Das neue Bewußtsein - Arthur Janov - E-Book
Beschreibung

Zusammen mit seinem Mitarbeiter E. Michael Holden führt Arthur Janov den Nachweis, daß sich seine Theorien durchaus mit neurologischen und biologischen Erkenntnissen vertragen, ja durch sie eine Absicherung erfahren. Unter Janovs Anhängern in aller Welt gilt das Buch als Opus magnum der Primärtherapie und ist eine notwendige Ergänzung zu seinem Bestseller ›Der Urschrei‹. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:924


Arthur Janov | E. Michael Holden

Das neue Bewußtsein

Das Hauptwerk des Begründers der Primärtherapie

Aus dem Amerikanischen von Monika Kruttke

FISCHER Digital

Inhalt

Für A.S. Neill und Frederick [...]EinleitungKapitel I Die Natur des BewußtseinsEinführungA. Definition von Bewußtsein und BewußtheitB. Form und Ursache der Unbewußtheit1. Physische Unbewußtheit2. Psychische UnbewußtheitC. Unser duales BewußtseinD. Implikationen der HirnspaltungE. Das Limbische System und der frontale Kortex – Die vertikale SpaltungF. Das retikuläre AktivierungssystemG. Der frontale KortexH. Zweifach gespaltenes BewußtseinI. Hypnose und symbolisches BewußtseinJ. Auswirkungen der Psychotherapie auf das BewußtseinDiskussion: Konsequenzen der Primärtherapie für die MenschheitK. Geplante ForschungsprojekteL. Zusammenfassung und SchlußbetrachtungLiteraturverzeichnisKapitel II Die Entwicklung von Gehirn und Bewußtsein: Das dreigeteilte GehirnNeurobiologie und PrimärtheoriePsychischer und physischer SchmerzEntwicklung des Gehirns, viszerale Motilität und psychosomatische KrankheitenZusammenfassungDanksagungLiteraturverzeichnisWeitere nicht im einzelnen zitierte Quellenangaben:Kapitel III Die BewußtseinsebenenEinleitungTraumata erster EbeneVielschichtige InteraktionenTräumeEbenen des BewußtseinsZusammenfassung und SchlußbetrachtungKapitel IV Neurophysiologie des Bewußtseins: SchmerzschleusungNeuroembryologischer Reifungsprozeß und PrimärtheorieEntwicklung der physiologischen Reaktivität auf Schmerz bei SäuglingenDas duale Schmerzsystem im dreigeteilten BewußtseinSchmerzschleusungDiskussionZusammenfassungLiteraturverzeichnisKapitel V Was spielt sich bei einem Primal in Gehirn und Körper ab?Subjektive CharakteristikaDiskussionKapitel VI Das sensorische Fenster und Zugang zu UrschmerzSchmerz, Drogen und VerrücktheitLiteraturverzeichnisKapitel VII Über Schmerz und seine Beziehung zu den BewußtseinsebenenEinleitungDrogen und BewußtseinDiagnostische ImplikationenFeeling, Einsicht und VeränderungTherapeutische ImplikationenBewußtsein als wechselseitige VerknüpfungKodierung von ErinnerungenKatastrophaler Schmerz und Stillstand im ReifungsprozeßWas heilt?Die DialektikWeitere AnhaltspunkteSchlußbetrachtungKapitel VIII Die Natur der Abwehrmechanismen bei NeuroseTeil I  – E.Michael Holden1. Historischer Hintergrund2. Ein biologisches Neurosenmodell3. Die Natur der Abwehr – Methoden – Beobachtungen – Interpretation – Diskussion – Körpertemperatur – Puls und Blutdruck – EEG-Alpha-AmplitudeTeil II  – Arthur JanovLiteraturverzeichnisKapitel IX Auf dem Wege zu einer sinnvollen PsychotherapieTeil I – E.Michael HoldenErgebnisseDiskussionTeil II – Arthur JanovKapitel X Weitere Implikationen der BewußtseinsebenenA. Über MoralB. Über SelbstmordC. Über Schlaf und Träume: Bewußtsein in unbewußten ZuständenD. Über PsychoseE. Über Sexualität und PerversionenKapitel XI Die Verlängerung der LebenserwartungLangzeituntersuchungenKapitel XII Primärtherapeutische FragebogenaktionGewichtsveränderungenGrößenveränderungenKörperhaltungAugen / SehvermögenOhren / GehörNase / Nebenhöhlen / Geruch / Allergien und ErkältungenHals / Stimme / Mund / Lippen / GeschmackBrust und AtmungPuls / Blutdruck / HerzAppetit / MagenUrinatrakt / GenitalienBrust / MenstruationszyklusSexualitätNeurologische und/oder psychophysiologische SymptomeAntworten auf Fragen über Schlaf und ErnährungAntworten auf Fragen über Sport und GymnastikMuskeln / Tics / MuskelspannungHaare / Haut / NägelNeue oder ungewöhnliche Phänomene oder WahrnehmungenVerschiedenesZusammenfassung und KommentarKapitel XIII Therapeutische Implikationen des Konzepts der Bewußtseinsebenen: Gefahren bei Mißbrauch der PrimärtherapieKapitel XIV SchlußbetrachtungKapitel XV Das neue Bewußtsein – der Primärmensch SchlußbetrachtungenAnhangAnhang – Teil I Die Bedeutung der Forschungsergebnisse bezüglich der vitalen Körperfunktionen in der PrimärtherapieAnhang – Teil II EEG-Veränderungen in der PrimärtherapieAnhang – Teil III Urschmerz und Erleben auf zellularer EbeneAnhang – Teil IVRegister

Für A.S. Neill und Frederick Leboyer

Einleitung

Der Postprimärpatient hat die Primärtherapie und die Primärtheorie weit über ihre in der Der Urschrei[1] umrissenen Anfangsgründe hinausgetragen. Alle neuen Entwicklungen brauchen Zeit, um ausreifen zu können, und werden mit wachsender Erfahrung und Gedankenarbeit zunehmend komplexer. Auf die Primärtheorie trifft das allemal zu; sie ist, wie wir zu zeigen hoffen, weit mehr als nur eine allgemeine Theorie über einen »Schrei«.

Der Postprimärpatient verkörpert die bislang höchste Entwicklungsstufe in der Primärtheorie; ich bin jedoch sicher, daß es im Laufe der Jahre noch zu weiteren Differenzierungen kommen wird. Ich sehe Bücher über die Primärtheorie und -therapie als Fortschrittsberichte an; nichts hat ein für alle Male Gültigkeit. Uns ist daran gelegen, die Öffentlichkeit, und zwar Laien und Fachleute gleichermaßen, kontinuierlich an unseren Überlegungen und Forschungsergebnissen teilhaben zu lassen. Dieses Buch ist das Ergebnis von Beobachtungen an Primärpatienten, die sich über gut sieben Jahre erstreckten, und es ist gleichzeitig der Versuch, diese Beobachtungen mit den jüngsten Erkenntnissen der neurologischen Forschung zu verbinden. Ich halte diese Verbindung für wesentlich, weil, wie ich an anderer Stelle noch näher erläutern werde, keine psychologische Theorie ernst zu nehmen ist, die letztlich nicht mit den Erkenntnissen übereinstimmt, die uns über die Funktionen des Gehirns vorliegen. Ich bin deshalb der Auffassung, daß jede Diagnose psychischer Störungen Aussagen über psychische und über neurologische Prozesse beinhalten muß. Auch die Neurologie muß letztlich die Beziehung zu menschlichen Funktionsweisen herstellen und nicht nur zu zerebralen Funktionen. Eine Auseinandersetzung mit der Neurologie führt in meinen Augen zu einem besseren Verständnis menschlichen Verhaltens sowie kognitiver und sensorischer Wahrnehmung des Menschen.

Ein wichtiger Beitrag dieses Buches liegt meiner Ansicht nach in der Erforschung unterschiedlicher Bewußtseinsebenen: darin, wie der Mensch in drei Bewußtseinssystemen Schmerz produziert, und in welcher Beziehung dieser Prozeß zu Neurose und Psychose steht. Diese Sicht der Primärtherapie im Hinblick auf drei Bewußtseinsebenen hat uns einen Schlüssel an die Hand gegeben, der uns verstehen und erklären hilft, was die Patienten durchmachen; er hat unser Verständnis dafür vertieft, wo und ob ein Patient sich auf dem Weg zur Besserung befindet. Die Entdeckung der drei Bewußtseinsebenen ist ein Resultat der oben erwähnten Kombination von Beobachtung und neurologischem Fachwissen. Wir wußten bereits, daß Patienten durchaus auf unterschiedlichen Bewußtseinsebenen Primals (Urerlebnisse) haben können, denn das hatten wir viele Male beobachtet. Wichtig ist jedoch, daß neurologische Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit ebenfalls auf drei unterscheidbare Ebenen der Schmerzerzeugung hinweisen. Wir haben diesen Prozeß der Schmerzerzeugung nun zu spezifischen Bewußtseinssystemen in Beziehung gesetzt.

Unser primäres Interesse gilt nicht einer Theorie. Doch wir verbessern und differenzieren die Theorie aus zweierlei Gründen: zum einen, um zu überprüfbaren Hypothesen zu gelangen, die dann mit wissenschaftlichen Methoden überprüft werden können, und zum anderen, und das ist der wichtigere Aspekt, um die therapeutischen Methoden zu verfeinern, und so bei der Behandlung von Patienten eine größtmögliche Effektivität zu erzielen. Das hat zu dem Ergebnis geführt, daß unsere Therapie sich im Laufe der Jahre drastisch verändert hat. Wir verfügen heute über eine ganze Reihe neuer Techniken, und viele der anfänglichen, in Der Urschrei beschriebenen Techniken wurden inzwischen verworfen. Dennoch ist die Primärtherapie in meinen Augen nach wie vor unverändert das, was ich Jahre zuvor in ihr gesehen habe, nämlich die einzig lebensfähige, effektive Behandlungsmethode psychophysischer Störungen. Meine an Hunderten von Patienten und an Tausenden von Urerlebnissen gemachten Beobachtungen haben mich in meiner Auffassung nur bekräftigt, daß die Primärtherapie die Heilmethode für psychische Krankheiten ist, sofern man »Heilung« nicht als eine Zauberei versteht, mit Hilfe derer man einen hochgradig gestörten Menschen in ein Musterexemplar seiner Art verwandelt, sondern als ein System, Menschen zu machen, die von Feeling[2] getragen sind, so daß sie nicht länger unter neurotischen Spannungen, unerklärlichen psychosomatischen Symptomen, unkontrollierbaren Zwängen, Alpträumen und was der neurotischen Verhaltensweisen mehr sind, zu leiden haben.

Ich bin nach wie vor der Auffassung, daß es kein anderes wirklichkeitsbezogenes psychotherapeutisches System gibt, und unsere Forschungsarbeiten sind auf dem besten Wege, das zu belegen. Wir haben in Langzeituntersuchungen eine anhaltende Senkung von Blutdruck, Pulsschlag und Körpertemperatur festgestellt, und das führt mich zu der Annahme, daß wir bleibende Veränderungen erzielen und nicht nur vorübergehende Anpassungsleistungen.

Unsere Untersuchungen der Hirnströme führen uns zu der gleichen Schlußfolgerung. Um von vornherein dem möglichen Vorwurf der mangelnden Vorurteilsfreiheit und der Unbefangenheit entgegenzutreten, lassen wir unter anderem unsere Forschungs- und Laboruntersuchungen von Außenstehenden durchführen. Diese Forschungsarbeiten werden über Jahre hinaus weiterlaufen, und meiner Ansicht nach stehen wir erst am Anfang unserer Entdeckungen, welche realen Veränderungen im Gesamtkörpersystem unserer Patienten stattfinden. Wir werden unsere Forschungsergebnisse auch künftig in Büchern oder in unserer Zeitschrift The Journal of Primal Therapy veröffentlichen.

Dieses Buch richtet sich an Fachleute, Studenten und interessierte Laien. Ein oder zwei Kapitel werden vielleicht nur Fachleuten oder Studenten höherer Semester vollends verständlich sein; die restlichen Kapitel sind jedoch ohne Schwierigkeiten auch dem Laien zugänglich, insbesondere wenn er über einige psychologische oder gar primärtheoretische Vorkenntnisse verfügt.

Das vorliegende Buch unterscheidet sich von den vorhergegangenen insofern, als daß zwischen einigen Kapiteln ein zeitlicher Abstand von nahezu drei Jahren liegt. Ich habe die früher geschriebenen Kapitel an den Anfang gestellt und die zeitliche Reihenfolge beibehalten, um so die Entwicklung unserer Überlegungen im Laufe der Jahre zu zeigen. Ich hoffe damit zu veranschaulichen, wie sich unsere Theorienbildung entwickelt und wie wir unsere Auffassungen angesichts neuer Forschungsergebnisse revidieren. Der Leser wird im Verlauf der Lektüre die Entdeckungen und Veränderungen gewissermaßen mit uns mit vollziehen. Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise, ein wenig von dem Erregenden unserer Entdeckungen zu vermitteln.

Jedesmal wenn wir einen neurotischen Patienten dazu bringen, sich aufzuschließen, stoßen wir auf Schmerz; wir machen immer wieder die Beobachtung, daß Schmerz ein zentraler Bestandteil von Neurosen ist. Selbst bei Patienten, die von sich aus überhaupt nicht wußten, daß sie unter Schmerz standen, war der Befund der gleiche. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß ein Wiedererleben früher Kindheitstraumata – körperliche Schäden, mangelnde Bedürfnisbefriedigung oder Unterdrückung von Feeling – Urschmerzen und Spannung auflösen und dauerhaft beseitigen.

Das Paradigma ist wirklich äußerst einfach: Urschmerz erzeugt Neurosen und Psychosen, und das Wiedererleben des Schmerzes bedeutet deren Auflösung. Alles, was Sie an Theoretischem und Wissenschaftlichem lesen werden, kreist um dieses einfache Paradigma; in all den Jahren seit Bestehen der Primärtherapie hat sich das nicht geändert.

Der Leser wird ein neues Konzept des Bewußtseins vorfinden, und zwar eines, das wenig mit Bewußtheit oder den vielen geläufigen Auffassungen von Bewußtsein gemein hat. Ich glaube, daß wir eine neue Qualität des Bewußtseins geschaffen haben, die dem Menschen uneingeschränkten Zugang zu seinen innersten zerebralen Prozessen erlaubt, so daß ihm sein Feeling, seine Symptome, Träume und symbolischen Verhaltensweisen nicht länger ein Geheimnis sind. Der Postprimärpatient oder der Primärmensch, wie wir ihn nennen, ist frei und gelöst, eben weil die einzige Freiheit im Bewußtsein liegt, und weil das Bewußtsein durch Befreiung von Schmerz Freiheit erlangt. Der Primärmensch ist intelligenter, weil er bewußt ist und ein bewußt gelenktes intelligentes Leben führen kann. Sein Wahrnehmungsvermögen ist offen und seine kognitiven Fähigkeiten sind erweitert. Meiner Ansicht nach ist er eine neue Art Erdenbürger.

Eine Sache ist sicher: Primärtheorie ist nicht statisch. Sie ist ein offenes, dynamisches, sich ständig wandelndes System. Sie ist kein Dogma, das man sich zu eigen macht, um es dann in die Praxis umzusetzen. Sie ist kein Katechismus, keine Litanei, die von den Patienten in dem Bestreben, gesund zu werden, heruntergebetet wird. Sie ist ein wissenschaftliches System, das von Tag zu Tag verbessert und ausgefeilt wird, um den von Schmerzen – von Urschmerzen – gequälten Menschen besser helfen zu können.

Arthur Janov

The Primal Institute

Los Angeles, California

Kapitel I Die Natur des Bewußtseins

Arthur Janov

Einführung

Psychische Krankheit werde ich als tiefgreifende Veränderung des Bewußtseinszustands erörtern. Um zu verstehen, was das bedeutet, bedarf es zunächst einer Definition des Bewußtseins: Bewußtsein ist die Gesamtsumme der kooperierenden Aktivitäten der Gehirnstrukturen, die körperliche Prozesse vermitteln. Eine Definition ist unerläßlich, wollen wir das Wesen psychischer Krankheit und deren Heilung richtig erfassen; wenn wir den Unterschied zwischen Bewußtsein und Bewußtheit oder Wahrnehmung nicht vollends verstehen, wird es uns nicht gelingen, psychische Krankheiten richtig zu verstehen und richtig zu behandeln.

A. Definition von Bewußtsein und Bewußtheit

Bewußtsein hat keinen »Sitz«, es ist nirgends exakt lokalisiert, noch ist es gleichbedeutend mit Bewußtheit oder Wahrnehmung. Es ist ein anhaltender Zustand des gesamten Organismus – und nicht lediglich eine Angelegenheit des Gehirns – mit fließenden Verbindungen zwischen den verschiedenen Gehirnstrukturen. Ein bewußter Mensch ist jemand, dessen Körper und Gehirn in Harmonie miteinander arbeiten, ohne daß ein Bereich des Gehirns von irgendwelchen anderen Bereichen isoliert ist. Ein bewußter Mensch ist jemand, dessen Körper uneingeschränkt auf Gedanken reagiert, und umgekehrt – jemand, der fühlt, was er denkt, und denkt, was er fühlt. Bewußtsein ist nicht ein Phänomen nur des Gehirns, in dem das Cerebrum wie in einem Glaskasten sitzt, losgelöst von seinen entsprechenden Gegenstücken im Körper. Bewußtsein ist ein Zustand des Gesamtorganismus. Es ist nicht gleichbedeutend mit Denken, das wie Bewußtheit oder Wahrnehmung ein augenblicksgebundener Prozeß ist, der immer einen Inhalt hat. Wenn dieser Inhalt unmittelbar auf einen unbewußten Prozeß bezogen ist, bezeichne ich dieses Phänomen als »Bewußtsein«. Wenn der Inhalt ohne Beziehung oder nur symbolisches Derivat unbewußter Prozesse ist, bezeichne ich dieses Phänomen als »Bewußtheit«. Gemeinhin benutze ich den Begriff »Bewußtheit«, um nichtverknüpfte Gedankenabläufe zu kennzeichnen, und ich benutze den Begriff »Bewußtsein«, wenn diese Abläufe voll verknüpft sind. Ich benutze »Bewußtsein« in ganz anderem Sinne als dem sonst üblichen. Denn meiner Ansicht nach kann ein Mensch schlafen und dennoch bewußt sein oder wach und dennoch sehr unbewußt sein – in dem Sinne wie Neurotiker und Psychotiker unbewußt sind. Neurotiker können ein großes Maß an Bewußtheit haben, das heißt wahrnehmen und registrieren, aber per Definition nicht vollends bewußt sein. Das ist so, weil Neurosen und Psychosen (die ich im weiteren als »psychische Krankheiten« bezeichnen werde) veränderte Bewußtseinszustände sind. Schmerzhafte Realitäten werden automatisch und reflexartig vom Bewußtsein ferngehalten, und zwar durch bestimmte Gehirnstrukturen, auf die ich später ausführlich eingehen werde.

Wenn gewisse schmerzhafte Realitäten vom Bewußtsein ferngehalten werden, verbindet sich die Ladung dieser unbewußt hervorgebrachten Impulse mit anderen Bereichen des Kortex und erzeugt »Bewußtheit«. Wenn zum Beispiel ein kleines Kind von seinen Eltern rundheraus abgelehnt wird, kann das volle Erleben der Ablehnung für das Kind so erschütternd sein, daß das Feeling blockiert und das Wissen darum verdrängt wird, und statt dessen mag das Kind zu dem Glauben gelangen, es brauche niemanden. Dieser Mensch mag in seinem späteren Leben rationalisieren und sich sagen, er könne bestens für sich selbst sorgen. Dieser spätere Glaube ist, was ich als falsches Bewußtsein bezeichne. Schmerz hat ihn – in primärtheoretischem Sinne – unbewußt gemacht. Es ist durchaus möglich, daß ein solcher Mensch seine Umwelt besonders scharf wahrnimmt und registriert, und weil er glaubt, er könne sich nur auf sich selbst verlassen, kann er, einfach um zu überleben, in der Welt, in der er sich bewegt, ungemein scharfsinnig sein. Aber kein Willensakt der Welt vermag ihn der unterschwelligen Ursachen bewußt zu machen. Seine Bewußtheit, seine Wahrnehmung ist selektiv und nach außen gerichtet. Sie steht nicht im Einklang mit dem unterschwelligen Schmerz, der ihn, würde er freigesetzt werden, voll bewußt machen würde.

Wenn man in die Lektüre eines Buches vertieft ist, kann es geschehen, daß man gewisse äußere Realitäten nicht wahrnimmt. Aber das Potential für erweiterte Wahrnehmung, für erweiterte Bewußtheit ist dann trotzdem immer vorhanden. Bei psychischer Krankheit ist das nicht der Fall. Hier erzeugt die unterschwellige Aktivierung Pseudoverknüpfungen, so daß man alles wahrnimmt bis auf gerade jene Dinge, die das Bewußtsein wirklich erweitern könnten.

Diese Differenzierung von Bewußtsein und Bewußtheit muß gemacht werden, will man verstehen, warum bestimmte Psychotherapien erfolglos sind, denn es ist jederzeit möglich, einem Menschen Bewußtheit zu verschaffen, nicht aber Bewußtsein. in einigen Therapien gelangen Patienten dahin, ihre Bedürfnisse zu verstehen, sie aber als umfassendes psychophysisches Geschehen zu erleben bedeutet sich vor Schmerz zu winden. Ein Feeling wahrnehmen und registrieren oder das Feeling mit aller Intensität fühlen sind offenbar zwei Phänomene unterschiedlicher Kategorien. Das erklärt, warum ein Mensch bei bestimmten Formen von Funktionsstörungen des Gehirns fluchen und zornig agieren kann, ohne dabei auch nur im geringsten zu wissen, warum er zornig ist. Oder umgekehrt können Patienten in Psychotherapien, die auf Einsicht aufbauen, ihr Feeling zwar völlig verstehen, gleichzeitig aber erkennen, daß sie unfähig sind, sie zu fühlen – und sich emotional noch immer völlig blockiert fühlen. Der Punkt ist, daß die Erzeugung von Gefühlen in tiefer gelegenen Gehirnzentren stattfinden kann und, so gesehen, unbewußt ist. Bewußtsein von Gefühlen bedeutet, daß bestimmte fundamentale Verknüpfungen zwischen tiefer gelegenen und höheren Gehirnzentren (sowie zwischen der rechten und der linken Hemisphäre, wie wir später noch sehen werden) hergestellt werden. »Bewußtheit« dieser Gefühle bedeutet, daß bestimmte höhere Prozesse im Spiel sind (ohne Verbindung zu den niedrigeren Prozessen), die diese Gefühle als etwas Getrenntes, Losgelöstes betrachten – eine sogenannte objektive Betrachtung. Ein Patient, der aus einem Primal kommt, wird sagen: »Ich habe meine Gefühle zwar immer wahrgenommen, aber ich habe es nie wirklich gewußt.« Sich in einem Primal eines Feelings bewußt werden ist ein ganz anderes Erlebnis, ein allumfassendes, organisches, nämlich Bewußtsein. Bewußtheit ist definiert durch den Zustand des Bewußtseins.

Nehmen wir ein Beispiel. Beim Rolfing[3] werden oft Gefühle freigesetzt. Patienten einer Rolfing-Therapie können weinen und beispielsweise das Gefühl haben, dieses Freisetzen habe sie in ein früheres Leben zurückversetzt. Ein solcher Patient mag beispielsweise das Empfinden haben, er lebe im Elisabethanischen Zeitalter, er mag die Häuser sehen und das Hufgeklapper der Pferde auf dem Kopfsteinpflaster hören. Was ist geschehen? Mit einer gespeicherten Schmerzgeschichte gehen offenbar Begleiterscheinungen einher, die als Teil des Abwehrsystems operieren. Angenommen, ein kleines Kind sieht, wie seine Schwester von seinem Vater verprügelt wird. Es gerät in panische Angst, sobald es in die Nähe seines Vaters kommt, verkrampft sich und bekommt eine chronisch verkrampfte Muskulatur in der Magengegend. Jahre später ist diese Erinnerung verdrängt, doch die Verkrampfung bleibt. Sie wird nun durch Rolfing massiert und gelöst, so wie es bei einer Senkung der Körpertemperatur mit bestimmten Medikamenten geschieht. Die Gefühle beginnen hervorzuströmen, doch die damit verbundene Schmerzüberlasung verhindert das Zustandekommen einer angemessenen Verknüpfung. Es kommt dann zu einer »gutartigen Fehlverknüpfung«. Der Patient wird über die Verknüpfung hinweg in ein Pseudobewußtsein getrieben – in ein früheres Leben. Die sogenannten psychedelischen Drogen können zu den gleichen Folgeerscheinungen führen. Schmerz wird durch chemische Prozesse freigesetzt, der Kortex wird in einem Maße überflutet, das seine integrierenden Fähigkeiten übersteigt, und es werden neugebahnte Verknüpfungen hergestellt: »Ich liege in einer alten Grabstätte. Ich sehe all die Sklaven in ihren hübschen Gewändern etc.« Der einzige Weg, Bewußtseinserweiterung herzustellen, ist offensichtlich, damit anzufangen und es selbst bestimmen zu lassen, wieviel es erleben will. Gegen uneingeschränktes Bewußtsein stellt sich Abwehr ein. Die Abwehrmechanismen außer Kraft setzen heißt, die Psyche in eine Position bringen, in der sie überwältigt wird.

Es sollte offensichtlich sein, daß der einzige Weg zur Bewußtseinserweiterung darin liegt, Unbewußtes zutage zu bringen. Doch das muß langsam und allmählich geschehen, damit jedes einzelne gespeicherte Feeling bewußt assimiliert werden kann. Das ist nicht möglich, wenn dieses Freisetzen durch mechanische, äußere Methoden ausgelöst wird. Das Bewußtsein durch Drogengenuß zu überfluten heißt lediglich, mehr Unbewußtes zu erzeugen; und das ist der gleiche Vorgang, der psychische Krankheiten überhaupt erst verursacht.

Ein infolge von LSD-Genuß manischer Geist hat meiner Ansicht nach nichts mit Bewußtseinserweiterung zu tun, allenfalls etwas mit größerer Aktivität. Ein unter psychedelischen Drogen stehender Geist scheint gelöst und allen möglichen Gedanken gegenüber offen zu sein, weil er durch anhaltendes Überfluten gänzlich fragmentiert ist, so daß jeglicher bewußte Zusammenhang und jegliches Unterscheidungsvermögen verlorengegangen sind. Die Fehlverknüpfungen haben aufgrund der Überlastung überhandgenommen. Dadurch, daß die Droge die limbische Schleuse frühzeitig öffnet (Ausführlicheres darüber vgl. Anatomie der Neurose), wird der Kortex infolge des freigesetzten, nicht aber befreienden Schmerzes zu allen möglichen absonderlichen Ideenbildungen getrieben. Tranquilizer dagegen können durch Unterdrükkung bestimmter Hirnstrukturen (wie beispielsweise das retikuläre Aktivierungssystem) vorübergehend Bewußtheit oder Wahrnehmung beeinträchtigen; psychedelische Drogen können die Bewußtseinsstruktur grundlegend verändern. Darin liegt ihre Gefahr!

Anhand der Behandlung mehrerer ehemaliger LSD-Psychotiker habe ich die Beobachtung gemacht, daß eine psychedelische Überlastung Grundstrukturen des Bewußtseins zerstören kann; in dieser Hinsicht ist LSD weitaus gefährlicher als Heroin, denn letzteres blockiert die Überlastung lediglich ab.

Ein LSD-Süchtiger hat oft Schwierigkeiten, seine Gedanken zusammenzuhalten; er kann lange, weitschweifige Geschichten erzählen, ohne Sinn und Zusammenhang, verliert oft den Faden und ist unfähig, Tatsachen zu einem zusammenhängenden Bild zusammenzusetzen. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes eine gespaltene Persönlichkeit. Ich bin nicht der Auffassung, daß es zu diesen Erscheinungen nur dann kommt, wenn ein solcher Mensch unmittelbar unter LSD steht. Die Auswirkungen können Monate, Jahre, unter Umständen sogar ein ganzes Leben lang anhalten. LSD bricht das neurotische Bewußtsein auf, wohingegen Tranquilizer lediglich Bewußtheit oder Wahrnehmungsvermögen beeinflussen. Einem Menschen mit angemessenen Abwehrmechanismen wird ein »Acid-Trip« nichts anhaben. Aber auf lange Sicht werden sich bei anhaltendem Drogengenuß unweigerlich schwerwiegende Veränderungen einstellen, wie die Abwehrmechanismen auch immer strukturiert sein mögen.

Das einzige Bewußtsein jenseits des Realen ist unreales Bewußtsein. Ein befreiter Geist kann nur das Ergebnis spezifischer Verknüpfungen zu eigenem geschichtsgebundenem Unbewußten sein.

B. Form und Ursache der Unbewußtheit

Unbewußtheit stellt einen Zusammenbruch der integrierenden Fähigkeiten des Gehirns bei der Vermittlung körperlicher Prozesse dar. Sie tritt ein, wenn das System überlastet ist, so daß Impulse (resultierend aus Aktionspotentialen, die von Synapsen vermittelt werden), die, um uns bewußt zu machen, normalerweise spezifische Innervationen mit dem zerebralen Kortex haben, die integrierenden Fähigkeiten überfordern und in andere zerebrale Bahnungen umgeleitet werden, und uns, so gesehen, unbewußt machen. Psychische Krankheiten zu heilen bedeutet, das Bewußtsein zu ändern, so daß Bewußtsein und Bewußtheit miteinander verschmelzen, anstatt auseinanderzugehen, wie es bei Neurosen und Psychosen der Fall ist. Das bedeutet eine Änderung der integrierenden Beziehungen innerhalb des Nervensystems. Ich bin der Auffassung, daß es ohne diese grundlegende und tiefgreifende Änderung keine Heilung für psychische Krankheiten geben kann.

Unbewußtheit ist nicht einfach ein Nichtvorhandensein von Bewußtsein; es ist vielmehr ein aktiver Prozeß, der spezifische Gehirnstrukturen einbezieht, die die Funktion haben, unser Überleben sicherzustellen, indem sie uns für katastrophale Schmerzen unzugänglich machen. Kurz gesagt, unbewußt werden ist ein dem Menschen innewohnender Abwehrmechanismus, der nichts mit eigener freier Wahl oder eigenen freien Entscheidungen zu tun hat. Es ist ein die Verknüpfung unterbindender Prozeß, der einsetzt, wenn die Verknüpfung von Gefühlsarealen mit Wissensarealen überwältigenden Schmerz bedeuten würde. Das Schlüsselwort ist »Verknüpfung«, denn es ist durchaus möglich, Schmerz wahrzunehmen, ohne ihn wirklich zu erleben.

Ohnmächtig werden ist ein gutes Beispiel dafür. Ein Reiz, wie beispielsweise Zeuge eines Autounfalls oder eines Gewaltverbrechens zu sein, kann bei einem Menschen einen Ohnmachtsanfall auslösen. Warum? Weil der Reiz eine neurale Überlastung darstellt, die zu Bewußtlosigkeit oder Unbewußtheit führt. Hier wird ein psychisches Geschehen sofort in körperinterne Prozesse umgesetzt und führt zum Bewußtseinsverlust.

»Überlastung« hängt nicht nur davon ab, wie traumatisch der Reiz ist; auf interner Ebene muß es ein Reiz sein, dem zu entfliehen es keine Möglichkeit gibt. Wenn man beispielsweise einen Schlag auf den Kopf erhält, hat man keine Wahl. Wenn man erzwungenermaßen eine Katastrophe miterlebt, hat man ebenfalls keine Wahl. Ganz allgemein glaube ich, daß eine Überlastung eintritt, wenn unsere erworbenen Wert- und Moralsysteme uns keine Wahl lassen. So macht uns zum Beispiel jemand erzürnt, und wir lernen, daß wir ihm »die andere Wange reichen« müssen. In einem langsamen und subtilen Prozeß verstricken Eltern ihre Kinder in ein psychisches Netz, in dem sich Gefühle verfangen und das deren Freisetzung unmöglich macht. Im Laufe der Zeit kann diese innere Rigidität, die erbittert gegen die eigenen natürlichen Impulse angeht, in eine Sackgasse führen, in der die einzige Möglichkeit zur Freisetzung unter Umständen in der unwillkürlichen Spannungsentladung eines epileptischen Anfalls besteht. Wenn nichts, was immer ein Kind tut, den Eltern richtig erscheint, dann verfügt es über keinerlei adaptive (nicht einmal über neurotisch adaptive) Reaktionsmuster. Die Energie seiner Qualen und Frustrationen wird im allgemeinen Schmerzspeicher aufgestaut und führt letztlich zu Überlastung und zu einem Überfließen in Symptome.

Während Zeuge eines schrecklichen Unfalls zu sein zu einer sofortigen Überlastung führt, verläuft die Entwicklung einer neurotischen Überlastung langsamer und subtiler, führt aber letztlich auch zu einer ähnlichen Art der Unbewußtheit. Zusammenfassend möchte ich nochmals betonen, daß Überlastung in Beziehung zu Unbewußtheit steht, und zwar auf psychischer ebenso wie auf physischer Ebene.

1. Physische Unbewußtheit

Es gibt im wesentlichen zwei Arten von Unbewußtheit – eine physische und eine psychische. Ein Beispiel für physische Unbewußtheit ist ein epileptischer Anfall. Zu einem solchen Anfall kommt es, wenn die normalerweise für Bewußtsein zuständigen Mechanismen durch neurale Aktivität aus den niederen Gehirnzellen überflutet sind; der Körper wird durch den Ansturm in einen Krampfzustand versetzt, und es kommt zu einer unwillkürlichen, heftigen Entladung neuraler Aktivität. Bei psychogener Epilepsie (und um die geht es mir) gibt es für gewöhnlich einen Reiz – zum Beispiel eine Auseinandersetzung der Eltern –, der nicht lediglich eine angemessene Reaktion auf die Situation auslöst, sondern gleich eine ganze Geschichte von Schmerzen und Angst, die eine Flut neuraler Erregung freisetzt.

Diese Erregung, im Verbund mit einer unterdurchschnittlich niedrigen Schwelle für Anfälle, ruft physische Unbewußtheit hervor. Bei einem starken und gesunden Gehirn kann diese gleiche unwillkürliche Entladung auf sexueller Ebene stattfinden. Das heißt, der Betreffende, unfähig die Bedeutung der elterlichen Auseinandersetzung zu integrieren, blockt sich gegenüber dem Ansturm der Schmerzen ab, bleibt sich seiner Ängste und Schmerzen unbewußt, und die Energie des Traumas, die sich in Spannung umgesetzt hat, wird später zwanghaft durch sexuelle Entladung freigesetzt. Wer weder die Fähigkeit zu Anfällen noch regelmäßige sexuelle Entladungsmöglichkeiten hat, kann sich durchaus eines Tages mit hartnäckigen Depressionen in einer Nervenheilanstalt wiederfinden und dort mit Elektroschock-Therapie behandelt werden, mit Hilfe derer eine starke unwillkürliche Entladung und Unbewußtheit erzeugt wird.[4] Elektroschocks verhindern, daß unbewußte Erinnerungen zur Bewußtheit gelangen. Sie verstärken die Spaltung, insbesondere bei Fällen, in denen das Abwehrsystem zu versagen droht und unbewußte Impulse zur Bewußtheit vordrängen.[5]

Der Unterschied zwischen einem psychogenen Epileptiker und anderen Neurotikern kann zurückzuführen sein auf besondere Anfälligkeiten des Gehirns, im Verbund mit einer extremen Schmerzensladung, die durch einen besonders relevanten Reiz ausgelöst werden kann. Der Anfang der epileptischen Unbewußtheit eines Grand mal [großer Anfall bei Epilepsie][6] beginnt mit erheblich verstärkter Muskelspannung. Oft gibt es einen einleitenden Schrei. Dieser Schrei ist normalerweise unmißverständlich emotional getönt; er ist reflexhaft, das akustische Resultat eines subkortikalen Prozesses. Es ist subkortikales Verhalten. Der Anfall setzt ein, es kommt zu Konvulsionen, Krampfanfällen, Umsichschlagen und Bewußtlosigkeit – und später dann zu Entspannung. Ein plötzlicher, »anfallartiger«, überwältigender sexueller Drang kann auf dem gleichen unbewußten Prozeß basieren, daß nämlich Schmerz, der beispielsweise durch das Limbische System blokkiert wird, zu anderen Gehirnstrukturen, etwa zu Arealen des Hypothalamus, umgeleitet wird, die ihrerseits den Kortex informieren, der dann statt des ursprünglichen Schmerzgefühls sexuelle Gefühle registriert. Dieser Mensch ist, so gesehen, in Wirklichkeit unbewußt, obwohl er äußerst bewußt sexuell agiert; und genau dort liegt die Trennung zwischen Bewußtheit und Bewußtsein. Der Betreffende nimmt seinen sexuellen Drang, seinen Partner und sexuelle Techniken wahr, so daß man von Bewußtheit sprechen kann, und doch ist er sich der zugrunde liegenden Motivationen völlig unbewußt, so daß man nicht von Bewußtsein sprechen kann. Er ist unbewußt, weil bestimmte Areale des Gehirns blockiert sind und keinen adäquaten freien Zugang zu anderen Arealen haben.

Es scheint eine allgemeine Übereinstimmung darüber zu bestehen, daß der Unterschied zwischen verschiedenen Formen epileptischer Anfälle nicht auf verschiedene Arten davon betroffener zerebraler Mechanismen zurückzuführen ist, sondern darauf, wie viele und welche Bereiche des Gehirns von der Entladung betroffen sind. Entsprechend der Abstufung des Reizes von schwach bis stark gibt es einen entsprechenden Grad der Unbewußtheit vom partiellen Petit mal bis zum allesumfassenden Grand mal.

2. Psychische Unbewußtheit

Neurologen haben Unbewußtheit in der Regel hinsichtlich der relativen Reaktionsunfähigkeit auf Reize unterschiedlicher Intensität betrachtet. Je unbewußter ein Mensch, um so weniger »angemessen« die Reize, und um so stärkerer Intensität bedarf es, ihn zu erregen. Das trifft für psychische Zustände nicht weniger zu. Denn unter Psychose – einem Zustand maximaler Unbewußtheit – kann ein Mensch ohne jeden Kontakt oder mit nur geringem Kontakt sein, so daß nichts und niemand zu ihm vorzudringen vermag. Das heißt, kein Stimulus vermag ihn so zu reizen, daß er ein Bewußtsein vom Hier und Jetzt erlangt.

Der psychischen Krankheit liegt eine fortschreitende Schmerzverdrängung in der Kindheit zugrunde, die zunehmende Unbewußtheit mit sich führt; wenn das, was verdrängt wird, dem Bewußtsein ferngehalten werden muß, folgt daraus, daß sich der Speicher der Unbewußtheit erweitert. Sofern wir nicht der Auffassung sind, daß jede gespeicherte Schmerzerinnerung in sich abgekapselt und ohne Verknüpfung zu anderen Neuronen fortbesteht, müssen wir davon ausgehen, daß diese unbewußten Schmerzen andere Bereiche des Gehirns innervieren. Wenn das Gehirn gesund ist, produzieren die Aktionspotentiale eine Spanne psychischer Unbewußtheit auf der Bandbreite eines Kontinuums von Neurose zur Psychose – wobei Neurose ein Zustand geringerer Unbewußtheit ist als Psychose, weil Neurose mit einem geringeren Schmerzensreservoir verbunden ist. Somit kann man psychische Krankheit im Hinblick auf das Ausmaß vorhandener Unbewußtheit betrachten; je unbewußter ein Mensch ist, um so gravierender das Krankheitsbild. Umgekehrt gilt, je tiefer und umfassender der Schmerz, um so größer die Unbewußtheit. Wenn mehr oder weniger die gesamte Realität ausgelöscht ist, weil der Betreffende von seinem Urschmerz überwältigt wird, sagen wir, er ist psychotisch. Er ist auf seine Art genau so unbewußt wie der Epileptiker. Der psychogene Epileptiker hat bestimmte physische Verletzlichkeiten, die bei Überlastung sofort ein Symptom produzieren. Der Psychotiker, ähnlichem Druck ausgesetzt, produziert vielleicht ausgefallene Vorstellungen und Ideen. Das legt die Vermutung nahe, daß die massive Entladung des Epileptikers durch die Freisetzung von Druck dazu beiträgt, Psychosen abzuwehren. Ist das nicht das gleiche, was eine Elektroschock-Therapie bewirkt? Sie versetzt den Körper in einen Schockzustand, in dem es nicht nur zu einer Freisetzung kommt, sondern zu einer Mobilmachung sämtlicher physischer Reserven des Körpers, um dem Streß entgegenzutreten.

Bezeichnend für beide, die psychotischen wie die epileptischen Reaktionen, ist, daß sie generalisierte Reaktionen sind. Der Schmerz, der seine spezifischen Wurzeln im Bewußtsein verloren hat, erzeugt generalisierte Ergebnisse, und das Maß der Generalisierung entspricht unmittelbar dem Grad der Schmerzen. Anstatt die Furcht vor dem Vater, als er ein kleines Geschwisterkind verprügelte, und das damit einhergehende Gefühl, »er kann mich umbringen, wenn ich nicht gehorche«, unmittelbar zu fühlen, kommt es zu einer verdrängten Angst vor Autoritäten. Bei einem hinreichend großen Schreckerlebnis kann sich diese Angst auf nahezu jeglichen Kontakt mit einem Erwachsenen übertragen. Dieser Generalisierungsprozeß ist der Markstein psychischer Krankheit, denn was gegenwärtige Reaktionen unangemessen macht, ist das gegenwärtige Generalisieren einer verdrängten Vergangenheit. Es gibt wirklich keinen Grund, in der Gegenwart soziale Kontakte mit anderen Erwachsenen zu fürchten, die Furcht ist vielmehr in der Vergangenheit begründet. Der Sinn einer heilenden Therapie müßte darin liegen, gegenwärtige Reaktionen auf vergangene Begebenheiten zu spezifizieren – das heißt, Bewußtheit mit der Unbewußtheit zu verbinden. Solange Bewußtsein den spezifischen Zeitpunkt eines Schmerzes und das damit verbundene Geschehen nicht kennt, muß es notgedrungen unverknüpft und unbewußt bleiben und eine Kraft ausüben, die das System auf diffuse Art und Weise mobilisiert und unangemessene Vorstellungen und körperliche Reaktionen erzeugt. Wir können Neurose als die generalisierte Reaktion auf nicht integrierten Urschmerz definieren.

Relativ wenig Angst kann bei einem Menschen dazu führen, daß er Angst nur vor Autoritäten hat. Relativ große Angst kann bei einem Menschen dazu führen, daß er vor nahezu jedem Menschen Angst hat. Ein relativ geringer Zorn auf die Mutter kann bei einem Menschen bewirken, daß er Frauen nicht mag. Ein hinreichend großes Maß verdrängten Zorns kann einen Menschen dazu bringen, Frauen wahllos umzubringen. Ein relativ geringer Schmerz kann einen Menschen zu der Einbildung führen, sein Freund möge ihn nicht. Stärkerer Schmerz kann in ihm das Gefühl erzeugen, ihn möge überhaupt niemand; und ein noch stärkerer Schmerz kann zu der Vorstellung führen, alle Menschen hätten es auf ihn abgesehen. In diesem Falle werden alle Menschen zum Symbol des Schmerzes des Betreffenden.

Damit will ich nichts anderes sagen, als daß psychische Krankheit im Hinblick auf das jeweils vorhandene Maß an Unbewußtheit und Generalisierung gesehen werden kann. Unbewußtheit steht zu Schmerz in unmittelbarer Beziehung, wobei Schmerz sowohl die körperliche Komponente (zum Beispiel Schmerz aufgrund einer Operation) als auch die psychische Komponente (zum Beispiel Schmerz aufgrund von Demütigung) beinhaltet.

Meine Hypothese lautet: Das Maß der Unbewußtheit ist ein Ergebnis der »Verschleusung« oder Blockierung, die im Gehirn auf horizontaler wie auf vertikaler Ebene stattfindet. Bildhaft gesprochen schließt eine Schmerzüberlastung die Schleusen und lenkt die Energie um – von »Mutter« zu »Frauen«. Es erfordert Energie und Aktivierung, um die Schleuse gegenüber Gefühlen geschlossen zu halten; wenn wir von Schmerz und Verdrängung reden, sprechen wir mithin von einem stärker aktivierten Gehirn. Ein offensichtliches Ergebnis dessen ist Schlaflosigkeit – die Unfähigkeit, die Aktivierung abzuschalten, die den Verstand rotieren läßt. Der Grad psychischer Krankheit ließe sich durch eine Untersuchung der Aktivierung des Gehirns feststellen, und zwar sowohl im Hinblick auf die Frequenz als auch im Hinblick auf die Amplitude der Gehirnströme.

Wir gehen davon aus, daß ein gesunder Mensch fließenden Zugang zu allen Bereichen seines Gehirns und seines Körpers hat, so daß das Gesamtsystem weniger arbeitet und spezifisch sein kann und die jeweils zugrunde liegenden Gefühle jederzeit kennt. Die Fähigkeit, spezifisch zu sein, setzt dem Generalisierungsprozeß ein Ende. »Fließender Zugang« ist ein etwas vager Begriff, aber ich verwende ihn, um damit auszudrücken, daß es keine konstanten Blockierungsmechanismen gibt, die den normalen Verknüpfungen permanent entgegenarbeiten. Das bedeutet, daß neurale Aktivität in den niederen Gehirnzentren, die Gefühle erzeugen helfen, durch Zwischenstrukturen Zugang zu jenen höheren Zentren haben kann, die Gefühle in der Bewußtheit wiedergeben. Wenn das geschieht, verschmelzen Bewußtheit und Bewußtsein und sind nicht voneinander zu unterscheiden. »Fließender Zugang« bedeutet auch adäquate horizontale Integration der beiden Gehirnhemisphären.

Die Unterteilung der Unbewußtheit in körperliche und seelische Komponenten ist im wesentlichen eine akademische Trennung; wir müssen uns darüber im klaren sein, daß wir auch dann noch über sich im Gehirn abspielende physiologische Prozesse sprechen, wenn wir von psychischen Vorgängen reden. Psychische Unbewußtheit besagt einfach, daß der Reiz, der diesen Zustand herbeigeführt hat, eher sozialer als körperlicher Art war (wie es beispielsweise ein Schlag auf den Kopf wäre). Psychische Unbewußtheit besagt, daß bestimmte Gehirnareale von einer Funktionsstörung betroffen sind, jedoch unter den richtigen Gegebenheiten durchaus angemessen funktionieren könnten. Wie wir später noch sehen werden, glaube ich, daß die notwendige und hinreichende Bedingung für ein Wiedererlangen des Bewußtseins eine Behandlungsmethode ist, bei der hemmende Prozesse, die den fließenden Zugang zu bestimmten Gehirnstrukturen verhindern, geändert werden. Ein Beispiel dafür, wie psychische Prozesse Gehirnstrukturen tatsächlich verändern, findet sich in Untersuchungen an Ratten, bei denen eine Gruppe junger Ratten in einem reizarmen Milieu aufwuchsen, und eine andere Gruppe in einem an Reizen reichen Milieu. Die Ratten der zweiten Gruppe hatten einen gewichtsmäßig schwereren Kortex entwickelt.

Eine wichtige Frage zum Thema Unbewußtheit ist, ob frühe Traumata jemals bewußt waren, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick; das heißt, liefen die Verletzungen unserer Kindheit völlig unbewußt ab oder nicht?

Für die Beantwortung dieser Frage betrachten wir zunächst einige diesbezüglich relevante Forschungsergebnisse. In Versuchen zu unterschwelliger Wahrnehmung, bei denen die Intensität des Reizes unterhalb der bewußten Wahrnehmungsschwelle lag, wurden vor Versuchspersonen blitzartig Worte auf eine Leinwand projiziert. Eine Versuchsperson antwortete auf einen Wortblitz mit der Assoziation SCHIFF. Der Reiz war das Wort »Valparaiso«. Eine Woche später wurde ihm das Wort »Valparaiso« vorgelegt, das er vorher nicht bewußt gesehen hatte, und als bestpassende Assoziation wählte er das Wort SCHIFF. Seine Wahl fiel auf das Wort SCHIFF, weil Valparaiso für ihn mit dem Namen eines Überseeschiffes verbunden war. N. Dixon äußert sich zu diesem Phänomen folgendermaßen: »Daß unterschwellige Reize semantisch verwandte Reaktionen hervorrufen können, ist von großem theoretischem Interesse. Erstens wiederlegt es die Auffassung, daß unterschwellige Wahrnehmung lediglich eine verwässerte Version normaler bewußter Wahrnehmung sei. Es spricht mithin dagegen, das Phänomen im Hinblick auf bewußt wahrgenommene Teile des Reizes zu erklären. In dem oben erwähnten Versuch zeigte die Versuchsperson Reaktionen, die strukturell in Beziehung zu dem Reiz standen, erst als die Reizenergie so weit gesteigert wurde, daß die Reizschwelle erreicht war. Das legt nahe, daß in einem frühen vorbewußten Stadium zerebraler Verarbeitung Reizzuströme tatsächlich Kontakt mit Gedächtnissystemen aufnehmen und dabei begriffliche Assoziationen zu dem angewandten Reiz aktivieren.«[7] (S. 525).

Für uns ist dabei von Belang, daß man anhand von Versuchen aufzeigen kann, daß unbewußte Erinnerungen, die aktiviert werden, begriffliche Vorstellungen auslösen können, und daß sich all das auf unbewußter Ebene abspielen kann.

Forschungsergebnisse weisen nach, daß man Reizzuströme »empfangen, klassifizieren und auf sie reagieren kann, ohne sich dessen je bewußt zu werden« (Dixon, S. 254). Elektroenzephalographische Aufzeichnungen von Operations-Patienten – im Wachzustand – mit freigelegtem Gehirn zeigten eindeutige EEG-Reaktionen auf unterschwellige Reize, die von dem Betreffenden »überhaupt nicht wahrgenommen« wurden (op. cit., S. 254). Dixon ist der Auffassung, daß das menschliche Gehirn komplexe Unterscheidungen machen kann, und zwar ohne Hilfe jener Strukturen, von denen Bewußtsein abhängt – das heißt unbewußt. Dixon erörtert Versuche mit anästhesierten Katzen und gelangt zu der Schlußfolgerung: »Die Existenz zweier nervaler Systeme, eines, das spezifische Informationen aufnimmt, und ein anderes, das die Fähigkeit für bewußtes Erleben dieser Informationen herstellt, erweitert die Möglichkeit für unterschwellige Erfahrung« (S. 255).

Dixon berichtet von einem äußerst bedeutsamen Experiment, bei dem Versuchspersonen einem EEG angeschlossen waren, während auf eine Leinwand für die bewußte oder die unterschwellige Wahrnehmungsebene entweder emotionale oder neutrale Wörter projiziert wurden. Das Experiment führte zu folgenden Ergebnissen:

Bewußtseinsschwellen waren für emotionale Wörter höher. Was man sieht, hängt, kurz gesagt, jeweils vom eigenen Zustand der Unbewußtheit ab.

Änderungen am EEG traten vor jeglicher Wahrnehmung des Reizwortes auf. Das Gehirn reagiert sogar unterhalb der Ebene bewußter Wahrnehmung.

Die äußerste Schwelle war abhängig von dem vorangegangenen Stand kortikaler Aktivierung. Die Qualität der Wahrnehmung hängt von der kontinuierlichen Aktivität des Gehirns ab.

Sowohl Herzschlag als auch Theta-Rhythmus des EEG deuteten auf eine emotionale, unbewußte Reaktion auf kritische Wörter, noch ehe sie bewußt wahrgenommen wurden. All das besagt nichts anderes, als daß es eine unbewußte Ebene der Aktivität gibt, die sich auf unsere Vorstellungen, unsere Wahrnehmungen und mithin auf unsere körperlichen Aktivitäten auswirkt.

C. Unser duales Bewußtsein

Es gibt Beweise, daß wir tatsächlich zwei innere Welten haben – zwei Bewußtseinsströme und nicht einen, wie William James annahm. Diese getrennten Ströme betreffen die beiden Hemisphären des Gehirns. Die dominierende oder übergeordnete Seite (bei Rechtshändern die linke Seite) befaßt sich mit intellektuellen und begrifflichen Abläufen, während die untergeordnete Seite mehr mit dem Bewußtsein von Gefühlen beschäftigt ist. Offenbar hat jede der Hemisphären Erinnerungen eigener Art, und vielleicht hängt es vom Inhalt einer Erinnerung ab, auf welcher Seite sie gespeichert wird. Daten und Orte werden auf der dominierenden Seite gespeichert, wohingegen Feeling und Schmerz auf der untergeordneten Seite gespeichert werden. Ein gutes intellektuelles Gedächtnis muß keineswegs mit einem guten emotionalen Gedächtnis einhergehen.

Die untergeordnete Seite kann sich nicht-verbal ausdrücken, während die dominierende Seite diesen Ausdruck intellektualisieren und möglicherweise unterdrücken kann.

Versuche von R.W. Sperry mit Menschen, bei denen die Verbindung zwischen den Hemisphären durch einen operativen Eingriff (durch eine sogenannte Kommissurotomie) durchgetrennt wurde, haben nachgewiesen, daß ohne die Tätigkeit der dominierenden Hemisphäre emotionale Ausbrüche weniger Hemmungen unterlagen. Die untergeordnete Seite kann zwar nicht sprechen, aber sie kann singen und fluchen, und das sind Funktionen des Feelings. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren bei der Behandlung stotternder Kinder (psychogenes Stottern) herausfand, daß sie nie stotterten, wenn sie sangen, sondern nur, wenn sie sprachen. Ich glaube, wenn diese Kinder von Feeling getragene Menschen mit nur geringer unterbrechender Einmischung seitens der dominierenden Hemisphäre gewesen wären, dann hätten sie nicht gestottert. Stottern war meiner Auffassung nach das symptomatische Ergebnis widerstreitender Impulse, die zwei Bewußtseinsströmen entsprangen, die nicht miteinander zu vereinbaren waren. Ich habe beobachtet, wie Politiker stammelten und stotterten, sobald sie aus dem Stegreif sprachen. Vielleicht hätten sie sehr viel flüssiger reden können, wenn sie nicht so damit beschäftigt gewesen wären, die Wahrheit zu unterdrücken.

Die untergeordnete Seite verarbeitet Musik, ein Feeling auslösender Reiz. Es ist nicht erstaunlich, daß meine Patienten nicht stotterten, wenn sie sangen, denn das Sprechen wird von der dominierenden Seite besorgt, während die untergeordnete Seite die Melodie hält.

Die untergeordnete Seite arbeitet mehr rational als analytisch. Sie ist in ihren Funktionen eher global und in ihren Wahrnehmungen weniger spezifisch. Sie ist geeigneter, eine Vielzahl von Reizzuströmen (inputs) allgemein zu verarbeiten. Das kann bedeuten, daß diese Seite zu größerer Einsicht fähig ist, weil sie die Verbindungen zwischen den Dingen sieht, und weil sie koordinieren und integrieren kann, im Gegensatz zu der Fähigkeit, zu sezieren und zu analysieren. Die untergeordnete Seite scheint Feeling zu bevorzugen, weil es die empirische Seite ist, die in nicht-linearer simultaner Weise arbeitet, und Feeling ist letztlich nichts anderes als eben das. Die untergeordnete Hemisphäre ist so gesehen zeitlos, sie verfolgt nicht den Ablauf der Zeit.[8] Freud sah das voraus, als er das Unbewußte als zeitlos beschrieb. In seiner Traumdeutung (Kapitel VII, D., »Die Funktion des Traumes«) schreibt er: »Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, sooft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen … Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische.«[9] Auch ich sehe es als zeitlos, allerdings auf andere Weise, denn Schmerz ist auf einer unbewußten Ebene grenzenlos und kontinuierlich, einerlei was die höheren Fähigkeiten machen. Er verbleibt unverändert (und ist in diesem Sinne zeitlos), ungeachtet dessen, was mit dem Organismus geschieht. Interessant ist, daß bei LSD-Erlebnissen wie bei Primals (beides gefühlsbezogene Ereignisse) die gleiche Art zeitlosen Feelings vorliegt. Einer der Gründe dafür ist, daß ein Mensch, der gerade ein altes Kindheits-Feeling wiedererlebt, sich nicht in der »Jetzt-Zeit« befindet, sondern in der Vergangenheit. Ein Feeling ist nichts, was wir durch die Uhr kennzeichnen; es ist ein allesumfassender Zustand des Gesamtorganismus.

Man muß sich fragen, ob die bessere Integration, die meiner Ansicht nach in der Primärtherapie eintritt, nicht eine verbesserte körperliche Koordination zur Folge hat. Ein Tennisspieler (Berufssportler) zum Beispiel stellte fest, daß er nach der Therapie mit Leichtigkeit Spiele gewinnen konnte, an die er sich früher kaum herangewagt hätte. Er sagte, er fühle sich körperlich besser koordiniert (und viele unserer Patienten berichten ähnliches) und könne seither instinktiv reagieren, und müsse vor einem Schlag nicht mehr lange überlegen. Er konnte auch besser tanzen, was für mich besagt, daß sein Körper als Einheit oder Gesamtheit auf gefühlsauslösende Reize reagieren konnte.

Die dominierende Seite ist nicht nur für unsere mathematischen Kalkulationen zuständig, sie liefert auch die Sprachsymbole für unsere Träume. Ferner liefert sie die Begründungen oder Grundprinzipien (wiederum Sprache) für unsere neurotischen Handlungen. Visuelle Bildhaftigkeit scheint der untergeordneten Seite anzugehören (der Terminus »Seite« bezieht sich immer auf das Gehirn).

Unsere neurotischen Handlungen erscheinen uns als rational, weil die dominierende Seite sie dazu macht. Das ist bei Neurose ihre Funktion. Bei einer Untersuchung über Hirnspaltung (ein Großteil dieser Arbeiten sind von R.W. Sperry und J.E. Bogen) zum Beispiel sprach eine männliche Versuchsperson laut von irgendeiner belanglosen Angelegenheit, während seiner visuell isolierten untergeordneten Seite die Fotografie einer nackten Frau dargeboten wurde. Er fuhr fort zu reden, allerdings mit mehrfachen Unterbrechungen, während derer er kicherte und errötete. Auf die Frage, warum er kichere, antwortete er: »Oh, diese Maschine, die Sie da haben!« Er hatte offensichtlich Gefühle, aber die dominierende Seite mißinterpretierte sie, weil kein fließender Zugang mehr bestand. Durch Hypnose – in meinen Augen eine aufgepfropfte Neurose – können wir das gleiche Phänomen erzeugen. Wir können einer Versuchsperson eine posthypnotische Suggestion verabreichen, daß eine bestimmte Frau nackt auftreten wird, daß er aber so tun müsse, als bemerke er das nicht. Später wird er dann auf das entsprechende Signal hin kichern und erröten, wenn die Frau den Raum betritt, ohne daß er wüßte warum. Er wird sein Kichern auf die eine oder andere Art rationaliseren. Vielleicht hat der Hypnotiseur an der Versuchsperson eine nicht operative Kommissurotomie vorgenommen, so daß die eine Seite des Gehirns nicht weiß, was die andere tut (wir werden auf Hypnose später noch ausführlicher eingehen). Dieser Effekt zeigt sich auch bei Neurotikern, wenn ein Mensch entsprechend einem Feeling agiert, beispielsweise indem er sich in der Öffentlichkeit exhibiert, ohne im geringsten zu wissen, was ihn dazu veranlaßt, oder wenn er in bestimmten Streßsituationen regelmäßig »Spalt«-Kopfschmerzen bekommt.

Der Umstand, daß sich die untergeordnete Seite mit Bildern befaßt und die übergeordnete mit Sprache, kann uns unter Umständen helfen, die verschiedenen Formen der Psychose zu verstehen. Vielleicht leiden Menschen mit Halluzinationen unter frühen psychischen Schlüsseltraumata – beispielsweise Ereignisse, die mit der Geburt im Zusammenhang stehen –, während Menschen, die Wahnvorstellungen entwickeln, auf irgendeine Weise psychisch überlastet waren – zum Beispiel ständig gedemütigt oder lächerlich gemacht wurden. Das ist zugegebenermaßen äußerst spekulativ. Aber es hat den Anschein, wenn körperlich traumatische Ereignisse ins Bewußtsein aufzusteigen beginnen – beispielsweise ausgelöst durch LSD –, daß es dann eher zu einem (wenn auch symbolischen) Bild des Ereignisses kommt als zu einer gedanklichen Vorstellung davon. In jedem Fall jedoch würde das Symbol aufgrund der Überlastung unzutreffend sein. Als Beispiel dafür werde ich später einen Patienten anführen, der fliegende Untertassen sah, als Symbol dafür, daß er bei der Geburt von grellem Neonlicht geblendet wurde.

Wenn meine Annahme stimmt, daß Halluzinationen frühere Traumata widerspiegeln als dies Wahnideen tun, dann können wir davon ausgehen, daß Halluzinationen Anzeichen einer tieferen Psychose sind, weil die Überlastung und die Blockierung in einem früheren, präverbalen Zustand stattfand, in dem der Organismus generell schwächer und gegenüber Streß verletzlicher war. Ein unter Wahnvorstellungen stehender Mensch benutzt Ideenbildung als Abwehr. Seine Äußerungen erscheinen absonderlicher als die eines Neurotikers, weil sie vom realen Feeling weiter entfernt sind. Es gibt einige, wenn auch nicht überprüfte Anhaltspunkte dafür, daß eine Kommissurotomie Symbolbildung in Träumen entweder reduziert oder gar eleminiert. Vielleicht träumt ein solcher Mensch auch, nur daß er nicht darüber sprechen kann. Wichtig dabei ist, daß Träume weitgehend eine Sache von Bildern (eine Funktion der rechten Hemisphäre) sind, ohne daß viel in ihnen geredet würde, und daß Bilder unmittelbare Sprößlinge von Gefühlen sein können, die auf die gleiche Seite des Gehirns ausgerichtet sind. Für einen Menschen, der Ideenbildung als Abwehr benutzt, werden Worte zu eigenständigen, unverknüpften Symbolen. Sie haben ihre eigene Realität, so daß beispielsweise »Charlestown« für einen solchen Menschen »Chaos« bedeuten kann. Er würde dann auf das Symbol reagieren und diese Stadt deswegen meiden – ein recht absonderliches Verhalten. Auf weniger absonderlicher Ebene finden wir den Intellektuellen, der Worte losgelöst von Gefühlen benutzt, der sich über Definitionen den Kopf zerbricht und Kommunikation und Begegnungen zu einer Sache von Worten und Redewendungen macht.

Sperry stellte fest, daß die untergeordnete Seite diejenige ist, die den Menschen veranlaßt, Mißfallen zu zeigen und zurückzuschrecken. Wenn eine Versuchsperson einen dummen Fehler gemacht hat, ist es die untergeordnete Seite, die ihn Ärger oder Unwillen zeigen läßt. Sperry ist der Auffassung, daß Einsicht nicht eine Funktion der dominierenden Seite ist, wie wir vermuten könnten, sondern von der untergeordneten Seite herzuleiten ist. Ich vermute, daß Einsicht das unmittelbare Bewußtsein von Feeling ist und seinem fühlenden Gegenpart auf derselben Gehirnseite zugeordnet werden kann. Pseudoeinsicht, die in einigen konventionellen Therapien erworbene Einsicht, wäre demnach ein unverknüpftes Phänomen der dominierenden Seite (mangelnde vertikale Verknüpfung sei im Augenblick noch unberücksichtigt), das die fühlende Seite weder beeinflußt noch verändert. Pseudoeinsicht ist meiner Auffassung nach eine neurotische Symbolisierung von Gefühlen, die sich bildet, wenn zu diesen Gefühlen kein unmittelbarer integrierter Zugang vorhanden ist.

Auch wenn die linke Hemisphäre allgemeines Verhalten von beiden Hemisphären zu beherrschen und zu koordinieren scheint, so ist es doch die untergeordnete Seite, die die Dinge in einer breiteren Perspektive sieht. Sie sieht den Kontext und betrachtet die Teile eines Ereignisses in ihrer Gesamtheit, in ihrer Gesamtgestalt. Die rechte Seite nimmt die von der linken Seite wahrgenommenen Fakten und kann aus ihnen die angemessenen Schlußfolgerungen (Verknüpfungen) herstellen. Sie macht Fakten »sinnvoll«. Wenn wir sagen, die einzige Art, ein Urerlebnis wirklich zu verstehen, bestehe darin, daß man eines erlebt, dann meinen wir, daß derlei Ereignisse nur mit Hilfe der rechten Hirnhälfte validiert werden können, eine Validierung, die auch durch das umfassendste »Wissen« nicht erzielt werden könnte. Bei einem Patienten mit Hirnspaltung, und wichtiger noch, bei dem Neurotiker scheint das »Linkshirn« die Gefühle der anderen Seite nicht wahrzunehmen oder zu registrieren. Wenn volle Bewußtheit vorhanden ist, spreche ich von »Bewußtsein«. Einem hirngespaltenen Menschen fehlt meines Erachtens gerade dieses Bewußtsein. Er kann durchaus weinen und beispielsweise den Schmerz fühlen, den ein Nadelstich verursacht, eine ganz andere Frage ist jedoch, ob er »fühlen« und »verknüpfen« kann. Weinen ist kurz gesagt nicht gleichbedeutend mit Feeling. Wir haben großes Interesse zu erfahren, und wir beabsichtigen, entsprechende Untersuchungen durchzuführen, ob ein hirngespaltener Patient fähig ist, Primals zu haben. Das heißt, ist er fähig, zutiefst zu weinen und die Verknüpfung zu dem Ursprung seiner Schmerzen herzustellen?

Gerade der Neurotiker weiß oft gar nicht, daß er verdrängt und entscheidende Verknüpfungen nicht herstellt. Meiner Ansicht nach bedeutet es für einen Neurotiker einen Schritt vorwärts, wenn er den eigenen Zustand der Verdrängung zumindest »wahrnimmt«.

An dieser Stelle wäre es durchaus angebracht, die Frage zu stellen, ob wir Beweise haben, daß die rechte Hemisphäre tatsächlich die fühlende ist. Die Antwort lautet nein, wir haben keine Beweise. Bislang ist es noch eine auf unzulängliches Beweismaterial gestützte Vermutung (daß zum Beispiel musikalische Erlebnisse, die der rechten Seite zuzuordnen sind, mehr fühlender Art sind als das Lösen mathematischer Probleme). Die Informationen, die wir gegenwärtig bei unseren neurophysiologischen Untersuchungen sammeln, können dazu beitragen, die Frage über die Beziehung von Gefühlen zur rechten Hemisphäre zu erhellen. Die Erinnerung an emotionale Szenen der Vergangenheit scheint diese Seite in Aktion zu versetzen.

Wichtig für das Verständnis unseres dualen Bewußtseins ist, daß es möglich ist, Gedanken zu haben, die nichts damit zu tun haben, was man im jeweiligen Augenblick gerade fühlt, und daß der Versuch, einen Menschen allein durch seine Gedanken und durch seinen intellektuellen Apparat zu erreichen und therapeutisch zu verändern, ein vergebliches Unterfangen ist, solange man die Notwendigkeit für Verknüpfungen nicht mit einbezieht. Das Linkshirn kann durchaus wissen, daß Rauchen Krebs erzeugt, und dennoch greift der Raucher zur Zigarette. Er verfügt über Bewußtheit, nicht aber über Bewußtsein.

D. Implikationen der Hirnspaltung

Das Wort »Dominanz« spiegelt die Tatsache wider, daß Sprache, als ein Produkt der dominierenden Hemisphäre, die Basis für begriffliches Denken ist – ein ausschließlich dem Homo sapiens eigenes Charakteristikum. Möglicherweise ist der neurotische Intellektuelle jemand, der seine Gefühle sorgfältig symbolisiert hat, so daß die dominierende Seite das Übergewicht hat, während bei einem normal integrierten Menschen ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den beiden Hemisphären bestünde.

Norman Geschwind hat festgestellt, daß die dominierende Seite im Schnitt fünf bis zehn Prozent schwerer ist als die untergeordnete Seite; es wäre zu überlegen, ob dieses Mehrgewicht nicht eine Folge der übermäßigen Aktivierung ist, mit der Neurotiker diese Seite belasten; demnach wäre dieses Mehrgewicht das anatomische Ergebnis einer Überwucherung sprachlicher Symbolisierung.

Sprache ist unser Symbolsystem. Ich bin der Überzeugung, daß die Symbole bei einem Neurotiker oft nicht mit den dazugehörigen fühlenden Wurzeln verknüpft sind und daß bewußte Aktivierung eine scheinbar unbegrenzte Expansion dieses symbolischen Prozesses hervorrufen kann, die beispielsweise zu einer langen, weitschweifigen philosophischen Diskussion über Belanglosigkeiten führen kann. So wird Sprache zum Symbolsystem für die Spaltung. Doch die Spaltung kann fraglos noch vor der Sprachentwicklung eintreten. Sie würde dann körperlich erlebt werden; zum Beispiel als eine Übersekretion von Salzsäure durch den Magen – Körpersprache. Es bedarf nicht der Sprache, um neurotisch zu werden, aber Neurotiker benutzen Sprache oft als Teil ihres Abwehrsystems.

Geschwinds Befunde stehen im Einklang mit der Beobachtung, daß Gehirnentwicklung auf Reizzufuhr und die durch diese Reizzufuhr bewirkte Aktivierung anspricht. Das heißt nichts anderes, als daß Reizung Wachstum erzeugt, und daß ungleiches Wachstum der Hemisphären des Gehirns auf Unterschiede in dem Ausmaß neuraler Aktivität der beiden Seiten zurückzuführen sein könnte – auch das ist wieder nur eine Vermutung. Es stellt sich dann allerdings die Frage, ob zerebrale einseitige Dominanz beim Menschen aufgrund menschlicher Neurose auftrat, oder war es Neurose, die in der Phylogenese des Menschen eine einseitige Dominanz erzeugte? Es hat den Anschein, als spiele die Spaltung in rechts-links ausschließlich beim Menschen eine wesentliche Rolle. Affen zum Beispiel zeigen kaum Präferenzen für den Gebrauch der einen oder der anderen Hand, sie benutzen beide Seiten mit der gleichen Geschicklichkeit.

Ich halte es für möglich, daß wir Menschen eine evolutionäre Entwicklung in Richtung der nicht fühlenden Seite des Gehirns durchmachen; das liefe parallel mit unserem zunehmenden Mangel an gegenseitiger Humanität. In einer Art Wechselbildung unterstützt unsere Inhumanität vielleicht diese bilaterale Spezialisierung des Gehirns, und umgekehrt intensiviert diese physische Aufspaltung unsere Inhumanität. Sie ermöglicht es uns, uns in unserem Verhalten gegen andere zu richten, ohne daß wir dabei ein von Feeling getragenes Bewußtsein von dem haben, was wir tun.

Wir stellen bei unseren gegenwärtigen wissenschaftlichen Untersuchungen fest, daß sich bei Postprimärpatienten ein Trend abzeichnet, der sich in Richtung eines mehr ausgeglichenen Gehirns entwickelt, fort von einseitiger Dominanz. Diese tatsächlich in den Gehirnen von Postprimärpatienten auftretenden strukturell-funktionellen Veränderungen unterstützen die Vermutung, daß der Weg der Zivilisation zu der Spezialisierung der Hemisphären beigetragen hat, die dann ihrerseits wieder unzivilisierte Menschen zur Folge hat. Wir glauben, daß die Primärtherapie dazu beitragen kann, diesen destruktiven evolutionären Prozeß umzukehren. Untersuchungen eines Wissenschaftlers vom Brain Research Institute an der University of California (UCLA) weisen in den EEG-Aufzeichnungen unserer Patienten eine Verlagerung in Richtung der fühlenden Seite nach; das heißt, es liegen Beweise für die größere verarbeitende Aktivität des Rechtshirns vor. EEG-Messungen, die in Abständen von drei Wochen, drei Monaten und sechs Monaten vorgenommen wurden, liefern Beweise für eine zunehmende Verlagerung zur fühlenden Seite des Gehirns innerhalb dieser Zeitabschnitte. Aus seinen Untersuchungen geht hervor, daß Patienten, jeweils während sie gefühlsgeladene Szenen erinnern, nach ihrer Vergangenheit befragt, mit fortschreitender Therapie ihre Augenbewegungen von der dominierenden Seite zur untergeordneten Seite verlagern. Bei Versuchen, in denen Patienten an ihren Fingern abzählen mußten, gab es einige Fälle, bei denen anfangs von links nach rechts und später dann von rechts nach links gezählt wurde.

Es ist interessant, daß die alten Handschriften des Nahen Orients von rechts nach links führten (Anzeichen von Linkshändigkeit) und daß die alte chinesische Schrift von oben nach unten ging, also keine Präferenz für eine der beiden Seiten ausdrückte. Neugeborene zeigen noch keine Dominanz der einen oder anderen Seite. Sie stellt sich erst mit der weiteren Entwicklung ein. Es ist, als wiederhole unsere erste Lebensphase eine weit zurückliegende phylogenetische Vergangenheit, in der es eine solche einseitige Dominanz möglicherweise nicht gegeben hat. Das könnte heißen, daß einseitige Dominanz eine Sache späterer Entwicklung ist.

Einseitige Dominanz, als Zeichen unseres dualen Bewußtseins, mag sich entwickelt haben, als der Mensch vom einfachen Nahrung sammelnden Wesen zu einem Wesen wurde, das töten mußte, um zu überleben – das andere töten mußte, die sein Überleben bedrohten. Der Mensch mußte sich dann, um leben zu können, in Horden organisieren. Er mußte einen Teil seiner selbst aufgeben, eigene Bedürfnisse zugunsten von Bedürfnissen seiner Gesellschaft leugnen. Um Tiere und andere Menschen zu töten, bedurfte es eines Blockierungsmechanismus, der derartige Handlungsweisen ermöglichte. Neurose genügte diesen Ansprüchen. Sie ermöglichte es, daß Töten ein annehmbarer Teil des Lebens wurde, und diejenigen, die dazu nicht in der Lage waren, waren am wenigsten überlebensfähig. So waren es die Neurotiker, die überlebten. Es ist kein Zufall, daß Dominanz (duales Bewußtsein) bei Raubtieren eher anzutreffen ist.[10]

Mit zunehmender Organisierung der Gesellschaft kam es zu einer Arbeitsteilung zwischen den Klassen. Auf der einen Seite gab es die Geistesarbeiter, auf der anderen die körperlich Arbeitenden. Und vielleicht entsprach unsere Spaltung des Bewußtseins in gewisser Weise diesem Prozeß, so daß sich eine Arbeitsteilung zwischen den Hemisphären entwickelte, in Denken einerseits und in Feeling andererseits. Mit dieser Entzweiung des Gehirns konnte man eine Sache denken und eine andere tun. Gefühle konnten in symbolische Form umgewandelt werden – wobei die weitere Ausarbeitung des rituellen und symbolischen Lebens dem Maß an Selbstverlust unmittelbar entsprach.

Der Mensch konnte nun für seine Symbole töten. Er konnte andere beseitigen, um seinen Göttern zu gefallen, oder aus religiösen Gründen Morde begehen. Er konnte andere töten, wenn der Staat (die Flagge) – eine Abstraktion –, nicht er selbst bedroht war. Das ist ein Schlüsselpunkt in der Beziehung zwischen Feeling und Bewußtsein. Kein Postprimärpatient käme auch nur auf den Gedanken, ein Tier zu töten, mag es auch noch so niederer Ordnung sein.

Als der Mensch dahin gelangt war, sich höherer Autorität zu beugen, wurde seine symbolisierende und verdrängende Hemisphäre aktiver (desgleichen sein frontaler Kortex). Er entwickelte alle möglichen Vorstellungen und Grundprinzipien, die mit seinem Feeling nicht mehr im Einklang standen. Seine Vorstellungen liefen seinem Körper gewissermaßen davon, so daß er sich auf Ideologien anstatt auf sich selbst beziehen konnte. Die verstärkte Entwicklung des symbolischen und falschen Bewußtseins begünstigten sein Überleben.

Ich vertrete folgende These: wo eine derartige Umbildung des Feelings früh im Leben stattfindet, noch während das Gehirn sich im Stadium der Entwicklung befindet, und wo anhaltende Verdrängung für das Überleben wichtig ist, da werden Struktur und Funktionen des Gehirns verändert, sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch. Es hat den Anschein, als erlebten wir für einige wenige kurze Augenblicke unseres Lebens auf dieser Erde eine normale ontogenetische Periode, und als paßte sich unser Gehirn dann an die Möglichkeit der Neurose an. Neurose ist zu einem überlieferten Erbe geworden, das der Spezies überleben hilft.

Wenn ich von »fließendem Zugang« spreche, dann habe ich genau diese Art der Beziehungen zwischen linker und rechter Hemisphäre im Sinn. Man kann Neurose, so gesehen, gewissermaßen als funktionale Kommissurotomie betrachten, bei der die integrierenden Mechanismen des Corpus callosum (die verbindenden Fasern zwischen den beiden Hemisphären) beeinträchtigt sind. Das führt zu folgender Schlüsselhypothese: Eine Überlastung an Urschmerz unterbricht die normalerweise vereinigenden Funktionen innerhalb des Gehirns und erzeugt im wahrsten Sinne des Wortes eine gespaltene Persönlichkeit – einen Menschen mit einem nicht integrierten, dualen Bewußtsein, dessen Teile jeweils als eigenständiges, unabhängiges Ganzes handeln. Diese Spaltung vollzieht sich sowohl vertikal als auch horizontal (auf die vertikale Spaltung werde ich weiter unten ausführlicher eingehen).

Wichtig an der Spaltung ist, daß eine Seite unseres Gehirns etwas fühlen kann, während die andere Seite etwas völlig anderes denkt. Der gespaltene Mensch kann einen anderen anschreien, ohne zu wissen, warum er das macht, allerdings wird er seine Handlungsweisen rationalisieren und die Schuld jeweils anderen zuschieben.

Die neurale Überlastung wurde in der Arbeit von Laitinen[11] nachgewiesen. Laitinen führte bei Patienten, die unter permanenter Spannung standen, einer Sektion des Corpus callosum hochfrequente Reize zu. Die Spannung war auf der Stelle beseitigt. Die Überlastung rief offenbar eine temporäre Kommissurotomie hervor. Laitinen sagt: »Es ist anzunehmen, daß die interhemisphärischen transkallösen Bahnen unter Spannung hyperaktiv sind« (S. 472).

Wenn die Bahnen aufgrund von Spannung bereits hyperaktiv sind, warum sollte dann eine noch stärkere Reizung die Spannung beseitigen? Noch einmal, ich glaube, daß Blockierungen infolge von Überlastung ein Schlüsselprozeß im menschlichen Gehirn sind. Interessant ist, daß die vordem unter Spannung stehenden Patienten nach der Reizung von einem Gefühl des Gelöstseins und des Wohlbefindens berichten. Dieses Gelöstsein ist zugegebenermaßen ein vorübergehender Zustand; es ist das gleiche subjektive Phänomen, das auch bei Meditation auftritt, nämlich daß sich ein Gefühl des Wohlbefindens einstellt, wenn Verdrängung in Aktion tritt. Die Versuchsperson jedoch kann nicht unterscheiden zwischen einem wahren Zustand des Gelöstseins und einem, der durch Überlastung hervorgerufen wird. Darum auch kann man so leicht durch die verschiedenen psychotherapeutischen Methoden irregeleitet werden, die behaupten, sie beseitigten Ängste und Spannungen – wie zum Beispiel die Verhaltenstherapie.

Sowohl A als auch B stellen entscheidende Faserbündelverbindungen zwischen der linken und der rechten Seite des Gehirns dar. Sie spielen vermutlich ausschlaggebende Rollen in der Entwicklung horizontaler neurotischer Spaltung. Wie aus der Abbildung ersichtlich, verbindet der Corpus callosum hauptsächlich frontale und parietale Teile des Gehirns, während die darunter gelegene Commissura anterior temporale limbische Strukturen im Bereich der Amygdala und des Hippocampus verbindet.Der Corpus callosum ist mehr als eine Anzahl Verbindungen oder Verknüpfungen herstellender Faserbündel. Er hat auch hemmende und verstärkende Funktionen. Die Spaltung im Bewußtsein tritt nicht nur zwischen höher und niedriger gelegenen Gehirnzentren auf, sondern auch zwischen den beiden Seiten des Gehirns. Der Corpus callosum umfaßt mehr als zwei Milliarden Nervenzellen und ist eine wichtige Struktur in der Integration des Bewußtseins. Blockierungen in diesem Bereich können zur Folge haben, daß die eine Seite nicht weiß, was die andere tut, und dazu beitragen, daß wir uns unserer Gefühle nicht bewußt sind.

Überlastung blockiert Schmerz. Offenbar ist Spannung ein Ergebnis der Überanstrengung zwischen getrennten Bewußtseinsbereichen, die nicht integriert sind. Oder umgekehrt ist Bewußtsein aufgrund von Schmerz aufgespalten. Ist diese Dualität einmal vorhanden, leidet ein Mensch unter unerklärlichen Symptomen und Träumen. Seine wahren Gefühle werden zu einem Anathema, und er kann sich selbst nicht mehr als Ganzes erfahren.

Mein Standpunkt ist, daß es zwei eigenständige geistige Sphären gibt, die in ein und demselben Körper angesiedelt sind; jede von ihnen hat ihre eigenen Wahrnehmungen und Erinnerungen und ihre eigenen Erlebnisse. Bei Neurose ist die Kluft zwischen den beiden so tief, daß dieses Bewußtsein des anderen jeweils nicht bewußt ist, und darin liegt der Grund für Bewußtheit ohne integriertes Primärbewußtsein. Ich glaube, daß der Zustand neurotischer Unbewußtheit unmittelbar auf gespeicherten Schmerz zurückzuführen ist. Bei einem psychisch gesunden Menschen ist fließender Zugang nicht nur von links nach rechts, sondern auch von höher zu niedriger gelegenen Bereichen des Gehirns vorhanden.