Gedanken eines Gastarbeiters - Zoran Mitrović - E-Book

Gedanken eines Gastarbeiters E-Book

Zoran Mitrović

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Beschreibung

Die Gastarbeiter sind die verkannten echten Europäer. Weder in ihren Heimatländern noch in den Gastländern wird das von den Einheimischen erkannt und angemessen honoriert. Mit einer schonungslosen Rückschau auf sein beruflich und finanziell erfolgreiches Leben in der Schweiz versucht der im ehemaligen Jugoslawien geborene Zoran Mitrović diese historische Ungerechtigkeit aufzuzeigen und ihr entgegenzusteuern.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2024 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-857-8

ISBN e-book: 978-3-99146-858-5

Lektorat: Falk-M. Elbers

Umschlagfotos: Hugo Felix, Jojjik | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Zoran Mitrović

www.novumverlag.com

Einleitung

Mit dem Schreiben zu beginnen war für mich schwierig. Der erste Schritt dabei ist der erste Satz, der erste Eindruck. Tatsächlich kann das Schreiben sehr einfach sein. Der Mensch muss sich dazu nur ein bisschen Zeit nehmen, damit er keinen Berg von täglichen Verpflichtungen, die er erledigen muss, vor sich hat, der Kopf frei ist – und schon kann er mit dem Schreiben beginnen. Selbstverständlich muss er den Wunsch und die Motivation haben, etwas Geschriebenes zu hinterlassen, und das intime Bedürfnis, sich zu öffnen. Es ist schön, keine größeren finanziellen Probleme zu haben, eine Frau, mit der man alt werden will, erwachsene Kinder, sein Haus, Frieden und genügend Zeit. Endlich kann und muss ich mich mit mir selbst beschäftigen – mit Gedanken über nahe und entfernte Verwandte, Freunde, mit Erinnerungen, Ängsten, Träumen und Fantasien, sprich mit meiner Sicht der Dinge. Ich werde über persönliche, politische, gesellschaftliche Ereignisse meines Lebens und über meine Anschauung und Deutung derselben schreiben. Davor muss ich noch all jenen bekannten und unbekannten kroatischen und serbischen Faschisten, die schon seit fast drei Jahrzehnten in den Gebieten des Balkans ihr Unwesen treiben, sagen, dass ich ihnen nie verzeihen werde, dass sie mir meine Heimat gestohlen haben. Diese Zeilen werden mir sicher helfen, meine Qual zu überwinden, und vielleicht gleichzeitig die Augen manches Homo sapiens auf dem Balkan öffnen. Jenen, die nicht wissen oder verstehen, was Faschismus ist, empfehle ich Google. Vielleicht begreifen diese Dummköpfe dann, in welchen Sumpfgebieten sie heute leben. Noch eine Anmerkung, ich verwende die maskuline Form, aber ich meine damit auch Balkanfrauen, die ordinären, nicht intelligenten Frauen, die durch die Geburt und Erziehung oder besser gesagt Nichterziehung ihrer Kinder schon seit Jahrhunderten aktiv dabei helfen, die Balkangebiete zu verschmutzen, und so täglich das Wachstum des Faschismus am Balkan fördern. Diese zahlreichen Mütter auf dem Balkan sind keine Opfer. Sie sind vielmehr sehr aktive und wissentliche Mittäter bei allen kriminellen Aktivitäten ihrer Männer. Die Balkaner haben es in den letzten dreißig Jahren geschafft, dass aus einer humanen Gesellschaft des ehemaligen Jugoslawien eine faschistische Zusammensetzung der einzelnen Nationen geworden ist. In diesem faschistischen Morast wird die Halbwelt des Balkans nicht mehr lange fortbestehen können. In meinem Buch verwende ich absichtlich Wörter, die heute Teil der neukroatischen bzw. neuserbischen Sprache sind. Tatsache ist, dass diese Wörter zu der Sprache gehören, in der ich schreibe, obwohl sie für viele Ohren seltsam klingen mögen. Für diese Sprache gibt es leider nicht eine, sondern sechs oder sieben verschiedene Grammatiken. Miserable Linguisten des zwanzigsten Jahrhunderts versuchten aus einer Sprache mehrere Sprachen zu erschaffen. Abstoßende Faschisten, die sich selbst gerne Linguisten nennen, streiten sich schon seit über einem Jahrhundert über die kroatische und/oder serbische Sprache. Nach den Bürgerkriegen haben sie es nun geschafft, Amerika zu entdecken, und haben beschlossen, dass es sich hier nicht um eine oder zwei Sprachen handelt, sondern um eine Vielzahl von Sprachen mit unterschiedlichen Vokabeln, Grammatiken und Schriften. Die menschliche Dummheit ist unendlich, hat Einstein einmal gesagt. Diese Quasiintellektuellen sehen ihre Nation als das Allerheiligste und deshalb komponieren sie die passende Sprache, die anders sein soll als die Sprache der ersten Nachbarn. Hinterhältige Linguisten denken so: Wenn mein Volk keine eigene Sprache hat, kann es in diesem Gebiet nicht bestehen. Der Faschismus lehrt sie, dass ein Volk eine eigene Schriftsprache haben muss, damit es sich von anderen Nationen unterscheidet. Deshalb versuchen sie seit so vielen Jahren, künstliche Sprachen zu erschaffen. Die Kroaten haben dies geschafft, indem sie auf die Sprache aus der Zeit des NDH zurückgegriffen haben. Meiner Meinung nach ist in Serbien und Kroatien durch neue faschistische Schulsysteme, die historische Lügen und Halbwahrheiten enthalten, eine Generation von Schülern und Studenten entstanden, die in dieser sprachlichen Hässlichkeit reden, schreiben und denken. Die Erschaffer dieser Schulprogramme sind Zombies jener Staaten, die sie für diese schändlichen Taten belohnt haben. Die jungen Generationen auf dem Balkan hegen auf diese Weise langfristig tiefen Hass und Misstrauen gegenüber den Nachbarnationen. Die juristische Sprache, die in Gesetzen und an den Gerichten der Staaten, in denen verachtenswerte und gefährliche Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter miteinander korrespondieren, verwendet wird, beinhaltet abscheuliche und leblose Worte, bei denen mir schlecht wird. Zu wissen, dass zum Beispiel die kroatische Verfassung von einem der abscheulichsten Menschen in Kroatien geschrieben worden ist, der in der Armee mit faschistischem kroatischen Abschaum gedient hat, von einem nicht verurteilten Kriegsverbrecher, Kriegskameraden und Verdecker des verurteilten Kriegsverbrechers, der nach Absitzen der Gefängnisstrafe wieder dem kroatischen Parlament angehört, spricht Bände über das gesamte Parlament und alle Parlamentarier, die darin sitzen. Die kroatische Verfassung ist in dieser ekelhaften klerikalen Sprache geschrieben, die weitgehend vom NDH übernommen worden ist. Der Verfasser der kroatischen Verfassung ist ein armseliger politischer Gegner, der mit Freude allen Kroaten noch eine schöne Untat beschert hat, auf die er gewiss besonders stolz gewesen ist. Er ist einer der wichtigsten Akteure bei der Entstehung des bestehenden Wahlgesetzes der kroatischen Republik. Ich stelle mir vor, wie genau dieser Schuft, der in Wahrheit häufiger betrunken als nüchtern ist, manchmal bei einem Glas Wein daheimsitzt und sich selbst gratuliert, diese Abscheulichkeit seinem Lieblingsvolk angetan zu haben. Die kroatischen Faschisten hätten dringend nachprüfen sollen, ob er wirklich ein Kroate ist, weil weder sein Vorname noch sein Nachname kroatisch klingen, und ihn als den Kroaten schadenden Feind demaskieren und alle seine schlechten Einflüsse in der kroatischen Gesetzgebung revidieren müssen. Zu den morbiden Dingen, die mir in meiner Zeit in Dalmatien aufgefallen sind, gehört die Tatsache, dass niemand mehr unter dreißig Jahren die dalmatinische Sprache spricht. Diese wunderbare melodische Sprache mit den italienischen Einflüssen, die in den Büchern von Milijenko Smoje und in den TV-Serien verewigt ist, stirbt mit Schallgeschwindigkeit aus. Für dieses Verbrechen allein schon sollten viele faschistische Wichte in Kroatien eine lebenslange Strafe im Gefängnis absitzen oder, was ich bevorzugen würde, von den eigenen Leuten im Meer ertränkt werden. Ich habe nur ein Beispiel genannt, aber in den Kleinstaaten auf dem Balkan leben noch weitere ähnliche so genannte Schreibtischtäter. Wären diese faschistischen Linguisten auf dem Balkan dazu in der Lage gewesen, in einer anderen Sprache wie zum Beispiel Deutsch zu lesen und zu schreiben und aus ihrem alten, staubigen und stinkenden Büro hervorzukommen, hätten sie vielleicht das Nazigedankengut abgelegt und erkannt, dass es in jedem deutschen Bundesland einen eigenen Dialekt gibt, in dem sich die Bürger tagtäglich unterhalten. Das Gleiche gilt für die Kantone der Schweiz und die österreichischen Bundesländer. Das Einzige, was diese Länder verbindet, ist eine einheitliche deutsche Standardsprache, die im achtzehnten Jahrhundert entstanden ist und die man in allen Schulen lernt. Folglich werden im Alltag, zu Hause und oft auch bei der Arbeit Dialekte verwendet. Überall spricht und schreibt man aber nur in der deutschen Standardsprache, die eine einheitliche Rechtschreibung, ein einheitliches Vokabular und einheitliche Grammatikregeln hat. Für einen Bayern, Walliser oder Tiroler ist die deutsche Standardsprache eine Fremdsprache, die sie nicht gerne verwenden, jedoch müssen sie bei offiziellen Veranstaltungen, in der Schule, im Gericht, im Parlament und an der Universität hochdeutsch sprechen und schreiben. So entstehen durch die einheitliche Sprache echte Intellektuelle, welche die drei Nationen Deutschland, Österreich und die Schweiz repräsentieren. Hochdeutsch zu sprechen, schwächt nicht deren Bindung zur Nation, zum Kanton oder Dorf, aus denen sie stammen. Es gibt also kein Axiom, nach dem eine Nation unbedingt eine eigene Standardsprache haben muss, um zu bestehen. Eines Tages erfinden vielleicht neue halbintelligente Quasiintellektuelle, die sich mit der kroatischen, serbischen, bosnischen, montenegrinischen Sprache und den dazugehörigen Dialekten befassen, eine einheitliche Standardsprache, die in jedem dieser verblendeten kleinen Balkanstaaten verwendet wird. Die Bemühungen, neue Wörter zu kreieren, aus zwei Wörtern ein neues zu erschaffen etc., haben die slawischen Dialekte stark voneinander abgegrenzt. Dabei vertreten renommierte europäische Sprachforscher die Ansicht, dass diese Dialekte zu einer einheitlichen Standardsprache zusammengefasst werden sollten, und das ganz unabhängig davon, wie diese dann heißen mag. Diese Sprache müsste dann in allen Schulen der kleinen Balkanstaaten unterrichtet werden, um den Zusammenhalt zu stärken und um dem Nachbarstaat kein Dorn im Auge mehr zu sein. Es stimmt, dass es wahr ist.

Meiner Meinung nach sollten Vorträge an der Universität ausschließlich in Englisch abgehalten werden und Studenten sollten Prüfungen ausschließlich in Englisch absolvieren. So wird es seit jeher in Skandinavien gehandhabt. Damit würde es auf dem Balkan keine unmoralischen Professoren mit fragwürdigen Motivationen mehr geben. Zugang zur dann weitaus hochwertigeren Ausbildung würden diejenigen erhalten, die wirklich die nötige Intelligenz, Schulbildung, den Willen und die Bereitschaft, sich mit harter Arbeit zu beweisen, besitzen. Wer weiß, womöglich finden Vernunft und Weisheit dann endlich Einkehr in die zukünftigen intelligenten Köpfe auf dem Balkan. Gleichzeitig wären die zukünftigen Akademiker auf dem Balkan in der Lage, aufgrund der hochwertigen Ausbildung und der erlernten Englischkenntnisse überall auf der Welt zu arbeiten. Sie könnten ihre Unternehmen auf dem Balkan oder an jedem anderen Ort gründen. Die Balkanstaaten würden endlich ein Teil Europas und der Welt werden und nicht wie heute deren Arsch. Heute sind die Intellektuellen des Balkans noch nicht bereit für den Rest der Welt, weil um die neunzig Prozent von ihnen (das sind etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung) aufgrund der fehlenden Intelligenz diesen Titel nicht verdient haben, aber wichtige Positionen in diesen kleinen Staaten innehaben. Diese werden sich mit all ihrer Bosheit gegen das bessere und schönere Leben in diesen kleinen Staaten wehren. Ich befürchte, dass das, was für die USA, die Schweiz und Deutschland gut ist, auf dem Balkan nicht umgesetzt werden kann, weil zahlreiche Halbintelligente mit ihrer angeborenen Böswilligkeit dafür sorgen werden, dass das Bessere und Vernünftigere nie gewinnen wird.

Was ich geschrieben habe, ist kein Aufruf zur Vereinigung dieser neu entstandenen Staaten. Ich habe nur meinen persönlichen Wunsch für ein besseres Leben aller Menschen auf dem Balkan zum Ausdruck gebracht. Mein kurzlebiger Optimismus hat momentan meinen ewigen Pessimismus und meine tiefe Überzeugung darüber, dass dies in den nächsten hundert Jahren nicht möglich ist, besiegt. Das Schlimmste ist, dass diese zahlreichen heutigen Semiintelligenten auf dem Balkan, die versuchen, eine vernünftige Welt zu kopieren, das mit ihrem halbgebildeten Gehirn und ihrer korrupten Seele tun, die in faschistischen Bildungseinrichtungen, die sie Schulen nennen, ausgebildet worden sind. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Universitätsprofessoren, Anwälte, Richter, Politiker, Schriftsteller und tragische Künstler und Mediziner. Von ihnen ist, wie uns die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, nichts Gutes, Schönes und Edles übrig geblieben. Von Ländern, die ihre Kriegsverbrechen und ihre dunkle, kriminelle Vergangenheit schönreden, kann auch nichts Gutes erwartet werden. Ein Vierteljahrhundert, in dem das faschistische Schulsystem voller Lügen und Halbwahrheiten in Kroatien und Serbien besteht, ist lang genug, um viele Millionen junger Menschen mit faschistischem Gedankengut zu prägen, und davon werden sie sich lange nicht erholen. In Deutschland zum Beispiel sind die Nationalsozialisten nur zwölf Jahre lang an der Macht gewesen, aber dieser Nationalsozialismus lebt dort noch heute, also achtzig Jahre später, in manchen germanischen Hohlköpfen weiter. Serben und Kroaten sind leider praktisch identisch, sodass sogar Auslandskorrespondenten sie mit eineiigen Zwillingen, die schon im Mutterleib mit dem Kämpfen begonnen haben, verglichen. Sie haben nichts anderes geschafft, als sich beinahe wieder zu bekriegen. So Gott will, wird ihnen das bald gelingen. Ich würde niemandem empfehlen, meinen Text oder Worte aus dem Text zu ändern, zu aktualisieren oder zu überarbeiten. Die Sprache, die ich verwende, darf weder der heutigen kroatischen noch der serbischen Standardsprache gleichen. Denn das ist die Sprache, die ich während meiner Zeit im Ausland in mir behalten habe. Falls meine Gedanken in diesem Buch jemals verdreht werden, lasse ich dieses Buch in Kroatien in kyrillischen Buchstaben und in Serbien in lateinischen Buchstaben drucken. Auf diese Weise mache ich es den schmutzigen Faschisten nicht möglich, meine ehrliche Meinung zu lesen und zu genießen. Das Erste, woran ich mich aus meiner frühen Kindheit erinnere oder glaube mich zu erinnern, sind Truppen auf einer Straße, die ich von einer Anhöhe aus beobachtet habe, und die enorme Angst, die ich dabei empfunden habe. Einmal hat mir meine Mutter erzählt, dass ich in der Wohnung, in der ich geboren worden bin, als Vierjähriger versucht habe, vom Balkon zu springen. Zum Glück ist es mir nicht gelungen, weil mein Kopf breiter gewesen ist als der Abstand zwischen den Metallstangen am Balkon. Möglicherweise ist meine irrationale Angst vor Soldaten damals entstanden, wobei sich die unwirkliche Angst vor Uniformierten noch heute irgendwo in mir befindet. Ängste und der tagtägliche Kampf gegen sie prägen und formen alle denkenden Menschen dieses Planeten und anscheinend auch mich. Zu meinem großen Bedauern werde ich diese Tatsache zu spät verstehen. Geboren bin ich in Šibenik, einem malerischen, armen Städtchen an der Mündung des Flusses Krka, in dem nach Ansicht eines Historikers schon seit tausend Jahren Kroaten leben, die heute den größten Teil der Bevölkerung dort ausmachen. Aus der Vogelperspektive und von der Burg aus erkennt man den Verlauf des Flusses Krka von Zaton bis Šibenik, die Halbinsel Srima/Martinska und den Kanal Sveti Ante, mit dem der Fluss Krka im Meer verschwindet. Sobald sie zum Ufer kommen, erzählen viele Bewohner von ihrem Meer und über die ganze Welt, die durch das Meer mit Šibenik verbunden ist. Niemand hat ihnen beigebracht, dass sie seit Jahrhunderten in Wirklichkeit auf das geräuschlose Wasser des Flusses Krka blicken, der sich irgendwo bei der Jadrija mit dem Meer vermischt und in ihm verschwindet. Im Kanal und in der Bucht von Šibenik haben wir stets Strömungen des Meeres und des Flusses in verschiedene Richtungen. Die Bucht von Šibenik wird seit Jahrzehnten mit Abwässern der Stadt verschmutzt, wodurch aus diesem schönen Naturphänomen der Krkamündung eine große, stinkende Kloake entstanden ist, in der zu baden seit Jahrzehnten wegen Krankheitserregern verboten war. Diese Vermischung aus Meer, Krka und Fäkalien ist Lebensraum von Fischen wie dem Cipaille, der vor allem an der Küste gefischt wird. Einzig das Wasser des Flusses Krka reinigt die Bucht von Šibenik und verschwindet unsichtbar im unendlichen und ein wenig saubereren Meer. Der sinkende Salzgehalt des Meeres zwischen Zlarin und Tijat zeigt deutlich, dass das Wasser der Krka auf lange Sicht sogar das Meer besiegt. In alten Zeiten sind Šibenik und seine Bucht durch die Mündung des Flusses Krka gut vor Angriffen vom Festland und vom Meer geschützt worden. Die umliegenden Hügel haben die Stadt verdeckt und versteckt, die Burgen auf den Hügeln haben sie verteidigt und vom Meer aus konnte sie schwer entdeckt werden. Die Burg Sv. Nikola und der Kanal Sv. Ante sicherten von Meeresseite aus die Verteidigung der Stadt. Der Bau von Burgen auf den Hügeln rund um die Stadt und die hohen Mauern der Altstadt von Šibenik sowie die damaligen Bewohner haben es geschafft, die Stadt vor allem vor Angriffen der Türken zu beschützen. Die Venezianer waren diejenigen, die den Bau dieser Burgen und Mauern finanziert haben. Šibenik hatte nie den Status einer freien Stadt wie zum Beispiel Dubrovnik, weil die Einwohner keine erfolgreichen Händler und Seeleute waren. Sie waren Bauern und hatten durch die harte Arbeit keine Zeit dafür. Von Sv. Mihovil aus konnte man rechtzeitig jedes fremde Boot ausmachen, noch bevor man vom Meer aus die Stadt Šibenik erkennen konnte. Im 21. Jahrhundert wurden diese Festungen teilweise restauriert, hatten dann aber eine andere Funktion, obwohl die Steine der Festungen jahrhundertelang gleich geblieben sind. Die Pest suchte die Einwohner der Stadt im 16. Jahrhundert heim und von da an besiedelten sie vor allem Menschen aus den umliegenden Dörfern und viele andere, die über die Hügel von der Balkanseite des Jadrans gekommen waren. Nur wenige wissen, dass die Altstadt von Šibenik Anfang des 20. Jahrhunderts von ähnlichen Mauern umgeben war wie heute noch die Stadt Dubrovnik. Überreste dieser Mauern sind noch an manchen Stellen der Altstadt erkennbar. Einer der ersten kroatischen Politiker in Šibenik war ein sehr intelligenter und weitsichtiger Bürgermeister, dem noch heute viel Lob in der Stadt und in der Umgebung zukommt. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ er die Mauern um die Altstadt zerstören. Sein Wunsch war es, dass die Bürger der Altstadt und die zahlreichen Ankommenden sich ohne Mauern annähern konnten. Die tief sitzende Animosität der Bürger von Šibenik gegenüber den Anderen ist ein unbezahlbarer Schatz. Der tüchtige Bürgermeister hat sich wegen dieses Hasses der Bevölkerung dazu entschieden, etwas abzureißen, was ein charakteristisches Merkmal des Balkans ist, und auf diese Weise hat er die gesamte Stadt für immer verschandelt. So haben die Bürger von Šibenik schon von Beginn an ihrer eigener Regierung in der Stadt gezeigt, dass sie lieber zerstören, anstatt zu bauen, lieber kaputt machen, anstatt etwas zu erschaffen. Dieser Bürgermeister, ein unwissender Barbar in der Geschichte, hat den zukünftigen Bürgern und Millionen Touristen eine wunderschöne touristische Attraktion gestohlen. Šibenik wäre heute mit den alten Mauern am Jadran die einzige wahre touristische Konkurrenz von Dubrovnik gewesen.

Dieser Bürgermeister hat so den ewigen Traum aller Bürger Šibeniks, ein gutes Leben ohne viel Arbeit zu führen, zerstört. Šibenik ist eine mittelalterliche Hafenstadt geblieben, da der Hafen in der Moderne nicht mehr erweitert werden konnte. Der enge natürliche Kanal des Flusses Krka kann keine großen modernen Schiffe aufnehmen und im Hafen gibt es nicht genügend Ankerplätze. Eine Herde inkompetenter Architekten und Provinzpolitiker versuchte im letzten Jahrhundert, den Hafen und die Stadt zu modernisieren, dabei haben sie sich redlich und mit viel professionellem Aufwand bemüht, den Hafen und die Stadt zu verunstalten. Es lohnt sich nicht, ins Detail zu gehen. Meine Meinung würde nichts daran ändern, dass die Stadt, wie es aussieht, auch weiterhin stagnieren wird. Auf jeden Fall soll sich jeder Besucher der Stadt Šibenik ein eigenes Bild dieses kroatischen Hafenstädtchens an der Mündung des Flusses Krka machen.

Zum Zeitpunkt meiner Geburt war der Zweite Weltkrieg einige Jahre zu Ende, wie auch für einen Großteil der Bevölkerung auf dem Balkan des 20. Jahrhunderts. Es ist nämlich Tatsache, dass hier Leute vor, während oder nach einem der zahlreichen Kriege geboren wurden. Die Kriege mit riesigen Schwankungen der Bevölkerung, Plünderungen von beweglichem und unbeweglichem Eigentum, Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen waren ständige Begleiter aller Städte und Dörfer der dalmatinischen Adriaküste und des Hinterlandes.

Was ich von Geburt an nicht verstehen konnte, jedoch schnell als Junge und Teenager realisierte, war die Tatsache, dass ich in einer für mich feindlichen Umgebung geboren wurde, inmitten böser Menschen, die durchdrungen waren von enormer Angst und großem Misstrauen gegenüber allem, was neu ist, vor allem Hass auf die einheimischen Serben, die in der Stadt und in der Umgebung lebten. Dieser tiefe Hass und die Furcht vor Neuem sind historisch bedingt und gleichzeitig tief und stark verankert wie in einem guten Schnaps. Dieser Hass und die Angst vor dem Verlust von beschlagnahmtem Eigentum waren ständige Begleiter meines Lebens in all den Jahren, die ich in dieser Stadt verbrachte. Glücklicherweise habe ich drei Viertel meines Lebens außerhalb von Šibenik gelebt, sodass mein Charakter nicht von dieser fremdenfeindlichen Umgebung geprägt wurde. Hätte ich heute die Wahl, meinen Geburtsort auszusuchen, würde ich mich sicherlich für Zürich, New York oder Paris entscheiden. Dort wäre mein Leben wahrscheinlich in anderen Bahnen verlaufen und ich hätte mehr daraus gemacht, worauf ich heute stolz sein könnte. Es brauchte Zeit, Training und lange Jahre außerhalb von Šibenik, um dieses versteinerte Denken, diesen seichten Sumpf und diese Bosheit der Einheimischen verstehen zu können. Wahrscheinlich wurden die Bewohner dieser Stadt durch das Trinkwasser aus dem Fluss Krka vergiftet, da wohl einige Bestandteile dieses Wassers sie unfähig machten, ein humanes, modernes und strukturiertes Leben zu führen. Sie sind einfach intellektuell nicht fähig, das Bollwerk der Unwissenheit und Bosheit aus ihren Köpfen zu verbannen.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Blick auf meinen Stammbaum zu werfen. Ich wurde in Šibenik an einem Freitag als zweites von drei Kindern geboren. Meine streng katholische Großmutter brachte mich heimlich in die orthodoxe Kirche von Šibenik zur Taufe. Mein Vater war Kommunist und meine Eltern wollten oder durften ihre Kinder nicht taufen lassen. Das waren die Zeiten des jungen jugoslawischen Sozialismus, gemischt mit russischem Kommunismus, aufgedrückt durch die Diktatur der Partisanen. Ich bin nach meiner Schwester und vor meinem Bruder geboren. Meine Mutter war leider eine eingesessene „Šibenka“. Mein Großvater war gebürtig aus dem Stadtteil Doca und meine Großmutter aus Varos. Mein Großvater war ziemlich klein, agil und schnell. Er war wie die meisten dortigen Leute arm und sein Besitz beschränkte sich auf ein paar hundert Quadratmeter Ackerland voller Steine und Schutt. Zusammen mit meiner Großmutter befasste er sich mit dem An- und Verkauf von Obst und Gemüse auf dem alten Basar in Šibenik. Er liebte das weibliche Geschlecht, vor allem so genannte „Bodulice“, Bäuerinnen von den umliegenden Inseln. Er war wie die meisten anderen aus Dolac ein überzeugter Kroate. Meine Großmutter war klein, rundlich und Analphabetin. Sie glaubte an Gott und ging regelmäßig bis zu ihrem Tod in die katholische Kirche. Meine Großeltern hatten zwei Kinder. Einen Sohn, der eine Ausbildung zum Ladenverkäufer abschloss, und meine Mutter.

Noch minderjährig wurde mein Onkel Mitglied der Ustascha-Partei von Ante Pavlevic. Dieser hatte aus Rom die Ustascha-Bewegung nach Kroatien gebracht. Mit der Ausrufung des unabhängigen Staates Kroatien (NDH) waren Šibenik und Dalmatien nicht Teil dieses nationalsozialistischen Gebildes. Mein Onkel ging nach Zagreb und trat in die Ustascha-Armee ein. Von dort aus wurde er nach Jasenovac beordert, wo er als Kommandant für einen Teils des Konzentrationslagers verantwortlich war. In Jasenovac verbrachte er alle vier Jahre des Krieges als eine bewährte, effektive und monströse Kraft, Henker und Mörder von Serben, Juden, Zigeunern und auch Kroaten. Gegen Ende des Jahres 1944 weilte er kurz in Šibenik, wohl um sich von seinen Eltern und von seiner Schwester für immer zu verabschieden. Wahrscheinlich war er sich zu diesem Zeitpunkt bereits über den bevorstehenden Zusammenbruch des NDH bewusst. Seitdem blieb er verschwunden, seine Spur verliert sich. Alle gehen davon aus, dass er irgendwo in der Nähe von Bleiburg hingerichtet wurde, aber die Wahrheit hat meine Großmutter zeit ihres Lebens nie herausgefunden.

1944, nach der Befreiung Šibeniks durch die Partisanen, hatten meine Großeltern und meine Mutter eine Menge Probleme mit der neuen Regierung wegen der zahlreichen blutigen Verbrechen meines Onkels. Auf dem Balkan existiert noch heute nicht allein die persönliche Schuld, mitschuldig sind dort immer auch die Familie, der Clan und vor allem die Nation. Auf diese Weise rächen sich auf dem Balkan die Gewinner immer an vielen, die sich zufällig im Umkreis von Tätern aufgehalten haben. Um zu zeigen, dass sie anders als ihr Bruder ist, meldete sich meine Mutter mit achtzehn freiwillig für eine Arbeitsaktion. Sie arbeitete irgendwo in Bosnien (höchstwahrscheinlich an der Bahnlinie Brcko-Banovici) und erlangte dadurch eine vorübergehende Normalität zu leben für sich und ihre Eltern. Andererseits erachtete ein Teil der Bevölkerung Šibeniks die Verbrechen, die vom Ustascha-Regime und speziell von meinem Onkel begangen worden waren, nicht als so schlimm, weil sie aus tiefster Seele Serben, Juden und Zigeuner hassten und auch die neue Partisanenregierung und die Kommunisten verachteten.

Meine Mutter, eine kleine, rundliche Frau, wurde wie alle aus Šibenik stammenden Frauen mit dem Wunsch geboren – wenn man sie schon nicht sehr gut sehen kann –, zumindest hörbar zu sein und so aufzufallen. Die offene, blutige Ustascha-Wunde sowie detaillierte Informationen über die zahlreichen Verbrechen ihres Bruders, hinterließen eine tiefe Wirkung auf ihr gesamtes zukünftiges Leben, auf ihre Psyche und ihre menschliche Integrität, leider so direkt auch für ihre zukünftige Familie. Als ehemalige fromme Katholikin war sie zutiefst davon überzeugt, dass sie und ihre unmittelbare Familie eines Tages wegen all dieser vom eigenen Bruder begangenen Grausamkeiten bestraft werden. Diese Angst ging schließlich in eine tiefe psychische Instabilität über, sodass sie die letzten dreißig Jahre ihres Lebens Unmengen von Sedativa zu sich nahm. Unter Einfluss dieser Medikamente war sie für Stunden und Tage praktisch unzurechnungsfähig und mit der Zeit veränderte sich ihr Charakter. Auf diese Art unterdrückte sie für sich persönlich in unbarmherziger, jedoch realistischer Art und Weise ihre stete psychische Unruhe, die sicher zumindest zum Teil auf das Konto ihres Bruders ging. Sie trat vom katholischen zum orthodoxen Glauben über, hat diesen aber weder vollständig akzeptiert noch praktiziert. Es war lediglich ein Akt des Gefallens für die Eltern ihres zukünftigen Ehemanns. Der selbstzerstörerische Missbrauch von Beruhigungsmitteln hatte einen sehr negativen Einfluss auf ihren Charakter, auf die Stimmung und unser Familienleben. All ihr Unbehagen und ihre berechtigte Angst wurden 1990 im Zuge des neuen kroatischen Nationalismus und beim Anblick uniformierter Ustaschas in Šibenik immer stärker. Meine Mutter wurde zunehmend unerträglich. Ihr Leben und das Leben ihres kleinen, noch verbleibenden Bekanntenkreises wandelten sich je länger, je mehr zum Schlechten, da eine geistig unausgeglichene und medikamentenabhängige Frau alle um sich herum terrorisierte. Die Krankenschwestern erinnern sich sicherlich noch an sie und an ihre Aufenthalte im Krankenhaus in Šibenik. Hätte sie Einsicht, Mut und vielleicht Unterstützung meines Vaters gehabt, einen Psychiater aufzusuchen, eine Psychoanalyse zu machen und so ihre akkumulierten Ängste, Traumata und Psychosen zu behandeln, wäre vielleicht nicht nur ihr Leben, sondern auch das Leben all derer, die täglich um sie waren, leichter gewesen. So waren alle, die um sie herum lebten, Opfer. Mein Vater konnte, wollte oder durfte in den Momenten nicht helfen, wenn sie Hilfe von Experten am meisten gebraucht hätte. Er war nur fügsam und ruhig, ertrug all ihre Launen.

In den ersten Jahren nach dem Krieg, als Tito und seine Partisanen begannen, ein neues Jugoslawien mit neuen Leuten und neuen Gewohnheiten zu schaffen, mussten die meisten jungen Leute ihre Wehrpflicht ableisten, die dann mindestens drei Jahre dauerte. Der Traum meines Vaters, der in Zentralserbien aufgewachsen war, bestand darin, ein Matrose zu werden und am adriatischen Meer zu leben. Dieser Traum wurde wahr und er war während seines vierjährigen Militärdienstes auf verschiedenen jugoslawischen Marineschiffen in verschiedenen Häfen rund um die Adria. So weilte er auch in Šibenik und dort lernte er meine Mutter kennen. Durch die Tatsache, einen Serben zu heiraten, sah diese einen Teil ihrer Erbschuld vor Gott und gegenüber den Menschen getilgt. Ein kleinerer Bekanntenkreis nahm diese Verbindung positiv auf, für die Mehrheit in Šibenik war diese Ehe jedoch Verrat an der kroatischen Sache.

Meine Großeltern vergaßen langsam die Schikanen, denen sie nach Kriegsende ausgesetzt waren, und hofften, dass sich Derartiges unter der neuen Regierung und den neuen Menschen, die nach Šibenik gezogen waren, nicht ewig dauern wird. Ein wenig Hilfe bekamen sie von einem Vetter, der nach dem Krieg als Sieger auf einem weißen Pferd in Šibenik einritt. Diese moralische Unterstützung trat erst nach dem Tod meines Großvaters in Kraft. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1983 im Alter von einundneunzig Jahren wurde meine Großmutter immer noch regelmäßig von Beamten der Stadt belästigt, meist von ehemaligen Partisanen, Orthodoxen und Katholiken gleichermaßen. Sie arbeitete fast bis zu ihrem Tod auf dem alten und neuen Bazar, handelte mit Obst und Gemüse, da sie weder ein regelmäßiges Einkommen noch eine Rente bezog. Sie musste für ihren Lebensunterhalt selber aufkommen. Meine Großmutter fand in Gott und in der katholischen Kirche ihren Frieden. Sie ging oft in die Kirche, aber ich kann nicht sagen, ob sie für uns betete oder einfach Gott um Vergebung für die schrecklichen Taten ihres Sohnes bat. Sie war Analphabetin, fleißig und klug und verbrachte gerne den ganzen Tag draußen auf dem Markt, verkaufte Früchte und Gemüse. Es behagte ihr nicht, in unserer Wohnung zu sein, wo sie ihr eigenes Zimmer hatte. Sorgfältig sorgte sie für sich, für ihre Ernährung und ihr Aussehen und war wie alle Armen geizig und nicht schenkfreudig. Nach dem Abwiegen konnte sie gut und gerne eine Tomate in der Hand verschwinden lassen, also stehlen.

Mein Vater wurde als viertes und jüngstes Kind geboren. Seine Mutter war mit ihren Eltern und zwei Schwestern einige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg aus Schlesien nach Serbien gezogen. Ihr Vater war ein echter deutscher Proletarier, der nichts als seine Arbeitskraft hatte. In den serbischen Minen des Ersten Jugoslawien wurden Arbeitskräfte gebraucht und der Verdienst als Bergmann war gut. Meine Großmutter hatte die Grundschule besucht, war recht gebildet, rauchte und trug regelmäßig eine Waffe bei sich. Während des Zweiten Weltkrieges betrieb sie im Dorf in der Nähe der serbischen Minen ein Café. Sie aber wollte keinen Kontakt mit den deutschen Besatzern. obwohl sie gut deutsch sprach. Obwohl nicht in Serbien geboren, fühlten sie und ihre Schwestern sich gleichwohl als echte serbische Frauen. Wütend hätte sie eines Abends fast meinen Großvater erschossen, weil er eine Menge Geld beim Kartenspiel verloren hatte. Sie schoss viermal, aber es gelang dem Angsthasen, sich geschickt hinter einem hölzernen Schreibtisch zu verstecken und so seinen Arsch zu retten. Danach kam es ihm nie mehr in den Sinn, um Geld zu spielen. Das heißt, meine Gene sind leider balkantypisch.

Dieser Großvater stammte ursprünglich aus Ruda, einem Ort nahe Montenegro. Sein Vater war orthodoxer Priester und lebte eine Zeitlang in Visegrád und Novi Sad. Mein Urgroßvater wurde mit einer serbischen Frau aus Zenica verheiratet und mit ihr hatte er vier Kinder. Wahrscheinlich konnte er lesen und schreiben, aber er war ein Mann, der weder sich selbst noch andere um sich herum mochte.

Ein Bruder meines Vaters war verheiratet und hatte eine Tochter. Er war ein Trinker und ein Spieler, schlug regelmäßig seine Frau, wie auch schon früher sein Vater seine Mutter. Er starb früh. Er war ein echter Balkaner, liebte die Arbeit nicht und war ein Tagträumer. Nach seinem Tod übersiedelten seine Frau und seine Tochter nach Kanada. Meine Cousine lebt heute in Kanada, ist verheiratet und hat einen Sohn. Mit ihnen habe ich keinen Kontakt.

Ein anderer Onkel wurde kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945/1946 bei einem Autounfall getötet. Den Krieg verbrachte er größtenteils in Kriegsgefangenschaft in Deutschland. Er hatte keine Familie, über ihn weiß ich nichts mehr.

Meine Tante war nie verheiratet. Im Alter von fünfundzwanzig, nach einem Firmenausflug nach Opatija, wurde sie schwanger und bekam einen unehelichen Sohn. Bis zum Tod des Erzeugers, eines Juden aus Sremska Mitrovica, hat sie niemandem erzählt, wer der Vater ihres Sohnes war, und niemand in der Familie wagte mit ihr über dieses Thema zu reden. Sie war verschlossen, nicht hübsch, ernst und hatte manche Angewohnheiten ihres Vaters übernommen. Sie tat viel Gutes in ihrem Leben, beherbergte Studenten und Studentinnen bei sich zu Hause, fütterte sie für wenig Geld durch und war total in Hollywood-Filme verliebt. Ihr Leben fand in einem Film statt, den Alltag konnte sie so besser bewältigen. Sie starb Ende 2013 mit siebenundachtzig Jahren. Meine Schwester und ich lebten jeweils vier Jahre bei unserer Tante in Novi Sad und wir absolvierten beide dort die Mittelschule.

Der Sohn meiner Tante beendete nur die Grundschule, er war ein seltsames Kind und noch seltsamer als Erwachsener. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Dieser ist von Beruf Elektriker, ist auch verheiratet und hat ebenfalls einen Sohn. Ihr Leben verläuft ohne große Wünsche, das Streben nach mehr Wissen oder Besitz ist ihnen fremd. Man sucht das kleinste gemeinsame Interesse und versucht dann, sich zu arrangieren. Sie sind die einzigen nahen Verwandten, die ich in Serbien kenne. In Kroatien habe ich außer meiner Schwester keine nahen Verwandten.

Soweit ich mich erinnern kann, verlief meine Kindheit in Armut und Besitzlosigkeit, obwohl mein Vater und meine Mutter regelmäßig arbeiteten. In den Jahren nach dem Bruch mit der Sowjetunion bis 1966 war das Leben in Jugoslawien nicht einfach. Dieses junge Land suchte zu dieser Zeit neue Wege und die Politik der Blockfreiheit und Selbstverwaltung brachte am Anfang den Menschen nur Armut und Mangel. Ich erinnere mich gut, wie wir damals einmal im Monat, nachdem mein Vater seinen Lohn erhalten hatte, in den Laden gingen, um dort einen großen Korb mit notwendigen Lebensmitteln, Öl, Mehl, Zucker, Salz, Nudeln, Konserven, Reis und dergleichen einzukaufen. Dazu manchmal etwas Fleisch und Gemüse. Damit hatten wir einen Monat zu leben. Gemüse brachte uns meistens unsere Großmutter nach Hause, Überreste, die sie auf dem Markt nicht verkaufen konnte. Da wir kein besseres Leben kannten, Fernsehen gab es noch keines, waren wir Kinder meist zufrieden. Mein Vater bekam von seiner Firma eine neue Wohnung zum Gebrauch. Dort wurde ich geboren. In unserer Nachbarschaft wohnte eine ehemalige Partisanin, die gnadenlos meine Mutter und Großmutter wegen der Verbrechen meines Ustascha-Onkels angriff. Wegen dieser täglichen Schikanen und weil meine Mutter und meine Großmutter näher bei ihren Arbeitsplätzen wohnen wollten, beschlossen meine Eltern, in den Stadtteil Gorica in der Altstadt zu ziehen. Auch war es der Wunsch meiner Mutter, näher bei ihren Freundinnen zu sein, die ebenfalls in der Altstadt lebten.

Hier im alten Teil von Šibenik hatte meine Mutter Leute um sich, die sie kannte. Fortan lebten sie und ihre Mutter etwas ruhiger. Meine Großmutter wurde nur noch auf dem Markt belästigt. In der Altstadt wohnten meist Katholiken, und meine Schwester, mein Bruder und ich als orthodoxe Christen, die zwar in der orthodoxen Kirche getauft worden waren, aber nie am kirchlichen Leben teilgenommen hatten, waren in der Minderheit. Schon als Kind fühlte ich dieses Misstrauen, durchzogen von Bosheit und Neid gegenüber Anderen d. h. Besseren. Der Stadtteil Dolac war eine Hochburg der kroatischen Nationalisten, obwohl man ihren Familiennamen nach schließen konnte, dass sie in früheren Zeiten ebenfalls orthodox gewesen waren, aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gezogen waren und dort blieben. Später konvertierten sie meist und waren gezwungen, täglich ihre Treue zur katholischen Kirche zu beweisen. Ein Großteil der Vorfahren dieser armen und meist hungrigen und verängstigten Menschen kam wahrscheinlich im Mittelalter nach einem Ausbruch der Pest in die Stadt. Damals hatte die Pest in den meisten Städten am Mittelmeer mehr als drei Viertel der Bevölkerung ausgelöscht. Somit zogen diese glücklichen Neuankömmlinge auf fremden Grund und Boden, bekamen fremde Häuser, einen fremden Glauben, übernahmen praktisch fremde Leben. Die Tatsache, dass sie vorher mittellos gewesen waren, ihre neue Existenz sehr wahrscheinlich einem Geschenk der Kirche zu verdanken hatten, rief möglicherweise eine große unbewusste Angst vor dem Verlust ihres neuen Besitzes hervor, der praktisch geschenkt war. Seit Generationen übertrug sich diese Angst vor der Kirche und dem Unbekannten und ist bis heute geblieben. Schließlich entwickelte sie sich zu Hass auf alles Neue und Unbekannte. Die reale Möglichkeit, dass sie über Nacht alles, was sie besitzen, wieder an neue Zuwanderer verlieren könnten, gab ihnen keine Ruhe mehr. Diese imaginäre existentielle Angst herrscht noch heute unter den Nachkommen der Bewohner der Altstadt von Šibenik und nährt tiefen Hass und Misstrauen gegenüber allen neuen Bürgern. Willkommen sind nur jene, die sich zum katholischen Glauben bekennen. Ihre Hingabe zur katholischen Kirche und zum Vatikan und damit die Frage der ethnischen Zugehörigkeit sind eine Folge dieser Angst vor Verlust und der erwarteten göttlichen Strafe, weil ihre Vorfahren plötzlich ihren alten orthodoxen Glauben aufgegeben hatten. Diese Angst erklärt den Hass gegen diejenigen, die trotz allem ihren alten Glauben behalten haben. Dieser Hass wurde von Generation zu Generation weitergegeben und wurde schließlich größer und intensiver. Zugleich dürfen wir nicht vergessen, dass diese Konvertiten weder die Stadt regierten noch gefragt wurden, was sie wollen. Sie waren nur Kanonenfutter. Nur so kann man die blutrünstigen Auswüchse meines Onkels und seiner zahlreichen Ustascha-Kriminellen verstehen, die alle aus diesem kroatischen, katholischen Korpus hervorgingen. Unter ihnen waren auch Mönche. Auf dem Balkan stellt man den unerschütterlichen Glauben aller Konvertiten fest, seien es Katholiken oder Muslime, die meistens von der serbischen Seite kamen. Viele der damaligen orthodoxen Serben flohen vor den Türken und ein Teil von ihnen sah als Ausweg für sich und seine Familie nur den Wechsel des Glaubens, um in die Allgemeinheit absorbiert zu werden. Diese Hartnäckigkeit und Bereitschaft der Konvertiten, sich und andere wegen einer neu angenommenen Religion zu zerstören, nenne ich religiösen Talibanismus, unabhängig davon, ob es sich um Nichtgläubige, Muslime, katholische oder orthodoxe Konvertiten auf dem Balkan handelt. In Dalmatien hat jedermann in seinem Leben mindestens dreimal seinen Glauben gewechselt.

Als ich sechs Jahre alt war, übersiedelten meine Eltern, meine Geschwister, ich und meine Großmutter in den Stadtteil Gorica. An die Besitzerin des Hauses, eine alte Dame, erinnere ich mich nicht mehr. Sie muss kurz nach unserem Umzug gestorben sein. Das Haus bestand aus drei Etagen, einem Keller, einem ersten Stock, wo die damalige Besitzerin gewohnt hatte, und aus einer zweiten Etage mit Dachboden. Diese Wohnung im zweiten Stock und das Dachgeschoss konnten wir mieten. An wen die Miete bezahlt wurde, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich an die alte Dame. Damals wurden alleinstehende Personen, die größere Häuser besaßen, von der Partisanenregierung aufgefordert, leerstehenden Wohnraum an bedürftige Familien zu vermieten. Die Dame war allein, hatte zu viel Platz und war praktisch gezwungen, einen Teil ihres Hauses zu vermieten. Die Wohnung hatte drei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine kleine Küche, die in einem Übergang wie auf einer Brücke zwischen zwei Häusern direkt über der Straße gebaut war, unter der jeden Tag Menschen hindurchgingen. Diese Küche war im Winter der einzige beheizte Raum unserer Wohnung, weil sich dort ein Holzofen befand. Die Küche war klein, schnell aufgeheizt und dort war es im Winter für uns angenehm warm. Später wurde diese Küche in ein Bad umgebaut. In den ersten Jahren hatten wir überhaupt kein Badezimmer in der Wohnung. Die Toilette befand sich oben auf dem Dachboden. Ich glaube, die Toilettenschüssel war früher nie geputzt worden. Meine Mutter schaffte es nie, diese grau-schwarze Schüssel sauber zu kriegen. Im Sommer war es auf dem Dachboden zu heiß und im Winter zu kalt.

In einem Zimmer schliefen meine Großmutter und meine Schwester, im zweiten Zimmer meine Eltern und im dritten mein Bruder und ich. Aus dieser Wohnung ging ich in den Kindergarten und später in die Schule. Ich erinnere mich, dass meine Mutter meinen Bruder und mich mit einer Schnur an einem Bettbein wie kleine Hündchen angebunden hatte, damit wir keine Dummheiten begehen konnten, während sie zum Kaffeetrinken zu ihren Freundinnen ging. Wie wenig sorgfältig und unaufmerksam sich meine Eltern und später ebenso die Kindergärtnerin um mich kümmerten, zeigte die Tatsache, dass man erst in der ersten Klasse der Grundschule bemerkte, dass ich stark kurzsichtig war. Ich glaube, die erste Diagnose lautete -7 Dioptrie. Diese extreme Kurzsichtigkeit hat mich natürlich während des ganzen Lebens begleitet, aber in den ersten Jahren meiner Kindheit und auch später war sie für mich eher ein großer Anstoß und kein großer Nachteil. In der Folge musste ich für mein künftiges Leben selbständig wichtige Entscheidungen treffen, was mit meiner Kurzsichtigkeit machbar war oder nicht. Ich musste dieses Handicap verstecken oder überspielen. Vor jeder wichtigen Entscheidung in meinem Leben musste ich abwägen, wie stark mich meine Kurzsichtigkeit behindern würde Trotzdem las ich viel. Mit etwa elf Jahren verbrachte ich einen halben Sommermonat im Krankenhaus. Ich erhielt Injektionen direkt in die Augen. Gemäß meinem Augenarzt war das nötig, um die schnell fortschreitende Kurzsichtigkeit aufzuhalten. Wer weiß, vielleicht haben gerade diese Injektionen dazu beigetragen, dass ich trotz meiner eingeschränkten Sehkraft ohne größere Probleme die höheren Schulen und das Studium an der Universität erfolgreich abschließen konnte. Ernsthafte Probleme mit meinen Augen bekam ich, was zu erwarten war, erst zwei Jahre nachdem ich das Studium abgeschlossen und begonnen hatte zu arbeiten.

Unwissentlich trat ich in der Altstadt von Šibenik in ein Wespennest. Natürlich erkannte ich das erst viel später. Die anderen Kinder, die um mich herum aufwuchsen, waren überwiegend Katholiken, Kroaten mit Abneigung gegen alles, was serbisch war. Zuhause verboten Väter ihren Jungen und Mädchen sich mit Orthodoxen anzufreunden.

Die Kinder, mit denen ich spielte, waren dann auf dem Platz in zwei Kategorien unterteilt: eine Gruppe, die erst seit kurzem in Šibenik lebte und die niemand mochte, obwohl sich ihre Eltern über die Religion definierten. Diese wurden später zu Delinquenten, weil das der einzige Weg war, um in diesem Zoo zu überleben. Eine andere Gruppe von Kindern bestand zum größten Teil aus Nachkommen von Familien, die bereits seit mehreren Generationen hier ansässig waren. Ihr Blut war mit orthodoxem Blut vermischt, denn vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es recht viele Mischehen. So war und ist auch heute noch Šibenik die Stadt an der Adria mit den meisten Konvertiten, Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hier schon eine serbische Grundschule. Mit den Nachkommen dieser Einheimischen spielte ich hauptsächlich. Da ich belesen war, erzählte ich ihnen oft Geschichten, die mir in Erinnerung geblieben waren. Manchmal erfand ich auch Geschichten, die gerade meiner Phantasie entsprungen waren. So hatte ich einen Haufen junger Zuhörer, wenn wir zu später Stunde im Herbst in einem engen Pferdewagen kauerten, um einander warm zu halten. Diese frühen Kameraden sind ein Lichtblick in meiner Kindheit, mit den meisten habe ich heute noch guten Kontakt.

Zu der Tatsache, dass ich viel mehr Bücher verschlungen hatte und eine Handbreite intelligenter als andere war, kam der wichtige Vorteil hinzu, dass ich für mein Alter gut entwickelt, größer und stärker als andere Jungen im gleichen Alter war. Es ist interessant, dass keine Mädchen um uns herum waren. Sie spielten getrennt von uns und verbrachten wenig Zeit auf der Straße. Unsere Spielplätze waren die Straßen der Vorstadt und speziell ein Hügel oberhalb der Stadt, wo sich die Festung Sveti Mihovil befindet. Wir nannten diese Burgruine Sveta Ana. Wir waren einige der letzten Glücklichen, die sich in dieser Festung tummeln durften, wann wir Lust hatten, denn wir hatten noch freien Zutritt. Auch der Friedhof von Sveta Ana, der in der Nähe lag, war unser Spielplatz. Wir spielten immer Soldaten im Kampf, Krieg und Streit, wir kämpften mit Holzschwertern, manchmal mit Steinen. Unter uns waren das in der Regel harmlose Kriegsspiele, aber falls Jungen aus anderen Stadtquartieren dabei waren, entwickelten sich die Kampfspiele zu echten Schlachten und es gab schon mal blutige Köpfe. An schwere Verletzungen kann ich mich jedoch glücklicherweise nicht erinnern, immerhin waren wir noch Kinder zwischen neun und vierzehn Jahren.