GAZIANTEP - Ines Hiller - E-Book

GAZIANTEP E-Book

Ines Hiller

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Beschreibung

Johanna hat sich verliebt. In Selim. Selim ist ein vor zwei Jahren aus dem ländlichen Anatolien nach Deutschland geflüchteter Jugendlicher. Johannas Familie und Freunde sind – nun ja – ziemlich entsetzt, als sie ihn kennenlernen: kunststoff-glänzende "Bomberjacke", Bart, Metallkappen auf den Schuhspitzen, und außer schönn und bittä sprachlos. Johannas Mutter Marie befürchtet, dass Johanna für eine Aufenthaltsgenehmigung über den Tisch gezogen wird, als sie den Knaben heiratet. Jahre später ist Selim mit Unterstützung durch Johanna und ihrer Familie die Integration in die für ihn fremde Welt tatsächlich gelungen. Er hat ein Fachabitur, einen guten Job und mit Johanna einen aufgeweckten Sohn. Eines Tages wird Marie von einem Angebot überrascht: Sie soll die junge Familie auf einer Reise zu den Verwandten Selims in die Südosttürkei, in die Heimat des Schwiegersohns begleiten. Marie, typische großstädtische Bildungsbürgerin mit der Neigung zum extensiven Genuss von Latte macchiato hat wenig Interesse an der ländlichen Idylle der Osttürkei, die sie von den Fotos der Selim-Familie zu kennen glaubt. Doch nach einigen Bedenken lässt sie sich auf die abenteuerliche Reise ein. An der kilikischen Küste genießt sie das bequeme Laisser–faire, die melancholische arabische Musik, die Sonne, und das Schwimmen im Meer. In der Universitätsstadt Gaziantep, in der nur einen Steinwurf von Syrien entfernten Stadt Kilis und in der muslimischen Wallfahrtstätte Sanliurfa – im Mittelalter christlicher Stadtstaat Edessa – bewundert sie die hellenistischen Mosaiken, die osmanische Architektur und die orientalische Handwerkskunst, überhaupt die vielen Überbleibsel der wechselvollen Geschichte des Landes. Und Manu mit seinem osmanischen Zaubergarten. Die Menschen sind überall freundlich und hilfsbereit. Sie begegnet aber auch einer sie verwirrenden Religiosität und bildungsfernen Rückständigkeit, nicht nur in der bäuerlichen Familie des Schwiegersohns.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ines Hiller

GAZIANTEP

eine Reisererzählung

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

TEIL I

TEIL II

TEIL III

TEIL IV

Impressum neobooks

PROLOG

Ines Hiller

GAZIANTEP

Reiseerzählung

impressum

© 2017

Fotos & Text

Ines Hiller

Satz

Yvonne Dickopf

www.yvonnedickopf.ch

Verlag

Neobooks.com

Druck

epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin Printed in Germany

„Don’t let go. Never give up, it’s such a wonderful life“

Hurts

1

Es ist vier Uhr morgens auf dem Flughafen von Gaziantep. Die kleine Maschine der Turkish Airlines startet zum Flug nach Istanbul. Marie sitzt am Gang in der Nähe des Cockpits.

„Merhaba. Günaydin“ der kleine grauhaarige Mann auf dem Sitz neben ihr spricht sie an und klappt dabei seinen Tisch herunter.

„Hallo! ich spreche nicht türkisch; Alman“ antwortet Marie und versucht ihre enge Sitzposition zu verändern.

„Meine Frau und ich,“ er zeigt auf die hagere Frau mit dem langen Rock und dem Kopftuch, die neben ihm am Fenster sitzt, „leben fünfzig Jahre und mehr auch in Deutschland“.

Die Frau lächelt freundlich zu Marie hinüber.

„Fliegen Sie auch nach Berlin?“ Marie sieht die Frau fragend an. Die sieht unsicher auf ihren Mann.

„Ja, aber mein Frau nicht gut sprechen Deutsch“ antwortet der, und so kommt sie mit dem freundlichen Menschen ins Gespräch. Er erzählt Marie von seinem Leben als Gastarbeiter in Deutschland. Marie ist überrascht von seiner Loyalität gegenüber der Türkei, obwohl er so lange in Deutschland gelebt hat. „Deutschland gut leben, mein Heimat ich lieben“ ist sein Kredo.

Marie berichtet dem kleinen Mann von ihrer Reise mit Tochter, Enkel und Schwiegersohn, der aus einem kleinen Ort am Euphrat stammt. Sie erzählt vom Urlaub am Meer in einem mit Bougainvillea berankten Hotel voller antiker Artefakte und einem

strahlend blauem Meer direkt vor der Tür. Sie erzählt, wie sie nach einer siebenstündigen Busreise vom Meer Richtung Osten in der großen Universitätsstadt Gaziantep mit dem berühmten Kupferbasar und den hellenistischen Mosaiken gelandet ist. Sie erzählt von ihrer Reise zu den vielen Moscheen in Kilis und nach Urfa zur muslimischen Wallfahrtsstätte, der Geburtsgrotte Abrahams. „La ilaha il ’lahu...“ flüstert die Frau am Fenster mit geschlossenen Augen und „allahu akbar“ kommt es mit fester Stimme von ihrem Sitznachbarn.

Ihre Erlebnisse mit und bei der Familie ihres Schwiegersohns mit allen den unerwarteten Erkenntnissen zu Beschneidungen, Allah-Hochzeiten, der Schulbildung und so weiter verschweigt sie dann doch lieber.

„Sie bald wieder machen Urlaub bei uns?“ unterbricht ihr Nachbar ihre Erinnerungen.

„In den nächsten Jahren leider nicht, ich habe keine Zeit für einen Urlaub“ schwindelt Marie diplomatisch.

Nach einem mitleidigen Blick, der wahrscheinlich der Arbeitswut der deutschen Frau gilt, schließt der Mann die Augen und scheint unmittelbar in einen tiefen Schlaf zu fallen.

Der Flieger kreist über Gaziantep. Maries Gedanken kreisen ebenfalls. Unangemessen sehnsüchtig um die Begegnung mit dem Arzt und Mäzen Manu, der dort unten in seinem Gazianteper Zauberhaus schläft. Sie will nicht an ihn denken. Sie muss ihn vergessen, denn eines scheint ihr sicher: Manus und ihre Lebenswelten sind unvereinbar. Er muss Vergangenheit sein, wenn auch eine mit Sehnsucht gefüllte.

Während des Fluges von Gaziantep nach Istanbul fällt Marie in einen kurzen, unruhigen Schlaf. Hämmern und Sägen begleiten ihren verworrenen Traum von Ziegen und Eseln auf trocken- brauner Erde. Schweißnass wacht sie auf, als die Maschine über dem blau in der Tiefe schimmernden Bosporus zur Landung ansetzt. Das Schnarchen ihres immer noch schlafenden Sitznachbarn erinnert an die Säge aus ihrem Traum.
Beim Ausstieg fühlt sich Marie wie gerädert. Die Passagiere

ihres Fluges drängen mit Paketen und Körben an ihr vorbei. Ihr Sitznachbar und seine Frau sind in der Menge verschwunden. Marie muss zum internationalen Terminal. Der Weg ist lang und beschwerlich. Die Rollbänder so voll, dass sie und ihr umfangreiches Handgepäck mit den Pistazien und Feigen aus der Ernte ihrer Gastgeber kaum Platz finden. Gruppen von verhüllten Frauen in schwarzem und weißem Tschador oder in der alles verhüllenden Burka, Romafrauen mit bunten langen Röcken und dunkelhäutige Männer mit breiten, roten Bauchbinden über schwarzen Hosen, Derwische mit Tellerröcken und bunt gemusterten Sikkes, mondäne Frauen mit Stilettos und engen, weit ausgeschnittenen Tops und einfache Bauern mit Körben voll Obst und Gemüse ziehen an ihr vorbei und mischen sich im ethnischen Mix aus Orient und Okzident auf dem Flughafen.

Endlich am Berlin-Gate angekommen, erfährt Marie: Der Flug nach Berlin wird mit zwei Stunden Verspätung starten. Niemand weiß, was eigentlich los ist. Die Hektik des Flughafens und ihre kribblige Unruhe halten Marie wach, obwohl sie vollkommen übermüdet ist. Sie schickt ihrem Lebensgefährten Paul eine SMS zu der Verspätung, und dass sie sich freut, ihn bald zu sehen. Obwohl sie nicht ganz sicher ist, ob die Freude ihn oder nur das Phantom von Konstanz und Zuverlässigkeit betrifft. Das simst sie natürlich nicht.

Als sie nach langem Warten an der Gepäckausgabe im Flughafen Berlin-Tegel endlich mit ihrem Koffer zum Ausgang rollt, entdeckt sie sofort ihren Paul mit dem lieben intelligenten Gesicht in der mausgrauen, abgewetzten Fleecejacke über dem früher einmal eleganten Anzug. Mit einer gelben Rose und einer schwachen Umarmung begrüßt er sie: „Willkommen zurück, meine Liebe“.

Marie spürt eine Distanz. Bilde ich mir das nur ein, weil ich ein schlechtes Gewissen habe? Paul nimmt ihren Koffer und steuert auf die Bushaltestelle des 109er zu.

„Lass uns frühstücken gehen, ich lade dich ein. Ins ‚Eiffel‘, damit du dich gleich wieder zu Hause fühlst. Du bist sicher hungrig, mein armes Mädel. Siehst ganz müde und abgekämpft aus.“ Paul schaut ihr mitleidig in die Augen.

„Ich habe Dir viel zu erzählen. War alles wahnsinnig spannend. Ohne deinen Reiseplan wäre ich ganz verloren gewesen, danke, danke dafür.“ Sie fasst Pauls Hand und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Zuckt er ein wenig zurück? Oder bilde ich mir das nur ein? Sie ist froh, dass er da ist und fühlt sich aufgehoben an seiner Seite.

Im „Eiffel“, beim lange entbehrten Latte, dem leckeren schwarzen Brot, Butter und einem weich gekochten Ei klingelt plötzlich Pauls Telefon. Er schaut aufs Display und springt auf, um draußen vor dem Restaurant zu telefonieren.

Als er zurückkommt, strahlt er: „Wir haben unsere Kraftstoffproduktion bei einem mittelständischen Unternehmen untergebracht. Stell Dir vor, Max hat das jetzt schriftlich. Ist das nicht grandios?“

Wer bitte ist „Max“ und „Wir“, denkt sie. Paul und „wir“ ist so untypisch. Er ist immer der Einzelkämpfer und der einzige Rechthaber.

„Max ist außergewöhnlich. Ich habe Dir doch von unseren Aktivitäten zur Produktion unseres Biodiesels gemailt.“ „Das gab’s noch nie! Bisher war’s immer ‚mein‘ ...!!!“ denkt Marie überrascht. „Wir haben dem Produkt bereits einen Namen gegeben: PAMA. Also P, A, M, A. Leitet sich von unseren Vornamen ab: Paul und Max. Exzellent, oder?“ Eine rhetorische Frage. Überhaupt staunt sie nur. Sie dachte immer, dass Paul alleine das Patent besitzt. Außerdem: Ist die Namensgebung so wichtig?

„Hast du einen Vertrag mit der Firma?“ Die Frage ist ein wenig hinterhältig. Sie kann nicht anders; sie muss hier die Nüchterne, Kleinliche sein. Sie weiß, Paul braucht nicht nur Anerkennung sondern auch Geld.

„Ja, ja, Max regelt das schon. Ich vertraue ihm. Ganz und gar.“

„Na, dann!“ Sie weiß aus Erfahrung, dass es wenig bringt, Pauls Entscheidungen anzuzweifeln. Sie wird ein Auge auf diesen Max haben müssen. „Wann lerne ich Max denn mal kennen?“, fragt sie so freundlich, wie es ihr möglich ist.

Paul reagiert unerwartet patzig: „Willst du mich begleiten, wenn ich nach Kassel fahre? Heute übrigens noch.“

Nein, das kann nicht wahr sein!

„Ach Paul! Ich dachte, wir können heute zusammen zu Abend essen und ich erzähle von meiner Reise und du von den Plänen in Kassel.“ Scheiße, ich klinge wie eine weinerliche Bittstellerin!

Hat er inzwischen eine andere Frau kennen gelernt und versucht jetzt, mich los zu werden? Passt das zu ihm? Sie weiß, schon so manches Mal hat sie Menschen falsch eingeschätzt. Eines ihrer wenigen Talente! Mit Paul passiert ihr das nicht – hatte sie gedacht. Ohne nachzudenken haut sie drauf: „Warum fährst du denn ausgerechnet heute nach Kassel? Ich freue mich, dich wieder zu sehen und dachte, es geht dir ebenso. Was ist los? Irgendetwas ist passiert, oder?“

Paul schweigt lange. Ungewöhnlich für ihn, den eher „Redesüchtigen“. „Ja, es ist etwas passiert. Ich mag dich sehr und ich möchte, dass wir Freunde bleiben!“ Sofort bereut sie ihr forsches Vorgehen. Sie will keine Erklärungen, sie will keinen Abschied. Heute nicht. „Ach lass es. Ich möchte jetzt erst mal ins Bett. Fahr du nach Kassel oder wohin auch immer. Lass mich wissen, wann du Zeit hast und wir holen unser Abendessen irgendwann in den nächsten Tagen nach.“ Sie bereut, Paul in die Erklärungsecke getrieben zu haben. Doch es ist zu spät.

„Mir ist etwas geradezu Ungeheuerliches passiert. Ich habe es noch keinem Menschen erzählt. Meine Kinder dürfen es auf keinen Fall erfahren: Ich habe in Max mein Alter Ego gefunden. Alles Weitere kannst du dir denken. Ich hätte nie gedacht – abgesehen von ein paar Experimenten in meiner Jugend – dass ich homophile Neigungen habe. Immerhin habe ich drei Kinder!“ Paul windet sich.

So, Mädel, jetzt bist du schachmatt. Dein treuer Begleiter Paul ist ... na ja. Irgendwie schwul, oder was? Bist du so tolerant, dass du das respektieren kannst.

„Ach Paul“, sie steht auf, nimmt ihre Handtasche und den Koffer, gibt ihm automatisch einen Kuss. „Ich bin jetzt außerstande, auf dein Outing zu reagieren. Ich habe so gehofft, dass unsere Beziehung funktioniert.“

Paul nimmt ihr Tasche und Koffer aus der Hand und drückt sie wieder auf den Stuhl: „Bitte, bitte, nimm die Entwicklung nicht persönlich, du bist eine ganz wunderbare Frau, und ich liebe dich genauso, wie immer, ... doch ich spüre, dass Max meine große Liebe ist. Das hat nichts mit dir zu tun. Bleibe meine Freundin, und wenn du meine Hilfe brauchst, dann bin ich für dich da. Ich bin gerne weiter dein Begleiter ins Kino, Theater, zu Partys. Na, du weißt schon..“

„Ich habe keine Ahnung, ob ich eine gute Freundin sein will. Lass mich bitte gehen, ich will nach Hause.“ Marie steht wieder auf, nimmt Tasche und Koffer und geht.

Als sie ihre Haustür erreicht, hat Paul sie eingeholt. Er greift zu ihrem Koffer: „Du darfst den Koffer nicht alleine die Treppe hoch tragen, Liebes. Lass mir wenigstens die Überzeugung, dass ich ein Kavalier bin.“

An ihrer Wohnungstür stellt er den Koffer ab und nimmt sie plötzlich und unerwartet in die Arme, küsst sie kurz auf den Mund und läuft sportlich die Treppe nach unten. Auch das ist neu. Sie spürt jetzt, dass sie todmüde und ziemlich getroffen ist.

Ihre Zwei-Raum-Wohnung riecht muffig. Schnell die Fenster auf. Die vielen Pflanzen an den Fenstern verbreiten das vertraute grüne Dschungellicht in der Wohnung. Der Kronleuchter, das Fischgrätenparkett mit den Intarsien, ihre dunkel glänzenden Biedermeiererbstücke empfangen sie würdevoll und tröstlich. Ach Mädel versuch’ es einfach leicht zu nehmen. Du brauchst doch keinen Kerl, wenn der dich nicht wirklich will. Und mal ehrlich, liebst du ihn? Wenn man etwas verliert, verschiebt sich die Wahrnehmung. Damit hast du doch bereits reichlich Erfahrungen gesammelt. Außerdem: Denke an Gaziantep und den einzigartigen Manu.

Sie verbietet es sich, weiter über ihr Gefühlsleben zu brüten. Stattdessen genießt sie die Dusche, fällt ins Bett und schläft sofort ein. Erst im dämmrigen Abendlicht wacht sie auf – vom Klingeln an ihrer Wohnungstür. Draußen steht ein Bote mit einem Strauß roter Rosen. Marie ist fassungslos. Sie hat keine Ahnung, wer für diese Liebesbotschaft in Frage kommt. Außer Paul fällt ihr niemand ein: Hat der voller Reue und schlechtem Gewissen so tief in seine leeren Taschen gegriffen? Die mitgelieferte Karte liest sie lieber gar nicht erst. Sie fürchtet neuen Schmerz und Unsicherheit.

Sie muss unbedingt den Kindern, die noch eine Woche bei der Familie des Schwiegersohns in Bozova geblieben sind, eine Mail schreiben. Die warten darauf, dass sie ihre gesunde Heimkehr meldet. Das ist Tradition in der Familie.

Massen von Mails füllen ihre Mailbox. Meist Spams. Sie will schon alles löschen, als sie auf eine Adresse stößt, die sie stutzig macht: [email protected]? Irgendwas kommt ihr bekannt vor. Nach kurzem Zögern öffnet sie die Nachricht ... Manu aus Gaziantep hat ihr geschrieben. Ihr Herz rast, ihr ist schwindlig. Sie muss sich hinlegen, damit sie nicht ohnmächtig wird. Es schießt ihr durch den Kopf, die Mail einfach zu löschen.

Als ihr Herz wieder im normalen Rhythmus schlägt, rafft sie sich auf, Manus Mail doch zu lesen: „bien-aimée, warum du mich verlassen heimlich? Ich sehr, sehr traurig. Ich denken, du haben Angst vor Liebe mit mir. Please trust me. I know, Dein Leben, mein Leben are so much different. But I know and I sense, du bist mein Liebe und meine Alter Ego.“
Marie muss unwillkürlich an den „sensationellen“ Max denken. Was für eine Ironie der Umstände.
„Emre Deine Adresse gegeben mir. Please call me. Ich nextmonth in London. I wait every day on your call. Here my Numbers ... I will wait ... Du meine Blumen, kleine Zeichen von meine Sehnsucht zu dir, erhalten?“

Noch nie hat ein Mann ihr eine solche Liebeserklärung gemacht! Sie hatte bisher keine Ahnung davon, dass das Leben so ungeahnte Möglichkeiten im Galopp serviert, ohne dass man sich darauf vorbereiten oder gar die Kontrolle behalten kann. Sie war die Reise in die Osttürkei widerwillig angetreten, doch was sich nun aus ihr ergibt, das haut sie um. Und aus längst verschüttet geglaubten Tiefen steigen Tränen auf, die sich mit ihrer Melancholie verbinden. Sie füllen ihre Augen, und sie kann nichts mehr erkennen.

Alles hatte so ganz anders begonnen.

TEIL I

„Let it sky cry

Under the light

Let I cry sight

A child at night“ Antony and the Johnsons

Es ist einer jener Tage im Februar, in dem der Winter noch mächtig herummotzt und den deprimierenden Anschein erweckt, er würde niemals enden. Als Marie von zu Hause losgefahren war, schien noch die Sonne. Jetzt aber fällt Schnee, ein dichtes, flatterndes Flockennetz. Die Straße ist im Nu unter einer unschuldsweißen Decke verschwunden. Nur mit großer Anstrengung kann sie die Fahrspur halten. Die Westfälische Straße ist unübersichtlich, am Hohenzollerndamm sind die Fahrspuren ausgefahren, und der graue Matsch der Reifenspuren markiert ihren Rand. Die Scheibenwischer quietschen emsig vor sich hin. Sie ist auf dem Weg, um ihre Tochter Johanna und den Enkel Karl vom Kinderarzt abzuholen.

Als sie an der Praxis ankommt, geht der Schneefall in ein nasses Nieseln über. Das saubere Weiß wechselt in schlammiges Graubraun: vertraute Berliner Schneeflöckchen-Grauröckchen- Romantik!

„Der Arzt war sehr zufrieden. Alles im grünen Bereich. Karl hat die Impfung tapfer überstanden.“ Mit dem Kind im Arm stürzt Johanna aus der Praxistür hastig durch den Regen. Sie schnallt Karl im Kindersitz in Maries Golf an.

„Du fährst mich doch zum Gericht, Mama? Das wäre klasse. Sonst schaff ich meinen Termin nicht.“
„Na klar.“ Marie hilft ihrer Tochter, die als Anwältin mit der

Vertretung von Sozialstreitfällen tätig ist, bei der Betreuung des Enkels. So gut sie das in ihren geschäftigen Alltag einbauen kann. Sie schaltet in den ersten Gang und fädelt sich in den stockenden Verkehr ein. Als sie an einer roten Ampel stehen, sagt Johanna plötzlich: „Ich habe übrigens für unseren Urlaub in Kizkalesi Zimmer in einem sehr schönen Hotel gebucht.“

„Was? Bitte noch einmal: Kizka... oder ...? Was ist das denn?“

„Ein Ort am Mittelmeer, kilikische Küste“, sagt Johanna. „Anschließend geht’s zur Familie an den Euphrat.“

Marie ist überrascht: Den Schwiegersohn drängte es immer so schnell wie möglich nach Ostanatolien. Einen Badeurlaub an der türkischen Mittelmeerküste lehnte er bisher konsequent ab.

„Wie hast du das denn deinem Mann beigebracht?“

Ehe Johanna antworten kann, ertönt aus ihrer Aktentasche laut und fordernd ein Hundebellen. Nach einigem Suchen hat sie ihr Handy gefunden. Johanna telefoniert, Karl brabbelt vor sich hin, Marie konzentriert sich auf die Straße und denkt darüber nach, was alles noch zu erledigen ist: Staubsaugerbeutel kaufen, die Briefe zur Post bringen, Milch fehlt, Kaffee auch. Vor allem aber muss sie für Karl das Mittagessen kochen. Der isst nur Würstchen, Fischstäbchen und Nudeln mit Ketchup, auf keinen Fall Obst und Gemüse. Das wird eine Herausforderung für die großmütterliche Autorität und Diplomatie im Kampf um eine gesunde Ernährung.

Johanna beendet das Telefonat und sagt mit einem schwer zu deutenden Lächeln: „Ich habe ihn einfach überrumpelt! Mit einem preiswerten Hotel und der direkten Busanbindung vom Meer in seine Heimat. Das war nicht ganz so schwer, wie du denkst. Er war froh, dass ich ihm die Planung abgenommen habe. Planen ist nicht so sein Ding, wie du ja weißt.“

So, so. Walking in my footsteps, denkt Marie, der Apfel fällt nicht weit vom durchsetzungsfähigen Mutterstamm.
„Ehe du weiter herumwunderst, Mama, wir möchten, dass du uns dieses Mal begleitest.“
In Maries Kopf stürzen die Gedanken durcheinander: Sie will da nicht hinfahren. Johannas Reiseberichte haben ihr keine Lust auf die Heimat ihres Schwiegersohns gemacht. Im Gegenteil. Seine Familie lebt in einem kleinen ostanatolischen Ort und hält sich mit Gemüse- und Pistazienanbau über Wasser. Gelegentlich nimmt der Vater einen Auftrag als Dachdecker an. Die Urlaubsfotos zeigen staubige, unbefestigte, von Ziegen „bevölkerte“ Straßen, Minarette und vom harten Bauernleben gezeichnete Menschen mit Gebetskette in der Hand. Marie glaubt von sich, wenig Vorbehalte zu haben, für eine ländlich-traditionelle Lebensweise – egal wo – hat sie indes nichts übrig. Sie liebt Bildung, Kultur und Urbanität.

„Und Karl?“ Der Kleine ist nicht einmal zwei Jahre alt!
„Selim will ihn endlich seinen Eltern vorstellen.“
„... und verschleppt mein kleines Karlchen ins wilde Kurdis-

tan?!“ Marie schlägt einen scharfen Ton an.
„Mamaaaa!!! Karl ist nicht dein Kind!“
Dieses vorwurfsvolle „Mamaaaa“ ist schwer auszuhalten. Maries Magen zieht sich zusammen. Genau wie damals, als Johanna ihr sagte, sie werde Selim heiraten. Den Fremden aus der Türkei. Klar will der stolze Vater nun seinen Sohn in der Heimat vorzeigen. Sie versteht auch, dass die Großeltern ihren Enkel endlich einmal sehen wollen. Aber:

„Warum kommen die nicht nach Deutschland?“

„Weil für die“, Johanna macht eine vorwurfsvolle Pause, „ein Flug hierher genauso realistisch ist, wie für dich eine Reise zum Mond.“

„Und die Virus- und Wurmerkrankungen, Fäkalkeime im Trinkwasser, die hygienischen Bedingungen ...? Das da unten ist ein Paradies für Keime!“ Doch Johanna erstickt die Einwände ihrer Mutter rigoros: Es sind längst sämtliche Risiken mit dem Kinderarzt besprochen. Fragen zum Trinkwasser inklusive.

Schweigen.

„Alles klar, Mama?“, bricht Johanna nach einer Weile die bedrückende Stille. „Lass einfach mal los. Denk an die Woche Strand – das wird uns allen guttun. Esra möchte dich übrigens gern

kennen lernen und sich bei dir persönlich bedanken“.
 Soso!