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Hier ist alles ein bisschen schöner – die Seen, Berge und Städte, die Menschen, die Läden und die Kleider: in der Schweiz, dem viersprachigen Alpenland zwischen Kunst, Käse und Kanton, Idylle und Industrienation. Thomas Küng kennt nicht nur die Schokoladenseiten seiner Heimat, die weltberühmt ist für ihre Präzisionsprodukte. Mit Wortwitz und Ironie schreibt er über Mentalitäten, Geschäftsusancen und die Rivalität der Städte, nimmt uns mit nach Zürich, Luzern und Genf, zur Basler Fasnacht und in die Hauptstadt Bern, wo 1954 für Deutschland ein Wunder geschah. Er verrät, warum kein Schweizer Müsli isst und wie Sie sich in all dem Chrüsimüsi zurechtfinden. Und dass tschute und Fußballspielen ein und dasselbe sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
5. Auflage 2011
ISBN 978-3-492-95554-6
Völlig überarbeitete Neuausgabe 2008
© Piper Verlag GmbH, München 1996
Karte: cartomedia, Karlsruhe
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»Wer ist für Sie der berühmteste Schweizer?«, fragten Genfer Mittelschüler Passanten in Europas Hauptstädten. In vier von neun Umfragen gewann Wilhelm Tell (konkurrenzlos), in den anderen fünf kam den Leuten erst gar kein Schweizer in den Sinn. Dabei hätte man doch mit ein bisschen Nachdenken auf Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Meret Oppenheim, Tony Rominger, Jean Tinguely, Bruno Ganz, Kurt Felix, Vico Torriani, Dieter Meier, Jean Ziegler, Ciri Sforza, Roger Federer, André Bucher, Ursula Andress, Lilo Pulver, Martina Hingis, C. G. Jung, Henri Dunant kommen können. Dass Einstein und Yul Brynner Schweizer waren, wird übrigens meist unterschlagen. Sicher kommen Ihnen auch keine Schweizer Politiker in den Sinn. Daran sind weder Sie noch sie schuld, es liegt am System. Darauf kommen wir zurück.
Folgende, durch Zeugen belegte Geschichte müssen Sie kennen, wenn Sie in die Schweiz kommen: Treffen sich vier Knirpse im Laufgitter. Der kleine Deutsche, Italiener und Franzose debattieren hitzig über die Frage, woher die Kinder kommen, der Schweizer hört interessiert zu. Der Deutsche ereifert sich: »Ich weiss* es genau, Mutter hat es mir erzählt. Der Storch bringt die Babys in der Reihenfolge des Bestellungseingangs.« Der Italiener schüttelt den Kopf: »Die kleinen Kinder wachsen aus den Kohlköpfen.« Dazu kann der Franzose nur grinsen: »Im Detail darf ich’s euch nicht erklären. Nur soviel: Es hat etwas mit Mann und Frau zu tun, viel mit dem Ehebett und vor allem mit Schwangerschaft.« Die drei können sich nicht einigen. Der Deutsche fragt schliesslich nach der Meinung des Schweizers: »Nun«, sagt der Angesprochene, »bei uns wird das natürlich von Kanton zu Kanton verschieden gehandhabt.«
Und nicht nur von Kanton zu Kanton: Neben den Kantonen gibt’s noch Halbkantone, und da ist alles noch einmal verschieden.
»Die Schweiz ist praktisch und zweckmässig – und ein wenig langweilig. Es gibt das treffende Bonmot: Es ist schön, als Schweizer geboren zu werden; es ist schön, als Schweizer zu sterben. Doch was macht man in der Zwischenzeit? Meine Antwort lautet gut schweizerisch: Ich vertue diese Zwischenzeit mit Arbeiten«, sagte Dürrenmatt in einem seiner letzten Interviews in der Zeit.
Erster Eindruck: Wenn Sie in einem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg wohnen und in die Schweiz fahren, um die Hausbesetzergenossen von Zürich-Aussersihl zu besuchen, wird sich Ihr Kulturschock in Grenzen halten. Desgleichen wenn Sie aus einem besseren Düsseldorfer Hause kommen und in einem besseren Hause der Zürcher Goldküste zu Besuch weilen. (Die Goldküste ist das rechte Zürichseeufer, an dem die Gemeinden mit den schönsten Villen und den niedrigsten Steuersätzen liegen.) So Sie aber ein Otto Normalverbraucher aus der Kleinstadt sind und das erste Mal in die Schweiz kommen, noch dazu in eine Grossstadt wie Zürich, oder als Student mit dem Gedanken spielen, ein paar Semester in Zürich zu studieren, und nun eine bescheidene Bleibe suchen, dann wird Sie das Aschenputtelsyndrom befallen. Sie werden mit grossen Augen wahrnehmen, dass die Mensa der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) über eine Aussicht verfügt, für die manches Ausflugslokal glatt die Preise verdoppeln würde, dafür aber das Mensaessen nahezu so teuer ist wie in einem Landgasthof bei Ihnen daheim. Sie werden feststellen, dass in der Schweiz die Brötchen und die Butter etwa zwei- bis dreimal so viel kosten wie in Ihrem heimischen Supermarkt – die Tafel Schweizer Schokolade auch. Kurz, dass Sie mit Ihrem ordentlichen Nettoeinkommen – wenn Sie hier lebten – an der Armutsgrenze rangieren würden. Dieses Bild ist sicher drastisch, aber wahr.
Der Schweizer Lebensstandard ist einer der höchsten in der Welt, und die hohen Preise werden nur durch die noch höheren Einkommen wettgemacht. Der relative Reichtum der Schweizer kommt allerdings nicht protzig daher. Er ist etwas einerseits Unfassbares, andererseits Unübersehbares: Es ist alles ein bisschen schöner – die Städte, die Menschen, die Läden, die Kleider … Die Schweiz ist ein ausgezeichneter Beleg für die intuitiv plausible, aber nie schlüssig zu beweisende These, dass Geld und Ästhetik auf ebenso ungerechte wie innige Weise miteinander verbunden sind. Ärgern Sie sich nicht; geniessen Sie’s neidlos – ein paar Ferientage oder -wochen können Sie allemal mithalten. Und sollten Sie wider Willen doch eifersüchtig werden auf die Schweizer, trösten Sie sich: Es ist auch da nicht alles Gold, was glänzt. Gerade in den letzten Jahren ist mancher Glanz matter geworden und hat sichtbare Flecken und Sprünge bekommen.
Die Schweiz interessiert Sie? Sie sind nicht allein: 37,3 Millionen Hotelübernachtungen wurden 2008 im Land der Eidgenossen gebucht. Davon entfielen 57,6 Prozent auf Ausländer. Die Deutschen stellten mit 16,7 Prozent den grössten Anteil, das sind 6,235 Millionen Übernachtungen in der Schweiz. Wenn Sie dazugehören, dürfen Sie sicher sein, dass Sie willkommen waren und es weiterhin sein werden. Denn so kompliziert das Verhältnis der Schweizer gegenüber Ausländern ist, es wird von einer einfachen Grundstruktur bestimmt: Die Schweizer unterscheiden zwischen Ausländern, die etwas bringen, und solchen, die etwas holen (wollen). Dass in den vergangenen Jahrhunderten viele Ausländer etwas brachten, bestreitet kein Schweizer. In der Wirtschaft zeugen davon Namen wie Nestlé, Knorr und Bührle (deutsch), Brown und Boveri (englisch), Tissot (französisch) und nicht zu vergessen Maggi (italienisch).
Aber wir – das sind die Verfasser – beginnen uns bereits im Detail zu verlieren, was Sie uns gütigerweise nachsehen wollen, denn gerade in einem kleinen Land kommt es auf Details und Nuancen an.
Obwohl die Schweiz nie Kolonien besass – da bewahrte der fehlende Meereszugang die Alpenrepublik vor offensichtlichen Dummheiten und Verbrechen –, ist sie überall auf der Welt mit diversen Produkten präsent. Oder sie dient als Vergleichsmassstab für Landschaft und Demokratie, wo lange Worte zu umständlich scheinen. Das demokratische Chile galt als Schweiz Südamerikas, der Libanon als Schweiz des Nahen Ostens – bis zum verheerenden Bürgerkrieg. Glücklicher sind die Landschaftsvergleiche mit der Fränkischen oder Sächsischen Schweiz etwa oder Neuseeland als Schweiz des Pazifik. Die haben länger Bestand. Hoffentlich.
Betont sei vorweg, dass wir, wenn wir vom Schweizer oder den Schweizern sprechen, die Schweizerin beziehungsweise die Schweizerinnen stets mit meinen. Das betonen wir nicht nur, weil wir’s tatsächlich meinen, sondern auch als kleines Indiz dafür, dass wir selbst keine schlechten Schweizer sind. Denn es gehört zu einem unausgesprochenen Prinzip der Bevölkerung, Affronts und Konflikte – in diesem Fall mit Ihnen, geschätzte Leserin – schon auszuschliessen, noch bevor sie sich richtig abzeichnen können.
An diesem Buch haben zwei Autoren gearbeitet: der Deutsche Peter Schneider und der Schweizer Thomas Küng. Der eine dürfte, ohne sich entschuldigen zu müssen, von denen da reden, der andere müsste ehrlicherweise von uns erzählen. In einem Buch aber, in dem die Arbeit nicht kapitelweise aufgeteilt wurde, kann dem Leser ein solches Chrüsimüsi (Durcheinander) schwerlich zugemutet werden. Folglich tun wir beide so, als betrachteten wir die Schweiz und ihre Bewohner von aussen, genauer: als teilnehmende Beobachter – mittendrin und zugleich distanziert. So fällt es auch leichter, zu verallgemeinern, wo Differenzierungen fairer wären – und langweiliger.
Wissen ist gut, Vorurteile sind mitnichten immer schlecht. Was wir bestätigen oder korrigieren, hing stets von Stimmungen, Zufällen und subjektiven Erfahrungen ab. In diesem Sinn ist in diesem Buch alles wahr, jedes Wort, manchmal sogar das Gegenteil.
* In der Schweiz ist generell ss statt ß gebräuchlich. Zur Einstimmung für Schweiz-Besucher wird die landesübliche Schreibweise beibehalten (A.d.R.)
Wenn man die Schweiz platt walzen würde, käme man auf ein Vielfaches der gut 40 000 Quadratkilometer, die heute die eidgenössische Alpenrepublik ausmachen. Anders gesagt: Berge und Täler ergeben eine riesige Oberfläche, in der sich die einzelnen Grüppchen verlaufen können. Rechts eine Felswand, links noch eine – die beste Voraussetzung für ein Brett vor dem Kopf, könnte man meinen. Die im nächsten Tal sprechen schon wieder anders, folglich kann man die gar nicht ernst nehmen.
Über die Talschaften hinaus wird auf die regionalen Unterschiede gepocht und werden Feindschaften gepflegt. Die angeblich grossmäuligen Zürcher (nicht Züricher!) sind in der Basler (nicht Baseler!) Fasnacht Ziel des Spotts in Versen und saloppen Sprüchen (»Was ist das Beste an Zürich? Der nächste Zug nach Basel«), die Ostschweizer (St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau und Appenzell) werden vom Rest wegen ihres Akzents verhöhnt, Bündner mögen die Unterländer (und das sind alle, ausser den Berglern selbst) nur, wenn sie als Touristen Geld dalassen, die Tessiner jenseits des Gotthards fühlen sich ständig übergangen, und die Französischschweizer schimpfen über les chtaubirn (sprich: Schtobirn; von stubborn?) aus der Deutschschweiz. Bleiben noch ein paar Kantone, die gewohnt sind, zwischen den Stühlen zu sitzen: der aus mehr oder weniger (eher weniger) unerfindlichen Gründen Kulturkanton genannte Aargau zum Beispiel, dessen wesentliches Merkmal es ist, zwischen Zürich, Basel und Bern zu liegen. Aber der Aargau ist mehr als nur ermüdender Teil einer Reisestrecke: Er ist Schweizer Durchschnitt. Wie der Kanton Aargau abstimmt oder wählt, so tut das im Allgemeinen auch die Summe der restlichen Schweiz. Solothurn ist geografisch in einer ähnlichen Position zwischen Bern und Basel und bedeutend als Heimatkanton zahlreicher Sitzungen, die in gut schweizerischer Kompromisslerei gern in Olten abgehalten werden, weil das so schön mitten im Dreieck Bern-Basel-Zürich auf dem zentralen Verkehrsknotenpunkt der Deutschschweiz liegt, von wo aus einst das Schweizer Eisenbahnnetz geplant und gebaut wurde.
So viel fürs Erste zum schweizerischen Regionalismus. Wer es möglichst genau wissen will, der greife zum Buch 26 mal die Schweiz von Fritz René Allemann. Er widmete genau 600 – gut lesbare – Seiten der Beschreibung dessen, was in diesen letzten Zeilen nur angedeutet wurde.
Obwohl sich eigentlich alle Schweizer über den Kantönligeist ärgern – natürlich über den jeweils anderen –, geht das in Ordnung, denn die Kultivierung der Vielfalt in der Einheit, der Einheit trotz der Vielfalt ist der nationale Kitt der Schweiz. Die Schweiz wirkt von aussen wie ein stabiles Jugoslawien Mitteleuropas. Die Schweizer bringen unter ein Sennechäppli, was normale Menschen nicht einmal unter einen Sombrero brächten: eine Handvoll Viertausender mit ewigem Schnee und Gletscherlandschaften ebenso wie mediterranes Klima im Tessin, Wallis und Genferseegebiet; vier Sprachregionen, von denen die Romandie (französische Schweiz) mindestens kulturell zu Frankreich, das Tessin nicht nur sprachlich, sondern auch geografisch zu Italien gehört; die 50 000 Rätoromanen in den Bergen Graubündens, deren sonderbares Idiom die offizielle Schweiz mit vielen Mitteln vor dem Aussterben bewahren will; schliesslich das zugewandte Fürstentum Liechtenstein, das sich der Schweizer Währung und des Schweizer Militärschutzes (soweit existent) bedient und gleichzeitig als Steuerparadies im Steuerparadies manchen Batzen vor den Schweizer Steuerämtern verstecken hilft. (Im Fürstentum Liechtenstein übersteigt die Anzahl der angemeldeten Firmen die der Einwohner beträchtlich.)
Wo so viel Verschiedenes Platz haben soll, wird’s eng. Zwei Drittel des Territoriums sind zudem nicht bewohnbar. Kein Wunder, dass in der Schweiz das Minigolf erfunden wurde. Hier ist das meiste im Taschenformat gehalten. Selbst die Zeitungen sind kleiner (und daher praktischer zu handhaben) als im übrigen Europa. Kaum ein Land dieser Welt steht ohne sprachlich-kulturelle Minderheit da – die Schweiz ist ein Land der Minderheiten. In der Schweiz empfindet sich jede Sprachregion als Minderheit. Die Deutschschweizer blicken nach Deutschland, das Tessin nach Italien, die Romandie nach Frankreich und die Rätoromanen auf sich selber.
Die Stabilität des Vielvölkerstaates mussten die Schweizer über Jahrhunderte hinweg erdulden, kaum erleiden. Kompromiss war und ist das Zauberwort, dessen Magie vor allem Politiker erliegen. Ihnen darf man nachsagen, dass sie bereits den Kompromiss suchen, bevor die Standpunkte, die zu einer Auseinandersetzung führen könnten, dargelegt sind. Ein chinesischer Philosoph pflanzt vielleicht am Tag vor dem angekündigten Weltuntergang noch einen Baum. Ein Schweizer Politiker würde an diesem letzten Tag eine Kommission ins Leben rufen. Eine derart wichtige Sache ohne Vernehmlassungsverfahren (Aufforderung der Kantone und Interessenverbände zur Stellungnahme zu einem eidgenössischen Gesetzesentwurf), Fristenerstreckung (Fristverlängerung) und Volksabstimmung? Überall, aber nicht in der Schweiz! Und überhaupt: Wenn die Welt untergeht, heisst das noch lange nicht, dass das die Schweiz einschliesst. Selbst Albert Einstein sagte auf die Frage, wo er sich bei einem Weltuntergang befinden möchte: »In der Schweiz. – Dort geschieht alles etwas später.«
Streitereien, wie sie im Deutschen Bundestag stattfinden, sind den Schweizern im eigenen Land zutiefst zuwider. Als Fernsehshow jedoch geniessen sie deutsche Bundestagsdebatten als eine Art Politkabarett. Andernfalls fürchtet die Schweiz Konflikte wie der Teufel das Weihwasser. Kein Grund darum auch, Aussenpolitik zu betreiben – und das seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten: Die weltweit anerkannte Neutralitätspolitik ist lediglich die festgeschriebene Abneigung, Zeuge oder gar Teilnehmer von Streit zu sein. Deshalb lehnte das Schweizer Volk 1986 in einer Abstimmung auch den Beitritt zur UNO ab. Nach dem Beitritt Liechtensteins vier Jahre später – kommentierte eine giftige Feder, jetzt fehlten in der UNO nur noch zwei ernst zu nehmende Staaten: San Marino und Monaco. Die Schweiz hat es nun doch geschafft: In einer ganz knapp ausgegangenen Abstimmung entschieden sich die Stimmbürger für ein Beitrittsgesuch an die UNO. Dem wurde stattgegeben: Am 10. September 2002 ist die Schweiz als 190. Mitglied in die UNO aufgenommen worden. Kein anderes Land – lobte der erleichterte UNO-Generalsekretär – habe den Beitritt per Volksabstimmung vollzogen. Ein Trost für die Unterlegenen also, man blieb wenigstens eine Ausnahme.
Dennoch haben die Schweizer das Gefühl, ihr Land habe den Idealzustand erreicht. Jede Veränderung kann mithin nichts anderes als eine Verschlechterung bringen. Alles scheint in einem so subtilen Gleichgewicht organisiert, dass das Ländchen einem hingeworfenen Mikado gleicht. Wer auch nur ein Gesetzchen verändern möchte, muss auf das Behutsamste vorgehen, damit sich ja nicht etwas anderes bewegt, etwas Grösseres in Bewegung kommen könnte. Vieles am ausgeklügelten System der Ausgewogenheit zermürbt manchen, der gern etwas in Bewegung brächte. In der Schweiz existieren so viele Schulsysteme wie Kantone, werden von Gemeinde zu Gemeinde massiv unterschiedlich hohe Steuern bezahlt, sollten nie zwei Bundesräte (Minister) zugleich aus demselben Kanton kommen, werden die parlamentarischen Kommissionen schön paritätisch zusammengesetzt. Das ist die Kehrseite der friedlichen Alpenrepublik: die von Kompromissen und föderalistischen Eigenständigkeiten gelähmte Schweiz. So wird beispielsweise an der Koordination der Schulsysteme seit etwa 30 Jahren gebastelt. 1987 konnte man sich immerhin auf einen einheitlichen Schulanfang im Spätsommer einigen. Und seit 2007 ist ein neuer Anlauf zur Vereinheitlichung im Gange: Das HarmoS-Konkordat (interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule) konnte per 1. August 2009 in Kraft treten, da die Mindestanzahl von zehn beitrittswilligen Kantonen erreicht wurde. Aber auch gegen diese Reform, die Mindeststandards in der Bildung festschrieb, ist harte Opposition erwachsen. Weinende Kleinkinder auf Plakatwänden sorgten für die passende Stimmungsmache. Die Überarbeitung der Verfassung wurde nach einer ähnlichen Zeitspanne 1977 ergebnislos eingestellt, da man sich auf keinen Nenner einigen konnte. Eigentlich schade, denn schon die Präambel des Schriftstellers Adolf Muschg klang – nach der nicht wegzudenkenden martialischen Einleitung – erfrischend unschweizerisch: »Im Namen Gottes des Allmächtigen! Im Willen, den Bund der Eidgenossen zu erneuern; gewiss, dass frei nur bleibt, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen; eingedenk der Grenzen aller staatlichen Macht und der Pflicht, mitzuwirken am Frieden der Welt, haben Volk und Kantone der Schweiz die folgende Verfassung beschlossen.« Dazu kam’s eben nicht mehr. 1995 wurde eine noch behutsamere Revision der Verfassung angekündigt. Erste Versuche wurden in Angriff genommen und 1999 ganz knapp per Volksabstimmung in Kraft gesetzt.
Erstaunlich also, dass das Stimmrecht für Frauen schon 1971 nach der dritten Volksabstimmung eingeführt wurde – auf Bundesebene. Kantone und Gemeinden durften selbstverständlich ihr Sonderzüglein fahren. Erst 1991 war es schliesslich auch in Appenzell-Innerrhoden soweit. Allerdings gaben die wehrhaften Appenzeller Männer ihr Privileg nicht freiwillig auf. Noch ein knappes Jahr zuvor sprachen sie sich in einer Landsgemeinde (öffentliche Abstimmung durch Handauf heben im sogenannten Ring) dagegen aus. Das Bundesgericht zwang die Wackeren, die Frauen in den Ring zu lassen. Und man staunte, dass die Richterinnen und Richter dem Gesetz der Gleichheit von Mann und Frau mehr Gewicht gaben als der Kantonshoheit.
1991 versuchten die Schweizer, eine 700-Jahr-Feier durchzuziehen. 700 Jahre Eidgenossenschaft? Eigentlich nicht schlecht. Vielleicht rührt die Inselmentalität der Schweizer daher, dass sie sich auf die Eidgenossen berufen, die ihren heiligen Schwur leisteten, als die Erde noch eine Scheibe war.
Davor gründeten die Römer verschiedene Städte, die – wie beispielsweise Zürich – bereits 2000-jähriges Bestehen feierten. Wer auf den Spuren jahrtausendealter Geschichte wandeln will, kann dies in der Schweiz tun.
Wie entstand die Schweiz? Wie so oft war Weltoffenheit, dem Volk in homöopathischen Dosen verabreicht, der Anlass für Unzufriedenheit und Selbstbewusstsein, Grund genug für einen kleinen Aufstand. Oder war’s doch der Teufel?
Welch schwer überwindbares Hindernis die Alpen einst gewesen sein müssen, lässt sich heute mit all den wintersicheren Tunneln kaum mehr nachvollziehen. Uri war bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur per Schiff über den Vierwaldstättersee zu erreichen, südlich abgeschirmt durch die unüberwindlichen Alpen. »Mutter, gibt’s jenseits der Berge auch Menschen?«, hat der Legende nach einmal ein aufgeweckter Knirps gefragt. »Kind, wir wollen nicht grübeln«, lautete die Antwort.
Wer die kleine Teufelsbrücke über die Reuss in Uri in der Nähe des Gotthardtunnels entdeckt, steht vor einem Schlüsselbau der Schweiz. Mit ihr wurde etwa 1230 die Nord-Süd-Verbindung hergestellt. Der Teufel soll sie gebaut haben, unter der Bedingung, die Seele des Ersten zu bekommen, der darüber geht. Die pfiffigen Urner schlugen dem Leibhaftigen ein Schnippchen und jagten einen Ziegenbock hinüber. Über den lausigen Trick der Bergler erbost (zugegeben: auch des Legendenschreibers, denn hatten Ziegenböcke noch vor den Frauen eine Seele?), griff sich der Teufel einen riesigen Felsbrocken, um die Brücke auf dem Weg zum Gotthardpass zu zerstören. Er verfehlte sein Ziel. Als 1980 der Autobahntunnel durchs Gotthardmassiv gebaut wurde, stand ebendieser Teufelsstein im Weg. Ein Zeichen? Man sprengte ihn nicht. Er wurde mit grosser Mühe aus dem Weg geschoben und steht wie ein Mahnmal neben der Einfahrt zum 17 Kilometer langen Strassentunnel. Mittlerweile sind die Urner nicht mehr so sicher, ob es tatsächlich ein Segen war, den Teufel übers Ohr gehauen und den Fels aus dem Weg geräumt zu haben – angesichts der an Wochenenden bis zu dreissig Kilometer langen Staus vor dem Tunnel und des verheerenden Brandes im Oktober 2001 darin. So sind die Urner heute die entschiedenen Gegner einer zweiten Tunnelröhre, weil sie befürchten, dass damit nur noch mehr Verkehr angelockt würde.
Sei’s drum. Der Gotthardpass bescherte Uri nicht nur Handelsverkehr und damit bescheidenen Reichtum, sondern auch wichtige Kontakte nach aussen. Denn über den Gotthard reisten die deutschen Könige zu ihrer Kaiserkrönung nach Rom. 1291 – diese Jahreszahl ist verbrieft – erneuerten die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden ein gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis, eines unter vielen zwar, aber dank Siegelbrief (dem sagenumwobenen Bundesbrief) noch beweisbar. Mit diesem Papier unterstellten sich die Innerschweizer direkt dem deutschen Kaiser. Sie schalteten damit die geldgierigen Sachverwalter, sprich Vögte, aus und erhielten eigene Richter. Den ganzen Tell-Rest verdankt die Schweiz einem Deutschen (Schiller). Der schillersche Tell-Mythos ist über die Jahrhunderte dermassen ins Bewusstsein der Schweizer eingesickert, dass viele tatsächlich daran glauben. Was weiter nicht verwundert, denn die Story ist gut. Den Hut von Vogt Gessler habe er nicht grüssen wollen und dafür büssen sollen. Der Apfelschuss ist historisch nicht so wichtig, obwohl ein dramatisch wirksamer Bühnengag. Wichtiger ist, dass Tell auf andere Weise zum fragwürdigen Vorbild für alle Kategorien Menschen werden konnte: sein Meuchelmord an Gessler, in der Hohlen Gasse von hinten. Ein Terrorist. Keine Frage. Der Anarchist Bakunin sah in Tell den »Helden des politischen Mordes«, und alle irgendwie Frustrierten wüssten genau, wen Tell heute erschiessen würde. Er hätte mordsmässig viel zu tun. Für die einen wäre er gegen die UNO, für die anderen würde er den Atomvogt bekämpfen, für die Gruppe Pro Tell steht er für das Recht ein, möglichst nach eigenem Gutdünken Waffen besitzen und tragen zu dürfen. Damit nicht genug: Tell wirbt für alles, von Apfelsaft über Bier bis zu Zifferblättern, und wer auf seinem Produkt nicht Platz für einen ganzen Tell findet, der setzt wenigstens die Armbrust drauf, um Schweizer Qualität anzudeuten. »Jede Chlupp-Fingernagelschere ein Volltreffer!«
Ob’s Tell wirklich gegeben hat, darüber streiten sich immer weniger Gelehrte, aber dass er Gessler erschossen hat, das steht irgendwie fest. Denn den Vögten scheinen tatsächlich die Posten in der Innerschweiz ein bisschen zu heiss geworden zu sein, man überliess die sturen Böcke in den Tälern weitgehend sich selbst, obwohl das Gebiet selbstverständlich noch zum Reich gehörte. Ganz reibungslos lief das nicht ab. In teilweise blutigen Schlachten (Morgarten 1315, Laupen 1339, Sempach 1386, Näfels 1388) schlugen die hemdsärmeligen Fussvölkler hochgerüstete Ritterheere aus Österreich dank Heldenmut – versteht sich! – und einer neuartigen Waffe, die sich offenbar fürs Knacken von Rüstungen eignete: der Hellebarde.
Über die Jahrzehnte stiessen zum lockeren Staatenbündnis in der Innerschweiz die Kantone Luzern, Zürich, Zug, Glarus und Bern dazu, womit die Mehrsprachigkeit eingeleitet wurde. Denn 1419 fühlte sich der Bund stark genug für Expansionspolitik: Der Gotthardpass wollte auf beiden Seiten gesichert sein. Dem hatte sich Bellinzona, also das Tessin, zu beugen, und es bereicherte die Urschweiz um ein wichtiges Stück Sprach-, Kultur- und Klimavielfalt. Das braucht man den Deutschen kaum näher zu erklären, denn das Tessin hat nördlich des Rheins einen erstklassigen Ruf. (Über die Deutschen im Tessin wird noch ein Satz zu verlieren sein.) Wenig später eroberte Bern das Waadtland, was die damalige Schweiz bereits dreisprachig machte.
Abgesehen davon hatten die Schweizer in dieser Zeit im Innern genug damit zu tun, niemandem zuviel Macht zu überlassen – beispielsweise die Partnerschaft zwischen Stadt und Land zu organisieren –, das Auseinanderbrechen des Bundes zu verhindern und die errungenen Privilegien wie Vogt-Freiheit nach aussen zu verteidigen; etwa 1498/99 in den Schwabenkriegen, die in deutschen Geschichtsbüchern unter Schweizerkriege laufen. Damals nannten die schwäbischen Fürsten die Eidgenossen abschätzig Kuhschweizer. Das vor allem, weil sich die Schwyzer als die rauesten unter den Eidgenossen hervorgetan hatten. Auch da fanden die Eidgenossen schnell einen Kompromiss und übernahmen die neue Bezeichnung mit geringen Korrekturen. Als Revanche gelten bis heute alle Deutschen abschätzig als Schwaben. Die Schwabenkriege waren offenbar beste Werbung für die Eidgenossenschaft: Basel und Schaffhausen baten um Aufnahme in den Bund. Stattgegeben.
Das Tessin im Süden, Berge mit ewigen Schnee in der Mitte, beträchtliche Ebenen, den schiffbaren Rhein und eine Handvoll nennenswerter Städte – die Schweiz hatte bald, was für ein Ländchen notwendig war. Kein Palast, eher ein Vierzimmerreihenhäuschen mit Gärtchen und Radieschen. Die Postkartenschweiz, die es bis heute gibt, war weitgehend beieinander. Regionalismus hatte sich gegenüber Zentralismus klar durchgesetzt. (Buchtipp: Schweiz von Marcel Schwanden.)
In Ruhe gelassen von den Nachbarn – auch deshalb, weil die Eidgenossen als Söldner für jeden kämpften, der bezahlen konnte: Manchmal standen sich auf europäischen Schlachtfeldern Armeen gegenüber, die vorwiegend aus Schweizer Söldnern bestanden –, hielt sich der Expansionsdrang der Schweiz in engen Grenzen, und als 1515 in Marignano eine Schlacht verlorenging, war Schluss mit Eroberung. Neutralität ist seither proklamiertes Prinzip.
Den Dreissigjährigen Krieg benutzte die Schweiz als Schulung im Stillehalten, im Tolerieren von Sowohl-als-auch-Meinungen und im Aufnehmen von Flüchtlingen verschiedenster Herkunft. Die Eidgenossenschaft profitierte von deren Ideenvielfalt und Erfindergeist, was sich beispielsweise in der neuen Uhrenindustrie niederschlug.
Das Stillehalten lohnte sich auch politisch. Ab 1648 unterstand die Schweiz nicht mehr dem römisch-deutschen Reich. Die Schweiz im Belagerungszustand: Das sollte sich zum running gag über die Jahrhunderte entwickeln und schliesslich im Dauerzustand erstarren, ganz egal, ob rundherum ein Krieg tobte oder nicht.
Ab dem 16. Jahrhundert expandierte die Schweiz im Tourismussektor. Allen voran entdeckten und lobten die Engländer das »gesunde helle Urteil der Männer und das freie schlichte Benehmen der Frauen«. Bald griff die Begeisterung auf Deutschland über. Einfach putzig, dieses Land der Freiheit, des einfachen Lebens, der Naturverbundenheit und des Kuriosums der Demokratie. So etwas wie eine Landsgemeinde war schlicht hinreissend. Standen doch dabei (fast) gewöhnliche Bauern, Handwerker und Bürger (etwas besitzen musste man schon) dicht gedrängt im Ring, hoben die Hand zu Ja und Nein, hatten also etwas zu bestimmen und waren nicht nur Empfänger von Verordnungen und Gesetzen; ausserdem hatten sie weit weniger Steuern zu bezahlen als die Untertanen im übrigen Reich. Denn ein eigenständiger Staat war die Schweiz noch immer nicht.
Nach Napoleons Niederlagen – er hatte zwischendurch rasch die Schweiz besetzt, teilweise neu organisieren lassen und vor allem die Untertanenverhältnisse abgeschafft – kamen 1815 mehr oder weniger freiwillig weite Teile der Romandie zur Schweiz, unter anderem die Stadt Genf. Seither haben sich die eidgenössischen Landesgrenzen nicht mehr verändert. Den Beitritt des Vorarlbergs verhinderten die Appenzeller, die mit ihren Nachbarn in Fehde standen. Streit importiert man nun mal nicht.
1848 vollzog sich die bürgerliche Revolution, und weil die Zeit drängte, wurden aus der Französischen Revolution das liberale Gedankengut und aus der amerikanischen Verfassung die Idee des Zweikammersystems im Parlament übernommen und mit der föderalistischen Struktur verschränkt. Alles im Kleinformat. Die Schweiz wandelte sich vom alten Staatenbund zum Bundesstaat. Das war eine bürgerliche Revolution, die sich in den meisten Ländern Europas ebenfalls abspielte, allerdings mit weniger Erfolg. Der Adel schlug zurück, womit 1870 die Schweiz europaweit die einzige Demokratie blieb. Ab 1848 war es auch verboten, in fremden Diensten zu kämpfen – mit Ausnahme für den Lieben Gott, also als Schweizergardist im Dienste des Papstes.
Zur Entstehung der Eidgenossenschaft sagte der Schweizer Historiker Edgar Bonjour: »Eine der eigenartigsten und rätselhaftesten Entwicklungen nicht nur der heimatlichen, sondern der allgemeinen Geschichte überhaupt.« Und: »Während andere Völker ihre Vergangenheit als belastend empfinden, sich selbst als unselige Enkel, ist uns das gütige Geschick zuteil geworden, von den Taten unserer Altvorderen Trost und Wegweisung empfangen zu dürfen.«
Übrigens ist seit 1848 Bern Bundesstadt (nicht Hauptstadt), und zwar weil es zentraler liegt als Zürich und der Machtanspruch der grössten Schweizer Stadt nicht zusätzlich Auftrieb bekommen sollte. Doch Bern stach nicht nur Zürich aus, sondern auch Luzern und Lausanne. Als Trostpflaster erhielt Zürich das Landesmuseum, Lausanne das Bundesgericht und Luzern das Versicherungsgericht. So hat mittlerweile jede grössere Schweizer Stadt etwas, worauf sie stolz sein kann: Bern ist Regierungssitz, Genf europäischer UNO-Sitz, Basel ist das Tor zu Europa (mit intensiven Kontakten zu Baden-Württemberg und zum Elsass und einer gewissen Affinität zur Romandie), und Zürich ist sowieso die Grösste (Stadt). (Das, und das ihnen nachgesagte breitspurige Auftreten der Zürcher, macht sie in der übrigen Schweiz eher unbeliebt. Immer wieder wird zudem die »Zürichlastigkeit« der Medien beklagt. Uns dürften für dieses Buch ähnliche Vorwürfe treffen. Berechtigterweise, denn wir leben in Zürich und versuchen nicht, das zu verschleiern.)
Im 20. Jahrhundert perfektionierte die Schweiz die Taktik, sich überall herauszuhalten und doch dabei zu sein. Aber stets darauf bedacht, dass man im Zweifelsfalle nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Von den beiden Weltkriegen, die die Schweiz nun wirklich nicht angezettelt hatte, profitierte die Wirtschaft beträchtlich – obwohl vor allem der Erste Weltkrieg grosse soziale Probleme brachte, die sich 1918 im Generalstreik Luft machten. Neutralität heisst ja, entweder mit keinem Geschäfte machen oder mit beiden. Die zweite Lösung schien schon damals die bessere.
Ende der Leseprobe
