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Der brutale Doppelmord an den tiefgläubigen Owens erschüttert Cape Refuge, eine kleine Insel vor der Küste Georgias. Alles deutet darauf hin, dass Polizeichef Cades bester Freund, der hitzköpfige Schwiegersohn der Opfer, der Täter ist. Aber Cade ist nicht überzeugt, denn die Owens führten ein Übergangshaus für entlassene Strafgefangene, das weit fragwürdigere Gestalten beherbergt. Und auch Blair, die Tochter der Ermordeten, gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Zusammen mit ihrer Schwester will sie den Dingen auf den Grund gehen. Wer steckte wirklich hinter dem Mord? Wo war Gott, als ihre Eltern ermordet wurden? Was soll nun aus dem Übergangshaus werden? Und ... hat der Mörder es auch noch auf Blair und ihre Schwester abgesehen?
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2011
Der brutale Doppelmord an den tiefgläubigen Owens erschüttert Cape Refuge, eine kleine Insel vor der Küste Georgias. Alles deutet darauf hin, dass Polizeichef Cades bester Freund, der hitzköpfige Schwiegersohn der Opfer, der Täter ist. Aber Cade ist nicht überzeugt, denn die Owens führten ein Übergangshaus für entlassene Strafgefangene, das weit fragwürdigere Gestalten beherbergt.
Und auch Blair, die Tochter der Ermordeten, gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Zusammen mit ihrer Schwester will sie den Dingen auf den Grund gehen. Wer steckte wirklich hinter dem Mord? Wo war Gott, als ihre Eltern ermordet wurden? Was soll nun aus dem Übergangshaus werden? Und … hat der Mörder es auch noch auf Blair und ihre Schwester abgesehen?
Die amerikanische Autorin Terri Blackstock fand bereits im Alter von 14 Jahren zum Glauben an Jesus Christus. Doch zunächst schrieb sie erfolgreich unter zwei Pseudonymen, ohne dass sich ihr Glaube in ihren Büchern widerspiegelte. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs erlebte sie dann aber eine „geistliche Erweckung“, wie sie es selbst bezeichnet. Seitdem nutzt sie ihre Fähigkeiten für Gott und schreibt nur noch Bücher, die auf Jesus Christus hinweisen. In ihren Romanen verbindet sie nun auf unnachahmliche Weise spannende Unterhaltung mit tiefgründigen Fragen zum christlichen Glauben. Weltweit wurden bereits mehr als sechs Millionen Exemplare ihrer Bücher verkauft und ihre Romane standen mehrfach auf den Bestseller-Listen der New York Times.
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Aus dem Englischen von Rebekka Wetter
Die Bibelzitate sind der überarbeiteten Elberfelder-Übersetzung
(Edition CSV-Hückeswagen) entnommen.
Originally published in the U.S.A. under the title: Cape Refuge
Copyright © 2002 by Terri Blackstock
Translation Copyright © 2011 by Terri Blackstock
Translated by Rebekka Wetter
Published by permission of Zondervan, Grand Rapids, Michigan
www.zondervan.com
Titelfotos:
© Project Photos (Veranda), © olly / Fotolia.com (junge Frau)
Foto Autoreninfo: Robert Neumann
Umschlaggestaltung und Satz: DTP-MEDIEN GmbH, Haiger
eBook Erstellung: eWort, Stefan Böhringer, Regenstauf
Paperback:
ISBN 978-3-942258-01-2
Art.-Nr. 176.801
eBook (ePub):
ISBN 978-3-942258-51-7
Art.-Nr. 176.851
Copyright © 2011 BOAS media e. V., Burbach
Alle Rechte vorbehalten
www.boas-media.de
Dieses Buch entstand aus Liebe zu dem Nazarener,
Danksagung
Oft werde ich gefragt, ob die Figuren in meinen Romanen auf realen Personen beruhen. Doch gewöhnlich ist dies nicht der Fall. In Gefährliche Zuflucht weiche ich allerdings ein wenig von diesem Grundsatz ab. Thelma und Wayne Owens basieren auf zwei guten Freunden von mir – Nicki und Dick Benz, den Initiatoren von Buried Treasures Ministry[1] in Jackson, Mississippi. Buried Treasures Ministry entstand, als Nicki begann, die Frauen im Hinds County Detention Center[2] zu besuchen und jedes Treffen damit eröffnete, jeder Frau einzeln Gottes Segen zu wünschen, ihr dabei in die Augen zu sehen und ihr zu sagen, dass sie für Gott wertvoll sei. Diese Frauen wurden den größten Teil ihres Lebens wie Dreck behandelt und betrachteten sich auch selbst als Dreck. Manche von ihnen haben eine schreckliche Vergangenheit. Und ihre Zukunft ist trostlos. Doch die Wahrheit über ihren Wert für Jesus Christus rührt sie zu Tränen. Dann lauschen sie der Botschaft, die Nicki und die anderen von Buried Treasures ihnen und ihren Kindern im Rahmen von Bibelarbeit, Unterricht für Eltern und Pfadfindergruppen sowie in weiterführenden Diensten nach ihrer Entlassung bringen.
Aber der Kampf ist nicht einfach und der Feind kämpft verbissen um sie, wenn sie wieder draußen in der Welt sind. In vielen Fällen haben sie bei ihrer Entlassung nicht einmal genug Geld, um eine Woche zu überleben. Dann kehren sie zu ihren Partnern, Familien, Freunden, Zuhältern und Drogendealern zurück, die sie auf den falschen Weg bringen. Oft verfallen sie wieder in ihre alten Gewohnheiten und landen schließlich erneut im Gefängnis.
Aus diesem Grund legte der Herr Nicki und Dick die Gründung des Buried Treasures Home[3] aufs Herz. Wenn es fertiggestellt ist, wird es ein Übergangsheim für Frauen sein, die dort für ein Jahr oder länger wohnen können, um sich wieder im Leben zurechtzufinden, zu lernen und ein neues Leben mit Jesus Christus zu beginnen. Genau wie das Hanover House in diesem Buch wird es ein Ort der Zuflucht sein. Das Buried Treasures Home wird darüber hinaus aber weitere Möglichkeiten bieten und es den Bewohnern ermöglichen ihre Ausbildung abzuschließen, intensive Bibelstudien zu betreiben, zu lernen gute Eltern zu sein, sich beruflich zu entwickeln und stark im Glauben an Jesus Christus zu werden, damit sie dann in der Lage sind, dem Bösen zu widerstehen, wenn sie wieder selbstständig sind. Das erste Heim wird in Mississippi entstehen, aber ihr Traum ist es, Heime wie dieses im ganzen Land aufzubauen.
Im Gegensatz zu Thelma und Wayne leben Nicki und Dick noch und ich habe viel von ihnen darüber gelernt, Frucht für das Reich Gottes zu bringen, mit der Liebe Jesu Christi zu lieben und im Werk Jesu Christi zu arbeiten.
Die englischsprachige Internetseite www.terriblackstock.com enthält weitere Informationen über Terri Blackstock und ihre schriftstellerische Arbeit.
Vorwort
Cape Refuge ist eine frei erfundene Insel, die ich östlich von Savannah, Georgia, an der Atlantikküste platziert habe. Zur Recherche war ich für einige Zeit auf Tybee Island, einer reizvollen, kleinen, am Strand gelegenen Ortschaft in der Nähe von Savannah. Viele meiner Ideen über das Leben in Cape Refuge habe ich dort gesammelt.
Direkt südlich von Tybee gibt es eine weitere Insel, die Little Tybee Island genannt wird, ein unbewohntes, sumpfiges Naturschutzgebiet. Für diesen Roman verwandelte ich Little Tybee Island mit ein paar Veränderungen des Geländes und der Küstenlinie in Cape Refuge. Ich hoffe, dass mir die liebenswürdigen Küstenbewohner von Georgia das verzeihen werden.
Großen Dank schulde ich J. R. Roseberry, dem Redakteur und Herausgeber der Tybee News, für seine Hilfe bei meinen Recherchen.
Die Klimaanlage des Rathauses war defekt und warme, salzige Luft wehte durch die offenen Fenster vom Strand auf der anderen Straßenseite herein. Morgan Cleary fächelte sich Luft zu und wünschte, sie hätte sich nicht so schick angezogen. Sie hätte sich denken können, dass sie die Einzige sein würde. Der Bürgermeister war in Shorts und ein T-Shirt gekleidet, das für sein Lieblingsbier warb. Einer der Stadträte trug einen Panamahut und Flip-Flops. Sarah Williford, das neuste Mitglied des Stadtrates von Cape Refuge, sah aus als sei sie gerade vom Surfen gekommen und habe sich nicht einmal die Mühe gemacht, vorher zu duschen. Sie trug ein hautenges, elastisches Top, das wie ein Badeanzug aussah, und abgeschnittene Jeans. Ihr langes Haar hätte eine Bürste vertragen können.
Die Mitglieder des Stadtrats saßen arrogant in ihren viel zu teuren Chefsesseln und wippten entspannt vor und zurück. Ihre Kritiker - zu denen fast jeder in der Stadt gehörte - meinten, das Geld hätte besser für die Reparatur der Schlaglöcher in den Straßen der Insel ausgegeben werden sollen. Aber Morgan war froh, dass der Rat es bequem hatte. Sie wollte nicht, dass sie angespannt waren, wenn ihre Eltern sprachen.
Der Bürgermeister leitete in seiner eintönigen Sprechweise zum nächsten Punkt der Tagesordnung über. „Ich wollte Quallen-Warnschilder für einige der beliebtesten Stellen am Strand vorschlagen, aber Doktor Spencer sagte mir, er habe letzte Woche nicht so viele Patienten mit Quallenbissen gehabt.“
„Moment mal, Fred“, unterbrach Sarah ohne Mikrofon. „Nur weil sie eine Woche nicht gebissen haben, heißt das nicht, dass sie auch in der nächsten Woche nicht beißen. Mein Laden würde der Stadt einen guten Preis für den Entwurf eines Schildes machen, das die Leute an allen Stränden vor möglichen Quallenangriffen warnt.“
„Quallen greifen nicht an“, sagte der Bürgermeister und seine mikrofonverstärkte Stimme ließ alle hochfahren.
„Hm, ich sehe, dass Sie noch nie von einer gebissen worden sind.“
„Wie wollen Sie ein Bild von ihnen zeichnen, wenn man sie kaum sehen kann?“
Alle lachten und Sarah gab einen Kommentar zurück, den man aber wegen des Lärms nicht hören konnte.
Morgan lehnte sich über Jonathan, ihren Ehemann, und stupste ihre Schwester an. „Blair, was sollen wir machen?“, flüsterte sie. „Wir sind gleich dran. Wo sind Mama und Papa?“
Blair, die amüsiert die Szene vorne im Raum beobachtete, wandte den Blick von dort weg und sah auf ihre Uhr. „Jemand muss nach ihnen schauen“, flüsterte sie. „Sieh dir diese Leute an. Ich bin so stolz, sie als meine gewählten Vertreter zu haben.“
„Das hier ist reine Zeitverschwendung“, sagte Jonathan. Er war den ganzen Tag ärgerlich gewesen, vor allem auf Morgans Eltern, aber auch auf sie selbst. Sein wettergegerbtes Gesicht war vom Fischen sonnenverbrannt, aber er hatte sich gewaschen und frisch rasiert. Letzte Nacht hatte er nicht viel geschlafen und man konnte ihm die Müdigkeit am Gesicht ansehen.
„Warte ab“, sagte sie und streichelte seinen Arm. „Wenn Mama und Papa kommen, wird es sich lohnen.“
Er legte seine Hand über ihre - eine stille Versicherung, dass er den Ärger dieses Morgens vergessen wollte - und stand auf. „Ich werde sie suchen.“
„Gute Idee“, sagte Morgan. „Sag ihnen, dass sie sich beeilen sollen.“
„Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, flüsterte Blair. „Wir haben noch jede Menge Krempel abzuhandeln, bevor sie über die Schließung unserer Frühstückspension reden. Stell dir vor, da ist dieses Stoppschild unten bei Pine & Mimosa. Und auf dem Parkplatz von Goodfellows Lebensmittelladen ist eine Glühbirne kaputt.“
„Bevor wir fortfahren“, sagte Bürgermeister Fred Hutchins und studierte seine Notizen, als würde er ein Thema von äußerster Wichtigkeit ansprechen, „möchte ich euch mitteilen, dass mir Chief Cade von der Polizeistation Cape Refuge berichtet hat, er habe mehrere Hinweise auf die Person oder die Personen, die den Haufen Schotter auf meinen Parkplatz gekippt haben.“
Ein Kichern ging durch den Raum, und der Bürgermeister blickte finster um sich. „Der Täter wird bestraft werden.“
Blair konnte ihr Lachen nicht länger unterdrücken und Morgan schlug ihr auf den Arm. „Psst.“ Morgan versuchte sich zu beherrschen und nicht zu grinsen. „Du machst ihn wütend.“
„Ich stelle mir gerade eine landesweite Fahndung nach dem Flüchtigen im Kipplaster vor“, sagte Blair, „der auf einer Schotter-Abkipp-Tour durch ganz Georgia ist.“
Morgan bemerkte, dass der Bürgermeister sie ansah und versetzte ihrer Schwester erneut einen Schlag. Blair atmete schnell ein und versuchte, sich zusammenzureißen.
„Die Owens sind immer noch nicht da?“, fragte er.
Während Morgan nach hinten zur Tür sah, sprang Blair auf. „Nein, Fred, sie sind nicht hier. Warum nehmen Sie den Punkt nicht von der Tagesordnung und verschieben ihn auf nächste Woche? Ich bin sicher, dass etwas dazwischen gekommen ist.“
„Vielleicht haben sie gar nicht vor zu kommen“, sagte der Bürgermeister.
„Machen Sie sich keine Hoffnungen“, schoss Blair zurück. „Sie wollen sie zwingen, ihren Betrieb zu schließen. Sie werden ganz sicher kommen.“
„Nun, wir haben lange genug gewartet“, sagte Hutchins ins Mikrofon und eine Rückkopplung quietschte durch den Raum. Alle hielten sich die Ohren zu, bis Jason Manford sich hinkniete und am Regler drehte. „Wir haben das Thema heute Abend schon zweimal zurückgestellt“, fuhr er fort. „Wenn wir heute noch mal hier rauskommen wollen, sollten wir jetzt mit der Diskussion beginnen.“
Morgan stand auf. „Herr Bürgermeister, irgendetwas stimmt da nicht. Jonathan ist gegangen, um sie zu suchen. Bitte, geben Sie uns noch ein paar Minuten.“
„Wir werden nicht länger warten. Wenn jemand von Ihrer Partei etwas zu sagen hat ...“
„Was haben Sie vor, Bürgermeister?“ Blair krempelte die Ärmel hoch und schob sich an den Knien und Füßen in ihrer Reihe vorbei. „Wollen Sie uns ohne Anhörung fertigmachen? Das ist nicht mal rechtlich zulässig. Sie könnten ganz schnell ein Verfahren am Hals haben. Dann hätten Sie keine Zeit mehr, sich über Quallen und Schotter Gedanken zu machen. Und was würde die Stadt dann nur ohne Sie machen?“
Trotzig marschierte sie an den Zuschauern auf den Stehplätzen an der Wand vorbei nach vorne zum Mikrofon. Morgan hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Blair war nicht gerade die Diplomatischste in ihrer Familie. Sie war eine ungeduldige Intellektuelle, die ihre größte Erfüllung in den Büchern der Bibliothek fand, die sie führte. Sie empfand andere Menschen als eine Art Belästigung und fand deren Engherzigkeit unverzeihlich.
Blair stemmte die Hände in die Hüften. „Ich wollte Ihnen schon lange mal meine Meinung sagen, Fred.“
Die Leute begannen laut miteinander zu reden und der Bürgermeister schlug mit seinem Hammer auf den Tisch, um sie zum Schweigen zu bringen. „Wie Sie wissen, junge Dame, sind die Mitglieder des Stadtrats und ich uns einig, dass die Bekanntheit, die das Hanover House durch die Reportage im TV-Nachrichtenmagazin vor ein paar Monaten erlangt hat, eine ganz neue Situation für diese Stadt bedeutet. In dem Beitrag wurde deutlich, dass Ihre Familie jeden hergelaufenen Kerl mit zweifelhafter Vergangenheit aufnimmt, und es wurden sogar bestimmte Dinge über einen Ihrer derzeitigen Bewohner veröffentlicht, die die Bevölkerung dieser Stadt in Unruhe und Schrecken versetzt haben. Wir wollen keine Zuflucht für Ex-Sträflinge mit Bewährungshelfer sein, sondern eine familienfreundliche Touristenstadt. Daher glauben wir, dass das Hanover House eine Bedrohung für diese Stadt ist und im besten Interesse der Stadt gemäß Bauordnungsbestimmung Nr. 503 geschlossen werden sollte.“
Mit verschränkten Armen wartete Blair geduldig die Rede des Bürgermeisters ab. „Bevor wir uns mit der Absurdität Ihrer armseligen Versuche befassen, das Hanover House zu schließen, nur weil meine Eltern ihren Wahlkampf nicht unterstützt haben ...“ Beifallsrufe wurde laut und Blair legte sofort nach. „Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass Cape Refuge seinen Namen der Arbeit der Hanovers verdankt, die die Pension vor meinen Eltern führten. Es war eine Zuflucht für Menschen, die am Ende waren, die sonst keinen Ort mehr hatten, wo sie hingehen konnten. Ich glaube, wir haben viel mehr von einem Ex-Sträfling zu befürchten, der mit ein bisschen Kleingeld in der Tasche, aber ohne Aussicht auf einen Job oder ein Zuhause entlassen wird, als von denen, die Jobs und eine Unterkunft und die Unterstützung von Menschen haben, die sich für sie interessieren.“
Morgan konnte kaum glauben, dass sie diese Worte aus dem Mund ihrer Schwester hörte. Blair hatte nie Verständnis für die Berufung ihrer Eltern gehabt, den Bedürftigen zu helfen, und sie arbeitete auch nicht in der Pension mit. Wenn man sie so reden hörte, konnte man meinen, sie würde im Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit, den ihre Eltern führten, an vorderster Front mitkämpfen.
„Das Hanover House ist eines der ältesten Häuser auf der Insel und Teil unserer Tradition“, fuhr Blair fort. „Und ich finde es sehr aufschlussreich, dass Sie sich alle über das aufregen, was dort öffentlich getan wird, während das Treiben in Betty Jeans geheimem Etablissement für Männer immer noch ungestört weitergeht.“
Wieder ging ein Raunen durch den Saal. Entsetzt stand Morgan von ihrem Platz auf. Schnell versuchte sie, aus ihrer Sitzreihe zu schlüpfen und flüsterte dabei ihren Sitznachbarn zu: „Es tut mir leid, es tut mir so leid. Ich wusste nicht, dass sie so etwas sagen würde. Sie meint es nicht so, sie sagt einfach, was ihr gerade in den Sinn kommt.“
„Übrigens, Fred“, fügte Blair überlaut hinzu, „mir ist aufgefallen, dass Sie keine Schwierigkeiten haben, bei ihr einen Parkplatz zu finden.“
Der Bürgermeister sprang aus seinem Sessel auf, den Mund fassungslos vor Empörung geöffnet. Morgan trat bei dem Versuch, zu ihrer Schwester zu gelangen, wenigstens drei Leuten auf die Füße. Sie war überzeugt davon, dass Blair aus dem Saal geworfen und das Hanover House noch vor Einbruch der Nacht dem Erdboden gleichgemacht würde.
„Sie meint das nicht so“, rief Morgan über die Menschenmenge hinweg, während sie sich weiter nach vorn kämpfte. „Ich bin sicher, dass sie Ihr Auto nie bei Betty Jean gesehen hat, nicht wahr, Blair? Bitte Herr Bürgermeister, wenn ich ein paar Worte sagen dürfte ...“ Als sie endlich vorne ankam, warf sie Blair einen tadelnden Blick zu.
Aber Blair gab das Mikrofon nicht ab. „Und ich möchte hinzufügen, Herr Bürgermeister, dass Ihre eigenen Eltern wegen Joe und Miranda Hanover und dieser Pension auf diese Insel kamen. Wenn ich mich richtig erinnere, tötete Ihr Vater versehentlich einen Mann und kam hierher, um auf seinen Prozess zu warten.“
Die Adern an Freds Hals traten hervor und sein Gesicht war so rot, dass Morgan befürchtete, sein Kopf würde platzen. „Mein Vater wurde nie verurteilt“, rief er. „Und wenn Sie andeuten wollen, dass er vom gleichen Schlag war wie die Kriminellen, die das Hanover House bevölkern, liegen Sie völlig falsch.“
Morgan griff erneut nach dem Mikrofon, während sie sich in Gedanken bereits eine Rede zur Schadensbegrenzung zurechtlegte, aber ihre Schwester hielt das Mikrofon fest umklammert.
„Als meine Eltern die Pension von den Hanovers übernahmen“, fuhr Blair unbeeindruckt fort, „übernahmen sie auch deren Regel, niemals jemand illegal zu beherbergen. Sie wissen, dass mein Vater bereits mit diesen Menschen arbeitet, während sie noch inhaftiert sind, und er nimmt nur diejenigen auf, denen er vertraut und die einen Neuanfang machen wollen. Das Hanover House ermöglicht es solchen Menschen, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden ... im Gegensatz zu manchen Mitgliedern unseres Stadtrats.“
Wieder wurde Beifall und Gelächter laut. Morgan packte Blairs Arm und bedeckte das Mikrofon mit ihrer Hand. „Du ziehst die Sache ins Lächerliche“, flüsterte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Mama und Papa werden sich schämen. Damit ist uns nicht geholfen.“
„Ich mache das schon“, sagte Blair und riss das Mikrofon wieder an sich.
Morgan drängte sich dazwischen. „Herr Vorsitzender ... ähm ... Herr Bürgermeister ... meine Damen und Herren, ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Schwester. Ich wusste wirklich nicht, dass sie so etwas sagen würde.“
Blair trat neben sie und starrte sie an wie einen Verräter.
„Aber ich glaube, wir sind etwas vom Thema abgekommen. Tatsache ist, dass im Hanover House nicht nur Menschen untergebracht sind, die aus dem Gefängnis entlassen wurden. Es wohnen auch andere dort, die sonst kein Zuhause haben.“
Art Russell griff nach dem Mikrofon des Bürgermeisters, was dazu führte, dass eine Rückkopplung durch den Raum hallte. „Ich glaube nicht, dass Cape Refuge mit einem Haufen heimatloser Leute gedient ist.“
„Nun, das haben Sie nicht zu entscheiden, nicht wahr, Art?“, fragte Blair so laut, dass ihre Stimme die Lautsprecher übertönte.
„Bitte, meine Damen und Herren“, sagte Morgan und versuchte, ihrer sanften Stimme einen festen Klang zu geben, „die Frage ist doch, ob im Hanover House etwas Illegales passiert. Und so lange das nicht der Fall ist, haben Sie keinen Grund, unsere Pension zu schließen.“
Die Menge applaudierte wieder. Doch Sarah, die Stadträtin im Badeanzug, zerrte das Mikrofon über den Tisch. Das Kabel war nicht lang genug, daher beugte sie sich vor. „Wenn in der Pension keine gefährlichen Leute wohnen, warum wurde dann in dem Fernsehbericht gesagt, Gus Hampton sei wegen bewaffneten Raubes inhaftiert gewesen und habe seine Strafe nicht einmal voll abgesessen? Und wie kommt es, dass Ihr Mann erst heute Morgen am Hafen mit Ihren Eltern über Hampton gestritten hat? Ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Jonathan möchte nicht, dass Sie in Hamptons Nähe sind. Das hat er laut und unmissverständlich gesagt.“
Blair durchbohrte Morgan mit ihrem Blick. „Warum hast du mir das nicht erzählt?“, flüsterte sie.
„Es war nicht wichtig“, zischte Morgan zurück. „Ich dachte doch nicht, dass du für uns sprechen würdest.“
Die Ratsmitglieder horchten auf. Sie hörten auf zu schaukeln und warteten auf eine Antwort. „Wenn vom Hanover House keine Gefahr ausgeht, wie kommt es dann, dass Ihre eigene Familie darüber streitet?“
Blair versuchte sich zu sammeln. „Wenn Jonathan zurück ist, können Sie ihn fragen, Sarah. Aber in der Zwischenzeit haben wir eine einfache Frage zu klären. Haben Sie das Recht, das Hanover House zu schließen? Und wenn Sie es versuchen, haben Sie die nötigen finanziellen Mittel für den Rechtsstreit, der dann auf diese Stadt zukommen wird ... und vielleicht sogar auf jeden von Ihnen persönlich?“
„Sie können keine Klage einreichen“, sagte Fred, dessen Gesicht immer noch gerötet war.
„Warten Sie’s ab“, schnappte Blair. „Und auch die Chancen für Ihre Wiederwahl wären ziemlich gering, denn die Menschen in dieser Stadt lieben meine Eltern. Fast jeder in dieser Stadt hat schon auf die eine oder andere Weise von ihrer Freundlichkeit profitiert.“
Wieder wurde applaudiert und Beifallsrufe bekräftigten Blairs Worte. Aber Morgan war sich im Klaren darüber, dass nicht das Geschrei der Leute über das Schicksal des Hanover Houses entscheiden würde. Es waren die verärgerten Mitglieder des Stadtrats, die in ablehnender Haltung dasaßen, weil Blair sie beleidigt hatte.
„Manche nennen es Freundlichkeit, andere nennen es Naivität“, sagte der Bürgermeister. „Ihre Eltern würden alles glauben, was man ihnen erzählt. Nur weil irgendein Sträfling behauptet, er wolle sich ändern, heißt das nicht, dass er es auch tut.“
„Gott sei Dank, dass man Ihrem Vater geglaubt hat“, sagte Blair. „Sonst säßen Sie heute wahrscheinlich nicht in einem überteuerten Stuhl auf dieser Insel!“
Wieder ging ein amüsiertes Raunen durch die Menge. Morgan presste die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen und fragte sich, wo ihre Eltern blieben. Wenn sie jetzt kommen und das Mikrofon übernehmen würden, könnten sie die Situation vielleicht gerade noch retten.
Während der Bürgermeister bemüht war, die Menge wieder zu beruhigen, versuchte Morgan ihre Schwester mit einem flehentlichen Blick davon zu überzeugen, ihr das Mikrofon zu übergeben und nicht noch mehr Schaden anzurichten. Aber als Blair ihr mit einem vernichtenden Blick antwortete, wusste Morgan, dass sie die Sache bis zum Ende durchziehen würde. Die Brandnarbe auf der rechten Seite von Blairs Gesicht war so rot wie das Gesicht des Bürgermeisters. Blair sah immer so aus, wenn sie aufgebracht war, und das erinnerte Morgan an die eine verletzliche Stelle ihrer Schwester. Diese unvollkommene Hälfte ihres Gesichts war der Grund, warum sie noch unverheiratet und einsam war, und hatte viel mit ihrem leicht reizbaren Temperament zu tun, das gerade wieder zum Vorschein kam.
„Ruhe bitte! Meine Damen und Herren, Ruhe!“, brüllte Hutchins und schlug mit seinem Hammer auf den Tisch, als wolle er einen Nagel einschlagen.
Das Geräusch einer Sirene übertönte den Lärm, unterbrach die Worte des Bürgermeisters und brachte die Menge zum Schweigen. Diejenigen, die mit Morgan und Blair an der östlichen Seite des Gebäudes standen, reckten ihre Hälse, um aus dem offenen Fenster zu sehen und herauszufinden, wohin die Feuerwehrfahrzeuge und Polizeiwagen fuhren. Als immer mehr Fahrzeuge mit heulender Sirene und Blaulicht vorbeifuhren, wurde Morgan klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Die Insel war klein und man hörte nicht oft Sirenen. Dass jetzt gleich so viele auf einmal heulten, war beunruhigend.
Als plötzlich die Eingangstür aufging, drehten sich alle erwartungsvoll um. Polizeichef Matthew Cade, den seine Freunde einfach „Cade“ nannten, stand da und sah suchend von einem zum nächsten. Sein bleiches Gesicht bildete einen starken Kontrast zu seinen dunklen, zerzausten Haaren.
Sein Blick blieb an den Schwestern hängen, die noch immer vorne standen. „Blair, Morgan, ich muss sofort mit euch beiden reden.“
Schreckerfüllt sah Morgan ihre Schwester an.
„Was ist passiert, Cade?“, fragte Blair.
Er räusperte sich und schluckte mühsam. „Wir müssen uns beeilen“, sagte er. Dann stieß er die Tür noch weiter auf, blieb daneben stehen und sah sie auffordernd an.
Was auch immer passiert war, Morgan merkte, dass er es nicht vor all diesen Menschen sagen konnte oder wollte. Etwas Schreckliches musste geschehen sein.
Die engste Freundin ihrer Mutter, Melba Jefferson, berührte sanft Morgans Rücken. „Oh, Liebes.“
Morgan nahm Blairs Hand. Als sie hinausgingen, trat die Menge schweigend zurück. Cade führte sie nach draußen in das Licht der untergehenden Sonne und zu seinem Streifenwagen.
Jonathan Cleary lenkte seinen Transporter in die geschotterte Einfahrt des Hanover Houses und parkte im Schatten der Myrtenbäume, die in den wolkenlosen Himmel hinaufreichten. Die Haustür des großen, gelben Hauses stand gewöhnlich offen und man konnte von der Einfahrt durch die Glastür des Windfangs in die einladende Diele sehen.
Er schaute zu den drei Lebensbäumen an der Seite des Hauses, wo Thelma und Wayne immer ihren alten Buick Regal parkten. Er war nicht da, ebenso wenig wie Gus Hamptons alter schwarzer Pickup und der kleine Honda, den Rick Morrison fuhr.
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilte er die Verandatreppe hinauf und durch die Korridortür.
„Thelma! Wayne!“, rief er, als er in die Diele trat. Da er keine Antwort erhielt, stieg er ein paar Stufen der Innentreppe hinauf und spähte in den ersten Stock. Thelma und Waynes Schlafzimmer schien leer zu sein.
Vielleicht waren sie schon im Rathaus und hielten ihre Rede, wobei sie zweifellos die Risiken, die sie in diesem Haus täglich auf sich nahmen, beschönigen würden. Er ging weiter die Treppe hoch und schaute in sein eigenes Schlafzimmer. Morgan hatte die Tür offen gelassen, obwohl er sie wiederholt gebeten hatte, sie abzuschließen. Er fand den Gedanken, dass jeder seine privaten Dinge stehlen konnte, beunruhigend. Die Bewohner des Hanover Houses hatten durchaus keine unbescholtene Vergangenheit. Es war nicht ungewöhnlich, dass jemand hier wohnte, der eine Haftstrafe wegen bewaffneten Raubes abgesessen hatte. Morgans Vertrauen in das „neue Leben“ der Bewohner grenzte an Naivität. Aber das war wohl nicht verwunderlich. Schließlich hatten ihre Eltern ihr das jahrelang eingeimpft.
Nachdem er die Schlafzimmertür verschlossen hatte, ließ er seinen Blick durch den Flur über die verschlossenen Türen der Bewohner schweifen. Sie trauten einander längst nicht so, wie Morgan oder ihre Eltern es taten.
Er eilte die Treppe wieder hinunter und suchte beim Telefon nach einer Notiz oder Nachricht, aber er fand nichts.
Er verließ das Haus wieder und schloss die Haustür hinter sich ab. Es galt die Regel, dass der letzte, der das Haus verließ, die Tür abschließen sollte. Aber diese Regel wurde selten befolgt, sogar von der Familie Owens selbst nicht. Aber Jonathan vergaß sie nie.
Er trat auf die Veranda. Von hier konnte er den Strand auf der anderen Straßenseite sehen und hatte eine gute Sicht auf den Wassaw Sound. Auf der linken Seite öffnete sich der Sund in den Atlantik. Jonathan war schon immer der Meinung, dass das Hanover House auf dem schönsten Flecken dieser kleinen Insel östlich von Savannah erbaut war. Kein Wunder, dass der Stadtrat das Haus schließen wollte. Jonathan vermutete, dass der Stadtrat darauf spekulierte, dass Thelma und Wayne das Haus ohne Bewohner nicht halten konnten. Wenn es jemals zum Verkauf stände, würde es einen erbitterten Konkurrenzkampf geben und der erfolgreiche Käufer würde dann sicher Eigentumswohnungen oder ein teures Hotel daraus machen. Er meinte ernst, was er Thelma und Wayne heute Morgen über einen Umzug gesagt hatte, aber ein Teil von ihm wünschte, er hätte diesen Schwur nicht getan. Er hatte dieses große alte Haus lieb gewonnen. Es hatte so viel mehr Ausstrahlung als das alte Häuschen, in dem er aufgewachsen war.
Die Liegestühle am Strand, die zum Hanover House gehörten, waren leer. Es war Ebbe und die Stühle schienen weit weg zu sein von der Stelle, wo die Wellen ans Ufer schwappten, sich neckten und ausstreckten, um dann wieder in den Atlantik zurück zu fliehen.
Er stieg in seinen Transporter und dachte einen Moment lang nach. Er könnte zum Rathaus zurückfahren und nachschauen, ob Thelma und Wayne inzwischen dort waren. Auf dem Weg dahin könnte er am Hafen vorbeifahren und nachsehen, ob sie zu dem Lagerhaus gegangen waren, in dem sie sonntags die Gottesdienste hielten. Es wäre nichts Ungewöhnliches, wenn sie dort eine gestrandete Seele getroffen hätten. Genau zu diesem Zweck ließen sie die Tür des Gebäudes unverschlossen. Jonathan rechnete ständig damit, dass das Klavier oder die geschnitzte hölzerne Kanzel verschwanden.
Aber seine Schwiegereltern ließen nicht mit sich reden. Sie waren so dickköpfig und stur wie sonst niemand, der jemals seinen Fuß auf die Insel gesetzt hatte. Und er hatte ihnen das heute Morgen ins Gesicht gesagt, vor Gott, vor den Frühstücksgästen im Crickets, die durch die offenen Fenster zuhörten, und vor seinem Deckhelfer, der die Takelage vorbereitet hatte.
Vermutlich schuldete er Thelma und Wayne eine Entschuldigung für den öffentlichen Angriff. Er hätte warten sollen, bis sie später allein waren, aber er hatte nicht explodieren wollen, wenn Morgan dabei war. Sie hatte ihn gebeten, ihrem Urteil zu vertrauen, und er wollte ihr nicht sagen, dass er das nicht konnte. Ihr Vertrauen in die Bewohner machte sie blind für die Risiken. Es war einem frisch verheirateten Mann unmöglich, sich nicht um das Wohlergehen seiner jungen Frau zu sorgen.
Er war immer noch ärgerlich gewesen, als er an diesem Morgen zum Hafen gekommen war, um sein Boot für seine morgendliche Tour vorzubereiten. Die Temperaturen hatten bereits rekordverdächtige Werte erreicht und schon zu dieser frühen Stunde war die Luftfeuchtigkeit über dem Bull River sehr hoch. Ein paar Touristen, die mit ihm zum Fischen fahren wollten, warteten schon in der Nähe des Boots.
Er hatte Thelma und Wayne zu Crickets gehen sehen, dem Schnellrestaurant mit Bar, das wie eine brüchige, überdachte Veranda aussah. Crickets machte den meisten Umsatz am frühen Morgen und in den späten Abendstunden, wenn eine kühle Brise durch das Restaurant wehte.
Thelma und Wayne kamen oft, wenn die Sonne aufging, um Kontakte zu den Fischern und Hafenarbeitern zu knüpfen, die ihre Mahlzeiten dort einnahmen. Viele von ihnen besuchten nach einem Gespräch mit seinen Schwiegereltern die Gottesdienste im Lagerhaus und manche wohnten vorübergehend im Hanover House.
Jonathan wünschte, seine Schwiegereltern würden zu Hause mit Morgan frühstücken, anstatt nach Ex-Knackis und Vagabunden zu suchen, die von nirgendwo in ihre Stadt kamen. Als er sie zu Crickets gehen sah, war sein Ärger hochgekocht, und er hatte entschieden, sie hier und jetzt darauf anzusprechen.
Er hatte seinem Deckhelfer gesagt, dass er in einer Minute zurück sein würde, und war quer über den Pier auf die Fliegengittertür des alten Restaurants zugegangen.
Seine Schwiegermutter trug eine gelbe Bluse. So früh am Morgen wirkte die Farbe viel zu grell. Sie schlürfte Kaffee, und als sie ihn erblickte, leuchteten ihre Augen in der ihr eigenen Art auf, als habe sie gerade auf ihn gewartet. Aber er wusste, dass sie jeden so empfing. „Jonathan, hast du schon gefrühstückt? Setz dich und lass dir vom Colonel Eier und Speck bringen. Colonel!“, rief sie dem Besitzer zu. „Bring Jonathan bitte ...“
„Ich habe schon gegessen“, unterbrach er sie.
Wayne grinste ihn an. „Ich wette, er ist der einzige Fischer auf dieser Insel, der sich morgens rasiert.“
„Sei still“, sagte Thelma zu ihrem Mann. „Ein gepflegtes Äußeres ist wichtig, stimmt’s Jonathan? Und es ist gut fürs Geschäft. Die Leute vertrauen einem glatt rasierten Burschen eher.“ Sie griff nach Jonathans Hand. „Komm, setz dich und trink einen Kaffee.“
Jonathan fuhr sich mit seinen rauen Händen durch sein sandfarbenes, zerzaustes Haar. „Ich möchte mich nicht setzen“, sagte er. „Ich will mit euch über Gus Hampton reden. Ich mache mir Sorgen, wenn Morgan allein mit ihm im Haus ist.“
Müde verzog Thelma das Gesicht und seufzte. „Jonathan, nicht schon wieder das Thema. Gus ist ein guter Mann und du musst dir wegen ihm keine Sorgen machen.“
„Bist du bereit, das Leben deiner Tochter dafür aufs Spiel zu setzen?“, fragte Jonathan sie.
Ihr Blick begegnete dem ihres Mannes, und Wayne stand auf, um Jonathan anzusehen. Er war ein großer Mann, mindestens so groß wie Jonathan mit seinen ein Meter neunzig.
„Jonathan, was ist los mit dir?“ Seine Stimme war barsch und ein wenig zu laut, da er schlecht hörte. „Ich bin stolz, dass du mein Schwiegersohn bist, und ich weiß Morgan bei dir gut aufgehoben. Und so soll es auch sein. Ich weiß, dass du für sie sorgen wirst, was immer mir zustoßen mag. Daher nehme ich dir deine Bedenken nicht übel. Aber du wusstest, wo sie wohnte und dass sie uns im Hanover House half, bevor du dich das erste Mal mit ihr verabredet hast. Es schien dich nicht zu interessieren, wer in unserem Haus wohnte, als du jeden Abend zum Abendessen rüber kamst. Damals kamst du mit allen gut klar.“
„Aber jetzt sehe ich Dinge, die ich damals nicht gesehen habe“, sagte er leise, in der Hoffnung, dass Wayne seinen Hinweis verstehen und seine Stimme ebenfalls senken würde. „Und Gus Hampton hat etwas an sich, das mein Misstrauen weckt.“
„Nur weil er Jamaikaner ist und einen Akzent hat ...“
„Das ist es nicht“, sagte Jonathan.
„Liegt es daran, dass er schwarz ist?“, fragte Thelma. „Denn wenn das der Grund ist, Jonathan, muss ich dir sagen, dass ich enttäuscht von dir bin ...“
„Nein, es hat nichts damit zu tun, dass er schwarz ist! Es liegt daran, dass er riesengroß ist, herumschleicht wie ein Herumtreiber und meiner Frau nachgafft.“
„Er schleicht herum?“, fuhr Wayne auf. „Wann schleicht er herum?“
„Letzte Nacht“, sagte Jonathan. „Ich konnte nicht schlafen. Gegen halb drei stand ich auf. Ich wollte runtergehen und lesen, da kam er die Treppe hoch, so leise, dass man nicht einmal gemerkt hätte, dass er überhaupt im Haus war.“
„Meine Güte“, sagte Thelma. „Jonathan, er war einfach nur rücksichtsvoll. Er wollte uns nicht aufwecken!“
„Ich traue ihm nicht“, sagte er. „Genauso wenig wie alle anderen auf dieser Insel. Das ist exakt der Grund, warum der Stadtrat das Hanover House schließen will.“
„Das wird nicht passieren“, sagte Wayne. „Wir haben ein paar Dinge herausgefunden, die wir heute Abend in der Stadtratssitzung präsentieren werden, und ich garantiere dir, dass die Ratsmitglieder uns danach in Ruhe lassen.“
„Ach ja? Damit ihr weiter Kriminelle und Vergewaltiger und Mörder einladen könnt, zu kommen und mit meiner Frau unter einem Dach zu wohnen?“ Jetzt redete er zu laut. Die anderen Gäste schwiegen, zweifellos, um jedes Wort mitzubekommen, das er und Wayne sagten.
Thelma sprang von ihrem Stuhl auf und packte Jonathan am Arm. Sie war nur einen Meter fünfundsechzig groß und knapp zehn Zentimeter davon machte ihr lockiges, graues Haar aus. Aber sie hatte eine Art an sich, einen großen Mann klein erscheinen zu lassen. „Komm raus mit mir, Jonathan“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Du bist auf dem besten Weg, mich wütend zu machen.“
„Ich mache dich wütend?“, fragte er, als sie ihn durch die Fliegengittertür führte. Wayne stelzte hinter ihnen her und seine schweren Stiefel dröhnten auf dem Fußboden. Die Tür schlug hinter ihnen zu.
„Jetzt hör mir mal zu!“, sagte Thelma und drehte ihn, sobald sie außer Hörweite der Gäste von Crickets waren, zu sich um. „Wir haben in dieser Stadt genug Probleme mit Menschen, die Lügen über unsere Bewohner und unsere Arbeit verbreiten. Aber so etwas wird nicht von unserer eigenen Familie kommen. Hast du mich verstanden?“
„Warum wollt ihr mir nicht zuhören? Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich habe Albträume, dass dieser Mann Morgan wehtut ...“
„Wir können dir bei deinen Albträumen nicht helfen“, sagte Wayne laut genug, dass jeder drinnen ihn hören konnte. Sogar die Touristen, die bei Jonathans Boot warteten, schienen jetzt zuzuhören. „Wir können dir nur sagen, was wir wissen. Ich lade niemand ein, in unserem Haus zu leben, bevor ich nicht eine lange Zeit mit ihm gearbeitet habe und seinen Charakter kenne.“
„Du meinst, im Gefängnis mit ihnen gearbeitet hast“, rief Jonathan. „Manche von ihnen sind Trickbetrüger. Sie zeigen dir, was immer du sehen willst, wenn sie wissen, dass du ihnen einen Job und einen Platz zum Leben besorgen kannst, wenn sie rauskommen. Aber was ist, wenn sie nicht resozialisiert sind? Wenn es nur Schauspielerei ist?“
„Jonathan“, sagte Thelma, „diese Leute sind durch das Blut Jesu gerettet genau wie du. Gus Hampton war ein Drogensüchtiger, der stahl, um seine Abhängigkeit zu finanzieren, aber er ist seit fünf Jahren clean.“
„Nur weil man ihn weggeschlossen hat, Thelma.“ Jonathan schüttelte den Kopf und entfernte sich ein paar Schritte von ihr. Dann drehte er sich noch mal um. „Wollt ihr mir ernsthaft erzählen, dass ihr es nicht einmal für möglich haltet, dass jemand euch hinters Licht führt? Dass jemand vorgeben könnte, sich geändert zu haben, nur um aus dem Gefängnis herauszukommen?“
„Wir sollten einfach glauben, dass Gott alles in der Hand hat, Jonathan“, sagte Wayne.
Jonathans Stimme wurde wieder lauter. „Was wäre, wenn es klare Anzeichen gäbe, dass dieser Kerl nichts taugt? Was müsste passieren, damit ihr ihn rauswerft?“
„Sehr viel.“
„Die Vergewaltigung eurer Tochter? Ihre Ermordung?“
Thelma packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, ihre Augen sprühten Blitze. „Das wird nicht passieren, Jonathan. Denkst du, du liebst meine Tochter mehr als ich? Ich habe diesen Mann auf seinen Knien gesehen, wie er aus Dankbarkeit über seine Erlösung weinte“, sagte sie. „Wir würden ihn genauso wenig rauswerfen, wie wir dich rauswerfen würden, Jonathan.“
„Ich habe euch etwas gefragt“, schnappte er. „Was müsste passieren?“
Schließlich trat Wayne zwischen die beiden, als würde er befürchten, dass Thelma ihn angreifen könne. „Jonathan, wir überprüfen jeden Bewerber, der aus dem Gefängnis kommt und in unserem Haus wohnen möchte, sehr sorgfältig. Wir nehmen nicht alle. Sie müssen eine Menge Dinge versprechen, damit sie bei uns wohnen dürfen: Jeden Tag mehrere Stunden Bibelarbeit, einen Vollzeitjob, Mitarbeit in Haus und Garten, ehrenamtliche Tätigkeiten, Kirchenbesuch. Sie stehen grundsätzlich alle unter meiner Knute, solange sie bei uns wohnen, und du weißt, dass ich sie nicht aus ihrer Verantwortung herauslasse. Nicht jeder möchte mit solchen Regeln leben, aber Gus wollte es. Und er hat sie bis ins Kleinste befolgt. Er hat nichts getan, was deine Anschuldigung verdient.“
„Also zählt Morgan nicht?“
„Natürlich zählt sie“, bellte Wayne. „Wenn es nur eine Andeutung gäbe, dass einer unserer Bewohner eine meiner Töchter verletzten könnte, wäre er sofort draußen.“
Jonathan drehte sich von ihm weg und ging zu seinem Boot. „Ich habe verstanden“, sagte er. „Er muss erst jemand verletzen, bevor du ihn rauswirfst.“
„Jonathan!“, brüllte Wayne.
Jonathan fuhr herum. „Ihr seid verrückt“, rief er, ohne noch weiter darauf zu achten, wer zuhörte. „Ihr denkt ihr seid mutig, weil ihr diesen Leuten vertraut. Aber ihr seid nicht mutig, ihr seid leichtsinnig! Und ich hoffe zu Gott, dass Morgan nicht dafür bezahlen muss!“
Er stieg in sein Boot und bemerkte erst dann die gaffenden Touristen, die dem Drama zusahen. Er drehte sich zu Thelma und Wayne um. „Wir werden umziehen“, sagte er. „Sobald wir eine andere Wohnung gefunden haben, nehme ich meine Frau und wir ziehen aus.“
„Jonathan“, rief Thelma. „Sag so etwas nicht. Es ist ihr Zuhause.“
„Ich meine es ernst“, schrie er. „Wenn ihr nichts unternehmt, werde ich es tun.“
Daraufhin war er in die Kombüse seines Boots hinabgestiegen und Thelma und Wayne waren zur Lagerhauskirche hinübergegangen, um ihre Wunden zu lecken.
Jonathan war diese Konversation heute mindestens fünfhundert Mal in Gedanken durchgegangen und hatte jedes Mal gewünscht, sie wäre besser ausgegangen. Er hätte versuchen sollen, an einem privaten Ort mit ihnen zu reden, er hätte ruhig bleiben sollen, er hätte Morgan zu dem Gespräch hinzuholen sollen. Im Laufe des Tages war der Ärger verflogen und Reue war an seine Stelle getreten.
Trotzdem hatte er nicht vor, jetzt klein beizugeben. Er hatte seinen Standpunkt klargemacht und er beabsichtigte, dabei zu bleiben. Wenn sie Gus Hampton nicht auffordern würden, das Hanover House zu verlassen, würde Jonathan alles in seiner Macht Stehende tun, um Morgan davon zu überzeugen, umzuziehen und sich einen neuen Job zu suchen.
Er umfuhr den südlichsten Punkt der Insel, dann weiter zum Hafen, der an der Mündung des Bull Rivers lag. Inzwischen waren Thelma und Wayne wahrscheinlich bei der Ratssitzung erschienen, hatten all ihre Karten auf den Tisch gelegt und die Ratsmitglieder davon überzeugt, für den Weiterbetrieb des Hanover Houses zu stimmen und geprägte Einladungskarten an die Insassen aller Gefängnisse in Georgia zu senden. Solch eine Wirkung konnten seine Schwiegereltern auf andere Menschen haben.
Er hörte Sirenen und schaute in den Rückspiegel, ob er die Blaulichter sehen könnte. Vielleicht hatte ein Tourist einen Blechschaden. Ein Streifenwagen näherte sich von hinten, überholte ihn und raste in Richtung Hafen.
Als das Lagerhaus in Sicht kam, sah er, dass sich Polizeiwagen und Feuerwehrfahrzeuge auf dem Parkplatz vor dem Gebäude versammelt hatten.
Mittendrin stand Thelma und Waynes zwanzig Jahre alter Regal.
Irgendetwas stimmte nicht.
Er wollte auf den Parkplatz abbiegen, aber als er Hupen und quietschende Reifen hörte, trat er mit aller Kraft auf die Bremse. Ein Wagen rauschte vorbei, und dann fuhr Jonathan auf den Parkplatz und stellte seinen Transporter mitten zwischen den Streifenwagen und Feuerwehrfahrzeugen ab. Billy Caldwell, einer der Polizeirekruten der Truppe, eilte auf die Tür des Lagerhauses zu.
„Billy“, rief Jonathan, während er ausstieg und seinen Wagen stehen ließ.
Der junge Mann drehte sich um.
„Was ist hier los?“, fragte Jonathan.
Billy sah aus, als sei er bei etwas erwischt worden. Sein sonnenverbranntes Gesicht wurde ausdruckslos und seine Hände hingen hilflos an seinen Seiten herab. Sein Mund bewegte sich, als könne er seine Lippen nicht dazu bringen, eine Antwort zu formen.
Jonathan überquerte den Parkplatz und erreichte ihn. „Billy, was ist passiert?“
„Es ... sind Thelma und Wayne“, sagte er.
Jonathan starrte ihn an und versuchte, den Sinn hinter Billys Worten zu erfassen. Er ging auf die Tür zu.
„Jonathan, da willst du nicht reingehen“, sagte Billy.
Aber er hatte die Tür schon geöffnet und war in den großen Raum gestürmt.
Er war von einem Ort der Anbetung in einen Tatort verwandelt worden. Vier Polizisten machten Fotos und untersuchten das Klavier und die Türen nach Fingerabdrücken, während andere aus der Seitentür auf den Holzsteg strömten, der zum Hafen und zu Crickets führte.
Joe McCormick, der Kriminalbeamte der Polizeitruppe, stand an der südwestlichen Ecke der provisorischen Kirche. Er schwitzte und sah erschüttert aus. Jonathan ging auf ihn zu, doch als Joe ihn sah, streckte er eine Hand aus, um ihn aufzuhalten. „Jonathan, das hier ist jetzt kein Ort für dich. - Jemand soll ihn rausbringen.“
Aber Jonathan eilte um die Bänke herum und kam näher heran ...
Zwischen den uniformierten Beinen, die ihm die Sicht versperrten, lag ein Körper auf dem Boden. Er erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen leuchtend gelben Ärmel an einem schmalen, schlaffen Arm ...
„Thelma“, rief er und stürmte vorwärts.
Joe fing ihn ab und versuchte, ihn zurückzuhalten. „Jonathan, du kannst nicht näher herangehen. Dies ist ein Tatort.“
„Lass mich los!“ Er wand sich aus Joes Griff und stieß jemand zur Seite. Dann sah er sie. Thelma und Wayne lagen leblos auf dem blutbefleckten Boden.
Die Kräfte verließen ihn und er hörte auf, sich zu wehren. Billy, der junge Polizist mit der mitfühlenden Art, zog ihn weg und führte ihn zur Seitentür hinaus. Ihm war schwindlig und er war einer Ohnmacht nahe. Sein Herz schien nicht zu funktionieren und in seinen Augen stach es.
„Wie ... wie ist das passiert?“, fragte er und griff nach Billys Arm. „Sie sollten bei der Ratssitzung sein ... sie standen doch auf der Tagesordnung ...“ Noch während er sprach, bemerkte er die Absurdität seiner Aussage, so als hätten sie nicht das Recht gehabt zu sterben, während sie andere Verpflichtungen hatten.
„Wer hat das getan?“, schrie er.
Chess Springer, der alte Fischer, der ihm beigebracht hatte, wie man seinen Lebensunterhalt auf See bestreitet, überquerte den Steg und legte seinen Arm um Jonathans Schultern.
„Komm mit zu Crickets und setz dich“, sagte er mit seiner verrauchten Stimme. „Ich werde dir ein Glas Wasser holen.“
Jonathan schüttelte seinen Arm ab. „Ich brauche kein Wasser, Chess. Ich brauche Antworten!“
Der alte Mann rieb sich das runzlige Gesicht. „Ich sah ihr Auto hier stehen und kam herüber, um ein bisschen zu plaudern“, sagte er. „Und da fand ich sie. Niemand in der Gegend hat Schüsse oder sonst etwas gehört.“
„Also wurden sie erschossen?“, fragte er.
„Scheint so, obwohl ich nicht so lange hingesehen habe. Ich bin sofort zu Crickets gerannt und habe die Polizei gerufen.“
Jonathan drehte sich mit einem erstickten Laut herzzerreißender Qual zum Tatort um. „Meine Frau. Wie soll ich das meiner Frau erklären?“ Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen. „Ich habe heute Morgen mit ihnen gestritten! Ich habe Dinge gesagt ...“
Ein Grauen, das man nicht in Worte fassen konnte, ließ ihn verstummen. Wer konnte die beiden liebenswürdigsten Menschen auf der Insel Cape Refuge ermordet haben? War es jemand, den sie aufgenommen hatten, jemand, der so pervers war, die Menschen zu töten, die ihm einen Platz zum Schlafen und Essen gegeben hatten, ihm geholfen hatten, eine Arbeit zu finden, und ihm einen Lebenssinn gegeben hatten? Wie viele Leben hatten sie verändert? Wie viele Seelen waren gerettet worden? Wie viel Hoffnung hatten sie gegeben?
Und jetzt war jemand hier hereingekommen und hatte sie ermordet? Grausam, brutal, kaltblütig ... ermordet? Es ergab einfach keinen Sinn.
Er stand auf dem Pier, starrte durch die Tür und fragte sich, wann sie zu fotografieren aufhören und Thelma und Wayne vom Boden aufheben würden. Vorher konnte er es Morgan nicht sagen. Er konnte nicht zulassen, dass sie ihre Eltern so sah.
Er hörte noch eine Sirene näher kommen und die Räder des Streifenwagens auf den geschotterten Parkplatz fahren. Er wünschte, sie würden den Lärm ausschalten, bevor Schaulustige zusammenliefen und bevor Morgan es vom Rathaus aus hörte.
Er wollte es seiner Frau selbst sagen. Sobald er wieder atmen konnte ...
Aber es war zu spät.
Durch die Seitentür sah er, wie Morgan durch den Haupteingang hereinstürzte. Er konnte an ihrem Gesicht sehen, dass sie es bereits wusste. Zwei Polizisten versuchten, sie zurückzuhalten, aber sie war entschlossen, zu Thelma und Wayne zu gelangen.
„Nein“, schrie sie, als sie die Polizisten sah, die sich im Altarraum zusammendrängten. „Ah, nein!“
Jonathan stürmte zurück ins Lagerhaus, zog sie in seine Arme und hielt sie fest.
„Sie können nicht tot sein!“ Die Qual zerriss sie, schüttelte sie und ließ sie zerfließen. Sie fiel gegen ihn, genauso schwach und kraftlos, wie er sich vor ein paar Minuten gefühlt hatte. Aber ihre Not gab ihm wieder Kraft und er sammelte diese Kraft, um ihr beizustehen.
Blair hatte nicht genug Informationen, um den Tod ihrer Eltern als Tatsache zu akzeptieren. Sie saß auf dem Beifahrersitz von Cades Streifenwagen und starrte auf einen Steinschlag in der Windschutzscheibe. Er sagte etwas über den Todeszeitpunkt, die Mordwaffe, das Fehlen von Zeugen.
Sie würden mehr wissen, sagte er, wenn sie den Umkreis nach Beweisen abgesucht und die Leichname untersucht hätten.
Der Gedanke an ihre Eltern, die ermordet auf dem Boden des Lagerhauses lagen, legte ihren Verstand lahm. Sie sah hinaus zu den Schonern, die an Anlegern in der Nähe befestigt waren. Die warme Brise wehte den Geruch von Salzwasserfisch zu ihnen herüber.
Sie rührte sich nicht, aber in ihrem Inneren tobte ein Kampf.
„Bist du in Ordnung?“, fragte er sanft und ruhig.
Sie war versucht Cade zu antworten, dass sie keinen Babysitter brauchte. Sie wollte nur eine Minute hier sitzen und ihren Verstand wieder zum Arbeiten bewegen.
„Du zitterst“, sagte er und nahm ihre Hand. „Du kannst jetzt nicht ins Lagerhaus gehen ... aber ich kann dich zum Steg bringen. Oder du kannst einfach hier sitzen. Oder ich kann dich nach Hause bringen. Wie du willst.“
Ihr Mund war trocken und es war anstrengend, einfach nur zu schlucken. Seine große, warme Hand umschloss ihre eiskalte Hand. „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll“, flüsterte sie schließlich.
Er fragte nicht, was sie nicht zu tun wusste. „Keiner von uns weiß das, Blair.“
Sie wünschte sich, ihren Computer dabei zu haben, auf die Tasten zu hämmern und eine schnelle Internetsuche durchzuführen, um Antworten zu finden ... Aber sie würde nicht einmal die Fragen wissen, wenn sie nicht aus diesem Auto ausstieg.
Als sie nach dem Türgriff fasste, ließ Cade ihre Hand los. Rasch stieg er aus, kam um den Wagen herum, bevor sie noch die Tür öffnen konnte, und hielt sie ihr auf.
Sie stellte sich einen unbekannten Killer vor, der diesen Parkplatz überquerte, in das Gebäude ging, ihre Eltern tötete ... Wut explodierte in ihr wie eine Atombombe.
„Cade, warum bringt ihr ihn nicht zur Strecke? Warum habt ihr ihn nicht geschnappt?“
„Wir tun, was wir können, Blair. Ich sollte jetzt eigentlich da drin den Tatort untersuchen.“
„Dann geh“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Hör auf, dir um mich Gedanken zu machen und geh. Finde ihn, Cade, bevor er entkommt.“
„Ich werde ihn finden, Blair. Du kannst dich darauf verlassen.“
Er ging auf das Gebäude zu, blieb aber stehen, als er sah, dass Blair ihm folgte. „Blair, du kannst nicht da reingehen.“
Sie stapfte vorwärts, bis sie direkt voreinander standen, und ein trotziger, verzweifelter Schmerz stieg in ihr auf wie ein Schrei. „Geh mir aus dem Weg, Cade.“
Er ergriff ihren Arm. „Blair, tu das nicht. Zu deinem eigenen Besten. Du kannst sie später sehen, wenn sie zurechtgemacht worden sind. Aber jetzt ...“
Sie riss sich los und ging in das Gebäude. Dabei kam ihr ein merkwürdiger Gedanke: Sie war nie hier gewesen, wenn ihre Eltern nicht auch da waren. Es war, als ob das Gebäude ein Teil von ihnen und um sie herum gebaut worden wäre: ein Boden unter ihnen, Wände um sie herum und ein Dach, um sie zu bedecken.
Cade hielt sie erneut am Arm fest. „Bitte, Blair. Tu es nicht.“
„Ich muss sie sehen“, sagte sie und in ihrer Schläfe begann es zu pochen, auf der Seite, auf der die Haut rau und vernarbt war.
Sie hörte ihre Schwester draußen auf der Promenade weinen, hörte wie Cade von Joe McCormick gedrängte wurde, Blair nicht hereinzulassen. Doch sie ging einfach weiter, fest entschlossen sich anzusehen, was ein Wahnsinniger ihren Eltern angetan hatte.
Sanft hielt Cade ihren Arm und versuchte nicht länger, sie zurückzuhalten. Seine Stimme brach, als er sagte: „Blair, wenn du das siehst, wird es für den Rest deines Lebens in dein Gedächtnis eingebrannt sein. Lass mich dich rausbringen.“
Plötzlich wurde sie schwach, und Cade drehte sie um und führte sie zur Seitentür, wo Jonathan und Morgan sich aneinander klammerten. Der Raum schien zu kippen und Schatten tanzten an den Wänden. Sie dachte, sie würde ohnmächtig werden. Wie ein zimperliches kleines Ding, das kein Blut sehen konnte ...
Als Cade sie auf den Pier geführt und auf eine Bank gesetzt hatte, hörte sie ihre Schwester herzzerreißend weinen. Sie dachte an ihre Mutter, wie sie dort auf dem Boden lag, wie andere sie anstarrten und untersuchten. Thelma hatte einen Tick, was saubere Kleidung betraf. Sie hasste es, wenn jemand sie mit einem Fleck sah. Es musste eine Menge Blut geflossen sein, was Flecken auf Kleidung und Haut ihrer Mutter bedeutete ... „Ihre Kleider“, sagte Blair zu niemand bestimmtem. „Ich muss ihnen Kleider zum Wechseln holen.“
Sie verließ den Pier und ging zurück zum Parkplatz, während sie sich fragte, was ihre Mutter gern zum Anziehen hätte. „Sie braucht eine trockene Hose und eine Bluse, vielleicht die pinkfarbene, und saubere Socken und ein anderes Paar Schuhe ... auch Unterwäsche. Und eine Haarbürste ...“
Jemand berührte ihren Arm und sie drehte sich um. Sie hatte nicht gewusst, dass Cade noch bei ihr war. Aber er war da und als seine Hände ihre Schultern umfassten, schaute er sie mit besorgten Augen an. „Blair, bist du sicher, dass es dir gut geht?“
„Ich komme zurück, sobald ich die Sachen geholt habe, Cade“, flüsterte sie.
„Blair.“
Sie schluckte die Panik hinunter, die in ihrer Kehle aufstieg. „Ich muss mich beeilen“, sagte sie, ging ein paar Schritte von ihm weg und realisierte erst dann, dass sie ihr Auto beim Rathaus zurückgelassen hatte.
„Sie brauchen keine Kleidung, Blair.“ Seine Stimme war sanft und geduldig und holte sie in die Wirklichkeit zurück.
Sie blieb auf dem Parkplatz stehen und schaute sich hilflos um. Ein Kleinbus mit der Aufschrift WSAV-TV hielt an und ein Reporter-Team sprang heraus. Ein bekannter Nachrichtensprecher, in Hemd und Krawatte gekleidet, mit Schweißringen unter den Armen, versuchte sein Mikrofon anzuschließen, während er auf sie zukam.
„Sie können da nicht hineingehen“, sagte Cade. „Das ist ein Tatort.“
„Können Sie uns sagen, was passiert ist?“
„Im Moment nicht“, sagte Cade und drehte Blair wieder in Richtung Pier.
Doch Blair hielt dagegen. „Sie werden sie nicht aufnehmen“, sagte sie zu einem Mann, der mit einer Fernsehkamera aus dem Bus stieg. „Wagen Sie es nicht. Steigen Sie wieder in ihren Wagen und verschwinden Sie. Cade, sag ihnen ...“
„Polizeichef Cade?“, fragte der Nachrichtensprecher. „Chief, können Sie bitte die Namen der Opfer bestätigen? Wir haben gehört, dass es Thelma und Wayne Owens sind.“
„Entschuldigen Sie mich“, sagte er und führte Blair entschlossen von ihnen weg.
„Halt sie auf, Cade“, rief sie. „Lass sie meine Eltern nicht in den Nachrichten zeigen. Nicht so.“
Cade ließ sie auf der Bank zurück, auf der sie vor wenigen Minuten gesessen hatte, aber sie konnte nicht sitzen bleiben. Sie folgte ihm mit ein wenig Abstand, als er wieder durch die Seitentür des Lagerhauses trat. Ihre Augen überflogen den Raum – die Bänke, auf denen sie als Kind herumgezappelt, ihrer Schwester Nachrichten geschrieben und dann ihrem Vater geschworen hatte, dass es Notizen zu seiner Predigt waren. Ihr Blick blieb an dem Klavier hängen, auf dem ihre Mutter Morgan und ihr das Spielen beigebracht hatte. Blair hatte das Üben gehasst, und schließlich hatte Thelma aufgegeben und sie durfte aufhören. Aber Morgan, wie immer die gehorsame Tochter, hatte fast so gut zu spielen gelernt wie ihre Mutter.
Jetzt wünschte Blair, sie hätte nicht aufgehört zu spielen. Es war ihrer Mutter so wichtig gewesen, dass sie es lernte. Sie schaute auf die Tasten ... und auf das leere Rechteck in der Mitte des Klaviers über den Tasten, wo früher, aus welchem Grund auch immer, ein alter Spiegel gehangen hatte. Ihre Mutter hatte ihn abgenommen, als Blair zu spielen begonnen hatte, weil der Anblick ihres eigenen Spiegelbildes sie zu sehr abgelenkt hatte. Spiegel waren nie ihre Freunde gewesen und ihre Mutter hatte ihr geholfen, ihnen aus dem Weg zu gehen.
Die Vordertür öffnete sich und der Gerichtsmediziner von Chatham County kam herein. Sie sah ihm nach, als er auf die dicht gedrängt stehenden Polizisten auf der anderen Seite des Raums zuging. Sie traten zur Seite und der Mann beugte sich neben ihnen herab ...
... als sie einen kurzen Blick auf die leblosen Körper erhaschte, drehte sich ihr Magen um. Sie stolperte zum Rand des Stegs und übergab sich ins Wasser.
Cade wischte sich den Schweiß von den Brauen und versuchte sachlich zu bleiben, als der Gerichtsmediziner Thelma Owens Wunde untersuchte. Ihr Kopf rollte nach hinten. Kinn, Hals und Brust waren blutüberströmt und ihre Augen standen offen, in stummem Entsetzen erstarrt. Er musste seine Gefühle jetzt unterdrücken. Er musste sich konzentrieren.
Ein Metallstift ragte von der Kehle her aus ihrem Nacken. „Das ist ein Pfeil“, sagte Cade. „Von einer Harpune.“
Der Gerichtsmediziner nickte. „Sieht so aus. Er hat sie von vorn getroffen.“ Als er anfing, Wayne herumzudrehen, wandte Cade sich ab. Er brauchte frische Luft. Er ging zur Seitentür, die gegenüber der Tür lag, wo Jonathan, Morgan und Blair gesessen hatten, und trat auf den Anleger hinaus.
Billy folgte ihm. „Alles in Ordnung, Chief?“
„Ja“, sagte er. „Hör zu, ich brauche jemand, der rausfährt und alle Harpunen auf der Insel konfisziert, damit wir feststellen können, ob die Mordwaffe dabei ist. Mit mir sind dreißig Mitglieder im Tauchclub.“ Er schluckte und versuchte, ruhig zu atmen. „Aber nur ungefähr fünf, die speerfischen.“
„Weißt du auswendig, wer sie sind?“, fragte Billy.
Cade nickte. „Ich bin einer davon. Außerdem Jonathan, Sam Sullivan, Marty Roberts und Cliff Cash. Vielleicht gibt es noch andere, aber das sind die Personen, von denen ich weiß. Geh und hole Sam, Marty und Cliff, und sammle ihre Harpunen ein. Behandle sie als Beweismaterial. Schau nach, ob an einer von ihnen Blut ist, ob welche fehlen und welche Pfeile sie benutzen. Bring die Jungs zur Befragung auf die Polizeistation.“
„Ja, Chief.“ Billy machte sich auf den Weg, und Cade wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Er schaute hinaus aufs Meer und versuchte sich die Männer vorzustellen, die er gerade aufgezählt hatte. Es waren alles gute Freunde und zwei- oder dreimal im Jahr fuhren sie zu den Florida Keys hinunter, um zusammen zu tauchen und zu fischen. Keiner dieser Männer konnte Thelma und Wayne getötet haben.
Aber es war bisher der einzige Anhaltspunkt.
Etwas klackte gegen den Pfahl unter seinen Füßen und er schaute durch die Bretter hinab. Etwas, das aussah wie ein brauner Stab, schwamm dort im Wasser. Er legte sich auf den Bauch und schaute unter den Steg.
Er erkannte es sofort. Es war kein Stab, es war eine Harpune.
Er zog ein Taschentuch aus der Tasche, packte damit das schmale Ende der Waffe und zog sie heraus. „McCormick!“, schrie er.
Joe trat aus der Tür und erstarrte beim Anblick der tropfenden Harpune in Cades Händen. „Die Mordwaffe“, sagte er.
„Genau“, sagte Cade und stand auf. „Es ist eine Magnum Blue Water.“ Die Worte blieben ihm im Hals stecken, als ihm bewusst wurde, was das bedeutete. Er kannte nur eine Person, die eine Blue Water besaß.
„Der Killer muss Panik bekommen und sie weggeworfen haben“, sagte Joe. „Vielleicht musste er sogar wegschwimmen, um nicht gesehen zu werden.“
Cade schaute durch die Türen auf die andere Seite des Gebäudes. Blair hatte sich über das Wasser gebeugt und übergab sich. Jonathan war hingegangen, um ihr zu helfen.
„Ich habe Billy beauftragt, alle Speerfischer herbeizuschaffen“, sagte er. „Er wird ihre Waffen einziehen.“
„Gut. Wenn eine fehlt, haben wir unseren Mann.“
Cade wünschte, er könne die Uhr um zwei Stunden zurückdrehen. Da war seine größte Sorge das Auto, das von Goodfellows Parkplatz gestohlen worden war. Sein Mund war trocken, doch er schaffte es, die Worte auszusprechen. „Ich weiß, wem diese Harpune gehört. Ich erkenne sie wieder. Ich war dabei, als er sie kaufte.“
„Und?“, fragte Joe.
Cades Blick hing an den drei Menschen vor dem Lagerhaus. Blair saß auf den Knien und Jonathan hielt ihre Haare zurück, während sie sich in den Fluss erbrach.
„Cade, sag mir, wem sie gehört.“
Cade wandte seinen Blick von der Szene ab und schaute seinen Kollegen gequält an. „Diese Waffe gehört Jonathan Cleary“, sagte er.
Jonathan lehnte sich zurück, als Morgan neben Blair auf die Knie fiel und sie in ihre Arme zog. Die beiden Frauen klammerten sich aneinander.
„Jonathan!“, rief jemand. Als er aufschaute, sah er Cade in der Tür des Lagerhauses stehen. „Ich muss mit dir reden“, sagte Cade. „Könntest du mal mit auf die andere Seite kommen.“
„Nein!“ Morgan ließ ihre Schwester los und schaute zu ihm auf. „Ich möchte es auch hören. Sprich hier mit ihm.“
Cade senkte den Blick. Sein schwarzes Haar flatterte in der Brise um sein angespanntes Gesicht. „Ich kam heute Morgen zum Frühstücken zu Crickets, nachdem du den Streit mit Thelma und Wayne hattest. Alle redeten darüber.“
Jonathan wünschte, er könne den Morgen ungeschehen machen. Er wünschte, sich nicht im Streit von ihnen getrennt und nicht mit einem Umzug gedroht zu haben ...
„Warst du heute Nachmittag hier? Bist du hier vorbeigekommen, bevor du nach Hause gegangen bist?“
„Nein“, sagte er.
„Hast du gesehen, ob ihr Auto hier war?“
„Ich habe nach ihrem Wagen Ausschau gehalten, weil ich mit ihnen reden wollte. Er stand aber nicht hier. Und sie waren auch nicht zu Hause.“
„Und du bist von deinem Boot aus direkt nach Hause gegangen?“
„Ja, direkt nach Hause. Ich musste zu der Sitzung und Morgan hat auf mich gewartet.“
Cade schaute noch düsterer als vorhin, als er Morgan und Blair hergebracht hatte. Er stellte seinen Fuß auf die leere Bank, rieb sich über das von der Sonne gegerbte Gesicht und sagte: „Jonathan, wo ist deine Harpune?“
Jonathan runzelte die Stirn. Es war nicht die passende Zeit, um über Speerfischen zu reden, also musste Cade einen anderen Grund für seine Frage haben. „Im Geräteschuppen hinter dem Haus“, sagte er. „Warum?“
„Weil ich gerade eine Magnum Blue Water gefunden habe, die auf der anderen Seite des Lagerhauses im Wasser schwamm.“
„Was?“, keuchte Jonathan. „War das die Mordwaffe?“
Cade schaute zu Blair hinunter, die ihn anstarrte, eine Seite ihres Gesichtes blass, die andere dunkelrot. „Jonathan, lass uns auf der anderen Seite weiterreden“, sagte er.
„Antworte ihm, Cade“, forderte Blair, während sie aufstand. „Wurden meine Eltern mit einer Harpune getötet?“
Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und schaute weg. „Sie wurden beide von einem Pfeil ins Genick oder in den Hals getroffen, was erklärt, warum niemand Schüsse gehört hat.“
„In den Hals?“, stieß Morgan hervor. „Oh, mein Gott ...“
Jonathans Gesichtsausdruck veränderte sich und er ging einen Schritt auf Cade zu. „Wer außer mir hat eine Blue Water?“
Cade schüttelte den Kopf und sah Jonathan weiter ins Gesicht. „Du bist der Einzige in unserer Tauchgruppe, Jonathan.“
Jonathan stand einen Moment lang da und starrte seinen alten Freund an. „Es könnte noch andere geben“, erwiderte er. „Touristen oder jemand, der nicht in unserer Gruppe ist. Diese Waffen sind nicht so teuer.“
„Ich will nur wissen, wo deine ist“, sagte Cade.
Jonathan ließ Morgan los. Sie schaute zu Cade auf und wartete, worauf seine Frage abzielte. Ihr Gesicht war nass und ihre Wimperntusche verlaufen. „Sie ist im Schuppen hinter dem Haus, wo ich sie schon immer aufbewahrt habe“, sagte Jonathan. „Komm mit und ich werde sie dir zeigen.“
„Ich werde McCormick schicken, um sie zu holen“, erklärte er. „Hast du den Schlüssel?“
