Gefangen im hierarchischen System - Lena Hauser - E-Book

Gefangen im hierarchischen System E-Book

Lena Hauser

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Beschreibung

Frauen bei der Bundeswehr

Das E-Book Gefangen im hierarchischen System wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Zeit, Menschen, Frau, Mann, Paar, Gedanken, Angst, Jahre, Ende, Kinder, Neuen, Arbeit, Familie, Moment, Junge, Zimmer, Essen, Nacht, Finden, Eltern, Sofort, Bundeswehr, Militär, Sicht, Geschichte, Roman, Soldatin, Mutter, Alleinerziehend, Trennung, Dienst, Krankheit

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lena Hauser

Gefangen im hierarchischen System

Höher, schneller, weiter – über den gesunden Menschenverstand hinaus

Eine Erzählung

Bei diesem Werk handelt es sich um eine fiktionale Erzählung. Die dargestellten Personen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit real existierenden Menschen wären rein zufällig. Alle beschriebenen Handlungen sind zwar an die Realität angelehnt, beziehen sich jedoch nicht auf konkrete Begebenheiten. Auch hier wären alle Ähnlichkeiten rein zufällig.

© 2021 Lena Hauser

ISBN Softcover: 978-3-347-49367-4

ISBN E-Book: 978-3-347-49368-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Prolog

Die Sonne schien auf den Kasernenvorplatz, über den Gebäuden kreisten Vögel und zwitscherten fröhlich. Mira fühlte sich total unwohl in ihrer Haut. Die Hausfronten waren grau in grau, manche Gebäudeteile sahen nicht mehr bewohnt aus, nur alte grüne Vorhänge zierten die Fenster. Einige davon hingen ganz schief oder waren nur noch teilweise in der Vorhangleiste eingefädelt. Unebenes, abgelaufenes Kopfsteinpflaster bildete den rutschigen Untergrund für ihre zögernden Schritte. In ihrem schicken blauen Blazer, der weißen Bluse, dem passenden kurzen Bleistiftrock und den hohen Schuhen wirkte sie ganz deplatziert. Was hatte sich ihr Vater nur dabei gedacht, ihr eine Bewerbung bei der Bundeswehr anzuraten? Er hatte zwar gute Erinnerungen an seine Zeit im Wehrdienst, aber damals war es unvorstellbar gewesen, dass die Streitkräfte eines Tages für Frauen geöffnet würden. Doch genau das war tatsächlich gerade geschehen und in einer Hochglanzbroschüre, die er ihr mitgebracht hatte, wurde um die ersten Soldatinnen geworben. In Miras Umfeld und Freundeskreis hatte niemand aktuelle Erfahrungen mit der Bundeswehr. Die örtliche Kaserne kannte man nur vom Vorbeigehen und mehr als ein paar Autos, die durch die Schranken rein und raus fuhren, war da auch nicht zu beobachten – nicht, dass sie überhaupt einmal bewusst darauf geachtet hätte.

Mira war gerade erst 20 Jahre alt geworden und hatte mit Mühe eine Ausbildung bei einer Bank abgeschlossen. Eigentlich wollte sie schon immer Künstlerin werden und durch ein Schulpraktikum hatte sie auch großen Gefallen an dem Beruf der Mediengestalterin gefunden, doch die Medienagentur war Pleite gegangen, bevor sie dort eine Ausbildung hatte anfangen können. Die Stelle bei der Bank war die einfachste Lösung für sie gewesen, denn ihre Mutter hatte ihr den Ausbildungsplatz besorgen können. Es war nicht leicht gewesen, doch Mira hatte sich durchgebissen und nach drei scheinbar endlosen Jahren den Abschluss geschafft. Leider war auf die große Freude darüber bald die Ernüchterung gefolgt: ihr war mitgeteilt worden, dass sich die Banken durch die Entwicklung zum Onlinebanking „umstrukturieren“ müssten. Gemeint waren damit Stellenstreichungen und somit war Miras sicher geglaubte Festanstellung dahin. So war sie als unerfahrene Bankkauffrau arbeitslos geworden. Die folgenden unzähligen ergebnislosen Bewerbungsversuche und Maßnahmen beim Arbeitsamt hatten ihre Zuversicht dann endgültig getrübt. Diese neue Chance, die die Bundeswehr zu bieten schien, wollte sie deshalb unbedingt nutzen und sich beweisen. Außerdem verspürte sie das Bedürfnis zu helfen, wie die Soldaten im Fernsehen, die in verschiedenen Einsatzländern die Blauhelmmissionen durchführten. Sie wollte dabei sein, wenn in entfernten Ländern Brunnen geschlagen und Schulen gebaut würden. Auch wenn ihr Vater die neuen Einsatzgebiete der Bundeswehr kritisch sah: „Früher hat man sich noch gegen den Russen verteidigt, heute verteidigt man Deutschland tausende Kilometer entfernt am Hindukusch. Die Welt ist total verrückt geworden.“ Endlich würde sie etwas Gutes für andere tun. Und damit wollte sie vor allem ihre Eltern stolz machen, die immer fleißig gearbeitet hatten, um ihr etwas bieten zu können.

Jetzt fühlte sie doch die Aufregung in sich hochsteigen. Trotz der Angst vor ihrem gleich beginnenden Termin und den Konsequenzen daraus, war sie bereit hier etwas zu erreichen. Viele Frauen waren auf dem Gelände nicht zu sehen, so lange waren die Streitkräfte für Frauen auch noch nicht geöffnet. Dafür fielen ihr einige noch sehr junge Männer auf, die nicht gerade glücklich wirkten. Was mussten diese Wehrpflichtigen wohl über Menschen wie sie denken, die sich freiwillig zum Dienst meldeten? Die Unsicherheit drohte wieder Besitz von ihr zu ergreifen, weshalb sie all ihren Mut zusammennahm und auf die Eingangstür zuschritt. Sie hatte einen Termin für die Abgabe der Bewerbungsunterlagen bei einem „Hauptbootsmann“. Glücklicherweise war dessen Büro leicht zu finden und sie wurde sofort empfangen, bevor sie sich noch weitere Gedanken machen konnte. Der Hauptbootsmann sah aus, wie ein Traumschiff-Kapitän: Er trug ein Sakko mit goldenen Rändern an den Ärmelaufschlägen und hatte ein blau- weißes Tuch um den Hals geknotet. Sein weiß-blauer Hut lag auf dem Tisch neben ihm. Während er ihr erklärte, dass sie vorerst an einem dreitägigen Einstellungstest würde teilnehmen müssen, nach dessen Bestehen eine dreimonatige Grundausbildung auf sie wartete und dann erst die Zuweisung in ihre Stammeinheit, sah er die ganze Zeit nur auf seine Unterlagen herunter. Es klang als würde ein Roboter die immergleiche Aufnahme abspielen. Als der Hauptbootsmann zu Ende gesprochen hatte, war sich Mira nicht sicher, ob sie noch etwas hätte sagen sollen. Da ihr Gesprächspartner immer noch nicht aufblickte, verabschiedete sie sich höflich und ging.

Zurück zu Hause kamen ihr die vergangenen Stunden sehr unwirklich vor. Das normale Leben ging weiter, sie traf sich mit Freunden, ging Eisessen oder Kaffee trinken, besuchte Kinovorstellungen und feierte an den Wochenenden in der Diskothek. Erst als einige Tage später die Einstellungsunterlagen vom Zentrum für Nachwuchsgewinnung in der Post lagen, begann ihr die Tragweite der Ereignisse bewusst zu werden – sie würde Soldatin werden. Die Aufregung, die sie daraufhin ergriff war nicht nur eine freudige. Nächtelang wälzte sie sich im Bett herum, außerstande zu schlafen, bis sie völlig neben sich stand. Ihre Eltern fingen an sich große Sorgen zu machen: War es eine nachvollziehbare Unsicherheit oder hatten sie und Mira die falsche Entscheidung getroffen? Doch über diese Gedanken trauten sie sich allesamt nicht zu sprechen und so vergingen die Wochen in angespannter Stimmung.

Teil I: Von der Frau zur Soldatin

Kapitel 1

Es kam der Tag des Einstellungstests. Ihr Vater hatte ihr angeboten sie zu fahren, und Mira war ihm dankbar, denn sie fühlte sich immer noch überfordert mit der Situation. Als er die große und extrem schwere Reisetasche, die seine Tochter gepackt hatte, einladen wollte, wunderte er sich, warum sie so viel mitnehmen wollte. Aus seiner Zeit bei der Bundeswehr war ihm in Erinnerung geblieben, dass man kein eigenes Bettzeug und Handtücher mitbrachte und, dass man außer der Dienstkleidung die einem ausgehändigt wurde, eigentlich nur Sportsachen gebrauchen konnte. Mira hatte vor Aufregung dagegen völlig unnötige Dinge eingepackt, wie ihre schönsten Schuhe, Schminke und Schmuck – ganz so als würde sie in Urlaub fahren. Kurz vor der Abfahrt musste die Tasche also noch einmal umgepackt werden, dann konnte es los gehen.

Ihr Vater setzte Mira auf dem Parkplatz vor dem größten der alten Kasernengebäude ab. Natürlich hatte er sich bei der Wache an der Einfahrt nach dem genauen Standort erkundigt. Mira hätte das in ihrer Verfassung gar nicht mehr geschafft. Er war zwar auch aufgeregt, wollte es sich aber nicht anmerken lassen. Er drückte ihr also rasch die Reisetasche in die Hand - besser gesagt legte ihr den Tragriemen um die Schulter - und verabschiedete sich mit den Worten: „Stell dich nicht so an, das machst du schon“. Das war seine Art mit Aufregungen aller Art umzugehen. So stand Mira also plötzlich etwas verloren auf dem großen Hof. Die Kaserne um sie herum wirkte im Gegensatz zur letzten Kaserne nicht ganz so verlassen, es waren viele Soldaten und Soldatinnen zu sehen. Hier an der Sanitätsakademie gab es offensichtlich sogar einen regelrechten Frauenüberschuss im Vergleich zum Kreiswehrersatzamt, wo sie nur Wehrdienstleistenden gesehen hatte.

Sie lief also zum Eingang, den die Wache ihnen gewiesen hatte, und stand vor einer langen Treppe, an deren Seite ein großes Schild die Stockwerk-Übersicht lieferte, was Mira noch weiter einschüchterte: drittes Obergeschoss Psychologe, Erdgeschoss Innendienst, Geschäftszimmer und Inspektionschef. Sie fühlte sich nicht ausreichend auf das vorbereitet, was da auf sie zukam. Sie hatte sich vorab nicht großartig informieren können, denn Berichte über das Einstellungsverfahren bei der Bundeswehr waren schwer zu finden, selbst im Internet. In einer Buchhandlung hatte sie ein Buch zum Einstellungstest der Bundeswehr, dem Bundesgrenzschutz, der Justiz und der Polizei gekauft – sehr zur Verwunderung des Buchhändlers, der ihr schon den neuesten Roman ihrer Lieblingsautorin empfehlen wollte. Ansonsten hatte sie nur das Informationsmaterial der Bundeswehr studieren können. Dadurch kannte sie zumindest die Inhalte und den Ablauf des Sporttests, für den sie auch fleißig trainiert hatte - viel mehr hatte sie dem Papierberg aber auch nicht entnehmen können. Sie war so viel gelaufen und Rad gefahren wie noch nie, das musste einfach reichen. Die Tipps eines Bekannten ihres Vaters, der bei der Bundeswehr Dienst tat, empfand sie hingegen als absolut verunsichernd: „Nimm dich vor den Psychologen in Acht und sag nichts Falsches“, hatte er ihr zum Beispiel geraten.

Auf dem Flur, der von der Treppe wegführte, standen schon einige Leute vor dem Geschäftszimmer an. Mira gesellte sich am Rande dazu und bemerkte das Schild, das an der Tür angebracht war: „Bitte eintreten mit Meldung“. Wieder stieg ihre Verunsicherung, doch sie beruhigte sich damit beobachten zu können, wie die anderen sich benehmen würden. Als der junge Mann vor ihr an der Reihe war, öffnete er zielstrebig die Tür des Büros, sagte seinen Namen und, dass er zum Einstellungstest angereist sei. Dann schloss sich die Türe des Geschäftszimmers hinter ihm. Es dauerte nur wenige Minuten, dann kam er, bepackt mit einem Turm aus einer Decke, Bettwäsche, seiner Reisetasche und einem Schlüssel oben auf, wieder heraus.

Nun war also Mira an der Reihe. Sie griff zögerlich nach dem Türgriff, ganz und gar nicht so selbstsicher wie ihr Vorgänger. Hinter der Tür saß ein Mann in Uniform hinter einer Theke, blickte nur kurz auf und wies sie in einem schroffen, bestimmenden Ton an: „Hinter dir – Bettzeug aufnehmen, Decke und dann hier eintragen.“ Auf dem Tresen lag eine Liste mit Zimmernummern – ihre war die 052. Ein weiterer Soldat kam mit einem Schlüssel an die Theke. Er war Mira gleich sympathischer als sein älterer Kollege. „Eine Mappe liegt für dich im Zimmer, draußen befinden sich Gemeinschaftsduschen und WCs. Um 22 Uhr ist Nachruhe. Halte dich daran. Lies dir die Mappe durch und morgen um sechs Uhr ist Dienstbeginn, gegenüber in der Kantine.“ Mit ihrem eigenen Decken-Bettwäsche-Turm verlies Mira also das Büro. Gesagt hatte sie bis auf ein leises "Danke" nichts.

Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss – so musste sie ihre Sachen glücklicherweise nicht so weit tragen. Das Mobiliar beschränkte sich auf das Wesentliche: ein Bett, ein schmaler Schrank und ein Tisch. Während sie den Inhalt aus ihrer Reisetasche in den Schrank räumte, fühlte Mira sich völlig verloren. Es gab noch nicht einmal ein Waschbecken in dem Raum. Sie würde also den Waschraum finden müssen, um zur Toilette zu gehen, sich die Hände zu waschen oder gar zu duschen. Sie machte sich bettfertig und legte sich hin. Der Gedanke wie viele Menschen vor ihr schon in diesem Bett gelegen haben mussten, war ihr unangenehm. Auf dem Gang waren immer wieder Schritte zu hören, die dumpf durch die leeren Mauern hallten. Sie bekam einen dicken Kloß im Hals und einen ganz trockenen Mund, doch Wasser hatte sie nicht eingepackt und ins Badezimmer wollte sie nicht mehr laufen - schon gar nicht in ihrem geblümten Schlafanzug. Sie hatte aber auch einfach zu viel Angst davor dem unfreundlichen Soldaten vom Geschäftszimmer auf dem Gang zu begegnen und gleich am ersten Tag eine Rüge wegen Verstoßes gegen die Nachtruhe zu bekommen.