Gefahr ohne Schatten - Anika Limbach - E-Book

Gefahr ohne Schatten E-Book

Anika Limbach

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Beschreibung

"Ein sehr empfehlenswertes Buch, das tiefe Einblicke in die Machtstrukturen und Methoden der Machterhaltung im Energiesektor bietet, hochaktuell ist, nie langweilig wird und nebenbei das politisch-gesellschaftliche Bewusstein schärft.” Robin-Wood-Magazin Berlin, April 2011, einen Monat nach der Katastrophe von Fukushima: Der Energieexperte Sebastian, den Jan tags zuvor auf dem Tschernobyl-Kongress kennengelernt hat, wird von einem Auto überfahren. Er ist tot. Haben Jans Recherchen für sein Enthüllungsbuch über die Atomindustrie damit zu tun? Und sollte eigentlich er das Opfer sein? Jan flieht verstört von der Unfallstelle und trifft dabei zufällig auf die Dolmetscherin Rona. Auch ihr Leben droht durch Sebastians Tod aus den Fugen zu geraten. Gemeinsam suchen sie nach der Wahrheit und stoßen auf brisante Informationen. Sie geraten ins Fadenkreuz mächtiger Drahtzieher und selbst der Polizei können sie nicht trauen ... "Gefahr ohne Schatten" beruht auf gut recherchierten Fakten über die Atomindustrie, über Lobbyismus, die Beeinflussung von Medien und die Art, mit der versucht wird, die Energiewende gezielt auszubremsen. Die Autorin und Journalistin Anika Limbach verbindet diese Themen mit einer fiktiven Geschichte und erzählt darin von zwei Menschen, die zunehmend den Mut aufbringen, sich zu wehren. Einfühlsam und spannend zugleich.

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EPUB
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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Anika Limbach

Gefahr ohne Schatten

Roman

www.tredition.de

© 2014 Anika Limbach

Umschlag, : Annadel Hogen

Korrektorat: Gabriele Gaßmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

ISBN 978-3-8495-8115-2

Hardcover

ISBN 978-3-8495-8116-9

e-Book

ISBN 978-3-8495-8117-6

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

„Das Moratorium war nur der Anfang. Die Kanzlerin will die alten Meiler endgültig stilllegen.“

Die Stimme drang leicht verzögert an sein Ohr, so wie fast immer bei Gesprächen über Handy. Er hasste dieses Unperfekte einer Technik, die man kurioserweise als modern bezeichnete.

„Weiß sie denn, dass wir klagen werden?“

„Ich denke, sie nimmt es in Kauf. Außerdem…“ Der Anrufer zögerte.

„Außerdem was?“

„Ehrlich gesagt bezweifle ich, ob eine Klage so erfolgreich wäre. Sie wissen ja, die sicherheitstechnischen Fragen…“

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein.“

Der Anruf kam zur Unzeit. Raimund Zonowski befand sich gerade auf dem Höhepunkt eines kreativen Prozesses, für den es nur ein banales Wort gab, nämlich das Wort „kochen“. Er hatte noch nie verstanden, warum die deutsche Sprache den selben Begriff für so unterschiedliche Tätigkeiten bereit hielt wie dem bloßen Erhitzen von Dosenravioli einerseits und der komplexen Verwandlung von Naturalien zu geschmacklichen Kunstwerken andererseits. Dass er auf diese Art gekocht hatte, lag schon eine Weile zurück – die Firma raubte ihm einfach zu viel Zeit – doch er hatte es noch nicht verlernt. Und er liebte es. Das Geschenk an seine Tochter war gleichzeitig ein Geschenk an ihn selbst. Eine typische win-win-Situation. Denn er wusste ebenfalls, dass wertvoller Schmuck oder ein Luxusflug nach New York ihr nicht halb so viel Freude bereitet hätte wie die Einladung zu einem selbst kreierten 5-Gänge-Menu. Darin ähnelte sie ihrer Mutter, womit sie eindeutig zu den Frauen gehörte, die Zeit und Widmung höher bewerteten als entsprechende Geldbeträge.

Ursprünglich hatte sie ihren Freund mitbringen wollen, doch drei Tage zuvor den Plan wieder verworfen. Sie käme alleine, so kündigte sie an. Gründe hatte sie keine genannt, sie interessierten ihn auch nicht. Wichtig war nur, dass sein heimlicher Wunsch nun eintrat: Er würde diesen Abend ganz alleine mit ihr verbringen. Er würde sie verwöhnen und ihr zuhören, wenn sie von ihrer Prüfung erzählte – die sie mit Bravour bestanden hatte – oder von ihren Zukunftsplänen als frisch diplomierte Designerin, und sie würde sich dabei verstanden fühlen, weil er sie und ihre Leidenschaft für alles Stilvolle tatsächlich verstand, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Er platzierte die Rinderfiletstücke auf dem mit heißem Olivenöl bedeckten Pfannenboden. Das Fleisch durfte nur für wenige Minuten scharf angebraten werden. Warum er ausgerechnet in diesem Augenblick den Anruf entgegennahm, war ihm später ein Rätsel. Denn eigentlich konnte nichts so wichtig sein, als dass man es nicht für fünf Minuten hätte verschieben können. Dennoch, das Alarmsignal war zu stark, zu eindringlich. Wenn einer der besten Lobbyisten, der die Nähe zur Kanzlerin erfolgreich erklommen hatte, an einem Samstag Abend bei ihm, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Konzernvorstandes anrief, und zwar auf seinem privaten Handy, dann musste es dringend sein. Die Entschuldigungsfloskeln zu Beginn des Gesprächs hätte er sich allerdings sparen können, genauso wie seine Beteuerungen am Schluss. Er habe ihm nicht reinreden wollen, betonte der Lobbyist, über die rechtliche Situation hätten sicher andere Personen zu befinden, aber nach dem, was ihm zugetragen wurde, hielte er es für angebracht, die Firmenleitung auf diese Fallstricke hinzuweisen.

Das Telefonat dauerte etwa anderthalb Minuten zu lang. Raimund Zonowski riss die Pfanne von der Herdplatte, kippte die Filets auf einen Teller und stöhnte. Das Fleisch war kaum angebrannt und hatte sich trotzdem weit über den idealen Zustand hinaus verändert, es war zu trocken, zu verbraten. Er öffnete das Fenster bis zum Anschlag, um den Geruch des Stümperhaften schnell zu vertreiben. Zum Glück hatte er genügend Filetstücke in petto. Er griff nach dem im Kühlschrank verpackten rohen Fleisch, während ein Gedanke in seinem Kopf zu kreisen begann. Das Gourmet-Kochen erfordert manchmal Geduld und Sorgfalt, doch zuweilen auch Schnelligkeit und entschiedenes Handeln. Wenn versehentlich etwas anbrennt, muss sich der Koch sofort davon trennen, sonst geht der Geschmack oder auch nur der Geruch von Verbranntem auf die anderen Speisen über. In der Geschäftswelt ist dies nicht anders, dachte Zonowski. Die Folgen eines Fehlers müssen schnell ausgemerzt werden, nach diesem Motto hatte er immer gehandelt. In der Firma wurde er dafür geschätzt, obwohl er es nicht mochte, ständig die Rolle des Feuerwehrmanns zu übernehmen.

Doch es half nichts. Das Verbrannte, das Unschöne, das Störende hatte auf einem stilvollen Vorspeisenteller nichts zu suchen, genauso wenig wie in der kunstvollen Arithmetik geschäftlicher Beziehungen.

Dieses Mal, das wusste er, würde es nicht nur darum gehen, die Auswirkungen eines Fehlers operativ zu entfernen. Er musste den Kern des Übels treffen, so unerfreulich das auch sein mochte.

1. Kapitel

Jan hatte Sebastian erst am Tag zuvor kennen gelernt.

Beinah wäre auch diese Gelegenheit an ihm vorübergezogen, denn als er am Samstag Nachmittag in den überfüllten Seminarraum trat, um Sebastian Fehlings Vortrag zu hören, hätte er um ein Haar wieder Kehrt gemacht. Die Luft wirkte so abgestanden, dass sich die Gehirnströme der Anwesenden verlangsamten, noch bevor sie irgendein Wort zu Erneuerbaren Energien gehört hatten. Doch dann rief jemand aus dem Publikum, man solle alle Fenster für drei Minuten aufreißen. Dem folgte ein zustimmendes Gemurmel und einen Moment später drangen nicht nur Verkehrsgeräusche in den Raum, sondern allmählich auch einige Sauerstoffmoleküle.

Jan konnte dem roten Faden des Vortrags mühelos folgen. Die vielen Details, auch solche, von denen er bisher nichts wusste, wurden auf einprägsame Weise miteinander verbunden. Dass der Vortrag ihn derart in Bann zog, obwohl der Sauerstoff im Laufe von anderthalb Stunden wieder rar zu werden begann, lag jedoch am Redner selbst. Sebastian Fehling war offenbar ein Naturtalent. Dabei schien er nicht zu den narzisstischen Persönlichkeiten zu gehören, die ihr Talent nur entwickeln, um sich möglichst oft vor Publikum reden zu hören. Sein Engagement wirkte echt. Jan nahm sich vor, persönlich mit ihm zu sprechen, wohl wissend, dass dies mit einem unbequemen Prozedere verbunden war. Er würde nach Gelegenheiten Ausschau halten müssen – als einer unter vielen. Den Referenten während einer Pause in ein Gespräch verwickeln zu können, darauf waren wohl einige Leute erpicht. Aber dann fügte sich alles wie von selbst ineinander. Jan stellte sich an der Theke an, um seinem Kaffeedurst zu frönen, und bemerkte einen Augenblick später, dass Sebastian in der Schlange direkt hinter ihm stand.

Normalerweise entwickeln sich Freundschaften über einen längeren Zeitraum hinweg und nicht im Laufe von zwei halben Tagen inmitten eines Kongresses. Doch mehr mochte das Schicksal ihnen nicht zubilligen. Und im Nachhinein schien es so, als hätten sie dies schon vorher gewusst.

Die beiden Männer fanden schnell eine gemeinsame Sprache, trafen bei dem jeweils anderen auf einen ähnlichen Humor, und entdeckten, dass sie miteinander frotzeln, über alles Mögliche lachen und sich im nächsten Moment in ganz ernste Gespräche vertiefen konnten. Jan hätte vorher niemals gedacht, dass er jemandem, den er nur Stunden zuvor kennengelernt hatte, von Theresa erzählen würde. Aber so war es. Abends, am Tresen einer der Bars am Wittenberg Platz fing er plötzlich an, von dem Konflikt zu reden, in dessen Folge sich Theresa von ihm getrennt hatte. Nicht die ganze Geschichte breitete er aus. Er sprach nicht von dem Moment, als sie ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, auch nicht über ihre unpassende Art, es zu tun – zumal es niemals eine schmerzfreie Art geben wird, eine Beziehung zu beenden – nein, er war so ehrlich, über die Zeit zu reden, die dem vorangegangen war. Er hatte sich damals in die Recherchen zu einem Buch gestürzt, das er glaubte, unbedingt schreiben zu müssen. Er verkroch sich hinter dem Computerbildschirm, in Fachbüchern und hatte ein Zeit lang kaum an etwas anderes denken können. Seine Diplomarbeit vernachlässigte er, genauso wie alles, was zu seiner und Theresas gemeinsamen Welt gehörte, zu der Welt des Wattenmeers. Er war nicht mehr der leidenschaftliche Biologe und Vogelspezialist, den sie kennengelernt hatte, sondern jemand, der mit aller Wucht zu neuen Ufern aufbrach, wobei er vergaß, Rücksicht zu nehmen.

„Trotzdem, ich hatte das Gefühl, es tun zu müssen. Ein innerer Drang, verstehst du? So als wäre es etwas, das nur du erfüllen kannst und wenn du es nicht tust, dann bleibt da eine Lücke. Ich musste dieses Sachbuch schreiben. Wenn ich es ihr zuliebe aufgegeben hätte, wäre sie wahrscheinlich geblieben. Aber ich konnte es nicht. Ich habe mich entschieden – nicht mal bewusst, das Ganze ist mir erst später klar geworden. Trotzdem, ich habe sie dadurch verloren.“

Sebastian schwieg für einen Moment. Es war, als gebe er Jans Worten ihren Raum und ihre Zeit, sich niederzulassen wie Flocken in einer Flüssigkeit, die allmählich einem Bodensatz bilden.

„Bereust du es denn?“

Jan spürte wie ein tiefer Seufzer in ihm aufstieg und sich stoßartig Luft machte. „Ich weiß nicht…“ Er musste darüber nachdenken. Seltsamerweise hatte er sich die Frage bewusst noch nie gestellt.

Türgeräusche und aufbrandendes Stimmengewirr lenkten ihn ab. Eine Gruppe südländisch aussehender Touristen bevölkerte den Eingangsbereich, und Jan wusste auf einmal, warum das Lokal so charakterlos auf ihn wirkte: Es wurde nicht von Stammgästen geprägt, sondern vom ständig wechselnden Strom der Touristen. Der Kellner eilte herbei, es wurden Tische und Stühle zusammengerückt. Eine der Frauen – vermutlich eine Spanierin – schaute sich um, wobei sie ihre Aufmerksamkeit in den hinteren Bereich des Raumes lenkte. Ihr schweifender Blick blieb für zwei Sekunden an Jans Gesicht hängen, pendelte zu Sebastian und dann wieder zurück in den Dunstkreis ihrer Gruppe. Jan glaubte, leichte Neugier in ihren Augen erkannt zu haben. Was hatte sie wohl in ihnen gesehen? Nur das Äußerliche – zwei blonde Männer Mitte Dreißig, der eine etwas schmächtiger als der andere, aber vom Typ her ganz ähnlich? Waren sie für diese Frau typisch deutsche Männer, oder Freunde, vielleicht sogar Brüder oder tatsächlich zwei Menschen, die gerade begonnen haben, einander ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen?

Die Dinge sind so wie sie sind, dachte Jan und wusste im gleichen Moment die Antwort: „Nein, ich bereue es nicht.“

Sebastian wippte mit dem Kopf und grinste. Auch er hatte sich von etwas trennen müssen, damit seine Überzeugung nicht auf der Strecke blieb. Er hatte einen fürstlich bezahlten Job gegen eine Arbeit in der mittleren Gehaltsstufe eingetauscht und sich damit von einem Leben in Luxus verabschiedet. „Das ist natürlich nicht das Gleiche,“ fügte er hinzu. „Wenn Liebe im Spiel ist, so wie bei dir, trifft es einen besonders hart. Dagegen ist Geld oder der Verlust von Geld geradezu lächerlich. Trotzdem, du glaubst nicht, wie schnell du dich an einen bestimmten Lebensstil gewöhnen kannst. Es tut dann ein bisschen weh, wenn du darauf wieder verzichten musst. Das fängt bei der Wohnung an und hört damit auf, dass du wieder selber für Dich kochen musst. Früher, in Essen, hab ich direkt am Baldeneysee gewohnt, eine traumhafte Lage sag ich dir. In Bonn, also nach dem Jobwechsel, konnt’ ich mir nur eine Wohnung leisten, die im Vergleich dazu klein und dunkel ist. Aber auch daran gewöhnt man sich, das ist der Vorteil.“

Mit dem Tschernobyl-Kongress endete am Sonntag Nachmittag auch ihre gemeinsame Zeit. Gleich nach der Preisverleihung hatte Jan in der Lounge Sebastian abgefangen, sie hatten Telefonnummern und Email-Adressen ausgetauscht, waren gemeinsam die Treppe zum Foyer hinuntergeschlendert und an dem Verkauftsstand hängen geblieben, wo alle möglichen Artikel für Atomkraftgegner vom Aufkleber bis zum bedruckten T-Shirt auslagen. Einige Kongress-Teilnehmer hatten sich während des Wochenendes einen Sticker angeheftet oder ihre Tasche mit einem Aufkleber versehen, niemand jedoch hatte ein gelbes T-Shirt mit einer roten Anti-Atom-Sonne getragen. Das war ihnen aufgefallen.

„Es ist eben ein gediegenes Publikum,“ bemerkte Jan mit einem Augenzwinkern, „und kein Protestcamp.“ Sebastian hatte den Ball aufgegriffen, war mit viel Witz und Selbstironie über die diskussionsfreudigen Deutschen hergezogen, die ansonsten recht artig seien. Daraufhin hatte Jan mehrmals losprustet auf eine Art, die den Freund wiederum ansteckte.

Am Ende kam Sebastian auf die Idee eines speziellen Partnerlooks. Sie beide könnten doch den Anfang machen, sagte er mit halbem Grinsen. Sie könnten sich ein T-Shirt mit der Anti-Atom-Sonne kaufen, es überstreifen und so ihre Heimreise antreten, jeder in eine andere Richtung. Vielleicht meinte er es ernst, vielleicht auch nicht oder nur zur Hälfte. Es wäre jedenfalls ein nettes Gedankenspiel geblieben, wäre Jan nicht spontan darauf angesprungen.

„Ja, genauso machen wir es!“

Er sah mehr darin als eine alberne Aktion. Auf bestimmte Art glaubte er, wenn sie die gleichen T-Shirts trugen, auch ohne sich zu sehen, wenn sie also gemäß einer gemeinsamen Vereinbarung handelten und zwar über den Zeitpunkt des Abschieds hinaus, dann hätte ihre Freundschaft mehr Bestand.

Sie versprachen sich gegenseitig, ihr T-Shirt so lange nicht auszuziehen bis sie zuhause angekommen seien, und natürlich ahnten sie nicht, dass keiner von ihnen später in der Lage sein würde, dieses Versprechen auch einzuhalten.

Dann ging alles ganz schnell. Ein Blick auf die Uhr trieb Sebastian zur Eile. Er müsse sofort aufbrechen, sagte er bedauernd, sonst verpasse er seinen Zug. Er durchkreuzte das Foyer und verschwand durch den Haupteingang nach draußen, während Jan beschloss, noch ein wenig zu bleiben. Er hatte sich kaum drei Minuten lang einer Broschüre zugewandt, als der Sturm losbrach. Er, der Sturm, begann in umgekehrter Richtung wie im Rücklauf, es war, als habe eine Naturgewalt in Sekundenschnelle die gesamte Luft aufgesogen. Jan hörte, wie jemand scharf einatmete, gleichzeitig ertönten und verstummten zwei gedämpfte Schreie. Er sah geweitete Augen, nach draußen gerichtet, auf etwas, das in etwa dreißig Meter Entfernung passierte. Sich umdrehend bohrte er seinen Blick durch die Frontscheiben des Foyers bis hin zur Straße. Inzwischen hatte sich auf dem Vorplatz eine Traube von Menschen gebildet, weshalb Jan im ersten Moment nichts erkennen konnte. Dann aber sah er durch eine Lücke hindurch etwas Gelbes auf der Straße liegen und erinnerte sich erst in diesem Augenblick, dass er Sekunden zuvor ein lautes, durch die Scheiben dringendes Geräusch gehört hatte. Er versuchte es im Nachhinein zu identifizieren: Es musste ein aufheulender Motor und ein vorbei rasendes Auto gewesen sein. Ihm stockte der Atem, er konnte sich nicht mehr bewegen. Er ahnte sehr wohl, was geschehen war, doch sein Körper weigerte sich, es für wahr zu halten. Um ihn herum brach Hektik aus. Jemand mit einem Arztkoffer schlug sich eilig durch die am Eingang gedrängte Gruppe und rannte über den Vorplatz. Andere schossen an Jan vorbei die Treppe zum ersten Stock hinauf. Der Luftzug holte ihn aus seiner Erstarrung und riss ihn ebenfalls nach oben über die Treppenstufen. Dort, vor der Fensterfront der Lounge konnte er die Szene überblicken und sah all seine Befürchtungen bestätigt: Mitten auf dem Asphalt auf der Höhe der Fußgängerampel lag Sebastian. Sein Körper wirkte schlaff, leblos, wenn auch äußerlich unversehrt. Und während Jan die Gesten des Erste-Hilfe-Arztes zu deuten und abzuschätzen versuchte, ob Sebastian noch lebte oder nicht, spürte er plötzlich, dass ihn jemand von der Seite her anstarrte. Er wandte den Kopf und traf auf den maßlos irritierten Blick einer Frau mittleren Alters. Sie hatte nicht nur sein Gesicht in Augenschein genommen, sondern vor allem sein T-Shirt. Dieses Gelb, genau die gleiche Farbe wie die auf der Straße, das gleiche Emblem, die rote Anti-Atom-Sonne. Jan begriff mit einem Schlag: Diese Frau hatte im ersten Moment geglaubt, der Verunglückte stehe direkt vor ihr, oder zumindest sein Zwillingsbruder.

„Entschuldigung,“ murmelte sie und ließ von ihm ab. Statt ihr etwas zu erwidern, flüchtete Jan in den hinteren Gang jenseits der Theke, riss sich das T-Shirt vom Leib und stopfte es in seine Tasche. Er spürte die Gefahr im Nacken, noch bevor er sie logisch begründen konnte. Doch seine Gedanken holten auf, er kombinierte blitzschnell. Wenn seine Vermutung stimmte, dann war sein Freund soeben einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Die Mordwaffe bestand aus einem PS-starken Wagen, und der Täter musste Sebastian mindestens eine halbe Minute zuvor aus einer Entfernung identifiziert haben, die so groß war, dass man Gesichter nicht eindeutig zuordnen konnte, außer mit Hilfe eines Fernglases. Höchstwahrscheinlich hatte das T-Shirt als Merkmal gedient, das gleiche T-Shirt, das auch Jan zu dem Zeitpunkt trug. Hatte man Sebastian womöglich mit ihm verwechselt?

Er zog sich weiter zurück, tiefer in den Flur hinein, wobei ihn die Glastür zum hinteren Treppenhaus anlockte. Die Aprilsonne drang durch ein Oberlicht, sie strich die Kargheit der Wände und Stufen heraus, während sie Jan auf seinem Weg zur zweiten Etage in ein kurzes Wärmebad tauchte. Er bemerkte, dass er angefangen hatte zu frieren, trotz der angenehmen Temperatur. Er suchte nach Schutz, nach einem Versteck. Für eine Weile musste er unsichtbar sein – für die Menschen in der Lounge und im Foyer, für die Ärzte, die Polizei und insbesondere für die Täter, wenn sie womöglich bald erkannten, dass nicht er, sondern ein anderer auf der Straße lag. Der Flur mündete in einen Vorraum mit insgesamt vier Türen. Jan entschied sich für die am weitesten entfernte in der linken Ecke. Hinter ihr verbarg sich ein schmaler Nebengang, dessen Zielgerade zwischen Wänden mit Türen links und rechts auf ein Fenster hinführte. Jan spähte hinaus, wobei er wieder den Unglücksort erkannte, diesmal aus einem höheren, etwas schrägeren Winkel. Lange hielt er es nicht aus, Sebastian so zu sehen, seinen Freund, dessen Körper – in eine andere Position gerückt – immer noch schlaff wirkte. Die erste Hilfe hatte ihn nicht wieder zum Leben erwecken können. Jan wandte den Kopf schnell nach rechts und fand sich einer unscheinbaren Tür gegenüber, die letzte in diesem Gang. Er drückte die Klinke nach unten und war überrascht, als die Tür tatsächlich nachgab, ganz ohne Widerstand. Sie gewährte ihm den Zutritt in einen kleinen schmucklosen Raum, dessen Außenwand von einem Fenster durchbrochen war, dahinter lugte ein Waschbecken hervor. Jan lauschte, tastete das Zimmer sowie den Gang nochmals mit den Augen ab und konnte nichts Beunruhigendes entdecken. Nur die Stille, eine dumpfe und schwere Stille war präsent. Auf Jan wirkte sie heilsam. Er konnte, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ein wenig aufatmen. So schnell würde ihn hier niemand finden.

Er setzte sich auf einen der Stühle neben der Garderobenstange und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Die Situation kam ihm auf einmal völlig absurd vor. Vielleicht war er ja paranoid, vielleicht malte er sich gerade ein Gefahrenszenario aus, das in Wirklichkeit jeder Grundlage entbehrte. Andererseits durfte er bestimmte Hinweise nicht einfach ignorieren. Da gab es zum einen die anonyme, am Freitag Nachmittag versendete Email. Wenige Stunden später hatte er sie abgerufen, eher durch Zufall. Hätte sein Hotel in Berlin keinen freien Internetzugang angeboten, hätte er die Email erst zuhause nach Kongressende gelesen. Und dennoch: Was sie enthielt, war alarmierend: „Dies ist die letzte Warnung,“ hatte dort in breiten Lettern gestanden, mehr nicht. Am Freitag Abend hatte Jan beschlossen, die plumpe Botschaft genauso wenig ernst zu nehmen wie die vorhergehenden Drohungen per Email. Es wäre ihm nicht eingefallen, seine Pläne zu verwerfen, und er hatte auch nicht gezögert, am Samstag mit Klara Weingart zu reden. Bei ihr, einer Schlüsselfigur in der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, liefen einige Fäden zusammen, und sie hatte ihm versprochen, den Kontakt zu einer bestimmten Person zu vermitteln, einem Insider der Atomwirtschaft. Natürlich wusste Jan um die Brisanz der Informationen, nach denen er forschte, aber dass sie derart brisant waren, überraschte ihn. War er wirklich kurz davor, jemandem auf die Füße zu treten und zwar so sehr, dass man das Risiko eines Mordes einging? Er konnte es sich nicht vorstellen und durfte es dennoch nicht ausschließen, zumal ihn noch etwas anderes beunruhigte:

Nur wenige Minuten vor dem Anschlag hatte Sebastian das T-Shirt übergestreift, und zwar im Innern des Gebäudes an einer Stelle, die aufwärts der Straße in hundert Meter Entfernung gar nicht einzusehen war. Der Täter konnte also kaum alleine agiert haben. Selbst wenn er ein Fernglas benutzt hätte, wäre es für ihn äußerst schwierig gewesen, ohne Hilfe genau den Zeitpunkt abzupassen, an dem Sebastian das Gebäude verließ und dann die Straße überquerte. Es gab also einen Komplizen. Das konnte irgendeine Person im Umfeld des Kongresses sein. Sie gehörte vermutlich sogar zu den Teilnehmern. Jan bündelte seine mentalen Kräfte und versuchte, sich in die Rolle des Komplizen hineinzuversetzen. Dieser hatte sie, die beiden Männer am Verkaufsstand, beobachtet und zeitgleich mit dem Fahrer des Mordwagens telefoniert. Vermutlich hatte er sein Handy gut am Körper versteckt und es mit einem Knopf im Ohr und einem Mikro am Kragen verkabelt. Wo aber war sein Beobachtungsposten? Jan tastete das Foyer oder vielmehr die Erinnerung an das Foyer in Gedanken ab, solange, bis der Seiteneingang schräg gegenüber der Treppe seine Aufmerksamkeit gefangen nahm. Die Doppeltür aus Plexiglas bot eine ausreichende Sicht in den Innenraum für jemanden, der direkt dahinter außerhalb des Gebäudes stand. Dieser Nebeneingang wurde nicht oft benutzt, nur manchmal hatte sich während des Kongresses ein vereinzelter Raucher dort aufgehalten. Kein anderer Ort mochte dem Komplizen geeigneter erschienen sein als dieser unauffällige Winkel im Freien. Allerdings gab es einen Nachteil: Den Verkaufsstand konnte man von dort aus nur zur Hälfte überblicken. Wenn es tatsächlich so abgelaufen war, dann hatte der Beobachter zuerst nur Jan und später nur Sebastian sehen können, ein Umstand, der in jedem Fall zu einer Verwechslung hätte führen können.

Aber hatte dort wirklich jemand gestanden? Jan vermochte seinem Gedächtnis kein entsprechendes Bild zu entlocken, zumal er fast sicher war, dass er im Gespräch mit Sebastian gar nicht in diese Richtung geschaut hatte.

Seine Gedanken rasten und drohten ihn aufzusaugen. Er musste die Notbremse ziehen, zwang sich wieder in die Gegenwart hinein. Keine Grübeleien, so ermahnte er sich selbst. Ein lauter werdendes Geräusch drang an sein Ohr, er hätte es gar nicht überhören können. Es war die Sirene des sich nähernden Krankenwagens, und es holte ihn endgültig in die Realität zurück. Das Martinshorn erstarb, nicht jedoch das nervöse Blaulicht. Mit einem Gefühl der Beklemmung verfolgte Jan, wie zwei Sanitäter Sebastians Körper in professioneller Eile untersuchten. Sie rollten ihn behutsam auf ein Tuch, mit dem sie ihn – noch behutsamer – auf eine Trage hoben. Nur Sekunden später verschwand diese im Innern des Krankenwagens, hinter den sich schließenden Türen.

‘Hoffentlich überlebt er’, dachte Jan, wobei er der unsichtbaren Macht, die man Gott nannte, jedes Wort hätte einhämmern können. ‘Und hoffentlich trägt er keine bleibenden Schäden davon.’

Nein, die verstörenden Bilder dort unten trugen nicht dazu bei, dass er wieder Boden unter den Füßen spürte, ganz im Gegenteil.

Er nahm ein Pochen in seinen Schläfen wahr, ihm war heiß und kalt zugleich. Sich abschirmen und zurückziehen in die hintere Ecke, die am weitesten von Fenster und Tür entfernt lag – an nichts anderes war jetzt zu denken. Ein Sitzkissen vom Stuhl diente ihm als Unterlage, während er sich dorthin kauerte. In der Tasche fand er noch einen Sommerpullover für seine nackten Arme. Ihn durchlief ein fortwährendes Zittern, er versuchte, es mit den Händen zu glätten, indem er gleichmäßig und langsam über Gesicht, Arme und Beine strich. Endlich, nach einer Weile, verebbte der Aufruhr in seinem Körper. Jan schloss die Augen und sehnte einen Zustand tiefster Entspannung herbei. Ausharren, das war nun seine Aufgabe. Den Tag möglichst unbeschadet überstehen.

Wie lange er in dieser kauernden Haltung gesessen hatte, wusste er nicht. Für Sekunden musste er in einen Ohnmachtsschlaf gefallen sein, vielleicht auch für Minuten oder gar eine Stunde. Plötzlich war da ein Geräusch, es hörte sich an wie das Zuschnappen einer Schwingtür – die Tür zwischen Vorraum und Flur. Jemand steuerte womöglich auf dieses Zimmer zu. Jan sprang auf, ihm schwindelte, er musste sich an der Stuhllehne festhalten. Gleichzeitig vernahm er ein dumpfes Klocken, das Auftreten hochhackiger Schuhe auf dünnem Teppich. Wäre Jan seinem Impuls gefolgt, er hätte die Zimmertür mit aller Kraft zugehalten, wodurch die Frau, falls sie die Klinke hinunterdrückte, wahrscheinlich geglaubt hätte, es sei zugeschlossen. Aber er zögerte, es war zu spät – zu spät auch, um sich notdürftig hinter der Stuhlreihe zu verstecken. Es blieb ihm nichts anderes übrig als im toten Winkel der Tür stehend abzuwarten und zu hoffen. Schließlich, als offenbar wurde, dass die Frau keinen anderen Raum betreten würde als diesen, wusste er, dass sich eine Begegnung nicht vermeiden ließ. Er unterdrückte eine Welle von Panik und beschloss, präsent bleiben, Gelegenheiten wahrzunehmen. Er würde sich jedem einzelnen Augenblick stellen, jetzt und wieder jetzt und in allen folgenden Augenblicken, die zu einem Jetzt wurden….

2. Kapitel

Gerne hätte Rona im Foyer noch ein paar Worte mit Sebastian gewechselt. Aber dessen ganze Aufmerksamkeit gehörte dem Mann, der am Samstag Nachmittag wie aus dem Nichts aufgetaucht war, so zumindest erschien es ihr. Ab jenem Zeitpunkt hatte man die beiden fast ununterbrochen zusammen gesehen. Sie hatten sich offenbar viel zu erzählen so wie zwei alte Freunde, die einander aus den Augen verloren und nach Jahren zufällig wieder gefunden hatten. Auch jetzt, da sie am Verkaufsstand in gemeinsames Gelächter ausbrachen, schienen sie unzertrennlich zu sein. Hätte Rona ihre Frotzeleien unterbrochen, sie wäre von Sebastian als störend empfunden worden, und das wollte sie auf keinen Fall.

Sie war ein wenig missmutig, schob das Gefühl jedoch beiseite und trat ins Freie. Augenblicklich umfing sie die Wärme der Nachmittagsluft. Der Arbeitsstress lag nun hinter ihr. Sie hatte Feierabend, und nichts hätte ihn besser einläuten können als die sommerlich anmutende Aprilsonne. Rona war entschlossen, ihn, den Feierabend, in vollen Zügen zu genießen. Sie warf einen Blick nach rechts, nahm Natalie wahr, die mit ihrem Freund telefonierte, schlenderte einige Meter in Richtung der Fußgängerampel und hielt plötzlich inne. Ihr fiel ein, dass sie etwas vergessen hatte. Die CD von Patti Smith, ein Geschenk von Natalie, lag wahrscheinlich noch im Vorbereitungsraum. Rona ließ sich auf einer der freien Bänke nieder, durchwühlte ihre Tasche und sah ihre Vermutung schnell bestätigt. Sie hätte ihrem ersten Impuls folgen und sofort ins Gebäude zurückkehren können. Aber ihr Bedürfnis nach Ruhe, nach Entschleunigung, war stärker. Sie hatte alle Zeit der Welt, so dachte sie. Für eine Weile blieb sie noch sitzen, wobei sie zuließ, dass tröpfchenweise die Müdigkeit in sie eindrang. Gleichzeitig wurde ihr der eigentliche Grund bewusst, der sie noch auf der Bank festhielt: Sie mochte nicht darauf verzichten, sich von Sebastian zu verabschieden. Auf dem Weg zum Bahnhof würde er die Fußgängerampel, nur ein paar Meter von ihr entfernt, überqueren müssen. Er würde sie also nicht ignorieren können, und da Züge in der Regel nicht auf ihre Passagiere warten, konnte er den Zeitpunkt seines Aufbruchs auch nicht mehr lange hinausschieben. Sie bemerkte ihn dennoch nicht auf Anhieb, als er im Eilschritt das Gebäude verließ. Das gelbe T-Shirt störte das gewohnte Erscheinungsbild. Die Ärmel seines hellblauen Herrenhemdes lugten handbreit unter dem gelben Stoff hervor, wodurch er nicht mehr adrett oder seriös, sondern merkwürdig verkleidet wirkte.

Rona schoss im gleichen Moment in die Höhe, in dem Sebastian direkt auf sie zukam. Beinah wären sie zusammengestoßen. Sie lachten auf, Sebastian berührte Rona kurz am Ellbogen, während sie, um ihm zum Abschied die Hand zu schütteln, versehentlich über seinen Unterarm strich. Einen Augenblick lang waren sie voreinander so befangen wie selten zuvor.

„Ich muss mich leider sputen,“ sagte er leise. „Sonst hätten wir noch ein paar Takte reden können… Hast du den Kongress gut überstanden?“

„Ja, sicher. Hat sogar Spaß gemacht. Die Themen alle sehr interessant, sehr spannend… Und bei dir?“

Sie konnte nur in Bruchstücken antworten, denn viel mehr als das Gesagte erreichte sie, was zwischen den Zeilen mitschwang. Sebastian wirkte plötzlich verwundbar. Die innere Distanz, die ihn während des Kongresses fast arrogant oder zumindest abgeklärt hatte erscheinen lassen, war gänzlich verschwunden.

„Mir geht es gut,“ murmelte er, ohne es zu meinen. Die Worte fungierten eher als Platzhalter, während er seine Gedanken oder Gefühle zu sammeln versuchte, so wie man Papierblätter einsammelt, die von einen Windstoß in alle Richtungen verteilt worden sind. „…Lass uns telefonieren. Ich ruf dich in den nächsten Tagen mal an, okay?“

„Ja bitte, tu das… Komm gut nach hause.“

Das Letzte rief sie ihm hinterher. Er schickte ihr über die Schulter hinweg noch ein wehmütiges Lächeln und hob die Hand zum Abschied, kurz bevor er die Fußgängerampel erreichte. Rona wagte kaum zu glauben, was sie gerade wahrgenommen hatte. Empfand er für sie wirklich mehr als nur Sympathie? Eine Antwort gab es nicht, weder jetzt noch später.

Denn fast im gleichen Augenblick hörte Rona das Aufheulen eines Motors, und es war, als fiele plötzlich ein Schatten auf sie, ein böser, zupackender Schatten wie der einer Furie. Sie spürte die Wucht des heranrasenden Autos noch bevor sie es sah, dieses massige Schwarz mit den vier Ringen an der Schnauze, ein Audi. Der Wagen zog in beschleunigtem Tempo vom linken auf den mittleren Fahrstreifen. Zwei Fußgänger wichen instinktiv zurück auf den Bürgersteig, nur Sebastian nicht, er war schon zu weit in die Mitte der Straße gelaufen. Rona hätte ihm zurufen wollen, nein, sie hätte ihn mit ganzer Kraft und in Bruchteilen von Sekunden bis zum jenseitigen Bürgersteig stoßen wollen. Als gäbe es die räumliche Entfernung nicht, ja, für eine Millisekunde glaubte Rona, das müsse möglich sein – bis sie begriff, dass sie hier war und nicht dort. Sebastian realisierte, was auf ihn zukam, allerdings zu spät. Noch während er nach vorne zur anderen Seite stürzte, erfasste ihn das fahrende Geschoss in voller Geschwindigkeit, schlug ihm die Beine weg und warf ihn nach oben als wäre er bloß eine Puppe. Seine Tasche zog ihn im Flug halb in die Waagrechte, sein Kopf prallte auf die Oberkante der Windschutzscheibe, mit der linken Schläfe, worauf sein Körper erschlaffte und über die ganze Länge des rasenden Autos hinwegrollte. Er schlug hart auf dem Asphalt auf und sackte jäh zusammen.

Rona sank auf die Bank zurück und begann, heftig zu zittern. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie zwei Männer auf die Straße eilten, um den Verkehr aufzuhalten, während sich eine andere Person des leblosen Körpers annahm und erste Hilfe zu leisten versuchte. Jemand stürmte mit einem Arztkoffer aus der Urania, andere folgten, und ein Mann, den Rona beim Kongress als Moderator erlebt hatte, verständigte über Handy Rettungsdienst und Polizei. Sie dagegen blieb untätig, wie versteinert. Dabei hätte sie – vor allem sie – Sebastian beistehen sollen, doch ihr fehlte die Kraft, sich überhaupt vom Fleck zu bewegen.

Nach und nach trafen die ohrenbetäubenden Fahrzeuge mit den Blaulichtern ein, zuerst der Krankenwagen, später die Polizei. Die Sanitäter ließen ihn, Sebastian, im Innern des Wagens verschwinden, wobei offen blieb, wohin er verschwinden und ob er überhaupt zurückkehren würde. Irgendwann vernahm sie die Stimme eines Verkehrspolizisten, der seinem Kollegen etwas zuraunte: „Er ist eben auf der Fahrt ins Krankenhaus gestorben. Kein Wunder, er hatte nen Genickbruch.“

Ab diesem Zeitpunkt konnte Rona nur noch eines denken: Es war volle Absicht, es war Mord.

“Jemand hat ihn mit voller Absicht überfahren,“ sagte sie auch der Polizistin, die sie zuerst befragte. „Ein kaltblütiger Mord.“ Mehr war ihr in dem Augenblick nicht zu entlocken. All die Fragen über den genauen Unfallhergang, über das spezifische Modell oder das Kennzeichen des Fluchtautos konnte sie nicht beantworten. Statt dessen ergriff ein anderer Gedanke von ihr Besitz, einer, der so banal daher kam, dass Rona für einen Moment verstummte.

“Gut, wenn Sie sich ein wenig erholt haben, kommen Sie bitte zum Polizeipräsidium. Wir müssen Ihre Aussage noch zu Protokoll nehmen. Hier ist die Adresse und eine Wegbeschreibung.“ Mit diesen Worten reichte ihr die Polizistin ein Din-A-5-großes Blatt mit ein paar Zeilen und der Skizze einiger Straßenzüge. Rona nickte abwesend und faltete den Zettel bis auf die Größe einer

Streichholzschachtel zusammen.

“Wir haben hier auch eine psychologische Betreuung, da vorne am weißen Transporter,” fügte die Beamtin hinzu, wobei sie Rona eingehend musterte. “Ich würde Ihnen raten, das in Anspruch zu nehmen. Es passiert nicht selten, dass Zeugen traumatisiert werden.”

Rona schüttelte benommen den Kopf. “Ich muss noch etwas holen.”

Sie wusste, wie absurd es erscheinen musste, ausgerechnet jetzt im zweiten Stock der Urania nach der liegen gelassenen CD zu suchen. Aber es war etwas Konkretes, an dem sie sich festhalten konnte, und es lag im Bereich der Normalität. Auch zeitlich gesehen gehörte es in eine Welt, die noch nicht aus den Fugen geraten war.

Inzwischen hatte sich ihr Körper beruhigt. Der seltsame Zustand, diese Mischung aus Zittern und Bewegungslosigkeit war von ihr gewichen. Sie konnte der brüchigen Normalität in einer fast normalen Verfassung begegnen.

Die Tür des Raums, der ihr und den Kolleginnen tags zuvor als Ort des Rückzugs gedient hatte, war noch unverschlossen. Den Blick auf das Waschbecken und den Spiegel gerichtet entdeckte Rona die CD sofort. Sie lag in dem kleinen Hängeregal direkt neben ihrer Wimperntusche, die sie ebenfalls vergessen hatte. Als ihr Blick zufällig über den Spiegel glitt, stockte ihr Atem. Da war ein Männergesicht, das zu einer Gestalt gehörte. Rona wagte kaum, sich umzudrehen, doch der Impuls ihres Körpers war schneller. Sie brauchte einen weiteren Moment, um zu begreifen, was sie sah. Der Mann auf dem Stuhl neben der Garderobe war niemand anders als Sebastians Kumpel.

“Es tut mir Leid, ich habe nicht… ich wollte dich nicht erschrecken.“ Seine Stimme bebte leicht. Sebastian hatte sie einander nur einmal kurz vorgestellt. Davon abgesehen waren sie sich beim Kongress eher aus dem Weg gegangen.

„Schon gut, kein Problem. Ich bin eben etwas schreckhaft – im Moment jedenfalls.“ Das Letzte murmelte sie unbestimmt vor sich hin. Eine seltsame Pause entstand.

„Bist du nicht… Du bist doch Dolmetscherin, oder nicht?“

„Ja, richtig. Darf ich fragen, was du hier machst?“ Sie bemerkte im gleichen Moment, wie schroff dieser Satz klingen musste. Es war unnötig, ihr Gegenüber zu verunsichern. Ihm stand tiefe Sorge im Gesicht geschrieben – auch Angst. Irgendetwas musste mit ihm passiert sein. Es mochte mit dem Mord zusammenhängen und ging doch über einen Schock hinaus. Es war irgendwie anders.

„Bitte versteh mich nicht falsch,“ fügte sie schnell hinzu, „ich hab nichts dagegen, dass du dich hier aufhältst. Aber ich vermute, in der nächsten halben Stunde wird der Hausmeister die Zimmer hier abschließen.“

Er nickte stumm.

„Also dann…“ setzte Rona erneut an. Ihr wurde unbehaglich zumute. Sie beeilte sich, CD und Wimperntusche in der Tasche zu verstauen, während sie zügig auf die Tür zuging. „…dann wünsche ich dir noch einen guten Tag, obwohl… von diesem Tag kann man das wirklich nicht sagen.“

„Halt, warte mal! Hast du vorhin, ich meine… hast du es gesehen, diesen Unfall?“

„Es war ein Anschlag, kein Unfall,“ brach es aus ihr heraus.

„Das heißt also: ja. Weißt du, ob… Hat er es überlebt?“

Rona verspürte das jähe Bedürfnis, zu verstummen. Sie schüttelte nur den Kopf und hätte gleichzeitig losschreien können. Es überkam sie ein Welle unbeschreiblichen Schmerzes.

Sebastian war ihr entrissen worden, kaum dass er – sehr zaghaft – in ihr Leben getreten war. Was konnte überhaupt noch schlimmer sein?

3. Kapitel

Sie konnte unmöglich die Komplizin des Täters sein, für Jan gab es daran keinen Zweifel mehr. Es lag zu viel Schmerz in ihrem Blick, als dass sie selber zu dem Mord hätte beitragen können. Sebastians Tod ging ihr genauso nah wie ihm selbst.

Zu Anfang, als sie in den Raum trat, hatte Jan sie nicht erkannt. In ihrer Rolle als Dolmetscherin hatte sie eine hochgesteckte Frisur getragen. Nun, mit offenen Haaren, verdeckten ihre dunkelbraunen Locken die Hälfte ihres Profils. Erst als sie sich umdrehte, fiel Jan ein Bleigewicht von den Schultern. Es war ein bekanntes Gesicht, in das er schaute, dazu noch ein freundliches, recht hübsches Gesicht, das in dem Moment verstört wirkte. Er wunderte sich, dass sie, ihrem Spiegelbild so nah, es kaum beachtet hatte. Das war ihm aufgefallen, trotz seiner Anspannung. Andere Frauen hätten sicher ein paar eitle oder prüfende Blicke in den Spiegel geworfen. Sie aber nicht.

„Ich bin übrigens Jan. Bitte sag mir nochmal deinen Namen, ich hab ihn vergessen.“

„Rona. Seit meiner Kindheit werd’ ich so genannt. Es ist eine Kurzform von Veronika.“ Sie hatte diese Erklärung sicher schon unzählige Male abgespult. Jan hörte es an ihrem Tonfall.

Er sah keinen Grund, ihr zu misstrauen. Aber wie – so schoss es ihm durch den Kopf – wie sollte er verhindern, dass sie irgendjemandem unten im Foyer oder am Tatort von ihrer Begegnung erzählte? Wenn er sie bat, es nicht zu tun, weckte er womöglich noch ihr Misstrauen.

„Bitte entschuldige, ich muss jetzt wirklich gehen,“ kündigte sie an, wobei sie merkwürdig eintönig klang, beinah abwesend.

Es war höchste Zeit, dass er eingriff und sich eine Strategie überlegte.

„Noch eine Sekunde,“ bat er sie inständig und kramte, einer Eingebung folgend, das gelbe T-Shirt hervor. „Siehst du hier…,“ er zog es sich schnell über, „siehst du, Sebastian hat von Weitem ganz ähnlich ausgesehen, als er über die Straße ging, findest du nicht auch?“ Er musste sie vollständig ins Bild rücken, Jan sah keine andere Möglichkeit. Denn nur, wenn sie die entscheidenden Zusammenhänge und die Hintergründe begriff, würde sie auch begreifen, dass niemand dort unten ihn sehen oder von ihm wissen durfte.

Jan brauchte seine Theorie der Verwechslung nicht lange zu erläutern, sie schien Rona schnell einzuleuchten. Doch nachdem die Verwirrung aus ihrem Gesicht verschwunden war, zeichnete sich dort etwas anderes ab, das nichts Gutes verhieß. Es war ein Ausdruck leisen Entsetzens. Und plötzlich erfasste Jan die ganze Dimension dessen, was er angerichtet hatte. Wie hatte er nur übersehen können, dass sie Sebastian liebte? Sie waren kein Paar gewesen, und dennoch, Rona hatte ihn geliebt, und nun sah sie auch noch den Mann vor sich stehen, an dessen Stelle Sebastian gestorben war.

‘Glaub mir, auch für mich ist es schwer auszuhalten, dass man ihn verwechselt hat.’ Auf diese Art hätte Jan mit ihr sprechen können. ‘Er hätte nicht sterben dürfen, niemand von uns hätte sterben dürfen. Weder er, noch ich. Was geschehen ist, kann ich nicht ändern. Zu keinem Zeitpunkt hätte ich etwas ändern können, ich hatte nicht den Hauch einer Chance, in den Verlauf einzugreifen. Wie denn auch? Ich wusste es nicht. Sicher, du wirst dich fragen, warum du mir, ausgerechnet mir, helfen sollst. Aber ich kann dir sagen, warum. Sebastians Tod wäre noch viel sinnloser, wenn es den Tätern am Ende gelingen sollte, auch mich beiseite zu räumen.’

All dies hätte er Rona sagen können, doch ihm fehlte der Mut. Statt dessen redete er sich um Kopf und Kragen, erklärte ihr in aller Ausführlichkeit, warum er glaubte, der Komplize hielte sich völlig unerkannt immer noch im Umfeld der Urania auf, womöglich habe er die Polizei schon davon überzeugt, dass er nur ein harmloser Zeuge sei. Jan hoffte, sie würde dennoch verstehen, was er nicht aussprach.

Dabei wäre ihm beinah wieder entgangen, was in ihr vorging und vor allem, wie stark sie dagegen ankämpfte. Er merkte es in dem Moment, da sie schwankte und sich krümmte, bevor sie nach der Lehne eines Stuhles angelte. Im Sitzen versuchte sie, ihren aufgepeitschten Atem zu beruhigen, was ihr jedoch kaum gelang. Ihr entwichen Laute, die aus der Tiefe ihrer Seele zu kommen schienen, eine Mischung aus Stöhnen und Schluchzen.

„Es… es tut mir leid,“ stammelte er leise.

„Es geht gleich wieder,“ stieß sie flüsternd hervor.

„Brauchst du vielleicht frische Luft? Soll ich das Fenster öffnen?“

Sie schüttelte den Kopf, mit fest geschlossenen Augen.

‘Sie muss etwas trinken’, dachte Jan, während sein Blick am Waschbecken hängen blieb. Er griff in seine Tasche, holte den Becher seiner bereits leergetrunkenen Thermosflasche hervor, spülte ihn notdürftig und füllte ihn mit Leitungswasser.

„Hier, mit einem echten Erfrischungsgetränk kann ich leider nicht dienen. Aber der Becher ist sauber – soweit man das von ihm behaupten kann. Immerhin, er ist relativ neu. So viele Bakterien können sich da noch nicht abgelagert haben. Für das Berliner Wasser kann ich allerdings nicht die Hand ins Feuer legen, aber umbringen wird es dich nicht.“

Es war ein hilfloser und eigentlich unpassender Versuch, sie zum Lachen oder wenigstens zum Schmunzeln zu bringen. Ganz wirkungslos blieb er dennoch nicht, Rona bemühte sich tapfer, ebenfalls ironisch zu klingen. „Danke, sehr charmant.“

Sie schreckte auch nicht davor zurück, den Becher in drei Zügen leer zu trinken. Sie schien sich wieder im Griff zu haben, denn die seltsamen Laute waren verebbt und sie konnte sich erheben, ohne erneut ins Schwanken zu geraten. Rücklings gegen die Fensterbrüstung gelehnt begann sie schließlich, eine Art Bilanz zu ziehen. Jan bewunderte, mit welcher Klarheit sie das Wesentliche erfasste. Ihr Verstand schien dabei die Funktion eines Leuchtturms einzunehmen, ohne den sie ihren Gefühlstumult nicht halb so gut überstanden hätte.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, dann glaubst du, dass die Täter gerade nach dir suchen, weil sie eigentlich hinter dir her sind.“

„Ja, das halte ich jedenfalls für denkbar, sogar für wahrscheinlich.“

„Okay. Und was spricht dagegen, dass du einfach die Polizei informierst? Du müsstest nicht weit gehen, da unten laufen einige Polizisten herum.“

Jan seufzte. „Ich weiß, es klingt ein bisschen paranoid, aber ich gehe davon aus, dass mir die Polizisten erst mal nicht glauben würden. Selbst wenn sie es tun: Sie würden darauf bestehen, mich als Zeugen zu vernehmen. Damit wäre ich mit all meinen Daten registriert. Verstehst du, als offizieller Zeuge bin ich für die Killer wie auf einem Präsentierteller. Sogar vom Präsidium aus könnten sie mich einfach beschatten und dann zuschlagen.“

„Würdest du nicht Personenschutz bekommen?“

„Nein, vergiss es! Es muss schon viel passieren, bevor die Polizei zwei oder drei Beamte abstellt, um jemanden zu beschützen. Die Voraussetzung ist sowieso, dass sie mir glauben, und das ist wie gesagt reine Glücksache.“

„Und wenn wir besonders überzeugend sind?“ - Rona ließ einfach nicht locker. „Ich könnte zum Beispiel runter gehen und einen Beamten bitten, hier heraufzukommen. Dann ist es einfacher, ihm alles im Detail zu erläutern…“

„Nein!“ Jan schrie es geradezu. Die Vehemenz überraschte ihn selbst. „Entschuldige bitte, aber es ist nun mal so, dass ich der Polizei nicht traue – nicht uneingeschränkt. Ich möchte ihr nicht mein Leben anvertrauen.“

„Gut, ich hab verstanden.“ Ihre Stimme klang nüchtern und beschwichtigend zugleich. „Dann bleibt also nichts anderes übrig als schnell dafür zu sorgen, dass du unbemerkt aus dem Gebäude rauskommst.“

Jan atmete auf. „Ja, du hast es erfasst.“

Glücklicherweise kannte Rona das Gebäude recht gut. Alleine hätte sich Jan auf der Suche nach einer Hintertür in den Winkeln dieser verschrobenen Architektur verlaufen. Er wäre auch nicht auf die Idee gekommen, im großen Saal nahe der Bühne einen Ausgang zu vermuten. Aber genau dort befand sich eine Art Tapetentür, die nicht etwa zu den Toiletten führte, sondern nach draußen auf die hintere Kleiststraße Richtung Nollendorfplatz. Rona lotste Jan durch das Gebäude bis zu dieser Tür, immer darauf bedacht, niemanden über den Weg zu laufen und notfalls die Sicht auf Jan zu verdecken. Tatsächlich gähnte ihnen Leere entgegen, Ronas Vorsicht wäre kaum notwendig gewesen – auf Jan wirkte sie jedoch beruhigend. Er hatte sie nicht einmal darum gebeten, ihn zu begleiten, sie tat es wie selbstverständlich. „Ich bring dich bis zur U-Bahn-Haltestelle“, hatte sie gesagt, ohne viel Aufhebens. Selbstverständlich war das auf keinen Fall.

Auch im Freien, jenseits der Hintertür, die sich problemlos öffnen ließ, begegneten sie keiner Menschenseele. Nicht mal ein Ordnungshüter war zu sehen; alles konzentrierte sich auf den Vorplatz. Etwas Gespenstisches lag in der Luft. Jan begriff erst im zweiten Moment, dass es die ungewöhnliche Stille war oder vielmehr das Fehlen des üblichen Großstadtlärms. Die Polizei hatte nicht nur die Kreuzung vor der Urania für den Autoverkehr gesperrt, sondern auch die dorthin führenden Straßen. Während die beiden entlang der verwaisten, schnurgeraden Kleiststraße dem Nollendorfplatz entgegeneilten, saß ihnen jene Stille wie ein Lauern im Nacken. Es mochte Späher geben, auch hier. Sie beide, so dachte Jan, durften auf keinen Fall Blicke auf sich ziehen. Am besten, sie plauderten wie ein ganz normales Paar oder wie Freunde in Wochenendstimmung über belanglose Dinge, dann hatten sie eine Chance, unauffällig zu bleiben. Er zwang sich, in möglichst unbefangenem Tonfall irgendeinen harmlosen Gesprächsfaden aufzugreifen:

„Du bist also Dolmetscherin. Für welche Sprache? Für russisch?“

„Ja – und für französisch. Beim Kongress wurde aber russisch verlangt.“

„Ist das nicht unheimlich anstrengend? Ich meine, du musst doch sicher alles gleichzeitig tun: zuhören, verstehen, die Worte in eine andere Sprache übertragen und dann auch noch deutlich sprechen. Ist das nicht Wahnsinn?“

„Ja, das hast du schön zusammengefasst. Wir arbeiten deshalb auch im Zweierteam – jedenfalls bei Simultan-Geschichten. Die eine dolmetscht und die andere notiert Zahlen oder Eigennamen – immer abwechselnd im Takt von zwanzig Minuten.“

„Aha, interessant.“

„Gestern hat das allerdings nicht so richtig funktioniert.“

„Wieso? Was ist passiert?“

„Natalie, meine Partnerin für russisch-deutsch, war ziemlich unkonzentriert. Das passiert selten, eigentlich sind wir ein gutes Team. Aber abends musste ich für sie einspringen. Ich hab sozusagen ihre Staffel mitten im Rennen übernommen. Das war in der Tat sehr anstrengend.“

„Und? Sie ist hoffentlich angemessen zerknirscht und wird es wieder gutmachen.“

Rona lachte kurz auf. „Sie hat es schon wieder gutgemacht. Die CD von Patti Smith – ich hatte sie im Ruheraum vergessen…“

„Ah, ich verstehe, Natalie hat sie dir geschenkt. Weißt du, was verrückt daran ist? Wenn sie das nicht getan hätte, dann wärst du nicht in diesen Raum zurückgekommen und wir wären uns nicht begegnet.“

„Nein, wahrscheinlich nicht.“

„Dann muss ich wohl dankbar sein, dass sie so schlampig gedolmetscht hat. Siehst du, es gibt immer irgendjemanden, der einen Nutzen aus den Fehlern der anderen zieht.“

„Ja, so kann man es auch sehen.“

Rona warf einen Blick nach vorne zum Eingangsgebäude der U-Bahnstation, das nur noch einen Steinwurf von ihnen entfernt lag. Dann hob sie wieder zu reden an. Ihre Stimme klang mindestens zwei Töne tiefer und beinah unheilvoll.

„Jan, ich mochte… Es gibt noch eine Frage, die mir nicht aus dem Kopf geht.“

„Bitte, schieß los.“

„Was ich nicht ganz verstehe, ist, warum du so schnell auf diese Erklärung gestoßen bist. Ich meine, diese Verwechslung. Da wird dein Freund nur ein paar Meter entfernt von dir überfahren – was erst mal unbegreiflich ist – und du beziehst es schon auf dich. Warum? Selbst eure Ähnlichkeit durch das T-Shirt ist noch kein Hinweis darauf, dass sich der Täter geirrt hat – oder?“

Sie hatte also nicht aufgehört darüber nachzugrübeln, ob es wirklich ein Irrtum war, eine Verwechslung, die zu Sebastians Tod geführt hatte. Sie wollte Gewissheit, entweder in die eine oder die andere Richtung. Jan konnte es ihr nicht verdenken, zumal ihre Frage berechtigt war. Er hatte vergessen, ihr diesen Punkt zu erläutern. Und nun war er sich unschlüssig darüber, wie viel oder wie wenig Einblick er ihr gewähren sollte.

„Du hast Recht, für sich genommen ist es noch kein Hinweis, in Kombination mit der Vorgeschichte aber schon.“

„Welche Vorgeschichte?“

“Morddrohungen, die ich erhalten habe – in Form von anonymen Emails. Seit ein paar Monaten werden sie mir in regelmäßigen Abständen zugeschickt. Ich hab mich geweigert, sie ernst zu nehmen. Bisher ist auch nichts passiert. Außer heute. Es ist ein Alptraum.”

Rona schnappte nach Luft und fing sich wieder. „Waren die Drohungen verbunden mit irgendwelchen Forderungen?“

Sie verstand es in der Tat, die richtigen Fragen zu stellen.

„Ja, in gewisser Weise schon, aber… Das ist eine lange Geschichte, es würde zu lange dauern, dir alles im Detail zu erklären.“

Inzwischen hatten sie den Nollendorfplatz und die U-Bahnstation erreicht. Jan wagte einen fast beiläufigen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Doch es gab nichts, was seine Aufmerksamkeit erregte – keinen verdächtigen Fußgänger, keine rasche Bewegung oder das sonnenreflektierende Aufblitzen eines Gegenstandes.

Rona hakte nach. „Dann erzähl es eben nicht im Detail, sondern in groben Zügen. Was hat man von dir verlangt, was du tun oder lassen sollst?“

Jan bewegte sich auf die nach unten führende Treppe zu, machte kehrt und blieb ein wenig orientierungslos neben dem Fahrkartenautomaten stehen. Zu viel stürmte auf ihn ein, zu viel von dem Geschehenen, dem Präsenten und dem, was noch auf ihn zukommen würde. „Ich kann jetzt nicht… Verdammt!“

Jan durchbohrte den Automaten geradezu mit seinem Blick. Am liebsten hätte er auf das Gerät eingeschlagen.

„Was ist los?“

„Ich kann nicht sofort den Zug nach Hamburg nehmen, ich muss erst mein Gepäck im Hotel abholen, meinen Rucksack!“

„Ist das ein Problem?“

„Allerdings. Sobald die Killer meine Spur verloren haben, werden sie mir an genau zwei Orten auflauern: Am Polizeipräsidium und an meinem Hotel. Ich zumindest würde es so machen.“

Er versuchte sich zu beruhigen. Immerhin, so raunte ihm sein zweites, unbeschwerteres Ich zu: Du selbst bist der Falle entgangen, was willst du mehr? Gepäckstücke sind dagegen zweitrangig. Sie lassen sich zur Not auch verpacken und verschicken.

„Ich werde es für dich holen,“ hörte er Rona sagen, er traute seinen Ohren kaum.

„Das wäre… Bist du sicher?“

„Ja, ich mach das. Ich beschaff dir deinen Rucksack.“

„Du weißt, es ist nicht ungefährlich.“

„Für mich schon. Wer wird schon auf die Idee kommen, dass ausgerechnet eine Kongress-Dolmetscherin die Aufgabe eines Kuriers übernimmt?“

„Ja, da ist was Wahres dran.“

„Aber zuerst,“ so bestimmte sie, „zuerst bring ich dich zu mir nach Hause. In meiner Wohnung bist du vorerst am sichersten.“

Jan hätte ihr auf der Stelle um den Hals fallen können, so sehr durchströmte ihn pure Dankbarkeit. Er konnte es kaum fassen. An diesem Wochenende war Rona schon die zweite Person, die ihm innerhalb kürzester Zeit so großzügig begegnete wie nicht einmal langjährige Freunde aus seinem gewohnten Umfeld.

4. Kapitel

Sie musste verrückt sein. Es war, als schaue sich Rona selber dabei zu, wie sie einen Fremden in ihre Wohnung ließ. Aber seit der Katastrophe, seit Sebastians Tod, war ein inneres Chaos bei ihr ausgebrochen, nichts schien mehr an seinem Platz zu sein. Sie handelte nicht logisch, auch wenn es ihr zeitweise gelang, sich am Riemen zu reißen. Sie tat Dinge, die nicht zusammenpassten und die sie Stunden zuvor niemals in Erwägung gezogen hätte. Sie hatte mit erstaunlicher Klarheit und Souveränität einen Menschen aus einer möglichen Gefahrenzone herausgeführt, und zwar so, als wäre er ihr bester Freund. Dass er es nicht war, schien ihr innerer Kompass nicht wahrgenommen zu haben. Und dennoch, irgendetwas an der Situation entsprach dem, was man im höheren Sinne vielleicht als richtig bezeichnen würde. Ohne ihre Hilfe wäre Jan ziemlich ausgeliefert gewesen – sei es gegenüber den dubiosen Tätern oder seiner eigenen Verzweiflung. Der Schutzraum ihrer Wohnung wirkte offensichtlich befreiend auf ihn. Er verließ die Defensive und ging zu Taten, zu durchdachten, systematischen Handlungen über.

Rona schloss die Wohnungstür hinter sich, und das erste, wonach Jan sie fragte, war ihr Computer. Er wolle versuchen, die Identität des Komplizen herauszufinden, so erklärte er. Sie ließ ihm freie Hand, worauf er ihre Geräte am Schreibtisch sofort in Beschlag nahm. Er bat sie nicht um ein Glas Wasser, Kaffee oder etwas zu essen. Bei ihm galt der Ausnahmezustand. Internetzugang, Telefon und Faxgerät schienen für den Moment sein Überleben besser zu sichern als alles, was Durst und Hunger stillen konnte. Von der Küche aus hörte Rona ihn mit jemanden telefonieren, den er offenbar gut kannte. In aller Kürze umriss er seine Situation und fügte hinzu, er könne nicht alles im Detail erklären, es käme jetzt darauf an, dem Täter auf die Schliche zu kommen, und zwar so schnell wie möglich. Dann lenkte er das Gespräch auf etwas Bestimmtes, eine Liste, die er angeblich brauchte, unbedingt und sofort. “Ich verspreche dir, es wird niemand erfahren, woher ich diese Liste habe. Und niemand wird drauf kommen – wie denn auch? Es wird kaum jemand wissen, dass ich sie überhaupt besitze.” Als er schließlich Ronas Faxnummer diktierte, wusste sie, dass er die Person am anderen Ende der Leitung überzeugt hatte.

“Was ist das für eine Liste und was wirst du damit anstellen?” Sie fand, er war ihr diese Erklärung schuldig.

“Es ist die Anmeldeliste vom Tschernobyl-Kongress,” antwortete er und folgte ihr in die Küche. “Dieser Komplize hat darauf vielleicht seine Spuren hinterlassen. Wenn er klug war, hat er sich mit falschen Namen für den Kongress angemeldet. Es wäre eine perfekte Tarnung.”

“Schön und gut, aber ein falscher Name kann wohl kaum einen vernünftigen Hinweis geben, oder?”

“Vielleicht doch. Ich könnte zumindest herausfinden, ob meine These stimmt und welcher Name es ist, hinter dem sich der Komplize verbirgt. Es wäre ein wichtiger Anhaltspunkt.”

“Aber wie willst du das machen? Hast du vor, jeden einzelnen Namen und jede Person zu überprüfen?”

“Ja, wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen.” Er sagte dies mit einer Leichtigkeit, die sie erstaunte. Vor Sisyphos-Arbeit schreckte Jan offenbar nicht zurück, solange er hoffen konnte, dass es ihn irgendwie aus seiner Zwangslage befreien würde.