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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Schwester Regine stand inmitten der Halle und versuchte, die Kinderschar zu überblicken. »Wir sind schon alle da«, maulte Fabian. »Stimmt nicht«, warf Vicky, die jüngste der Langenbach-Geschwister ein. »Henrik und Nick wollten auch mit, auf die müssen wir noch warten.« »Pünktchen ist auch noch auf ihrem Zimmer«, rief ihre Schwester. Etwas leiser setzte sie hinzu: »Sie zieht sicher ihr neues Sommerkleid an.« Die älteren Kinder grinsten. Es war ein offenes Geheimnis, daß Angelina Dommin für Nick schwärmte. Die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust klatschte in die Hände. »Hört einmal her! Hat auch wirklich jeder von euch seine Badesachen dabei?« »Sieh nur, ich habe auch ein Handtuch, eine Bürste und das kleine Plastikboot.« Heidi drehte ihre Badetasche einfach um und ließ den Inhalt auf das Bärenfell fallen, welches vor dem offenem Kamin lag. »Was soll das?« rief Fabian. »Macht nur alle so weiter, dann kommen wir heute gar nicht mehr von hier weg.« Die Kleine, Heidi war das jüngste Dauerkind von Sophienlust, schob ihre Unterlippe nach vorne.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Schwester Regine stand inmitten der Halle und versuchte, die Kinderschar zu überblicken.
»Wir sind schon alle da«, maulte Fabian.
»Stimmt nicht«, warf Vicky, die jüngste der Langenbach-Geschwister ein. »Henrik und Nick wollten auch mit, auf die müssen wir noch warten.«
»Pünktchen ist auch noch auf ihrem Zimmer«, rief ihre Schwester. Etwas leiser setzte sie hinzu: »Sie zieht sicher ihr neues Sommerkleid an.«
Die älteren Kinder grinsten. Es war ein offenes Geheimnis, daß Angelina Dommin für Nick schwärmte.
Die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust klatschte in die Hände. »Hört einmal her! Hat auch wirklich jeder von euch seine Badesachen dabei?«
»Sieh nur, ich habe auch ein Handtuch, eine Bürste und das kleine Plastikboot.« Heidi drehte ihre Badetasche einfach um und ließ den Inhalt auf das Bärenfell fallen, welches vor dem offenem Kamin lag.
»Was soll das?« rief Fabian. »Macht nur alle so weiter, dann kommen wir heute gar nicht mehr von hier weg.«
Die Kleine, Heidi war das jüngste Dauerkind von Sophienlust, schob ihre Unterlippe nach vorne. »Du bist heute überhaupt nicht lieb«, stellte sie fest. »Du machst ein ganz grantiges Gesicht. Das paßt nicht zu so einem schönen Wetter. Nicht wahr, Schwester Regine?«
»Ich habe auch schon festgestellt, daß Fabian heute mit dem linken Fuß aufgestanden ist.« Vicky schielte zu dem Jungen hin. Er war nur ein Jahr älter als sie. Da Fabian darauf aber nicht reagierte, wandte sie sich wieder Heidi zu. »Willst du deine Sachen nicht wieder einpacken?«
»Ich wollte doch nur, daß Schwester Regine alles sieht. Ich habe nämlich ganz allein mein Badezeug aus dem Schrank geholt.«
»Ist schon recht.« Schwester Regine ging zu der Kleinen hin.
»Hallo!« tönte es vor dem Haus.
»Das ist Henrik.« Heidi wollte an der Kinderschwester vorbeistürmen, aber diese hielt sie fest. »Zuerst wird wieder eingepackt.«
»Hallo!« Die Hände in den Hosentaschen, so erschien Henrik von Schoenecker im Portal. »Mensch, habe ich mich beeilt.« Er pustete hörbar die Luft aus. Wie stets stand sein Haarschopf wild in die Höhe.
»Wir haben trotzdem schon auf dich gewartet«, sagte Fabian.
Heidi stopfte unter Schwester Regines Aufsicht ihr Badezeug wieder in die Tasche. Sie sah hoch. »Mach dir nichts daraus, Henrik, Fabian ist heute mit dem…« Sie sah zu Vicky hin. »Mit welchem Fuß ist er aufgestanden?«
»Ist jetzt ja egal. Beim Schwimmen braucht er seine beiden Füße sowieso nicht.« Vicky riskierte einen weiteren Blick in Fabians Richtung.
Dieser ließ sich ausnahmsweise nicht provozieren. »Ich gehe schon mal vors Haus«, sagte er.
»Ich habe fertiggepackt, ich komme mit.« Heidi nahm die Tasche, schwenkte sie in die Höhe, und schon fielen ihre Badesachen wieder heraus. Sie seufzte. »Zum Glück ist Nick noch nicht da, so habe ich Zeit zum Einpacken.«
»Nick kommt nicht mit«, verkündete Henrik. »Ihr müßt schon mit mir vorliebnehmen.« Er kreuzte seine Arme vor der Brust. Er sah von einem zum anderen. »Ihr könnt euch auf mich verlassen, ich werde ihn vertreten.«
»Damit wird Pünktchen sicher nicht einverstanden sein«, platzte die zehnjährige Vicky heraus. »Ich werde es ihr sagen. Sie braucht sich jetzt nicht länger schön zu machen.«
Henrik hielt sie fest. Er hatte Pünktchen entdeckt. Sie stand auf der obersten Stufe der teppichbespannten Treppe. Offensichtlich hatte sie Vickys Worte gehört. Verlegen, mit geröteten Wangen, sah die Dreizehnjährige vor sich hin. Den Sommersprossen auf ihrer Nase verdankte Angelina ihren Spitznamen. Kein Mensch sagte zu ihr Angelina, sondern nur Pünktchen.
»Nick hat noch auf der Weide zu tun«, verkündete Henrik. »Wenn er es schafft, kommt er zum Waldsee nach. Bis dahin vertrete ich ihn.« Unwillkürlich stellte Henrik sich auf die Zehenspitzen.
Vicky kicherte.
»Was gibt es da zu lachen?« empörte sich Henrik. Er streckte sich noch mehr. »Bald bin ich so groß wie Nick.«
Vicky lachte Henrik aus. »Erstens«, sie streckte ihre Daumen in die Höhe, »dauert das noch sehr lange. Du scheinst vergessen zu haben, daß dein Bruder sieben Jahre älter ist. Zweitens«, der Zeigefinger folgte, »will Pünktchen mit Nick zusammen sein und nicht mit dir. Ihm gehört nämlich Sophienlust.«
»Aber…« Verzweifelt sah Pünktchen auf die Kinderschwester. »Wirklich, das ist mir ganz egal.«
Ärgerlich verzog Angelika, Vickys zwei Jahre ältere Schwester, das Gesicht. »Es ist besser, du hältst den Mund«, rief sie ihrer Schwester zu. »Offensichtlich suchst du heute mit jedem Streit.«
»Das wollte ich nicht, ich meinte nur…« Sie überwand ihre Verlegenheit und strahlte Pünktchen an. »Du paßt eben gut zu Nick. Du magst genauso gern Kinder wie er. Schließlich verwaltet Tante Isi das Kinderheim Sophienlust nur bis Nicks Volljährigkeit, dann mußt du ihm helfen.«
Pünktchen wußte wirklich nicht, was sie sagen sollte. Angelika, die nur ein Jahr jünger war als Pünktchen, wollte etwas sagen, aber ihr fielen auch nicht die richtigen Worte ein. Sie bedachte ihre Schwester mit einem bitterbösen Blick. Sie konnte sich gut vorstellen, wie peinlich Vickys Worte für Pünktchen waren.
Henrik jedoch begriff das nicht. Er lief zur Treppe hin, stellte sich dort in Position und forderte: »Sieh mich mal an, ich bin doch auch nicht ohne.« Er winkelte den Arm an und ballte die Hand zur Faust. »Siehst du meine Muskeln?«
Da war der Bann gebrochen, alle mußten lachen.
Gleich darauf verkündete Heidi: »Ich habe meine Badesachen wieder in der Tasche. Wir können gehen.«
»Auf, dann nichts wie los«, stimmte Schwester Regine zu.
Die Kinder strebten dem Portal zu. »Halt!« rief Heidi plötzlich. Sie drehte sich um. »Haben wir auch etwas zum Essen dabei? Ich bin jetzt schon hungrig.«
»Haben wir.« Pünktchen schwenkte einen Korb.
Heidi zog ihr Näschen kraus. »Hoffentlich etwas Gutes.«
»Dafür hat Magda schon gesorgt, darauf kannst du dich verlassen«, meinte Fabian.
Die Kleine nickte zufrieden. »Glaube ich auch. Magda ist die beste Köchin der Welt.« Da Fabian bereits den Fuß auf die Freitreppe setzte, rief sie erneut: »Halt! Ich will die erste sein, ich will euch anführen. Ich werde auch ein Wanderlied singen.«
Friedfertig trat der etwas schmächtige Junge zur Seite und ließ die Kleine vorausgehen. Während sie noch durch den großen Park gingen, fing Heidi zu singen an. Die übrigen Kinder stimmten ohne zu zögern ein.
*
»Du, mir ist langweilig.« Mit in die Seiten gestemmten Armen stand Julia Tögel vor Frauke Hocker. Diese ließ ihr Buch etwas sinken. Sie bedachte das Kind mit einem mißbilligenden Blick.
»Kannst du nicht irgend etwas spielen?«
Julia, sie war neun Jahre alt, zuckte die Achseln. »Allein?«
Frauke seufzte. Nicht zum ersten Mal bereute sie es, daß sie den Sommer über mit dem Kind hier lebte. Aber es war ihr eigener Vorschlag gewesen. Natürlich hatte ihn Helmar begeistert aufgegriffen. Was hatte sie nun davon? Helmar ließ sich nur am Wochenende blicken und sie mußte Kindermädchen spielen.
»Los«, drängte Julia, »sag schon, was ich spielen soll?«
Frauke verzog das Gesicht. »Woher soll ich das wissen?«
»Du mußt doch auf mich aufpassen.« Julia warf ihren Kopf in den Nacken. »Ich sage es sonst Papi, daß du es nicht tust.«
»Dann erzähle ich deinem Papa ganz etwas anderes.« Frauke wurde wütend. »Ich werde deinem Papi erzählen, daß du gestern nochmals aufgestanden bist, nachdem ich dich bereits zu Bett gebracht hatte. Oder, daß du mir Geld aus dem Geldbeutel genommen hast.«
Julia senkte den Kopf. Sie wußte, daß das ihrem Papa nicht gefallen würde. »Ich wollte mir nur ein Eis kaufen«, sagte sie kleinlaut.
»Soso. Hast du nicht erst vorgestern ein Eis bekommen?«
»Ich mag eben Eis so gern.«
»Dein Papa wird sich sicher freuen, wenn ich ihm erzähle, daß seine Tochter eine Diebin ist.«
Erschrocken riß Julia ihre Augen auf. »Nein, bitte, du darfst ihm das nicht sagen, sonst kommt er mich am Ende nicht mehr besuchen.«
»Dann ist es aber höchste Zeit, daß du dich wie ein liebes Kind benimmst. Übermorgen ist Freitag und da kommt dein Papa.« Ein spöttisches Lächeln huschte um Fraukes Mundwinkel, als sie auf Julias gesenktes Köpfchen sah. Offensichtlich hatte die Drohung gewirkt. Die junge Frau ließ sich wieder zurücksinken. Wenig später war sie in ihren Roman vertieft.
Julia hob erst nach geraumer Zeit wieder ihren Kopf. Sie schielte zu Fräulein Hocker hin. Da diese nicht hersah, streckte sie rasch ihre Zunge heraus. Erleichtert warf sie dann ihren Kopf zurück und stürmte davon. Sie hockte sich an das Ufer des Waldsees.
»Sie ist eine dumme Pute«, sagte sie, aber nicht so laut, daß Frauke Hocker sie hören konnte. »Ich werde Papi sagen, daß er sie fortschicken soll.« Julia griff nach einem Stein. Wütend schleuderte sie diesen in das Wasser. Sie wußte ganz genau, daß ihr Papa das nicht tun würde. Warum war nur ihre Mami nicht da? Ihre Zähne bohrten sich in die Unterlippe, denn weinen wollte sie auf keinen Fall.
»Ich werde, ich werde…«, murmelte sie. Aber es fiel ihr nichts Passendes ein. Auf alle Fälle wollte sie es diesem Fräulein Hocker zeigen. Sie sollte ihren Papi in Ruhe lassen. Der Papi gehörte ihr. Julia ballte die Hände zu Fäusten. Sie würde jedenfalls nie Tante zu ihr sagen.
Die Neunjährige ließ sich ins Gras zurückfallen und sah zum blauen Himmel empor. Ihr Blick folgte einem Vogel. Warum konnte sie kein Vogel sein? Einfach wegfliegen, oder noch besser zu Mami. Ruckartig setzte Julia sich wieder auf. Sie könnte laufen. Sie sah zu Fräulein Hocker hin. Diese würde es nicht merken, wenn sie fortging. Ehe Julia den Gedanken richtig zu Ende gedacht hatte, stand sie schon auf ihren Beinen.
Den Blick nicht von der lesenden Frauke lassend, schlich sie am Ufer entlang. Nachdem sie sich einige Meter entfernt hatte, blieb sie stehen. Sie wartete. Frauke rührte sich nicht, da fing Julia zu laufen an. Sie eilte auf den nahen Wald zu und war bald zwischen den Bäumen verschwunden.
Wahrscheinlich wäre Julia einfach immer weiter gelaufen, wenn sie nicht plötzlich die Stimmen vieler Kinder vernommen hätte. Rasch sprang sie hinter einen Baum, preßte sich an die harte Rinde und hielt den Atem an. Als die Stimmen immer näher kamen, siegte ihre Neugierde. Sie streckte ihren Kopf nach vorne. So sah sie die Kinder von Sophienlust auf dem Weg vorübergehen. Es waren fröhliche Kinder, das bemerkte Julia gleich, denn sie sangen aus vollem Hals. Auch die Frau, die den Schluß der Gruppe bildete, wirkte auf das Kind sehr ausgelassen. Ganz anders als Fräulein Hocker, zu der sie Tante Frauke sagen sollte.
Julia stand ganz still. Die Kinder bemerkten sie nicht.
»Los«, rief Vicky, »wer ist als erster am Waldsee?«
Ich, wollte Julia rufen. Im letzten Moment fuhr sie sich mit der Hand zum Mund. Sie sah, wie die Kinder losliefen. Langsam trottete sie hinterher. Am Waldrand setzte sie sich ins Gras und sah zu, wie die Kinder es sich gemütlich machten. Es ging recht lustig dabei zu. Julia hätte nur zu gerne mit herumgetollt.
Frauke Hocker hatte sich indes aufgerichtet. Die Stimmen der Kinder hatten sie beim Lesen gestört. Suchend sah sie sich um. Sie konnte Julia nirgends entdecken. Eine ärgerliche Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Wo steckte das Kind nur schon wieder?
Da sie Julia weit und breit nicht sah, legte sie ihr Buch zur Seite und erhob sich. Mit der Ruhe hier schien es sowieso vorbei zu sein. Freundlich grüßten die Kinder, als sie die junge Frau sahen. Frauke nickte nur kurz. Kindern hatte sie noch nie großes Interesse entgegengebracht. Ihr Ärger steigerte sich. Stets erlebte man mit Julia irgendeine unangenehme Überraschung. Sie mußte endlich mal ernstlich mit Helmar sprechen. Er mußte zu seinem Kind strenger sein.
Endlich entdeckte sie das Kind am Waldrand. Sie ging ein paar Schritte in diese Richtung, dann blieb sie stehen. Warum sollte sie dem Kind nachlaufen?
»Hallo, Julia«, rief sie, ihre Hände als Trichter benützend.
Julia hörte sie wohl, aber sie reagierte nicht.
»Julia, wirst du wohl folgen! Wenn du nicht sofort kommst, dann…« Drohend hob Frauke ihre rechte Hand.
Julia maulte laut vor sich hin. Langsam erhob sie sich. Sie wußte aus Erfahrung, daß es besser war, zu gehorchen.
»Komm sofort hierher! Warum läufst du nur immer weg?« schimpfte Frauke.
Provozierend langsam kam Julia herangeschlendert. »Ich habe gespielt. Du hast doch gesagt, ich soll spielen.«
Frauke packte das Kind unsanft am Arm. »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, daß du in Sichtweite bleiben sollst. Ich bin schließlich für dich verantwortlich.«
Trotzig hob Julia ihren Kopf. »Mir wäre es viel lieber, wenn Mami für mich verantwortlich wäre.«
»Deine Mami hat keine Zeit für dich, das weißt du ganz genau.«
Der Kopf des Mädchens sank auf die Brust. Es hätte gerne widersprochen, aber es konnte nicht. Es wollte jetzt nicht an seine Mami denken, denn sonst hätte es am Ende noch zu weinen angefangen.
Frauke ließ die Kleine nicht los, sie schob sie zur Decke hin. »Am besten wird es sein, wir gehen nach Hause. Hier kann man ja nicht einmal in Ruhe lesen.« Sie warf der lustigen Kinderschar einen giftigen Blick zu.
»Nein, bitte.« Julia erschrak. Sie wollte jetzt nicht nach Hause. Mit sehnsüchtigen Augen sah sie zu den Kindern hin. Einige von ihnen waren jetzt im Wasser und spielten mit einem großen roten Ball.
»So?« Frauke zog ihre Augenbrauen in die Höhe. »Jetzt ist dir plötzlich nicht mehr langweilig?«
»Ich glaube nicht. Es ist so schön hier, ich lasse dich jetzt auch in Ruhe lesen.«
»Und was willst du tun?« fragte Frauke mißtrauisch.
»Ich gehe ans Ufer. Mir ist warm. Ich werde schwimmen gehen.«
»Na gut«, stimmte die junge Frau zu. Sie wußte, daß Julia trotz ihrer neun Jahre bereits eine ausgezeichnete Schwimmerin war.
*
Vicky stieß Henrik an. »Du, sieh mal dieses Mädchen dort. Vielleicht möchte es mit uns spielen?«
»Die Kleine?« Henrik riskierte einen Blick.
»Pah! Was hieltest du davon, wenn ich zu dir Kleiner sagen würde.«
Henrik stemmte seine Hände in die Seiten. »Dann würde ich dir schon zeigen, daß ich kein Kleiner bin.«
Vicky lachte. »Sieh doch nochmals hin«, schlug sie vor. »Das Mädchen ist nicht jünger als du. Ihr werdet wahrscheinlich gleich alt sein.«
Henrik sah hin. Er mußte Vicky recht geben. Trotzdem maulte er: »Du bist kaum älter.«
»Immerhin ein Jahr.«
Pünktchen kam heran. »Was habt ihr denn? Ihr werdet doch nicht streiten?«
Henrik sah sie hoheitsvoll an. »Wir diskutieren.«
»Es geht um das Mädchen dort. Ich finde, es sieht traurig aus.« Vicky zeigte ungeniert mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Julia. Diese hockte am Ufer, die Zehen ins Wasser getaucht.
Pünktchen nickte.
»Ich frage sie einfach, ob sie mit uns spielen will«, entschied Henrik spontan. Und ehe ihn jemand zurückhalten konnte, lief er zu Julia hin.
»Hallo!« begrüßte er sie.
Julia erhob sich langsam. »Hallo!« erwiderte sie.
Die beiden Kinder sahen sich an dann stieß Henrik hervor: »Du siehst so aus, als ob dir langweilig wäre.«
Stimmt. Ich habe es nicht so gut wie du. Ich bin allein.«
»Ganz allein?« fragte Henrik. Er wandte dabei den Kopf und sah zu Fräulein Hocker hin.
»Die kannst du vergessen«, sagte Julia, »sie soll nur auf mich aufpassen.«
»Aha! Na, dann kannst du sicher mit uns spielen, oder mußt du zuerst fragen?«
Julia sah nun ebenfalls zu Frauke Hocker hin, die wieder ganz in ihr Buch vertieft war. »Ich glaube nicht, es interessiert sie nicht.«
»Auf was warten wir dann. Komm!« Henrik drehte sich blitzschnell um und lief zu Pünktchen und Vicky zurück. Julia folgte ihm.
»Los, warum steht ihr denn noch hier herum?« fragte Henrik beim Näherkommen. »Jetzt wird gespielt. Ich habe euch dazu…« Er wandte den Kopf. »Wie heißt du eigentlich?«
»Julia.« Neugierig sah die Neunjährige sich die Kinder jetzt von der Nähe an. »Habt ihr denn keine Ferien?«
»Meinst du Schulferien?« fragte Henrik.
Julia nickte.
»Klar haben wir Ferien, deswegen können wir auch baden gehen.«
Julia sah nochmals alle Kinder der Reihe nach an. »Geschwister seid ihr keine«, stellte sie dann fest. »Seid ihr hier in den Ferien, so wie ich?«
»Falsch.« Henrik triumphierte. »Wir wohnen immer da.«
»Zusammen?« Julia war erstaunt.
»Alle bis auf mich, aber ich wohne nicht weit entfernt. So kann ich immer mit dabei sein, wenn die Kinder etwas unternehmen.« Henrik sah Julia erwartungsvoll an. »Na, was glaubst du, wo die Kinder wohnen?«
Julia zuckte die Achseln. »Ich dachte zuerst an einen Schulausflug, aber bei uns ist es nie so lustig, wenn wir einen Ausflug machen. Da sind immer zwei Lehrer dabei, die uns überhaupt nichts erlauben.«
Henrik winkte ab. »Das kenne ich, da geht es bei uns schon anders zu.«
Julia zeigte auf Schwester Regine. »Ist sie keine Lehrerin?«
»Nein. Sie paßt auf uns auf, aber sie ist lieb«, setzte er hinzu.
»Das glaube ich, das sieht man ihr schon an.« Julia seufzte.
»Ist deine Mami denn so streng?« erkundigte Vicky sich.
»Streng?« Julia überlegte. »Ich weiß nicht.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Vicky offen. Sie sah zu Frauke hin.
»Das ist doch nicht meine Mama«, empörte sich Julia. »Sie ist überhaupt nichts, nicht einmal meine Tante.«
»Sie paßt nur auf Julia auf«, fühlte Henrik sich bemüßigt zu sagen.
»Ich brauche niemand, der auf mich aufpaßt! Jedenfalls nicht sie. Das werde ich auch meinem Papi sagen, wenn er übermorgen kommt.«
»Hast du Probleme mit ihr?« fragte Henrik. Er hatte seine Stirn in Falten gelegt. »Laß mich nachdenken, vielleicht kann ich dir helfen.«
»Du?« Julia sah Henrik eindringlich an, dann schüttelte sie den Kopf. »Von Kindern läßt Fräulein Hocker sich auf keinen Fall was sagen.«
Henrik ließ nicht locker. Er machte sich nun gern einmal wichtig. »Ich könnte aber mit meiner Mutti sprechen, sie würde sicher dann mit diesem Fräulein Hocker reden. Nur mußt du mir sagen, was dir an ihr nicht paßt.«
Julia schob ihre Unterlippe nach vorne. »Mir paßt gar nichts an ihr.«
»Du mußt dich schon genauer ausdrücken. Ist sie zu streng mit dir? Schimpft sie die ganze Zeit?«
»Ich will jetzt darüber nicht sprechen.« Julia senkte den Kopf. »Du hast mich doch zum Spielen eingeladen.«
*
Ungeduldig, mit weit ausholenden Schritten, ging Regisseur Merkt auf und ab. Seine Hände in den Hosentaschen vergraben, blickte er zum Himmel empor. Die Sonne stand schon sehr tief.
