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Ein ehrlicher Erfahrungsbericht mit psychologischem Tiefgang und praktischen Hilfestellungen für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Ich spreche in meinem Buch offen über meine Erfahrungen mit Depression, PTBS, Autoaggression und einer dissoziativen Identitätsstruktur. Nicht als Fachmann, sondern als Mensch, der über 27 Jahre selbst betroffen war. Dieses Buch ist meine Geschichte. Es ist ehrlich, schonungslos und voller Tiefe. Aber es ist auch mehr: Ein Wegweiser. Ein Mutmacher. Ein Anker.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Meine Geschichte und Ziel dieses Buches
Part 1: Mein Leben und der Schmerz
1. Die ersten Symptome
2. Der innere Kampf
3. Die Frage nach der Hilfe
Part 2: Der Weg zur ersten Hilfe – Ein langer Prozess
1. Erste Anzeichen der Notwendigkeit – Eine leise Erkenntnis
2. Die erste Begegnung mit der Hilfe – Ein zaghaftes Öffnen
3. Die erste Unterstützung
4. Der Auszug – Der Wendepunkt
5. Der erste Klinikaufenthalt
6. Der erste Schritt in die Ehrlichkeit
7. Der Beginn eines neuen Weges
8. Ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit
Part 3: Ein neuer Lebensabschnitt & Der Rückfall
1. Veränderungen
2. Der Kampf beginnt
3. Der schmerzhafte Weg in ein neues Leben
Der angekettete Elefant
4. Der Weg zur Akzeptanz
Part 4: Empfindungen
Depression
Panikattacken
Autoaggression:
Das „zweite Ich“
Dissoziative Identitätsstruktur – Die Aufspaltung des Selbst
Part 5: Welche Formen von Hilfe gibt es?
Akzeptanz und Selbstverstehen
Umgang mit der Angst vor Veränderung
Therapiemethoden und ihre Wirksamkeit
Alltagsstrategien für Betroffene
Unterstützung durch das Umfeld
Medikamente und ihr Nutzen
Langfristige Stabilisierung und Prävention
Part 6: Anker-Strategien und Ratgeber
Part 7: Seelenanker – Worte, die bleiben dürfen
Glossar
Mein Name ist Alexander Unger. Ich bin 44 Jahre alt, Vater von zwei wundervollen Töchtern und lebe mit meiner Lebensgefährtin und unseren Kindern in Berlin.
Was ich dir in diesem Buch erzählen möchte, ist keine Theorie – es ist meine Geschichte. Es ist die Geschichte eines langen, dunklen Weges durch Depression, Autoaggression, PTBS und DIS. Und es ist eine Geschichte über Hoffnung, über Heilung, und über die Kraft, sich selbst wiederzufinden.
Ich bin kein Experte im klassischen Sinn – kein Arzt, kein Therapeut.
Aber ich bin ein Mensch, der über 27 Jahre lang mit diesen Krankheiten gelebt, gekämpft und überlebt hat. Und der heute sagen kann: Der Weg hinaus ist möglich.
Was ich erlebt habe, hat mir vieles genommen – aber auch einiges geschenkt. Und genau diese Erfahrungen möchte ich mit dir teilen.
Vielleicht findest du dich in manchen Gedanken wieder. Vielleicht helfen dir einige meiner Erkenntnisse, dich selbst besser zu verstehen oder neue Wege zu sehen.
Meine Reise begann nicht mit einem lauten Knall, sondern schleichend – mit Gefühlen, die ich nicht einordnen konnte. Mit Gedanken, die sich wiederholten. Mit Ängsten, die immer lauter wurden.
Ich war gefangen in einem Strudel aus Dunkelheit, aus innerer Leere, aus Gedanken, die mich klein und wertlos machten. Ich verlor mich – Stück für Stück.
Irgendwann wurde alles so laut in mir, dass ich wusste: Es muss sich etwas ändern. Ich musste mich stellen – den Gefühlen, den Erinnerungen, dem Schmerz. Ich musste lernen zu verstehen, warum ich so fühlte, wie ich fühlte.
Und als ich begann, mich wirklich mit mir selbst auseinanderzusetzen, erkannte ich: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht schuld. Und ich bin nicht kaputt.
Von diesem Moment an begann mein Weg in Richtung Heilung.
Kein leichter Weg – aber ein echter.
Weil ich weiß, wie verdammt einsam es sich anfühlen kann, wenn man glaubt, niemand versteht, was in einem vorgeht.
Weil ich weiß, wie schmerzhaft es ist, zu funktionieren, obwohl man innerlich längst zerbrochen ist.
Und weil ich weiß, wie wichtig es ist, zu hören: Du bist nicht allein.
Und du bist nicht verloren.
Dieses Buch ist für dich.
Für alle, die gerade kämpfen. Für alle, die auf der Suche sind. Für alle, die spüren, dass da noch mehr sein muss als das, was der Schmerz einem einreden will.
Ich möchte dir Mut machen. Ich möchte dir zeigen, was mir geholfen hat – und was auch dir helfen könnte.
Nicht als perfekte Anleitung. Sondern als ehrliche, offene Hand, die dir sagt:
Du kannst es schaffen. Und es lohnt sich.
Danke, dass du meine Geschichte liest.
Dein Alex
Schon im Kindesalter, als ich etwa acht Jahre alt war, begann mein innerer Kampf. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Momente, als ich mit einem schlechten Gefühl zur Schule ging. Diese Unsicherheit und das schmerzhafte Ziehen in meiner Brust, das immer stärker wurde, wenn der Gedanke an die Schule aufkam. Die Quelle dieser Ängste war meine Klassenlehrerin. Ihr Umgang mit mir machte mir immer mehr Sorgen. Sie gab mir immer wieder zu verstehen, dass ich nichts wert bin. Die ständigen Demütigungen, die ich durch sie erlebte, und das Mobbing, das sie mir aussetzte, hinterließen tiefe Wunden. Es schien, als sei ich immer derjenige, der nichts richtig machen konnte – der, der nie gut genug war.
In meiner Kindheit habe ich all diese negativen Worte und Botschaften von der Lehrerin aufgesogen. Ich begann zu glauben, dass ich wirklich nichts wert war, dass ich nichts schaffen konnte. Diese schmerzhafte Vorstellung von mir selbst begleitete mich in den kommenden Jahren. Ich fühlte mich von der Welt entfremdet und suchte nach einem Weg, mit dieser inneren Unruhe und dem Schmerz umzugehen.
Die Antwort darauf war – Vermeidung. Ich begann zu schwänzen, um dem Schmerz und den Ängsten zu entkommen. Doch es war nicht nur das. Ich baute mir ein Schutzschild aus Lügen auf, ein Kartenhaus, bei dem jede Karte eine Lüge war, die ich mir selbst erzählte. Ich hatte gelernt, dass es besser war, nichts zu sagen, als meine wahre, verletzte Seite zu zeigen. Auf die Frage: 'Wie geht’s dir? Wie war die Schule?' antwortete ich stets mit 'Alles gut', obwohl ich innerlich zerbrach.
Diese Lügen, die ich mir selbst erzählte, dienten als Rüstung, um mich vor der Welt zu schützen. Aber sie ließen mich auch immer weiter in eine eigene, dunkle Welt abdriften. Eine Welt, in der ich mich selbst bestrafte. Ich begann schon im Kindesalter, mich selbst zu quälen – mir die Luft abzudrücken oder mich mit Gegenständen zu verletzen. Stellen, an denen niemand es sah. Ich dachte, ich müsse das tun, weil ich es nicht wert war, dass mir Gutes widerfährt. Wenn ich mal einen Moment des Glücks erlebte oder Lob erhielt, verspürte ich sofort den Drang, mich zu bestrafen. Ich war es nicht wert, gelobt zu werden. Ich war es nicht wert, glücklich zu sein.
Zu Beginn war ich noch zu jung, um meine Symptome wirklich einordnen zu können. Ich bemerkte nur, dass ich mich immer weiter von mir selbst entfernte und begann, immer tiefere Bestrafungen zu erfinden, um nicht in ein absolutes Loch zu fallen. Diese Bestrafungen, die ich mir auferlegte, wurden zu einer Art schmerzhaften Befriedigung. Anfangs wusste ich nicht, was mit mir los war, aber ich wusste, dass sie – diese Bestrafungen – notwendig waren. Ich fühlte, dass sie ein Teil von mir wurden. Ich konnte die Symptomatik nicht als negativ wahrnehmen. Im Gegenteil, ich brauchte sie. Sie waren das Einzige, was mich irgendwie in Schach hielt. Ich wusste, dass es nicht normal war, aber ich musste Wege finden, diese Geheimnisse zu wahren. Niemand durfte die Spuren erkennen.
Es war, als hätte ich zwei verschiedene Versionen von mir: Der „Alex“, der verletzlich, empathisch und sensibel war, und dann der „andere Alex“, der immer mehr die Oberhand gewann. Dieser „andere Alex“ versteckte den echten Alex, sperrte ihn buchstäblich weg. Der „andere Alex“ war stärker, robuster, ein Schutzschild, der sich durch die Welt bewegte und den wahren Schmerz und die Verletzlichkeit hinter einer Fassade verbarg. Dies war ein Kampf, der mich jahrelang begleitete. Der innere Kampf zwischen dem echten „Alex“ und dem „anderen Ich“ war wie ein ständiger Krieg, den ich täglich mit mir selbst führte. Über Jahre hinweg hatte der „andere Alex“ gewonnen.
In meiner Jugend hatte ich mich irgendwann mit dieser „falschen“ Identität abgefunden. Ich erfand mir eine neue Realität und akzeptierte sie als „normal“. Ich baute ein Netz aus Lügen, das mich von der Außenwelt abgrenzte und mich vor meinen Ängsten schützte.
Doch hinter dieser Fassade kämpfte ich ständig darum, mein Leben irgendwie aufrechtzuerhalten. Jedes Wort, das ich sprach, musste so gewählt werden, dass es der Lüge entsprach. Jede Geste, jede Handlung, alles musste Teil des Kartenhauses aus Lügen sein, das ich gebaut hatte. Ich musste immer auf der Hut sein, um nicht zu versagen und das Gerüst zum Einsturz zu bringen.
Inmitten all dieser Lügen und Täuschungen fühlte ich mich schwach, doch ich konnte diese Schwäche durch meine „Maske“ gut verbergen. In meiner eigenen Welt war ich „normal“, und das war alles, was ich zu wollen schien. Das Kartenhaus schützte mich, aber es ließ mich auch zunehmend von meiner eigenen Realität entfernen. Ich hatte mich so an dieses „erfundene“ Leben gewöhnt, dass ich begann, es zu glauben. Der Schmerz, den man mir zugefügt hatte, war weit entfernt und nicht mehr greifbar. Doch es gab bis zu einem bestimmten Moment niemanden, dem ich mich wirklich anvertrauen konnte. Es gab keinen Menschen, dem ich mich öffnen konnte, ohne Angst, dass er hinter meine Fassade blicken würde.
Und die, die versuchten, hinter diese Fassade zu schauen, die Menschen, die mein „Spiel“ durchschauten, hasste ich. Ich fürchtete sie, weil sie meine Kontrolle bedrohten. Deshalb mied ich sie, beschimpfte sie und baute Mauern um mich, damit sie mich niemals wirklich erreichen konnten. Das war meine Art, mich zu schützen.
Doch je mehr ich mich von der Außenwelt abschottete, desto weiter entfernte ich mich von dem, was ich eigentlich war.
Das Thema Schwäche beschäftigt mich, während ich diese Zeilen hier schreibe, doch mehr als ich erwartet hätte. In dieser Zeit habe ich mich tatsächlich immer als schwach empfunden, aber diese Schwäche konnte nur erkannt werden, wenn man hinter meine Fassade blickte. Doch diese Fassade war zu dieser Zeit so stark und fest, dass sie nur schwer zu durchbrechen war. Mein 'zweites Ich' hatte die vollständige Kontrolle übernommen und regelte alles, was ich tat. Es gab keinen Raum mehr für das 'echte Ich'. Das war das Leben, das ich gekannt habe, und es war zu diesem Zeitpunkt mein einziger Weg, um zu überleben.
Ich durfte und konnte mich niemandem anvertrauen. Diese Gedanken und Gefühle waren so tief in mir vergraben, dass ich sie beinahe nicht mehr wahrnahm. Die Bestrafungen, die Demütigungen, die ich mir selbst auferlegte – sie waren normal geworden. Sie waren ein Teil von mir, eine Art stiller Vertrag, den ich mit mir selbst abgeschlossen hatte. Es war kein Aufschrei mehr, sondern eine Art von innerer Logik, die sich zu dieser Zeit wie mein einziges Zuhause anfühlte.
