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Karin Müller zieht nach dem Tod ihrer Tante, die sie großgezogen hat, zurück nach Wasserburg. Dort erfährt sie, dass sie zur Alleinerbin bestimmt ist. Doch möchte sie sich dort für immer niederlassen? Neben dem pensionierten Ehepaar Zwiebel scheint sogar der ehemalige, spitzelambitionierte Polizist Lohmeier seine Geheimnisse zu verbergen. Aber ist der dubiose neue Nachbar, Sebastian Salzinger mit seinem Schäferhund Killer, ein Drogendealer, der vielleicht sogar etwas mit dem in Bayern aufgetauchten vergifteten Schnupftabak zu tun hat? Davon ist Karin Müller, nachdem sie Zeuge eines Telefonats geworden war, überzeugt. Als bei der Polizei ihr Schreiben, das sie anonym verschickt hatte, nicht ankommt, begibt sie sich selbst auf Spurensuche und kommt Sebastian Salzinger dabei näher, als ihr lieb ist.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Autorin Doris Zielke, Jahrgang 1964, wuchs in Wasserburg auf. Sie lebt nun mit ihrer Familie im Rhein-Main-Gebiet und arbeitet auch weiterhin als Sekretärin im Gesundheitswesen.
„Auf gute Nachbarschaft“ ist ihr zweiter Roman. 2015 erschien ihr Erstlingswerk „Stromgänger“, ein historischer Roman, welcher ebenfalls in Wasserburg am Inn spielt.
Doris Zielke
Gartenzaun Connection
© 2020 Doris Zielke
Umschlagbild: Diana Metzig-Bartl
Lektorat: Karina Przybilla
Satz und Gestaltung: Meinhard Zielke
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-09926-5
Hardcover
978-3-347-09927-2
e-Book
978-3-347-09928-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
In Liebe und Dankbarkeit für Tante Irmgard
Falls Sie in dem einen oder anderen Charakter oder Querkopf ihren Nachbarn wiederzuerkennen glauben, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht ganz auszuschließen, allerdings so verfremdet, dass es „der oder die Oane sein kanntat, oder aba a net …“
***
Alle Drogenmischungen sind ausschließlich meiner Phantasie entsprungen und bei Nachahmung mit Sicherheit auch in kleinen Dosierungen absolut tödlich!
Es handelt sich um eine rein fiktive Geschichte in einer fiktiven Straße!
Prolog
„Tödlicher Schnupftabak kostet Menschenleben“
Roland K., 62 Jahre, ist nach zwei Tagen im Koma auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Rechts der Isar verstorben, nachdem er Schnupftabak, welcher mit giftigen Substanzen vermischt war, geschnupft hatte. Die Kriminalpolizei schließt einen Anschlag, der auf Roland K. persönlich gerichtet war, mittlerweile aus. Nun ermittelt sie, ob vergifteter Schnupftabak in Umlauf gebracht wurde, um der zu neuem Glanz erblühten Schnupftabakindustrie nachhaltig zu schaden.
Nachdem der Schnupftabak jahrzehntelang ein Mauerblümchendasein frönte, ja fast ganz aus der bayerischen Tradition verschwunden geglaubt war, hatte es seit letztem Jahr eine beispiellose Renaissance erlebt, die weit über Europa hinaus Furore macht.
Die Erfindung der Brüder Bachmeier, das Schnupftabak-Dosier-Gerät namens „Schnupfler“, in Herzchenform auf den Markt zu bringen, wurde der Oktoberfest-Verkaufsschlager des letzten Jahres, denn die Schnupftabakindustrie erkannte den neuen Trend schnell. Die Produktion wurde um Schnupftabak mit Heilkräutern und Duftaromen, wie die beliebte Vanille, erweitert. Mittlerweile haben auch der Buchmarkt und das Internet den neuen Trend aufgegriffen und Ratgeber zur richtigen Anwendung von Schnupftabak bei verschiedenen Leiden auf den Markt gebracht.
Doch nicht alle sind glücklich über den großen Zuspruch der neu erblühten Schnupftabakeuphorie. Alois Brandner, Vorsitzenderdes Schmalzler e. V., ein Verein zur Pflege des Konsums von Schnupftabak im Speziellen und Wahrung bayerischer Traditionen im Allgemeinen, äußerte sich sehr kritisch. „A Schnupftabak is nix fir die Weiba undscho gar nix für’n Chinesn. Unda Schnupftabak is a Schnupftabak und net so a Gmisch aus lauta Zeigs. “ Nachdem Herr Alois Brandner seinen Standpunkt in der Aktuellen Stunde des Bayerischen Fernsehens geäußert hatte, prasselte ein Shitstorm seitens des weiblichen Geschlechts über den Schmalzler e. V. im Allgemeinen und Herrn Alois Brandner im Besonderen herein.
Dennoch muss nach den Recherchen des Bayerischen Boten konstatiert werden, dass Herr Alois Brandner mit seiner Meinung nicht allein ist. Eine nicht genau definierte Anzahl an Menschen, die die bayerische Tradition in ihrer Urform verteidigt wissen wollen, sieht eine Verkitschung ihrer Werte in Form des Schnupflers und der neuen Schnupftabakmischungen.
Wenn sich nun herausstellen täte, dass der vergiftete Schnupftabak kein Anschlag auf die Person des Roland K. wäre, sondern ein Anschlag auf die neue, modernere Form der Schnupftabakindustrie, dann wäre ein immenser finanzieller Schaden nicht auszuschließen, der hunderte von neu geschaffenen Arbeitsplätzen gefährden könnte.
Die Kriminalpolizei München hat daher die Sonderkommission „Schnupftabak“ gegründet, um alle Möglichkeiten zu sondieren und die Ermittlungen voranzutreiben.
Der Bayerische Bote wird weiter berichten.
1. Kapitel
‚Was für ein knackiger Hintern‘, dachte Karin Müller. Die Feststellung stimmte, doch falsch an der Situation war, dass besagtes Gesäß entblößt in ihrem Bett im schnellen Rhythmus auf und nieder schwang, während unter Andrew ein weibliches Wesen stöhnte. Karins Hand suchte Halt am Türrahmen. Während sie noch überlegte, weshalb sie ausgerechnet jetzt, jetzt in diesem Moment über den Hintern ihres Freundes nachdachte, während doch eigentlich ihre Welt zusammenbrechen müsste, wuselte unter dem Männerkörper ein Kopf roter Locken hervor. Das erschrockene Quieken begriff Andrew fälschlicherweise als Aufforderung zur Leistungssteigerung, woraufhin die Frau mit einer Faust auf ihn einzuschlagen begann und ein schrilles „no, no, stopp, oohhh, ooohh …“ dazu schrie. Die weit aufgerissenen panischen Augen des roten Lockenköpfchens bremsten Andrew, dem langsam zu dämmern schien, dass hier gerade etwas ziemlich schieflief.
„Warum bist du nicht im Laden?“
‚Typisch‘‚ dachte Karin, ‚ich denke in so einem Moment an Hintern und Andrew daran, wieviel Geld er verliert, während sein Souvenirgeschäft vor Edinburghs Burganlage geschlossen bleibt.‘
Cool jetzt, ganz cool! In ihren Ohren rauschte es, vor ihren Augen tanzten rote Punkte und am liebsten wäre sie auf die Toilette gestürzt, um sich zu übergeben. Aber nicht vor den Beiden! Sie würde nicht weichen, sie hatte niemanden hintergangen, sollten Andrew und Rotkäppchen doch zusehen, wie sie aus dem Bett herauskamen, während sie in der Tür stehen blieb. Sie schwieg. Hielt sich am Türrahmen fest, kniff ihre Augen in gefährliche Schlitzposition und schwieg.
„Karin!“, Andrew, dessen Highlander Gene in solch einer Situation automatisch hochploppten wie Sektkorken an Silvester, hatte noch nicht einmal seine Position gewechselt. „Es tut mir wahnsinnig leid, dass du es so erfährst.“ Jetzt bequemte er sich doch noch, nach der Bettdecke zu angeln, „wir reden gleich.“
„Oh, duuuu willst reden? Duuuu? Ich will, dass ihr in zehn Minuten aus meiner Wohnung verschwunden seid!“
„Karin?“
Karin drehte sich auf dem Absatz um.
„Karin! Das ist meine Wohnung.“
Leider auch wieder wahr. Sie war nur die Kraut, die Deutsche, die bei ihm eingezogen war und gehofft hatte, hier in Edinburgh, zusammen mit ihrem Traummann, ein Zuhause zu finden.
Was für ein verdammter Mist!
Sie riss die Wohnungstür auf und Mrs Clark, die betagte Dame von der Wohnung gegenüber, fiel fast kopfüber in Karins Arme. Natürlich, der alte neugierige Drache wusste längst von Andrews Seitensprung und wollte sich, das Ohr an die Wohnungstür gepresst, nichts entgehen lassen. Das schuldbewusste Lächeln, während sie ihre violett ondulierte Haarpracht in Form zupfte, sprach Bände. Im Hintergrund hörte sie Andrew, der wie ein wild gewordenes Känguru auf sie zu hüpfte, während er verzweifelt versuchte, in das zweite Hosenbein seiner Jeans zu schlüpfen.
‚Nur raus hier!‘ Die Tränen ließen sich nun nicht mehr zurückhalten, Karin suchte nach einem Fluchtweg und ihr Blick fiel auf die Eingangstür von Mrs Clark. Sie schob die alte Dame zur Seite und rannte zur Nachbarswohnung, die diese heuchlerische Schabracke einen Spalt weit offengelassen hatte, um einen schnellen Rückzug nach ihrem Lauschangriff zu garantieren. Das empörte „Hey!“ missachtend, erstürmte Karin den Hausflur der Nachbarwohnung, knallte die Wohnungstür zu und erreichte gerade noch rechtzeitig das kleine Bad, bevor ihr Mageninhalt den Weg nach oben fand.
Wie hatte sie sich so in Andrew täuschen können? Warum musste er ihr das antun? Sie hatte doch ihr altes Leben für ihn aufgegeben, war in Schottland geblieben, in der Hoffnung hier endlich Heimat zu finden. Karin richtete sich wieder auf und ließ ihren Blick über Mrs Clarks himmelblaues Plüschdesign wandern, das das Badezimmer dominierte. Karin beugte sich über das Waschbecken und fragte sich zum tausendsten Mal, weshalb die Schotten jahrhundertelang Krieg mit England geführt hatten, aber an einer so dämlichen Tradition des britischen Empire festhielten, einen Wasserhahn mit kaltem Wasser und einen Wasserhahn mit heißem Wasser an einem Waschbecken so weit voneinander zu platzieren, dass es unmöglich war, fließendes lauwarmes Wasser aufzufangen. Aber eigentlich war es ja diese gewisse Verschrobenheit, dieser Stolz auf die eigene Herkunft und die eigenen Macken, die es Karin in Schottland leicht gemacht hatten, sich sofort wohl zu fühlen. Das erinnerte sie an ihre ursprüngliche Heimat, ein kleines mittelalterliches Städtchen namens Wasserburg in Oberbayern. Hier war sie bei ihrer Tante Hildegard aufgewachsen, nachdem ihre Eltern, beide Reisejournalisten, bei einem Autounfall in Bangladesch ums Leben gekommen waren.
Es läutete Sturm. „Geschieht dir recht du alte Widerwurzn“, murmelte Karin, „du hast mich ja noch nie leiden können, bloß weil ich eine Deutsche bin. Wahrscheinlich hast du Angst, ich könnte deinen ganzen kitschigen Nippes klauen!“ Die Tränen strömten immer noch in Sturzbächen aus ihren Augen.
Nachdem sie sich ihren Mund ausgespült und wiederaufgerichtet hatte, ging sie zum Fenster, zog die hellblauen Polyestervorhänge mit den weißen Schäfchenwolken beiseite, öffnete das Fenster und sog tief die frische Luft ein.
‚Was jetzt? Wohin jetzt?‘ Bevor Mrs Clark die Nationalgarde herbeirief, um sie mit Handschellen aus ihrer Wohnung zerren zu lassen, brauchte sie einen Plan. Mist! Alle Freunde in Edinburgh waren vor allem Andrews Freunde, die mit Sicherheit zu ihm halten würden. Dort war keine Zuflucht zu finden. Außerdem brauchte sie jetzt einen Ort, an dem sie sich verkriechen, heulen und ihre Wunden lecken konnte.
Das Geklingel hatte mittlerweile aufgehört. War das die Ruhe vor der Erstürmung durch Sicherheitskräfte? Sie zog das Fenster wieder zu, eine Hand blieb am Vorhang mit dem Design „Schäfchenwolken auf blauem Himmel“ hängen. Nirgendwo gab es einen so blauen Himmel wie in Bayern, wie gerne würde sie sich direkt dorthin beamen, am Chiemsee entlanglaufen, Steine in den See pfeffern und anschließend nach Wasserburg zurückfahren und in dem Café am Marienplatz ein fettes Butterbrot mit draufgestreutem, frischem Schnittlauch bestellen. Die Zähne in ein richtig dunkles Brot mit knuspriger Kruste versenken. Und dann bei Tante Hildegard ihr Herz ausschütten. Ihre Tante, die sie vor vielen Jahren aufgenommen hatte und sicher krampfhaft versuchen würde sich nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert sie war, dass die Episode Andrew vorbei war. Ein erstes Treffen zwischen Tante Hildegard und Andrew war nicht so verlaufen, wie es sich Karin gewünscht hätte. Auch wenn sie nichts sagte, so hatte Karin doch die Vorbehalte ihrer Tante gegen Andrew gespürt.
Mist, Mist, Mist! Die Tatsache, dass ihre Tante mit ihrer Menschenkenntnis Recht behalten hatte, hielt sie ab, sich eine Tasche zu schnappen, ein Flugticket nach München zu besorgen und Trost bei ihrem einzig verbliebenen Familienmitglied zu suchen. Nicht zu vergessen Streuner, dem rabenschwarzen Kater, dem sie seit jeher alle Geheimnisse anvertraute.
Jetzt klopfte es an der Wohnungstür. „Karin, Karin, öffne bitte die Tür!“ Andrew!
Karin setzte sich auf den Badewannenrand. Wie sollte sie nachdenken bei diesem Lärm? Sie rollte sich reichlich von dem rosafarbenen Toilettenpapier ab und schnaubte sich trompetend die Nase frei. Wie sie es drehte und wendete, sie würde wohl in den sauren Apfel beißen und ihrer Tante erklären müssen, dass sie erst einmal wieder bei ihr unterschlüpfen müsste. Mist, elendiger!
Das Geklopfe wurde lauter. „Karin – öffnen – wichtiger Anruf – Tante – Deutschland.“, klang es dumpf vom Hausflur durch die geschlossene Tür.
Karin horchte auf. ‚Na so was‘, dachte sie gerührt, ‚hat Tantchen wieder den siebten Sinn, dass ich ihre Hilfe brauche.‘ Halb resigniert, halb erleichtert tupfte sie sich die Tränenspuren aus dem Gesicht, entsorgte den rosafarbenen Papierklumpen in der Toilette und trat in den Flur. Das Klopfen verstummte erst, als Karin die Wohnungstür öffnete. Mrs Clark erklomm ihr Reich wie eine abgeschossene Rakete, drängte sich empört an Karin vorbei, schubste sie energisch hinaus und schloss mit einem lauten Knall die Wohnungstür. Na, die würde es sich zweimal überlegen, wie sie die nächsten nachbarschaftlichen Lauschangriffe plante! Jetzt stand Sie Andrew Auge in Auge gegenüber.
„Es tut mir wirklich leid“, so betreten hatte Karin Andrew noch nie gesehen, als er ihr das Telefon entgegenhielt.
Mit einem Kopfnicken Richtung ihrer noch, oder besser gesagt ehemaligen, gemeinsamen Wohnung fragte Karin, „ist Rotlöckchen noch drin?“ Andrew schüttelte verneinend den Kopf. Karin ging zurück in die Wohnung, Andrew folgte ihr zögernd. Sie seufzte laut auf, hielt das Telefon an ihr Ohr und sagte, „Hallo Tante Hildegard.“
Kurzes Schweigen am anderen Ende der Telefonleitung.
„Hallo, hallo, Tante Hildegard, bist du noch dran? Es tut mir leid, dass ich dich so lange habe warten lassen. Hier ist einiges passiert.“ Sie seufzte laut und theatralisch auf. Besser, die Tante schon einmal seelisch darauf vorzubereiten, was nun kommen sollte.
„Karin?“ Das war zweifelsohne eine männliche Stimme. Irritiert sah sie auf das Telefondisplay. Das war doch die Vorwahlnummer von Wasserburg?
„Karin!“, nochmal diese belegte Stimme, „Hier ist Florian.“ Und bevor sie ihn, ihren Freund aus Kindertagen begrüßen konnte, fuhr er schon wie gehetzt fort, „Karin, du musst sofort herkommen. Es tut mir leid, aber ich muss dir mitteilen, dass deine Tante letzte Nacht verstorben ist.“
Hinter ihr fiel eine Tür ins Schloss.
2. Kapitel
Karin starrte fassungslos auf das Gepäckförderband im Münchner Flughafen Franz-Josef-Strauß‚ auf welchem einsam ein Rucksack, der definitiv nicht ihr gehörte, seine Bahnen zog. ‚So viel Pech kann doch kein Mensch haben‘, dachte sie wütend und sah sich hilfesuchend nach einem geeigneten Opfer um, das sie für diese weitere Misere in ihrem Leben verantwortlich machen konnte. Doch mit ihren verheulten Augen und der roten Nase zog sie einen unsichtbaren Bannkreis um sich. Die Trauer um den Tod ihrer geliebten Tante und Andrews Verrat hatten sie mit voller Wucht getroffen. Wie sie es letztendlich geschafft hatte, ein paar Sachen zusammen zu packen, das Flugticket zu organisieren und es in den Flieger zu schaffen, war ihr im Nachhinein ein Rätsel. Der Nebel voller Schmerz lichtete sich erst, als sie am Gepäckförderband stand und ergebnislos auf ihre zwei Koffer wartete.
Auf der Suche nach einem Schalter, an dem sie ihr Gepäck als vermisst melden konnte, passierte sie ein Kleinkind, das sich wütend kreischend auf dem Boden wälzte. Ach, wie gerne würde sie sich jetzt direkt neben dem Balg auf den Steinfliesen wälzen und ihren Frust herausschreien!
„Entschuldigung‚ Entschuldigung“, stoppte Karin eine afrikanisch aussehende Reinigungskraft, die eigentlich auf einen Pariser Laufsteg gehörte als in diesen potthässlichen Polyesterkittel und die mit ihrem schweren Materialwagen nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnte, „wo kann ich mein Gepäck als vermisst melden?“ Die Angesprochene sah sie mit großen Augen an, und Karin seufzte tief auf, ‚war es so schwer Personal mit minimalen deutschen Sprachkenntnissen zu finden?‘
„Da müssn’s zum Gepäckschalta“, wurde sie schnell eines Besseren belehrt, „aba deswegn müssn’s net woana, meistns taucht da Koffa schnell wierda auf.“ Die afrikanische Schönheit lächelte ihr aufmunternd zu und deutete auf einen Schalter direkt vor ihr, auf dem groß und sichtbar ein Schild mit „Lost and Found“ angebracht war. Karin fühlte sich etwas besser, bis sie an der Reihe war und sie detailreich Angaben zu ihren zwei verschollenen Koffern machen konnte. Während die Mitarbeiterin am Schalter ihr das Formular ihrer Gepäckverlustmeldung aushändigte und sie explizit darauf hinwies, dass sie bei allen Rückfragen die darauf vermerkte Referenznummer angeben musste, klingelte Karins Handy. Abgelenkt von dem Gebimmel stopfte sie geistesabwesend das Formular in ihre Jackentasche und schulterte ihre Handtasche.
„Karin, Süße, bist du ins falsche Flugzeug gestiegen? Ich warte hier schon seit Stunden!…“, Florian wollte es sich nicht nehmen lassen, sie vom Flughafen abzuholen.
„Bin schon auf dem Weg. Stell’ dir vor, die haben mein Gepäck ins falsche Flugzeug gepackt.“
Statt eines mitfühlenden Kommentars, lachte Florian glockenhell ins Telefon. „Hach, du Ärmste!“, er wedelte mit seinen Armen, während sich die Schiebetür öffnete und Karin endlich in den öffentlichen Bereich trat. Auch ihm war anzusehen, dass ihn der Tod von Tante Hildegard getroffen hatte, auch wenn er versuchte, dies hinter einer halbwegs fröhlichen Miene zu verstecken. Aber in Anbetracht des ernsten Anlasses war er heute ganz in Schwarz gekleidet. Einzige Ausnahme war ein tiefroter Schal, den er sich kunstvoll um den Hals geschlungen hatte. Und, wie Karin kurz amüsiert feststellte, waren seine Augen wie immer mit schwarzem Kajal umrandet.
Florian hauchte Karin je ein Küsschen auf die rechte und linke Wange, dann hielt er sie eine Armlänge von sich entfernt und betrachtete sie.
„Ich weiß, ich sehe grauenvoll aus.“
„Grauenvoll ist noch eine sehr positive Umschreibung! Aber keine Sorge, das bekommen wir schon wieder hin.“
„Darf ich bitten!“, er schob sie hinter sich mitten durch eine Gruppe Rentner, die unsicher in der Halle standen und versuchten sich zu orientieren, „nach Mallorca geht’s nach reeheechts!“, flötete er. Erleichtert nickte der zum Reiseführer auserkorene ältere Herr im karierten Hemd ihnen zu und scheuchte den Rest seiner Truppe in die besagte Richtung.
„War doch nur ein Scheeheerz!“, rief Florian hinterher, doch einmal in Gruppenbewegung geraten, ließ sich die Rentner-Gang nicht mehr aufhalten.
„Ähm“, meinte Karin, „solltest du nicht hinterher und das Ganze richtigstellen?“
„Aber mein Schatz, warum denn? Vielleicht fliegen sie jetzt nach Timbuktu und haben den Urlaub ihres Lebens! Und der Herr im rotkarierten Hemd mit den passend weißen Tennissocken in seinen braunen Sandalen findet eine glutäugige, braunhaarige Schönheit, die ihn vergessen lässt, dass er seit zehn Jahren einen gerichtlichen Nachbarschaftsstreit führt, weil der nackte Popo des nachbarschaftlichen Gartenzwergs genau auf seine Haustür zeigt.“
Karin musste laut auflachen. Florians unerschütterlicher Frohsinn durchbrach zum ersten Mal seit zwei Tagen ihre Trauer und Verzweiflung. Dennoch blieben beide kurz stehen und vergewisserten sich, dass der Rentnertrupp abermals zum Stehen kam und anschließend offensichtlich den Weg zum richtigen Gate gefunden hatte.
„Wir müssen los“, drängelte ihr Jugendfreund, „ich stehe im absoluten Halteverbot.“
Wo auch sonst?
Die großen Schiebetüren öffneten sich und Karin stand kurz wie geblendet im Weg der hektischen Reisenden, die sich um sie herum teilten wie Moses das Meer. Zuhause! Zumindest bis sie wusste, wie es weitergehen sollte.
„Wo steht denn dein Auto?“
Florian deutete auf einen grellgrünen VW-Käfer, der inmitten wartender Taxis parkte. Von hinten näherte sich eine Politesse. „He, Sie da, warten Sie einmal!“ Die Dame in Uniform kam schnellen Schrittes auf sie zu, in der Hand wedelte sie mit einem Stück Papier. Offensichtlich wollte sie gerade eine Anzeige wegen Falschparkens aufnehmen.
Florian und Karin sahen sich kurz an, dann sprinteten sie wie von der Tarantel gestochen auf Kommando gleichzeitig los, sprangen in den VW-Käfer, ignorierten die bissigen Bemerkungen der grantigen Taxifahrer, Florian startete den Wagen und fuhr Handküsse verteilend mit quietschenden Reifen davon.
Zurück blieb die Politesse‚ die eigentlich gar keinen Strafzettel verteilen wollte und jetzt unschlüssig auf das Formular starrte, welches Karin kurz vorher aus der Jackentasche gefallen war. ‚Gepäckverlustmeldung‘ las sie, was sollte sie jetzt damit machen? War sie die Post? Nein, war sie nicht. Sie zerknüllte den Wisch und warf ihn in den nächsten Abfallbehälter. In den Papiermüll, natürlich, so viel Ordnung musste sein!
3. Kapitel
„Bringst du mich zuerst in die St.-Benedikt-Straße?“, fragte Karin. In der St.-Benedikt-Straße in der nahegelegenen Wohnsiedlung neben der fast vom Inn umschlungenen mittelalterlichen Stadt Wasserburg stand das Häuschen ihrer verstorbenen Tante.
„Da kommst du nicht rein.“
„Wieso komme ich da nicht rein, ich habe einen Schlüssel. Und Frau Zwiebel, die Nachbarin, hat doch auch einen Ersatzschlüssel. Für alle Fälle.“
Florian biss sich auf die Lippen und umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Ich wollte dir das eigentlich erst bei mir Zuhause sagen. Die Polizei hat das Haus versiegelt, weil die Todesursache von Tante Hildegard unklar ist. Sie wurde von Frau Zwiebel tot aufgefunden, aber weshalb – oder besser gesagt, an was – sie gestorben ist, weiß bisher keiner. Sie war doch eigentlich topfit! Ist viel Fahrrad gefahren und war ständig beim Schwimmen.“
Karins Augen füllten sich wieder mit Tränen. Diese Frage hatte sie sich auch schon gestellt, doch in dem ganzen Chaos ihres Aufbruchs aus Schottland war sie nicht imstande gewesen, sich damit auseinander zu setzen. „Du meinst doch nicht etwa, sie hat sich selbst…?“, fragte sie mit erstickter Stimme.
„Nein, nein, dafür gibt es keine Anzeichen. Also keine eindeutigen. Also, keine leere Schlaftablettenpackung oder ähnliches neben ihrem Bett. Wahrscheinlich ist sie ganz friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Aber die Polizei muss dem nachgehen, wenn die Todesursache nicht feststeht.“ Seine Hand tastete kurz nach ihrer, „es wird leider eine Obduktion geben.“
Sie starrte aus dem Fenster. Ihre Tante in einem kalten Sektionsraum, eine grauenhafte Vorstellung. „Wo?“
„Im Institut für Rechtsmedizin in München. Ich nehme an, wenn die nichts finden, was auf Fremdverschulden hinweist, kann ziemlich bald die Beerdigung stattfinden und du kannst dann ins Haus.“
Florian versuchte aus seinem alten VW-Käfer jeden einzelnen der vierunddreißig Pferdestärken herauszuholen, damit er den LKW vor sich überholen konnte.
„Und Streuner? Wer füttert Streuner?“ Tante Hildegards rabenschwarzer Kater. Zäh schob sich der Wagen am LKW vorbei, ein entgegenkommendes Auto verlangsamte deshalb die Geschwindigkeit nicht, sondern betätigte wie wild die Lichthupe. „Das arme Katzenvieh ist völlig außer Rand und Band.“, Florian ließ sich von dem Geblinke nicht hetzen, „es hat wohl nicht verstanden, weshalb deine Tante nicht wieder aufgestanden ist.“ Im letzten Augenblick scherte der VW-Käfer vor dem LKW wieder in die richtige Spur ein, während der entgegenkommende SUV Sekunden später hupend an ihnen vorbeirauschte. „Soweit ich weiß, stellt Frau Zwiebel Futter und Wasser hin.“
Langsam atmete Karin wieder aus. „Das übernehme ich jetzt.“ „Und ich deine Klamotten! Wir werden schon etwas bei mir finden, nachdem deine Koffer die Welt bereisen und du nichts aus deinem alten Kinderzimmer in der St.-Benedikt-Straße herausholen kannst.“ Florian wirkte äußerst zufrieden.
***
Frau Zwiebel, die Nachbarin von Gegenüber, die Tante Hildegard tot aufgefunden hatte, befand sich genau zu diesem Zeitpunkt auf Abwegen. Sie gönnte sich eine kleine Auszeit.
Hin und wieder nahm sie sich einen Nachmittag von ihrem verbissenen Gatten frei. Angefangen hatte es, als sie ihre inzwischen an Krebs verstorbene Nachbarin, Frau Veronika Lohmeier, einmal wöchentlich in der Onkologischen Abteilung des Krankenhauses „Rechts der Isar“ besucht hatte. Anschließend traf sie sich mit ihrer alten Jugendfreundin Laura zum Abendessen oder Konzertbesuch. Sie, Frau Zwiebel, fühlte sich wieder einmal frei. Deshalb fuhr sie auch weiterhin regelmäßig nach München, als alle medizinischen Möglichkeiten für ihre Nachbarin austherapiert waren.
Bis einmal Laura keine Zeit für sie und sich ihr Programm plötzlich kolossal geändert hatte.
Nun stand sie in dem kleinen Bad eines Hotelzimmers und betrachtete sich, wie Gott sie erschaffen hatte, ohne zu verhindern, dass das Alter unbarmherzig seine Spuren hinterlässt.
„Mein Busen hängt“, stellte sie mit der Sachlichkeit einer pensionierten Oberstudienrätin, die Jahrzehnte lang versucht hatte, die Grundlagen der Naturwissenschaften in jugendliche Köpfe zu hämmern, fest.
Ein Männerkopf lugte durch die Badezimmertür. „Ach was, dein Busen hängt nicht, deine Hüften sind nach oben gerutscht.“
Gertrud Zwiebel lachte schallend. Dieser Mann war wie ein Jungbrunnen für sie. Schade nur, dass es nicht ihr Ehemann war.
***
Florians Unbekümmertheit täuschte. Hinter seinem durch nichts zu bremsenden Optimismus und seinem extrovertierten Äußeren verbarg sich ein äußerst mitfühlender Mensch, der tief in die Seelen seiner Gegenüber blicken konnte. Und der wusste, wie hart das Schicksal zuschlagen konnte.
Er war schlichtweg auf einen Betrüger hereingefallen. Er hatte Kurt im Englischen Garten kennengelernt. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick, während für Kurt wohl auf dem ersten Blick klar gewesen war, dass er jemanden vor sich hatte, dessen Gutmütigkeit er restlos ausnutzen konnte. Nach vier Wochen Liebestaumel, inklusive einer Reise auf die Malediven, die sich Florian eigentlich gar nicht hatte leisten können, aber doch gebucht hatte, da Kurt so davon schwärmte, war sein Konto leer und seine sämtlichen Ersparnisse geplündert. Auch mit der Miete war er in Rückstand, was kein großes Problem geworden wäre, wenn Kurt ihm das Geld, das sich der Kerl „kurzfristig“ geliehen hatte, zurückgezahlt hätte. Doch Kurt war fort, ohne ein Wort, ohne eine Notiz zu hinterlassen. Es brach Florian das Herz. Gleichzeitig zu der Erkenntnis, dass sein Vertrauen restlos missbraucht worden war und seine Finanzen böse in den roten Zahlen lagen, flatterte das Kündigungsschreiben für seine Wohnung per Einschreiben ins Haus.
Doch es kam noch schlimmer. Noch während Florian überlegte, ob er um einen Gehaltsvorschuss für seine Arbeit als Maskenbildner bitten konnte, wurde ihm im Theater mitgeteilt, dass die dortigen erforderlichen Sparmaßnahmen leider, leider eine betriebsbedingte Kündigung für ihn beinhalteten.
Florian fehlte die Kraft, dagegen zu klagen. Er hatte auch keine Chance, die Wohnung zu behalten. Wie auch ohne Rücklagen und ohne Job? Er musste zähneknirschend seine Eltern bitten, ihm aus der finanziellen Klemme zu helfen, damit er durch die Mietschulden nicht auch noch in ein Insolvenzverfahren rutschte. Die Eltern sprangen finanziell ein, verdonnerten ihn aber gleichzeitig, in ihr leerstehendes Haus in Wasserburg einzuziehen, bis sie sich entschließen sollten, ihre zweite Heimat auf Mallorca wieder aufzugeben und in die bayerische Heimat zurückzukehren.
Also brach er verzweifelt seine Brücken in München ab, packte seine spärlichen Habseligkeiten in den VW-Käfer und zog zurück in seine alte Heimatstadt.
Es sollte ursprünglich nur ein Zwischenaufenthalt werden, bis er wieder finanziell auf eigenen Beinen stand, denn seine Kindheit in Wasserburg betrachtete er mit gemischten Gefühlen. Die Pausen auf dem Schulhof waren ihm damals ein Gräuel gewesen, bis Karin auf ihn aufmerksam geworden war und ihn unter ihre Fittiche genommen hatte. Sie wurde zu seiner Herzensfreundin und Tante Hildegard zu einer verschwiegenen Verbündeten, die beide Kinder an Kleiderschränke und Schminkutensilien ließ, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.
Nach seiner Rückkehr nach Wasserburg stellte er jedoch voller Erstaunen fest, dass er als schräger Vogel, der er nun einmal war, nicht ausgegrenzt wurde. Künstlerische Begabungen wurden in der Kleinstadt hochgehalten. Und so wurde er als ausgebildeter Maskenbildner direkt gefragt, ob er beim großen Bürgerspiel seine Passion einsetzen konnte. Er verdiente zwar nichts dabei, traf aber mit seiner offenen und positiven Art sofort die Herzen der Wasserburger, die sich vertrauensvoll von ihm schminken ließen. Er hatte seinen Platz gefunden. Während er sich mit unregelmäßigen Jobs finanziell über Wasser halten musste, heilte langsam seine Seele.
Florian genügte daher nur ein kurzer Seitenblick, um zu sehen, dass Karin völlig am Ende ihrer Kräfte war, so wie sie zusammengesunken im Autositz hing. Warum musste sie das auch allein durchstehen, warum war ihr Highlander nicht bei ihr? „Kommt Andrew nach?“, fragte er vorsichtig.
„Nein!“ Ihre Blicke trafen sich kurz. „Andrew ist weg. Für immer. Habe ihn mit einer anderen im Bett erwischt, kurz bevor dein Anruf kam.“
„Aua!“
Dann schwieg er. Was gab es dazu auch noch zu sagen? Jedes weitere Wort wäre nur zu einer Phrase verkommen.
„Genau. Mist! Schlimmer geht’s jetzt nicht mehr, oder?“, sie weinte nun hemmungslos, „mein ganzes Leben ist am Ende. Andrew hat mich betrogen und meine Tante, die mir im Leben am nächsten stand, ist tot. Was soll ich denn jetzt nur machen?“
Was hätte ihre Tante jetzt zu ihr gesagt, wenn sie noch leben würde? Es war, als wäre ihre Stimme direkt in ihrem Kopf: „Ach Mäuschen, es gibt keine Altersbegrenzung, um nicht nochmal neu anzufangen. Und du bist noch so jung. Also ran an die Fleischpflanzerl, Bulletten gibt’s nur in Berlin.“
***
Frau Zwiebel parkte ihren Wagen vor ihrem Einfamilienhaus in der St.-Benedikt-Straße ein und blieb noch eine Weile im Auto sitzen. Sie brauchte ein paar Minuten, um sich zu rüsten. Um die Tür zu öffnen, ihre Schuhe abzustreifen und diese in Reih und Glied zu den anderen zu stellen. Das quengelnde und beleidigte „Getrud, bist du’s?“ zu hören, in die Küche zu gehen und auf das Chaos zu starren, das ihr Gatte angerichtet hatte.
Sie atmete tief durch, öffnete die Autotür und stieg aus. Während sie den BMW verriegelte, beschloss sie, zuerst den schwarzen Kater ihrer verstorbenen Nachbarin zu füttern. Frau Zwiebel überquerte die Straße und öffnete das kleine Gartentor, dann umrundete sie das Haus auf dem kleinen Gartenstück.
Verfolgt wurde sie von zwei Augenpaaren aus den Nachbarhäusern. Herr Lohmeier, der ihre Ankunftszeit in sein schwarzes kleines Notizbuch schrieb und Sebastian Salzinger, der neue Nachbar, der sich soeben auf seiner Terrasse niederlassen wollte. Vorsichtig trat er zurück, er wollte nicht in ein Gespräch verwickelt werden.
Sebastian Salzinger wäre ein Haus, welches irgendwo abgeschieden steht, lieber gewesen, hatte sich dann jedoch umentschieden, nachdem der Makler ihm dieses Mietobjekt gezeigt hatte. Ein paar Details, die für andere Mieter nicht von Bedeutung gewesen wären, gaben den Ausschlag.
Die Einrichtung war, bis auf einen Raum im Keller, mehr als spartanisch. Auch das war so gewollt. Seit einigen Jahren lebte er so, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit eine bereits gepackte Reisetasche nehmen und schnell und heimlich verschwinden konnte. Trotz seiner muskulösen Gestalt bewegte er sich leise wie ein Panther.
Frau Zwiebel‚ die im Nachbargarten scheppernd den Wassernapf neu füllte, war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Mit ihrem Widerwillen, zu ihrem Ehegatten und den starren Tagesabläufen zurückzukehren. Seufzend verließ sie das Grundstück, lief über die Straße und betrat ihr eigenes Anwesen. Öffnete die Haustür. „Gertrud, bist du’s?“, rief es mürrisch aus dem Wohnzimmer. Sie ersparte sich eine Antwort und öffnete die Küchentür. Schmutziges Geschirr stapelte sich neben aufgerissenen Verpackungen.
