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Hannah hat sich vor 25 Jahren von Daniel getrennt. Sie war seine große Liebe. Daniel stürzte die Trennung damals fast in eine Psychose. Da gab ihm eine Freundin den Tipp, nach Estaing in Frankreich zu fahren. Dort würde er die notwendige Ruhe und Entspannung finden und Abstand vom Trennungsschmerz bekommen. In dem kleinen Ort im Massif Central lernte Daniel Hagen Wandel kennen und freundete sich mit ihm an. Eines Tages war dieser plötzlich unauffindbar verschwunden, und Daniel fuhr verwirrt wieder zurück nach Deutschland. Inzwischen ist Daniel mit Katharina verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder und ist Inhaber einer erfolgreichen Werbeagentur. In der Ehe kriselt es, und Daniel entwickelt intensive Gefühle für Franziska, seine Assistentin, die ihn stark an Hannah erinnert. Da liest er zufällig einen Bericht über eine gewisse Magdalena Salomon. Daniel erinnert sich, dass Magdalena Hagen Wandels Freundin war. Mit einem Schlag steigen all die verarbeitet geglaubten Gefühle wieder in Daniel hoch. Es scheint, als könne er die damaligen Erfahrungen einfach nicht abschütteln. Um sich seiner Geschichte zu stellen, begibt er sich erneut auf die Reise nach Estaing, diesmal in Begleitung seiner jungen Assistentin. Er weiß, dass er mit Katharina nicht mehr zusammenkommen wird, deswegen entscheidet er sich trotz des großen Altersunterschieds für Franziska. Auf der Reise macht er eine Entdeckung, die ihn völlig aus der Bahn wirft ...
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Impressum
Schon am Morgen brennt die Sonne unerbittlich auf die Stadt. Fahrzeuge mit Wassertanks gießen die Straßenbäume. Kehrfahrzeuge besprühen die Gehsteige. Der Geruch von Staub, wenn er sich mit Wasser mischt, liegt in der Luft. Die Menschen flüchten in die halbwegs kühlen, jedoch stinkenden U-Bahn-Schächte. Wer es sich leisten kann, ist aus der heißen Stadt an einen See geflüchtet. Ein Bilderbuchsommer, so sagt man. Doch ich sitze schon seit 7:00 Uhr im Büro. Und so geht das schon seit Wochen. Wir bräuchten dringend Verstärkung. Aber irgendwie kann mich nicht dazu entschließen, noch jemand einzustellen. Es gibt zu viele Unbekannte, zu viele Unwägbarkeiten. Lustlos lehne ich mich in meinem schicken und gut abgedunkelten Büro im Schreibtischstuhle zurück und blicke auf den Bildschirm. Um mich herum ist es ganz still. Marcel und Luisa kommen meistens erst gegen 9:00 Uhr. Es ist zum Verzweifeln: Dieses herrliche Wetter, und ich muss hier am Schreibtisch sitzen!
Da wird die Eingangstür geöffnet. Es dürfte Franziska sein, meine Assistentin. Ich kenne ihre festen, federnden Schritte. Gleich wird sie vor meiner Tür stehen.
„Guten Morgen, Dan! Wie lange willst du das noch aushalten? Kommst du mit den Layouts voran?“ Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, kommt sie um den Schreibtisch herum, beugt sich zu mir herab und haucht mir zwei Begrüßungsküsschen auf die Wangen. Sie sieht wie immer umwerfend aus.
Das Telefon klingelt. Am Display sehe ich, dass es Pit Wouters ist. Der Marketingchef des wichtigsten Kunden meiner Agentur. Ich kann seine drängenden Fragen im Moment nicht ertragen.
„Franziska, kannst du das Gespräch bitte annehmen? Sag Pit, dass ich gerade auf der anderen Leitung spreche. Und versprich ihm, dass er heute Mittag neue Entwürfe bekommt.“
Das Handy summt. Meine Frau will mich sprechen. Wieso ruft sie an? Ich muss drangehen, obwohl ich keine Lust auf ein Gespräch mit ihr habe.
Noch bevor ich etwas sagen kann, sprudelt Katharina los. Tim ist krank und kann nicht in die Schule gehen. Dabei hätte er heute ein Referat halten müssen. Zu dumm. Ob ich ihn am Nachmittag zum Arzt fahren könne, sollte sich sein Zustand bis dahin nicht gebessert haben? Sie könne sich heute unmöglich freinehmen. Sie müsse in den Kindergarten.
Inzwischen sind auch Marcel und Luisa eingetroffen. Ich bitte die beiden, an der Kampagne weiterzuarbeiten. Und ob sie vielleicht auch meinen Umschlagentwurf optimieren könnten? Die Typo steht nicht gut. Das Ganze hat keine Spannung. Ob man nicht die Titelformulierung ändern sollte? Ich werde mit Pit sprechen müssen.
Luisa kommt langsam schlurfend in mein Büro und setzt sich, die nackten Beine unter dem engen Rock übereinandergeschlagen, auf meinen Schreibtisch. Dann beugt sie sich nach vorn und sieht mich mit hochgezogenen Brauen eine Ewigkeit an: „Wir arbeiten alle am Limit, und das schon seit Wochen. Du weißt das, und du solltest endlich jemand einstellen, bevor einer von uns aussteigt.“
Wie schön sie das sagt. Aber ich will nicht auf ihre Drohung eingehen: „Kennst du jemand, der zu uns passen würde?“
Luisa wiegt fast unmerklich den Kopf. „Ich könnte mich mal in der Hochschule umhören oder einen meiner früheren Profs fragen. Vielleicht kann er uns ja jemand empfehlen.“
„Gute Idee, Luisa. Ich muss eine Pause machen. Und wir müssen mit diesen leidigen Umschlägen weiterkommen.“
Wortlos verlässt Luisa den Raum.
Auf dem Weg ins Besprechungszimmer, wo ich hoffe, ein wenig abschalten zu können, höre ich sie schon mit dem Sekretariat der Uni telefonieren. Irgendwie verstehe ich sie ja.
Seufzend lasse ich mich auf die Couch fallen. Mir wird im Moment einfach alles zu viel. Katharina hat sich in den letzten Monaten immer weiter von mir entfernt. Dabei steht unser Urlaub vor der Tür. Sie hat eine kleine Ferienwohnung auf Kreta gebucht, in einem verlassenen Dorf im Südosten der Insel. Und wir haben bis dato keine Silbe darüber verloren. Wie stellt sie sich das eigentlich vor? Immer wenn ich daran denke, beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl. Ob wir dort miteinander reden können? Ich bezweifle es. Irgendwie ist der Karren schon zu stark festgefahren.
Mir fallen meine Eltern ein. Als Mutter starb, hatten die beiden 46 gemeinsame Jahre hinter sich. Es war sicher kein Leben in purer Harmonie. Was mich als Kind aber immer sehr beeindruckte, war, wie liebevoll sie miteinander umgegangen sind. Selbst in den Zeiten, als sie von ihrem Geschäft ganz in Beschlag genommen waren. Vater war ein genialer Kaufmann, und es gab für ihn nichts Größeres als zufriedene Kunden. Wie oft lieferte er noch nach Geschäftsschluss ein paar Pfund Tomaten oder einen Bund Petersilie an eine Kundin, die ihm wichtig war. Service ist alles, sagte er dann lächelnd, wenn Mutter ihm vorhielt, dass sich das doch nicht rentiere. Aber er hatte recht. Für ihn war es das Höchste, seine Kunden zufriedenzustellen. Damit schuf er einen Viktualienhandel, der sich noch heute sehen lassen kann. Siegfried, der das Geschäft übernommen hat, dürfte heute sicher an die dreißig Angestellte haben. Was war ich froh, dass meine Eltern nicht von mir erwarteten, wie mein Bruder ins Unternehmen einzusteigen. Wenngleich sie meine ersten Kunden in der Agentur waren. Und heute noch läuft die gesamte Werbung, jede kleine Anzeige, über meinen Laden. Trotz all der Umtriebigkeit meines Vaters, haben meine Eltern nie den Respekt voreinander verloren. Wenngleich sie auch öfter mal gestritten haben, wie in jeder Partnerschaft, demonstrierten sie vor uns Brüdern immer Bereitschaft zur Versöhnung. Dann gingen sie zum Essen in ein gutbürgerliches Lokal. Da durften wir dann nicht mit, weil sie sich „heut selbst feiern müssen“, wie Mama immer sagte. Was waren sie doch für wunderbare Eltern! Sie lebten uns eine Ehe vor, wie es sie heute nicht mehr gibt. Und was habe ich aus diesem Vorbild gemacht?
Auf dem Beistelltisch neben der Couch liegt ein neues Hochglanzmagazin. Ob es wohl von Franziska ist? Sie ist der gute Geist unserer Agentur. Wenn sie nicht so jung wäre …
Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt? Ach, ich erinnere mich: Es war bei dieser ominösen Verlagsparty vor drei Jahren. Sie machte gerade ein Praktikum und stand kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss in Literaturwissenschaft. Ich hatte ihr spät in der Nacht angeboten, doch mal bei uns vorbeizukommen. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie es tun würde. Man redet ja oft Belangloses daher, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist. Dass sie sich an meine Einladung erinnern und Ernst machen würde, hat mich doch sehr beeindruckt. Als sie eines Abends vor mir in meinem Büro saß und mich aus großen grünen Augen ansah, wusste ich, dass ich sie einstellen würde. Wie hätte ich ihr widerstehen können? Ich habe dann sehr schnell festgestellt, welch ein Glücksgriff sie ist. Und nun arbeitet sie hier in der Agentur und ist dabei, ihren Master zu machen. Nebenbei, wie sie sagt, ist es leichter, als den ganzen Tag in der Uni zu sitzen. Unglaublich.
Ich blättere in dem Frauenmagazin und bleibe prompt an einem Beitrag hängen, der vom Kampf einer Frau um ihr Recht handelt. Es ist der Name, der mich elektrisiert: Magdalena Salomon! Sofort stehen die Ereignisse von damals vor meinem inneren Auge. Als wäre es gestern gewesen. Wie lang ist das jetzt her? Es muss Mitte der Achtziger gewesen sein. Es gibt sie also doch, diese Frau, um die sich sein ganzes Denken drehte und von der er ständig redete. Und vor allem: Sie lebt noch!
Ich muss einen Schluck trinken. Wieso bin ich eigentlich damals ausgerechnet nach Estaing gefahren? War es nicht Melli, die mir den Tipp gab?
„Gönn dir ein paar Tage Ruhe. In Frankreich, im Massif central, da kenne ich einen wunderschönen, verträumten Ort. Dort kannst du vielleicht ein wenig Abstand gewinnen und wieder zu dir finden. Estaing wird dir gefallen. Am liebsten käme ich ja mit. Aber ich muss unbedingt was fürs Studium tun.“
Im Nachhinein war ich dann allerdings nicht unglücklich, dass sie nicht mitgekommen war. Mit Melli lief es doch immer aufs Gleiche hinaus. Und spätestens nach zwei Wochen wären wir uns überdrüssig gewesen und hätten nichts mehr miteinander anzufangen gewusst. Schade eigentlich, dass der Kontakt zu ihr inzwischen völlig abgebrochen ist. Ob sie immer noch nach Estaing fährt? Ich war jedenfalls all die Jahre nicht mehr dort.
Ich lese in dem Artikel, kann mich aber nicht so recht konzentrieren. Zu sehr drängen sich die längst vergangenen Ereignisse in den Vordergrund. Was war das doch für eine schlimme Zeit! Mir ging es damals ziemlich schlecht. Die Trennung von Hannah hatte mich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Ich war am Ende. Und dann kam Melli mit diesem Tipp. Schon ein paar Tage später saß ich im Auto und suchte nach diesem mysteriös-verklärten Ort im südwestlichen Teil des französischen Zentralmassivs. Von Saint-Étienne aus Richtung Le Puy, dann weiter nach Rodez.
Es kam mir seinerzeit vor, als sei Estaing ein magischer Kraftort, als könne er Veränderungen bewirken. Noch viele Jahre später war ich davon überzeugt, dass Estaing ein heiliger Ort sei. Schließlich hatten mich diese zwei Wochen dort völlig verändert: Es ging weniger um mich. Mehr um Hagen Wandel, der mich mit seiner Geschichte in eine andere Bewusstseinsebene zu transformieren schien. Und ich kam schließlich über die Trennung von Hannah hinweg.
Diese unheimliche Begegnung mit Hagen Wandel hatte unglaubliche Turbulenzen in mir ausgelöst, die schließlich eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Problemen nicht mehr zuließen oder mir keinen Raum dazu gaben. Es war, als würde da ein Graben zugeschüttet.
Ich weiß nicht, wie lang ich schon so dasitze, das Magazin vor mir, den Blick starr auf die Wand gerichtet, als Franziska hereinkommt und mich aus trübseligen Grübeleien herausholt. Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie wortlos einen Espresso vor mich hingestellt hat. Erst als sie sich mir gegenüber an den Besprechungstisch setzt und mich mit großen Augen ansieht, komme ich zu mir.
„Dir geht es nicht besonders, oder? Kann ich dir was Gutes tun?“, will sie mit leiser Stimme wissen. Sie ist wirklich rührend. Ob sie mir anmerkt, welche Gefühle sie in mir auslöst?
„Du bist lieb, Franziska. Ja, im Moment weiß ich wirklich nicht, wo mir der Kopf steht. Die Werbekampagne für Pit, für die uns eine zündende Idee fehlt, die Belastung in der Familie, die Probleme mit Katharina … es ist einfach uferlos.“ Franziska kommt zu mir herüber, setzt sich neben mich, legt ihren Arm um mich und streichelt sanft meine Hand. So viel Nähe haben wir uns bisher nicht erlaubt. Es tut jedenfalls gut, sie neben mir zu spüren.
„Ich danke dir“, ist alles, was mir im Moment dazu einfällt. Ich drücke sie leicht an mich, hauche ihr ein Küsschen auf die Wange und streichle dabei sanft ihren Rücken. Ehe es zu mehr kommt, weicht sie zurück und geht zur Tür, wo sie sich noch einmal umdreht und leicht errötend flüstert, dass sie mich nicht durcheinanderbringen wolle. Dazu schätze sie mich einfach viel zu sehr.
Es geschieht alles wie durch einen Schleier. Zu sehr zieht mich die Konfrontation mit der Vergangenheit in den Bann: Magdalena Salomon. Wo sie heute lebt, geht aus dem Bericht nicht hervor. Ich gebe mir einen Ruck und gehe zurück an meinen Schreibtisch.
Es ist schon spät, als ich meinen Mac herunterfahre. Ich gehe in die Ecke unserer Agenturräume, die wir wegen des Tischkickers, des Espressoautomaten und der alten Jukebox gewollt hip „Funroom“ nennen, und mache die Lichter aus. Da fällt mein Blick auf das Magazin, das jemand offensichtlich aufmerksam durchgeblättert und ziemlich zerknittert auf den Boden geworfen hat. Ich stecke es in meinen Rucksack, schließe ab und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Im Auto erscheint auf dem Multifunktionsdisplay eine Nachricht von Katharina.
Sie hat den Kindern etwas zum Essen bringen lassen. Sollte ich noch nicht gegessen haben, müsse ich mir etwas besorgen. Warum hat sie mir das nicht schon früher gesagt? Warum hat sie mich nicht angerufen oder mir eine SMS geschickt? Eigenartig. Geht der Stellungskrieg also weiter. Was ist nur aus uns geworden? Kurz entschlossen nehme ich den Weg zum Koh-Lanta-Imbiss, wo ich immer esse, wenn ich allein bin und nicht gestört werden möchte. Gott sei Dank ist nicht viel los, und ich bekomme nicht nur problemlos einen Parkplatz, sondern auch noch einen sehr schönen, ruhigen Platz im Lokal, wo ich ein „Geang Keow Whan“ bestelle, dazu ein Singha Bier und gebackene Bananen mit Nüssen und Honig im Palatmantel. Während ich das Essen hinunterschlinge und in dem Magazin blättere, fällt mir ein, was Franziska vor Kurzem sagte, als ich sie abends beim Verlassen der Agenturräume gefragt hatte, ob sie Lust habe, mit mir noch ein wenig im Alten Friedhof spazieren zu gehen. Ich wollte ein wenig vom Stress herunterkommen und nicht allein herumirren. Einsilbig war ich neben ihr hergegangen und unter einer mächtigen Rotbuche stehen geblieben, um die verwitterte Inschrift auf einem Grabstein zu entziffern. Franziska war, ohne dass ich es bemerkt hatte, schon ein paar Schritte vorausgelaufen. Da hatte sie sich umgedreht, war zurückgekommen und hatte mich mit leicht resignierter Stimme gefragt, ob ich wohl nur noch aus Agentur bestehe? Warum ich mich mit allen Kräften vor der bösen Außenwelt abschirme, als gelte es, ein Geheimnis zu hüten. „Aber das Problem wächst doch nur, wenn du es nicht mit anderen teilst“, hatte sie klug und mit leicht vorwurfsvollem Unterton geendet.
Ich hatte abwehrend den Kopf geschüttelt und gefragt, wie sie das meine. Als ich sie aber so vor mir stehen sah, mit ihren ernsten Augen, den vollen, freundlich geschwungenen Lippen und dem majestätisch feinen Jochbogen, da konnte ich nichts mehr sagen. Zu mächtig war der Wunsch, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, was ich mir bisher erfolgreich versagt hatte. Was würden meine Leute in der Agentur sagen, bekämen sie mit, dass zwischen uns beiden etwas läuft. Ich schaute an Franziska vorbei, ließ die Schultern hängen und schüttelte resigniert den Kopf.
Es wurde eine lange Aussprache in einem Bistro in der Nähe des Alten Friedhofs, wo wir eng nebeneinandersaßen und redeten, ohne uns anzusehen. Und es wurde ein langer Abend. Wie sich herausstellte, wusste Franziska längst, dass meine Ehe mit Katharina auf der Kippe stand, dass wir seit Monaten eine Paartherapie machen und dass ich im Augenblick mit der Sorge lebe, Katharina werde sich von mir trennen, sobald Lilli und Tim aus dem Haus sind. Franziska hatte sich nie etwas anmerken lassen. Sie erwähnte nur, dass sie mich sehr schätze und dass sie das Gefühl habe, sie müsste mir alles zurückgeben, was ich für sie getan habe. Ich wusste zunächst nicht, wie sie das meinte. Aber sie hatte ihre Hand auf meinen Oberschenkel gelegt und mich eindringlich angesehen. „Du willst aber jetzt nicht noch einmal hören, wie wichtig es für mich war, dass du mich angestellt hast?“
Damit schien alles gesagt. Und ich glaubte, genau zu wissen, was sie meinte. Aber da hatte ich mich wieder einmal – wie so oft in meinem Leben – gründlich getäuscht. Es sollte allerdings noch einige Wochen dauern, bis ich diesem Geheimnis auf die Spur kam. Es war offenbar der Teil ihrer Geschichte, über den sie weniger gern sprach. Und dennoch verband sie uns weit stärker, als ich mir bis zu diesem Zeitpunkt träumen ließ.
Ich kehre zu dem Artikel zurück, dem nun meine ganze Aufmerksamkeit gehört. Es geht um eine Zeit, die ich längst abgehakt und ad acta gelegt habe, die für meine Gegenwart bis heute keine Bedeutung mehr hatte. Und nun merke ich erschüttert, dass ich mich selbst belogen und verdrängt habe, was damals passiert war. Und diese Verdrängung hatte meine ganze Energie gefordert. Sie nimmt ihren Anfang mit der Geschichte MagdalenaSalomons, der Frau, die ich persönlich nicht kennengelernt habe, von der ich aber in meiner Erinnerung eine ganz konkrete Vorstellung hatte.
In dem Bericht erzählt Magdalena, dass sie ihren Kampf um das Erbe Hagen Wandels endgültig gewonnen habe. Wenngleich der Preis dafür in keiner Relation zum Aufwand stehe. Ihr sei es aber um die Gerechtigkeit gegangen. Und die sei ihr nun endlich zuteilgeworden. Für das Gericht hatte es keine Zweifel gegeben: Das Testament Hagen Wandels sei eindeutig. Wieso aber das Päckchen mit den Briefen und dem Letzten Willen erst vor knapp einem Jahr aufgetaucht sei, das bleibe weiterhin ein Rätsel. Aber schlussendlich konnten auch die Verwandten Hagen Wandels die Echtheit der Dokumente nicht vertuschen oder leugnen. Und so kam Magdalena in einen nicht unerheblichen Besitz von knapp 100 Bildern, 150 Radierungen, unzähligen Drucken, Skizzen und Entwürfen. Sie haben zusammen einen Schätzwert von etwas mehr als 8,5 Millionen Euro. Vom Atelier mit dem weitläufigen Seegrundstück und dem Haus in Estaing ganz zu schweigen. Das Wichtigste für Magdalena aber sei, laut Interview, dass mit den Briefen eindeutig belegt werden konnte, dass sie am Tod Hagen Wandels keinerlei Schuld treffe.
Ich lasse den Artikel sinken, gebe der Bedienung ein Zeichen, mir die Rechnung zu bringen, und verlasse, von dunklen Gedanken umwoben, das Restaurant, um mich mutlos auf den Heimweg zu machen.
In unserer hellen Wohnung herrscht Stille. Durch die penible Ordnung und die mit Bedacht arrangierten Designermöbel mag sie auf Außenstehende unbewohnt wirken. Sind denn alle ausgeflogen? Ich gehe am Zimmer meines Sohnes vorbei und höre ihn leise und monoton sprechen. Zaghaft, als wäre ich ein Besucher, klopfe ich an. Da steckt Tim widerwillig seinen Kopf heraus, als habe er es mit einem ungebetenen Gast zu tun.
„Brauchst du etwas?“, will er mit kühlem Blick und deutlicher Distanz in der Stimme wissen.
„Mit wem sprichst du?“
„Mit Mama.“
„Ist sie nicht zu Hause?“
„Nein, sie ist bei Michaela.“
„Kann ich sie sprechen?“
Aber da hat sich mein Sohn schon wieder in sein Zimmer verkrochen, wo er weiter leise ins Telefon redet, damit ich nur ja nicht höre, worum es geht.
Ich schlurfe den Flur entlang zu meinem Zimmer. Auf meinem Bett liegt ein Zettel von Katharina, eine schnell hingeworfene Nachricht: Hi, Dan, ich bin bei Michaela und komme heute Nacht nicht nach Hause. Wir gehen zum Tango. Ich möchte mich anschließend nicht mehr ins Auto setzen, da es sicher sehr spät wird. Ich habe morgen frei. Bitte wecke Lilli morgen früh rechtzeitig, damit sie nicht wieder verschläft.
Grüße, Katharina.
Eine geschäftsmäßig klingende Notiz, kein symbolischer Kuss, keine private Bemerkung. Enttäuscht zerreiße ich den Zettel und werfe die Schnipsel in den Papierkorb.
Lilli scheint unsere Situation unter die Haut zu gehen. Offenbar habe ich die Kinder in letzter Zeit zu sehr vernachlässigt. Und nun gehen sie mir aus dem Weg. Ich hätte mit ihnen über unsere Probleme sprechen sollen. Alt genug sind sie schließlich. Sie haben natürlich längst gespürt, dass Katharina und ich dem Ehe-Aus entgegentorkeln.
In der Küche mixe ich mir ein großes Glas Whiskey Sour mit braunem Rohrzucker, Limonenscheiben, einigen Minzblättchen und etwas Eis. Dann gehe ich mit dem Drink auf mein Zimmer und lasse mich in die Børge-Mogensen-Couch fallen.
Was haben wir nur falsch gemacht? Waren wir zu satt, zu sehr mit der Ansammlung all der schönen Äußerlichkeiten beschäftig? War es das, was aus unserem Begehren Sattheit und Langeweile machte? Oder waren wir einander zu sicher? Waren es die üblichen Fluchtversuche in gelegentliche Flirts, durch die wir uns entfremdeten? Ob Katharina einen Freund hat? Ich will es mir gar nicht vorstellen. Ist gegenseitiges Vertrauen, einander zu glauben, loszulassen, nicht mehr als Wissen? Ob sich meine Eltern auch auseinandergelebt hatten, ohne es uns zu zeigen? Aber sie waren schließlich zusammengeblieben, bis der Tod sie voneinander schied. Sind sie wirklich meine Vorbilder, an denen ich meine Vorstellung vom Leben in einer Partnerschaft ausrichte? Oder waren der Wohlstand und die Vernunft in unserer Beziehung die Totengräber unseres Begehrens?
Ich spüre bereits die Wirkung des Alkohols, der mich sentimental werden lässt. Wehmütig denke ich an die Zeit zurück, als wir uns kennengelernt haben. Während ich darüber nachgrüble, schiebt sich Franziskas Gesicht über das von Katharina. Ich muss unwillkürlich lächeln. In Wahrheit bin ich froh darüber, dass ich mein Leben so führen darf, wie ich es mir vorstelle, abgeschottet von den Ansprüchen der Familie. Auch wenn ich nicht nur mir allein verantwortlich bin. Auf dem Weg ins Bad werfe ich einen Blick in Katharinas Zimmer. Ihr Anrufbeantworter blinkt. Eine fremde Männerstimme will wissen, ob es mit der Tangonacht klappt.
Lilli ist schon vor mir aufgestanden und mit dem Frühstück bereits fertig, als ich aus dem Schlafzimmer komme. Ich musste sie gar nicht wecken. Wir blicken uns nur an und bleiben stumm. Ich kann sie nicht einmal fragen, wie es ihr geht, weil ich mich scheue, aus der Reserve zu gehen. Sie sagt, dass sie früher aus dem Haus müsse, weil sie sich noch vor dem Unterricht mit Simon treffen wolle, Simon, einer ihrer engsten Freunde seit der Kindergartenzeit. Voller Wehmut denke ich an die Zeit zurück, als sie sich beim Frühstück immer auf meinen Schoß gezwängt, von meinem Teller gegessen und mit ihren kleinen Händen meine Nase angefasst hat. Nun sind ihr Freunde wichtiger als die Eltern. Rein rational ist mir das klar, aber emotional geht mir ihre Nähe ab.
Tim muffelt wie immer in der Küche herum, laut gähnend und schmatzend Porridge in sich hineinschaufelnd, während er wie Tweets auf seinem Smartphone checkt. Er ist mir manchmal richtig fremd.
Als ich aus der Dusche steige, muss ich mich erst einmal setzen. Was war das für ein eigenartiger Traum, den ich da heute Nacht hatte und der sich plötzlich, da ich meine Kleider auf dem Stuhl im Badezimmer liegen sehe, mit aller Macht nach vorn drängt.
Ich bin mit Franziska in einer fremden Wohnung, in der sie sich bewegt, als wohne sie da. Ich bin nackt und ziemlich unsicher. Franziska trägt ein kurzes weißes Seidenhemd, das ihren Hintern nur notdürftig bedeckt. Da geht die Wohnungstür auf, und ein junger Mann, offensichtlich ein Mitbewohner Franziskas, kommt nach durchtanzter Nacht nach Hause und bringt zwei Frauen mit. Eine der beiden trägt eine Colombina-Maske. Ich lösche sofort das Licht im Flur, damit man mich nicht sehen kann, und flüchte mich ins Bad, wo ich im Dunkeln nach meiner Kleidung suche. Ich sehe, wie die Frau mit der Maske in Franziskas Zimmer geht und sich mit dem Rücken zu mir auf den Couchtisch setzt. Da tritt Franziska laut lachend hinter sie, beugt sich zu ihr hinab, umarmt sie, nimmt ihr die Maske ab und küsst sie zärtlich und voller Begierde auf den Hals. Ich stehe hinter der Tür und beobachte heimlich die Szene, die mich ziemlich erregt. Da dreht die fremde Frau sich um. Erschrocken stelle ich fest, dass es meine Tochter ist. Lilli und Franziska! Fast nackt und eng umschlungen, sich küssend und streichelnd! Ich wundere mich, weil mir Franziska gar nicht erzählt hat, dass sie sich kennen und sich offensichtlich lieben. Voller Angst schleiche ich ins Badezimmer zurück, in das mir Franziska folgt und mich vorwurfsvoll fragt, ob ich denn nicht wisse, dass Lilli ihre kleine Schwester sei. Ich versuche, Franziska an mich zu ziehen, da weicht sie zurück, verlässt das Badezimmer und schiebt Katharina, meine Frau, herein, die mir das Badetuch vom Leib reißt und wütend zischt: „Du geiler Gaffer!“
Belämmert, ohne auf Tim und Lilli zu achten, werfe ich mir den Bademantel über und gehe in die Küche, während ich den Gefühlen nachspüre, die der Traum in mir ausgelöst hat. Ob sich Lilli und Franziska auch in der Realität näher kennen? Das kann fast nicht sein. Davon hätte mir Franziska bestimmt erzählt. Ob ich mit ihr über den Traum sprechen soll? Ich merke, wie meine Verunsicherung wächst. Mir ist der Traum äußerst unangenehm. Langsam kleide ich mich an, trinke im Stehen eine Tasse Tee und mache mich desorientiert und wie verkatert auf den Weg in die Agentur.
Nun sitze ich schon seit drei Stunden vor meinem Rechner und versuche mich immer noch an den Umschlagentwürfen, doch es will mir einfach nichts gelingen. Franziska ist heute noch nicht im Büro. Sie wollte sich um einen neuen Kunden kümmern. Der Traum hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Immer wieder vermischen sich die Traumbilder mit der Realität. Was sind das nur für Verwicklungen? Ich gehe in den Funroom, lasse mich wie in Trance in einen Sessel fallen und zünde mir einen Zigarillo an.
Dann rufe ich René an, meinen alten Schulfreund, der als Dramaturg am Staatsschauspiel arbeitet. Aber wie so oft ist er nicht erreichbar. Ich weiß so gut wie gar nichts von der Colombina-Maske.
Warum trug Lilli im Traum diese „Commedia dell'arte“-Maske? Und wieso mache ich im Traum Lilli und Franziska zu Schwestern? Warum bin ich nackt in einer fremden Wohnung? Mich lassen die Bilder nicht mehr los. Mir ist, als sei das alles ganz real und tatsächlich passiert.
Endlich, gegen 15:00 Uhr, ruft René zurück. Als ich ihn frage, ob er mir etwas über die Colombina-Figur sagen könne, lacht er laut ins Telefon. Er arbeite gerade an einer neuen Fassung von MolièresScappino, erzählt er. Und in diesem Zusammenhang beschäftigt er sich nach langer Zeit wieder mit den Figuren der Commedia dell'arte. Colombina sei ursprünglich eine bäuerliche Figur gewesen, die aber in Frankreich, vor allem in Paris, im Theater eine wichtige Rolle gespielt habe und die mit der Zeit immer mehr als satirischer Charakter interpretiert wurde. Colombina nehme kein Blatt vor den Mund und werde als Figur häufig eingesetzt, wenn es um feine Intrigenspiele gehe.
Ich kann das alles nur sehr schwer mit meinem Traum verbinden.
Das Gespräch mit René verwirrt mich mehr, als es mir weiterhilft. Wie komme ich nur auf diese Arlequin-Figur? Als es mir endlich gelingt, den Traum zur Seite zu schieben, und ich an der Werbekampagne weiterarbeiten kann, fällt es mir plötzlich wieder ein: Hagen Wandel hat häufig von den Figuren der Commedia dell' Arte gesprochen. Und er hatte mir am letzten Tag vor seinem Verschwinden erzählt, dass er die Colombina gemalt habe. Nicht witzig und listig, sondern als Leidensfrau. Ich muss unbedingt Magdalena Salomon sprechen.
Heftiges Türenknallen holt mich zurück in die Realität. Katharina liegt mit Lilli im Clinch und hat gar nicht mitbekommen, dass ich schon zu Hause bin. Ich stehe mit einem Glas Primitivo in der Hand in meinem Zimmer und glotze auf die Straße hinunter. Wie ungern ich doch mittlerweile in dieser Wohnung bin, da hilft weder der exzellente Schnitt noch die 1-a-Lage. Es liegt an diesen ständigen Auseinandersetzungen, die ich nicht mehr ertragen kann. Unentschlossen drehe ich mich um, stelle das Glas auf das Sideboard und überlege, ob ich mich in den Streit einmischen soll, als Katharina, ohne anzuklopfen, ins Zimmer stürmt und mich auffordert, endlich ein Machtwort zu sprechen und meiner Tochter in die Schranken zu weisen. Auf sie höre sie ja ohnedies nicht. Und so gehe es einfach nicht mehr weiter. Seit Tagen sitze Lilli nur noch herum und lasse sich bedienen wie in einem Hotel. Nun habe sie schon wiederholt die erste Unterrichtsstunde versäumt. Und wenn sie darauf angesprochen wird, gebe sie nur impertinente Antworten. Sie sei schließlich erwachsen und könne selbst entscheiden, sagt sie, wann und welchen Unterricht sie besuche.
Ich muss mich zusammenreißen, dass ich nicht für Lilli Partei ergreife, und schlucke meine Erwiderung hinunter. Lilli leidet doch nur an den Konflikten ihrer Eltern. Ich nicke, als stimmte ich Katharina zu, und frage, was ich ihrer Meinung nach den sagen solle. Das bringt Katharina gänzlich aus der Fassung. Mit wütend herabgezogenen Mundwinkeln, die ich so sehr verabscheue, schleudert sie mir entgegen: „Dir scheint das ja alles völlig egal zu sein. Hauptsache, du hast deine Ruhe. Katharina macht das schon. Aber da täuschst du dich. Ich habe die Schnauze so was von voll! Mir reicht's!“
Und damit rauscht sie aus dem Zimmer hinaus, bevor ich auch nur eine Silbe herausbringe. Wie ein getretener Hund tappe ich ihr hinterher und versuche, sie festzuhalten. Katharina dreht sich widerwillig zu mir um und blitzt mich wütend an: „Wann wachst du endlich aus deiner Lethargie auf?“
„Mich würde vor allem interessieren, warum du so wütend bist! Da schlägst du dir lieber mit deiner Freundin und was weiß ich mit welchem Mann die Nacht um die Ohren … und dann kommst du nach Hause und lässt deine Wut an deiner Familie aus. Als wären wir hier alle verantwortlich für dein Leben. Bin ich es, der dir im Weg steht? Was habe ich dir getan? Kannst du mir das sagen? Also lass bitte Lilli aus dem Spiel!“
„Du bist doch nur eifersüchtig. Eifersüchtig auf meine Freunde, eifersüchtig auf meine Arbeit, eifersüchtig auf meinen Kontakt zu Tim, eifersüchtig auf alles, was du selbst nicht hast“, sagt sie mit höhnisch bitterem Unterton.
„So lasse ich mich von dir nicht abschmettern. Sag mir wenigstens, wer der Mann ist, mit dem du deine Tango-Nacht verbracht hast.“
„Spionierst du mir nach? Wie kommst du darauf, dass ich mit einem Mann die Nacht verbracht habe? Wenn du den meinst, der diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat, dann täuschst du dich gewaltig! Glaubst du im Ernst, ich würde einem x-beliebigen Lover meine Telefonnummer geben, damit er hier anrufen kann, zur Freude der ganzen Familie? Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“
Ich kann darauf nichts sagen, will auch gar nicht streiten, will eigentlich nur meine Ruhe.
Trotz meiner Unlust wurde es dann doch noch ein langes und intensives Gespräch. Im Nachhinein bin ich richtig stolz auf mich, dass ich mich einigermaßen gut im Griff hatte und nicht ausfallend geworden bin.
Katharina räumte ein, dass es sich zwar um ihren Tango-Lehrer handelt, der da auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, dass er sich tatsächlich in sie verliebt habe, aber dass er nicht der Grund sei, warum sie die ganze Situation zu Hause, in dieser Familie, nur noch schwer aushalte. Es sei vielmehr diese alles zerstörerische Sprachlosigkeit, die sich wie ein Abgrund zwischen uns beiden aufgetan habe. Wir hätten uns seit nahezu drei Jahren nichts mehr zu sagen, außer wenn es um die Kinder gehe. Wann haben wir zuletzt gemeinsam etwas unternommen, sehe man von den zwei letzten Urlauben ab? Wann habe ich ihr von meinen Problemen und Konflikten in der Agentur erzählt? Warum versuche ich, meine Gefühle für meine Assistentin zu verheimlichen? Wann habe ich ihr zum letzten Mal Blumen mitgebracht, wann ein neues Kleid an ihr bemerkt, geschweige denn bewundert? Wie kümmerlich sei es doch um unser Sexleben bestellt.
Ich wurde, je länger die Auseinandersetzung dauerte, immer leiser und nachdenklicher.
Am Ende des Gesprächs konnten wir uns endlich wieder einmal liebevoll umarmen, wobei ich nicht mehr sagen kann, wer den ersten Schritt gemacht hat. Und dann habe ich Katharina sogar einen sanften Kuss aufgedrückt, der leider ohne Erwiderung blieb.
Nun sitze ich wieder in meinem Zimmer und starre an die Decke. Es ist schon spät, und ich kann immer noch nicht ins Bett gehen. Zu sehr hat mich diese Auseinandersetzung mitgenommen. Ich überlege, was der Grund gewesen sein mochte, dass unsere Beziehung so kühl und distanziert geworden ist. Irgendwann haben wir unser Begehren den familiären Zwängen untergeordnet. Aber Erotik und die Sehnsucht nach Einssein mit dem anderen lassen sich nicht erzwingen, lassen sich nicht zwischen Allerweltsterminen und vielfältigen anderen Verpflichtungen unterbringen. War es das wirklich? Oder haben wir uns einfach auseinandergelebt, wie es vielen anderen Paaren auch ergeht? Was ist daran so ungewöhnlich?
Ich nehme erneut einen kräftigen Schluck von dem sanften, samtigen Wein, dessen Wirkung ich längst spüre. Hatte ich es heute nicht in der Hand, über meine kümmerliche Bedürftigkeit zu reden? Über meine Sehnsucht und die Zweifel, dich mich ständig begleiten! Ich hatte es – wie so oft in den letzten Monaten – wieder einmal versäumt, reinen Tisch zu machen. In mir wächst die Sorge, dass ich so schnell keine Gelegenheit mehr bekommen werde, diesem verdammten Begehren auf die Spur zu kommen. Wenn ich ehrlich bin, hielte ich in diesem Moment am liebsten Franziska in meinen Armen. Ich stehe auf und suche nach dem alten Tagebuch, das ich damals in Estaing geführt habe.
Das Wetter dreht sich. Endlich. Ich bin auf dem Weg in die Agentur. Diese Hitze in den letzten Wochen war kaum noch zu ertragen. Immer die von Schweiß durchtränkten T-Shirts, die abgestandene Luft in den verdunkelten Räumen, die feuchte Stirn, die falschen Schuhe. Wie wunderbar doch so ein kühler Wind das Gesicht streichelt.
Der Wetterwechsel scheint auch unserer Kampagne gut zu tun. Das ganze Team ist wie ausgewechselt. Sogar Pit hat seinen Hang zum Pessimismus für kurze Zeit abgelegt, ist aufgekratzt und hat uns gestern bei der Telefonkonferenz überschwänglich gelobt. Dabei ist seine depressive Stimme ein echtes Kontrastprogramm zu seiner sonstigen Erscheinung: Man könnte ihn für einen Womanizer halten, leider nur, bis er den Mund aufmacht!
Ich muss mich immer zusammenreißen, dass ich ihn nicht frage, was ich für ihn tun kann. Dabei ist er Marketingchef und Vorgesetzter eines strammen Teams. Unser Auftraggeber! Kaum zu glauben. Wir sollen morgen mit der ganzen Crew präsentieren, bat er mich freundlich. Was daran so bedeutend sein soll, bleibt sein Geheimnis. Aber mir soll's recht sein. Luisa und Marcel machen das ja gern, und ich muss nur einführen und kann mich dann entspannt zurücklehnen.
Als ich die Agenturräume betrete, kommt mir Franziska freudestrahlend entgegen, als habe sie bereits auf mich gewartet. Ihr verführerischer Duft und die sanften, vollen Lippen, wenn sie mir ihr Bisou auf die Wange haucht, bringen mich völlig aus dem Konzept. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Augen, meinem Körper, meinen Händen. Ich muss meine ganze Kraft und Energie aufwenden, dass ich meine distanzierte Maske nicht verliere.
Franziska war gestern mit einer Freundin im Kino und hatte sich „Liebe“ mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva angesehen. Der Film habe sie zwar verunsichert, erzählt sie aufgekratzt, aber auch beflügelt, weil er von einer so innigen Beziehung handelt, einer Liebe, wie sie sich nur träumen lässt. „Echte Liebe halt, bis in den Tod.
