Gefahr und Gefährten - Friedhelm Erich Müller - E-Book

Gefahr und Gefährten E-Book

Friedhelm Erich Müller

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Beschreibung

Nyde, die Olumama Nljaweits stellt bei sich selbst fest, dass sie Zweikinder im Bauch trägt. Sie denkt an Teufelswerk und gerät in Zweifel und Gewissenskonflikte, ob sie nicht der 'Deshi' folgen sollte. Ihre heilenden Fähigkeiten kommen zum Einsatz, an denen sie erkennen will, wie sie mit den Zweikindern oder Zwillingen verfahren sollte. Die Geschehnisse um die verschwundenen Kinder Nine und Rino und die Folgen daraus sorgen nicht nur in Felsgrün für ordentlich Aufregung, sondern werden verhängnisvoll für ganz Frodeland. Oweto hat einen weiten Weg zurückzulegen, um zu bekommen, was er will und lernt gute Gefährten, aber auch ungute Gefahren kennen, die ihn um sein Leben bangen lassen. Für Monte und Arkas gestalten sich die Dinge verzwickter, was sie hinter ihrem kämpferischen Wesen nicht immer gut verstecken können.

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Seitenzahl: 921

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gefahr und Gefährten

Gefahr und Gefährten Karte der Welt um AndasKarte von AndasPrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigEpilogDer zweite Teil der Olumama-SagaImpressum

Gefahr und Gefährten

Eine Olumama-Saga (Teil 2)

Der zweite Teil einer erfundenen abenteuerliche Geschichte, zu der mich mehrere liebe Menschen inspirierten.

In besonderem Maße die »Ina«.

In einer unruhigen und anstrengenden Zeit eine willkommene Abwechslung, um aus dem schwierigen Alltag zu entfliehen.

Das Wichtigste: Diese Geschichte ist frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder gestorbenen Personen ist nicht beabsichtigt, sondern wären rein zufällig.

Mögen eventuelle Rechtschreibfehler, Editierfehler, Kommafehler oder meine Schwäche mit "das" und "dass" den Lesespass nicht trüben.

Auch die Karten sind selbst gezeichnet und haben daher einen unperfekten Charakter.

Karte der Welt um Andas 

Karte von Andas

Prolog

Teufelswerk.

Nyde war sicher, doch sie tastete lieber nochmals sanft, aber genau über ihren eigenen kaum erhabenen, festen und nackt daliegenden Bauch. Mit ihren geübten Fingern strich sie behutsam die Konturen ihres freigelegten Bauches ab, nachdem sie ihr Nachtgewand bis an den Hals hochgezogen hatte. Was sie erspürte, ließ sie erschaudern.

Teufelswerk, kein Zweifel.

Wie bei Imrun, Millwa und anderen Frauen in der von ihr verlassenen Heimat.

Selten dachte Nyde noch an Niljaweit, seitdem sie hier in Weissenstamm ankam und sich mittlerweile rundum wohl und glücklich fühlte. Schlagartig kam eine Angst in ihr hoch, die sie lange nicht mehr verspürte. Genau wie die Gedanken, ob die Deshi mit ihren Glaubenssätzen und Regeln, die der Religionsgründer Nome ersann, tatsächlich der Wahrheit entsprach. Es war einfach für Nyde, sich über die Bestimmungen der Deshi hinwegzusetzen, als sie Millwa und Imrun half, ihre Zweikinder zu gebären und zu retten. Jetzt bald selbst als Mutter 'Zwillinge' zu gebären, wie die Leute in Andas sprachen, und vielleicht selbst das verfluchte Kind eines Teufelswerkes in sich zu tragen, ließ sie erschrecken, erzittern und schneller atmen.

Der einstigen Olumama liefen bei den düsteren Bildern, die sie von getöteten Neugeborenen in ihrem Geist heraufbeschwor, Tränen aus den Augen die Wangen entlang und in den Mund. Sie verschluckte sich an ihren Tränen, hustete mehrmals lautstark und setzte sich auf.

»Na, meine Holde, ist alles in Ordnung?«

Eine raue Hand mit einem behaarten Handrücken fasste Nyde an die linke Wange. Bär, ihr Bettgefährte war aufgewacht und berührte sie sanft streichelnd in ihrem traurigen Gesicht. Er setzte sich im Dunkeln auf, nachdem er ihre feuchte Haut erspürte, rückte nahe zu ihr und nahm ihren leicht bebenden Körper in seine starken Arme.

»Du weinst ja, Nyde! Ist etwas Schlimmes mit dir? Oder habe ich etwas Falsches getan?« fragte Bär vorsichtig.

»Nein! Das hast du nicht, Liebster.« setzte ihm Nyde entgegen, obwohl ihr Liebster der Einzige sein konnte, der ihr die Zweikinder eingepflanzt haben mochte.

Im Moment war sie nicht glücklich, sondern eher sorgenvoll darüber, aber für ihre Schwangerschaft wollte sie ihren Liebsten weder verantwortlich machen noch ihm jetzt davon erzählen.

»Nein, es ist nur so, dass ich von meiner Heimat träumte. Deswegen bin ich traurig. Mache dir keine Sorgen um mich, es geht schon wieder.« erklärte die einstige Olumama, wischte ihre Tränen mit dem linken Unterarm aus ihrem Gesicht, schniefte kurz und streichelte Bär seine wilde Mähne am Kopf.

Dabei spürte sie gleichzeitig ein wohliges Gefühl und eine ablehnende Geisteshaltung ihrem Liebsten gegenüber. Ihre linke Hand, mit der sie Bär durchs Haar strich, zog sie schnell zurück, als ob sie sich ekelte. Sie hielt inne und dachte daran, dass diese beiden Gefühle von ihrem Inneren, also den beiden ungeborenen Kindern in ihrem Leib ausgingen. Was durchaus in Nydes Glauben an die Deshi vorkommen konnte. Jedenfalls bildete sich die junge, blonde und aus Niljaweit stammende Frau diese Grübeleien ein und verankerte sie augenblicklich in ihrem Raum zwischen den Schädelknochen. Ihrem Hirn.

»Nyde? Was ist denn? Willst du über deinen Traum mit mir sprechen?« schlug der starke, jedoch feinfühlige Mann vor, der sich mit der Olumama das Bett in ihrer Höhle teilte.

Die Dunkelheit der Nacht ließ Bär nicht erkennen, wie sich Nydes Gesichtsausdruck und Körpersprache darstellten.

»Nein! Es ist wieder in Ordnung. Ich bin ja nicht mehr in Niljaweit, sondern mein Zuhause ist jetzt hier. Das ist gut so.« sprach Nyde und fühlte es auch.

»Nur jetzt? Nicht für allezeit?« argwöhnte Bär sofort, weil er seine Geliebte natürlich für immer behalten und nach dem plötzlichen Tod seiner Frau sich nicht wieder mit dem Gedanken anfreunden wollte, jemanden zu verlieren, den er liebte.

»Allezeit? Ich denke, wir sollten an den Moment denken und uns nicht allzu sehr mit der Zukunft beschäftigen, weil es im Leben nicht sicher ist, wie es weitergeht.«

Ein Spruch, den sie in Dranetal in ähnlicher Form von Neygat, ihrer Lehrmeisterin, hörte und der ihr warum auch immer jetzt einfiel. Das war gewiss nicht dass Schönste, was sie ihrem Liebsten antworten konnte, aber es sprudelte aus ihr heraus.

»Mache dir keine Sorgen, lass' uns lieber noch etwas schlafen. Ich glaube, die Nacht ist lange nicht vorüber.« sprach Nyde ruhig, zog ihre aufgestützten Ellenbogen ein und legte sich ab.

Dabei drückte sie sanft den dicht behaarten Oberkörper ihres Bären auf die Bettstatt zurück und schlang ihren rechten Arm um ihn, weil sie sich zu ihm auf die Seite drehte. Sie und die Kinder in ihrem Leib benötigten Ruhe.

»Ja, das denke ich auch. Ich hoffe, du findest einen ruhigen Schlaf und schöne Träume.« säuselte Bär Nyde ins Ohr, legte seine Hand auf ihren Kopf, den Nyde auf seinem Oberkörper abgelegt hatte und streichelte zärtlich durch ihr blondes Haar.

Das hoffte sie ebenso, aber das Einschlafen wollte sich einige Zeit nicht einstellen, weil ihre Gedanken mit weiteren Grübeleien des Teufelswerkes betreffend beschäftigt waren und auch die halblauten schnarchenden Schlafgeräusche ihres schlummernden Geliebten ihrer inneren Ruhe nicht förderlich waren.

Allezeit?

Wie sollte Nyde daran denken, wenn bald die nahe Zukunft hervorbringen würde, ob in ihrem Bauch das in der Deshi betitelte Teufelswerk wachsen würde.

In ihrer Heimat durften die Frauen, die Zweikinder in sich trugen, ab der Feststellung der Schwangerschaft nicht mehr unter das Volk gehen und ihren Männern nicht mehr körperlich beiwohnen. Sie galten als Ausgestoßene, sobald die Olumama das unglückliche Urteil fällte.

Hier in diesen Landen stand das nicht zur Debatte, weil Zwillinge eher verehrt wurden und auf keinen Fall als 'böse' galten. Glaubte sie lieber den Gebräuchen hierzulande oder hatte Nome Recht? Sie versuchte in ihrem Geist eine Antwort darauf zu finden, aber Nyde fand in dieser Nacht keine.

Am nächsten Morgen lief die müde und aufgewühlte Nyde zu ihrer kräuterkundigen Freundin und schilderte Ringad ihre Ängste bezüglich ihrer Schwangerschaft und der Deshi, nachdem der gute Ricord die Frauen in seinem selbst erbauten Häuschen alleine ließ und sich nach draußen in den Wald Weissenstamms begeben hatte.

»O Kind! Was machst du dir denn für dumme Gedanken? Natürlich wirst du wunderbare Zwillinge auf die Welt bringen. Etwas anderes brauchst du nicht anzunehmen, Nyde. Ich meine, du bist hier in unseren Landen und nicht in deiner Heimat. Du hast felsenfest behauptet, dass du nicht an Teufelswerk glaubst. Warum du es jetzt glauben willst, erschließt sich mir nicht. Es ergibt auch keinen Sinn, du törichtes Ding.« rückte Nydes Freundin Ringad die einstige Olumama mit Worten zurecht.

»Aber...!?« wollte Nyde sich verteidigen, doch sie wurde sofort von Ringad unterbrochen.

»Du sprichst von den Geistern im Land der Dranemanen, die dich ängstigen und mir ohnehin schon immer bei deinen Erzählungen komisch und seltsam erschienen. Urgard und Urfried werden dich mit göttlichem Beistand unterstützen, falls es gegen die Geister deiner Heimat nötig werden sollte, was ich nicht denke. Meine Liebe, ich weiß, dass du neues Leben in Frauenbäuchen erspüren kannst, aber klappt das tatsächlich auch bei deinem eigenen Bäuchlein? Ich sehe jedenfalls keine Veränderung an dir. Ich habe dich auch nicht über Unwohlsein und häufigen Brechreiz klagen hören, wie es bei vielen Frauen vorkommt, die das erste Mal ein Kind in sich tragen. Ich meine damit, ob du wirklich sicher bist, dass du schwanger bist, Nyde? Solange schläfst du doch noch nicht mit dem Bären.«

Ringad hob ihre dunklen, buschigen Augenbrauen an und begutachtete ihre Gefährtin, die sie von ihrer Heimat Felsgrün aus hierher begleitete, genauestens von oben bis unten.

»Da magst du Recht haben, aber ich spüre deutlich das neue zweifache Leben in mir. Das fühle ich. Ganz sicher! Und es macht mir Angst, nicht zu wissen, ob nicht eines dieser beiden Leben böse ist.« antwortete Nyde leise.

»Freilich. Das hast du mir oft gesagt. Sonst ist bei euch Dranemanen alles im Leben schlechtesten Falls 'ungut', nur die Zweikinder sind 'böse'.« erinnerte sich Ringad an den in der Deshi festgelegten Glaubenssatz.

»Nur eines der Kinder ist böse! Das Andere ist außerordentlich gut und kommt nach seinem Tod in den höchsten Geisterraum. Weil niemand weiß, welches das gute oder böse Kind ist, müssen dennoch beide getötet werden.« erklärte Nyde mal wieder.

Ringad schüttelte ihren Kopf heftig, was ihre ungekämmten und zotigen Haare umherfliegen ließ.

»Aha! Aber auch du als Olumama kannst nicht erspüren, welcher der Zwillinge der Böse ist?« fragte die Kräuterfrau arglos.

Nyde überlegte und ging länger in sich, ob sie das vielleicht konnte, bevor Ringad weiter sprach und sie wieder zuhörte.

»Ich meine nicht, dass es für dich wichtig ist. Weil deine Deshi im Fall des Teufelswerks echten Unsinn erzählt. Darum vergiss' die Deshi, sondern freue dich auf die Kinder. Und wer weiß, vielleicht bekommst du bald eine Nachfolgerin als Olumama.« meinte Nydes Gefährtin.

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht. Das hätte ich bestimmt erspürt.« meinte Nyde unsicher. »Außerdem glaubte ich, mit Nine bereits eine Nachfolgerin zu haben. Wie es ihr wohl geht? Und Rino?«

»Sei unbesorgt. Denen geht es gut bei Oswin, unserem Retter. Das weißt du oder müsstest du spüren. Du sagtest selbst oft, dass sich der Novize des Paters wie eine Mutter um die Beiden kümmert.« antwortete Ringad auf die sorgenvolle Frage Nydes, bevor ihr noch etwas anderes einfiel. »Wo du gerade von Nine sprichst, von der du sicher bist, dass sie dich oder eher gesagt uns, hierher schickte, um auf Lingred zu achten. Lasse dir gesagt sein, dass dieses Wesen auch auf dich und deine Kinder aufpassen wird und mit ihrem Geist bei dir sein wird. Also höre jetzt auf zu verzagen, dazu gibt es keinen Grund. Ich bin auch da, um dich zu unterstützen, oder zähle ich gar nichts?«

»Doch, natürlich.« stammelte die einstige Olumama, bevor sie einen ernsten Ausdruck in ihrem Gesicht zeigte. »Du zählst sehr viel in meinem Leben. Ich danke dir für deine guten und aufmunternden Worte. Du hast Recht, Ringad. Zusammen werden wir alles schaffen. Sollte ich Bär Bescheid geben? Was er nur dazu sagen wird? Oder seine Söhne?«

»Ach, ich denke, dein Liebster wird sich unbändig freuen. Und die Jungbären sind wirklich gute Kerle, die dich auch mögen. An deiner Stelle würde ich jedoch ein wenig warten, es ihnen mitzuteilen, bis dein Bauch mehr gewachsen ist.« schlug Ringad vor und sprach ihre Gedanken nicht aus, dass sie in Felsgrün häufiger erlebt hatte, dass schwangere Frauen oder Mädchen ihre Frucht verloren.

Sie wollte Nyde damit nicht verunsichern.

»Du hast Recht. Das werde ich tun. Ich danke dir von Herzen, dass du meine Freundin bist, Ringad. Jetzt geht es mir besser.« sprach Nyde und umarmte ihre ältere Gefährtin.

Wie eine Mutter strich Ringad ihrer Freundin liebevoll durch das Haar. Sie spürte Zuneigung zu der jungen Frau und würde alles versuchen, dass es ihr gut ging.

Nach dieser Unterhaltung fühlte sich Nyde deutlich stärker und glücklicher. Sie drängte die Gedanken an das Teufelswerk weitgehend aus ihrem Kopf.

Als sie die Neuigkeiten in ihrem Körper Bär und den 'Jungbären', wie dessen Söhne genannt wurden, bald mitteilte, freuten sich alle drei, wie Nyde es sich erhofft hatte. Sie erlebte eine spannende, überraschende und gute Zeit, während ihr Bauch wuchs. Kein Unheil kam über die Olumama, über die ihr nahestehenden Personen oder über die Leute, die mit ihr in den Wäldern in Weissenstamm hausten, auch wenn im Sommer Eigenartiges vorging, was sie ins Zweifeln brachte. Die furchtbar üblen Gedanken wegen des Teufelswerkes, die sie in der Nacht erdachte, als sie die Zwillinge in ihrem Leib das erste Mal spürte, kamen erst zurück, als die Geburt kurz bevor stand.

Eins

Die kleine entzündete Lampe erhellte das Schiff nur gering.

»Ich denke, er nützt uns mehr, wenn er rudert. Sieh' dir den alten Nestor an, der bei jedem Durchziehen nach Luft japst. An dessen Platz geht der Fremde.« lautete Montes Vorschlag nach Rackes Frage und Idee an ihn und ihren Befehlshaber Pardo.

Der Kapitän und verantwortliche Friedsänder für ihr Schiff wollte zuvor wissen, was mit dem Mann passieren sollte, den Monte mitsamt zwei kleinen Bälgern auf ihr Schiff brachte und wollte diesen am liebsten über Bord werfen.

Nach Montes Aussage nickte Pardo Racke zu, der daraufhin Nestor laut zurief, aufzustehen und sich unter Deck zu begeben, um sich auszuruhen.

»Du kommst mit und setzt dich auf diesen Platz. Du gehorchst und tust, wie dir befohlen wird. Ansonsten kannst du zeigen, ob du schwimmen kannst, mein Freund.«

Monte zog Oswin an seinem Gewand hoch und begleitete ihn an das Ruder, während ihnen die Kinder hinterher liefen.

»Aber!?« brachte der Novize und Kindeshüter gepresst hervor.

»Nichts aber, du Sandlutscher! Rudern! Ich habe dich und die Kinder nicht gerettet, damit du im Meer versinkst.«

»Aber was geschieht mit den Kindern?« fragte Oswin besorgt.

Vielleicht tat er das, weil Rino an seinem Gewand hing und sich mit seinen kleinen Händchen fest hinein grub.

»Keine Bange, denen geschieht nichts. Ich werde gut auf sie aufpassen. Das bin ich meinem Freund schuldig.« murmelte Monte in Gedanken bei Oweto.

»Deinem Freund?« argwöhnte Oswin hellhörig.

»Ach, das erfährst du noch. Jetzt heißt es für dich, zu rudern.«

Monte drückte Oswin fest nach unten und entfernte mühevoll den fest gekrallten Jungen von dem Novizen, der ihm vorhin seine kindlichen Zähne ins Bein schlug.

»Beim Mond, das ist ein ganz wilder Hund.« klagte der Friedsänder, weil Rino versuchte, sich kratzend und beißend aus seinen Händen zu befreien.

»Rudern!« befahl er Oswin hart, der prompt das erste Mal schwerfällig an dem hölzernen Schaft zog.

»Du kannst Nine und Rino bei mir lassen. Sie werden brav sein.« zischte der angestrengte Novize zu Monte.

Der Friedsänder ließ den tobenden Jungen aus seinen Händen, der sich sofort zum sitzenden Oswin begab, während Nine sich noch immer an Montes eigenem Hosenbein festhielt. Das Mädchen schien zu spüren, dass von ihm - dem langbärtigen Mann, der sie vorhin aus ihrem Bett holte - keine Gefahr ausging.

Im schwachen Lampenlicht bildete sich Monte zu erkennen ein, dass die anderen Besatzungsmitglieder grinsende und wohlwollende Blicke auf ihn, den Fremden und die Kinder warfen. Vermutlich gerade deswegen, weil sich Rino und Nine tapfer und treu zeigten. Selbst ihn rührte es in seinem Herzen, wie Nine an seinem Bein hing und Rino alles tat, um bei dem von ihm Geretteten zu sein, dessen Leben er vor der vierköpfigen Mörderbande in diesem großen Haus mit dem Türchen davor schützte, indem er die Bewaffneten ohne nachzudenken tötete.

In diesen Gedanken versunken bekam er mit, dass Nine an ihm zog. Er blickte zu ihr nach unten und nahm wahr, dass sie auf ihren Bruder und ihren Hüter zeigte. Er nickte ihr wohlwollend zu, was Nine veranlasste, ihn loszulassen und zu ihren vertrauten Personen zu gehen. Kurz darauf wurde Monte an seiner rechten Schulter berührt.

»Jetzt erklärst du endlich, was es mit diesen Geschöpfen auf sich hat, und wie beim Mond du überhaupt zu ihnen gelangt bist.« verlangte Pardo leise, aber bestimmt, weil er nur unzureichend von seinem Untergebenen, der Monte nun einmal war, unterrichtet wurde.

»Ja, das werde ich.« antwortete Monte und erst jetzt bemerkte er, dass seine Spannung von seinem Körper abfiel und seine Füße knickten spürbar ein, die nach dem vergangenen aufregenden Geschehen zittrig wurden.

»Na, was ist mit dir los? Du wirst wohl alt, Monte, Sohn des Albrige vom Aste des Anselmos?« frotzelte Pardo, als er seinen Untertanen stützen musste, damit er nicht auf die Planken fiel.

Von seinem Anführer wurde er unter der rechten Schulter gefasst und Monte zog sich mit seinen schwachen und müden Beinen auf den kleinen Hocker, den er vorhin eingenommen hatte, als er zusammen mit seinen geretteten 'Mitbringseln' auf das Schiff kam. Er atmete tief durch und blickte zu Pardo, der sich einen höheren Holzeimer schnappte, diesen umdrehte und sich auf dessen Boden ihm gegenüber platzierte. Gespannt wartete sein Befehlsgeber auf seine Worte.

»Tja, was soll ich sagen?« fasste sich Monte und überlegte, wie eigentlich passierte, was passierte. »In der Schänke ging ich zum Pissen raus und hörte die seltsamen fünf Leute, die zwei Tische weg von uns saßen, wie sie davon sprachen, jemanden zu töten. Das machte mich neugierig.«

»Wieso? Das konnte dir egal sein. Du hast hier doch mit niemanden etwas zu schaffen, oder?« wollte Pardo wissen.

Monte schüttelte seinen kurzhaarigen Kopf. »Nein, das habe ich nicht. Ich bin wie ihr Anderen das erste Mal hier. Beim Mond, halte mich nicht verrückt, aber ich hielt diese fünf Kerle für böse Menschen. Deswegen bin ich ihnen hinterher. Einer haute ab, bevor die Anderen zu einem großen Haus gelangten und in dieses eindrangen. Einen Wachposten ließen sie vor dem Tor, den schnappte ich mir als ersten und brach ihm das Genick. Dann bin ich mit dem Schwert des Getöteten hinein gestürmt und habe die anderen Kerle niedergestreckt. Keinen Augenblick zu früh, denn einer wollte gerade auf den Mann einstechen, den ich mitbrachte. Dem stieß ich die Waffe in den Rücken. Ein anderer stand mit einem Dolch über der Wiege der Kleinen. Als der mich sah, ging er auf mich los. Ihn konnte ich leicht erledigen, indem ich ihm in die Halsgrube hieb. Kaum dass ich mein Schwert aus meinem Kontrahenten zog, ließ ich es neben meinem Körper nach hinten fahren und schlitzte damit einen hinterrücks auf mich zu stürmenden Mann den Bauch auf.«

»Du allein gegen vier fremde Krieger? Mein Vater berichtete mir, dass du ein guter Kämpfer bist, Monte. Aber spinnst du dir auch nichts zusammen?« argwöhnte sein Befehlsgeber vom Aste des Pernion.

»Racke kann gerne den Kerl und Kindshüter fragen, wenn du mir nicht glaubst.« schlug Monte kühl vor.

»Das wird er. Das wird er, sei versichert. Aber warum bist du nicht einfach abgehauen und hast alles stehen und liegen lassen? Die Kinder und der Kerl waren doch sicher. Du hättest sie dort lassen können. Warum brachtest du sie mit auf unser Schiff? Der Sinn erschließt sich mir nicht.«

»Ich hatte gleichwohl nicht das Gefühl, dass sie sicher sind, also hielt ich es für das Beste, alle drei mitzunehmen. Damit ihnen kein Unheil geschieht.«

»Monte, warum ist dir das so wichtig?«

»Ich, ich...« stammelte Monte. »Ich konnte nicht anders. Es sind doch Owetos Kinder.«

Da war es raus, obwohl er es nicht ausplaudern wollte.

»War das nicht dein Gefährte, der auch auf Garberts Schiff als Sklave angekettet war? Du hast von diesen Kindern erzählt. Also kennst du die Kinder. Als ich dich mit der Kleinen auf dem Arm gesehen habe, sagte mir mein Gefühl, dass du sie kennst.« erklärte Pardo ruhig und erstaunt.

»O nein! Glaub' mir, ich sehe Rino und Nine heute zum ersten Mal. So sind ihre Namen, Pardo. Ich kann es selbst nicht glauben, dass es Owetos und Nydes Kinder sind. Aber die Mondleute haben mich dazu auserkoren, sie zu retten. Es ist ein unglaublicher Zufall oder Schicksal. Nenne es, wie du willst.«

»Lügst du mich nicht an? Du hast sie nie zuvor gesehen? Das bedeutet, sie kennen dich nicht?«

»Nein! Ich sah sie damals nur kurz, als Nyde mit ihnen das Schiff in Garberts und Asgers Begleitung verließ.«

Monte unterließ es, Pardo davon zu erzählen, dass er im Hafen Steinswallens in seinem Geist das kleine Mädchen wahrgenommen hatte, als er seinen Freund unter Wasser drückte, weil er ihn ertränken wollte.

»Wo ist dann das Mädchen, von dem du gesprochen hast, welches dein Freund mitsamt den Kindern begleitete? Dieses Mädchen müsste schließlich wohl ebenfalls dort gewesen sein, wo sich die Kinder aufhielten.« mutmaßte Pardo.

An jungen Frauen legte der Pernione seit jeher ein gewisses Interesse an den Tag.

»Sie ist fort, sagt der jetzt rudernde Kerl, dessen Name ich nicht mal kenne. Er meinte, bereits seit längerer Zeit. Aber ich werde ihn richtig ausfragen.« erklärte Monte.

»Natürlich. Aber was soll mit den Drei geschehen?«

»Ich werde mich um sie kümmern, wenn du es mir erlaubst.«

»Na, ich denke, da spricht vorerst nichts dagegen. Aber wenn die Fremden uns Kummer bereiten, weiß ich nicht, was geschieht. Eine Frage hätte ich allerdings noch. Wo befindet sich dein Freund Oweto? Du hast es mal erzählt, glaube ich, aber ich habe es vergessen.«

»Er ist auf einem Bauernhof in der Nähe der schönen und prunkvollen Stadt namens Frodeberg, in der ich lebte und Bier braute, bevor ich als Bogenschütze nach Steinswallen abkommandiert wurde und dort endlich wieder bei euch Sandlutschern gelandet bin.« sagte Monte und grinste bei seinen letzten Worten.

»Die Mondleute scheinen dich zu mögen, du Blatt des Anselmo. Die Kinder und ihren Hüter wohl auch, sonst hätten sie dich nicht in dieser Stunde dorthin geschickt, um sie zu retten. Jetzt ruhe dich aus, Monte.« sprach Pardo, erhob sich und legte nochmals seine Hand auf Montes rechte Schulter.

Dann ließ er seinen Untertanen allein, der seine Gedanken an Oweto verwendete. Monte hoffte, dass sein Freund, den er im brennenden Meer im Hafen von Steinswallen vor seinen Landsleuten rettete, glücklich mit seiner Hildrun bei Ragnhild und Ethilde weilte. Er wusste es nicht, aber Monte vermutete, dass Nyde nicht in Steinswallen weilen konnte, wenn er gerade die Kinder weit weg davon in Felsgrün fand.

Beim Mond! dachte er bei sich. Konnte es tatsächlich sein, dass die nach ihrem Tod auf den in der Nacht oft hellen Mond gebrachten friedsändischen Seelen, die es sich im Leben verdienten, dorthin zu gelangen, um dort über ihre Nachkommen zu wachen, wirklich imstande waren, seine Handlungen hier in diesem Land zu führen?

Als er in den Himmel blickte, musste er nicht lange suchen, wo die zu drei Vierteln erleuchtete Himmelskugel zu sehen war. Die Wolken gaben den Blick kurz frei, als ob sie auf Montes Frage eine Antwort hatten.

Überall wo der Daseinsort unserer Ahnen zu erkennen ist, richtensie ihre Aufmerksamkeit auf uns hin. Drum sei froh, wenn derMond über dir scheint. Denn deine Ahnen sind bei dir. Gedenkeihrer, wenn dir danach ist. Sie werden sich freuen!

Seine Mutter Moriana unterwies ihn in seiner Kindheit in der friedsändischen Religion der Mondleute, Mondseelen oder Mondmenschen sowie einfach nur Heiligen. Diese Begriffe bezeichneten in Friedsand die nach ihrem Tod Weiterlebenden, die im Gegensatz zu dem Leben auf Friedsand und auch hier im Land der Andasier am Tag schliefen, und jede Nacht mit dem Aufgehen des Mondes erwachten, um über ihre schlafenden Nachkommen zu wachen. Monte dachte daran, dass er Rino, Nine und ihren Hüter im Schein des Mondlichtes half, heil davonzukommen.

»Danke dir dafür, Vater Albrige!« murmelte er leise vor sich hin, als er seinen Blick fest auf die grauweiße Himmelskugel richtete.

Gerade fühlte er sich mit dem Mond und seinen Heiligen das erste Mal in seinem Leben richtig verbunden.

Selig schloss er seine Augen und schlief auf dem Hocker ein.

                                                  * 

Ein Massaker fand statt.

Die Nacht wich dem neuen Tage und die ganzen Ausmaße des Geschehens wurden sichtbar. Der Vogt von Felsgrün konnte es kaum fassen, was er mitsamt dem königlichen Berater, der sich in Felsgrün und den gesamten Kammwiesen ein Bild machen wollte oder sollte und zwei Einheimischen in dem Haus Pater Eduins sowie davor mit ansehen musste.

Ein blutiges Bild oder eher gesagt brutale Bilder konnte sich der hagere und ältere Mann aus Frodeberg vor Augen führen, der sich beim Vogt mit dem Namen Ondres vorstellte und sich an diesem kühlen und regnerischen Morgen im Haus des Glaubensmannes wie der Vogt selbst umschaute.

Der Pater lag in einer gewaltigen Blutlache ermordet in seinem eigenen Bett, während in dem Zimmer, in dem der tote oberste Glaubenshüter dem Vogt der Kammwiesen mitsamt Ondres am vorgestrigen Nachmittag die Zwillinge zeigte, die in des Paters Augen die auserwählten Kinder waren und die Kammwiesen in neuen Glanz erstrahlen lassen sollten, weitere Tote lagen.

Die Kinder waren fort. Ebenso wie der Novize, der sich seit dem damaligen und ebenfalls seltsamen Verschwinden ihrer Mutter vor beinahe zwei Jahren um die Kinder kümmerte. Von diesen drei Personen fehlte jede Spur, wie sich Ondres aus Frodeberg, der Vogt der Kammwiesen sowie der Henker und der Arzt von Felsgrün vergewisserten, bevor sie im Zimmer der Zwillinge die drei Leichen der dort liegenden Männer näher begutachteten.

Einer dieser Toten begleitete Ondres vorgestern am Nachmittag bereits dorthin. Das erkannte der Vogt, obwohl der Mann aufgrund seines Todes farblos auf dem Boden des Zimmers lag. Die anderen zwei leblosen Gesichter sagten dem Vogt nichts.

Einem steckte noch ein Schwert im Bauch, während der Andere eine lange und klaffende Wunde an seinem Hals besaß, wodurch der Vogt vermutete, dass der oder eher die Mörder dieser Kerle eine ungeheure Kraft besaßen. Der Tote mit der Wunde am Hals hielt noch einen kleineren Dolch in seiner Hand, während ein Schwert an der Bettstatt lehnte, die zur Nacht das Mädchen beherbergte, wie sich der Vogt erinnerte. Das Mädchen war fort, wie ihr Bruder und der Novize. Der Vogt überlegte, ob der Untergebene des Paters dazu fähig sein konnte, die drei herumliegenden Männer in der Art und Weise zu töten, wie es vermutlich geschah und kam zu dem Schluss, dass es unmöglich war. Den Pater könnte Oswin, wie der jüngere Mann und Haushälter Eduins hieß, vielleicht noch als Einzigen umbringen.

Obwohl er ihm wahrscheinlich aus lauter Dankbarkeit darüber, dass der Pater ihm damals seine Hand rettete und aufnahm, nie etwas Böses angetan hätte.

Als sie zu viert das Haus mit den dort innen liegenden Toten verließen, stellten sie vor dem hölzernen Gartentor an der vierten Leiche fest, dass dessen Genick gebrochen war. Auch diesen Kerl kannte der Vogt nicht. Das fand er wunderlich.

»Ich hörte und dachte, dass Felsgrün und die Kammwiesen ein friedliches Plätzchen sind.« sprach Ondres tadelnd und strengen Blickes.

»Das war es auch, bis Ihr mit Euren Männern auftauchtet.« klagte Helle, der Henker, der bekannt dafür war, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten, in Richtung Ondres, dem königlichen Berater, der vor sieben Tagen ankam.

»Das ist eine ernstzunehmende Beleidigung, die du aussprichst. Ich glaube nicht, dass ich das ungestraft dulden kann. Vogt, Ihr seht das wohl kaum genauso wie dieser Grobschlächtige hier?« kam es aufgebracht von Ondres.

»Ich weiß es nicht, Herr Ondres. Wirklich nicht. Aber ich weiß, dass Ihr und einer der Toten im Zimmer der Kinder auch schon vorgestern mit mir und dem Pater dort wart. Das hat einen bitteren Geschmack, sagt man bei uns.« sprach Leogren Schäfler, wie der oberste Mann der Kammwiesen eigentlich hieß, aber von jedermann nur mit 'Vogt' oder 'Herr Vogt' angesprochen wurde.

»Außerdem glaube ich, dass ich alle Toten in des Paters Haus und den Verstorbenen vor der Gartentür mit Euch gesehen habe, als ihr neulich ankamt und ebenfalls gestern Abend in der Schänke des 'Frischen Lammes', als Ihr mit ihnen am Tisch gesessen habt.« sagte der Arzt Felsgrüns.

»Na und? Das mag sein.« lenkte Ondres ein.

»Ihr gebt es also zu, die Toten zu kennen?« meinte der Vogt.

»Natürlich. Die Männer sind allesamt meine Reisebegleitung hierher an dieses weit von der Hauptstadt entfernte Fleckchen Erde gewesen. Ja, wir haben zusammen in der Schänke gegessen, weil die ein gutes Lammfleisch vorsetzt. Weswegen aber meine Untergebenen, die sie waren, nun tot in diesem Haus liegen, erschließt sich mir nicht.« meinte Ondres.

»Da gibt es nur zwei Möglichkeiten, ihr Herren.« stellte Helle, der Henker klar. »Entweder sie wurden getötet, als jemand die Kinder und den guten Oswin entführte und sie wollten die Entführer aufhalten. Oder sie starben, als sie die Kinder und Oswin selbst entführen oder töten wollten. Wobei ich persönlich glaube, dass sie eher auf Töten aus waren.« fuhr Helle in einem sachlichen Ton nüchtern fort, was Ondres' Gesicht stark erröten ließ.

Ob vor Zorn oder Furcht, blieb dessen Geheimnis.

»Ich für meinen Teil denke hingegen, dass meine Leute eher zu verhindern versuchten, dass den Kindern ein Leid geschah, und dabei getötet wurden.« sprach Ondres eindringlich.

»Na ja, mich wundert es nur, dass der Kerl, der nahe am Bett lag, einen Dolch in der Hand hielt, während ein Schwert an der Bettstatt stand. Mit einem Schwert hätte er sich eher verteidigen können als mit einem Dolch.« widersprach Helle.

»Aber was bedeutet das alles?« fragte der Vogt und sah den heilkundigen Mediziner an.

»Ich kann sagen, dass der Pater und die vier unbekannten Bewaffneten, die zu Herrn Ondres gehörten, tot sind. Von dem Zustand der Leichen her würde ich vermuten, dass sie vor Mitternacht gestorben sind. Bleibt die Frage, wer sie getötet hat? Oswin, der Novize?« beendete Rudimer Heilmann, der Medikus, seine treffenden Ausführungen mit einer Frage.

»Die Kinder!« bellte Helle lautstark. »Oswin ist viel zu brav, aber nachdem der Pater vorgestern predigte, dass die Zwillinge göttlich sind oder werden, halte ich es für möglich, dass die Kinder die Männer umgebracht haben und flüchteten. Vor allem der Junge hatte ein gemeingefährliches Gesicht.« setzte er hinzu.

Seine drei Gesprächspartner beäugten den Henker Felsgrüns, als sei er nicht klar im Kopf. Dennoch stellten sich bei Leogren Schäfler, dem Vogt, vereinzelte Haare am Körper auf, weil ihn ein kurzer Schauer durchzuckte, als er darüber nachdachte, ob dies die unheimliche Wahrheit sein konnte.

Dann konnte Helle nicht mehr länger an sich halten, prustete vor Lachen los und klopfte sich auf seine dicken Schenkel.

»Hahahaha. Meine Herren, das war ein Jux. Ein Witz! Nein, wenn ich ehrlich bin, denke ich, es waren gut ausgebildete Kämpfer, die mordeten. Weil ich nicht glaube, dass Ihr mit schlechten Männern hier in unserem schönen Ort aufgetaucht seid, Herr Ondres.« sprach der muskulöse und starke Henker in einem beinahe versöhnlichen Ton zu dem königlichen Berater, den Dewenter eigentlich nach Felsgrün schickte, um den Königsanteil der Kammwiesen neu zu bemessen, der mit seiner Truppe deswegen in Felsgrün unangekündigt erschien.

»Da hast du vollkommen Recht, Henker.« nannte Ondres ihn bei seinem Beruf und Nachnamen. »Das erklärt trotzdem nicht, wo die Kinder und der Aufpasser hin verschwunden sind.«

»Vielleicht finden wir das heraus, vielleicht auch nicht. Dass Ihr oder Eure Leute nichts Gutes mit ihnen im Sinn hatten, steht für mich trotzdem fest.« lautete immer noch des Henkers Meinung.

»Helle, beruhige dich! Aber mir kommt ebenso seltsam vor, dass Eure Männer im Haus waren, Ondres. Was meinst du, sollten wir tun, Helle?« wollte der Vogt von ihm wissen.

Der Henker beugte sich zu Leogren hinunter, weil der ein ganz schönes Stück Körperlänge kürzer war und flüsterte zu ihm.

»Wenn Ihr mich fragt, Vogt, lasst ihn mir ein wenig kitzeln. Ich spüre beinahe, dass er schmutzige Füße hat.«

Eine Bezeichnung in den Kammwiesen, dass der Betreffende nicht unschuldig war und kein reines Gewissen besaß.

»Aber er ist vom Regenten geschickt worden. Wir können keinen Streit mit Frodeberg riskieren, Helle.« meinte der Vogt.

»Herr Vogt. Frodeberg ist weit weg und wenn es stimmt, was dieser Ondres spricht, dann sollte man in sich Frodeberg eher Sorgen um Schwarzerz machen, als sich um uns zu kümmern, möchte ich meinen. Dem Herrn Ondres tut ein wenig Läuterung gut, glaube ich. Es gibt auch niemanden mehr, der ihn schützen kann.« erklärte der Henker.

»Was tuschelt ihr Beiden solange?« fragte der Mann, über den gerade geredet worden war, sichtlich erbost. »Können wir nun fort von hier?«

Helle schaute dem Vogt tief in die Augen und bemerkte dessen zustimmendes Nicken. Daraufhin packte er Ondres hart an, der sich mit seiner hageren Statur kaum gegen den stattlichen und kräftigen Henker wehren konnte.

»Ja, wir gehen fort von hier. In den Kerker, mein lieber Herr Ondres.« bestimmte Helle mit seiner tiefen Stimme, die sehr zu seinem finsteren Auftreten passte, obwohl er ein durchaus denkender und fühlender Mensch war.

»Helle? Was machst du denn?« ereiferte sich der Arzt, der den Henker bereits nunmehr von hinten sah und seit jeher ein ängstlicher und zurückhaltender Mensch war.

»Das, was nötig ist, um Licht in dieses Dunkel zu bringen, Rudimer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das wird Helle tun, mein Lieber.« antwortete der Vogt für den Henker.

»Glaubst du, dass diese Kinder besonders sind, Leogren?« erkundigte sich Rudimer bei seinem Freund, den er auch mit 'du' ansprechen konnte, wenn sie unter sich waren.

»Besonders auf jeden Fall, weil sie fremd sind. Ob noch mehr dahintersteckt, wie der Pater prophezeite, kann ich dir nicht sagen. Ich möchte sie unbedingt zurück haben, um das herauszufinden. Da ist der Preis, den königlichen Abgesandten zu kitzeln, zwar hoch, aber in meinem Betracht angemessen.«

»Und was machen wir mit den Toten?«

»Abtransportieren und begraben. Was sonst, Rudimer?«

»Nun ja, ich könnte auch mal wieder ein körperliches Anschauungsmaterial brauchen. Wenn du verstehst, was ich meine.« schlug der Arzt vor.

Leogren Schäfler verstand natürlich, dass sein Freund und Heilkundiger eine Leiche zum Auseinandernehmen haben wollte, um damit zu experimentieren. Was nicht nur in ganz Frodeland, sondern ebenfalls in Ringstein verboten war und unter erheblicher Strafe stand. Aber Rudimer war sein Freund seit gemeinsamen Kindertagen, also würde er hinweg sehen.

»Na gut. Welchen willst du haben?« erkundigte sich der Vogt.

»Den mit dem klaffenden Hals. Bei dem ist sonst nicht viel verletzt worden.«

»Gut. Aber du kümmerst dich stillschweigend selbst darum, dass er zu dir gelangt.«

»Ich danke dir. Das Volk Felsgrüns wird dir ebenfalls zu Dank verpflichtet sein.« sprach Rudimer artig und ließ den Vogt mit derselben Frage, die ihn seit der Ankunft am Haus des Paters quälte, alleine vor diesem Haus zurück.

Wo waren die Kinder bloß geblieben?

Der Vogt blieb vor des Paters Haus, wo nach einiger Zeit bereits eine geringe Menge schaulustiger Menschen ankam und das baldige Eintreffen des Bestatters und dessen zwei Gehilfen registrierte. Er schritt den Leuten entgegen, weil er sich gleich an sie wenden wollte. Um den Bestatter und die zwei starken Felsgrüner Männer kümmerte sich der mit den Leuten zurückgekehrte Rudimer, weil sie ihm nachher helfen mussten, sein körperliches Studienobjekt zu bekommen, dachte Leogren Schäfler.

Er ging seinen gespannten und aufgebrachten Landsleuten mit ausgebreiteten Armen entgegen, die in geringer Entfernung den Toten vor Haus und Gartentür begutachten durften und sich auf das Schlimmste einrichteten. Er hörte die Menschen untereinander reden oder ihm Fragen zuwerfen, die er gewillt war, zu beantworten. Beruhigen konnte er seine Untertanen jedoch nicht, im Gegenteil.

»Leute, bitte seid still!« eröffnete der Vogt seine Rede.

Vereinzelt hörten die Leute mit dem Getuschel auf, aber es kamen ständig mehr Menschen hinzu, die neuen Lärm verursachten. Er erhob seine Stimme und ließ sie tiefer als sonst klingen, als er gegen den Pegel der Lautstärke ankämpfte.

»Leute! Hört mich an. Hier trug sich letzte Nacht eine Tragödie zu.« brüllte er beinahe und musste danach länger Luft holen.

»Was ist mit dem Pater? Was ist mit Urgard und Urfried?« schallte es von seinem Volk durcheinander zu ihm.

Was sollte mit Urgard und Urfried sein? dachte er bei sich. Sie waren die Zwillingsgötter, sinnierte er still, bevor ihm wieder einfiel, dass Pater Eduin den verschwundenen Kindern vorgestern bei der allwöchentlichen Zeremonie für die Gottheiten feierlich deren Namen verlieh.

»Die Kinder sind fort. Verschwunden! Oswin ebenso.« versuchte Leogren, laut zu sprechen.

Er hätte es sich sparen können, da gerade der blutige Leichnam Pater Eduins von den Totengräbern aus dem Haus getragen wurde. Seine Worte wurden von dem lauten Wehklagen beinahe aller Leute übertönt, die näher an des Paters Leiche traten, nachdem die starken Gehilfen des Bestatters sie neben dem anderen Toten vor dem kleinen Eingangstürchen des Anwesens ablegten. Der Vogt versuchte, sich zwischen dem leblosen und dahingeschiedenen Pater und den dessen Leiche umringenden Menschen zu schieben, was ihm aufgrund seines Standes und Ansehens gelang.

»Tretet zurück! Bitte! Bei Urfried, seid doch endlich still!«

Leogren nahm all seinen gesamten Atem zusammen, den er durch einen tiefen Zug in seinen Lungen sammelte, bevor er ihn heftig durch seine Stimmritzen aus dem Mund blies, um für Ruhe zu sorgen. Diesmal gelang es ihm, die unter Schock stehende Menschenansammlung zu beruhigen, weil der Anblick des verblichenen Eduin den Leuten die Sprache verschlagen zu haben schien.

»Werte Felsgrüner! Wie ihr erkennen könnt, ist der Pater getötet worden. Ebenso gibt es noch vier, äh nein, drei weitere Tote, die nicht von Felsgrün kommen. Die Kinder sind verschwunden.« versuchte der Vogt zu erklären, wobei er einen Toten wegen seinem Freund Rudimer verschweigen musste, was er in seiner Erklärung beinahe vergessen hätte.

Eigentlich wollte er noch mitteilen, dass von Bruder Oswin, dem Novizen, auch jede Spur fehle, aber das konnte er nicht mehr, weil sich die Menschen laut darüber aufregten, dass die Kinder nicht mehr hier waren, die der Pater bei der vorgestrigen Zeremonie als göttlich bezeichnete.

»O Nein!« und »Die armen Kinder!« waren in seinen Augen und Ohren noch die am vernünftigsten Zwischenrufe.

»Was soll nur aus uns werden?« oder »Wir sind verdammt!« waren Aussprüche, die er als Mensch mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehen konnte.

Er hielt die Kinder bislang eben nur für Kinder, wenngleich der Pater diesem, seinem Volk, weismachen wollte, dass sie göttlich waren, weil sie aus einem fernen Land nach Felsgrün und in die Kammwiesen gelangten. Ihn störte dieses Gebaren. Ebenso, dass sich niemand für den in seinen Augen guten Oswin interessierte.

Weil er keine Lust hatte, gegen seine Untertanen anzuschreien, wollte er einfach von dannen schreiten. Dabei bemerkte er, dass es einem einzelnen Mann gelang, sich bei den verängstigten Leuten Gehör zu verschaffen. Es war Vigor Häfner, der Hafenmeister, der auf sie einredete. Gespannt hörte Leogren ebenfalls zu.

»Gestern hat ein fremdes Handelsschiff in unserem Hafen angelegt, dessen oberste Männer mir gestern Abend versicherten, heute mit mir und Anderen von uns über einen Handel zu sprechen. Nun ist dieses Schiff aber ausgelaufen. Ich weiß, dass diese Fremden über zehn Leute zählten. Da halte ich es für möglich, dass diese fremden Gestalten für des Paters Tod und das Verschwinden der Kinder verantwortlich sind.«

Der Vogt sinnierte genauso wie sein Volk über die Worte Vigors.

Eins konnte er jetzt endlich loswerden, weil die Menge still war. »Bei Urfried! Der gute Oswin ist auch weg.«

Das war für die Bevölkerung Felsgrüns von geringem Interesse. Schulterzucken war die höchste Regung mancher darauf.

Leogren Schäfler hielt sich an den Hafenmeister. »Du meinst, dass diese Fremden den Pater getötet und die Kinder entführt haben könnten?«

»Ich denke, es liegt zumindest nicht in weiter Ferne, diese Gedanken zu haben, oder nicht?« meinte Vigor.

»Ja. In der Tat.« pflichtete der Vogt ihm bei, bevor er laut redete. »Werte Felsgrüner, was passiert ist, ist furchtbar. Lasst uns später nach dem Mittag auf dem Marktplatz debattieren. Ich schlage vor, dass sich bis dahin jeder von euch überlegt, in den letzten Tagen etwas gesehen zu haben, was Licht in dieses Dunkel bringen könnte. Nicht jetzt, sondern später, sonst gibt es nur Tumult.«

»So ist es. Und wir können sonst unsere Arbeit nicht fortführen.« erklärte der hinzugekommene Arzt Rudimer den Leuten und meinte dabei eher die Arbeit der Bestatter. »Also geht nach Hause, seid so gut. Ihr habt doch gehört, was unser Oberhaupt gesprochen hat.«

Leogren glaubte es kaum, aber die Felsgrüner sahen es ein und trotteten davon. Was ihn zu denken veranlasste, dass Wolle und Fleisch bei seinen Untertanen doch nicht ganz verloren sei, wie ein Sprichwort in den Kammwiesen lautete.

Rudimer zwinkerte ihm kurz schalkhaft zu, bevor der Arzt wieder ins Haus des Paters ging. Es stand eine Menge an in der nächsten Zeit in Felsgrün. Die Nachfolge des Paters war eine Sache, die es zügig zu regeln galt. Bruder Oswin war derjenige, der in späterer Zeit dafür vorgesehen war. Der war nun tot oder fort und sollte der nicht wieder auftauchen, kam für die geistliche Arbeit eigentlich nur ein Pater aus einem der umliegenden kleineren Orte in Betracht.

Leogren kehrte dem Ort des Massakers den Rücken und machte sich auf in den Kerker, um nach Helle und dem Herrn Ondres, dem Bevollmächtigten des Königs, zu sehen. Er stapfte unruhig durch die leeren Straßen und Gassen, bis er sein Ziel erreichte.

Bereits von außen wirkte der verwitterte, staubgraue steinerne Bau bedrohlich. Nicht allzu groß, sondern schäbig, schmutzig und trist kam das von Urahnen erbaute Werk daher, dadurch manch einer denken konnte, dass es bald in sich zusammen fiel. Das stabilste und neueste des Steinhauses war die Eingangspforte, die aus dicken, mit Eisenschrauben befestigten Eichenholzbrettern akkurat in die klobigen Mauersteine eingepasst und stets von innen verschlossen war.

Mit einem mulmigen Gefühl schlenderte der Vogt heran und blieb stehen, um mit den Fingerkochen seiner rechten Hand zweimal hart auf das Holz zu klopfen.

»Tronk! Tronk!« hallte es zu ihm heraus, weil er mit seinem Ankunftsritual die zwei schweren Riegel im Inneren der Türe gegen ihre eisernen Verankerungen in der Wand drückte und aufgrund der Schwingung des schweren Metalls der seltsame Laut zu ihm drang.

Kurz darauf wurde in Augenhöhe ein Spalt sichtbar, der in der Höhe daumennagelhoch war und in der Breite eine halbe Elle betrug. Durch diese Lücke glotzten ihn die Augen des Kerkermeisters Ulbricht an und musterten ihn genauso wie jede andere Person, die um Einlass in die dunkle Welt der Verbrecher Kammwiesens bat, deren Vergehen für einen Aufenthalt im Gefängnis sorgte.

»Riiiietsch! Riiiitsch!«

Der Vogt nahm wahr, wie Ulbricht die zwei Verschlussmechanismen im Inneren öffnete, dann schwang die Tür ins Dunkel auf und er konnte eintreten. Erst zierte sich Leogren Schäfler kurz, ob er dies wirklich wollte, weil sich ein mulmiges und bedrückendes Gefühl auf seinen gut genährten und halbwegs rundlichen Körper legte. Mit schweren Schritten trat er aus dem hellen und grauen Morgen über die Schwelle ins Halbdunkel des Kerkers. Seine Beklemmung steigerte sich, als Ulbricht hinter ihm die Tür verriegelte, wie es Vorschrift und vernünftig war.

»Herr Vogt, es ist mir eine Freude, Euch in meinem bescheidenen Reich zu begrüßen.« eröffnete der drahtige und kräftige Kerkermeister, der in etwa dasselbe Alter wie Leogren an den Tag legte, aber körperlich weniger dickleibig daherkam, dafür muskulöser und sehniger wirkte. »Helle meinte vorhin, dass es nicht lange dauern wird, bis Ihr auftaucht, um nach dem frisch eingetroffenen Lamm zu sehen, der ein eher alter Bock ist, wie ich finde. Helle meinte gar, es könnte sich eher um einen Wolf im Schafspelz handeln.«

Jeder Neuzugang im Kerker wurde als 'Lamm' betitelt, wie der Vogt wusste. Sowieso verglichen die Menschen Felsgrüns und den kleineren Orten dieses Landesteils von Frodeland ohnehin vieles in ihrem Leben mit dem Leben ihres Lieblingstieres.

»Mal sehen, Ulbricht. Mal sehen.« brummte der Vogt als Antwort.

»Ich hoffe nur, unser guter Helle hat noch keinen Hammel aus ihm gemacht und seine Klöden...«

Ulbricht hielt kurz mit dem Gerede inne, um erst eine Quetschbewegung mit seiner linken Hand auszuführen und danach mit seiner Rechten eine Schneidebewegung zu tun, bevor er weiter sprach. »Ihr wisst schon, was ich meine, Herr Vogt. Jedenfalls habe ich Schreie gehört und Ihr kennt Helle, der nicht gerade für Zimperlichkeit bekannt ist. Hahaha.« lachte der Kerkermeister.

»Ach Ulbricht! Bringe mich einfach schnell zu ihm, sei so gut.«

Leogren ahnte nichts Gutes, was dem königlichen Gesandten hier unter des Henkers Fuchtel geschehen könnte.

Ulbricht schnappte sich die nächstbeste Fackel - also die, die den Eingang erhellte, weil es die Einzige war - und trottete vor dem Vogt los in den dunkel vor ihnen liegenden Gang hinein.

Nach ein paar Schritten kamen sie an den ersten steinernen Zellen vorbei, deren Türen offen standen, weil sie leer waren. In den Kammwiesen und Felsgrün selbst lebten wenig böse oder zum Gesetzesbruch gezwungene Menschen, die weggesperrt werden mussten, deswegen waren nur zwei andere Gefangene außer dem Neuzugang in den hintersten der zwanzig verfügbaren und verschlossenen Zellen inhaftiert. Die Beiden saßen nur ein, weil sie betrogen hatten und sie oder ihre Familien die Höhe des Strafgeldes nicht auf einmal bezahlen konnten.

Ondres aus Frodeberg befand sich weiter unten. Um genau zu sein, drei marode hölzerne Treppen und insgesamt vierundfünfzig ausgetretene Stufen tiefer unter ihnen. Als Ulbricht dem Vogt mitteilte, dass Helle dort unten zugange war und er ihn gerne nach unten führe und begleite, schluckte Leogren Schäfler kurz. Er kannte die von dem Kerkermeister nur unzureichend ausgeleuchteten knarzenden Treppen von früher und zeigte wenig Begeisterung. Aber Schwäche konnte und wollte er schließlich nicht zeigen und stapfte zwei Stufen hinter Ulbricht her, wobei er hoffte und zu den Zwillingsgottheiten betete, dass er mit seinem schwereren Körper nicht durch eines der Holzbretter brach und nach unten stürzte.

Beim langsamen und bedächtigen Hinuntersteigen vernahm er bereits stöhnende und klagende Laute, die gewiss nur aus dem Mund des vom König Gesandten stammen konnten. Leogrens Unwohlsein steigerte sich, als sie unten festen Boden unter den Füßen hatten, sich Ulbricht im Fackelschein zu ihm umdrehte und grinsend seine wenigen und hässlich braunen Zähne zeigte.

»Hehehe. Dem Lamm wird das Fell oder gar die Haut abgezogen, wie mir scheint.« freute sich der Kerkermeister am Schmerz des fremden Gepeinigten, was der Vogt abstoßend fand.

Leogren selbst fand nie Gefallen daran, wenn ein Mensch litt. Sogar mit den Schafen, die Felsgrün einen guten Stand und Reichtum einbrachten und dafür gemolken, geschoren, geschlachtet und ausgeweidet wurden, hegte er Mitgefühl.

Leises Glucksen nahm der Vogt war, als er zur düsteren Folterkammer gebracht wurde, die mit verschiedenen gemeinen und garstigen Foltergeräten ausgestattet war. Lange Zeit betrat er diesen modrigen Raum der Qualen nicht mehr, heute musste Leogren hinein. Er rechnete mit dem Schlimmsten und malte sich bereits aus, wie Helle dem überheblichen Ondres Teile der Haut, Haare, Finger- und Fußnägel ausgerissen hatte. In seiner Vorstellung sah er einen an verschiedenen Körperstellen blutenden, sich vor Schmerzen windenden Mann auf der Folterbank liegen, der von dem riesenhaften Henker mit einer großen langen Zange oder einem heißen Eisen traktiert wurde. Was er jedoch sah, ließ Ulbricht geradewegs sprachlos wie ihn.

Ondres, der ihnen zu Füßen auf der Folterbank lag, liefen dicke Tränen aus den Augen, sein Kopf zuckte wie wild und er versuchte sich mit aller Gewalt, aus seinen Hand-, aber vor allem aus seinen Fußeisen zu befreien. Es gelang ihm natürlich nicht, da die metallenen Manschetten fest um seine Knöchel gespannt waren. An seinen beiden unbedeckten Fußsohlen stand der stattliche Henker und quälte seinen Gefangenen, mit einer Feder. Ja, es war in der Tat eine dünne Gänsefeder, mit der Helle Ondres an dessen Füßen kitzelte.

»Was tust du, Helle?« wunderte sich Ulbricht noch vor dem Vogt, dem dieselbe Frage auf der Zunge lag.

Der Henker nahm die Feder weg und drehte sich zu ihnen um. »O ha! Ich habe euch gar nicht kommen hören. Was ich tue? Was immer nötig ist, um mehr darüber zu erfahren, was seine Untergebenen im Haus des Paters zu suchen hatten. Vogt, ich sprach doch davon, ihn zu kitzeln. Und er ist sehr empfänglich für diese Art der Folter.« erklärte der Riese vergnügt.

»Ich habe nicht gedacht, dass du es wörtlich nimmst, Helle.« staunte der Vogt. »Was meinst du damit, er ist empfänglich?«

»Seine Füße reagieren sehr kitzelig auf meine Berührungen. Ich führe es vor.« antwortete Helle, ließ den Kiel und nicht die weiche Feder längs über die rechte Sohle des Liegenden bis zu seinen Zehen gleiten.

Der Körper von Ondres zuckte sehr, als ob es ihm Schmerzen bereitete, aber aus seinem Mund kam dieses glucksende Lachen und ein stammelnder, kaum verständlicher Mischmasch aus gepressten Worten.

»Hi, ha! Auf, auf, aufhören. Hihihihi. Neeeinn!«

Helle grinste den Vogt an und ließ seinen Kiel auf der empfindlichsten Stelle kreisen. »Falls jemand das je länger mit mir machen würde, könnte ich ihn dafür töten. Meine Kinder tun es manchmal bei mir und selbst da muss ich mich zusammen nehmen, ihnen keine Ohrfeige zu geben oder ihnen eins überzubraten. Und bei ihm hier klappt es gut. Ist es nicht so, guter Herr Ondres?«

Helle packte die Feder weg, ging zum Kopf des Königsgesandten und entfernte das nasse Tuch, dass als Knebel zwischen den Lippen des Gepeinigten gezogen war, bevor er Ondres die Stirn tätschelte, was bei den Pranken des Henkers nicht wirklich zärtlich wirkte. Helle störte es kaum, dass ihn sein Gefangener anspuckte.

»Bastard! Bastarde, allesamt!« fluchte der Gesandte Frodelands, woraufhin er wieder erstickt lachte, denn Helle fuhr mit seiner weichen Folter fort. »Hi, hi, ha, Ba. ha, Bastarde, hahahaa. Hör' auf! Hahahaha.«

Ondres kriegte sich beinahe nicht mehr ein. Helle folgte und stellte seine Arbeit ein.

»Hat er schon preisgegeben, was seine Untergebenen im Haus des Paters machten?« wollte Leogren vom Henker wissen.

»Ich will ehrlich sein, Vogt. Ich habe ihn nicht gefragt. Ich musste ihn erst so weit bringen, dass er redet.« flüsterte Helle Leogren zu. »Aber ich denke, nun ist er vielleicht gewillt, wahre Antworten zu geben.« fügte er leise an, bevor er laut zum Kerkermeister sprach. »Du kannst wieder hoch, Ulbricht.«

Der Kerkermeister tat dem Henker den Gefallen, obwohl er lieber dem weiteren Prozedere beigewohnt hätte. Nachdem der Vogt ihm streng zunickte, ging Ulbricht verzagt nach oben, um dort aufzupassen. Danach kümmerte sich Helle weiter um den angebundenen Mann auf der glatten Folterbank.

Die Zeit der Zärtlichkeiten und das Kitzeln an den Füßen hörte auf. Wie es Ondres befahl, der daraufhin zunächst heftig schimpfte und alle Leute Felsgrüns und der Kammwiesen verfluchte. Helle fand dennoch ein geeignetes Mittel, um von dem Herrn Ondres zu erfahren, dass er seine bewaffneten Leute auf den Pater, den Novizen und die Kinder hetzte, um sie in der Nacht zuvor zu töten.

Nach mehrmaligem Niesen und dem wahrhaft schmerzhaften Verlust einiger seiner längeren Nasenhaare durch eine Pinzette in Helles geschickten Fingern gestand der Liegende sein Vorhaben, weil er selbst von dem aufständischen Gerede Pater Eduins verängstigt war und er sich in seinem Geist fragte, was der königliche Regent Frodelands, der Dewenter mit Namen hieß, von ihm verlangen würde, sollte er solches Gebaren feststellen.

Ondres kam in den Sinn, seine vierköpfige Leibgarde zu beauftragen, ungesehen alle Menschen im Haus des Paters zu ermorden und zu verschwinden. Er richtete seinen Befehl an seine Untergebenen, nachdem sie im 'Frischen Lamm' eingekehrt waren. Ondres hatte bei der Zeremonie der Zwillingsgottheiten in den Blicken der Felsgrüner Bevölkerung sonderbare feste Hoffnung und Glauben an die mächtigen und prophezeienden Reden Pater Eduins wahrgenommen und sah sich deshalb zum Handeln gezwungen, bevor es in seinem von dem Regenten Dewenter eingeteiltem Zuständigkeitsbereich der Kammwiesen zu Tumulten käme und er seinen Kopf dafür hinhalten müsse.

Der Vogt und der Henker, der seine schon benutzte Pinzette in noch in seiner rechten Hand hielt, um seinem Folteropfer weitere Haare aus der Nase zu ziehen, falls es nötig wäre, hatten nun Gewissheit, dass die toten Fremden über die Kinder und Oswin herfallen sollten. Pater Eduin konnten sie scheinbar ins Jenseits bringen, aber dann musste etwas passiert sein, was sonderbar und ungeklärt war.

Der Gefolterte hatte jedenfalls keine Ahnung vom Geschehen.

Helle glaubte ihm das und fragte den Vogt, wie mit dem Gesandten des Königs weiter verfahren werden sollte.

»Das weiß ich noch nicht, Helle.« antwortete Leogren darauf.

»Ihr lasst mich gehen. Ich weiß, dass ich einen bösen Fehler beging. Dennoch bin ich der ausführende Mann des Königs.« mischte sich der auf der Folterbank Liegende laut ein.

»Der noch nicht genug vom Kitzeln hat, wie mir scheint.« sprach der Henker, legte die Pinzette ab, nahm die Feder wieder auf und berührte den empfindlichen Ondres.

Den durchzuckte es wieder kräftig und er bat lautstark darum, mit dem Kitzeln aufzuhören. Er flehte geradezu, bis er nach einem heiseren Schrei plötzlich still wurde. Das Zucken wurde kurz heftiger und hörte dann auf, aber Helle kannte kein Mitleid und machte mit seiner Pein weiter.

»Helle!« brüllte der Vogt erschrocken und zog den Henker fest am Arm. »Helle! Hör auf! Er rührt sich nicht mehr.«

Mit gerunzelter Stirn blickte der hünenhafte und außergewöhnlich starke Henker Felsgrüns zunächst den Vogt an, bevor er seinen Blick auf den Gefangenen richtete, und ihm dessen weit aufgerissene Augen sagten, dass es ihm nicht gut ging. Gerade zappelte Ondres noch wild, jetzt lagen Arme, Füße und Körper schlaff und ohne Spannung da. Aufgeregt hastete Helle zum Kopf des Regungslosen und schlug mit der flachen Hand links und rechts auf dessen blasse Backen ein. Die Augäpfel stierten hoch zur gewölbten und hohen Holzdecke. Helle fasste mit zwei dicken Fingern an die rechte Halsseite von Ondres und sah kurze Zeit später bedröppelt zum Vogt.

»Herr Vogt, ich, ich glaube, er ist hinüber.« stammelte er mit belegter und ungewohnt kratziger leiser Stimme.

»Hinüber?«

»Tot, Herr Vogt. Das meine ich. Ja, ich denke, der Schafsköttel lebt nicht mehr. Das ist noch nie passiert, Herr.« meinte der Henker fassungslos und musste sich auf einen der umstehenden Schemel setzen, um nicht in die Knie zu gehen.

»Bei Urfried und Urgard! Das darf nicht sein, Helle.« klagte Leogren und sah hilflos auf die Folterbank. »Der Einzige, der noch helfen kann, ist Rudimer.« sprach er aus.

»Na, dann ist es ja gut, dass ich schon da bin.« hörten Leogren Schäfler und Helle den Heilkundigen, der gerade von Ulbricht in die Folterkammer geführt wurde.

Die Beiden waren nicht alleine, denn hinter dem Arzt und dem Heilkundigen traten zwei Gehilfen des Bestatters ein, die schwer mit einem hölzernen Verschlag beschäftigt waren, den sie nun abstellten, nachdem sie ihn die vierundfünfzig Stufen hinab getragen hatten.

»Ist das...?« fragte der Vogt kurz, bevor er ruhig wurde.

Eine Stille trat ein, die der Heilkundige brach. »Schaut mich nicht so an, als ob ich ein schwarzes Schaf wäre. Wo sollte ich denn mit der Leiche hin, he? Glaubt ihr, dass mir meine Alte, äh, meine gute Frau, erlauben würde, den Kerl zuhause auseinanderzunehmen? Außerdem ist es nicht der Erste, den ich hierher bringe.« erklärte Rudimer Heilmann, bevor er merkte, dass er seinen letzten Satz lieber nicht ausgesprochen hätte und einen hochroten Kopf bekam.

»Fürwahr, fürwahr.« stimmte ihm der grinsende Ulbricht zu.

»Aber wem kann ich helfen?« ordnete Rudimer seine Gedanken an die aufgeschnappten Worte vom Vogt und war froh, von seinen Helfern und seinem Studienobjekt abzulenken.

»Ihm hier!« Helle zeigte auf den ruhigen Ondres. »Erst zuckte er noch wild umher, dann rührte er sich gar nicht mehr.«

»Wahre Dichtkunst, die du da sprichst, Henker.« befand Rudimer spottend, bevor er den Regungslosen kurz untersuchte. »Tja, was soll ich sagen? Er wird sich auch nicht mehr rühren. Du hast ihn umgebracht. Es sieht so aus, als ob sein Herz plötzlich aufhörte zu schlagen. Aufgrund der Qualen, die ihm zugeführt wurden. Was hast du nur Abscheuliches getan, Henker?«

»Ich habe ihn zu Tode gekitzelt.« gestand der große Helle.

Zwei

Monte zog die Riemen fest durch.

Anders als er dachte, machte es ihm nichts aus, weil er freiwillig den Platz von dem nun nicht mehr fremden Oswin übernahm, der auf sein Geheiß den alten und kränklichen Nestor ablösen musste. Die Kinder brauchten die Obhut des jungen Mannes.

Die Kinder hatten sich in der Nacht neben ihren Hüter gekauert und waren eingeschlafen. Mit Anbruch des Tages zeigte sich vor allem bei Rino ein anderes Bild. Bei Oswin wurde es dem kleinen Lümmel zu langweilig, weswegen er neugierig umherlief, sobald ihn Monte außer acht ließ. Der Friedsänder selbst hatte sich nämlich als Kindshüter versucht und vollkommen versagt. Nine stellte kaum ein Problem dar, aber diesen für sein Alter wieselflinken Knirps konnte Monte unmöglich im Zaum halten. Ihn mit Gewalt zu züchtigen und Hand an die Kinder zu legen, wie es ihm Pardo und vor allem Racke nahe legten, kam für Monte nicht infrage. Ein halber Vormittag auf See reichte Owetos friedsändischem Freund aus, um gerne Oswins Platz einzunehmen, nachdem Rino auch noch auf das Schiff pinkelte, als Monte kurz einschlummerte.

Racke schimpfte natürlich auf ihn und den Kleinen. Kein Schiffskapitän sah es gerne, wenn in seinem Schiff Wasser auftauchte, mochte es auch nur eine geringe, aber zugleich übelriechende Menge an Flüssigkeit gewesen sein, die das Holz 'tränkte', wie Racke sich ärgerlich beschwerte.

Mit einem nassen Lappen und einem gewissen Ekel säuberte Monte die Schiffsplanken, während Rino die Gelegenheit nutzte, um über ihr Wassergefährt zu rennen und mit Pardo zusammen zu stoßen. Der lachte zwar zuerst nur darüber, aber sein Befehlsgeber warf Monte dann einen scharfen Blick zu.

Als der Junge kurz darauf beinahe über Bord fiel, nachdem er versuchte, auf die Bordwand zu klettern, wurde es Monte zu viel. Er gab resigniert auf, streichelte der braven Nine kurz über den Kopf, ging mit dem lebhaften Jungen zu dem geretteten Fremden und scheuchte ihn von seinem Platz auf.

»Kümmere du dich um ihn. Ich schaffe es nicht. Beim Mond, ein Sack voll Flöhe ist leichter zu hüten als dieser kleine Wirbelwind. Hoch mit dir!«

Monte zog Oswin ruckartig hoch, sodass dem kaum Zeit blieb, das Ruder loszulassen. Ziemlich erleichtert fasste der langbärtige Friedsänder sofort die Stange an und zog durch.

Und es fühlte sich nicht schlimm an. Monte dachte, in ihm würden böse Erinnerungen an seine Peinigungen durch Asgers Peitsche hochkommen, aber es passierte nichts dergleichen. Ihr Schiff ließ sich leicht sowie ohne große Mühe bewegen und niemand verletzte ihn bei seiner Tätigkeit.

Racke übernahm später das Reden mit dem Fremden, während Monte müde zuhörte, wie der Kapitän den Fremden ausfragte und dies der Besatzung und Pardo übersetzte.

Oswin hieß der Kindshüter und erklärte, dass er der Diener des obersten Glaubensmannes in Felsgrün, der Hauptstadt der Kammwiesen war, sich dort um die Kinder kümmerte und vom Pater, der ermordet wurde, wie er erzählte, dahingehend erzogen wurde, nach dessen Ableben selbst Glaubensmann zu werden. Racke kümmerten die Glaubensgeschichten über Urgard und Urfried nicht, die Oswin auf Pardos Fragen bereitwillig nach bestem Wissen und Gewissen beantwortete.

Monte hatte in seiner Zeit im Land der 'Andasier', wie die Friedsänder die Bewohner des fremden Erdenteil Andas nannten, von den göttlichen Zwillingen gehört, schenkte dem Glauben aber wie auch jetzt bei Oswins Ausführungen wenig Aufmerksamkeit, während sein Befehlsgeber Neugier zeigte.

»Monte wird bestimmt gerne bereit sein, dir die seltsamen Geschichten des komischen Glaubens der Andasier von dem Kerl später zu übersetzen, Pardo. Ich denke, es ist wichtiger, zu erfahren, ob er weiß, wie wir in diese Stadt kommen. In dieses Frodeberg.« meinte der ungeduldige Kapitän missmutig.

Monte nahm den Seitenblick Rackes auf ihn wahr, der sich zu schade und zu wichtig fühlte, als sich um die Belanglosigkeiten der Wissbegierde Pardos zu kümmern. Als Antwort zuckte Monte mit den Schultern, bevor er dem weiteren Gespräch lauschte.

Oswin selbst hielt sich noch nie in seinem Leben außerhalb Felsgrüns auf, aber er wurde von dem ermordeten Pater anhand gezeichneter und beschriebener Pergamente dahingehend gut unterrichtet, die wichtigsten Orte, Flüsse, Gebirge oder andere Landschaftsformen »in« Andas zu kennen, wie sich der Kindshüter ausdrückte, da er lesen und schreiben lernte.

Rackes wichtigste Fragen betrafen den Frod, den Fluss, von dem Frodeland und Frodeberg ihren Namen bekamen. Er wollte von Oswin wissen, ob der Frod ins Meer floss und ob er eine ungefähre Ahnung besaß, an welchem Ort das sein könnte.

Ein Lächeln zeigte sich im Gesicht des Befragten, ebenso ein Nicken, bevor er in einer fröhlichen Melodie zum Singen anfing.

»Entsprungen einer Quell in Eichental,

     ein lieblich Bächlein ist's einmal.

Der Bach wird breit und immer breiter,

     fließt durchs schöne Frodeberg und weiter.

Ein Strom, der viele Flüsse nährt,

     und sich auch nicht dem Meer verwehrt.

Durch gelben Sand, neben weißem Stein,

     ergießt er sich ins Meer hinein.

Unser Frod, dessen Name ist bekannt,

     Frodeländer werden wir genannt.«

Während den gesungenen Versen schauten sich Pardo, Racke und Monte verwundert an und ließen den Kindshüter sein inbrünstig vorgetragenes Lied trällern, dem Nine und Rino fröhlich zuhörten und ihn andächtig betrachteten. Nachdem Oswin geendet hatte, klatschte Monte spottend in seine Hände und mischte sich das erste Mal in die Unterhaltung ein.

»Du Sandlutscher! Dir hätte dein Pater eher das Kämpfen als diesen furchtbaren Singsang beibringen sollen. Wenn du ein Schwert so führen könntest wie deine Zunge, hättest du dich zur Wehr setzen können und hättest mich nicht gebraucht. Und jetzt raus mit der Sprache, Kindsmagd.« trieb Monte den von ihm Geretteten nicht gerade nett an, zum Punkt zu kommen.

Zunächst schluckte Oswin seinen Stolz hinunter, bevor er erklärte, dass er tatsächlich glaubte, zu wissen, an welcher Stelle der Frod ins Meer floss und wie es dort aussehen sollte. Zumindest hielten einige Schreiber fest, deren Schriften Pater Eduin vorlagen und die dieser sammelte, dass der Frod sich breit gefächert und dort flach in salziges Wasser schlängelte, wo vom Frod aus gesehen auf der linken Seite eine fast endlos lange, hohe und graue, beinahe weiße Felswand sein sollte. In den Schriften stand geschrieben, dass man sich an dem langen Fels halten sollte, um hinaus zu kommen, weil das große Meer dort ausreichend tief war, um nicht aufzulaufen, wie es auf der rechten Seite passieren konnte, die von einem langen und breiten Sandstrand begrenzt wurde. Die Schreiber berichteten davon, dass zu unterschiedlichen Tageszeiten der Fluss oder das Meer beinahe verschwand. Außer auf seiner linken Seite.

Der Kindshüter legte seine Erzählung vollkommen glaubhaft dar und Monte erinnerte sich an manche Erzählung Hegelinds, den er als Freund zählte, als er mit Silas und Oweto bei den Frodeländern Kämpfern unter König Rotward weilte. Monte kam ins Gedächtnis zurück, dass Hegelind und auch Leute in Frodeberg davon sprachen, dass sich der Frod in seiner Mündung unendlich breit zeigte. Nachdenklich nickte er still und bemerkte nicht, dass er von Pardo und Racke beobachtet wurde.

»Ich sehe, du glaubst dem Kerl, Monte.« befand der Befehlsgeber.

»Und du, treuer Racke? Mir scheint, wir haben einen guten Fang mit den Kindern und ihrem Hüter gemacht. Verpflegung haben wir genug, möchte ich meinen. Eine bessere Möglichkeit, zu diesem reichen Ort zu gelangen, werden wir kaum bekommen.« lotete Pardo mit seinen Sätzen die Meinung des Kapitäns aus.

»In der Tat.« lautete dessen gemurmelte Zustimmung.

»Beim Mond, seinen Heiligen oder auch diesen göttlichen Zwillingen. Ich sage, wir versuchen, die Stelle zu finden.« bellte Pardo laut in der Sprache Friedsands und erntete gemischte Gefühle bei seinen Untergebenen, von denen einige wahrscheinlich gedacht hatten, dass sie nach Hause fuhren, nachdem sie den Hafen Felsgrüns verließen.

Anfangs folgte das friedsändische Schiff unter der Führung Rackes der flacheren Küstenlinie Kammwiesens. Hin und wieder bekamen die neugierigen Fremden an den Ufern Menschen zu sehen, die dort in kleinen Siedlungen vom Fischfang lebten. Sie ließen die Leute in Ruhe und bald wurde das Land am Meer steiler, felsiger und Bäume ragten grün über den Felsen empor.

Zugleich regnete es leicht und Oswin sowie die Kinder durften unter das kleine Deck, um sich zu schützen, während Monte fluchend rudern musste, da ihr Segel aufgrund der beinahe vollständigen Windstille schlaff herunterhing und ihrem Gefährt nicht die nötige Kraft gab, vorwärts zu kommen.

Nach einer Nacht, in der sie in einer ruhigen Bucht festmachten, kamen die Friedsänder am nächsten Morgen an die Mündung eines größeren Flusses. Monte fragte sich, ob dies der Frod sein könne, jedoch sah er weder einen großen weißen Felsen noch einen Strand. Um die Ufer des breiten Gewässers standen Bäume und Sträucher auf felsigem Grund. Oswin verneinte bei Rackes Frage, ob dies ihr Ziel sein könnte. Der Kindshüter vermutete, dass es sich um das größte Fließgewässer Weissenstamms handeln könne, welches in den Schriften des Paters, die er erlernen musste, 'Lione' genannt wurde.

Also ging ihre Reise auf dem Salzwasser weiter.

In den Zeiten, in denen sich der kleine lebhafte Junge ruhig und brav zeigte, konnte Oswin Monte und Racke einige Geschichten über das Land erzählen, dass sie gerade umschifften. Der Lione sei als ungestümer Fluss bekannt und entsprang tief im Inneren des Frodeländer Landesteils, der für seine als ruppig und dümmlich gehaltenen Einwohner bekannt war, wovon die Meisten in der größten Siedlung Weissenstamms lebten, die Lionbirgig mit Namen hieß. Die Leute in dieser Stadt verdienten ihren Unterhalt vor allem mit dem Fällen der dort vorkommenden großen weißstämmigen Birken, die dem Ort zusammen mit dem Fluss vor langer Zeit seinen Namen gaben, sowie deren Verarbeitung. Nicht nur in einigen Schriften hatte Oswin darüber gelesen, sondern Pater Eduin erzählte ihm bisweilen von verschiedenen Orten Frodelands, da er früher durch das ganze Land und übers Meer reiste, als er noch nicht der oberste Glaubenshüter Felsgrüns und der Kammwiesen war. Urgard und Urfried zeigten sich Oswin gnädig, denn man bestimmte Pater Eduin als höchsten Glaubensmann, als dieser damals noch nicht lange von seiner mehrjährigen Seereise zurückgekehrt war und Oswin kurz darauf vor dem Verlust seiner Hand rettete, indem er ihn vor der festgelegten Bestrafung seines Diebstahls in Schutz und seine Fittiche als Novize aufnahm. Dankbarkeit spürte er für den verblichenen Eduin, aber noch immer grollte er innerlich darüber, dass der Pater versuchte, der armen kleinen Nine die Lebensblume aus ihrem Rücken zu kratzen. Die Schläge und Züchtigungen, die er mehrere Jahre lang von seinem Meister aushalten musste, vergaß Oswin oder versteckte sie in der tiefsten Ablage seiner Gedanken. Jetzt spürte er genug Aufregung, mit Rino und Nine unter vollkommen fremden Menschen zu sein, seltsamerweise jedoch empfand er keine Angst. Seinem langbärtigen Lebensretter schuldete er großen Dank und er schämte sich insgeheim, diesen Dank wegen eines Gefühls von Stolz und einer gewissen Furcht nicht auszusprechen zu können. Die anderen Fremden auf dem Schiff zeigten sich ihm und den Kindern gegenüber alles andere als feindlich. Na gut, bis auf den grimmigen Kapitän vielleicht, der als einziger Kerl außer Monte die Sprache Andas verstand und selbst sprechen konnte. Die friedsändische Zunge klang häufig ähnlich, trotzdem konnte Oswin den Unterhaltungen auf dem Boot nicht folgen, so sehr es auch versuchte.