wenigen Zutaten einen schmackhaften Eintopf zu zaubern. Auch ein einfacher Haferbrei schmeckte bei ihr locker und bekömmlich. Margaretha, die keine hervorragende Köchin war und sich schon manche Kritik anhören musste, überließ ihrer Magd nur zu gerne diese Aufgaben. Auch ihr Mann Veit lobte Anna-Maria. Aus diesem Grund kniff Margaretha ein Auge zu, wenn sie es bei der Versorgung der Tiere an Sorgfalt fehlen ließ. Nach einer erneuten Kontrolle und einer Rüge erledigte sie das Versäumte für diesen Tag selbst.

Artig aß Barbara ihre Grütze.

»Wenn du fertig gegessen hast, gehen wir los.«

Margaretha stieg die Treppe hinauf und ging in ihre Schlafkammer. Auf ihrer Eichenkommode stand eine schwere Holztruhe. Sie entriegelte das Schloss und entnahm ihr eine kleine Lederbörse. Darin war ihr wertvollster Schatz: gute drei Gulden. Ein kleines Vermögen bedeutete dieses Geld.

Jetzt hatte sie vor, es zu nehmen, um sich endlich das Buch der berühmten Hebamme Marie-Louise Bourgeois zu kaufen. Der Bader brachte auf seinen Reisen durch württembergisches Land immer wieder »Belles lettres«, sogenannte französische Literatur, mit. Die Handvoll Bücher, die er stets mit sich führte, waren meist Memoiren oder dramaturgische Kontroversen. Das Nachschlagewerk der Hebamme Bourgeois dagegen war schon etwas Besonderes.

Margaretha hatte lange überlegt, ob das französische Buch sein Geld wirklich wert war. Aber dann verwarf sie ihre Zweifel. Es sollten viele detaillierte Illustrationen über Handgriffe der Geburtshilfe abgebildet sein. Das würde ihr weiterhelfen, auch wenn sie das französische Buch nicht lesen konnte. Sie liebte ihren Beruf, aber an manchen Tagen erschienen ihr die Anforderungen doch zu hart. Wenn sie wieder einmal das Leben einer Mutter oder das des Kindes nicht retten konnte, weil sie den Widerstand des Kindes, das Licht der Welt zu erblicken, nicht überwinden konnte, war sie verzweifelt. So war sie fest davon überzeugt, dass dieses Buch ihr helfen würde, die Schwierigkeiten bei vielen Geburten zu überwinden.

Entschlossen griff sie die Lederbörse und warf sich einen leichten Umhang über. Eilig lief sie in die Stube zurück.

»Bist du fertig, Barbara?«, fragte sie.

»Ja, Mama!«, antwortete die Kleine.

»Anna-Maria, lass die Gänse aus dem Stall. Dann können sie sich ihr Futter im Hof selbst zusammensuchen«, befahl Margaretha. Mahnend erhob sie ihren Zeigefinger: »Aber achte darauf, die Gänse dürfen nicht auf die Felder laufen. Sonst gibt es wieder Ärger!«

»Ja, Herrin.« Die Magd nickte gehorsam.

»Anschließend richtest du das Vesper für meinen Mann, und vergiss nicht, den Hof zu fegen!«

»Jawohl, Hebamme Goldtner!«

Anna-Maria ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken. Insgeheim hatte sie gehofft, auch mit zum Markt zu dürfen. Normalerweise erledigte sie die Einkäufe, aber heute war es anders.

Sie war dankbar, eine Stellung im Hause Goldtner bekommen zu haben. Wenn sie sich nicht gut anstellte und zurückgeschickt werden würde, wären ihre Eltern sehr unglücklich. So lächelte sie tapfer.

»Nach Erledigung meiner Einkäufe gehe ich beim Hafner vorbei«, sagte Margaretha zu Anna-Maria. »Ich habe vergangenen Freitag eine flache Bratschüssel bestellt. Zum Glück hat er mir diese bei der Geburt seines Sohnes Stoffel als Bezahlung zugesagt.« Darauf nahm sie ihre Tochter an die Hand und verließ das Haus.

Die Familie Goldtner bewohnte ein kleines, weiß getünchtes Haus mit braunem Balkenwerk in der Nähe des Sulzbacher Tores. Unter einem Dach befanden sich Wohnung, Stall und die Schuhmacherwerkstatt ihres Mannes. Ringsherum angesiedelt waren weitere Handwerker wie Tuchscherer, Büchsenschmied, Schmied und Sattler. Jeder von ihnen fertigte brauchbares, ertragreiches Werkzeug.

Der Sattler stellte Sättel, aber auch alle anderen Lederwaren wie prächtige Wagenpolster und vieles andere her. Die fleißigen Tuchscherer bearbeiteten die wollenen Stoffe so lange mit der Schere, bis diese keine Unebenheiten mehr aufwiesen. Der Büchsenschmied stellte verschiedene Handfeuerwaffen her und hielt sie auch in Schuss. Der Schmied dagegen hantierte sicher mit glühendem Eisen und formte Nägel unterschiedlicher Größe und Stärke sowie Ketten und Hufeisen. Ein Seiler befand sich ebenfalls in der Nachbarschaft. Für das ansässige Stift arbeiteten außerdem ein Stiftskornmesser, Stiftsküfer und Stiftskastenknechte. Durch Aufträge aus dem reichen Stift konnte auch ein Goldschmied in der aufstrebenden kleinen Stadt seinen Unterhalt verdienen, wie auch aufgrund von Aufträgen aus dem Bürgertum, was auf einen gewissen Wohlstand bei dem einen oder anderen Bürger schließen ließ.

Vom Sulzbacher Tor war es nicht weit zum Marktplatz. Mutter und Tochter gingen bergauf durch die engen Gassen. Vorbei am Kornhaus erreichten sie ihr Ziel in kurzer Zeit.

Das Kornhaus, das der Gasse ihren Namen gab, war ein hohes Fachwerkhaus. Vor dem Rathausneubau im Jahre 1600 hatte die Stadt es als Rathaus genutzt. Nun war es wieder als Kornhaus verfügbar. Im Erdgeschoss befanden sich die Stadtwaage und der Kornmarkt. Ein Stockwerk höher war ein großer Saal, der als Verkaufsraum für Leder, Tuche und andere feine Waren diente. Er wurde auch für Hochzeitsfeiern verwendet.

Um den Marktplatz standen ansehnliche zwei- und dreistöckige Häuser. Hier wohnten reiche Bürger Backnangs und ihre Familien. Viele der besser ausgestatteten Häuser hatten reich verzierte Fachwerkfassaden.

Am prachtvollsten war jedoch das große dreistöckige Rathaus. Das erste Geschoss, aus Sandstein erbaut, war mit schönen Steinköpfen an den Konsolen der Vorderseite geschmückt. Das Wappen der Stadt prangte über dem Eingang. Es zeigte einen in der Mitte gespaltenen Schild mit den württembergischen Hirschstangen.

Die übrigen beiden Stockwerke waren aus Holz erbaut. Eindrucksvoll war die Konstruktion des Dachstuhls. Ein schlanker runder Turm auf der Ostseite vervollständigte das Haus. Im ersten Stock war die Fruchthalle untergebracht, im zweiten tagte das Gericht. Im obersten Stockwerk gab es einen kleinen und einen großen Saal sowie die Wohnung für den Ratsdiener.

Margaretha hatte heute keinen Sinn für die Schönheit der Bauten. Ihr Blick ging suchend über die Menschenmenge. Nur kurz verweilten ihre Augen an den einzelnen Marktständen. Kein noch so gut bestückter Stand mit leuchtendem Obst oder knackigem Gemüse fand ihre Beachtung.

Als ihr Blick den Pranger streifte, schauderte sie. Zur Schau gestellt wurde eine junge Frau, der nachgesagt wurde, ein liederliches Weib zu sein. Sie war der Hurerei angeklagt. Außerdem wurde sie beschuldigt, ihr Kind getötet zu haben.

Margaretha hatte sie damals bei der Geburt betreut und mehr über ihr Schicksal erfahren. Mit zwölf Jahren war die junge Frau vergewaltigt worden. Ein Mann, gerade dem Knabenalter entwachsen, war ihr auf dem Nachhauseweg gefolgt. Aber sie hatte ihn bemerkt. Als sie seine Hand vertraulich auf ihrem Arm spürte, drehte sie sich abrupt um und wollte gerade aufbegehren, da stellte er sich höflich vor.

»Georg Haichberger, zu Euren Diensten, gnädiges Fräulein. Darf ich Sie nach Hause begleiten?«

Da ihn seine Kleidung als vornehmen Edelmann auswies und auch seine Sprache untadelig war, schöpfte sie keinen Verdacht. Erfreut stimmte sie zu. Mit ihrem rechten Arm hakte sie sich bei ihm unter und gemeinsam gingen sie durch die schlecht beleuchteten Gassen. Doch schon nach der nächsten Straßenecke, als sie in eine besonders dunkle, menschenleere Gasse kamen, drückte er sie brutal an die Wand. Mit einer Hand hielt er ihr den Mund zu, mit der anderen schob er ihren Rock hoch. Verzweifelt versuchte sie sich zu wehren. Sie schlug ihm ihre Fingernägel in den Rücken. Aber gegen seine gierigen Kräfte konnte sie nichts ausrichten. Ein gurgelnder Schrei entwich ihrem Mund.

»Sei still, sonst töte ich dich!«, drohte er.

Die Entschlossenheit in seinen Worten machten ihr noch mehr Angst und der Blick seiner blauen Augen schien sie zu durchbohren. Eingeschüchtert gab sie keinen Laut mehr von sich. Hastig nestelte er seine Hose herunter. Grob stieß er zwischen ihre Schenkel und verging sich an ihr.

Als er endlich von ihr abließ, rutschte sie zitternd in die Hocke. Verängstigt blieb sie dort sitzen, bis ein junges Paar vorbeikam. Sofort erkannten diese beim Anblick der blutverschmierten, heulenden Frau, was passiert war. Nach vorsichtiger Befragung fanden sie heraus, wo sie wohnte, und brachten sie zu ihrem Elternhaus.

Verzweifelt heulend schilderte sie ihren Eltern ihr Unglück.

Doch statt Verständnis zu zeigen, brüllte ihr Vater: »Du Hure! Wie konntest du dich mit ihm einlassen?«

»Aber ich habe doch nicht freiwillig …« schluchzte sie. »Ich dachte, er sei ein Edelmann!«

Um Hilfe bittend blickte sie zu ihrer Mutter. Fast unmerklich schüttelte diese den Kopf, bevor sie zu Boden sah. Von dieser Seite war keine Hilfe zu erwarten, spürte die junge Frau, da die Mutter sonst selbst Prügel bezogen hätte. Wie eine eingeschüchterte, verängstigte Hündin stand sie vor ihrem Vater und ließ die Schimpftirade über sich ergehen.

»Scher dich fort! Verschwinde aus meinem Haus!«, schrie er.

Aber erst als er zornig tobte: »Ich will dich nie wieder sehen!«, sank sie weinend vor ihm in die Knie und packte seinen Wams.

»Bitte, Vater! Alles, nur das nicht!« bettelte sie.

Energisch riss er sich los und stieß sie wütend von sich. Sie war nicht mehr fähig, sich dagegen zu wehren, und ehe sie sich versah, landete sie auf der Straße.

Ohne Zuhause musste sie ihren Lebensunterhalt als Bettlerin oder, noch viel schlimmer, als Hure verdienen. Sie würde genau zu dem werden, dessen sie ihr Vater beschuldigt hatte.

Margaretha versuchte ihr zu helfen, so gut es ging. Schon bald war das Mädchen schwanger zu ihr gekommen und sie gab ihr wertvolle Anweisungen. Damals gestand sie Margaretha eines Tages heulend, dass sie sich versündigt habe, weil sie versucht hatte, das Kind loszuwerden. Aber das Kind hatte allen Mitteln getrotzt und wuchs weiter in ihr.

Die Hebamme versuchte sie zu trösten, untersuchte sie und bestätigte ihr, was sie vermutet hatte. Das Kind war wohlauf, es strampelte. Daraufhin wurde die verzweifelte Frau ganz still und verließ Margaretha ohne ein weiteres Wort.

Einen Tag nach der Geburt erfuhr Margaretha, dass sie ihr Kind erwürgt hatte.

Die jammervolle Gestalt im zerrissenen Kleid und mit entblößter Brust, die nun am Pranger stand, rührte dennoch Margarethas Herz. Den Tod durch das Schwert, das weitere Schicksal, welches sie zweifellos erwartete, hatte die junge Frau nicht verdient. Dies spürte Margaretha eindringlich, aber dieses Unglück konnte sie unmöglich abwenden. In ihrem Inneren hatte sie Verständnis für die Verzweiflungstat, die die junge Frau begangen hatte, um ihrem Kind das eigene Schicksal zu ersparen. Doch dies würde sie niemals jemandem anvertrauen.

Trotz der misstrauischen Blicke der umstehenden Bürger sprach Margaretha die Frau am Pranger an: »Kann ich etwas für dich tun?«

Mit wirrem Blick sah die Frau auf, dann drehte sie den Kopf zur Seite und schloss die Augen.

Margaretha wollte nicht gleich aufgeben und fragte beharrlich weiter: »Soll ich dir etwas zu trinken holen?«

Die frühe Morgensonne brannte im August um diese Zeit schon erbarmungslos auf sie nieder. Sie spürte, wie Schweißperlen zwischen ihren Brüsten herunterliefen und hatte großen Durst nach einem Schluck Wasser. Der armen Frau am Pranger musste es genauso ergehen.

Die Frau schüttelte jedoch unwillig den Kopf und stieß erregt hervor: »Das nützt jetzt auch nichts mehr. Lass mich in Ruhe! Verschwinde!«

Margaretha war überrascht über so viel Undank und wandte sich enttäuscht ab.

Ein alter Mann neben ihr grölte: »Kindsmörderin!«

Eine Bäuerin stimmte mit ein: »Hure! Mörderin! Hängt sie auf!«

Laute Stimmen schrien durcheinander. Ein Raunen wie ein dunkles Donnergrollen ging durch die aufgebrachte Menschenmenge.

Plötzlich erscholl ein lauter Ruf aus der Menge: »Hebamme Goldtner! Margaretha, kommt zu mir!«

Margaretha blickte auf und sah wie Heinrich Albrecht sie aufgeregt zu sich hinüber winkte.

Mitleidig sah sie noch einmal zum Pranger. Dann wandte sie sich ab und nahm Barbara auf den Arm. Das kleine Mädchen war still und verängstigt nach diesem Zwischenfall und drückte sich an die Mutter. Zielstrebig schritt Margaretha auf den Karren des Baders zu.

»Ihr wart in gefährlicher Gesellschaft, Hebamme Goldtner«, begrüßte er sie. »Meidet diese Leute, sonst gerät Euer guter Ruf in Gefahr. Nehmt den gut gemeinten Rat eines alten Mannes an!« Besorgt sah er ihr in die Augen.

»Ich hab es nur gut gemeint«, murmelte Margaretha.

»Ihr habt ein gutes Herz, mein Kind.« Seine dunkelbraunen Augen blickten sie forschend an. »Aber der Pöbel sucht nur nach einem Grund, um die Bürger aufzuwiegeln. Es war deutlich zu fühlen. Wie Gewitterwolken zog eine dunkle Wand auf uns zu. Habt Ihr die Spannung nicht gespürt? Da fehlte nur noch ein böses Wort …«

»Tatsächlich? Das habe ich nicht bemerkt«, antwortete Margaretha.

»Deshalb habe ich gerufen. Die Bauern und Handwerker in der Stadt sind sehr unzufrieden. Seit Herzog Friedrich die Abgaben erhöht hat, bekomme ich das deutlich zu spüren. Die Kaufbereitschaft hat merklich nachgelassen und meine Dienste als Barbier nimmt auch kaum noch jemand in Anspruch.«

»Ja, ich weiß. Mein Mann ist auch betroffen. Er stöhnt auch über die zusätzliche Belastung. Außerdem hat ihm der Rotgerber diese Woche kein Leder gebracht. Die Bauern, von denen er sonst die Tierhäute bekommt, haben ihre Waren diesmal in Heilbronn zum Markt gebracht. Dort erzielen sie bessere Preise und es fällt ihnen leichter, ihre Steuern an den herzoglichen Vogt zu bezahlen.«

»Dieser Halsabschneider!«, schimpfte Heinrich. Aber dann wechselte seine düstere Miene und machte einem breiten Grinsen Platz: »Nun zu unserem Geschäft.«

»Habt bitte noch einen Moment Geduld«, bat Margaretha. »Wir brauchen vorher noch einen Schluck zu trinken.«

Der Bader nahm sie beim Arm. »Dann kommt zum Gasthof Schwanen, dort genehmigen wir uns ein kühles Bier.«

Um die andere Hand schlang er sich den Lederriemen des Pferdehalfters. Er gab seinem Pferd einen freundlichen Klaps auf das Hinterteil und führte das Tier mit seinem Karren am Brunnen vorbei. An der Vogtei bogen sie ab in Richtung Schwanen.

Heinrich starrte an der Fassade des Hauses hinauf, als befürchtete er, den Vogt am Fenster stehen zu sehen. Er glaubte eigentlich nicht, dass der fettleibige Vogt Leonhard Korn seinen Hintern ans Fenster bewegen würde. Er mied die Öffentlichkeit. Solange die Backnanger Bürger nicht seinen Namen schrien, würde er, der sich zugleich Oberamtmann, Amtsrichter und Finanzamtmann nennen durfte, nicht freiwillig erscheinen.

Vogt Leonhard Korn war zur Zeit der am meisten gefürchtete und gehasste Bürger der Stadt. Als Steuereintreiber des Herzogs Friedrich von Württemberg hatte er einen schweren Stand. Der Herzog saß in sicherer Entfernung in Stuttgart oder seiner angestammten Grafschaft Mömpelgard und schmiedete großspurige Pläne, die natürlich viel Geld kosteten. Deshalb war er bei der Beschaffung des Geldes nicht zimperlich: Die Bevölkerung durfte durch aberwitzige Steuern dafür aufkommen.

Der Herzog war hinreichend für seine Verschwendungssucht bekannt. Einer seiner Vorgänger, Herzog Ulrich, hatte jedoch bereits Zugeständnisse an die Landstände machen müssen. Er hatte mit den Würdenträgern der Kirche, der Ritterschaft, also dem niederen Adel, und den Stadtvertretern den sogenannten »Tübinger Vertrag« geschlossen. Darin bekamen diese die Pflicht auferlegt, die Schulden des Herzogs zu übernehmen. Als Gegenleistung galt für sie ein umfangreiches Recht auf Mitbestimmung bei den Steuerforderungen. Vom jetzigen Herzog Friedrich erhielten die führenden Vertreter der Stände bei der Regierungsgewalt ein kleines Mitspracherecht dazu. Durch diese Regelung konnten die Herrscher die Steuern zwar nicht in unermessliche Höhen treiben, bezahlt werden mussten sie am Ende aber trotzdem.

Barbara jammerte laut: »Mama, ich hab so einen Durst!«

»Wir sind gleich da. Du bekommst ein Glas Apfelmost«, sagte Margaretha.

Vor dem Gasthaus hielt Heinrich Albrecht einen kleinen Jungen am Ärmel fest. »Warte mal! Wenn du gut auf meinen Karren und mein Pferd aufpasst, bekommst du einen Kreuzer.«

»In Ordnung, mein Herr!«, antwortete der Junge.

»Falls du deine Sache gut machst, bekommst du zusätzlich noch einen saftigen Apfel von mir«, versprach der Bader.

Sein Karren war nur mit einer Plane abgedeckt. Sie war an allen vier Ecken durch ein Seil festgezurrt. Heinrich nestelte hinten rechts am Flachsseil und fluchte leise dabei, weil sich das verdrillte Seil in seine einzelnen Fäden aufzulösen drohte. Ungeduldig zerrte er daran, aber der Knoten hielt. Mit seinen großen Händen versuchte er ungeschickt die Fasern zu lösen. Endlich konnte er ein Ende herausziehen. Der Knoten lockerte sich und löste sich schließlich auf. Heinrich schlug die Plane ein kleines Stück zurück und entnahm der Karre ein schmales, in Pergamentpapier eingeschlagenes Päckchen.

Anschließend deckte er die Plane wieder zu und wandte sich an den Jungen: »Pass mir besonders hier an der rechten Ecke auf, das Seil ist kaputt.«

»Herr, mein Vater ist Seiler«, sagte der Junge stolz. »Er stellt das beste, stärkste Flachsseil in ganz Württemberg her. Außerdem feinste Seile aus Baumwolle und Seide.«

»Na, so ein Zufall!«, schmunzelte Heinrich. »Aber gut, du kannst mich später zu ihm bringen. Wenn er einen anständigen Preis macht, kommen wir ins Geschäft.«

Sie stiegen die Stufen zum Gasthaus hinauf. Das rustikale Steinhaus mit seiner offenen Eingangstür lud zum Verweilen ein. Im Schankraum kam ihnen der Wirt, Wilhelm Lederer, eilfertig entgegen.

»Was darf’s sein, die Herrschaften?«

»Zwei Becher Bier und einmal Most für das junge Fräulein«, ewiderte Heinrich.

Margaretha sah sich neugierig um. Hier und da erblickte sie ein bekanntes Gesicht.

»Grüß Gott!« Freundlich grüßte sie Nicolas Laux, einen Zunftbruder ihres Mannes.

Er saß mit drei anderen zusammen und sie würfelten miteinander. Kurz sah Margaretha die aus Hirschgeweih geschnitzten Würfel rollen, bevor sie in der Hand des Spielers verschwanden.

Die Tische waren gut besetzt. Nur ein Tisch an der Tür zur hinteren Gasse war noch frei. Barbara entdeckte ihn, rannte durch den Raum und kletterte schnell auf einen freien Stuhl.

Heinrich Albrecht schmunzelte. »Nun kommt, Margaretha.«

Am Tisch strich der Bader Barbara die feuchten, verschwitzten Haare aus dem Gesicht. Barbara lächelte ihn an. Als der Wirt die Getränke gebracht hatte, prosteten sie sich zu.

»Auf Euer Wohl!«, sagte Margaretha und nahm einen kräftigen Schluck des dunklen Bieres. »Igitt, das schmeckt eklig!« Angewidert schüttelte sie den Kopf.

Heinrich schob Margaretha das Pergamentpäckchen über den Tisch. »Macht es auf und prüft, ob es das richtige Buch ist.«

Hastig riss Margaretha das Pergamentpäckchen auf. Ein dickes Buch mit Ledereinband und Pergamentseiten kam zum Vorschein. Die großen Lettern darauf konnte sie nicht lesen.

»Lehrbuch für Hebammen«, übersetzte Heinrich.

Freudig begann sie darin zu blättern. »Seht nur diese Bilder! Alles ist detailgetreu gezeichnet! Wunderbar!«, jubelte sie. Ehrfürchtig blätterte sie weiter. »Schaut selbst, diese Abbildungen!«

Margaretha umarmte den Bader stürmisch. Sie drückte ihn fest und gab dem verdutzten alten Mann einen Kuss auf die Wange.

»Ich sehe schon, es ist das richtige Buch«, lachte Heinrich Albrecht.

Margaretha lächelte ihn dankbar an. »Dieses Buch ist genau, was ich brauche. Nicht nur, weil es mir wertvolle Anweisungen gibt, sondern auch, weil ich bei der alljährlichen Prüfung, die wir Hebammen zu bestehen haben, mir keine Sorgen mehr machen muss. Der Anatom Horstius wird sehr beeindruckt sein. Denn es ist auch für ihn schwierig, ein wirklich gutes Nachschlagewerk in die Finger zu bekommen.«

Margaretha betrachtete versunken das Buch, doch plötzlich fiel ihr siedendheiß ein, worauf der Bader wartete.

»Peinlich« dachte sie, »vor lauter Freude über das Buch habe ich die Bezahlung ganz vergessen.« Eine tiefe Röte schoss ihr ins Gesicht. »Verzeihung, was bekommt Ihr denn nun von mir, Herr Albrecht?«

Heinrich lächelte plötzlich und entblößte eine große Zahnlücke. »Meine Liebe, das Geschäftliche vergesse ich niemals. Ich weiß, für Euch bedeutet dieser Besitz ein kleines Vermögen.« Er überlegte laut. »Es war schwierig, an dieses Buch zu kommen. Ich musste unseren fleißigen Anatom Horstius überbieten.« Heinrich lachte spöttisch. »Eine Menge Überredungskunst und Geld hat es mich gekostet, dass der französische Händler mir das Buch verkauft hat.«

Margaretha hielt die Luft an.

Händereibend erzählte der Bader weiter: »Natürlich hat es mir Spaß gemacht zu sehen, wie weit Horstius geboten hat, um es zu bekommen. Vier Gulden hat es mich gekostet!«

»So viel!« Entsetzt schnappte Margaretha nach Luft.

In Gedanken überschlug sie flugs, was das für sie bedeutete. Das war so viel, wie ihr Mann in zwei Monaten verdiente! Mit so viel Geld hatte sie nicht gerechnet. Dafür könnten sie sich auch eine Kuh kaufen. Nun fragte sie sich gar, ob es nicht klüger wäre, tatsächlich eine Kuh zu kaufen anstelle des Buches. Aber andererseits, überlegte sie weiter, konnte dieses Buch helfen, ihren Beruf zu sichern. Allerdings war sie sich im Klaren, dass dieses Buch ihr auch viel Missgunst und Neider einbringen konnte.

Durch ihre Hebammenprüfungen kannte sie Horstius persönlich. Gregor Horstius war ein angesehener Mann. Er zählte zu den Freunden des Johannes Schultes aus Ulm, der die ersten gesundheitlichen Vorsorgen gefordert und die hygienischen Bedingungen in den Spitälern eingeführt hatte. Ihm war es zu verdanken, dass die Stadtobrigkeit die Abfallbeseitigung eingeführt hatte. Zugleich war er wie Horstius zur Überwachung der Bader und Hebammen berechtigt. Er war Mitglied eines weithin bekannten elitären Gelehrtennetzes, bezahlt von einzelnen Fürsten. Diese Gruppe lehnte sich an die Royal Society aus England an und unterstützte genau wie diese Naturwissenschaftler, förderte Kartographen, auch indem sie Reiseberichte sammelte, um die bisher minderwertige Navigation zu verbessern.

Margaretha bekam es mit der Angst zu tun. Ausgerechnet dem Freund dieses überaus gelehrten Mannes hatte sie nun das Lehrbuch vor der Nase weggeschnappt. Doch sie hatte eine Idee.

»Da dieses Buch eine Rarität ist, werde ich es dem Anatomen zu gegebener Zeit als Leihgabe anbieten.«

»Werdet Ihr das Buch nun kaufen?«, fragte der Bader. Er hatte sie beobachtet und sehr wohl ihren inneren Kampf gesehen.

Barbara sah ihre Mutter aufmerksam von der Seite an. Auch sie spürte deren Unruhe.

»Mama, was ist los?«

Margaretha lächelte ihrer Tochter beruhigend zu. »Es ist alles in Ordnung, mein Schatz.« Dann wandte sie sich zu Heinrich Albrecht und antwortete »Ich werde das Buch nehmen.« Sie legte die rechte Hand auf seinen Arm. »Allerdings bedeutet es tatsächlich in jeder Hinsicht ein Vermögen für mich. Ich habe nur drei Gulden und 25 Kreuzer bei mir. Wärt Ihr zu einem Handel bereit?«

Der Bader strich sich über seinen gestutzten, grauen Bart. »Ich mache kein gutes Geschäft, wenn ich das Geld nicht bekomme«, dachte er. Aber er würde sich ihren Vorschlag erst einmal anhören.

Er lehnte sich über den Tisch und fragte interessiert: »Wie lautet Euer Vorschlag?«

Margaretha neigte leicht den Kopf. »Jeden Monat 25 Kreuzer Zurückzahlung und an Michaeli eine fette Gans als Bonus. Dann wäre ich an Heiligabend schuldenfrei.«

Er sah sie stirnrunzelnd an. »Könnt Ihr das überhaupt schaffen?«

»Ja, ich denke schon. Es wird nicht einfach sein. Ich werde meinen Patientinnen sozusagen die Flinte auf die Brust setzen müssen.« Margaretha lachte. »Und das, bevor das Kind da ist und die Schmerzen vergessen sind. Es wird nicht mehr nur in Naturalien gezahlt. Dafür sorge ich schon.« Sie schluckte hart. »Ich werde kein Mitleid mehr zeigen dürfen.«

»Recht so«, sagte der Bader. »Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihr Euch damit nicht gerade beliebt macht.« Er nickte verständnisvoll. »Doch wenn Ihr die Bezahlung vor der Geburt verlangt, bekommt Ihr Euer Geld. Wenn das Kind erst einmal schreit, ist die Vorauszahlung schnell vergessen.«

Kleinlaut gestand Margaretha: »Wohl fühle ich mich trotzdem nicht dabei.«

»Gute Geschäfte machen will gelernt sein«, brummte Heinrich gutmütig.

Er war sich der Tatsache bewusst, dass diese Abmachung für ihn durchaus nicht der schlechte Handel wurde, wie er zuerst befürchtet hatte. Zufrieden hielt er Margaretha die Hand hin. Bei sich dachte er: »Eine Gans ist schon eine köstliche Zugabe!«

Margaretha schlug in die dargebotene Hand ein.

2. Kapitel

Auf dem Rückweg gingen Mutter und Tochter gemächlich in Richtung obere Vorstadt durch das Zwingeltor. Bei der Näherin bestellte Margaretha ein neues Sonntagskleid für Barbara. Geld hatte Margaretha keines dafür übrig, aber sie hatte auch bei der Näherin schon Hebammendienste geleistet und diese hatte ihr als Entgelt ein Kleid versprochen. Es würde ein schlichtes, braunes Kleid werden. Doch die gute Frau hatte noch zugesagt, die Ränder mit einer Ziernaht zu besticken. Barbara war begeistert.

Zurück auf der Straße nahm Margaretha ihre Umgebung mit aufmerksamen Augen wahr. Sie bemerkte die Bauern, die laut über den Marktplatz riefen. Lachende und kreischende Kinder, die zwischen den Ständen und Obstkarren Fangen spielten. Bellende Hunde, gackernde Hühner und überall laut schnatternde Gänse. Sie registrierte die übelriechenden Obstabfälle, die in der Sommerhitze schnell verfaulten und Scharen von grünen Fliegen anzogen, und den matschigen Gänsedreck, der in den Gassen klebte. Aber auch wohlriechende Kräuterdüfte stiegen ihr in die Nase. Das brachte ihr in Erinnerung, bei nächster Gelegenheit unbedingt wiederzukommen, um ihre Kräutervorräte aufzufüllen. Als Hebamme musste sie darauf achtgeben, ihre hilfreichen Vorräte nicht ausgehen zu lassen.

Laut zählte sie an den Fingern ab: »Beifuß brauche ich, um Krämpfe und Regelschmerzen zu lindern. Ach, und es steigert die Fruchtbarkeit. Das ist natürlich sehr wichtig! Zweitens Frauenmantel, hilft bei Beschwerden, wenn die Frauen ins Alter kommen. Und drittens Melisse, das beruhigt die Nerven.«

»Gehen wir noch zum Apotheker Lederer von der Oberen Apotheke? Er ist sehr nett«, fragte Barbara.

»Da gebe ich dir Recht, Kind. Aber er ist zu teuer. Ich werde bei meiner Freundin Elisabetha anfragen. Bei ihr bekomme ich die Kräuter preiswerter. Für ein Quäntchen bezahle ich so viel wie bei Elisabetha für ein Lot, das sind vier Quäntchen.«

Margaretha lachte vergnügt. Sie freute sich schon darauf, Elisabetha zu treffen. Sie war nicht nur ihre Freundin, sondern ebenfalls Hebamme.

Elisabetha, nicht aus Backnang gebürtig, kam oft hierher, um eine Tante zu besuchen. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren war sie ein halbes Jahr älter als Margaretha, aber im Gegensatz zu ihr noch nicht verheiratet.

Als sich bei Margaretha die Geburt von Barbara ankündigt hatte, war Elisabetha ein paar Tage länger in Backnang geblieben als gewöhnlich. Sie hatte Margaretha bei der Geburt geholfen und war danach wieder in ihren Wohnort Murrhardt zurückgekehrt.