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Was wäre, wenn die Menschheit mit dem Wissen von heute noch einmal von vorne anfangen könnte? In nicht allzu ferner Zukunft startet ein geheimes Experiment: eine Gruppe sorgfältig ausgewählter Menschen landet auf Gaya, einem erdähnlichen Planeten, um ihn zu besiedeln. Sie wollen eine bessere Welt schaffen: ohne Krieg, Umweltzerstörung, Rassismus und Geldgier. Dort treffen sie auf eine scheinbar unberührte Natur, ein Paradies - aber auch auf unbekannte Gefahren, giftige Pflanzen, angriffslustige Tiere, und vor allem auf sich selbst: einen Haufen Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Wünschen, Erinnerungen und Glaubenssätzen im Gepäck. Und nicht alle sind bereit, sich an die Regeln zu halten.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.
Margaret Mead
Amal, 5 Jahre. Tochter von Marie, Enkelin von Haakon.
Anouk, Mitte 20. Zimmermann, Baumeister und Spezialist für Holz und Bogenschießen. Sohn von Keoma, Bruder von Elu und Onkel von Raven.
Bastet, Mitte 30. Historikerin und Archäologin, Expertin für alte Kulturen und Techniken. Frau von Cem, Stiefmutter von Ferhat.
Cem, Mitte 30. Fischer, Biologe und verantwortlich für die Aquaponik. Mann von Bastet, Vater von Ferhat.
Dalina, Anfang 30, Fachfrau für Permakultur. Frau von Jurij, Mutter von Damian und Irina.
Damian, 7 Jahre. Sohn von Jurij und Dalina, Bruder von Irina, Neffe von Vasco.
Elu, 19 Jahre. Besondere Begabung für Kinderbetreuung und Weben. Mutter von Raven, Tochter von Keoma, Schwester von Anouk.
Ferhat, 11 Jahre. Sohn von Cem, Stiefsohn von Bastet.
Haakon Lindsten, Mitte 70, auf der Erde geblieben. Professor der Astrophysik, verantwortlich für die Auswahl der Siedler und die Planung der Mission. Enkel von Ylva, Großvater von Amal.
Harald, Anfang 50. Ingenieur und Maschinist.
Humaira, Mitte 30. Copilotin, Astronautin und Ingenieurin.
Irina, 1 Jahr. Tochter von Jurij und Dalina, Schwester von Damian, Nichte von Vasco.
Itsuko, 9 Jahre. Tochter von Wayan und Osamu, Schwester von Kazuko.
Jurij, Anfang 40. Kommandant, Kosmonaut und Astrophysiker mit einem Faible für Steine. Mann von Dalina, Vater von Damian und Irina.
Kazuko, 3 Jahre. Sohn von Wayan und Osamu, Bruder von Itsuko.
Keoma, Mitte 60. Schamane und Fährtenleser. Vater von Anouk und Elu, Großvater von Raven.
Kuimba, Mitte 40. Kommunikationsexpertin und Mediatorin, leitet alle Versammlungen. Mutter von Taio.
Lowan, Mitte 30. Farmer, Ranger und Experte für Tiere. Mann von Mandisa, Vater von Pafuri und Stiefvater von Samira.
Mandisa, Ende 20. Ranger, besonderes Händchen für Nutztiere. Frau von Lowan, Mutter von Samira und Pafuri.
Marie, 30 Jahre. Ärztin. Schwiegertochter von Professor Lindsten, Mutter von Amal.
Osamu, Anfang 40. Biochemiker und Ernährungswissenschaftler. Mann von Wayan, Vater von Itsuko und Kazuko.
Pafuri, 4 Jahre. Sohn von Mandisa und Lowan, Bruder von Samira.
Per, gestorben kurz vor Abflug. Soziologe und Friedensforscher. Sohn von Haakon, Mann von Marie, Vater von Amal.
Raven, 2 Jahre. Tochter von Elu und Vasco, Nichte von Dalina und Anouk, Enkelin von Keoma.
Runa, Mitte 50. Hebamme und Kräuterheilerin. Tante von Tuula.
Samira, 12 Jahre. Tochter von Mandisa, Stieftochter von Lowan, Schwester von Pafuri.
Taio, 15 Jahre. Sohn von Kuimba.
Tuula, 17 Jahre. Nichte von Runa.
Vasco, 20 Jahre. Bruder von Dalina, Onkel von Damian und Irina, Vater von Raven.
Wayan, Ende 30. Expertin für gesunde Ernährung und Yoga mit abenteuerlicher Vergangenheit. Frau von Osamu, Mutter von Itsuko und Kazuko.
Ylva Lindsten, schon lange tot. Astrophysikerin und Entdeckerin von Gaya. Großmutter von Haakon.
Prolog
Ankunft
Auf dem Dach
Abendkreis
Abendessen
Ylvas Geschichte
Der Brief
Regen
Entdeckungen
Der zweite Abend
Im Wald
Geisterwelt
Kochen
Astronomie
Humairas Wunsch
Medizin
Fieber
Das Ei
Pflanzenkunde
Zauberfrucht und Geisterküken
Bert
Durchbruch
Geständnisse
Inselerkundung
Das Fest
Professor Haakon Lindsten saß auf seiner Veranda und sah in den Sternenhimmel. Er liebte diese Jahreszeit, in der das Licht des Mondes und der Sterne ausreichte, um die schneebedeckte Landschaft um ihn herum zum Leuchten zu bringen. Es wirkte so friedlich hier draußen in der Wildnis, dass man fast vergessen konnte, was in der Welt geschah. Er dachte an die vielen Abende, an denen er mit seiner Großmutter Ylva auf dieser Veranda gesessen und durch das Fernglas geschaut hatte.
„Siehst Du den hellen Stern über dem Hügel? Dort liegt Gaya“, hatte sie gesagt. Seitdem konnte Haakon Lindsten nicht in den Winterhimmel blicken, ohne nach dem fernen Sonnensystem zu suchen, in dem der Planet lag, dessen Existenz seiner Großmutter so viel Hoffnung gemacht hatte.
„Eines Tages werden unsere Nachfahren dorthin reisen und sehen, dass ich recht habe.“
Aber weder sie noch der kleine Haakon hätten damals geglaubt, dass es schon so bald soweit sein würde. Natürlich war Ylva Lindsten längst gestorben, und es bedrückte den Professor, dass Zeit ihres Lebens kaum jemand außerhalb der Familie daran geglaubt hatte, dass Gaya tatsächlich der Erde erstaunlich ähnlich war. Dennoch hatte sie sich nicht abbringen lassen und den Glauben daran, zusammen mit ihrem Teleskop und den vielen Aufzeichnungen, an ihren Enkel vererbt.
Er sah ein fernes Blinken und für einen kurzen Moment dachte er, es sei „sein“ Raumschiff. Aber das war nicht möglich, das war schon seit fünf Monaten unterwegs, er konnte es längst nicht mehr erkennen. Vielleicht war es einer der Satelliten, von denen die verfeindeten Staaten jetzt beinahe täglich neue in die Umlaufbahn schossen, um die Bewegungen der anderen auszuspionieren oder ihre Kommunikation zu stören. Bald würde es sehr eng werden im Orbit, und es war in letzter Zeit öfter vorgekommen, dass zwei dieser Trabanten zusammenstießen und auf die Erde stürzten. Aber zwischen all den Bomben fielen sie gar nicht weiter auf.
Professor Lindsten seufzte. Jetzt hatte ihn die Realität doch wieder eingeholt, dabei war er hier her gekommen, um all den Wahnsinn zu vergessen. Er versuchte, sich durch den Gedanken an seine Enkelin Amal abzulenken: Wie es ihr wohl jetzt ging? Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie erst wenige Wochen alt gewesen. Ob sie inzwischen krabbeln konnte, vielleicht sogar schon ein bisschen brabbelte? Er seufzte wieder. Der Gedanke, dass er sie nie wieder sehen würde, war kaum zu ertragen. Seine einzige Hoffnung war, dass Amal es einmal besser haben würde, dass sie nicht in dieser verrückt gewordenen Welt aufwachsen müsste, von der man sich nicht einmal mehr sicher sein konnte, dass sie morgen noch existierte.
Trotz der Decken war ihm kalt geworden. Professor Lindsten löste die Bremsen an seinem Rollstuhl, blickte noch ein letztes Mal in Richtung Hügel und hob mit einem kleinen Lächeln die Hand, wie um Amal nachzuwinken. Dann drehte er um und rollte zurück ins Haus.
Marie trat auf die Rampe und hielt die Luft an. Was sie sah, war einfach unglaublich: ganz anders, als sie es sich in all den Jahren vorgestellt hatte und doch seltsam vertraut. Das Raumschiff war auf einer großen, grünen Fläche gelandet, an deren Rand ein Urwald begann, der weiter hinten steil anzusteigen schien. Auf der anderen Seite war das Meer, komplett mit Sandstrand und sanften Wellen, wie in den Urlaubsprospekten der Erde. Langsam holte sie Luft. Natürlich wussten sie bereits, dass die Atmosphäre auf Gaya genügend Sauerstoff enthielt, trotzdem war es für Marie ein feierlicher Moment. Die Luft roch gut, nach Meer, Wald und den Blumen, die überall wuchsen. Etwas entfernt entdeckte sie einen Wasserfall, der in einem kleinen Teich endete, von dem aus ein Bach bis ins Meer floss. Dahinter wurde die Lichtung von Bäumen begrenzt, die fast bis ans Wasser reichten.
Neben ihr traten die anderen Siedler aus dem Raumschiff, alle bekleidet mit hellen Overalls und neuen Schuhen. Amal, die sich zuerst hinter den Beinen ihrer Mutter versteckt hatte, lief nun zusammen mit dem zwei Jahre älteren Damian die Rampe hinunter. Unten angekommen, blieben sie stehen und sahen staunend auf den weichen Untergrund. Amal war noch nie auf etwas anderem als dem Boden des Raumschiffs gelaufen, und Damian konnte sich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, dass er noch auf der Erde laufen gelernt hatte. Marie sah sich nach seinen Eltern um. Jurij und Dalina lächelten ihr zu und gemeinsam gingen sie die Rampe hinunter zu den Kindern, die sich immer noch ungläubig umsahen.
Die anderen Erwachsenen waren je nach Temperament erst einmal oben auf der Rampe stehen geblieben oder schon dabei, die nähere Umgebung der Landestelle zu untersuchen. Sie alle hatten den gleichen staunenden Ausdruck auf ihren Gesichtern wie die Kinder. Schließlich hatten sie seit über fünf Jahren auf diesen Augenblick gewartet und nicht gewusst, was genau auf sie zukommen würde. Hier sah alles so perfekt aus, dass manche glaubten zu träumen. Bisher hatte niemand ein Wort gesagt, wie um den feierlichen Augenblick nicht zu zerstören, und als sie jetzt anfingen, sich gegenseitig auf Dinge aufmerksam zu machen, hielten sie die Stimmen gesenkt.
Der Boden war weich und von einer Art Moos bedeckt, das federnd nachgab. Winzige Blüten leuchteten darin, gelbe sternförmige, rote runde und blaue, die fast aussahen wie vierblättrige Kleeblätter. ‚Ein gutes Zeichen‘, dachte Marie. Sie kniete sich hin, um die Pflanzen näher zu betrachten, und war überrascht, wie feucht das Moos war. Jetzt sah sie auch kleine Tiere darin krabbeln, aber sie waren so schnell, dass Marie nicht genau erkennen konnte, was es war. Bevor sie sich näher damit befassen konnte, kam Amal angerannt.
„Mama, komm schnell, ich will dir was zeigen.“ Ungeduldig zog sie ihre Mutter am Arm hoch und lief dann Richtung Teich, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Marie hätte sich lieber jedes Detail in der Nähe der Landestelle genau angeschaut, aber als sie sah, wie ihre Tochter auf das Wasser zu rannte, beeilte sie sich hinterher zu kommen. Plötzlich wurde ihr klar, wie behütet Amal bisher aufgewachsen war. Natürlich konnte man sich auch in einem Raumschiff verletzen. Damian hatte es sogar geschafft, sich das Bein zu brechen, als er vom höchsten Baum im Garten gesprungen war, um zu testen, ob er fliegen konnte. Aber hier war alles unbekannt. Marie hatte keine Ahnung, wie tief der Teich war, welche Tiere es gab, welche Pflanzen giftig waren, nicht einmal wie sicher der Untergrund war. Sie wusste weder wie sie ihre Tochter schützen sollte, noch vor was sie überhaupt beschützt werden müsste. Sie fühlte sich auf einmal hilflos und überfordert, und Tränen stiegen ihr in die Augen.
Aber dann kam sie zum Teich. Amal stand mit etwas Abstand zum Wasser und trippelte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen, so dass ihre langen blonden Zöpfe hüpften.
„Komm endlich, Mama! Hier ist alles Glitzer!“
Marie schaute in den Teich und alle negativen Gefühle verschwanden. Es war einfach wunderschön. Das Wasser war glasklar und der Boden des Teiches war von silbern und golden glitzerndem Sand bedeckt, in dem blaue und rote Steine funkelten. Darüber glitten schlanke Fische in unterschiedlichen Größen und Farben. Am Wasserfall tanzten Tropfen auf der Oberfläche und der Sprühnebel schillerte in allen Regenbogenfarben.
‚Das ist wirklich das Paradies‘, dachte Marie.
Harald trat neben sie.
„Ist es nicht herrlich?“, fragte sie ihn.
„Hmpf. Zu schön, um wahr zu sein, würde ich sagen“, erwiderte er mürrisch. Marie seufzte. Das war zu erwarten gewesen. Harald war schon immer der Typ gewesen, der bei allem sofort sah, was noch verbessert werden könnte. Das war ja auch gar nicht so schlecht für einen Ingenieur. Aber im Laufe des Fluges war er zudem immer schwermütiger geworden, und jetzt war es kaum noch möglich, ihm ein Lächeln zu entlocken. Das konnten nur noch die kleinen Kinder, die ihn trotz seines ruppigen Tons liebten. Wenn Irina mit den Händchen ruderte oder ihn sabbernd anlachte, erhellte sich plötzlich Haralds Gesicht und man bekam eine Ahnung davon, wie er als junger Mann gewesen sein mochte. Allerdings nur bis er merkte, dass ihn ein Erwachsener beobachtete, dann setzte er gleich wieder seine unbewegte Maske auf und machte eine grantige Bemerkung.
Im Wasser bewegte sich nun ein großer Schatten, und ein massiger Fisch schwamm auf sie zu. Sein Maul war voller spitzer, breiter Zähne und der Kopf sah aus, als würde er aus Hornplatten bestehen. Die kleinen Fische flitzten auseinander, aber für einige war es zu spät und sie verschwanden im Maul des Angreifers.
„Siehst du“, sagte Harald. „Doch nicht alles friedlich hier.“
Bevor Marie darauf antworten konnte, kam Amal zu ihnen. „Hört ihr das?“, fragte sie. Tatsächlich waren jetzt Geräusche zu hören, die sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Entweder waren sie zu beschäftigt gewesen, die visuellen Eindrücke zu verarbeiten, oder die Tiere waren vor Schreck über die Ankunft der Fremden vorübergehend verstummt. Jetzt kam aus dem Urwald vielstimmiger Gesang wie von Vögeln, es raschelte und ab und zu knackte es laut, so als ob größere Tiere durchs Unterholz gingen.
„Gehst du mit mir in den Wald, Harald?“, fragte Amal vertrauensvoll, und Marie wollte schon entsetzt „Nein“ rufen, aber Harald kam ihr zuvor.
„Lass uns erst einmal hier die Lichtung fertig erkunden“, sagte er in fast freundlichem Ton. „Willst du mit mir am Bach entlang zum Meer laufen? Ich frage mich, ob es dort auch Fische gibt.“
Amal willigte sofort ein und hüpfte zum Bach. „Hier sind auch welche!“, rief sie begeistert, dann nahm sie Harald an der Hand und sie folgten dem Bach bis zum Meer, wobei sie immer wieder stehen blieben und ins Wasser sahen.
Marie blickte sich um. Überall auf der Lichtung sah sie ihre Freunde in kleinen Gruppen die Umgebung erkunden. Anscheinend waren sich alle stillschweigend einig, erst einmal nicht in den Urwald zu gehen. Marie versuchte, die Entfernungen abzuschätzen. Sie wusste, dass das Raumschiff einen Durchmesser von 150 Metern hatte. Ungefähr die gleiche Strecke war es zum Waldrand und etwa halb so weit bis zum Strand, so dass die Lichtung wohl an die 400 Meter breit war.
Sie entdeckte Dalina, die am Waldrand stand und einen Baum untersuchte. Ihre kleine Tochter hatte sie wie so oft auf den Rücken gebunden, vermutlich schlief Irina tief und fest. Marie ging zu ihrer Freundin und sah sich unterwegs aufmerksam um. Sie entdeckte viele weitere kleine, bunte Blumen im Moos und auch einige größere Pflanzen mit federartigen, dunkelgrünen Blättern.
„Das sieht aus, als wäre es essbar“, sagte die junge Frau, als Marie bei ihr ankam, und zeigte auf die roten Früchte des Baumes. „Ich musste Damian schon davon abhalten, eine zu pflücken.“
Marie sah zu Dalinas Sohn, der in einiger Entfernung mit seinem Vater auf dem Boden hockte, etwas untersuchte und aufgeregt gestikulierte.
„Das ist wohl der spannendste Tag in ihrem bisherigen Leben“, sagte sie zu Dalina.
„Ja, spannend. Und großartig, abenteuerlich und aufregend. Beängstigend ist es wohl nur für uns, oder?“ antwortete Dalina, und in ihren Augen sah Marie einen Schimmer ihrer eigenen Panik von vorhin.
„Ja, jetzt ist es vorbei mit der Rundum-Sicherheit. Aber wir wussten ja, dass das passieren würde, und wir können sie nicht immer in Watte packen. Außerdem, immerhin gibt es hier keine Explosionen“, erwiderte sie mit mehr Leichtigkeit, als sie wirklich fühlte.
Dalina lächelte. „Du hast recht. Lass es uns positiv sehen. Unsere Kinder können endlich frische Luft atmen und die Welt entdecken. Vielleicht können wir uns etwas von ihnen abschauen.“
Ferhat stand am Ufer und schaute ins Meer. Er hatte seine Schuhe und Socken ausgezogen und ließ sich die sanften Wellen über die Füße schwappen. Der Sand war weich und das zurückfließende Wasser spülte kleine Kuhlen unter seine Zehen. Er schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, ob sich der Strand auf der Erde auch so angefühlt hatte. Dieses Kitzeln kam ihm bekannt vor, aber ganz sicher war er sich nicht. Es war einfach zu lange her, fast sein halbes Leben. Aber das kühle Wasser, der sanfte Wind, die Sonne auf seinem Gesicht, das Rauschen der Wellen, all das wirkte sehr vertraut. Nur irgendetwas fehlte. Ferhat dachte eine Weile nach, dann fiel es ihm ein: Möwen. Oder irgendwelche anderen Seevögel, die sich kreischend um Fisch stritten.
Plötzlich stand Samira neben ihm. „Ich klettere aufs Raumschiff, kommst du mit?“, fragte sie.
Ferhat sah sie überrascht an. „Wie willst du denn da hoch kommen?“
Samira grinste. „Auf der anderen Seite ist eine Leiter, extra dafür vermutlich. Und das Dach ist flach genug, so dass wir drauf laufen können, wenn wir ein bisschen aufpassen. Von da oben können wir viel weiter sehen. Also was ist?“
Ferhat zögerte. Er fand das klang ziemlich gefährlich. „Sollen wir nicht erst die Eltern fragen?“
Samira sah ihn mit blitzenden Augen an. „Untersteh' dich. Du kannst ja unten bleiben, wenn du Angst hast. Ich geh da jetzt hoch. Und wehe, du verrätst mich!“ Sie drehte sich um und lief zum Raumschiff, ohne sich noch einmal umzusehen.
Ferhat seufzte. Samira war zwar nicht viel älter als er, aber sie schaffte es immer wieder, ihm das Gefühl zu geben, er sei ein feiges Baby. Er überlegte. Wenn da wirklich eine Leiter war, dann war es bestimmt auch sicher, hochzuklettern. Und er würde schon gerne mehr von der Insel sehen. Er sah sich noch einmal um. Sein Vater stand am Teich und schien in die Betrachtung der Fische versunken. Bastet war mit Samiras Eltern Mandisa und Lowan am anderen Ende der Lichtung. Keiner beachtete ihn. Er atmete tief durch, dann zog er sich seine Schuhe wieder an und folgte Samira.
Als er das Raumschiff umrundet hatte, sah er sie schon auf der Leiter. Das Raumschiff stand auf vielen starken Metallfüßen, der Boden und damit auch die unterste Sprosse der Leiter war in etwa eineinhalb Metern Höhe.
Samira strahlte ihn an: „Komm hoch, es geht ganz leicht. Du musst nur ein bisschen springen und dich hochziehen.“
Ferhats Mut sank wieder. Er war nicht besonders sportlich. Außerdem, wenn die Leiter so konstruiert war, dass Kinder nicht hochkamen, dann hatte das bestimmt einen Grund. Vielleicht sollte er lieber wieder gehen.
„Was ist los, traust du dich nicht? Oder brauchst du Hilfe?“ Samira war schon wieder auf dem Weg nach unten. Sie sprang elegant von der Leiter ab und landete sicher im Moos.
„Hier, stell dich auf meine Hände, dann kommst du hoch.“ Sie verschränkte ihre Finger und sah ihn auffordernd an.
Ferhat blickte noch einmal zweifelnd die Leiter hoch, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Er stellte den Fuß in Samiras Hände, stemmte sich hoch und bekam die unterste Sprosse zu fassen. Samira schob etwas von unten, und endlich war er auf der Leiter. Er kletterte ein paar Sprossen hoch und sah sich dann um. Samira sprang einfach aus dem Stand, um an die Leiter zu kommen, hangelte sich dann mit baumelnden Beinen drei Sprossen hoch und stellte ihre Füße auf die Leiter.
„Los geht’s, worauf wartest du?“, fragte sie.
Beklommen machte Ferhat sich an den Aufstieg. ‚Wenigstens kann sie mich auffangen, falls ich abrutsche‘, dachte er. Aber er rutschte nicht ab, und als er am Ende der Leiter auf das nur sanft gerundete Dach kletterte (oder eher robbte), ließ ihn der Ausblick alle Bedenken vergessen. Sie waren nun etwa 15 Meter über dem Boden und konnten die ganze Lichtung überblicken. Ihre Eltern und die anderen Siedler liefen darauf herum, manche schienen irgendetwas am Boden genauer zu untersuchen. Niemand schaute nach oben zu den beiden Kindern. Ferhat sah sich weiter um. Jetzt konnte er sehen, dass der Wald zur rechten Seite deutlich größer war als vor ihnen. Er stieg einige hundert Meter sanft an, dann wurde es steiler. Dahinter waren gelbliche Felswände zu erkennen, die sich in einem Halbkreis um die Bucht zogen. Sie fielen fast senkrecht ab und oben an der Kante standen keine Bäume, sondern hohes Gras.
„Wäre es nicht wunderbar, da oben auf dem Berg zu stehen?“, fragte Samira.
„Ich glaube, nicht mal du kommst diese Felswände hoch“, entgegnete Ferhat.
Doch Samira wies nach links, wo die Felswand tatsächlich flacher zu werden schien. Ein Vorsprung zog sich bis fast zum Strand und war dort kaum höher als das Raumschiff. Hier waren auch keine Bäume, das Moos reichte bis zur Klippe.
„Man muss nur da hoch klettern und dann an der Kante entlang laufen, dann kommt man bestimmt ganz leicht bis da oben.“
‚Ganz leicht‘, dachte Ferhat spöttisch. ‚Du vielleicht.‘
„Komm, lass uns nach vorne gehen!“, rief Samira und setzte sich auch schon in Bewegung.
Ferhat folgte ihr vorsichtig, wobei er versuchte, einen möglichst großen Abstand zum Rand zu halten. Es gab einen Ring von etwa 10 Metern Breite, auf dem man gut laufen konnte, dann begann das riesige Dachfenster, durch das man den Garten sehen konnte. Von hier oben war die symmetrische Anordnung gut zu erkennen. In der Mitte lag die runde Wiese mit den Obstbäumen und Beerensträuchern, auf der die Ziegen grasten, Hühner pickten und auch die Bienenstöcke standen. Umgeben war die zentrale Wiese von einem breiten Wasserbecken, über das an vier Stellen Stege aus Metallgitter führten. So war sichergestellt, dass die Ziegen nicht an die Beete kamen und nur das fraßen, was die Siedler ihnen brachten. Im umliegenden Gemüsegarten mit seinen verschiedenen Klimazonen wuchsen Pflanzen aus aller Welt in mehrstöckigen Beeten oder kletterten an der Wand nach oben.
Ferhat hatte nie verstanden, warum der Garten ein Glasdach hatte, wo doch dahinter nur das dunkle Universum war und zur Beleuchtung überall Lampen hingen, aber jetzt glaubte er zu verstehen, dass Professor Lindsten weiter in die Zukunft gedacht hatte. Sie würden wohl noch einige Zeit hauptsächlich von diesem Garten leben, da konnte man auch das Sonnenlicht ausnutzen. Wobei, das war ja gar nicht die Sonne. Ihm fiel auf, dass er überhaupt nicht wusste, wie dieser Stern eigentlich hieß. Er würde Jurij fragen müssen.
Samira riss ihn aus seinen Gedanken. „Träumst du schon wieder? Komm her, schau dir das an!“ Sie stand weit vorne, kurz bevor die gebogene Glasscheibe der Brücke begann, und deutete vor sich auf den Boden. „Siehst du diesen komischen Fleck? Was ist das?“
Ferhat trat ein paar Schritte näher, gerade so viel, dass er sehen konnte, worauf sie zeigte. Doch dann siegte die Neugier und er stellte sich neben Samira. An einer Stelle war die ansonsten hellgraue Hülle des Raumschiffes bräunlich verfärbt, teilweise fast schwarz.
„Keine Ahnung“, erwiderte er, „aber ich glaube, das sollten wir den Erwachsenen zeigen. Irgendwas stimmt da nicht.“
Bevor Samira antworten konnte, hörten sie ein seltsames Klopfen neben sich. Ferhat zuckte zusammen, und selbst Samira schaute unsicher. Dann öffnete sich nicht weit von ihnen entfernt der Boden, und Vasco streckte seinen Kopf heraus.
„Was macht ihr denn hier oben?“, fragte er und kletterte aus der Luke, dicht gefolgt von Humaira.
„Das gleiche könnte ich dich fragen“, antwortete Samira trotzig.
Der junge Mann grinste. „Humaira meinte, wir sollten das Raumschiff auf Schäden untersuchen, und ich wollte mir mal anschauen, wo wir hier genau gelandet sind.“
Die Copilotin sah Samira mit ihren großen dunklen Augen durchdringend an. Dann blickte sie auf den Boden vor den Kindern. Sie kniete sich hin, um den Fleck genauer zu untersuchen. Schließlich wandte sie sich an Ferhat und Samira: „Klettert bitte runter und schickt Harald und Jurij zu uns hoch. Das hier sollten sie sich anschauen.“
„Was ist das?“, fragte Ferhat.
„Das kann ich noch nicht genau sagen, aber es sieht aus, als wäre es hier zu warm geworden. Hol jetzt bitte die anderen. Du wirst es schon noch erfahren.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu, und Ferhat und Samira machten sich auf den Weg nach unten.
„Seltsam, dass es gar keinen Ärger gab, oder?“, fragte Ferhat.
Samira nickte nachdenklich. „Irgendwas stimmt da nicht“, wiederholte sie seine Worte.
Am Fuß der Leiter teilten sie sich auf. Samira lief zu Jurij, Ferhat machte sich auf die Suche nach Harald. Er entdeckte ihn am Strand, wo er mit Amal Steine ins Wasser warf. Fast wirkte er glücklich dabei. Aber als er Ferhat bemerkte, verschwand sein Lächeln und er blickte dem Jungen aufmerksam ins Gesicht.
„Was gibt‘s?“, fragte er.
„Ich weiß nicht genau, aber du sollst schnell zu Humaira aufs Raumschiffdach kommen. Da ist eine komische braune Stelle.“
Harald blickte zum Raumschiff und sah Humaira und Vasco nahe der Brücke stehen. Er drückte Ferhat seinen Stein in die Hand.
„Hier, lass dir von Amal zeigen, wie man sie hüpfen lässt. Ich bin bald wieder da.“ Er sagte es leichthin, aber er wirkte beunruhigt, als er zum Raumschiff lief.
„Was ist denn los?“, fragte Amal, aber Ferhat konnte es ihr auch nicht sagen.
„Bestimmt nichts Wichtiges“, behauptete er, „Zeig mir mal wie das mit den Steinen geht.“
Amal ließ sich leicht ablenken und warf einen Stein flach übers Wasser. Er traf eine kleine Welle und versank mit einem Plopp. Unbeirrbar warf sie einen Stein nach dem anderen, und schließlich traf sie im richtigen Winkel und der Stein hüpfte ein paar Mal hoch. Ihr Jubel war so ansteckend, dass Ferhat seine Sorge fast vergaß.
Kuimba trat vor die Tür des Raumschiffes und ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen. Dann schlug sie zweimal an die Klangschale in ihrer Hand.
„Zeit für den Abendkreis“, rief sie mit ihrer melodischen, tragenden Stimme. Nach und nach kamen die Siedler zum Raumschiff zurück.
„Ich schlage vor, wir machen das heute hier draußen. Ist es in Ordnung für euch, dafür zu stehen?“
Alle nickten und formten einen Kreis. Zweimal am Tag trafen sich alle Siedler zum Morgen- und Abendkreis. Dies war die Gelegenheit für die Tag- und Nachtschicht, sich auszutauschen, Neuigkeiten an alle mitzuteilen und wichtige Entscheidungen zu besprechen. Jeder Kreis begann mit einigen Minuten des Schweigens, in der alle zur Ruhe kamen, sich klar darüber wurden, was in den letzten Stunden wichtig gewesen war und ob sie etwas sagen wollten.
Auch jetzt hörten sie die vertrauten Worte von Kuimba: „Wir werden ganz still. Wir lassen unsere Gedanken zur Ruhe kommen und konzentrieren uns auf unsere Atmung. Alles ist wie es ist, und alles ist gut.“
Die meisten schlossen ihre Augen und lauschten den vertrauten Atemgeräuschen der anderen, dem gelegentlichen Husten oder Rascheln der Kleider. Heute gab es jedoch noch viel mehr zu hören. Das Rauschen des Meeres, das Knacken im Wald, die Vogelstimmen – wenn es denn Vögel waren. Sie spürten die Sonne auf ihrer Haut und den Wind, der ganz sachte vom Meer her wehte.
Nach einiger Zeit schlug Kuimba wieder an die Klangschale und als der Ton verklungen war, sprach sie weiter.
„Wir kommen zurück zur Gegenwart und öffnen unsere Augen.“ Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. „Heute ist ein besonderer Tag. Wir haben fünf Jahre darauf gewartet, und jetzt ist es soweit. Wir sind wie geplant gelandet, und was wir bisher gesehen haben ist wie Professor Lindsten es vorhergesagt hat. Möchte jemand sagen, was ihn beschäftigt, oder erzählen, was er entdeckt hat?“
„Ich habe Glitzerfische gesehen! Sie sind fast so wie unsere Fische im Garten!“, platzte Amal heraus.
Kuimba lächelte über so viel Begeisterung. Damian hob die Hand und sie nickte ihm aufmunternd zu.
„Wir haben Krabbeltiere entdeckt. Ganz viele und sie reden miteinander!“
Sein Vater Jurij ergänzte: „Ja, sie sind etwa so groß wie Ameisen und sie scheinen über ihre Fühler miteinander zu kommunizieren. Wir haben beobachtet wie sie gemeinsam eine Frucht weggetragen haben, die zehnmal so groß war wie sie.“
Taio, Kuimbas Sohn, meldete sich als nächster.
„Ich habe kleine fellige Tiere im Gebüsch gesehen. Sie haben sich aber ganz schnell versteckt“, sagte er mit seiner sich überschlagenden Stimme. Seit einigen Wochen war er im Stimmwechsel und auch sonst hatte er sich in den letzten Monaten sehr verändert. Seine dunkle Haut war immer noch so glatt wie die seiner Mutter, aber damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Während sie eher klein, rund und weich war, war er groß und schlaksig geworden. Er verbrachte weniger Zeit mit den anderen Kindern, stattdessen zog er sich häufig in die Bibliothek zurück oder streifte durch das Raumschiff und half den Erwachsenen bei ihren Aufgaben, wobei er aber kein großes Durchhaltevermögen zeigte. Sein Umgang mit Tuula, die zwei Jahre älter war als er und schon fast eine junge Frau, war merklich distanzierter geworden, so als wüsste er nicht mehr genau, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte.
Es hatte sich so eingebürgert, dass die Kinder am Anfang der Versammlungen redeten, weil sie noch nicht so geduldig waren und oft den Kreis früher verließen und spielen gingen, während die Erwachsenen noch über „langweiligen Kram“ redeten. Heute aber waren sie sehr gespannt, was die anderen zu sagen hatten. Kuimba schaute in die Runde zu den anderen Kindern, um zu sehen, wer noch etwas sagen wollte. Ferhat und Samira tuschelten miteinander und schienen schon Pläne zu schmieden, was sie als Nächstes machen wollten. Irina war aufgewacht, ihre Mutter hatte sich im Schneidersitz auf dem Boden gesetzt und stillte sie. Die kleine Raven stand neben Elu, hielt die Hand ihrer Mutter und drückte mit dem anderen Arm ihre Stoffpuppe an sich. Der dreijährige Kazuko saß auf dem Arm seines Vaters und schaute sich mit großen Augen um.
Seine Schwester Itsuko meldete sich nun zu Wort: „Wo sind wir denn jetzt genau? Warum durften wir erst so spät raus? Und was machen wir als Nächstes?“
Kuimba lächelte. Itsuko trug ihren Namen „das fragende Kind“ wirklich zu Recht. Sie war ebenso neugierig wie Amal, aber von ganz anderem Temperament. Statt loszulaufen und Dinge auszuprobieren und zu untersuchen, durchdachte sie lieber alles in Ruhe. Sie sah eigentlich immer aus, als würde sie ihre Umwelt genau analysieren, und manchmal war der durchdringende Blick, mit dem sie ihren Gesprächspartner musterte, kaum auszuhalten. Wenn man ihr etwas erklärte, fragte sie so lange nach, bis sie jedes Detail verstanden hatte und brachte damit die Erwachsenen oft an ihre Grenzen. Eine der häufigsten Antworten war daher: „Geh in der Bibliothek nachsehen.“
Humaira dankte Itsuko für ihre Fragen und wandte sich an alle. „Wie ihr gemerkt habt, hat die Landung heute früh wie vorgesehen geklappt“, sagte die Copilotin.
„Wir konnten wie geplant auf einer der größeren Inseln auf der Nordhalbkugel landen und ich finde, Jurij hat diesen Platz gut gewählt.“ Sie lächelten den Kommandanten an.
„Heute Vormittag haben wir einige Tests gemacht und Proben untersucht, die der Greifarm herein gebracht hat. Luftdruck, Temperatur und Sauerstoffgehalt sind wie berechnet, und die Natur hier sieht ebenfalls in etwa so aus wie der Professor vermutet hat. Osamu, kannst du schon etwas zu den Pflanzen sagen?“
Der Biologe setzte Kazuko ab und blickte zögernd in die Runde. Immer noch wirkte er schüchtern, obwohl sie sich doch inzwischen alle so vertraut waren. Er sprach nicht gerne vor der Gruppe und fühlte sich allein in seinem Labor am wohlsten. Aber natürlich war das jetzt genau sein Thema.
„Soweit ich das bis jetzt beurteilen kann sind die Pflanzen ganz ähnlich aufgebaut wie auf der Erde. Der Einfachheit halber werden wir also wie besprochen die Pflanzengruppen und Bestandteile wie auf der Erde benennen. Ich habe schon einige Blätter untersucht, die Strukturen basieren auf Kohlenstoff und sie betreiben Photosynthese. Es scheint Obstbäume zu geben, ob diese Früchte für uns essbar sind werden wir in den nächsten Tagen testen. Dalina wird die Pflanzen katalogisieren und mir jeweils Proben bringen, die ich untersuche. Bis wir die Ergebnisse haben, gehen wir sicherheitshalber davon aus, dass alles giftig ist. Bitte fasst also Pflanzen nur mit Handschuhen an und stellt auch sicher, dass die Kinder nichts berühren oder gar in den Mund stecken. Dalina, brauchst du Hilfe beim Sammeln?“
Dalina wies auf ihren kleinen Bruder, der inzwischen allerdings schon einen halben Kopf größer war als sie.
„Vasco wird mir helfen und wenn Anouk auch mitmachen könnte, wäre das großartig. Er kennt sich so gut mit Holzarten aus, dass er eine große Unterstützung bei der Einordnung der Bäume und Sträucher wäre.“
Sie blickte zu Anouk, der stumm nickte. Dalina fuhr fort: „Wir werden hier auf der Lichtung anfangen. Am Waldrand gibt es genug unterschiedliche Pflanzen, um uns eine Weile zu beschäftigen, einige tragen auch eine Art Beeren. Osamu wird sowohl die Früchte als auch die Blätter und Wurzeln untersuchen. Vielleicht gibt es da auch essbare, stärkehaltige Exemplare wie auf der Erde. Runa wird sich die kleineren Pflanzen genauer anschauen.“
Sie nickte der älteren Frau zu. Runa strich sich die langen grauen Haare aus dem Gesicht und strahlte.
„Ja, ich darf endlich wieder Kräuter sammeln. Oder was auch immer ich hier finde. Ich bin sicher, hier gibt es auch Pflanzen mit heilsamen Inhaltsstoffen, ebenso wie giftige. Einiges kann man im Labor sicher schnell herausfinden, vieles wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Tuula wird mir helfen.“ Sie nickte ihrer Nichte zu.
„Was ist mit den Tieren? Warum sind hier so wenige?“, fragte Itsuko.
Lowan meldete sich zu Wort. Er war auf einer Farm im australischen Outback aufgewachsen und später nach Südafrika gegangen, um in den Nationalparks zu arbeiten. Wilde Tiere waren also seine Spezialität.
