Gefangen im Schmerz - Arthur Janov - E-Book

Gefangen im Schmerz E-Book

Arthur Janov

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Beschreibung

Normalerweise ist Schmerz etwas Einfaches: Wir fühlen ihn, wissen, daß es schmerzt, wissen, wo er ist, und wissen gewöhnlich auch, warum er auftritt. Doch die Schmerzen der frühen Kindheit sind etwas völlig Geheimnisvolles, obgleich wir alle, so Arthur Janov, sie mit uns herumtragen. Niemand erkennt oder anerkennt sie. Doch wir sehen ihre Wirkung täglich an unserer Lebensweise, an unseren Beziehungen, unseren Symptomen und an unserer sozialen Anpassung. Vielen Menschen fällt es schwer, sich vorzustellen, daß Ereignisse, die so lange zurückliegen wie die der Kindheit, das ganze Leben hindurch ihre Wirksamkeit behalten können. Doch Janov ist überzeugt, daß es so ist, er ist sogar überzeugt, daß Neurosen mit Beginn des Lebens einsetzen. Janov gibt nicht nur eine genaue Definition dessen, was wir gemeinhin Neurose nennen, er weist auch nach, daß unser Gehirn seelische Traumata genauso verarbeitet wie körperliche Verletzungen, und er zeigt schließlich, vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse, Wege auf, verdrängte, vergessene schmerzhafte Gefühle, die uns krankmachen, aus ihrem Gefängnis zu befreien und damit einen Heilungsprozeß einzuleiten. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 513




Arthur Janov

Gefangen im Schmerz

Befreiung durch seelische Kräfte

Aus dem Amerikanischen von Aurel Ende

FISCHER Digital

Inhalt

Für meine geliebte Ellie [...]DanksagungEinleitungI. Die lebenslängliche Strafe1. Bedürfnisgeschöpfe2. Urschmerz3. Das Gefängnis4. Die KonfliktenergieAngst und SpannungSymptome von Energieüberschuß5. In Notwehr6. Bedürfnissymbole7. Der innere KampfDer Krieg des realen mit dem irrealen SelbstDrei AutobiographienII. Die Umkehrung der Neurose1. Der Entwurf für den Wandel2. Die heilende KraftDie Agonie der HeilungDie »Primal-Zone«3. PrimärtherapieDrei Ebenen des Bewußtseins: Zugang zu UrschmerzDer Weg hinein4. Rückkehr an den Ort der Handlung5. Einsicht und WandelDie RealisierungIII. Die physische Erinnerung1. Die körpereigenen Schmerz-Killer2. Glaubensvorstellungen als OpiateGehirnwäsche als Schmerzwäsche3. Die Ebenen des Bewußtseins4. Das geschleuste Gehirn5. Die Einprägung von Urschmerz6. Der Bedeutungsverlust7. Die Pfade der VerknüpfungIV. Eine Wissenschaft vom Mensch-Sein1. Eine Wissenschaft vom FühlenDie Heilung der NeuroseKriterien für ein PrimalSchmerz ist Schmerz ist SchmerzStreßWas heißt in der Psychotherapie »gesünder«?2. Die Messung von Krankheit und GesundheitDie KörpertemperaturHerzschlagBlutdruckHirnwellenmessungImplikationen der Untersuchung vitaler KörperfunktionenDie Biochemie von StreßPrimärschmerz und biochemische VeränderungenWachstumshormoneKortisolTestosteronCholesterinThermographie und HautdurchblutungDie FragebogenuntersuchungErgebnisse der »Veteranen«Biochemie und die psychologische DimensionDie Biologie des Geistes3. Genesung und ErneuerungDer Weg des Urschmerzes vom Gehirn zum KörperV. Im Alltagsleben1. Das Haus der SchmerzenDie Natur der Depression2. Die Reise durch eine lange Nacht3. Der Gefangene der SexualitätHomosexualität4. Der letzte Rückzug5. Das fühlende KindErwartungen – der Anfang vom EndeDie Wirklichkeit der KinderEmotionale Krankheiten von KindernVI. Die Gegenwart der VergangenheitAnhang AAnhang BErgebnisse Der Fragebogenuntersuchung Von 1979Einige ImplikationenAnhang CAbreaktionNamens- und Sachregister

Für meine geliebte Ellie

Danksagung

Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß außer mir noch zwei Leute für dieses Buch verantwortlich sind. William Van Doren und Nick Barton haben lange Zeit daran gearbeitet, es zu realisieren. Sie haben organisiert, ausgearbeitet, eigene Gedanken dazu beigetragen, redigiert, beaufsichtigt, diskutiert und überhaupt alles Menschenmögliche getan, um die Fertigstellung dieses Buches zu sichern. Wenn ich sage, daß ich in ihrer Schuld stehe, ist das eine höchst unangemessene Beschreibung ihres Beitrags.

Ich möchte Dr. Michael Holden, meinem Mit-Autor von Das neue Bewußtsein, für seine besonderen Beiträge danken. Sie sind das ganze Buch hindurch offenkundig, ganz besonders in den Abhandlungen über Bewußtsein, Forschung, Psychose und »dem Gebäude, auf Schmerz errichtet«.

Die Tabellen unserer Untersuchungsergebnisse wurden von Ellen Lutwak entworfen und ausgeführt.

Besondere Anerkennung gilt meiner Sekretärin Cindy Heim und Mary Chesterfield, die das Manuskript getippt hat. Sie haben lange Stunden gearbeitet, um mit den verschiedenen Entwürfen des Manuskripts auf dem laufenden zu bleiben.

Abschließend möchte ich mich vor meinen Patienten verbeugen, deren Schmerz, Einsichten, Ausdauer und Enthusiasmus das Buch zu dem gemacht haben, was es ist.

 

Arthur Janov

The Primal Institute

Los Angeles, California

Einleitung

Die Menschheit ist durch ein heimtückisches Leiden an Händen und Füßen gebunden. Es ist die ungreifbarste, verheerendste und am weitesten verbreitete aller Krankheiten. Zwar ist es ein physiologisches, biologisches Leiden, doch kann es nicht mit Diäten, Übungen, Meditation, tugendhaftem Verhalten, Drogen und Arzneimitteln oder chirurgischen Eingriffen aus der Welt geschafft werden. Es läßt sich nicht an einer bestimmten Stelle lokalisieren. Es ist in der Tat die einzige Krankheit, die wirklich überall im Körper und im Gehirn zu finden ist. Doch kaum jemand ist sich dessen bewußt. Ärzte, die es behandeln, wissen nicht, wonach sie suchen sollen, und erkennen noch nicht einmal seine Existenz an. Es entfaltet dermaßen viele Symptome, daß es wie Hunderte von Krankheiten und nicht wie eine aussieht. Das Leiden heißt Neurose.

Die üblicherweise mit dem Ausdruck »Geisteskrankheiten« bezeichneten Leiden sind in Wirklichkeit eine biologische Krankheit – eine Wunde des ganzen Systems, deren Kern aus psychischem und physischem Schmerz[1] besteht. Normalerweise ist Schmerz eine unkomplizierte Angelegenheit; wir fühlen ihn, wir wissen, wie es ist, wenn etwas schmerzt, wissen, wo er sitzt und gewöhnlich auch, woher er rührt. Doch sind die Schmerzen aus unserer frühesten Kindheit, obwohl wir alle sie mit uns tragen, ein vollkommenes Rätsel. Niemand erkennt sie oder nimmt sie als solche wahr. Und doch sehen wir jeden Tag ihre Auswirkungen in der Art, wie wir unser Leben führen, in unseren Beziehungen, unseren Symptomen und in unserer sozialen Anpassung. Für die meisten von uns ist es schwer vorstellbar, daß die so lange zurückliegenden Geschehnisse uns noch in der Gewalt haben; nichtsdestoweniger tun sie es.

Ich werde zeigen, wie diese Krankheit ihren Anfang sogar am Anfang unseres Lebens hat. Doch statt sie nur zu beschreiben werde ich versuchen, eine präzisere Definition der Neurose zu geben, als es bisher geschehen ist. Dieses Leiden hat, trotz aller scheinbar komplexen Symptome, gewöhnlich eine einfache Geschichte. Wir werden verletzt, wenn wir am wenigsten dafür ausgerüstet sind, damit fertig zu werden – zur Zeit unserer frühen Entwicklung. Die Verletzung, die zu groß ist, um integriert werden zu können, wird begraben und verweilt in uns wie ein hartnäckiger Virus, beeinträchtigt unser Leben und läßt uns als Erwachsene maßlos leiden.

Wenn wir sehen, wie die Neurose entsteht, erkennen wir deutlicher, wie sie zu behandeln ist. Glücklicherweise sind die Mittel zu unserer Heilung jederzeit in uns. Das Gegenmittel sind genau jene Gefühle, die uns in verdrängter Form krankmachen.

Zwölf Jahre des Testens der Theorie in klinischer Praxis haben es uns ermöglicht, sehr viel präzisere Richtlinien einer wirkungsvollen Psychotherapie aufzuzeigen, und auf diese Weise geholfen, das in ein unsystematisches, unwissenschaftliches Durcheinander verfallene Gewerbe zu retten. Als Teil dessen möchten wir Methoden darstellen, die therapeutischen Fortschritt wirkungsvoll meßbar machen und eine wissenschaftliche Definition von Besserung und Gesundheit entwickeln.

Da Neurose eine Krankheit ist, welche die Biologie ändert, muß jede wirkliche Behandlung in der Lage sein, diese Biologie ihrerseits zu verändern. Die Primärtherapie leistet das. Wir haben bemerkenswerte Veränderungen im physischen System unserer Patienten beobachtet. In diesem Buch werden wir die Veränderungen und ihre Implikationen untersuchen.

Ein wichtiges Ergebnis unserer Arbeit ist ein besseres Verständnis menschlicher Funktionen, vor allem der Gehirnfunktionen. Wir haben in unserem Leben genug über die Entwicklung des Gehirns erfahren, um Hypothesen über dessen Entwicklung in der Spezies durch Jahrtausende hindurch aufzustellen. Um diese Vorgänge zu illustrieren, werden wir den Leser auf eine kurze Reise durch das Museum der Menschheitsgeschichte – das Gehirn – mitnehmen. Wir werden noch viel über dieses faszinierende Organ und die Rolle, die es bei Krankheit und Gesundheit spielt, in Erfahrung bringen müssen, doch entdecken wir Schritt für Schritt die Funktion des Gehirns in der Geschichte des menschlichen Wesens und der Menschheitsgeschichte.

Es ist die Fähigkeit, sich nicht bewußt zu sein, die es Männern und Frauen ermöglichte, die unsagbaren Leiden ihrer Vergangenheit zu überleben, wie sie uns alle in unserem eigenen frühen Leben rettet. Das Unbewußte ist kein vages psychologisches Konzept, sondern eine Realität unserer Gehirne und Körper. Genauso wie es uns zunächst rettet, vermag es uns – als Individuen und als Spezies – zu töten. Die Primärtherapie bietet dem Individuum einen Weg ins Unbewußte und infolgedessen auch einen Weg aus dem Unbewußten heraus.

Vielleicht wird am Ende der Hauptnutzen der aus dieser Therapie gewonnenen Erkenntnisse in dem Wissen darum bestehen, wie wir dem ganzen Problem der Neurose vorbeugen können. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, eine Heilmethode zu formulieren, wenn wir die genauen Bedingungen einer Vorbeugung kennen. Generationen der Zukunft brauchen dieses Leiden nicht zu erben.

I. Die lebenslängliche Strafe

1. Bedürfnisgeschöpfe

Bedürfnis ist die Grundlage sowohl von Gesundheit als von Neurose. Jede Zelle unseres Körpers hat Bedürfnisse. Bedürfnis ist ein Totalzustand des menschlichen Daseins – und zum Zeitpunkt der Geburt bestehen wir fast nur aus Bedürfnissen. Zu ihrer Erfüllung muß sich der hilflose Säugling an seine Eltern wenden. Er kann sich nicht selbst füttern, säubern und warmhalten. Er kann sich in keiner Weise selbst erhalten. Er kann die Bedürfnisse nicht selbst befriedigen. In nahezu jeder Sekunde seines Lebens steht seine Existenz auf dem Spiel.

Die frühesten Bedürfnisse sind physischer Art. Wenn wir heranwachsen, entstehen neue Ebenen von Bedürfnissen. Mit der Reifung des Gehirns verfeinert sich das Bedürfnis. Es entwickeln sich emotionale und intellektuelle Fähigkeiten wie auch neue Einzelheiten jedes Grundbedürfnisses. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Liebe ist zunächst nur körperlich. Es hat nichts mit Emotionen oder verbalem Ausdruck zu tun. Sobald das Kind aber emotionale Fähigkeiten entfaltet, entwickelt sich auch Gefühlsbedürfnis. Kritik ist für ein Neugeborenes bedeutungslos. Eine Demütigung, wie etwa, gesagt zu bekommen, man sei unnütz, bedeutet für einen drei Monate alten Säugling nichts. Für ein sechs Jahre altes Kind kann sie eine große Bedeutung haben, denn das Kind hat jetzt die Ebene emotionaler Bedürfnisse erreicht.

Die letzte Bedürfnisentwicklung ist eine intellektuelle, wie zum Beispiel die, die Umwelt erklärt zu bekommen. Um die Realität bestätigt zu bekommen, muß einem die Wahrheit gesagt werden. Es gibt ein einfaches Bedürfnis nach Information. Wenn deine Eltern nicht imstande sind, offen mit dir über Sexualität zu sprechen, wirst du daran nicht sterben, aber auch kein vollständiger Mensch sein. Die meisten von uns leiden unter unerfüllten Bedürfnissen. Häufig können wir noch nicht einmal fühlen, was unsere Bedürfnisse sind.

Reale Bedürfnisse basieren auf Biologie. Sie sind Zustände des Zellgewebes – Gesamtgeschehen von Gehirn und Körper, keine abstrakten psychologischen Konzepte. Es existieren auch psychische Bedürfnisse, wie etwa das Bedürfnis nach Verständnis. Wie auch immer, nach der gewöhnlichen Auffassung sind psychische Bedürfnisse (wie etwa nach Ansehen und Macht) nur Abkömmlinge grundlegender biologischer Bedürfnisse, Erfindungen eines entwickelten Geistes, der die Fähigkeit besitzt, ein reales Bedürfnis in Symbole abzuleiten.

Außer den grundlegenden Voraussetzungen zum Überleben wandeln sich unsere Bedürfnisse im Verlauf der Wachstumsstufen. Das Bedürfnis, »Bescheid wissen zu müssen«, beispielsweise ändert sich. Am Ende erfaßt es Sinne, Gefühle und Intellekt. In den ersten Lebensmonaten bedeutet »wissen« empfinden und spüren. Der Säugling hat ein Gefühl für das Geschehen, auch wenn es nicht erklärt werden kann. Später wird diese »Empfindung« zu einem Begriff ausgearbeitet. Er empfindet, wenn ihm unwohl ist. Das Baby ist sich seiner Welt sehr intensiv bewußt. Wenn es seine Wahrnehmungen zu einem Ganzen zusammenfassen soll, muß die Umwelt, die ihm seine Eltern schaffen, auf physische Art und Weise »Sinn haben«. Wenn er schreit, weil ihm nicht wohl ist, sollte er hochgenommen und beruhigt werden. Unterläßt man das, hat die Welt des Kindes keinen Sinn.

Mit der Reifung der emotionalen Fähigkeiten entwickelt das Kind ein »Gefühl« für die Welt. Ein gesundes Kind ist auf natürliche Weise intuitiv. Wenn ihm gestattet wird, seine Gefühle – welche es auch immer sein mögen – über Dinge auszudrücken, gewinnt es Vertrauen in seine Wahrnehmungen. Erst später erkennt es die Welt auf intellektuelle Weise und wird fähig sein, mit Worten auszudrücken, was es zum Beispiel von den Eltern und dem Zuhause hält. Dann braucht es Informationen, die seinen wachsenden Wissensdurst stillen. Doch menschliche Bedürfnisse sind noch sehr viel umfassender.

Das Bedürfnis, sich nach seinem eigenen, angemessenen Tempo zu entwickeln, ist entscheidend. Dies beinhaltet auch das entscheidende Bedürfnis, zum richtigen Zeitpunkt geboren zu werden. Wenn ein Fötus für die Geburt bereit ist, sondert er ein Hormon an die Mutter ab, welches wiederum die Hormonsekretionen der Mutter aktiviert, die die Geburt in Gang setzen. Die Mutter »gebiert« nicht nur. Es ist die gemeinsame »Entscheidung« zweier Menschen. Man tut den Bedürfnissen einer natürlichen Entwicklung Gewalt an, wenn man die Mutter unter Druck setzt und festbindet; ihr gesamtes System ist dann für die Geburt nicht vorbereitet.

Später kann den differenzierteren Entwicklungsbedürfnissen, wie etwa zum angemessenen Zeitpunkt sprechen lernen zu dürfen, Gewalt angetan werden, indem man das Baby zum Sprechen drängt. Auch Sicherheit ist ein Urbedürfnis. Den Fötus heftiger Aktivität oder großem Lärm auszusetzen, kann bei ihm ebenso ein Gefühl der Unsicherheit verursachen wie Anspannungen der Mutter, auch wenn er in den vor ihm liegenden Jahren noch keine Worte für dieses Gefühl hat. Noch später wird Sicherheit ein stabiles Zuhause ohne wiederholte Scheidungsdrohungen oder die Ungewißheit dauernden Umziehens bedeuten.

Es gibt ein tiefes Bedürfnis nach emotionaler Wärme und Zuneigung.

 

DORIS:

Meine Mutter sagte mir immer, wie sehr sie mich liebt, aber immer polterte sie herum, erledigte Hausarbeiten, machte gehetzt Einkäufe – so sehr, daß sie kaum Zeit hatte, mich zu beachten.

 

MITCHELL:

Die Mutter meines besten Freundes – wie gern ich sie hatte. Ich fühlte mich schrecklich, wenn ich aus der Schule kam, weil niemand da war – mein Vater arbeitete, meine Mutter arbeitete, meine Schwester war immer unterwegs. Deshalb bin ich nach der Schule oft mit meinem Freund nach Hause gegangen – seine Mutter war zu Hause –, sie hat mir was zu essen gemacht, sich mit mir unterhalten und gefragt, wie ich in der Schule vorankomme. Das hat meine Mutter noch nicht mal gemacht, wenn sie zu Hause war. Ich habe mich richtig minderwertig gefühlt, weil ich niemanden hatte, der an mir irgendwie interessiert war. Ich habe überhaupt nicht gemerkt, wie schlimm es war, bis ich mit meinem Freund nach Hause ging und das Gegenteil erlebt habe. Einmal bat mich die Mutter meines Freundes, ein Bild für sie zu malen. Ich war damals neun oder zehn. Ich habe das Bild eines kleinen Jungen gemalt, der ganz allein war, am Fenster saß und hinausschaute, gerade so, wie ich es gemacht habe.

 

Nach der Geburt sollte das Neugeborene gleich der Mutter gegeben werden, so daß es ihren Körper, ihre Wärme und Gegenwart fühlt. Später ist es zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Nähe nötig, das Baby zu küssen, es in die Arme zu nehmen und zu streicheln. Jeder von uns braucht das sein ganzes Leben lang. Wenn wir älter werden, tut es nur weniger weh, wenn es uns versagt bleibt. Der größte Teil des Gehirns, der sensorische Wahrnehmungen macht, hat mit Berührung zu tun; sie ist äußerst wichtig.

 

ROBERT:

Schließlich fand ich jemanden, dem ich mich körperlich wirklich öffnen konnte. Ich begann, das Gefühl, berührt, umarmt und geliebt zu werden, voll aufzunehmen. Eine Zeitlang zitterte ich, schüttelte mich nach Momenten enger körperlicher Nähe. Das alte Bedürfnis lag ganz offen – sogar die Einsicht, daß mich nie jemand wirklich berührt, gestreichelt und umarmt hat, kam mir zum ersten Mal in den Sinn (und Körper).

 

Grundlegend ist auch das Bedürfnis nach Integration, dem einheitlichen Zusammenwirken seelischer Grundtätigkeiten und Sinnesempfindungen. Es erfordert, daß der Fötus, Säugling oder das Kind und der Jugendliche nicht mit Sinnesreizen überlastet wird. Die fortwährenden Qualen einer verzögerten Geburt sind wahrscheinlich die schwerwiegendste Überlastung. Später, wenngleich weniger ernsthaft, gestattet eine ununterbrochen redende Mutter ihrem Kind nicht, seine Welt zu integrieren. Die unablässige Stimulation ist zuviel, um aufgenommen werden zu können. Eine weitere Überlastung sind zuviel Schularbeiten zu einem verfrühten Zeitpunkt, etwa wenn Zweitkläßler zwei bis drei Stunden täglich über ihren Büchern sitzen müssen. Häufig ist das mehr, als sie integrieren können. Sie vermögen nicht zu lernen, weil sie unter einem Druck stehen, der ihre integrativen Mechanismen überfordert.

Das Bedürfnis nach Orientierung in Zeit und Raum ist Teil des Integrationsbedürfnisses. Ein Neugeborenes bei seiner Ankunft in dieser Welt minutenlang mit dem Kopf nach unten zu halten, ist eine stupide Vergewaltigung dieses Bedürfnisses, wie auch aller anderen Bedürfnisse nach Sicherheit, Nähe, Beruhigung und Wohlbefinden.

Das Bedürfnis nach Freiheit ist eine grundlegende biologische Notwendigkeit. Auf körperlicher Ebene erfordert es die Freiheit, ohne Behinderung und Mühsal geboren zu werden. Später sollte es die Freiheit geben, sich in Zimmer und Haus bewegen zu können und nicht in einem kleinen Laufstall eingesperrt zu sein; am Ende dann die Freiheit, die Nachbarschaft und die Welt zu erforschen. Das Bedürfnis nach Freiheit und das Bedürfnis, sich äußern zu dürfen, sind das gleiche. Man muß frei sein, Gefühle äußern zu können und später dann Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen. Es muß einem zugehört und mit einem geredet werden, so daß Freiheit geübt werden kann. Es sollte nicht nur die Freiheit geben, die gewünschten Worte zu gebrauchen und an das zu glauben, was man möchte, sondern auch die Freiheit, sich zu kleiden, wie man will, und sich auf natürliche – unverbildete – Art und Weise zu bewegen; später sollte man sich Beruf, Freunde und Lebensweise aussuchen können.

Es gibt ein Bedürfnis nach Bestätigung seiner Realität. Im frühen Leben muß jemand für das Kind da sein, daß es sich nicht nur geborgen und beschützt fühlt, sondern auch begreift, daß es in Ordnung ist, wenn es klagt und jammert. Dieses Bedürfnis zu befriedigen, heißt ehrlich und direkt mit dem Kind zu sein. Es bedeutet eine Bestätigung seiner Gefühle. »Es ist richtig, wenn du dich so fühlst. Klar, du wirst wütend, wenn man dich so behandelt. Auch kleine Jungen weinen.«

Es bedeutet, die Wahrnehmungen des Kindes von anderen zu bestätigen, auch wenn diese Wahrnehmungen gesellschaftlich nicht tragbar sind. Vor allem bedeutet es, eine realistische Selbstwahrnehmung zu bekräftigen.

 

CAROL:

Ich glaube, als Eltern müssen wir unseren Kindern die Wahrheit über ihr Leben sagen. Oft bin ich versucht, meinen Kindern zu sagen – und glaube es auch selbst –, daß alles in Ordnung kommt, daß wir Geld haben werden, ein schönes Auto usw. usw. Aber ich kann es ihnen nicht antun, ich kann ihnen nur sagen, was für ein Gefühl ich habe, und manchmal ist es nicht gerade das, was sie hören wollen. Das einzige, was ich ihnen sagen kann, ist die Wahrheit.

 

Es gibt Eltern, die glauben, daß ihre Kinder nichts falsch machen können; sie bestärken die Kinder in ihrer Einstellung auch noch. Wenn ihr Kind etwas Unrechtes tut, suchen sie die Schuld bei anderen. Das Kind bekommt nie eine richtige Vorstellung von sich. Es lernt nie, mit der Realität umzugehen, weil es nie ein Gefühl dafür bekommen hat. Normalerweise können sich solche Eltern selbst nicht der Realität stellen; sie können sich nicht vorstellen, etwas dermaßen »falsch« gemacht zu haben, wie etwa ein Kind zu erziehen, das »böse« ist.

Ein weiteres fundamentales Bedürfnis ist Stimulation. Nicht beliebige Anregungen und Reize, sondern angemessene und ausreichende. Viele Untersuchungen an Tieren haben gezeigt, daß ein Mangel an Stimulation im frühen Leben eine physische Verschlechterung des Organsystems und eine Veränderung der Gehirnfunktion verursachen kann. Es stellt sich heraus, daß die starke Dosierung von Reizen bei normaler Wehentätigkeit und Geburt lebensnotwendig ist. Wer sie nicht erfahren hat, wie Kaiserschnitt-Babys, leidet unter der Deprivation.

Die Berührungsreize sind unentbehrlich, doch Überreizung – übertriebenes Herumreichen, Stoßen, Schütteln und Tätscheln – ist auch schmerzhaft. Es kann das Nervensystem beeinträchtigen.

Wenn Bedürfnisse zur Zeit ihrer Entwicklung befriedigt werden, wird der Urschmerz gering bleiben. Wie soll man wissen, wieviel Befriedigung notwendig ist? Das Kind weiß es – Bewußtheit der Befriedigung ist angeboren. Eltern müssen dem Kind nur einfühlsam begegnen, um zu wissen, was es braucht. »Sensitiv« zu sein heißt, fähig zu sein, eigene Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen. Wenn Eltern einfühlsam sind, werden sie wissen, wann sie das Kind mit zuviel Tätscheln und Umarmungen überreizen. Sie wissen, daß es aus ihren Bedürfnissen und nicht aus denen des Kindes herrühren kann.

Der entscheidende Punkt des Wachsens ist das Bedürfnis nach Ausdruck. Der Säugling muß frei herumkrabbeln können, seiner Neugier Ausdruck verleihen dürfen, Sachen zu greifen und wegzuwerfen und seinen Körper auf die ihm eigene, unbeholfene Art zu benutzen, so daß er vertraut mit ihm wird. Es bedeutet, ihn sich voll und frei körperlich äußern zu lassen, natürlich ohne ihn Gefahren auszusetzen. Er wird nicht geschlagen, wenn er im Alter von sechs Monaten Nahrung ausspuckt; nicht gezwungen zu lernen, wie man richtig ißt, oder seine Ausscheidungen zu kontrollieren, ehe er nicht dazu bereit ist; ihm wird nicht Ruhe geboten, wenn er schreit und weint.

Später, wenn er die emotionale Ebene erreicht hat, muß es ihm gestattet werden, alle Gefühle auszudrücken. Er darf frech und »respektlos« sein. Er kann sagen, was er will, weil es aus seinen Gefühlen kommt. Falls er nicht frustriert und gereizt wird, gibt es für seine Gefühle keinen Grund, fortwährend negativ zu sein. Eltern haben große Angst, daß ihr Kind immer frech sein wird, wenn sie einmal etwas durchgehen lassen. So ist es, denn weil ihm negative Gefühle nicht gestattet werden, kann es sein, daß er gleichbleibend negativ wird. Es ist Kindern nicht angeboren, wütend auf ihre Eltern zu sein. Doch werden sie es, wenn ihre Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

 

DONNA:

Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, mich mit meiner Mutter über Kleinigkeiten zu streiten. Ich habe zwar nie Liebe bekommen, aber wenigstens ihre Aufmerksamkeit.

 

Noch später wird das Ausdrucksbedürfnis zu einem Bedürfnis, Vorstellungen zu entwickeln und sie zu äußern; Vorstellungen, die nicht mit den Lebensanschauungen der Eltern übereinstimmen müssen. Zum Beispiel mag es sein, daß ein Kind nicht an den Teufel glauben will oder an vegetarische Ernährung. Oder es mag nicht glauben, daß ordentliche Erziehung die beste Sache seit der Erfindung des Rades ist. Man muß ihm eine eigene Vorstellung und Weltanschauung zugestehen. Unsere Gefühle gehören ausschließlich uns; wir dürfen ihrer nicht beraubt werden. Sie gehören niemals jemand anderem. Sie gehören nicht nur einfach »uns«; sie sind wir.

Vielleicht ist das einzige grundlegende Bedürfnis, das alle anderen unterordnet, das Bedürfnis zu fühlen. Das menschliche Wesen ist ein fühlendes Wesen; für den Organismus ist das von grundlegender Bedeutung. Die einzige Art, wie wir zu entspannten, zufriedenen Menschen werden können, liegt in einer vollständigen Erfahrung von uns selbst. Fühlen ist die Essenz des Lebens.

 

DORIS:

In einer frühen Gruppensitzung fühlte ich mich sehr aufgebracht, weil ich mich wegen des lauten Weinens der anderen nicht verständlich machen konnte. Ich erkannte, daß es genau wie früher war – ich wollte, daß mir meine Mutter zuhörte. Der Therapeut drängte mich, ihr etwas zu sagen. Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Vor den anderen fühlte ich mich unbeholfen, total gelähmt. Der Therapeut drängte weiter. Es war nicht so, daß ich nicht wollte. Ich konnte nicht. Der Therapeut trieb mich an und schließlich schrie ich: »Mama, bitte hör mir zu.« Es schien, als ob mir nie zuvor etwas so schwergefallen war.

FRAN:

Worte strömten aus mir heraus, die Jahre darauf gewartet hatten, gesagt zu werden.

 

Die Befriedigung früher Bedürfnisse berücksichtigt die Integration in jeder Phase der Entwicklung. Jede neue Ebene, deren Bedürfnisse erfüllt worden sind, können wir hinter uns lassen. Wir brauchen es nicht in der Gegenwart als Ballast mit uns herumzuschleppen. Wenn die Vergangenheit geklärt ist, können wir in der Gegenwart leben.

Über die Befriedigung der Bedürfnisse individuellen Überlebens, wie Essen und Trinken, gelangen wir zu den Überlebensbedürfnissen der Spezies, wie etwa Sexualität. Wir können zu einer vollständigen Sexualität nur dann gelangen, wenn die vorhergehenden Bedürfnisse befriedigt wurden. In der Hierarchie der Bedürfnisse hängt die gesunde Entwicklung jeder neuen Ebene tatsächlich von der Befriedigung der vorhergehenden ab. Ein von Durst gepeinigter Mensch denkt kaum an etwas anderes. Er wird nicht über Wasser philosophieren. Er wird nach Möglichkeiten suchen, es zu bekommen.

Die Befriedigung früher Bedürfnisse strukturiert die Persönlichkeit. Persönlichkeiten, deren Bedürfnisse befriedigt worden sind, werden gewissermaßen flüssiger sein: Sie besitzen eine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, die ihnen im Laufe der Erfahrungen und Ereignisse Entwicklung und Wandel gestatten.

Woher wissen wir, was Bedürfnisse sind? Sicher nicht durch Bildung eines Theoriegebäudes, das erklärt, was sie sein sollten. Das ist nicht notwendig. Indem wir auf das Leiden der Patienten achteten, haben wir ihrem Bedürfnis zugehört. In ihrem Schmerz haben wir von ihnen nie gehört, sie seien ihres Ichs beraubt, ihrer Selbstachtung oder ihres existentiellen Bewußtseins. Doch scheinen sie in ihrem Schmerz unveränderlich zu grundlegenden Deprivationen zurückzukehren: »Guck’ mich nicht so an!« »Nimm mich in die Arme!« »Kümmere dich um mich!« »Liebe mich!« Wenn die Verwicklungen der Neurose entfallen, bleiben nur einfache Kindheitsbedürfnisse übrig.

2. Urschmerz

Zweifellos wäre ein großer Teil des Lebens unkompliziert, wenn die einfachen Bedürfnisse von Kindern angemessen befriedigt würden. Unglücklicherweise werden die meisten von uns nur wissen, was hätte sein können. Das frühe Leben war für die meisten eine lange Reihe von Deprivationen.

 

MARCY:

Ich erinnere mich, daß ich mich viele Nächte am Bett meiner Eltern herumdrückte, Angst hatte, was zu sagen, ganz einfach verzweifelt war und hoffte, daß sie mal was Nettes zu mir sagen würden oder mich aufmunterten. Sie haben es nie gemacht – haben mir nur gesagt, es wäre spät und Zeit zum Schlafengehen. Zu der Zeit fing dieser ganze Wahnsinn an.

 

Bedürfnisse bleiben Bedürfnisse, bis Deprivation sie in Schmerz umwandelt. Schmerz mobilisiert uns in Richtung auf Erfüllung, warnt uns, daß der Körper in Gefahr ist, und alarmiert uns vor Abwehrreaktionen. Urschmerz ist Deprivation oder Verletzung, die das sich entwickelnde Kind bedroht. Eine elterliche Mahnung ist nicht notwendigerweise ein Urschmerz für das Kind. Totale Demütigung ist es. Fällt man beim Rollschuhlaufen hin, verursacht das keinen Urschmerz. Von frustrierten Eltern zur Seite geschubst zu werden jedoch ist einer. Ein Säugling, den man in seinem Bettchen weinend sich selbst überläßt, leidet unter diesem Schmerz. Verschreckt und allein ist er im Dunklen. Wenn er gleich nach der Geburt von seiner Mutter getrennt wird, ist er verängstigt und leidet Qualen.

 

STEVEN:

Als ich Säugling war, haben sich meine Schwestern als einzige um mich gekümmert. Meine Mutter war das wirkliche Baby. Aber das war mir egal. Ich brauchte doch sie und nur sie. Ich habe viele Stunden damit verbracht, nach ihr zu weinen. Sie sollte kommen und sich um mich kümmern. Fünfunddreißig Jahre habe ich gewartet, aber sie ist nie gekommen.

Nicht Verletzung als solche kennzeichnet Urschmerz, es ist eher der Kontext der Verletzung oder deren Bedeutung für das eindrucksfähige, sich entwickelnde Bewußtsein des Kindes. Hinfallen ist an und für sich von geringer Bedeutung. Aber sich zu verletzen und niemanden zu haben, bei dem man Trost suchen kann, ist eine Primärverletzung. Es gibt ein Bedürfnis nach Beruhigung und Trost; bei Nichterfüllung bedroht es die Entwicklung – auch wenn es vielleicht das physische Überleben nicht bedroht. Urschmerz kann tatsächlich entweder physisch oder emotional sein. Entgegen der allgemeinen Annahme, es handele sich um zwei unterschiedliche Arten von Verletzung, verläuft die Art der Bearbeitung im Organismus auf die gleiche Weise.

Früher Schmerz ist deshalb von so großer Bedeutung, weil die Deprivation grundlegender Bedürfnisse das Überleben bedroht. Sogar kurzfristige Deprivation eines Primärbedürfnisses, wie etwa das Bedürfnis nach Nahrung, hat eine überaus starke Wirkung. Es ist fast immer eine Frage von Leben und Tod. Eine Hungererfahrung im Alter von einem Tag hat lebenslange Konsequenzen. Erfahrungen der ersten Tage oder Monate können sich durch das ganze Erwachsenenleben ziehen.

Deprivationen auf späteren Bedürfnisebenen haben gewöhnlich weniger Einfluß auf das Nervensystem. Das heißt keineswegs, daß es sich nicht auch hier um starke Urschmerzen handelt – weil sie das gewiß sein können –, doch sind sie gewöhnlich nicht so überwältigend wie frühe Schmerzen. Wenn später im Leben ein Kind unter Deprivation leidet, stehen ihm viel mehr Reaktionen zur Verfügung, die Belastung zu ertragen.

Schmerz ist eine elektrochemische Information, die sich, wie jeder andere Input, in sensorischen Kanälen bewegt. Urschmerz ist eine Überlastung – mehr Information, als das Nervensystem integrieren kann. Es handelt sich nicht um eine einfache psychologische Reaktion, sondern buchstäblich um die Übermittlung physischer Energie. Schmerzen werden im Organismus registriert, bevor man sich einen Begriff davon machen kann. Jemand kann verletzt sein, ohne zu wissen, »niemand kümmert sich um mich«.

Deprivationen sind nicht immer offensichtliche und dramatische Ereignisse. Sie können in der Tat durchaus subtil und akkumulativ sein.

 

FRAN:

Als Kind mußte ich auf eine ganz bestimmte Art und Weise essen. Ich mußte jeden Bissen aufessen, egal wie lange es dauerte. Als ich sechs war, mußte ich um 20.01 Uhr ins Bett (Militärzeit für 8.01 p. m.), mit sieben um 20.02 usw. Am Telefon hatte ich mich mit »Wohnsitz von …, Fran am Apparat« zu melden. Das ganze Leben lang hörte ich: »Werd’ nicht laut.« »Mach keinen Lärm, wenn Papi arbeitet.« »Sei lieb.«

Er kontrollierte, was ich in der Schule lernte. Als ich mit elf für einen Sonderkurs im Sommer ausgewählt wurde, wollte ich »Schauspiel« nehmen. Er schrieb mich für Mathe und Naturwissenschaften ein. Im nächsten Jahr ging’s bei mir in Mathe und Naturwissenschaften bergab. Er hatte bei der Luftwaffe die höchste Bewertung im »Schnell-Lesen« erreicht, ich mußte den Kurs nach dem Schulunterricht belegen. Bald darauf hörte ich auf zu lesen.

 

Ob sich Primärtraumata augenblicks oder nach und nach über lange Zeit hinweg ereignen, sie sind zu mächtig, um damit fertig werden zu können. Für den kindlichen Organismus ist es zuviel, um natürlich darauf reagieren zu können. Ob aufgrund der Stärke des Traumas selbst oder durch erzwungene Unterdrückung, es ist die Hemmung einer natürlichen Reaktion, die schließlich in der Neurose endet.

 

HEATHER:

Als ich sieben war, hat mein Vater die Familie verlassen und ist mit seiner Geliebten, die später meine Stiefmutter wurde, zusammengezogen. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann er uns verlassen hat, gefragt habe ich nicht, und meine Familie diskutierte nie »persönliche« Angelegenheiten mit den Kindern.

Jedenfalls ging meine Tochter (12) an einem Freitag wegen einer Erkältung nicht zur Schule und blieb zu Hause. Ich mußte zur Gruppensitzung nach New York – und fühlte mich gemein, weil ich sie allein zu Hause ließ. Als ich zur Gruppensitzung erschien, fühlte ich mich deprimiert, einsam und verlassen. Ich dachte, so muß sich Terry allein zu Hause fühlen. Ich hatte mir in Gedanken vorgestellt, »wie sie sich fühlen müßte«, was damit endete, daß ich ihre Gefühle fühlte, dachte ich. In dem Augenblick, als ich den Kopf aufs Kissen legte, begann ich zu weinen und zu schreien und rief »Terry«, aber als ich tiefer in das Feeling kam, wußte ich, daß es überhaupt nicht Terrys Gefühl, sondern mein altes Feeling war, wie hätte ich auch ihr Feeling fühlen können. Quatsch!

Ich wußte, daß ich das schon einmal erlebt hatte, alles war so vertraut. Deswegen glaubte ich zu wissen, wie Terry sich fühlte. Eine Sekunde später sah ich mich auf dem Küchenfensterbrett sitzen und auf meinen Vater warten. Es wurde gerade dunkel, und meine Mutter sagte mir dauernd, es sei Zeit, zu Bett zu gehen, aber ich bettelte darum, noch fünf Minuten hinausschauen zu dürfen. Gleich kommt er, es wird nicht mehr lange dauern. Ich saß da, wartete und wartete, es war jetzt dunkel, und ich fühlte mich so allein und enttäuscht. Dann nahm mich meine Mutter am Arm – ich konnte die Berührung fast fühlen –, brachte mich die Treppe rauf ins Bett und fing an zu weinen, weil ich meinen Vater sehen wollte. Sie sagte mir, Vater würde nicht zurückkommen. Ich hörte auf zu weinen und brauchte fast 32 Jahre, um auf diese Tatsache reagieren zu können, die Verletzung und den Schmerz zu fühlen, den der Verlust meines Vaters verursacht hatte.

3. Das Gefängnis

Wenn ein Schmerz in früher Kindheit in seiner ganzen Intensität zum Zeitpunkt des Geschehens gefühlt wird, wird er nicht zu einer unbewußten Macht, es entsteht keine Neurose. Doch bei zuviel Urschmerz ist das Kind barmherzigerweise dem Unbewußten überlassen. Diese Gnade hat einen Preis. Der Schmerz wird verdrängt, verbleibt aber im Organismus des Kindes, gerade weil er zu überwältigend war, um erlebt, erledigt und verstanden werden zu können. Der Urschmerz gewinnt ein eigenes Leben, außerhalb des Bewußtseins und übt eine fortwährende Macht aus. Bleibt er ungefühlt, fordert er endlosen Tribut. Obwohl Verdrängung eine schützende Funktion hat, beginnt sie auch zu zerstören.

Verdrängung ist kein wohlüberlegter geistiger Trick; sie ist eine Reaktion des gesamten Organismus. Sie ist etwas, das Gehirn und Körper zusammen durchführen, um schmerzhafte Erfahrungen abzuwenden, besonders wenn wir sehr jung und nahezu vollkommen verwundbar sind.

Für den Beginn einer Verdrängung existieren so viele Szenarien, wie es Menschen gibt. Stellen wir uns vor, ein sehr kleines Kind beobachtet seine Mutter, wie sie seinem älteren Bruder wegen eines kleinen Vergehens eine Tracht Prügel verabreicht. Die Mutter ist irrational und gewalttätig. Das Kind nimmt wahr, daß sie im Falle einer Provokation gefährlich sein kann. Wäre dies eine bewußte Einsicht, sie wäre niederschmetternd. Sie ist es jedoch nicht. Wie der größte Teil elterlichen Verhaltens sind die Prügel keine ungewöhnliche Sache, sondern vereinbar mit der Realität, welche die Mutter dem Kind seit seiner Geburt vermittelt hat: nicht nur, daß sie nicht in der Lage ist, sich um es zu kümmern und ihm zu geben, was es braucht, sondern daß sie sogar eine Gefahr für es darstellen kann.

Dies sind überwältigende Deprivationen. Sie sind zu schwer, um von einem kleinen Kind ertragen werden zu können. Wenn es in einem unsicheren, unbefriedigenden Milieu überleben will, kann es sich nicht leisten, seine wahren Bedürfnisse zu fühlen oder sogar zu zeigen. Während es das Prügeln beobachtet, paßt es sich seiner Situation an. Die »Gabe« des Verdrängens, eine Anpassungsreaktion unserer Gattung, besteht darin, daß sie die Schärfe und Wucht des Urschmerzes mildert, so daß das Kind ohne sichtbare Reaktion zusehen kann. Es hat den Schmerz dessen, was es miterlebt, verdrängt, und mit dem Schmerz verdrängt es sein Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Wärme … nach einer Mutter. Es wäre nicht fähig, diesen Bedürfnissen zu begegnen, ohne sich zuerst mit dem katastrophalen Schmerz zu befassen, der durch ihre Deprivation entstanden ist.

 

JIM:

Kurz bevor meine Mutter starb, erzählte sie mir, daß sie und mein Vater über die Tatsache gesprochen hätten, daß ich mir in meinem ganzen Leben nie etwas gewünscht habe. Sie erzählte es mit Stolz und Erstaunen. Als ich klein war, gab es aber doch so vieles, was ich furchtbar gebraucht und mir gewünscht habe … Als ich erst alt genug war, um darum bitten zu können, hatte ich es aufgegeben, mir etwas zu wünschen.

 

Urschmerz und Bedürfnis sind aus dem Bewußtsein, nicht jedoch aus dem Leben oder dem Organismus des Kindes herausgenommen worden. Es mag den Anschein erwecken, daß das Kind einfach seinen Weg verfolgt. Doch dann kann es sein, daß es beginnt, Alpträume zu haben oder ins Bett zu machen. Möglicherweise ist es in der Schule unruhig und kann weder stillsitzen noch sich konzentrieren. Der verdrängte Schmerz tut seine Arbeit.

Die Verdrängung eines bestimmten Gefühls führt zu einer Stilllegung eines Teils der umfassenden Fähigkeit des Menschen zu fühlen. Je mehr verdrängt wird, desto weniger ist man in der Lage, zu fühlen und zu erleben. Für jemanden, der nicht fühlen kann, hat das Leben keinen Sinn. Das Leiden anderer Leute hat keine Bedeutung, und nicht einmal unser eigenes Leiden bedeutet etwas. Wir werden ihm gegenüber unzugänglich. Ein dermaßen hoher Prozentsatz unser selbst ringt mit inneren Qualen, daß kaum etwas übrig ist, um sich gesund und normal mit unserer Welt, unseren Geliebten und Freunden zu beschäftigen. Feeling ist die Erfahrung unseres ganzen Selbst – die Essenz des Lebens und die Grundlage von Menschlichkeit.

Wenn bei einem Kind fortwährend die Gefühle unterdrückt werden, die die Eltern nicht akzeptieren können, wird es früher oder später automatisch zu einer Unterdrückung seiner Gefühle von innen kommen. Es wird das Bewußtsein über diese Gefühle und den Kontakt zu sich selbst verlieren.

Verdrängung ist schon so sehr zu einer Lebensform geworden, daß viele von uns »Emotionalität« und das Zeigen von Gefühlen als »neurotisches Verhalten« abtun. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, daß Selbstbeherrschung das Kennzeichen von Gesundheit sei, und jedes Anzeichen von Gefühl kommt in den Ruch von Hysterie. Die Tatsache, daß Feelings eine solche Bedrohung darstellen, ist ein Anzeichen für das Ausmaß der Urschmerzen, die wir abwehren müssen.

Wann ist jemand »neurotisch«? Zu einem beliebigen Zeitpunkt. Der neurotische Prozeß beginnt mit jedem nicht gefühlten Urschmerz. Das mag sogar vor oder während der Geburt seinen Anfang nehmen. Welches auch immer der Ausgangspunkt sein mag, es kommt eine Zeit, in der die Verdrängungen dermaßen zugenommen haben, daß wir kaum noch etwas intensiv fühlen außer indirekte Anzeichen von Urschmerz – Angst, Depression, Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen. Es kommt ein Punkt, an dem wir mehr verdrängen als fühlen, mehr irreal als real sind, und diesen Zeitpunkt können wir mit »Neurose« kennzeichnen. Doch Neurose »passiert« nicht an einem bestimmten Punkt. Ihre Entstehung ist ein dynamischer Prozeß.

Woran erkennt man, ob man neurotisch ist? Du kannst es erst erkennen, wenn du weißt, daß du unter Schmerzen leidest. Neurose ist, definitionsgemäß, immer unbewußt, da die Funktion der Verdrängung darin besteht, Unbewußtheit herzustellen. Anzeichen des Schmerzes kann man im Leben immer entdecken, doch wird eine »gute« Neurose ein Bewußtsein darüber verhindern. Manchmal macht ein Neurotiker Sachen, die er gar nicht machen will. Er ärgert sich dann über seine neurotische Handlung, gerade so, als ob er normalerweise nicht so handele. Er glaubt, es sei eine vorübergehende Anwandlung, ein flüchtiger Verlust der Beherrschung. Wenn Zwangshandlungen wirklich aus der Kontrolle geraten, mag es sein, daß ein Mensch glaubt, er sei »ein bißchen neurotisch«. Die meisten Opfer von Zwangshandlungen erkennen jedoch nicht die Verbindung zwischen Verdrängung, Neurose und Zwangshandlung. Ich glaube, daß die meisten Leute, die rauchen und trinken, nie wirklich die Verbindung zwischen Urschmerz und ihren Gewohnheiten einsehen. Neurose ist ein Paradox. Sie ist ungeheuer stark; ein Druck, unter dem man jeden Tag handelt und der sich trotzdem dem Bewußtsein entzieht. Wir bewegen uns in die Neurose und verlieren auf höchst tückische Weise den Zugang zu unseren Gefühlen. Sind wir erst einmal neurotisch, kann kein Willensakt etwas daran ändern.

Die einzige Zeit, in der wir anfangen zu fühlen, daß wir neurotisch sind, ist, wenn wir uns elend fühlen – wenn die hochentwickelten, inneren elektrochemischen Abwehren unseres Körpers gegen Urschmerz mit der Belastung nicht mehr fertig werden können. Wenn unsere Neurose nicht mehr imstande ist, uns unbewußt zu halten, dringt als erstes Schmerz in das Bewußtsein. Er bricht bei der Überlastung des inneren schmerzbesänftigenden Systems fortwährend hervor. Genau dann brauchen wir eine Droge, eine Strafe oder eine beruhigende Idee, um unser körpereigenes System zu verstärktem Handeln zu treiben. Sowie wir aufhören, leiden wir.

Verdrängung ist ein biologischer Prozeß. Als Modell können wir die allergische Reaktion ansehen. Ein Abwehrstoff, eine fremde Substanz, wie etwa Blütenstaub oder Hundehaar, veranlaßt den Organismus zu einer Reaktion, entweder Niesen, Husten oder Hautausschlag. Der Körper entwickelt sofort einen Abwehrstoff, der den Antigen-Eindringling bekämpft. Der Organismus stellt selbst her, was er braucht, um mit Beeinträchtigungen seiner Unversehrtheit fertig zu werden, und schneidert es sich für die spezifischen Formen des Angriffs zurecht. Dieser ausgleichende Prozeß neutralisiert den Angriff, produziert einen Immunkomplex und hält den Organismus in einem Zustand des Gleichgewichts. Für den Prozeß der Verdrängung ist dies besonders relevant.

Schmerz, als eine fremde Kraft, ist wie ein Antigen, und es regt jene Kräfte an, die ihm, ähnlich den Antikörpern, entgegenarbeiten. Die Bereiche des Gehirns, die Schmerzreaktion organisieren, sind auch die Bereiche, die zur Verdrängung anregen. Das Ausmaß an Schmerz wird in hohem Maße die hergestellte Verdrängungssubstanz bestimmen. Nicht genug damit, denn wie wir weiter unten erkennen werden, wird sich die derzeitige Körper- und Gehirnstruktur ändern und sich dem Ausmaß an Schmerz, der den Organismus angreift, anpassen.

Die Verdrängung von Urschmerz ist ein zweischneidiges Schwert. Sie bewahrt den Körper vor überwältigenden Gefühlen, hindert ihn aber infolgedessen auch am Fühlen. Sie ist sowohl schützend als auch zerstörend, denn wenn man nicht mehr fühlen kann, gibt es weder großen Kummer noch Freude, keine herben Enttäuschungen oder Vergnügen, keine aufregenden Überraschungen oder Entdeckungen. Der Immunkomplex verdrängten Urschmerzes mündet in einen Zustand der Neutralität, des Gefühls, hinter einer Mauer zu leben, während das Leben außerhalb unserer Reichweite weitergeht, irgendwo »da draußen«. Immunität gegenüber Gefühlen heißt Immunität gegenüber dem Leben.

 

GENE:

Vor sechs Jahren konnte ich nicht weinen. Ich war dreißig Jahre alt, und nie sind mir Tränen in die Augen gestiegen. Oft nahm ich eine große Menge Traurigkeit in mir wahr. Mir war die Brust verschnürt, ich hatte einen Kloß im Hals, und ich würde sagen, ich habe mich mies gefühlt. Aber Tränen kamen nicht.

Ich erinnere mich, daß ich weinen wollte. Als ich beim letzten Basketballspiel in der High School zwei Freiwürfe vergab, die das Spiel für uns entschieden hätten – da stand ich verlassen vor 2000 Leuten und ging dann als Versager zum Umkleideraum, das Spiel verloren und die Spielrunde zu Ende. Als mich meine Frau verlassen hat und ich mir die ganze Nacht Schallplatten von Judy Collins angehört habe. Als ich im Sommer nach meinem ersten College-Jahr den Brief von meiner Mutter bekam, daß mein Lieblingsonkel an Krebs gestorben und vor einer Woche beerdigt worden sei. Es war der Onkel, der mir so viel Eis mit Schokoladensauce gegeben hatte, wie ich haben wollte, dessen Hund Tippy mein Freund und Begleiter in vielen Sommerferien auf der Farm gewesen ist, der Onkel, der mich im ersten College-Jahr besucht hatte und mir Geschichten aus seiner Kindheit erzählt hat. Als der Brief meiner Mutter ankam, war ich für den Rest des Tages wie betäubt, irgendwie war es sogar im hellen Sonnenschein düster. Aber ich konnte nicht weinen.

In dem Sommer, als ich neunundzwanzig war, wurde mein Vater ernsthaft krank. Der Doktor sagte meiner Mutter, sie solle die Kinder holen, weil mein Vater die Woche nicht überleben würde. In der Nacht, bevor ich nach Hause fuhr, ging ich zu einer Encounter-Gruppe und erzählte von meinem sterbenden Vater und daß ich nie fähig war, mit ihm zu reden. Der Gruppenleiter legte ein Kissen vor mich hin und schlug mir vor, mit ihm zu reden, als sei es mein Vater. Als ich die Augen zumachte, kam das intensivste Gefühl in mir hoch. Es war so mächtig, daß ich glaubte zu explodieren. Meine Stimme wurde brüchig, und ich fühlte mich matt. Aber es kamen keine Tränen.

4. Die Konfliktenergie

Wenn wir Urschmerzen blockieren, blockieren wir nicht ihre Auswirkungen. Wir blockieren nur das bewußte Erleben. Die Auswirkungen blockierter Schmerzen drücken sich in Form von Energie aus. Um einen Vergleich zu gebrauchen: Jedes Trauma ist dem »Urknall« des Universums sehr ähnlich, dessen Energie der ursprünglichen Explosion noch durch den Kosmos strahlt. Die Energie ursprünglicher Traumata – und das sind elektrische Stürme – kreist ebenso permanent durch den menschlichen Organismus.

Energie ist eine elektrochemische Kraft, die gemessen werden kann. Sie ist weder mystisch noch ein élan oder ein Es. Sie ist auf spezifische Ereignisse zurückzuführen, die eine explosive Auswirkung auf den Organismus gehabt haben. Ein explosiver Effekt, der – jetzt gezügelt – fortfährt, aus spezifisch gespeicherten, frühen Erlebnissen auszuströmen. Die ausströmende Energie wird Jahrzehnte später sowohl in der Muskulatur als auch im Gehirn aufzufinden sein. Beide weisen erhöhte elektrische Aktivität auf.

Als Beispiel können wir die Hunde-Experimente des Neurophysiologen Dr. Ronald Melzack ansehen. Er erzeugte täglich eine elektrische Explosion – einen Stromstoß – in den Zentren des Limbischen Systems dieser Hunde und entdeckte eine beständige und unbegrenzte »Nach-Entladung«. Mit anderen Worten: Die ursprüngliche Explosion hatte bleibende nachwirkende Folgen. Darüber hinaus akkumulierten sich im Laufe der Zeit die Stromstöße und erzeugten Symptome, spezifische Anfälle. Auf die gleiche Weise sammelt sich gespeicherter Urschmerz im menschlichen Organismus an, bis es zu einer Überlastung und einem Ausstoß von Symptomen kommt. Der Schmerz verbleibt als Kraft hinter vielen verschiedenen Symptomen. Neurotische Energie ist eine Folge eines ständig einsatzbereiten Zustands, in dem man sich befindet, um der Gefahr des ins Bewußtsein steigenden Schmerzes begegnen zu können.

Bis gefühlt wird, was wirklich dahintersteckt, muß diese Primärenergie irgendwohin geleitet werden, und wird es gewöhnlich auch. Sie durchdringt den Körper über die Schlüsselstrukturen des Gehirns und lastet auf dem höchsten Bewußtsein des zerebralen Kortex. Der genauen Natur und Quelle des Schmerzes wird der Zugang zum Bewußtsein durch Verdrängungskräfte versperrt.

Es gibt nichts, das den Organismus so aktiviert wie Urschmerz; unbefriedigte Bedürfnisse werden in gespeicherten Schmerz umgewandelt und resultieren in ständiger Aktivierung oder in »Energie«. Die spezifische Quelle der Energie ist blockiert, doch die Energiemenge ist geteilt, sickert in die verschiedenen Ebenen menschlicher Funktionen und wird von ihnen aufgenommen – auf kognitiver, emotionaler und viszeraler Ebene.

Urschmerz ist gebundene Energie. Diese Energie kann entweder in körperliche Verspannung, Angst oder Vorstellungen geleitet werden. Die in diese Kanäle geleitete Energiemenge entspricht exakt der eingeprägten Primärenergie. Zum Beispiel zeigt das Hämmern von Spannungskopfschmerzen das genaue Ausmaß des Primärdrucks an, der sich aus der Tiefe bemerkbar macht, ebenso verhält es sich mit dem Ausmaß des Leidens bei einem Magenkrampf. Die Begeisterung und der Fanatismus bei einer fixen Idee können einen Hinweis auf die treibende Kraft einer spezifischen Energiemenge geben; und die Beharrlichkeit, mit der jemand eine Vorstellung verfolgt, kann uns Auskunft über das Maß an unnachgiebigem inneren Druck geben.

 

ROBERT:

Ich hatte immer den Hang, mir mehr als meinen Teil an Verantwortung und Arbeit aufzuhalsen. Ich habe es normalerweise auch hingekriegt, mit der Erledigung bis zur letzten Minute zu warten, was die Last auf meinen Schultern natürlich erhöhte. Es endete damit, daß ich mehr Energie aufwenden mußte, als mir zur Verfügung stand, so wurde ich jedesmal vor oder beim Abschluß dessen, was ich zu tun hatte, krank. Die aufgebaute Spannung machte mich total fertig. Dieses Schlappheits-Karussell hat zwei Ursprünge. Meine Geburt war genau so ein Fall von Wartenmüssen-bis-zur-letzten-Minute-vorm-Tod, weil meine Mutter sich mir wegen der Geburtsschmerzen widersetzt hat. Ich habe mich dann selbst gewaltig angestrengt herauszukommen. Schließlich haben sie noch Geburtszangen angewendet. Als dann meine Mutter einige Monate nach meinem zweiten Geburtstag starb, habe ich unbewußt die Verantwortung für mein eigenes Leben übernommen. Das war wirklich zuviel. Ich bin viel zu schnell erwachsen geworden und habe mich verschlossen, um das hinzukriegen. Ich war wie eine überforderte Maschine, die man zu einer überhöhten Drehzahl pro Sekunde zwingt.

Angst und Spannung

Angst wird im allgemeinen als Gefühl der Erregung mit Übelkeit oder Flauheit im Bauch wahrgenommen, oft in Verbindung mit Herzklopfen. Sie ist die Manifestation von Urschmerz im inneren Organsystem. Sie signalisiert, daß amorphe Angst vor unverbundenem Schmerz auf dem Weg ins Bewußtsein ist. Alle Systeme reagieren, um dies zu verhindern.

Angst ist eine ursprünglichere Reaktion als Anspannung, sie tritt lange vor der Fähigkeit des Säuglings auf, durch ausreichende neurologische Kontrolle der Muskulatur neurotische Energie mit der Körperwand zu binden. Angst ist durch ein Gefühl der Besorgnis, des Grauens und von drohendem Verhängnis charakterisiert. Sie ist ein riesiger Schrecken, der normalerweise einen Durchbruch sehr früher, vorsprachlicher Urschmerzen mit sich bringt. Angst ist der Zustand, der dem Bewußtwerden von Schmerz vorausgeht. Sie ist kein spezifisches Leiden, sondern eher ein Signal des Zusammenbrechens der Abwehr.

Angst ist in erster Linie eine viszerale Reaktion, und das aus gutem Grund, denn sie ist der Hauptreaktionszustand unserer frühen und vorkindlichen Existenz. Traumata, die sich auf der frühen Ebene ereignen, werden, wenn daran gerührt wird, in Angstzuständen reflektiert. Viele glauben, daß Angst »eingebildete« Furcht sei. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um tatsächliche Furcht vor einer tief vergrabenen Vergangenheit. Angst läßt sich nicht von Furcht trennen – sie ist diese sehr frühe Furcht, die einen in Angst und Schrecken versetzt. Nachdem hochgradig ängstliche Patienten ausreichend frühkindliche Urschmerzen gefühlt haben, sind sie im allgemeinen nicht mehr ängstlich.

Spannung ist den meisten von uns vertraut – allzu vertraut. Im Gegensatz zur Angst wird Spannung im Muskelsystem und der Körperwand empfunden. Häufig wird sie als Beklemmung in der Brust erlebt, als Rücken- oder Halsschmerzen, als Steifheit der Finger oder Zehen, Zähneknirschen oder als verkrampfter Kiefer.

Sie kann eine Folge des gleichen Urschmerzes sein, der Angst erzeugt.

Bei flachem oder scharfem Atmen findet man Spannung im respiratorischen System. Man findet sie im Gesichtsausdruck, der Haltung, dem Gehen, Augenzwinkern, Stirnrunzeln und so weiter. Jemand, der mit Fingern oder Füßen klopft, oder mit den Beinen wippt, drückt Spannung aus.

Spannung ist das Resultat des Zusammenstoßes unbewußter Schmerzen und Verdrängungsenergien. Sie ist vor allem ein Zeichen dafür, daß die Verdrängung effektiv ist – daß das genaue Wesen des frühen Traumas in Schach gehalten wird. Spannung resultiert aus dem Gebrauch der Körperwand zur Bindung von Angst und zeigt an, daß eine höhere Entwicklungsebene am Werk ist.

Die Schmerzenergie kann auch gefiltert und durch Glaubenssysteme gebunden werden, sie schafft fanatische Glaubenssysteme, die neue Vorstellungen und Ideen nicht zulassen. Die Energie der Urschmerzen sucht sich nicht nur ein System aus, sondern infiltriert alle – innere Organe, Körperwand, Muskulatur, Auffassungen und Vorstellungsvermögen. Glaubenssysteme absorbieren, was die Spannung nicht aufnehmen kann, und repräsentieren die letzte evolutionäre Reaktion auf tiefsitzenden Urschmerz. Wenn zum Beispiel jemand das Bedürfnis nach einem Vater hat – den er während seines Lebens real nicht gehabt hat –, kann das Bedürfnis sich in physischer Anspannung äußern, und ebenso kann es sich zum Glauben an einen warmherzigen, beschützenden und interessierten Gott entwickeln. Wie sehr auch Tatsachen dagegen sprechen mögen, nichts wird den Glauben erschüttern. Nur das Fühlen des Bedürfnisses – der Quelle der Triebenergie – kann die Bindung an diese Idee lockern.

Energie ist nicht nur an Glaubenssysteme gebunden, sondern auch an Vorstellungen, die wir entwickeln. In wiederkehrenden Alpträumen begegnen wir den gleichen Themen, die gleichen Bilder steigen mit der gleichen Intensität jahrzehntelang Nacht für Nacht auf. Diese Energie kommt irgendwo her und läßt nie nach, bis der Urschmerz gefühlt worden ist.

Symptome von Energieüberschuß

Haben wir erst einmal erkannt, daß Energie auf drei operationalen Ebenen, der Viszera (»Eingeweide«), Muskulatur und der Begriffsebene, angesiedelt ist, beginnen wir auch zu verstehen, daß neurotische Symptome, wie etwa übermäßige Magensekretionen, zu laute Stimmlage oder fanatische Vorstellungen, möglicherweise alle einer einzigen zugrunde liegenden Quelle entstammen. Wenn Energie von der Viszera aufgenommen wird, wie es in perinatalen oder Kleinkindentwicklungsphasen der Fall ist, kann Jahre später ein ernstes physisches Symptom die Folge sein, wie zum Beispiel ein Magengeschwür oder Colitis (Dickdarmkatarrh). Im Verlauf der Entwicklung kann die gleiche Energie durch das emotionale System gefiltert werden und Wut- oder Weinanfälle zur Folge haben. Wiederum später, mit fortgeschrittener Entwicklung des Gehirns, kann die Energie in Vorstellungs- und Glaubenssysteme umgeleitet werden. Ob es nun Spannungskopfschmerzen, ein Glaubenssystem oder sich wiederholende Zwangshandlungen sind, diese Operationsebenen saugen die Energie in einer Weise auf, daß sich der Mensch nie der dahinterliegenden Triebkraft bewußt wird, sondern nur ihrer Auswirkungen.

Es ist Primärenergie, die eine Vorstellung so verfestigt, unversöhnlich und beharrlich werden läßt. Die Energie liegt nun in diesen Vorstellungen; sie wird jetzt in ein Vorstellungsgewebe oder eine Begriffsdecke umgewandelt, die sich über den Urschmerz legt. So schafft – auf die gleiche Art, wie Antigene Antikörper schaffen – der Druck des Urschmerzes Vorstellungen, um genau diesen Schmerz abzutrennen. Im Dienste der Verdrängung wird diese frühe Triebenergie die höchstmögliche Ebene neurologischer Funktion aktivieren. Wenn wir von der »Explosion der Ideen« eines kreativen Menschen reden, haben wir in etwa eine Vorstellung davon, von was für einer Art von Explosion wir reden. Daher kann das Infragestellen der Vorstellungen eines Menschen ihn ziemlich abwehrend machen. Je verhärteter und fanatischer die Begriffswelt eines Menschen ist, desto abwehrender wird er sich gegen jedes Eindringen in sie verhalten. Hingebungsvoll glaubt ein Mensch an diese Vorstellungen, ohne auch nur einmal gewahr zu werden, daß es sich um einen gefahrvollen Abwehrmechanismus handelt. Er verteidigt seine Vorstellungen, weil sie ihn verteidigen.

Alle schmerzhaften Reize, sei es ein strenger Blick, eine kritische Bemerkung, eine Strafpredigt oder Prügel, bewegen sich auf sensorischen Routen und werden schließlich gespeicherte physiologische Energie. Die Speicher sind Quellen aufgefangener Energie. Das System »faßt« nur eine bestimmte Menge elektrischer Ladung zur gleichen Zeit; danach handelt es wie ein »Kondensator«, in dem Energie freigesetzt wird, um das »Fassungsvermögen« auf ein optimales Maß zu senken. Wenn also jemand mit den Fingern klopft und mit den Füßen wippt, wenn sie oder er unablässig redet oder unter Gesichtszucken leidet, handelt es sich um Modi der Energiefreisetzung. Sie sind notwendig, um das optimale »Fassungsvermögen« aufrechtzuerhalten. Die Abfuhr von Spannung in jedem überlasteten System ist eine Notwendigkeit für die Homöostase. Klopft man einem Kind auf die Finger, um es am Nägelkauen zu hindern, stellt man damit nur eine spätere Verschlimmerung anderer Symptome sicher.

Die Speicherung der Primärerinnerungen läßt uns jeden Tag mit der gleichen angespannten Muskulatur, der gleichen Besorgnis, Angst und dem gleichen Grauen aufwachen. All unsere früh eingeätzten Erfahrungen liefern eine Matrix, die unsere Persönlichkeit formt und ihre Beständigkeit und Kohärenz gewährleistet. Wir werden durch unsere Erinnerungen »zusammengehalten«. Sie schließen charakteristische Formen des Gehens, Redens und Verhaltens ein. Unbefriedigte Bedürfnisse und Schmerz zementieren eingewurzeltes Verhalten in lebenslange Formen.

Anforderungen und frühe Deprivationen sowohl durch die Eltern als auch die Gesellschaft werden am Ende im Körper widergespiegelt. Es mag lange dauern, bis es zutage tritt. Menschen mit einer Menge Urschmerz fangen an, verwüstet auszusehen, und obwohl wir uns vorstellen können, daß es die Verwüstungen des Alters sind, sind es tatsächlich die Zerstörungen aus unserer Jugendzeit.

 

JOANNA:

Ich hatte an bestimmten Stellen des Rückens häufig Schmerzen, und die Schmerzen waren so schlimm … daß ich weinen mußte. … Es waren zwei Stellen auf meiner linken Schulter und ein Schmerz, der sich von meiner Schulter, rechts oben, den ganzen Rücken hinunterzog. (Eines Tages) hatte ich wegen dieser starken körperlichen Schmerzen zu weinen angefangen, und als ich mich wieder aufsetzte, fühlte ich in der Erinnerung eine Hand nach genau der Stelle auf der linken Schulter, die mich schmerzte, greifen. Ich hatte das entfernte Gefühl, daß mich dort jemand angefaßt hatte. In den nächsten ein oder zwei Tagen (erinnerte) ich mich an einen Streit zwischen meiner Mutter und meinem Vater, wie sich herausstellte, war es der letzte Tag meines Vaters in meinem Leben. In dieser Szene stritten sich meine Eltern, ich war voller Angst und klammerte mich an die Knie meiner Mutter. Plötzlich fühlte ich, wie mich eine Hand hinten am Kleid packte, mich von ihr weg zur Seite warf und ich krachend mit dem Rücken an einem Bettpfosten landete. Die zwei schmerzenden Stellen in meinem Rücken kehrten genau an zwei Punkten wieder – wo die Hände meines Vaters mich gepackt hatten und in einer Linie den Rücken hinunter, wo sich die Vorsprünge des Bettpfostens eingeprägt hatten. Danach hörte ich, wie mein Vater das Zimmer verließ, die Treppe hinunterging und wegfuhr.

 

DORIS:

Manchmal wache ich morgens auf, und meine Finger sind so verspannt, buchstäblich unbeweglich. Ich halte mich mit aller Kraft an irgendwas fest. Ich glaube, ich halte mich an mir selbst fest. Ich versuche, mich vor meiner hungrigen, bedürftigen Mutter zu schützen. Manchmal schlage ich mit den Fäusten in die Luft, will sie abwehren. Häufig fühle ich mich total gelähmt. Sie sitzt auf mir, hält mich nieder und zwingt mich, so zu sein, wie sie meint, daß ich sein sollte. Ich trete in die Luft und schreie sie an: »Geh von mir runter! Laß mich los!« Diese Gefühle habe ich oft, wenn ich in einer sehr »rastlosen« Stimmung bin, wenn ich das Gefühl habe, jemand jagt mit einer Bombe hinter mir her. Es ist meine Mutter. Sie übt Druck auf mich aus, so zu sein, wie sie es will, nicht wie ich bin.

 

Die Art des Symptoms, das jemand hat, kann einen Hinweis auf eine bestimmte Art früher Erfahrung geben. Ein Symptom wie zum Beispiel hoher Blutdruck kann, wenn in ihm auch keine verbale Reaktion enthalten ist, nichtsdestoweniger die vollständige »Erinnerung« einer frühen Situation sein. Solche Reaktionen sind Hinweise auf die Erinnerungsfähigkeit des Körpers, nicht anders als der Schmerz der Erinnerung daran, wie einem im Alter von neun Jahren der Hund weggenommen und fortgegeben wurde. Wenn die Reaktion auf eine frühe Deprivation erhöhter Blutdruck und beschleunigter Puls war, wird diese Reaktion im Laufe der Jahre zu einer Verstärkung tendieren. Es ist tatsächlich so, wenn sich Urschmerz summiert, wird das Symptom verstärkt.

Sobald es eine Schwachstelle gibt – zum Beispiel ein anfälliges Organ –, wird sie der Brennpunkt und die Abfuhrstelle für allgemeine Spannung bleiben. So kann zum Beispiel ein Kind, das zu Allergien neigt, bei der geringsten Überlastung mit Spannung einen allergischen Anfall entwickeln. Das gilt auch für Leute, die Kopfschmerzen bekommen. Es trifft auch auf jene zu, die Reaktionen aggressiv und herausfordernd ausagieren – durch Lügen, Schlägereien und Stehlen. Diese Reaktionen, ob physisch oder verhaltensmäßig, sind »eingefahren« und werden charakteristisch für die Art und Weise, in der wir lebenslang auf Streß reagieren. Ebenso ist es mit Rauch- oder Trinkgewohnheiten oder der Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln. Jedoch betrachten wir diese Probleme nicht als Symptome von Urschmerz. Wir glauben einfach, wir hätten ein Bedürfnis zu rauchen und zu trinken. Das stimmt, wir haben ein Bedürfnis.

 

CHARLES:

Ich habe das Gefühl, daß fast alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, ein Versuch war, mich besser zu fühlen, und ich habe Alkohol probiert. Als ich anfing zu trinken, nahm der Alkohol mir einen Teil der Schmerzen und verschaffte mir eine scheinbare Zufriedenheit … und damit konnte ich umgehen. Doch als ich älter wurde, brauchte ich immer mehr Alkohol, um die Schmerzen wegzubekommen, also habe ich getrunken und getrunken, bis zur Bewußtlosigkeit. Das war die einzige Art, die mich von den Schmerzen erlöste. Ich habe nie gedacht, es wäre was Schlechtes daran. (…) Ich erinnere mich, das ganze Leben unter Schmerzen gestanden zu haben. Ich erinnere mich (…) als ich fünf Jahre alt war und in meinem Bett lag und mich schlecht fühlte. Der ganze Körper tat mir weh – meine Gelenke, meine Knochen, meine Muskeln – alles tat weh und zuckte vor Schmerzen … ich dachte daran, wie schlimm es mir ging, und erinnerte mich dann an dieses schöne Gefühl in der Leistengegend, das ich gehabt hatte, als ich auf dem Bauch lag und mich herumwälzte. Also dachte ich: Wenn ich mich jetzt umdrehe und dort berühre, werde ich mich gut fühlen; ich habe es versucht, und es fühlte sich gut an. So habe ich die Masturbation entdeckt und von da ab masturbiert. Ich habe schon viele Jahre masturbiert, bevor ich ejakulieren konnte.

Alles, was ich versucht habe, versuchte ich nur so lange, bis ich herausfand, ob es mich von den Schmerzen erlöst; was nicht half, gab ich gleich auf (…) Ich habe alles versucht, was die Gesellschaft zu bieten hat … Ich habe geraucht, vier Packungen am Tag … Deshalb habe ich mich gefragt, warum ich nichts in Maßen tun konnte – Mäßigung hat mir nie geholfen.

 

Ein gesunder Mensch erlebt sein Leben, anstatt es zu unterdrücken, er benutzt die Energie eher zum Leben als zum Kampf gegen Schmerz. Als Folge dieses Kampfes hat ein Neurotiker häufig zu viel Energie. Er leistet mehr als notwendig oder bewegt den Körper viel mehr, als erforderlich ist, weil sein System »überdreht« ist. Oder er fühlt sich »niedergeschlagen« – schlapp, leblos und ohne Antrieb, etwas zu tun, weil ein riesiges Maß an Energie für die Verdrängungsarbeit abgeleitet werden muß. Wirkliche Energie erlaubt uns einfach direktes Handeln und sofortige Erfüllung unserer Bedürfnisse, was aber nur möglich ist, wenn vergangene Deprivationen wirklich hinter uns liegen.

5. In Notwehr

Gegen was verteidigen neurotische Widerstände? Soviel ist klar, ohne Urschmerz gibt es keine neurotische Abwehr. Ein gesunder Mensch sollte über das latente Potential zur Anwendung von Abwehren verfügen, doch sollte er nicht »abgewehrt« sein. Abwehren sollten nur ins Spiel kommen, wenn ein System angegriffen wird. Dies gilt sowohl für die Neurose als auch für allergische Reaktionen.

Neurotische Abwehren sind Mechanismen zur Vermeidung von Feeling. Der Grund, aus dem wir eine Abwehr im späteren Leben neurotisch nennen, ist der, daß sie der externen Realität nicht mehr angemessen ist. Vielleicht ist neurotisch eine Fehlbezeichnung, da die Abwehr für eine Situation in der Vergangenheit real und angemessen war.

Die primäre Abwehr ist die biologische Form von Verdrängung – das Ausschließen von Urschmerz aus dem Bewußtsein. Sobald eine Verdrängung eintritt, setzt sie Myriaden von Reaktivitäten in Gang, die ich Sekundärabwehren nenne. Die Art dieser Sekundärabwehren hängt von den unterschiedlichen Erfahrungen ab, die wir alle in unserem Leben gemacht haben. Diese Sekundärabwehren arbeiten entweder für die Freisetzung übermäßiger Primärenergie oder helfen dem primären Prozeß der Verdrängung. Wäre Verdrängung vollkommen effektiv, gäbe es auch fast kein neurotisches Ausagieren. Wir wären gefühllos, fixiert, starr und »tot«.

Idiosynkratische Eigenheiten, Sprachverhalten, Vorstellungen, emotionale Ausdrucksformen und emotionale Ausbrüche gehören auch zur Sekundärabwehr. Sie sind Arten des Umgangs mit der diffusen Energie verdrängter Gefühle. Diese verschiedenen Manifestationen, die von vielen Fachleuten als unabhängige Krankheiten betrachtet werden, sind nur Folgen eines einzigen Ereignisses – Verdrängung.

Die Sekundärabwehr kann ein bestimmtes zur Gewohnheit gewordenes Aussehen sein – ein Gesichtsausdruck, eine Haltung, Gang- oder Bewegungsarten – ein Sprachmuster – starkes Interesse an bestimmten Arten von Ideen oder Vorstellungen – ein völliges Aufgehen in Arbeit oder Pflichten – Zwangsvorstellungen in bezug auf sexuelle Leistung – eine Gewohnheit wie etwa Rauchen und Trinken – ein unbewußtes Muster falscher Ernährungsweise – ein Vermeiden von Bewegung oder körperlicher Aktivität – sie kann einfach alles sein. Sie wird jedoch immer von Urschmerz angetrieben. Gäbe es keinen verdrängten Schmerz, würden wir einfach fühlen, was wir erleben. Offenheit gegenüber Gefühlen wäre keine Bedrohung des Systems.

Der Körper verfügt über normale Abwehrformen gegen katastrophale Ereignisse in der Außenwelt; doch ist neurotische Abwehr nicht gegen äußere Geschehnisse gerichtet, ausgenommen insoweit, als äußere Ereignisse in uns Gespeichertes auslösen.