Gebrauchsanweisung für den Strand - Stella Bettermann - E-Book

Gebrauchsanweisung für den Strand E-Book

Stella Bettermann

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Beschreibung

Eine Reise zu den Stränden der Welt Ob Meer, Fluss oder See, ob sommerlicher Isarstrand, winterlicher Nordseestrand oder karibischer Badestrand – in der Freizeit und im Urlaub zieht es uns ans Wasser. Zeit also, es sich auf dem Strandtuch oder im Liegestuhl mit einem Sundowner bequem zu machen und alles zu erfahren, was unseren Lieblingsort so besonders macht. Welche Arten von Strand es gibt. Was einen perfekten Strand ausmacht. Wo es die schönsten, die längsten und die weißesten Strände gibt. Wo es sich am besten am Wasser leben lässt. Wie der Beach-Kult entstanden ist. Was man alles am Strand finden kann. Welche Gefahren an Ufern und Küsten lauern. Welchen Aktivitäten man nachgehen kann. Welche Rolle der Strand in Literatur, Film und Malerei einnimmt. Wie er zum Wirtschaftsfaktor wurde. Warum er in Gefahr ist. Und wie wir ihn schützen können … Stella Bettermann nimmt uns in ihrer charmanten Gebrauchsanweisung mit auf eine inspirierende und äußerst entspannende Reise von Coney Island bis Kreta, von Bali bis Sylt. Die perfekte Strandlektüre

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© Piper Verlag GmbH, München 2023

Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de

Coverabbildung: Lubitz + Dorner / Plainpicture

Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Sehnsuchtsort Strand

Historie des Strandbesuchs

Eventlocation Strand – von Sport und Spaß

Der Strand in Kunst und Kultur

Strandmode

Modestrände

Verblichene Traumstrände

Campingstrände für Familys

Insta-Strände

Office-Strände für digitale Nomaden

Backpacker-Exotikstrände

Luxus-Exotikstrände

Elternzeit-Strände

Kinderlosen-Strände

Kunststrände

Strand und Genuss (und Geld)

Leben am Strand

Danzig

Triest

Stavanger

Chicago

Singapur

Kopenhagen

New York

Doktor Strand

Gefährliche Buchten

Gefährdeter Strand

Liebeserklärung an den Strand

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Sehnsuchtsort Strand

Ein Geständnis mit Neidfaktor zuallererst: Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die direkt am Strand wohnen, und blicke vom Wohnzimmerfenster auf Sand und Kiesel. Nachts lullt mich das Rauschen des Wassers in den Schlaf, morgens werden Möwenschreie laut, in die sich das Quaken der Enten mischt.

Enten? Am Strand? Ja, genau, Sie haben richtig gelesen. Enten, Wildgänse, Blesshühner. Und natürlich Schwäne, die am Himmel vorbeiziehen, als wäre es ganz selbstverständlich, 14 Kilo weiß gefiederte Körpermasse einfach so durch die Lüfte zu bewegen.

Dass ich all dies tagtäglich bewundern darf, liegt daran, dass mein Hausstrand nicht etwa an einer Meeresküste liegt, sondern mitten in München. Es handelt sich um den Isarstrand gegenüber der Museumsinsel, unterhalb der Corneliusbrücke. Aber ein Flussstrand ist auch ein Strand und kann bezüglich Beachfeeling durchaus mithalten.

Im Falle »meines« Strandes sieht dies folgendermaßen aus: Eine kleine Steintreppe führt vom Gehweg hinab, und schon befindet man sich in einer ganz anderen Welt, einem Paralleluniversum zur Stadt dort oben. Sofort erzeugen die Schuhe das typisch knirschende Geräusch, das entsteht, wenn man über Kiesel stapft, und das signalisiert, dass man sich nun auf Naturuntergrund bewegt. Währenddessen fährt einem eine kleine Brise ins Haar, denn am ungeschützten Strand ist es ja immer ein bisschen windiger als in den Häuserschluchten der Zivilisation. Und während man dann dasitzt und aufs Wasser blickt, entfaltet der Ort seine besondere Magie, die jedem Strand zu eigen ist und die sich aus einer Mixtur von Gerüchen (Sonnencreme, Grillkohle), Geräuschen (Wasserplätschern) und Gefühlen (Entschleunigung) zusammensetzt.

Wer allerdings findet, ein innerstädtischer Flussstrand könne nicht mit einem »richtigen« mithalten, den lade ich ein, an einem warmen Sommerabend meine Straße zu besuchen, wo die Nachbarn aus unserem sechsstöckigen Mehrparteienhaus mit nichts weiter als einer Badehose und einem lässig über der Schulter drapierten Handtuch bekleidet zum abendlichen Isarbad schlappen.

Ein etwas nachlässiger Kleidungsstil kann übrigens ganz grundsätzlich als Erkennungsmerkmal eines nahe gelegenen Strandes gelten, und dies spätestens seit Coco Chanel 1913 in Deauville in der Normandie ihr erstes Modegeschäft eröffnete. Aus unserer Warte mögen die schlichten Matrosenblusen aus Jersey, die sie den Kundinnen dort seinerzeit verkaufte, recht brav aussehen, im Gegensatz zu den davor üblichen engen Damenkorsetten wirkten sie allerdings regelrecht revolutionär in ihrer Lässigkeit. Außerdem: Damit konnte die gesunde Seeluft endlich auch von Frauen ordentlich tief eingeatmet werden! Die Boutique wurde zum Riesenerfolg, und wie es weiterging mit der Besitzerin, ist allseits bekannt.

Schon lange also ist der Handel mit Beachwear und Badeaccessoires ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftszweig, und so manche strandtypischen Waren kommen mittlerweile überall vor. Beispielsweise erfordert es längst keine Küstennähe mehr, um mit Flipflops durch die Gegend zu schlurfen. Und auch der ikonische Strandkorb aus den windigen Gefilden nördlicher Küstenregionen kommt ganz ohne steife Brise aus und wird in windstillen Binnengärten und Gastronomiebetrieben aufgestellt.

Die universelle Ausbreitung solcher Artikel kommt natürlich von der steten Sehnsucht nach Destinationen mit Sand und Klippen (und natürlich: Wasser) für die wenigen Wochen, in denen nicht gearbeitet werden muss und einfach gelebt werden darf. Wenn es dann endlich so weit ist und man am Traumstrand sitzt, dann seufzt man glücklich und tut endlich – nichts. Nichts?

Es gehört zu den Paradoxien der deutschen Befindlichkeiten, dass Abermillionen Bürger Jahr für Jahr begeistert an Meeres- und Seeküsten reisen und viel Geld für Hotels in Strandnähe bezahlen, dann sogar mitunter zu nachtschwarzer Zeit aufstehen, um sich die besten Liegestühle mit ihrem Handtuch zu reservieren – und dennoch der »reine« Strandurlaub als öde und todlangweilig gilt. Irgendwie nicht nachvollziehbar, denn: Mal abgesehen davon, dass sich hinter dem geschmähten Nichtstun am Strand tatsächliche Tätigkeiten wie lesen, schwimmen, sich mit Sonnencreme einschmieren, Sandburgen bauen, Strandspaziergänge machen, Beachball spielen, schnorcheln et cetera verstecken, lästert ja auch im Gegenzug niemand über diejenigen Touristen, die lieber bergwandern gehen. Jeder nach seiner Fasson!

Was man tatsächlich als Strandaktivität wählt, wie man sich dort stylt, was man wann konsumiert, ist dabei nicht nur eine Frage der Moden, sondern natürlich auch der Jahreszeiten. Und so wäre als eines der beliebtesten Strandgetränke längst nicht mehr ausschließlich der Aperol Spritz zu nennen, den die Abendsonne beim Sundowner zum Leuchten bringt, sondern auch der Ingwertee aus der mitgebrachten Thermoskanne, den man nach dem Winterschwimmen mit tomatenroten Gliedmaßen und endorphinbedröhntem Grinsen unter der Wollmütze in sich hineinschlürft. Ein Trend, den wir den Corona-Lockdown-Zeiten zu verdanken haben und der wohl auch das Ende der Maßnahmen überleben wird.

Weil ich Ihnen bereits den (aus meiner Warte) nächsten Strand genannt habe, den ich kenne, möchte ich Ihnen den am weitesten entfernten nicht vorenthalten: Es ist der 13 581 Kilometer südöstlich von München gelegene Cottesloe Beach in Westaustralien – ebenfalls ein Hausstrand, nämlich für die knapp zwei Millionen Einwohner von Perth. Er liegt nur zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, man erreicht ihn in rund zwanzig Minuten über eine Art Metro. Nahe der Station erwarten einen dann: Sand, Strand, Surfer, so weit das Auge reicht – Beachfeeling mit echtem Wow-Effekt.

Dabei gilt der Cottesloe Beach bei den Australiern als recht durchschnittlicher Strandstreifen, den insbesondere die ansässige Jugend, die noch keinen motorisierten fahrbaren Untersatz besitzt, frequentiert – ähnlich wie in Deutschland das Freibad und die Bolzwiese im Park. Nur dass die Kids Down Under in ihrer Freizeit eher wellenreiten, statt zu kicken.

Genau den Alltagscharme dieses Strandes fand ich besonders anziehend – ich bin immer fasziniert von Orten, an denen die Strandnähe zum normalen Leben gehört. Ruhige Naturstrände sind natürlich auch wunderbar, keine Frage, auf mich üben alle Strände eine regelrechte Sogwirkung aus, ich kann ihnen nicht widerstehen – auch wenn ich gar nicht zum Strandurlaub da bin.

Und so muss ich beispielsweise im November in Venedig trotz Windes auf dem Lido den Adriastrand entlangstapfen und fühle mich danach im Vaporetto regelrecht paniert. Und wenn Sie mal jemanden beobachten, der Anfang April in New York auf Coney Island die Schuhe auszieht und die Wassertemperatur prüft (eiskalt!), bin das höchstwahrscheinlich ich.

Hervorgerufen wurde meine Strandliebe wahrscheinlich durch ein Poster, das ich mit knapp 14 Jahren in meinem damals neu gestalteten Jugendzimmer aufhängen durfte. Es zeigte einen Traumstrand samt Pärchen bei Sonnenuntergang und harmonierte farblich bestens mit der Tapete (braunorange Blüten auf beigem Untergrund, typisch Seventies). Das Pärchen küsste sich, und zwar – nackt! Vielleicht aber doch mit Badesachen an. Das konnte man nicht richtig erkennen, da von dem Paar nur die Umrisse im Gegenlicht auszumachen waren. Jedenfalls hielten mich meine gleichaltrigen Freundinnen wegen des Posters plötzlich für cool. Außerdem wachte ich nun jeden Morgen mit Strandblick auf und schlummerte nachts zum Sound einer erträumten Brandung ein – so was prägt!

Auch heute, Jahrzehnte später, hat sich kaum etwas geändert (außer natürlich, dass ich keine Pärchenposter mehr aufhänge). Doch das Bewundern eines schönen Sonnenuntergangs am Strand gilt unter Deutschen nach wie vor als das Allerromantischste, was ein Paar unternehmen kann, es besitzt den höchsten Romantikfaktor überhaupt – noch vor Candle-Light-Dinner und Frühstück im Bett. Das ergab erst jüngst eine kleine Umfrage eines Touristikunternehmens namens Sandals Resorts International, das auf Pärchenurlaube spezialisiert ist.

Mit romantisch aufs Meer blicken hört es allerdings nicht auf – das ist oft nur das Vorspiel. Von dort aus geht es dann direkt weiter zum Thema Sex am Strand. Zumindest in der Fantasie. Beim Strandsex handelt es sich um die erotische Urlaubsfantasie Nummer eins, die Mehrheit der Deutschen träumt davon (genauer: 69 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen, wie die Paarvermittlungsbörse ElitePartner ermittelte). Träume sind allerdings bekanntermaßen oft schöner als die Realität, und in dieser kann der Strandsex durchaus unangenehm werden.

Die rein körperlichen Gefahren werden in regelmäßigen Abständen von der Boulevardpresse und in Frauenzeitschriften erörtert. Es geht dabei überwiegend um die Auswirkungen von Sand, und zwar ganz konkret darum, wo man ihn garantiert nicht haben möchte, und ähnliche, eher unappetitliche Themen.

Weniger häufig werden die strafrechtlichen Risiken von Beachsex abgehandelt, dabei sind die mitunter überraschend drastisch. In Dänemark beispielsweise, das sonst nicht als übertrieben sittenstreng gilt, drohen Gefängnisstrafen von bis zu vier Jahren, wenn man erwischt wird. In Rumänien sind es sogar sieben! Zu tatsächlichen Verurteilungen kommt es aber wohl eher selten. Lediglich aus den USA ist ein Fall bekannt, in dem ein Pärchen tatsächlich zu zweieinhalb Jahren Knast verdonnert wurde – und zwar ausgerechnet in Florida, dem Bundesstaat, in dem der Cocktail »Sex on the Beach« erfunden wurde (dazu an späterer Stelle mehr).

In der Realität ist es natürlich nicht so, dass ständig Polizeigeschwader die Strände entlangpatrouillieren, um amouröse Entgleisungen zu ahnden. Was daran liegt, dass da (außer in der Fantasie) kaum welche stattfinden. Laut Umfragen wird als wahrer Austragungsort von Sex im Urlaub, ganz banal, zu 96 Prozent das Hotelbett genannt. Und auch privat werden einem nicht gerade oft Beach-Sexkapaden berichtet. Mir persönlich wurde lediglich ein Strandsex überliefert: Eine Jugendfreundin erlebte an der italienischen Riviera mit einem einheimischen jungen Mann ihr erstes Mal. Es war nur so lala, meinte sie, aber das muss nicht zwingend am Strand gelegen haben.

Huch, jetzt waren wir tatsächlich schon beim Sex! Dabei haben wir noch nicht mal verhandelt, wie Strand überhaupt definiert ist. Das muss schleunigst nachgeholt werden!

Wikipedia weiß da wie immer die korrekte Antwort. Laut der Internetenzyklopädie ist ein Strand ein »flacher Küsten- oder Uferstreifen aus Sand oder Geröll«. Klingt ein bisschen ernüchternd. Und es geht ebenso nüchtern weiter: »Im Unterschied zu Stränden … aus Kies oder Geröll (Steinstrand) gelten Sandstrände, insbesondere weiße, als wichtiges Merkmal für Urlaubsorte und Ferienhotels.« Und natürlich für Träume, Sehnsüchte, Glücksmomente, möchte man da hinzufügen. Aber gut.

Wahr ist: Wenn schon der Strand an sich einen Topos des Glücks darstellt, so gilt weißer Sand als Gradmesser dieses Glücks, ist er doch quasi der Sand allen Sandes. Oder: das Idealbild des Sandes. Oder: Sand hoch zehn. Oder gibt es jemanden, der bei den Worten »schneeweißer Puderzuckersand« nicht in Verzückung gerät?

Aber schneeweißer Puderzuckersand ist nicht billig zu haben, beziehungsweise sind (Fern-)Reisen zu Destinationen mit solchem Strandbelag kein Schnäppchen. Bei der Auflistung der Namen der Traumorte, an denen er vorkommt, spürt man fast schon Schnappatmung in der Geldbeutelregion: Malediven! Südsee! Karibik! Da wird das Sanderlebnis kostbar und der weiße Sand zum echten Wirtschaftsfaktor. Daher liegt es vielleicht am Sozialneid, dass gerade dieser weiße Traumsand in den letzten Jahren in der Presse böse verunglimpft wurde. Der besonders weiße Pudersand soll, so heißt es, einfach nur aus Fischkot bestehen. Ach du (weiße) Scheiße!

Tatsächlich ist die Sache mit dem Kot nicht ganz richtig, es handelt sich vielmehr um sehr fein zermahlenen Korallenkalk, der allerdings tatsächlich von Fischen ausgeschieden wird, insbesondere Papageifischen. Die ernähren sich nämlich von Algen, die auf weißen Korallen wachsen, und dabei schaben sie mit ihren schnabelartigen Zähnen Bestandteile der Korallen selbst ab. Dann scheiden sie diese Korallensubstanzen in Sandwolken im Wasser aus, und diese feinen Sandwolken schließlich lagern sich am Strand ab, allerdings sauber gereinigt vom Meer, sodass es niemanden davor zu ekeln braucht.

Am Rande wäre nur zu bemerken, dass es sich dabei um erstaunliche Mengen von Sand handelt – ein ausgewachsener Papageifisch mit einer Größe von 25 bis 40 Zentimetern »produziert« bis zu 320 Kilo Sand pro Jahr.

Noch ein paar Fakten: Weißer Sand kann auch aus zerriebenem Quarz bestehen, ebenso wie (gold-)gelber Sand. Schwarzer Sand, so wie mitunter auf den Kanaren, besteht dagegen aus Lavagestein. Auch roter (eisenhaltiger) Sand kommt mancherorts vor, ebenso wie rosafarbener, zum Beispiel auf Sardinien, an der Spiaggia Rossa, wo rote Korallenpartikel den Sand färben. Es gibt sogar grünen Sand, und zwar am Green Sand Beach auf Hawaii. Auch er besteht aus Gestein vulkanischen Ursprungs, dem Olivin.

Wie fein der Sand ist, hängt übrigens von der Neigung des Meeresbodens vor der Küste ab. Wo es eher sacht in die Tiefe geht, werden die Körner besonders intensiv von den Wellen zerrieben. Die Teilnahme von Wasser ist zudem dafür verantwortlich, dass der Sand und die Kiesel an Meeres- oder Flussufern abgerundete Kanten besitzen – im Gegensatz zu scharfkantigem Wüstensand, der vom Wind und nicht vom Wasser geformt wird.

Aber trotz aller Abrundung: Sand kann natürlich nerven, manche Leute können ihn gar nicht ausstehen. Besonders manche Eltern fühlen sich regelrecht verfolgt davon, das beginnt bereits beim Sandkastensand im ganz normalen Alltag, und man kann ihnen den Hass auf den Sand kaum verdenken. Tag für Tag klopfen sie den Nachwuchs am Spielplatz ab und leeren die Kinderschuhe, aber dann rieselt doch immer irgendwas von dem Teufelszeug aus einem hochgekrempelten Hosenbein oder einer Innentasche, und schon knirscht es wieder im ganzen Haus bei jedem Schritt. Dann fährt man in den Badeurlaub ans Meer, und es wird nur schlimmer, mit Sand im Haar, im Bett, in der Dusche und auch sonst überall.

Dabei braucht es für das Urlaubsfeeling gar keinen Sand, wie die fabelhaften Felsenküsten unter anderem von Kroatien und Madeira aufs Schönste unter Beweis stellen. Daher plädiere ich dafür, auch Felsenufer in die Kategorie Strand mitaufzunehmen – Felsstrand ist ja irgendwie auch Strand, wenn auch ohne Kiesel und Sand.

Es ist also so, dass der Strand gar keinen Sand braucht. Andersrum reicht Sand allein schon aus, um Beachfeeling auszulösen – auch ganz ohne Meer, Fluss oder Tümpel oder auch nur einen einzigen Tropfen Wasser. Ich spreche von Stadtstränden, diesen kleinen Sandoasen, die es mittlerweile in jedem größeren Ort gibt (oft auch Strandbar oder Beachclub genannt). Das Konzept funktioniert eigentlich überall – auf Hausdächern, öffentlichen Plätzen, in Hinterhöfen oder Industriebrachen. In Ingolstadt beispielsweise schmiegt sich ein Stadtstrand zwischen Ringstraße und Gewerbegebiet, und der Zauber funktioniert bei aller Trockenheit (und Abgasen). Es muss also eine Art Urinstinkt sein, der erwachsene Menschen auf Sand umgehend Schuhe und Strümpfe abstreifen und tief durchatmen lässt (und natürlich kann man sich mit Schuhen im Sand sowieso nicht anständig fortbewegen). Wenn dann auch noch ein paar Liegestühle rumstehen, gelingt die Illusion fast vollständig, und alle fühlen sich umgehend wie im Kurzurlaub.

Die Mutter aller Stadtstrände liegt in Paris, seit 2002 wird die Paris Plage jedes Jahr in den Sommermonaten installiert, als innerstädtisches Erholungsparadies für die zu Hause gebliebenen Pariser und ihre Gäste (ein Teil des Strands liegt durchaus am Wasser, dem Seineufer, dem ansonsten aber keine Urlaubsqualitäten anhaften, denn es handelt sich um ein Kanalufer ohne Bademöglichkeit; aber auch vor das Rathaus wird Sand geschüttet, der übrigens per Frachtschiff aus der Normandie herbeigeschafft wird). Man kann hier Boule spielen oder einfach relaxen, es gibt zahlreiche Essensstände, und abends kann auf Club-Booten an der Seine getanzt werden.

In jedem Fall hatten die Pariser mit dem Modell Stadtstrand eine grandiose Idee, mittlerweile vermehren sich die Kunstbeaches, werden immer beliebter und machen sich dabei selbst Konkurrenz. In Berlin beispielsweise zählte ich bei Google Earth im Sommer 2022 stolze zehn Stück (die an Seebädern wie dem Wannsee, wo immer schon Sand lag, natürlich nicht mitgerechnet).

So schön sie auch sein mögen – verglichen mit echten Stränden wirken sie alle allerdings nur wie Sandkästen für Erwachsene. Ein echter Strand ist schon was ganz anderes, darüber sind wir uns hier sicherlich einig, und um einiges schöner. Welcher der allerschönste ist – das würde ich Ihnen gerne verraten. Leider ist dies auch ein wenig Geschmackssache und liegt im Auge des Betrachters, deswegen steht auf jeder Liste, die sich googeln lässt, ein anderer Spitzenreiter. Außerdem wird das Thema stark von Lokalpatriotismus bestimmt. So wird man zum Beispiel eher selten einen Spanier finden, der sagt, die allerbesten Strände liegen gar nicht in seinem Land, sondern in Griechenland – und umgekehrt.

Außerdem scheint die Beliebtheit von Stränden bestimmten Moden zu unterliegen, und manche Orte, die mal traumhaft waren, sind heute einfach nur noch zugebaut und vollgemüllt. Oder viel zu voll. So beispielsweise der Strand von Ipanema in Rio, einstmals der Traumstrand schlechthin und berühmt für seine Bikinischönheiten und die Fotos von Bruce Weber. Er wurde sogar besungen, in dem brasilianischen Hit »The Girl from Ipanema«, der besonders in der Interpretation von Astrud Gilberto jedem ein Begriff ist (wobei mit Ipanema nicht nur der Strand, sondern das ganze Viertel gemeint war, für das der Strand aber sinnbildlich steht). Doch mittlerweile ist Ipanema zu einem der schrecklichsten Strände weltweit geworden, das behauptet zumindest die Reiseführerreihe Marco Polo. Denn er ist so überlaufen, dass man ihn eigentlich gar nicht mehr sieht – vor lauter Sonnenschirmen und Menschen.

Die Attraktivität eines Strandes ist also immer mit einem Haltbarkeitsdatum versehen, da, wo es gerade am schönsten ist, kann morgen eine Umweltkatastrophe, wie zum Beispiel ein Tankerunglück, alles zerstören. Oder eine übergroße Beliebtheit bei Instagram. Darum kann es sich immer nur um eine vorübergehende Statistik handeln.

In nahezu jedem der Rankings der letzten Jahre wird ein Strand auf den Seychellen als der schönste oder einer der schönsten genannt: Anse Source d’Argent auf der Insel La Digue. Neben weißem Sand und türkisfarbenem Meer gibt es hier Felsformationen zu bestaunen, die ein wenig wie kauernde Elefanten im Sand wirken. Ebenfalls auf so gut wie jeder Liste weit oben angesiedelt: der Whitehaven Beach auf der australischen Insel Whitsunday Island. Er besteht zu 99 Prozent aus Quarzsand und gilt als der weißeste Strand der Welt (und zwar ganz ohne Fischkot). Eine weitere Berühmtheit ist der Shipwreck Beach auf der griechischen Insel Zakynthos, das Panorama kennt wohl jeder: Steilküste, leuchtend blaues Meer plus altes, im Sand halb versunkenes Wrack. Alle drei genannten Strände werden wohl noch lange beliebt (und schön) bleiben, denn sie liegen in Naturschutzgebieten – Bettenburgen mit Touri-Unterbringung und Massenpublikum sind also nicht zu erwarten!

Während der Begriff der Schönheit immer ein wenig subjektiv bleibt, gelten bei anderen Kriterien feste Regeln – zum Beispiel darüber, welches der längste Strand der Welt ist: Er verläuft vom brasilianischen Molhes da Barra zur uruguayischen Grenze, es ist die Praia do Cassino, die stolze 254 Kilometer zählt – und das ist ein Fakt.

Im Gegensatz dazu gilt der Gulpiyuri-Strand in Asturien als kleinster Strand der Welt. Aber eigentlich ist hier nicht nur der Strand klein, sondern sogar das Meer – es handelt sich nur um ein winziges Tümpelchen Binnenmeer, mitten im Land, hundert Meter vom »richtigen« Ozean entfernt. Und doch wird dieser Wasserabschnitt von frischem Meerwasser gespeist, was an den Schwankungen der atlantischen Gezeiten liegt. Apropos liegen: Man kann sich hier sehr angenehm auf besonders weichem, goldgelbem Sand ausstrecken.

Vor lauter Sand haben wir nun leider die Kieselstrände sträflich vernachlässigt, die selbstverständlich ebenfalls erwähnenswert sind. Zuallererst möchte ich da natürlich auf meine heimischen Isarkiesel zu sprechen kommen, die zumeist grau sind, manchmal mit hübschen weißen Adern durchzogen, weswegen meine Tochter sie als kleines Kind sammelte und nach Hause trug, und zwar in einem Ausmaß, dass ich schon fürchtete, die Bodenhaltbarkeit in unserer Mietwohnung könnte Schaden nehmen (weshalb wir die Kiesel eines Tages, als meine Tochter älter war, »befreiten« und einen Nachmittag lang in mehreren Stationen zurück in ihr natürliches Habitat runter ans Wasser schleppten).

Jedenfalls handelt es sich bei dieser Geschiebefracht aus der Isar (so heißen Flusskiesel wirklich!) überwiegend um Karbonate aus der Triaszeit, und zwar genauer gesagt um Flachwasserkalke und Dolomite sowie Riffkalke, die in den Randbereichen eines Urmeeres namens Thetys gebildet wurden. So habe ich das nachgelesen. Wahrscheinlich verstehen Sie jetzt, ebenso wie ich, nur Bahnhof (es sei denn, Sie haben Geologie studiert), aber vielleicht finden Sie es ebenso faszinierend, dass der gemeine, vollkommen banale Flusskiesel aus einem Urmeer mit einem Namen wie aus Game of Thrones stammt! Interessant ist außerdem, dass in früheren Hochkulturen Kieselsteine zum Zählen und Rechnen verwendet wurden und als didaktisches Mittel galten – auf jeden Fall haptischer als Taschenrechner.

Aber wo hört der Sand auf und fängt der Kies an? Geologen sprechen bis zu einer Korngröße von zwei Millimetern von Feinkies, alles, was kleiner ist, gilt als Sand. Bei 63 Millimetern dagegen endet der Kiesel, und es handelt sich um einen Stein.

Ähnlich wie die Sandstrände bestehen auch die Kiesstrände aus unterschiedlichem Gesteinsmaterial, im britischen Brighton beispielsweise aus hartem Flint, der aus erodierendem Kalk der Steilklippen herausgewaschen wurde. Die roten Kiesel und Steine auf Helgoland hingegen sind aus Buntsandstein.

Fast überall an Kiesstränden werden heutzutage Türmchen aufgestapelt, manche Strandbesucher stapeln sogar hauptsächlich hoch und baden gar nicht mehr. Dieses Stapeln ist eine recht moderne Angewohnheit, vergleichbar mit dem Drang Frischverliebter, gravierte Schlösser an Brücken anzubringen (und mit deren Beseitigung immense Kosten zu verursachen). Das Türmchen-Aufstapeln ist sogar noch schädlicher, obwohl es auf den ersten Blick harmlos wirken mag. Doch tatsächlich wird dadurch die Natur zerstört, weil man Kleintieren und Insekten den Lebensraum nimmt.

Besonders betroffen von dem Stapelwahn, der (natürlich) ein Instagram-Trend ist, ist die Bucht Playa Jardín auf Teneriffa, wo die Gemeinde 2019 Umweltschützer anheuern musste, um die Türmchen wieder abzubauen. Man kann sie nämlich nicht einfach umwerfen, denn dann würden die Steine eventuell zerbrechen, und damit würde nur noch größerer Schaden entstehen. 150 Menschen bauten also die Türme ab, die aber zum Teil von beratungsresistenten (oder einfach ignoranten) Strandbesuchern schon wieder aufgeschichtet werden.

Ich persönlich konnte den Trend ohnehin nie nachvollziehen, da aufgeschichtete Steine ja ein Symbol für jüdische Gräber darstellen und von daher eher traurig anmuten. Heute werden Kiesel auf die Gräber gestapelt, in früheren Zeiten, als es noch keine Grabsteine gab, ersetzten sie diese und schützten zudem das Grab. Auch Trauer- oder Kondolenzkarten ziert oft dieses Symbol der aufgestapelten Kieselsteine.

Eine Milliarde Menschen lebt in Küstenregionen und hat es von daher naturgemäß geografisch nie allzu weit an einen Meeresstrand (wobei sie oft zuerst Hafenanlagen, Werften etc. umfahren muss). Wenn man all jene, die an Binnensee- und Flussstränden leben, zu der Milliarde in Meeresküstenregionen dazuzählt, kommt man auf die Hälfte der Menschheit. Der Hintergrund dieser massenhaften wassernahen Ballung ist einleuchtend: Flüsse, Seen, Meere begünstigten von jeher Handel und Wirtschaft und ließen Industrien entstehen.

Dass dieser Wettbewerbsvorteil in einen Nachteil kippen kann, weiß man nun schon eine ganze Weile: Die Ansiedlungen der Milliarde küstennah Lebenden sind nun gefährdet, natürlich wegen des Meeresspiegelanstiegs. Wer glaubt, dass der Strand im Fall der Fälle einfach ein paar Meter nach oben rutscht und irgendwie überlebt, irrt – schon jetzt sind Sand und Kiesel bedroht, so als handelte es sich um exotische Tiere und nicht um Teilchen von Kalk und Quarz. Strand ist dabei sogar diversen Gefahren ausgesetzt: Zum einen wird ihm durch (Industrie-)Ansiedlungen der Platz genommen. Zum anderen wird sein Sand in höchst unverträglichem Ausmaß weggeschaufelt und abgesaugt, für Bauvorhaben weltweit. Bis kaum noch etwas übrig bleibt, so die nicht unberechtigte Angst.

Andererseits ist die Liebe zum Strand selbst eine Gefahr, jeder Flugkilometer zum Lieblingsstrand trägt dazu bei, ebendiesen zu zerstören. Wahrscheinlich müssen wir uns also angewöhnen, Strände eher als Idealbild zu verehren und die Uferabschnitte auf Amrum, Kreta oder den Malediven öfter von unserer Anwesenheit zu verschonen. Ohnehin gilt ja: »Unter dem Pflaster liegt der Strand.« So sahen es jedenfalls die alten Spontis in den 70er-Jahren. »Strand« stand dabei für Freiheit, Wildheit und Natur.

Es sind die geistigen Enkelkinder dieser ehemaligen Kämpfer, die nun für die Rettung des Klimas (und somit der Strände) eintreten, Gruppen wie Fridays for Future, und man kann sie nur hochleben lassen. Am besten an einem CO2-frei erreichbaren Strand wie dem vor meinem Haus, mit einer schönen Tasse Ingwertee in der Hand.