Ganz alltäglicher Wahnsinn - Michael Bodmer - E-Book

Ganz alltäglicher Wahnsinn E-Book

Michael Bodmer

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Beschreibung

Wenn neben uns im Zug ein Mann sitzt, der uns vorkommt wie ein Roboter der neuesten Generation, wenn sich eine Frau in der Dusche als Trapezkünstlerin fühlt, wenn ein Zeitungsleser im Café sitzend jede gelesene Seite zerknüllt und auf den Boden wirft, wenn einen Geschäftsmann die Rotationsbewegung unseres Planeten irritiert, wenn ein Jüngling im Zug eine veritable Madonna zu sehen glaubt, wenn ein kleiner Hund der ganze Lebensinhalt eines Paares wird, wenn von einer taubstummen Prostituierten die Rede ist, wenn es ein Student schätzt, gleich neben dem Friedhof zu wohnen, wenn eine alte Frau, die Treppe hochsteigend, immer öfter befürchtet, in den dunklen Ecken zu versinken: Dann haben wir es eindeutig mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn zu tun.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die Wirklichkeit der Literatur

Ein Vorwort von Gianni Kuhn

Bei unserer ersten Begegnung am Tresen im Dreiegg in Frauenfeld, der Stadt, in der ich seit mehr als dreissig Jahren wohne, hatte ich schon einige Bücher geschrieben – und einige Gläser Bier getrunken – und wunderte mich, wie intensiv sich der angehende Jurist für Literatur interessierte und mich sogar fragte, wie ich denn zu meinem Stoff komme. Beobachten und beschreiben, vom Ort ausgehen, sich erinnern – das sei meine Grundlage des Schreibens. Hinzu käme die Phantasie, man müsse sich etwas vorstellen können, ausmalen, wenn er verstehe, was ich meine, antwortete ich, ohne ihm wirklich erklären zu können, woher gewisse Einfälle letztendlich kommen. Auf meine Frage, ob er auch einmal Geschichten schreiben wolle, antwortete er, das würde ihn sehr wohl interessieren, ebenso die Musik, doch er habe mit dem Studium viel zu tun, vielleicht würden ihn später einmal gewisse Gerichtsfälle inspirieren. Das wäre gut möglich, antwortete ich, erwachse das Schreiben doch oft aus der praktischen Erfahrung. Dort kenne man sich aus, müsse sich keine Details ersinnen, sondern sei ein eigentlicher Fachmann.

»Sie meinen aber nicht Mordgeschichten und dergleichen?«, wollte er wissen.

»Das habe ich nicht gesagt. Sie müssen selbst entscheiden, ob Sie ein Krimiautor werden wollen oder ob Sie auch ohne Leichen auskommen.«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich weiss ja nicht einmal, ob ich je auch nur eine einzige Geschichte schreiben werde, das steht in den Sternen.«

»Ja, die Sterne«, spann ich weiter, »auch die können beschrieben werden. Manchmal sind es aber auch die alltäglichsten Dinge, die einem den Stoff liefern. Es können sich selbst in der Strassenbahn, auf dem Nachhauseweg, auf dem Spielplatz, im Treppenhaus, ja selbst hier in dieser Bar Dinge ereignen, die es durchaus wert sind, beschrieben zu werden.«

»Zum Beispiel?«, wunderte sich der Jurist in spe etwas erheitert. »Etwa die Frau dort hinten, die einer anderen, so wie es aussieht, das Herz ausschüttet, von ihren Sorgen erzählt? Oder jener ältere Herr mit den grauen Haaren, der meiner Meinung nach etwas gar tief in die Zeitung guckt? Vielleicht weil er uns zuhört? Meinen Sie, das wäre es wert, beschrieben zu werden?«

»Sicherlich ist es wert, beobachtet zu werden. Ob später daraus etwas wird, ist eine andere Sache. Aber es kann noch viel einfacher, viel naheliegender sein«, fuhr ich fort, »selbst unser Gespräch könnte in einem gewissen Zusammenhang wichtig werden.«

Er lachte hell auf. »Das kann ich mir allerdings nicht vorstellen«, skandierte er, »und wenn das je der Fall sein sollte, dann bitte ich Sie, mir die Stelle zu zeigen, wo Sie das in einen Text einbauen.«

Und ehe ich mich’s versah, erhob er sich mit den knappen Worten, dass er jetzt wirklich los müsse. Ich sass noch eine Weile allein am Tresen, bevor ich mich auf den Nachhauseweg machte.

Auf jeden Fall ist der Kurzgeschichtenband, zu dem ich hier das Vorwort schreiben darf, nach den drei kurzen Erzählungen, die ich von Michael Bodmer im ersten Teil meiner Trilogie des Verschwindens abdrucken liess, sein erstes Buch. Als ich die neuen Geschichten zum ersten Mal las – der Verleger hatte sie mir, da ich für ihn immer mal wieder Manuskripte lektoriere, zur Durchsicht zugeschickt – sah ich sogleich, dass der junge Mann in der Zwischenzeit sehr viel und sehr genau beobachtet hatte und dass er präzis formulieren konnte. Als Jurist ist ihm das ja vertraut. Kein Wort zu viel, keines zu wenig, alles muss sitzen. Ich kenne mich bei kurzen literarischen Formen gut aus, wurde von Kritikern für meine Kurz- und Kürzestgeschichten, meine Aphorismen und Kurzgedichte sogar schon als »Meister der Verknappung«, als »Meister der literarischen Kurzform« gelobt, so dass ich in aller Bescheidenheit glaube sagen zu können, dass diese kurzen Geschichten, die Michael Bodmer hier vorlegt, den meinen in keinster Weise nachstehen; mehr noch, ich sehe mit Erstaunen und Bewunderung, wie Bodmer in Gebiete vordringt, über die ich bis anhin noch nichts geschrieben habe, Gebiete, die mir sogar fremd sind, so dass Bodmer mich als Leser inspiriert. Autoren sind neben dem Beobachten, dem Beschreiben, dem Erfinden ja vor allem auch Leser, Mitglieder des grossen Chors. Und ich glaube, wir können uns glücklich schätzen, im Chor der Autoren einen Neuen willkommen zu heissen.

Inhalt

Beginnen

Zugfahrt

Vorsehung

Unbemerkt

Fahrtenschreiber

Der Brutplatz

Kunststück

Der Zeitungsleser

Die Krankheit

Planetenbahnen

Die Madonna im Zug

Am Ufer

Ihr Liebling

Eine alte Bekannte

Stare

Wo die Toten wohnen

Die Eisprinzessin

Der Blumenstrauss

Ein lächerlicher Mensch

Karawanenmusik

Grossmutter

Gewitteraugen

Der erste Kuss

Eine beliebte Lehrerin

Die Japanerin

Lachend aufwachen

Ganz alltäglicher Wahnsinn

Die Kunstgiesserin

Die schwarze Madonna

Hochwasser

Wo Grossvater ist

Der Postbote

Das Tal

Das Haus am Fluss

Der Schulfreund

Der Offizier

Eine einzige Chance

Kreislauf

Schlafende Schmetterlinge

Prüfungstermin

Blutroter Fuchs

Regenwetter

Eine verrückte Woche

Ganz natürlich

Der blaue Anzug

Der Flaneur

Thénards Blau

Unversehens Linkshänder

Jugendliebe

Weibliche Logik

Beginnen

Als sie im neuesten Prosaband einer von ihr sehr geschätzten Autorin bemerkt habe, dass alle darin enthaltenen Texte mit dem Vokal A ihren Anfang nähmen, habe sie sich daran erinnert, dass sie selbst immer eine Geschichte habe schreiben wollen, in der ausschliesslich »B-Wörter« vorkämen, eine Geschichte, in der jedes einzelne Wort den Buchstaben B enthalte. Ihr eigener Name weise deren zwei auf, ihr Nachname immerhin eines, so dass selbst auf dem Buchdeckel nur B-Wörter gedruckt würden. Bis anhin habe sie nicht geglaubt, dass ihr Vorhaben eine Chance hätte. Ein befreundeter Literat habe ihr aber neulich erklärt, dass sie nicht die erste wäre, die ein so wahnwitziges Projekt in die Tat umsetzte.

Etwa in Walter Abishs Roman Alphabetical Africa begännen alle Wörter des ersten Kapitels mit dem Buchstaben A, im zweiten Kapitel mit A oder B, im dritten mit A, B oder C, usw. Seien schliesslich alle Buchstaben erlaubt, nehme der Autor bei jedem Kapitel wieder einen Buchstaben weg, so dass beim letzten Kapitel wieder nur noch Wörter, die mit A begännen, erlaubt seien. Eine noch viel heiklere Aufgabe habe sich der französische Schriftsteller Georges Perec gestellt. Er habe nämlich einmal einen Roman geschrieben, in dem der im Französischen recht häufige Buchstabe E nicht vorkomme, niemals, an keiner Stelle. Und das sei doch ein wesentlich schwierigeres Unterfangen als das ihre. Das sei ausschlaggebend gewesen für ihre Entscheidung, sogleich mit dem Schreiben zu beginnen.

Zugfahrt

Der Himmel ist im November oft wie eine stählerne Decke, unter welcher der Zug durch die Landschaft gleitet. Ein Roboter der neuesten Generation setzte sich neben mich. Sein Herz war aus Metall und Drähten, das spürte ich sofort. Seine Ansichten waren jedoch erstaunlich. Er referierte über Frauen, die keine Kinder bekommen können, über das Verhalten von Fischschwärmen und über die Entstehung von Gletschern. Bei mir sehe er einen weissen Raum, den ich offensichtlich brauche, um verlorene Welten zu durchwandern, wofür ich noch reichlich Zeit hätte. Die Frau mit den geschminkten Lippen dort hinten dagegen, fuhr er fort, versuche mit dem Handy ihre Leere, ihre Einsamkeit zu verbergen, ihre Stirn sei kühl wie Fensterglas. Der wohlbeleibte Mann mit dem roten Kopf und dem Bürstenschnitt, der ein Kreuzworträtsel löse, wisse nicht, dass er nicht mehr weit komme.

Je länger wir fuhren, desto deutlicher glaubte ich das Klirren und Klappern der Ohren des Roboters zu hören. Dabei bewegte er sich kaum. Eigentlich sah er aus wie ein normaler Mensch. Er trug einen dunklen Anzug, Krawatte und schwarze Schuhe.

»Keiner kommt ungeschoren davon«, sagte er plötzlich. »Es ist bekanntlich immer der falsche Moment. Wenn wir aus dem Krankenhaus nach Hause kommen, glauben wir ins Paradies zu kommen. Wenn wir Ferien haben, wähnen wir uns ebenfalls im Paradies. Und wenn wir sterben, glauben wir plötzlich, das beschwerliche Leben sei das Paradies gewesen.«

Als der Zug an einem kleinen Bahnhof anhielt, flatterten Tauben auf und durch den Nebel über die gezückten Fotoapparate von zwei japanischen Touristen hinweg davon. Dieser Moment war für mich, ich weiss nicht wieso, von grösster Schönheit erfüllt. Als ich neben mich schaute, wo der Mann im Anzug eben noch gesessen hatte, war der Sitzplatz leer. Einzig ein bläuliches Licht glaubte ich zu sehen, doch dann war da nichts mehr.

Vorsehung

Es war einmal ein Kronprinz, der nach der Jagd rastete und mit Erstaunen feststellte, dass er verstehen konnte, was die Vögel auf den Bäumen einander zuzwitscherten. Unter anderem erfuhr er so, dass seine Vermählte es eben in diesem Augenblick mit dem Koch trieb. Die Eule wusste bereits, dass sie in der Folge schwanger werden würde, was dem Prinzen nur recht sein konnte, da er selbst trotz aller Anstrengung kein Kind zustande bringen konnte und der Koch sein leiblicher Bruder war, was dieser aber nicht wusste. So blieb die Krone sozusagen im Haus.

Unbemerkt