Anatomie der Neurose - Arthur Janov - E-Book

Anatomie der Neurose E-Book

Arthur Janov

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Beschreibung

Janovs erste deutsche Buchveröffentlichung ›Der Urschrei‹ wurde ein Bestseller. Die ›Anatomie der Neurose‹ knüpft an diesen Erfolg an. Sie ist eine wesentliche Ergänzung des ersten Buches und erläutert die theoretischen und wissenschaftlichen Grundlagen der Urschrei-Therapie. War ›Der Urschrei‹ Janovs Versuch, eine breite Öffentlichkeit an seiner sensationellen Entdeckung teilhaben zu lassen, so konnten erst Jahre später in der ›Anatomie der Neurose‹ die wissenschaftlichen Belege geliefert und die Primär-Therapie mit neuen Aspekten und Nachbehandlungsergebnissen gefestigt und ergänzt werden. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 398




Arthur Janov

Anatomie der Neurose

Die wissenschaftliche Grundlegung der Urschrei-Therapie

Aus dem Amerikanischen von K. H. Deserno

FISCHER Digital

Inhalt

Dieses Buch ist der [...]Ich bin Dr. med. Lee [...]EinführungDie PrimärtheorieI. Die Neurophysiologie von Neurose und Psychose1. Grundlagen der NeuroseUnerfüllte BedürfnisseDer KonfliktNeurose und die Vermeidung von SchmerzZusammenfassung2. Struktur der NeuroseDas retikuläre AktivierungssystemDer HypothalamusDas Limbische SystemBeispiele3. Das Wesen des SchmerzesErscheinungsformen des SchmerzesÜberlastungDie »Schleusen«-Theorie4. Grundlagen und Beschreibung des SpaltungsvorgangsHippocampus und Gedächtnisblockierung5. Die Permanenz des UrschmerzesRückkoppelungsschleifen6. Urerinnerung und Hirnstruktur: Über die permanente Aufzeichnung frühen ErlebensDas SchläfenhirnKurzzeit- und Langzeit-Primärgedächtnis7. Das Frontalhirn: Über das Wesen bewußten und unbewußten FühlensDie frontale HirnrindeDie Hirnrinde und ihre Abwehrfunktion8. Spaltung, Generalisierung und Psychose9. Über den Heilungsprozeß10. SchlußfolgerungenAnhangII. Schlaf, Träume und psychische StörungenIII. Das Urerlebnis der Geburt1. EinleitungRobertMary2. Über EpilepsieEinleitungSimon3. Muß Entbindung schmerzhaft sein?EinleitungEntbindung – muß sie schmerzhaft sein?Eine FalldarstellungNachtragÜber gegenwärtige Forschungsergebnisse zum GeburtstraumaIV. Unterschiede zwischen physischen und psychophysischen Behandlungsmethoden1. Einleitung2. Ein persönlicher Vergleich zwischen Primärtherapie und OrgontherapienRoger3. Meine Erfahrungen mit der OrgontherapieSallyV. Forschung1. Einleitung2. Nachuntersuchungen an primärtherapeutisch behandelten Patienten3. Neurophysiologische Messungen an primärtherapeutisch behandelten Patienten Von Richard Corriere und Werner KarleEinführung in die neurophysiologische ForschungAllgemeine Anmerkungen und Betrachtungen von Dr. JanovAnhang: Beispiele postprimärtherapeutischer InterviewsBibliographieAllgemeine BibliographieBibliographie zu Kapitel IBibliographie zu Kapitel IIIBibliographie zu Kapitel VNamen- und Sachregister

Dieses Buch ist der Linderung menschlichen Leidens gewidmet.

Ich bin Dr. med. Lee Woldenberg für seine Hilfe bei dem Abschnitt »Die Neurophysiologie seelischer Störung« zu Dank verpflichtet. Seine redaktionelle Unterstützung wie auch die Formulierung wichtiger Gedanken waren für das Zustandekommen dieser Diskussion unentbehrlich. Die Vorschläge von Professor Bernard Campbell in Cambridge verhalfen dem neurophysiologischen Abschnitt zu größerer Lesbarkeit. Schließlich möchte ich noch meiner Sekretärin Joanne Barnett danken, die dieses Buch im Planungszustand wortwörtlich zusammengestellt hat.

Einführung

Einige Jahre sind seit der Entdeckung der Urschrei- oder Primärtherapie[*] vergangen und fast ebenso viele, seit ich anfing, das Buch »Der Urschrei« zu schreiben. In diesen vergangenen Jahren hat sich in bezug auf die Theorie, die Patienten und die Wissenschaft der Primärtherapie selbst vieles ereignet. In dem vorliegenden Buch möchte ich diese Ereignisse ausführlich behandeln.

»Der Urschrei« rief unter Akademikern eine durchaus verständliche Skepsis hervor. Das Buch war keineswegs als wissenschaftliches Dokument gedacht; es war vielmehr der Versuch, eine breite Öffentlichkeit an dem teilhaben zu lassen, was ich für eine bemerkenswerte Entdeckung hielt; eine Entdeckung, die für viele Menschen das Ende ihres Leidens bedeuten würde. »Die Anatomie der Neurose« ist dazu bestimmt, neue Verständniszusammenhänge darzustellen, die sich seit dem »Urschrei« entwickelt haben. Dabei geht es darum:

den neurophysiologischen Hintergrund für die Primärtheorie zu erläutern;

die Primärtheorie in die Hauptgebiete dessen einzuordnen, was man vom Gehirn und seinen Funktionen weiß;

fortgeschrittene Aspekte der Theorie darzulegen;

über die Nachuntersuchung von Patienten zu berichten, die eine Primärtherapie hinter sich haben;

zu klären, woher Symptome kommen und wie sie sich entwikkeln, damit weitere Einsichten in das Gebiet der psychosomatischen Medizin gewonnen werden können;

Forschungsdaten über primärtherapeutische Patienten zu ergänzen, die genaue Messungen hinsichtlich der Ergebnisse der Behandlungen beinhalten.

Man mag sich fragen, warum ein Sozialwissenschaftler eine wissenschaftliche Theorie zuerst der Öffentlichkeit und erst dann den Wissenschaftlern vorstellt, da fast immer das umgekehrte Vorgehen Brauch ist. Es gibt neben meiner rein persönlichen Verdrehtheit einige folgerichtige Gründe für diese Entscheidung. Psychotherapie ist nicht lediglich eine Wissenschaft (wenn wir zugestehen, daß es jemals eine wissenschaftliche Psychotherapie gegeben hat); sie ist ein Berufsstand, der von einzelnen Menschen gebildet wird, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten. Und es ist unrealistisch, von jemandem, der einen großen Teil seines Lebens damit zugebracht hat, einen Beruf zu erlernen, plötzlich zu erwarten, seine Tätigkeit von einem Moment zum anderen aufzugeben, nur weil ein anderer eine erheblich abweichende Vorstellung von der Ausübung dieser Tätigkeit hat. Die Geschichte »organisierter« Berufe ist voll von Versuchen, das Neue, Unkonventionelle und Unorthodoxe zu unterdrücken. Ich habe meine Erkenntnisse den Menschen übergeben, und sie sind darauf eingegangen. Gerade die starke Erwiderung seitens leidender Menschen aus allen Teilen der Welt hat die skeptischen Fachleute bewogen, ihre Blickrichtung zu ändern, aufgeschlossener zu sein und die Möglichkeiten, die in dieser neuen Therapieform liegen, anzuerkennen.

Dennoch müssen Primärtherapie und Primärtheorie sich der wissenschaftlichen Überprüfung stellen; und ich wende mich mit diesem Buch an die Wissenschaftler wie auch an die gut informierten Laien. Die Primärtherapie hat sich auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung stark engagiert. Heute gibt es am primärtherapeutischen Institut in Los Angeles, wo die Forschungen an Patienten Tag und Nacht vorangetrieben werden, ein voll ausgerüstetes Forschungslaboratorium. Bei ausgewählten Patienten werden täglich Gehirnund Körpermeßwerte erhoben, Träume mit Monitoren aufgezeichnet und Hirnstrombilder während des Schlafes wie auch unmittelbar vor und nach einer therapeutischen Sitzung ermittelt. Einige Ergebnisse dieser Forschung werde ich später noch darstellen. Was wir bis jetzt herausgefunden haben, bestätigt unseren anfänglichen Optimismus hinsichtlich der Wirksamkeit unserer Techniken. Zweifellos ist es für mich faszinierend zu sehen, wie wir dauerhafte Veränderungen der Hirnströme erzielen – denn dies ist ja ein Hinweis dafür, daß das Wiedererleben einer Primärszene tatsächlich bedeutsame biologische Veränderungen bewirkt. Wenn nach einem Urerlebnis die Körpertemperatur abfällt, so finden wir darin wieder eine Bestätigung für die Gültigkeit der folgenden Auffassung, daß nämlich blockierter Schmerz eine anhaltende Spannung hervorruft, die jedoch dann erlischt, wenn er empfunden wird.

Es laufen sorgfältig kontrollierte Untersuchungen, die darauf hinweisen, daß weder die körperliche Aktivität, noch die Suggestion, noch die Beziehung zum Therapeuten solche biologischen Veränderungen hervorrufen, sondern die Erfahrung des Urerlebnisses selbst. Primärtheorie und Primärtherapie sind offene Systeme. Die heutige Primärtherapie unterscheidet sich von der des vergangenen Jahres erheblich, und ich weiß, daß sie, wiederum ein Jahr weiter, sich nochmals sehr wandeln wird. Patienten von früher würden die heutige Therapie fast nicht wiedererkennen, obgleich sich die Voraussetzungen und Hypothesen nur wenig verändert haben; sie wurden jedoch zu einer allgemeineren, umfassenderen Theorie ausgearbeitet und erweitert, aus der sich allgemeingültige Gesetze der menschlichen Entwicklung ableiten lassen.

Wir hatten die Gelegenheit, Patienten, die sich unserer Behandlung unterzogen, länger zu beobachten. Bei einigen sind seit der Therapie Jahre vergangen. Was sie über sich und die Behandlung sagen, ist als einleitende Untersuchung in diesem Buch zu finden. Kein einziger Patient, der durch eine Primärtherapie gegangen ist, würde jemals noch einmal eine andere Art der Behandlung in Betracht ziehen. Dies ist ein wichtiges subjektives Beweisstück für die Stärke und Wirksamkeit der Methode. Doch wir hatten auch Mißerfolge; und wir haben vor, sie so bald wie möglich zu untersuchen. Im großen und ganzen handelte es sich dabei um Personen, die vorzeitig die Behandlung abbrachen – für sie war der Schmerz zu groß, und sie zogen es vor, weiterhin mit der Neurose zu leben. Tatsächlich aber ist die Rate unserer Mißerfolge sehr gering. Auch bei unserem sogenannten Versagen sind bedeutsame biologische Veränderungen hinsichtlich der Frequenz des Herzschlags, des Blutdrucks und der Körperkerntemperatur zustande gekommen. Es bleibt jedoch Tatsache, daß einige Patienten die Behandlung zu früh abbrechen. Für manche ist es nicht leicht, über Monate hinweg Schmerz zu empfinden; allerdings kehren Patienten nicht selten nach einer Unterbrechung in die Behandlung zurück.

Wenn man von mir eine Erklärung forderte, warum dieses Buch nach dem »Urschrei« erschienen ist, würde ich antworten, daß ich vor dem Verstand der Menschen ihr Herz erreichen wollte. Und das bedeutet, daß ich den Menschen helfen wollte zu verstehen, daß Gefühle etwas gelten – etwas richtig zu fühlen ist so etwas wie recht haben. Ich wollte, daß die Menschen ihren Gefühlen und sich selber vertrauen und nicht in den Hirngespinsten von Theoretikern nach Bestätigung suchen. Unter den Tausenden von Menschen, die jeden

Monat Einlaß in unser Institut suchen, sind es nur die Akademiker, die zunächst einmal Fakten wissen wollen. Und ganz gleich wie viele Fakten wir vorbringen, sie wollen immer noch mehr wissen, da sie ja niemals genug wissen können, um zu ihren Gefühlen zu gelangen. Akademiker haben ein Recht darauf, mehr zu wissen – und dazu soll auch dieses Buch dienen –, aber wenn es ihnen nicht möglich ist zu fühlen, dann werden auch Tatsachen niemals ihre Ansicht und ihr klinisches Vorgehen ändern.

Teil dieses Problems war, daß die Psychologie als Geisteswissenschaft gilt; Psychologen verstehen sich gleichsam als Spezialisten für das Seelische, dabei sollten wir inzwischen wissen, daß die Seele nicht etwas ist, das man vom Leib abtrennen kann, um es zu zerlegen und zu analysieren, als wäre es eine getrennte Entität. Die Psychologie befaßt sich mit den Gefühlen – mit der ins einzelne gehenden Beziehung zwischen den seelischen Vorgängen einerseits und dem Gehirn und den körperlichen Abläufen andererseits wie auch mit der Beziehung zwischen den körperlichen Veränderungen und ihrem Einfluß auf das Seelische – die Psychologie befaßt sich, kürzer gesagt, mit dem ganzen Menschen. Wenn man fühlt, dann versteht man auch die Vorherrschaft der Gefühle in den psychologischen Schemata.

Der Leser wird wieder Fallgeschichten finden, die die theoretischen Überlegungen begleiten. Ich glaube an die Einheit von Theorie und Praxis. Wenn eine Theorie plausibel und geschlossen, aber von geringem Nutzen für Humanität ist, dann schätze ich ihren Wert sehr gering ein. Die Richtigkeit einer psychologischen Theorie liegt nicht nur in ihren statistischen Daten, sondern in ihrer Eignung, den Menschen zu helfen. Wenn die Primärtheorie des Schlafs und der Träume zutreffend ist, dann muß sie uns erläutern können, warum manche von uns einen schlechten Schlaf haben, warum wir Alpträume haben, und was es braucht, um sich eines erholsamen Schlafes erfreuen zu können. Gerade eine gute Nachtruhe würde vielen Millionen Menschen höchst willkommen sein.

Es ist meine Überzeugung, daß die Primärtherapie mit dem »Jungbrunnen«, nach dem wir immer gesucht haben, verglichen werden kann – als eine Möglichkeit, das Leben zu verlängern. Die wesentlich niedrigere Körpertemperatur, das sehr viel weniger aktive Gehirn und das Fehlen neurotischer Spannung mitsamt den Leiden, die sie verursacht, müssen unser Leben um Jahrzehnte vermehren.[*]

Je merklicher die dramatischen Veränderungen während der Primärtherapie sind, um so zufriedenstellender empfinden wir unsere Arbeit. Diejenigen, die diese Behandlung durchführen, meinen, daß es die faszinierendste Arbeit sei, die man sich vorstellen kann. Manchmal drohen uns der Schwarm von Anmeldungen und die Beanspruchungen durch unsere Patienten zu überwältigen. Wir wissen, daß wir nicht mehr als einem verschwindend geringen Bruchteil derer helfen können, die in Not sind, auch wenn wir bevorzugt Professionelle annehmen, um unseren eigenen Stab vergrößern zu können. Ein »organisiertes« gesellschaftliches Vorgehen ist vonnöten, getragen von staatlichen Stellen und von Professionellen entscheidend unterstützt. Diese Unterstützung kommt jetzt in Schwung: in einer Stadt der Vereinigten Staaten zum Beispiel stellt sich die gesamte Gemeinde zusammen mit dem Bürgermeister darauf ein, die Probleme von Verbrechen, Drogenabhängigkeit und anderen Neurosen mit einem gänzlich primärtherapeutischen Verfahren anzugehen.

Es wird angenommen, daß der Leser dieses Buches mit den Begriffen der Primärtheorie, so wie sie im »Urschrei« dargestellt wurden, vertraut ist. Dennoch habe ich für diejenigen, die ihre Kenntnisse von den Grundlagen der Primärtheorie auffrischen wollen, einen Grundriß der Theorie als Prolog aufgenommen. Was Sie in »Anatomie der Neurose« lesen werden, ist erst ein Anfang. Aber ich habe das Gefühl, es ist ein guter Beginn.

Die Primärtheorie

Antonin Artaud war ein französischer Schauspieler und Regisseur. Er wurde 1896 geboren und erreichte ein Alter von 52 Jahren; neun davon hat er in Irrenanstalten verbracht. Für ihn hatte das Theater eine revolutionäre Aufgabe; ein Stück sollte die Welt erneuern, nicht unterhalten. »Der Zuschauer sollte das Theater nicht gähnend oder lächelnd verlassen, er muß betroffen und verängstigt sein, wie jemand, der zugesehen hat, wie seiner Frau bei einer Operation das Herz geöffnet wird oder wie jemand, der Zeuge des Völkermordes in Biafra war. Artaud bestand darauf, man solle so ins Theater gehen, wie man zu einem Chirurgen gehen würde – feierlich und ernst, weil man weiß, daß man nicht unversehrt zurückkommen wird«.[1]

Er stellte sich ein Theater mit unbequemen Sitzen vor, die zusammenbrechen sollten, wenn der Zuschauer einschläft. Und er kündigte an, daß faulige Gerüche während der Vorstellung die Sitzreihen durchwehen sollten. »1933 fand eine der seltsamsten Vorlesungen statt, die es jemals an der Sorbonne gegeben hat; Artaud diskutierte ›Das Theater und die Pest‹. Er saß an einem Tisch, hinter ihm eine schwarze Tafel, die sein hageres Gesicht gleichsam einrahmte. Seine Mundwinkel waren vom Opium schwarz gefärbt, und wenn er sprach, flatterten seine langfingrigen Hände wie die Flügel eines Vogels, und das Haar fiel ihm in die kräftige Stirn. Das Theater müsse, so begann Artaud, gleich der Pest wie eine Epidemie um sich greifen. Die Pest rufe einen Ausnahmezustand hervor, in dem die soziale Ordnung aufgehoben sei und die Mitglieder einer Gesellschaft auf tiefe unbewußte Antriebe antworteten; der Geizhals werfe das Gold aus den Fenstern und der ehrwürdige Bourgeois werde von einem erotischen Fieber gepackt. Auch das Theater müsse eine Krise sein, die sich entweder durch Tod oder Heilung löse, es müsse die Menschen darauf stoßen, sich so zu sehen, wie sie sind. Es müsse die Masken herunterreißen, Lügen, Niederträchtigkeiten und Heucheleien bloßlegen und der Gesellschaft ihre eigenen dunklen Kräfte und ihre verborgene Macht offenbaren«.[2]

Gegenüber einer Zuhörerschaft von Intellektuellen an der Sorbonne verlor Artaud die Kontrolle über das, was er sagte, und wurde selber Opfer der Pest. »Er ließ den Faden, dem wir folgten, fallen und begann den Tod durch Pest vorzuspielen … Sein Gesicht war qualvoll verzerrt, und man konnte sehen, wie der Schweiß sein Haar anfeuchtete. Seine Augen weiteten sich, seine Muskeln verkrampften sich und seine Finger mühten sich verzweifelt, ihre Biegsamkeit zurückzugewinnen. Er ließ uns die ausgetrocknete und brennende Kehle spüren, die Schmerzen, das Fieber und das Feuer in den Gedärmen«.[3]

Die Zuhörerschaft lachte über die improvisierte Vorstellung, und viele gingen weg. Artaud berichtete Anaïs Nin: »Sie wollten eine objektive Vorlesung über ›Das Theater und die Pest‹ hören, ich wollte ihnen das Erlebnis selbst vermitteln, … so sollten sie geängstigt werden und zu sich kommen«.[4]

 

Wir alle werden mit bestimmten Grundbedürfnissen geboren – wir wollen gefüttert werden, wenn wir Hunger haben, wir brauchen Wärme, wir wollen Ruhe haben, angeregt und gehalten werden, und uns in Übereinstimmung mit unseren natürlichen Fähigkeiten entwickeln dürfen. Diese unabdingbaren Bedürfnisse nenne ich Urbedürfnisse. Sie stellen essentielle menschliche Forderungen dar. Wenn irgendeines dieser Bedürfnisse nicht erfüllt wird, wenn ein Kind nicht genügend aufgenommen wird oder nach einem Zeitplan gefüttert wird statt eben dann, wenn es hungrig ist, dann bedeutet dies, daß ein Urbedürfnis geleugnet und Schmerz hervorgerufen wird. Ich bezeichne den Schmerz, der durch die Versagung eines Urbedürfnisses entsteht, als Urschmerz. Urschmerzen entstehen auf vielerlei Weise, und zwar immer dann, wenn es dem Kind nicht erlaubt ist, so zu sein, wie es ist. Sie entstehen, wenn man ein Kind zu früh zum Laufen zwingt oder wenn man es zum Sprechen anspornt, bevor es dazu bereit ist. Oder später, wenn es die Fähigkeit sich zu artikulieren, entwickelt und man ihm nicht erlaubt, Gedanken und Gefühle auszusprechen. Diese unterdrückten Gefühle werden zu Bedürfnissen von ähnlicher Dringlichkeit wie die biologischen, bis sie gefühlt, ausgedrückt und aufgelöst werden.

Jedes frühe Bedürfnis, das unerfüllt bleibt, erzeugt eine im Körper zurückbleibende Spannung, die ihn antreibt, Befriedigung und letztlich, Ruhe oder Entspannung zu suchen. Wenn das Bedürfnis oder das Gefühl, ein Bedürfnis zu haben, nicht befriedigt oder aufgelöst werden kann – wenn das Kind zum Beispiel nicht schreien darf –, dann bleibt es als Spannung bestehen. Man kann sich über ungestillte Bedürfnisse ebenso wenig hinwegsetzen wie über die Schmerzen, die bei der Versagung von Bedürfnissen entstehen. Diese Schmerzen bleiben abgekapselt im Menschen bestehen und rufen Schichten von Spannung hervor (die dem entsprechen, wie der Schmerz erlebt wurde), die sich fortschreitend aufeinander lagern und sich auf die eine oder andere Weise Luft schaffen. Aber die Entladung von Spannung bedeutet nicht auch ihre Vernichtung – egal wie viel man trinkt oder wie oft man masturbiert, der Urschmerz wird sich dadurch nicht auflösen.

Frühe Urbedürfnisse werden nicht ununterbrochen empfunden, falls sie unbeachtet bleiben. Eher wird ein Punkt erreicht, an dem durch den Schmerz der chronischen Unbefriedigtheit gerade die Empfindung des Bedürfnisses oder Gefühls in dem jungen und zerbrechlichen Organismus stillgelegt wird. Wenn das Ausdrücken von Gefühlen Bestrafung oder Gleichgültigkeit nach sich zieht, dann wird diese Ausdrucksweise früher oder später unterdrückt werden. Jahre solcher Unterdrückung können einen Zustand erzeugen, in dem die Gefühle nicht mehr erkannt werden. Wenn sie sich trotzdem bemerkbar machen, dann werden sie so tief vergraben, daß sie durch keinen Akt von Willensanstrengung mehr empfunden werden können. Wir sehen also, daß der junge Organismus exzessiven Schmerz beseitigt, indem er automatisch alles, was unerträglich geworden ist und den Weiterbestand des Systems bedroht, aus dem Bereich bewußten Wahrnehmens heraus und weg vom unmittelbaren körperlichen Erleben schafft. Da der Schmerz sich in dem Maße steigert, wie es verboten wird, etwas zu untersuchen, zu sagen und zu tun, muß das Kind sich selber von seinen Bedürfnissen abspalten oder trennen. Dies bedeutet, daß es zu einer gespaltenen Persönlichkeit wird – gespalten in sein reales Selbst und die Fassade, die es vor seinen Eltern aufrechterhalten muß, indem es zum Beispiel freundlich und respektvoll ist. Der Spaltuṅgsvorgang entwickelt sich, falls nicht frühzeitig einige katastrophale Ereignisse stattfinden, langsam und macht das Kind zunehmend unzugänglich und irreal. Und eines Tages, wenn etwas geschieht, was an und für sich nicht notwendigerweise traumatisch ist, vollzieht sich eine Wandlung: aus einem Kind mit gewissen Hemmungen wird eines, das einen großen Teil seiner selbst wirkungsvoll ausgeschaltet hat. So ereignet sich der Sprung vom unterdrückten zum neurotischen Kind. In diesem Zustand hat sich das Gleichgewicht derart verlagert, daß das irreale Selbst vorherrscht und das Kind sein reales Selbst nicht mehr zurückholen und erleben kann.

Das Ereignis, das den Sprung in die Neurose hervorruft, ist gewöhnlich nur ein Schlußpunkt, eine Kulmination – der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Dies kann der Fall sein, wenn ein Kind zum hundertsten Mal mit einem Babysitter allein gelassen wird, oder wenn die Mutter wieder einmal sagt: »Wenn du das noch einmal sagst, werde ich dich fortschicken!« Ich nenne dieses kritische Ereignis die große Primärszene. Damit ereignet sich etwas, worin das Kind beginnt, eine Bedeutung für die ersten fünf oder sechs Jahre seines Lebens zu sehen; zu einer Zeit, in der es lernt, die vergangenen Erlebnisse zu verallgemeinern und einzuordnen. Es sieht in einem raschen, flüchtigen Augenblick, daß es nicht so sein kann, wie es ist, daß es nicht erwarten kann, von seinen Eltern geliebt zu werden. Abwehrlose Kinder stellen sich ohne weiteres der Wahrheit, aber wenn ihnen etwas zum Bewußtsein kommt, was für sie katastrophal ist, dann muß diese Erkenntnis zusammen mit einer klaren Wahrnehmung der Realität augenblicklich verleugnet werden. Das ist für gewöhnlich kein bewußter Vorgang; der Organismus reagiert vielmehr automatisch, um seine Unversehrtheit zu bewahren. So schlüpft das Kind in die Neurose, ohne im geringsten zu ahnen, was ihm widerfahren ist. Es wird so, wie es sein muß, damit es mit seinen Eltern überleben kann. Es wird aufhören, das zu sagen, was ihm in den Sinn kommt – und dies ohne bewußte Anstrengung. Hierin liegt der Unterschied zwischen einer Neurose und einem gewissen Unterdrücktsein. Ein junges Kind, das unterdrückt ist, weiß eigentlich, was es fühlt, was es sagt oder ob es ärgerlich ist – es hält diese Regungen mit einer Anstrengung zurück. Es gerät wegen der Prügel, die darauf folgen würde, nicht mehr aus der Fassung. Wenn sein Verhalten aber neurotisch wird, dann braucht es keine bewußte Anstrengung mehr, um sich zurückzuhalten. Gegenüber dem realen Selbst ist eine Sperre errichtet worden, die ihre Aufgabe anstrengungslos verrichtet.

Wenn Urbedürfnisse unbeachtet bleiben, werden sie schmerzlich erlebt. Und indem der Organismus den Schmerz beseitigt, läßt er auch das Bedürfnis verschwinden. Die Gefühle und Bedürfnisse werden dann im Erinnerungssystem gespeichert und senden ihre Impulse in den Körper, den sie damit in chronischer Spannung halten. Solche Schmerzen bleiben für ein Leben lang so ursprünglich, lebhaft und verletzend wie an jenem Tag, an dem sie entstanden. Spannung ist der innere Druck jener Schmerzen, die vom Bewußtsein abgetrennt sind. Wenn die Beziehung wiederhergestellt wird, dann werden Schmerz und Gefühl als das identifiziert, was sie sind und die Spannung verschwindet. Man kann den Schmerz und ihn als Spannung zu empfinden weder durch ein bestimmtes Verhalten, durch Meditation oder Yoga, noch durch Tabletten, Zigaretten oder Alkohol und nicht einmal durch Psychotherapie ungeschehen machen. Man kann die Schmerzen nur beseitigen, wenn man sie voll und ganz zu menschlichen Erfahrungen macht; das geschieht, wenn sie, einer nach dem anderen, wiedererlebt werden, bis sie sich lösen und das System verlassen. Vielleicht ist es genauer, wenn ich sage, daß diese Erfahrungen gelebt werden müssen und nicht wiedererlebt, da sie schon das erste Mal nicht völlig erlebt wurden; und das ist auch der Grund, weshalb sie bestehen bleiben. Diese Schmerzen auszuleben bedeutet, daß man sein Selbst mehr und mehr erlebt, bis man schließlich ganz einfach das wird, was man ist – ein vollständig erlebendes menschliches Wesen, das im Jetzt seines Lebens steht, anstatt sich daran zu versuchen, die Vergangenheit auf einer Unzahl von Wegen zu analysieren.

Solange ein Bedürfnis nicht mit dem dazugehörigen Schmerz gefühlt werden kann, ist der Organismus gezwungen, in irrealer und symbolischer Weise zu agieren. Das gleicht jemandem, der seinen Motor auf Lebenszeit angelassen hat; nichts, was er tut, kann diesen Motor abstellen. Wenn man beispielsweise als Kind nicht auf den Arm genommen und liebkost wurde, dann entsteht das Bedürfnis, in den Arm genommen zu werden. Dieses kann symbolisch in zwanghaftem Sex ausagiert werden. Und dieses Verhalten mag sehr wohl ohne jegliche genaue Erinnerung daran auftauchen, daß man eben früher im Leben nicht auf den Arm genommen wurde. Dieses Bedürfnis kann auf beliebige Weise in den ersten Lebensmonaten oder -jahren ausagiert werden; wenn wir das Bett einnässen, uns selbst beschmieren, am Daumen lutschen, unaufhörlich schreien oder uns andauernd auf den Boden werfen. Wenn man die Ergebnisse, das heißt die Symptome des Bedürfnisses behandelt, erreicht man nichts, außer daß man das Kind zwingt, neue Entlastungswege zu finden. Versucht ein Kind, ersatzweise Befriedigung zu finden, indem es sich mit Essen vollstopft (weil es reale Befriedigungen nicht gab), dann ist dieses Verhalten symbolisch. Das heißt, ein reales, obgleich unbewußtes Bedürfnis wird symbolisch befriedigt. So sieht ein nichtendender neurotischer Verhaltenszwang aus, denn es gibt hier lediglich symbolische Befriedigung; behandelt man das Überessen, so entgeht einem die verursachende Kraft, die dahintersteckt.

Es hilft dem Neurotiker nicht, wenn man seine Bedürfnisse »herausknobelt« oder seine Gefühle analysiert und erkennt. Bedürfnisse verschwinden nicht, weil sie verstanden werden. Sie verschwinden, wenn sie gefühlt werden; und sie können nur gefühlt werden, wenn der Betroffene sie gefahrlos erleben kann, das heißt, wenn er nicht länger von den Eltern lebensabhängig ist. Wovon ich jetzt rede, ist, daß Bedürfnisse nicht so etwas wie eine Enklave im Gehirn sind, deren man sich bewußt werden kann – das Unbewußte bewußt machend – und sie damit vertrieben hat. Bedürfnisse sind totale Zustände des biologischen Systems. Wenn wir als Kinder nicht auf den Arm genommen wurden, dann bezieht sich diese Entbehrung nicht bloß auf unsere Erinnerung; es ist eine Deprivation, die sich auf unser gesamtes Sein erstreckt. Und so – nämlich total – muß sie auch erlebt werden.

Die einzige Art von Wahrheit ist diejenige, die man erlebt; und die menschliche Wahrheit ist etwas Eigentümliches. Für jeden von uns gibt es eine einfache Reihe von Verletzungen, die für ihn spezifisch ist. Niemand braucht zu interpretieren, was diese Verletzungen für uns bedeuten, zumal eine Interpretation bloß die Realitätsversion eines anderen ist, die sich als falsch erweisen und mißverstanden werden kann. Den Schmerz zu fühlen ist die einzige Voraussetzung für die Beantwortung der Frage, warum jemand so oder so gehandelt hat. Daher besteht die Aufgabe der Therapie nicht im Interpretieren, sondern darin, daß man jemandem erleben hilft – daß man seine Geschichte mit seinem Verhalten verknüpft.

Was ist demnach eine Neurose? Eine Neurose ist die symbolische Darstellung des Urschmerzes. Sich gegen den Schmerz zu verteidigen ist, nach unserer Definition, symbolisches Handeln, denn den Schmerz zu fühlen, heißt real sein – seine eigenen Bedürfnisse zu fühlen und zu versuchen, sie auf realen Wegen zu befriedigen.

Ich meine, das Sichabschließen gegen Schmerz ist eine Reflexhandlung und die Neurose ein genetisches Erbe, welches das Überleben der menschlichen Art unterstützt. Ohne das Schutzmittel der Neurose würde ein Kind, das in eine katastrophale Wirklichkeit blickt (»So lange ich lebe, wird mich niemand lieb haben«), entweder verrückt werden oder unfähig zum Weiterleben.

Unglücklicherweise verschwindet eine Neurose nicht einfach, wenn ihr Nutzen vorüber ist. Unser Schmerz bleibt auch dann noch unbewußt, wenn wir dem Wissen, von unseren Eltern nicht geliebt worden zu sein, standhalten könnten. Die Neurose macht keine Unterschiede; sie ist wie ein Gast, der für immer bleibt, weitaus länger, als er willkommen ist. Der einzige Weg, auf dem wir sie dazu bringen können, uns zu verlassen, besteht darin, daß wir fühlen, was sich unter ihrem schützenden Schild befindet. Und wir müssen uns daran erinnern, daß sie sich langsam entwickelt, mittels tagtäglicher Beleidigungen, Angriffe, Demütigungen, Erniedrigungen, Unterdrückungen und Gleichgültigkeiten – eine Verletzung nach der anderen. Die Neurose wird in umgekehrter Reihenfolge wieder aufgehoben; die Verletzungen werden empfunden, indem man mit den erträglichsten beginnt und zu den unerträglichsten fortschreitet.

Zum Glück müssen wir nicht jede einzelne Verletzung noch einmal durchleben. Es gibt Schlüsselszenen, in denen diejenigen Gefühle vertreten sind, die in vielen ähnlichen Ereignissen enthalten sind. Diese Szenen sind uns als Primärszenen bekannt. Nehmen wir zum Beispiel die Erinnerung an eine der väterlichen Tiraden und das Gefühl von schrecklicher Angst vor seiner Gereiztheit. Wenn man diese Szene noch einmal erlebt, dann werden automatisch andere, ähnlich entsetzliche Ängste vor dem Vater heraufbeschworen. Das Wiedererleben dieser Primärszene wird ein grausames Gefühl von Wertlosigkeit, ja vielleicht sogar Krämpfe hervorrufen, weil es eben alles an frühem Entsetzen entfesselt. Es ist welterschütternd, dieses aufgetürmte Entsetzen zu erleben; meiner Meinung nach ist es zugleich heilsam, da gerade die Unterdrückung von Furcht das neurotische Verhalten geschaffen hatte – die Furcht vor allen Männern, das zurückhaltende, stammelnde und zögernde Benehmen, die Entwicklung irrationaler Vorstellungen etc. (In ähnlicher Weise kann eine ständig laufende Nase oder die Verstopfung der Nasennebenhöhlen dadurch hervorgerufen sein, daß über einen Zeitraum von Jahren das Herausschreien der Antwort unterbunden war. Wenn jemand den Urschrei ausstößt – und dieser Schrei wird vom Kopf bis zu den Füßen verspürt und mag Stunden anhalten –, kann es geschehen, daß die symbolische Verstopfung der Nebenhöhlen auf Dauer verschwindet.) Während eines Urerlebnisses, das im Wiedererleben des Urschmerzes besteht, ist es möglich, daß jemand, unter anhaltender Erschütterung durch Weinkrämpfe, ein Erlebnis nach dem anderen berichtet, seitdem er das Bedürfnis hatte zu schreien, es aber nicht konnte. Das Herausschreien der Antwort bedeutet, daß alle alten Erinnerungen und Szenen freigesetzt werden. Deshalb wird auch das Schreien für Stunden anhalten, Stunden, die zwei Jahrzehnte der Unterdrückung umfassen können und diese Unterdrückungen für immer freisetzen.

Ein Urgefühl zu unterdrücken, bedeutet den Versuch, eine Erklärung für dieses Gefühl in der Gegenwart zu finden und sich vorzustellen, daß dieses Gefühl von irgendetwas herrührt, was gegenwärtig geschieht. So wird vielleicht die Angst, die ein junges Mädchen vor ihrem Vater hatte, sie später dazu treiben, einen Mann zu heiraten, der auch aufbrausend ist. Sie wird dann denken, daß sie Angst vor ihrem Ehemann hat und sich ständig damit abmühen, ihn zu besänftigen; jedenfalls versucht sie, symbolisch über ihren Ehemann, ihren Vater zu unaufdringlichem, freundlichem Verhalten zu bekehren. Sie möchte Gefühle von früher beherrschen, indem sie die Gegenwart manipuliert. Dieser Vater hatte sie mit ihrem Schrecken, der in irgendeiner Weise wieder gelöst werden mußte, allein gelassen. Deshalb hat sie nicht von vornherein einen freundlichen Menschein heiraten und auch später nicht ihren groben Ehemann verlassen können. Sie bedurfte dieses Kampfes, um symbolisch zu einem besseren Ausgang zu kommen.

Der Kampf ist ein wichtiger Begriff in der Primärtheorie, denn ich behaupte, daß der Neurotiker sich mit solchen Menschen einläßt, die seinen Kampf ins Endlose weiterführen helfen – daß er mit ihnen die Umstände und den Kampf seines frühen Lebens neu erschaffen kann, um symbolisch einen anderen Schluß herbeizuführen. Somit heiratet er einen kühlen Menschen und versucht Wärme aus ihm herauszuziehen. Oder sie mag einen kritischen Menschen heiraten und versuchen, ihn zustimmend zu machen. Das sind sehr einleuchtende Beispiele; der symbolische Kampf kann selbstverständlich wesentlich komplexer und gewundener sein. Die sexuelle Perversion ist ein Beispiel dafür, wie ein Mensch sich allerhand verfeinerte schmerzhafte Rituale auferlegen muß (indem er vielleicht an einen Stuhl gebunden und mit Ketten geschlagen wird), um die Gefühle seines Körpers zu erleben.

Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß keine Veränderung oder Befriedigung des symbolischen Verhaltens das neurotische Verhaltensmuster ändert. Jemand, der das Bedürfnis hat, daß seine Eltern, die zu fahrig und beziehungsweise oder mit anderem beschäftigt sind, ihm geduldig zuhören, wird später vielleicht Tausenden, die vor ihm sitzen und aufmerksam zuhören, eine Vorlesung halten; und noch immer wird dieses Bedürfnis, man möge ihm zuhören, sich um kein Jota verändert haben. Es wird sich nur ändern, wenn die Gefühlsrealität, daß er der Aufmerksamkeit seiner Eltern bedurfte, zusammen erlebt wird mit dem Schmerz darüber, wie wenig Beachtung ihm durch sie widerfuhr.

Warum haben Bedürfnisse und Gefühle der Vergangenheit die Eigenschaft, sich in der Gegenwart zu verallgemeinern? Weil sie situations- oder personenbezogen nicht völlig zutreffend gefühlt wurden. Nehmen wir an, ein kleines Kind hätte fühlen können: »Niemals wird meine Mutter mich lieb haben«, so hätte es diese Zurücksetzung nicht zu bemänteln brauchen und unbewußt versuchen müssen, beispielsweise von seinen Lehrern die Mutterliebe zu bekommen. Dieses Kind hätte das Gefühl einer ganz bestimmten Entbehrung, einer Barriere zwischen sich und seiner Mutter. Da ein Kind jedoch nicht ertragen und fühlen kann, daß es ungeliebt oder unbeliebt ist, tut es, was es kann, um dieses Bedürfnis stellvertretend zu befriedigen. Das Bedürfnis treibt es dazu, Liebe zu erhalten, wo es kann; deshalb verallgemeinert sich sein Verhalten zu anderen. Oder falls sein Zorn gehemmt war, wird es diesen an anderen auf dem einen oder anderen Weg austragen.

Diese anderen Entlastungswege sind neurotisch, denn sie stehen symbolisch für die ursprüngliche Situation. Der Lehrer ist eben keine Mutter. Den Chef muß man nicht fürchten, als sei er ein tyrannischer Vater. Wenn man versucht, die Neurose zu unterdrücken, ähnlich wie zwanghaftes Reden, entwickelt sich Spannung. Das Bedürfnis ist die Grundsubstanz, die sich in jeder Begebenheit verkörpert; wenn etwa eine Frau sagt: »Was haben Sie für ein schönes Kleid an« und gleich darauf hinzusetzt: »Ich muß auch so eines haben« oder »Das kannst du mir glauben, von Kleidern versteh ich was«, so haben wir hier den konstanten Hinweis auf ein bedürfendes Selbst.

Für mich ist die Neurose ganz klar eine Krankheit des Gefühls. Und umgekehrt bedeutet volles Fühlen, daß man in der »Primären Matrix« gesund ist. Fühlen bedeutet, daß man nicht von chronischer Spannung gequält und nicht zur Suche nach Erleichterung getrieben wird.

Das Erleben des Neurotikers kann ihn nichts lehren noch ihn verändern, da er, seit er gespalten ist, nicht voll erlebt. Er erlebt gerade die Dinge nicht, die ihn befreien und ändern können – nämlich seine Schmerzen. Wenn er einmal gespalten ist, können wir uns nur an seine unwirkliche Fassade richten. Wir können diese Fassade umwandeln (vom Verbrecher zum Hirnchirurgen, von fett zu mager), ohne an der realen innerlichen Erkrankung, die dahinter liegt, etwas zu verändern.

Dem Neurotiker nutzt meines Erachtens weder die Begegnung mit einem Gott noch die mit irgendeinem anderen liebenden oder verstehenden menschlichen Wesen. Ich denke nicht, daß wir eine Neurose beseitigen können, indem wir lieben, strafen oder besänftigen. Der Neurotiker braucht wieder die Verbindung zu sich selbst – nicht in dem Sinne, daß er mit diesem Selbst fertig wird, sondern daß er zusammenhängende und verknüpfende Erlebnisse hat, die die Trennung des Denkens vom Fühlen, des Seelischen vom Körper, aufheben. Denn das ist etwas Reales – die Beziehung zu sich selber. Ist diese Beziehung einmal zustande gebracht, und können wir mit dem, was wirklich in uns ist, verschmelzen, dann können wir diese Menschlichkeit auch auf andere beziehen. Oder kürzer ausgedrückt: der Heilungsvorgang arbeitet sich von innen nach außen und nicht umgekehrt.

Ich rufe zur Revolution auf. Wenn man daran geht, ein bestimmtes System zu stürzen – und die Neurose ist ein krankes System –, dann läßt man sich mit diesem System auf keinen Dialog ein. Jeder Dialog, wie auch Einsicht und besondere Vorstellungen, werden von dieser Krankheit aufgenommen, ohne sie auch nur für einen Moment zu ändern. Wir müssen dieses System mit Kraft und Gewalt vernichten – mit der Kraft geballter Bedürfnisse und Gefühle, die möglicherweise Jahrzehnte im Verborgenen waren, und mit der Gewalt, derer es bedarf, um sie, und damit sich selber, aus einem unwirklichen System herauszureißen.

Damit sich eine Revolution durchsetzen kann, muß sie auf einer zuverlässigen Theorie beruhen. Fortschrittliche Revolutionen entwickeln sich aus einer Theorie heraus. Theorie meiden, führt nicht zu Freiheit, sondern lediglich zu Anarchie; Theorie muß bewußt gestaltet werden. Ist man theoretisch auf festem Boden, dann ist man zugleich frei zu extrapolieren und den Bereich zu erforschen. Je spezifischer die Primärtheorie mit neurophysiologischen Vorgängen verknüpft ist, desto weiter reichen ihre Verzweigungen. Wir werden uns jetzt dem ziemlich abschreckenden Gebiet der Neurophysiologie zuwenden, um zu sehen, was wir über das Wesen des Schmerzes herausfinden können, wo er verarbeitet wird, wie er blockiert wird und was geschieht, wenn er verdrängt wird. Wir werden erörtern, was Verdrängung auf Gehirn und Körper bezogen wirklich bedeutet, welche Hirnstrukturen am Verdrängungsvorgang beteiligt sind, und was es erfordert, bei jemandem eine Verdrängung aufzuheben. Im wesentlichen weist das Kapitel über Neurophysiologie darauf hin, daß bestimmte Hirnstrukturen an der Bildung und Speicherung von Gefühlen beteiligt sind, andere Hirnsysteme bei der Verdrängung dieser Gefühle aktiv sind und wieder andere Hirnareale mit der Symbolisierung dieser Gefühle verbunden sind. Wir werden sehen, daß Gefühle meist eine Sache nüchterner Entfernungen von Empfindungsorten im Gehirn sind – je weiter voneinander entfernt, desto symbolischer. Weiterhin werden wir sehen, wie der Schmerz Gefühle aus ihrer ordnungsgemäßen geistigen Verknüpfung heraus in symbolische Schaltungen treibt und wie das Fühlen von Schmerz eine zutreffende Verbindung einer Hirnstruktur mit einer anderen herstellt. Schließlich werden wir erwähnen, wie die Herstellung von Verbindungen im Gehirn endlich die historische Geißel des Menschen – psychische Störungen – zum Verschwinden bringt.

I. Die Neurophysiologie von Neurose und Psychose

Mikroskopische Formen von Herzinfarkt sind in unseren Tagen sehr häufig geworden. Nicht immer gehen sie schlecht aus; manche Menschen kommen darüber hinweg. Es handelt sich dabei um eine typisch moderne Erkrankung. Ich meine, ihre Ursachen sind moralischer Art. Der Mehrheit von uns wird eine Lebensweise konstanter, systematischer Doppelzüngigkeit abverlangt. Unsere Gesundheit wird notgedrungen angegriffen, wenn wir Tag für Tag das Gegenteil von dem sagen, was wir empfinden, wenn wir uns dem fügen, was wir verabscheuen und uns erfreut zeigen über Dinge, die nichts als Unglück bringen. Unser Nervensystem ist nicht einfach eine Erfindung, sondern ein Teil unseres Körpers; unsere Seele existiert nämlich, sie ist in uns, wie die Zähne in unserem Mund. Sie kann nicht ungestraft ständig vergewaltigt werden. Es war schmerzlich für mich, Dir, Innozenz, zuzuhören, als Du uns davon erzähltest, wie Du im Gefängnis umerzogen wurdest und zur Reife gelangtest. Es war, als höre man ein Zirkuspferd erzählen, wie es sich selbst abgerichtet hat.

Boris Pasternak, Doktor Schiwago

Psychologische Theorien der Vergangenheit haben es versäumt, sich der Grundlagenwissenschaft Neurophysiologie einzuordnen; infolgedessen haben sie sich vom körperlichen Substrat des Seelischen und seiner Pathologie – der Neurose – losgelöst. Die Tatsache, daß wir psychophysiologische Wesen sind, macht eine Theorie erforderlich, die ein denkendes und fühlendes Wesen im Ganzen umgreift. Nur eine holistische Theorie kann uns über nachträgliches Rationalisieren hinaus zu einer wissenschaftlichen und vorhersagefähigen Psychologie weiterbringen.

Die Bedeutung biologischer Abläufe für eine psychologische Theorie wird uns klar, wenn wir eine Feststellung wie die folgende machen: »Er verdrängte seine Gefühle«. Sie impliziert einen spezifischen Teil des Gehirns, der mit Gefühlen zu tun hat, und einen anderen Teil, der sich mit der Verdrängung beschäftigt, und postuliert zwischen beiden eine Wechselwirkung, die konkret körperlich ist. Demzufolge ist jede psychologische Feststellung letztlich eine neurologische Feststellung. Und daher ist es wichtig, daß wir das Gehirn im Zustand der Neurose verstehen.

Das Prinzip der Dialektik besteht in der Interpretation von Gegensätzen. Das bedeutet, daß man in jedem Einzelfall das Allgemeine, und im Allgemeinen das Spezifische feststellen kann. Deshalb wird man, wenn man ein Gehirn durchschaut, Gehirne im allgemeinen verstehen, und wenn man die Funktionsweise von Gehirnen versteht, wissen, wie ein einzelnes Gehirn arbeitet. Wenn die Neurose eine Funktionsstörung des Gehirns ist, dann bedeutet das Verstehen einer einzelnen Neurose, daß man die Struktur aller Neurosen versteht. Einfach nur etwas über neurotische Reaktionen zu wissen, heißt noch nicht, daß man die grundlegende Struktur der Neurose kennt. Obgleich die Reaktionsformen vielfältig sind, glaube ich, daß die Neurose einem einheitlichen pathologischen Vorgang entspricht; und wenn dies so ist, dann kann auch die Behandlung der Neurose schlechthin, ganz gleich in welcher Form sie vorliegt, einheitlich und eben doch spezifisch sein.

Das, was einer psychologischen Theorie Geschlossenheit, Vorhersagemöglichkeit und schließlich therapeutischen Wert verleiht, besteht im Zusammenschluß psychologischer und physiologischer Pendants. Ich habe die Absicht, diese Verknüpfung in der folgenden Darstellung zustande zu bringen.

1. Grundlagen der Neurose

Unerfüllte Bedürfnisse

Während der Evolution des Menschen hat es gleichbleibende äußere Gefahren gegeben. In vielerlei Hinsicht ist er mit diesen Bedrohungen auf dieselbe Weise umgegangen, wie seine reptilienhaften Vorfahren, nämlich mit Kampf oder Flucht. Jetzt braucht der Mensch nicht mehr vor wilden Tieren zu fliehen; dennoch ist seine Umgebung nicht weniger feindselig. Er muß vor sich selber fliehen. Er wird in eine Situation hineingeboren, in der seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, in der er seinen Gefühlen keinen spontanen Ausdruck geben kann und in der es ihm nicht erlaubt wird, seinem natürlichen Tempo gemäß heranzureifen. Selten kann er ganz so sein, wie er ist. Um in seinem allernächsten Milieu, seiner Familie, zurecht zu kommen, muß er oft auf die eine oder andere Weise unnatürlich sein. Seine tiefsten Bedürfnisse und Gefühle muß er zurückhalten, weil sie eine Gefahr darstellen – die Gefahr nämlich, das Umsorgtwerden, die Liebe und den Schutz der allmächtigen Eltern zu verlieren. Er hat ruhig und freundlich zu sein, ehrerbietig oder wie auch sonst immer seine Eltern ihn haben müssen, damit sie ihm ihre Unterstützung zukommen lassen. Ihre Bedürfnisse werden für ihn zu absoluten Forderungen. Und die Gefahr besteht darin, daß er, wenn er sich so verhält, wie er ist, möglicherweise gerade diejenigen verlieren wird, die er zum Überleben braucht. Diese Gefahr tritt im frühen Lebensalter deutlich hervor, wenn das Kind gleichsam in einem Moment von Offenbarung empfindet, daß real sein, so sein, wie man wirklich ist, bedeutet, daß die Bedürfnisse, die man hat, niemals befriedigt werden. Und daß es niemals um seiner selbst willen – seines offenen, spontanen, freiempfindenden und handelnden Selbst willen – geliebt werden kann. Es muß gegen sich selbst, gegen sein empfindendes Selbst, eine Barriere aufrichten und es zurückweisen. Dabei findet es sich in einem Konfliktgeschehen wieder.

Der Konflikt

Der Konflikt entwickelt sich, wenn man es in Kürze (und vereinfacht) darstellt, auf folgende Weise: das motivierende Bedürfnis stammt meistens aus dem Zwischenhirn – vielleicht aus dem Hungerareal des Hypothalamus. Bleibt dieses Bedürfnis unbefriedigt (aus einer beliebigen Reihe von Gründen), dann wird der Schmerz, der von dem ungestillten Bedürfnis herkommt, im Schläfenhirn gespeichert. Das Stirnhirn greift ständig ein, um zu verhindern, daß dieses unbewußte Material bewußt wird; das Schlachtfeld für diesen Konflikt stellt das Limbische System dar.

Demzufolge wird die Empfindung der Gefahr im Limbischen System bearbeitet, während die Erkenntnis, das katastrophal wirksame Erfassen der Gefahr, an anderer Stelle festgelegt wird – nämlich im Stirnhirn. Dieses Auseinanderrücken der Verarbeitung wird in der Sprache der Primärtheorie »Spaltung« oder »Trennung« genannt.

Oder anders ausgedrückt: wir können unser Bewußtsein von unseren Gefühlen abtrennen, so daß wir gelegentlich nicht wissen, was uns verletzt oder daß wir überhaupt verletzt sind. Wir sind uns der Gefahr nicht länger bewußt – des Gefühls oder der Handlung, die eine Gefahr bilden –, gerade weil diese Gefahr unter dem Niveau der Aufmerksamkeit verarbeitet wird. Gaunt hat Ratten in einem Experiment unter Streß gesetzt (auf ein Brett geschnallt), und ihnen dann Tranquilizer gegeben. Die mit Beruhigungsmitteln gedämpften Ratten erschienen ihrer Lage gegenüber gleichgültig, aber ihr Körper produzierte weiterhin einen deutlichen Anstieg in der Ausschüttung eines Streß-Hormons (ACTH).[1]

In ähnlichen Experimenten mit hypnotisierten Personen wurden den Versuchspersonen Nadelstiche und andere schmerzhafte Reize zugefügt. Obgleich sie keine bewußten Schmerzempfindungen angaben, zeigten elektroenzephalographische Aufzeichnungen, daß ihre Hirnsysteme unter Streß standen. Weder Drogen noch Techniken, mit denen das Bewußtsein unterdrückt wird, können den Körper zum Lügen bringen. Das weist darauf hin, daß Streß in körperlichen Systemen ohne eine Spur des zugehörigen Bewußtseins fortbestehen kann.

Der Primärtheorie zufolge kann der menschliche Organismus Schmerzen bewußt nur bis zu bestimmten Stärkegraden tolerieren. Bei gewissen kritischen Stufen schaltet das System automatisch ab und macht uns dem Schmerz gegenüber unbewußt. Eine genaue Übertragung davon ist der Ohnmachtsanfall, bei dem extremer körperlicher Schmerz die Bewußtlosigkeit herbeiführt. Der Schmerz behält jedoch seinen Einfluß und treibt den Organismus in eine Situation der Überlastung, aus der heraus die Spannung abgebaut werden muß. Eine der besten Entlastungsmöglichkeiten besteht darin, zu schreien und zu brüllen. Wenn das Schreien jedoch Schmach bedeutet und noch mehr Schmerz mit sich bringt (mehr Rückzugsdrohungen und Mangel an Liebe), dann wird es unterdrückt werden.[2]

Der Schmerz eines Kindes beginnt mit dem Moment, in dem es in eine neurotische Familie hineingeboren wird. Meistens fängt er bei der Geburt an, mit den langen und anstrengenden Wehen einer (oft unter Drogen gesetzten) neurotischen Mutter. Er wird durch den Mangel an ausreichender Brustfütterung fortgesetzt, schreitet durch eine übertriebene schnelle Reinlichkeitserziehung fort, durch die Unterdrückung natürlicher Neugier und der Produktion von Geräuschen und schließlich auch durch die Unterdrückung von Worten und Gefühlen, die nicht mit dem moralischen Wertsystem der Eltern übereinstimmen. Hinzu kommen oft noch die Schmerzen eines operativen Eingriffs oder anderer katastrophaler Leiden. Der Körper macht zwischen seinen Schmerzen keine Unterschiede; und der physiologische Ablauf des Schmerzes bleibt der gleiche, ob sein Ursprung nun seelischer oder körperlicher Art ist (wie im Fall einer Operation). Wir verteidigen uns gegen jeden überwältigenden Schmerz, aber der übrigbleibende Schmerz besteht unverwandelt im Organismus fort. Dieser Rest nimmt psychologisch und physiologisch, in Abhängigkeit von der Intensität des erlebten Schmerzes, zu. Bei bestimmten kritischen Schwellen wird das Kind, weil der Schmerz überwältigend ist, von seinem empfindenden Selbst abgetrennt, weil fühlen bedeutet, dem gesamten Schmerz das Tor zu öffnen und von ihm überwältigt zu werden.

Neurose und die Vermeidung von Schmerz

Die Neurose ist das Ergebnis der Spaltung. Sie ist diejenige Verhaltensform, durch die das Kind, und später der Erwachsene, die Überlastung aus- (oder ein-)agiert. Das eine Kind schlägt sich vielleicht ständig seinen Kopf an, ein anderes lutscht an seinem Daumen und wieder ein anderes prügelt sich ständig mit seinen Altersgenossen. So besehen besteht die Neurose darin, daß die Energie des Gefühls auf Abfuhrwegen umgeleitet wird.

Die Spaltung ist ein aktiver Vorgang. Die Gefühle und der dazugehörige Schmerz werden mit einem ständigen Aufwand an Aktivität gehemmt. Man nennt diesen Vorgang Verdrängung; er läuft automatisch und unbewußt ab. Es gibt bestimmte Hirnareale, die die Verdrängung vermitteln und unser Bewußtsein von uns selbst und unserem Schmerz fernhalten.

Wir sehen also, daß die Neurose genaugenommen eine Störung der Hirnfunktion ist, eine Zertrennung der neurologischen Einheit. Lord Russel Brain führt folgendes aus:

»Der ständig wechselnde Inhalt des arbeitenden Gehirns, besonders der Hirnrinde, muß gleichermaßen veränderlich sein. Wenn es Kerngebiete gibt, dann müssen sie sicherlich zum Zwischenhirn gehören, da schon seit langer Zeit der Hirnstamm und das Zwischenhirn die nervliche Basis darstellen, an der Aufmerksamkeit, Emotion und Erinnerung am engsten miteinander verknüpft sind … Hirnrinde und Zwischenhirn sollten als eine integrative Einheit und nicht als Hierarchie betrachtet werden.«[3]

Die Vermeidung von Schmerz ist allen Arten von Organismen gemeinsam. Die einzellige Amöbe zieht sich zurück, wenn sie gereizt wird; sie kann zwischen Dingen, die sie braucht, nämlich Nahrung, und solchen, die nachteilig sind, wie schädliche Chemikalien, unterscheiden. Fische lernen schnell, Gewässer, deren Temperatur für sie nicht geeignet ist, zu meiden; Menschen in leichtem Dämmerzustand können ihre Hände reflexartig erheben, um einen schmerzvollen Reiz abzuwehren. Die letztere Bemerkung weist darauf hin, daß wir selbst auf unbewußtem Niveau Schmerz empfinden und auch auf ihn reagieren können und daß die Vermeidung von Schmerz auch beim Menschen ein Reflexgeschehen ist, das dem Überleben dient. Die Lösung der Verbindung zwischen einem Hirnareal und einem anderen (Verdrängung) ist nicht mehr als die Erweiterung des Überlebensmechanismus, der mit der Empfindlichkeit für Schmerz oder Reizung bei der einzelligen Amöbe beginnt. In der Tat besteht die neurotische Funktionsstörung des Gehirns in einem Zellzusammenschluß, der in komplexer Weise funktioniert. Was für eine einzelne Zelle zutreffend ist, kann auch für einen Zellverband richtig sein. Die Amöbe zieht sich von äußeren Reizen zurück, wohingegen das Gehirn die Fähigkeit besitzt, sich von inneren Reizen zurückzuziehen. In diesem Sinne ist die Fähigkeit zu verdrängen und neurotisch zu werden ein genetisches Erbe, das dem Menschen ermöglicht, seinen Kampf in der äußeren Umgebung fortzusetzen, obgleich im Innern seines Körpers Verwüstung herrscht.

Kontraktion (der Muskeln) gegen Schmerz und Entspannung, wenn Schmerz nicht vorhanden ist, scheinen Bestandteile eines grundlegenden Vorganges zu sein, den man bei allen Organismen finden kann. E.H. Hess untersuchte die Pupillenreaktionen und fand heraus, daß die Pupille sich erweitert, wenn der Reiz angenehm ist, und daß sie sich verengt, wenn er unangenehm ist.[4]

Als man den Versuchspersonen der Hesschen Experimente Bilder von Folterszenen zeigte, fand eine automatische und unwillkürliche Verengung der Pupille bei ihnen statt. Demzufolge speichert das Gehirn die Schmerzerinnerung und der Körper reagiert, wenn die Erinnerung erweckt wird, als ob er Schmerz empfände. Wir sehen also, daß wir uns nicht nur von Schmerzen, die von außen kommen, sondern auch von innerlich gewecktem Schmerz zurückziehen. Die Erinnerung kann den Rückzug und den Kontraktionsvorgang gegen Schmerz in derselben Weise hervorbringen, als ob der Schmerz von außen zugefügt würde.

Die Pupillenverengung bei den Versuchspersonen konnte durch Erinnern zustande gebracht werden – durch die Erinnerung an Gefühle, die offenbar zu schmerzhaft waren, um angenommen und in Beziehung gesetzt werden zu können. Daraus ersehen wir, daß Gefühle unbewußt auf einem physiologischen Weg beantwortet werden und daß sie nicht nur eine Pupillenverengung, sondern auch eine Engerstellung der Blutgefäße hervorrufen können; schließlich vermögen sie das Bewußtsein einzuschränken und von der Schmerzquelle abzulenken.

Ich glaube, daß Urschmerzen, überwältigende Gefühle aus der Kindheit, die nicht integriert werden konnten – »So wie ich bin, mag man mich nicht« –, im Organismus bestehen bleiben und einen ständigen Rückzug des Bewußtseins und eine verfestigte Neurose hervorrufen. Wenn das Gehirn (und der Körper) sich von schmerzhaften Gefühlen zurückzieht, dann ist allein eine unbeschriebene nervöse Aktivität in uns, die als gestaltlose Spannung empfunden wird, und die den Organismus ständig zu der einen oder anderen Handlung antreibt. Diese Spannung ist der (vom Bewußtsein) abgespaltene Anteil des Gefühls – sozusagen die Energiequelle, die umgelenkte Verhaltensweisen bewirkt, Verhalten, das ich als neurotisch bezeichne, weil es von verdrängten Gefühlen gesteuert wird.

Die Existenz einer solchen Energiequelle ist von Neurophysiologen erwiesen worden. W.H. Gantt bemerkt bei der Beschreibung von Reaktionsweisen des Organismus im Sinne grundlegender Reflexe:

»Die emotionale Basis für eine Handlung bleibt bestehen, nachdem die äußerlichen und oberflächlichen Anpassungsbewegungen verschwunden sind … Der Organismus wird dann von emotionalen Erinnerungen aus der Vergangenheit angestoßen, die ihn auf eine Handlung vorbereiten, die nicht mehr erforderlich ist«.[5] Weil wir von frühen, unaufgelösten Erinnerungen, die ich als primäre oder Urerinnerungen bezeichne, angestoßen werden, müssen wir sie ständig abwehren, damit sie nicht bewußt werden und uns überwältigen.

Urschmerzen halten das menschliche System zur Aktivität an. Auch Albe-Fessard weist darauf hin: »Schmerz hat gegenüber jeder anderen Form von peripheren Reizen den größten Erregungseffekt.«[6]Das ist notwendig, da Wachsamkeit gegenüber Schmerz lebensnotwendig ist. Sie hilft uns am Leben zu bleiben – wohlverteidigt und neurotisch. »Unlust« hat eine schützende Funktion. Ich zitiere Gellhorn:

»Alle anerkannten Emotionen können vom Standpunkt der Selbsterhaltung und der Erhaltung der Art betrachtet werden. Emotionen, die in bezug auf Bedrohungen der Selbsterhaltung etwas mitteilen … sind bezeichnenderweise von unlustvoller Art. Auf der anderen Seite durchdringen uns lustvolle Emotionen, wenn Bedrohungen beseitigt sind, wenn Bedürfnisse aktiv zufrieden gestellt werden und gegenwärtig ein Zustand innerer und beziehungsweise oder äußerer Homöostase erreicht wird.«[7]

Zusammenfassung