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Tes Lavi

4,9

Beschreibung

Wir sind glücklich verheiratet. Das sind wir doch, oder? Warum hast du dann Panikattacken? Tom ist charmant, gutaussehend und bringt Bella zum Lachen. Sie glaubt, ihren Traummann gefunden zu haben bis hin zu dem Augenblick, als Tom zitternd vor ihr steht und sagt, er brauche Zeit für sich. Fast tagebuchartig reflektiert Bella ihr Leben und muss sich Fragen stellen, auch, wie man damit umgeht, wenn der eigene Mann fordert, sich das Leben nehmen zu dürfen. Sie selbst fühlt sich immer schlechter, fällt in Lethargie und Bewegungslosigkeit. Gefangen. Fast zu spät erkennt Bella, was das eigentliche Problem ist. Jeder, der dieses Buch liest, sollte nicht denken, dass es darum geht, was Bella passiert. Je tiefer man in diese Geschichte eindringt, desto subtiler ist man sich selbst ausgeliefert. Alte Geschichten kochen hoch, nicht ausgesprochene Gefühle, Wertvorstellungen, Erwartungen. Erst wenn man beim Wir angekommen ist, kann alles gut werden. Das trifft auf jede Beziehung zu. Leserstimmen: Tagebuch, Psycho- und Liebesgeschichte. Manipulation, Betrug und Hoffnung in Einem. Unglaublich. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Diese Angst. Diese furchtbaren Gefühle. Ich weiß, wovon sie schreibt. Danke für dieses Buch.

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Eva, Marie und dich.

Inhalt

Prolog

Teil 1 DU

Teil 2 ICH

Teil 3 WIR

Epilog

Danke

Wann immer man eine Geschichte hört, will man auch einen Teil von sich selbst darin finden, Parallelen zum eigenen Leben. Sonst wäre sie ja langweilig.

Auch diese Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Und trotzdem sind ihre Figuren Kunstfiguren. Denn wie wir alle wissen, ist in der Wirklichkeit alles noch viel schlimmer.

Aber niemand will es glauben, bis er es selbst erfährt.

Prolog

Ich sehe es an ihren Augen.

Wenn ich die Geschichte erzähle, also die von meinem letzten Jahr mit dir, kommt als erste Reaktion immer das Entsetzen. Danach geht es unterschiedlich weiter – von fassungslos bis hin zur Überheblichkeit. Sie denken, wie bescheuert muss man sein. Man muss es doch gewusst haben! Und genau in diesen Momenten fühle ich mich wieder nackt. Nackt und blöde. Ich schäme mich dann unendlich und die Tränen steigen in mir hoch, von denen ich dachte, sie alle bereits geweint zu haben.

Nein, ich habe es nicht gewusst. Was auch?

Vielleicht hat es angefangen, als du mich vor acht Jahren an einem Freitag gefragt hast, ob du springen sollst. Ich wünsche mir das heute noch manchmal, weißt du? Ich könnte sagen, damals war es. Dieser Augenblick war schuld.

„Wenn du willst, spring doch“, habe ich lachend gesagt und dich umarmt. Und dann standest du da oben, fünfundzwanzig Meter über mir. Ich hatte mein Handy am ausgestreckten Arm. Er tat mir schon weh, weil nichts passierte, um die Aufnahme zu starten. Und so schaltete es sich immer wieder ab. Ich nahm den Arm runter und entsperrte das Handy neu und rückte alles wieder in Position.

Meine Eltern und mein Sohn Gregor waren auch da. Und die halbe Stadt war versammelt. Hast du das überhaupt mitbekommen? Sie haben geschrien: „Sprinnnnng. Ja spring! Jaaaaaahhh. Jjjjjetzt. Jjjjjetzt aber. Du schaffst das.“

Und dann hast du da oben auf der Bungeejumping-Plattform doch wieder einen Schritt zurück gemacht und ein Raunen ging über die Bühnen und Fahrgeschäfte hinweg. „Neiiiiin. Ohhhhhhhch. Aaaaaaaach. Mannnnnn.“

Und meine Mutter neben mir im Rollstuhl hat geflüstert: „Wenn ich wüsste, ich werde dadurch wieder gesund, ich würde es tun.“

Teil 1 DU

Ich verjage alle Geister Und die Dämonen schick ich fort Leg den Kopf auf meine Schulter Es ist der weltsicherste Ort

aus dem Song „Hab keine Angst“ von Philipp Poisel

1

Wer das erste Mal in dein Gesicht blickt, kann danach nicht mehr einfach so weitergehen.

Du siehst immer gut aus in deinem frischen weißen Hemd und den Jeans, ganz egal, wo du auch hingehst. Du könntest Italiener sein. Bist du aber nicht. Vielleicht sind es deine Augen, die aufhalten. Deine dunklen Augen, die so schön lachen können. Vielleicht ist es auch das Verlorensein, das du ausstrahlst. Oder deine Traurigkeit, die du in einer unachtsamen Sekunde zeigst und die dann eine Magie über den Augenblick legt. Oder, weil du so jung bist und doch schon so viel weißt.

Frauen und Männer sind dir gleichermaßen verfallen. Sie sind immer irritiert, wenn sie dich sehen und laden dich dann spontan auf einen Drink oder auf eine Zigarette ein, um ihre Unsicherheit, die sie wie das Flackern einer Lampe beim Aussetzen des Stromes kurz aufschauen lässt, zu überspielen. Und selbst wenn ich daneben gesessen habe und du den Kopf geschüttelt und meine Hand genommen hast, blieben sie einfach weiter stehen oder tanzten, wenn wir aus waren, auf der Tanzfläche provokativ vor dir.

2

Ich habe von Anfang an verstanden, warum du die Menschen hasst.

Schon als du noch ein kleines Kind warst, sind sie einfach so gekommen und haben deine braune Haut angefasst und in deinen ozeanschwarzen Haaren gewuselt, dort in der damals blasseren Stadthälfte, in die du hinein geboren wurdest.

Unsere Liebesgeschichte ist in diesem Zusammenhang schon ein Wunder, findest du nicht auch? Und ein irrer Zufall. Wir haben uns kennengelernt, ohne uns zu sehen. Das war vor 14 Jahren. Und jetzt sind wir schon elf Jahre zusammen. Und verheiratet. Es ist lustig mit uns. Manchmal kann ich es gar nicht glauben und dann frage ich dich: „Schatz, ist es bei uns wirklich so schön, wie es ist?“ Und dann lachst du immer und gibst mir einen Kuss.

„Es ist genau so schön, Bella. Genau so, wie es ist.“

„Und wie lange ist es noch so schön, wie es ist?“ „Noch achtzig es-ist-genau-so-schön-wie es-ist-Jahre.“

Aber es stimmte nicht.

Und von einem Tag zum anderen kippte meine Welt ins Bodenlose.

3

Jede Jahreszeit hat ihre Schönheit. Der Winter aber hat zwei mehr, den Schnee und das Licht.

Über Nacht hatte es geschneit. Ich stand barfuß am Fenster und konnte mich nicht satt sehen. Die ganze Stadt war weiß und sanft. In den Eiskristallen an den Ästen der Weide im Garten hinter unserem Haus brach sich das erste Sonnenlicht des Tages. Es hatte den Weg vom Dach über die Hauswand und die geöffnete Terrassentür unserer Nachbarn bis genau dahin geschafft. Es funkelte nur so und die Spatzen flogen aufgeregt hin und her.

Eine Stunde später sah die Welt für mich ganz anders aus. Ich hockte hinter der Eingangstür unserer Wohnung auf dem Boden und versuchte, mich zu konzentrieren oder wenigstens dem Lichtstrahl noch einmal zu folgen, der rechts aus der Küche neben die Schuhsammlung fiel, wieder hinaus in die Winterwelt. Es gelang mir nicht. Ich saß da und spürte nichts, außer dem kalten Luftzug der immer noch da war, seit du die Tür zugeschlagen hattest und an der ich dann zusammengesackt bin.

Wir hatten uns nicht gestritten. Wir streiten uns sowieso fast nie. Aber irgendetwas war nicht wie sonst mit dir und ich habe dich gefragt, was los ist. Und dann hast du ein paar komische Sachen gesagt. Und ich habe dich angeguckt. Und an den Wimpern deiner Augen hing noch der Morgen.

Dann bist du gegangen. Nicht, um arbeiten zu gehen und am Abend wiederzukommen wie sonst. Du kommst heute nicht mehr. Und morgen auch nicht.

4

Ich war nochmal in unser Bett geschlüpft, obwohl du schon aufgestanden warst. „Ich weiß nicht mehr weiter, Bella“, hast du dann gesagt, als du aus dem Bad kamst. Und deine Hände haben gezittert und dein frisches Hemd auch, weil dein ganzer Körper gezittert hat.

„Ich weiß nicht mehr wohin mit mir, Bella. Ich fühle mich so überfordert. Weißt du, ich konnte das immer ganz gut vor dir und im Alltag verbergen, aber jetzt bekomme ich plötzlich Panikanfälle und keine Luft mehr. Erst war es nur irgendwann am Tag so, aber neuerdings passiert es mitten in der Nacht. Es ist ein Burnout, meint Doktor Balan. Ich war gestern bei ihm. Was soll ich bloß machen, Bella? Ich weiß nicht, was werden soll. Ich weiß es einfach nicht.“

Das hast du gesagt und dass du solche Angst hast und dass du denkst, du brauchst einfach nur mal ein bisschen Zeit für dich, Zeit für dich allein. Und dass du in der Wohnung deines Freundes Alexander sein kannst, sie wäre sowieso frei, weil Alexander doch schon die ganze Zeit bei seiner Freundin wohnt. Es wäre kein Problem.

Ob ich irgendetwas nicht weiß, habe ich dich gefragt. „Was sagst du denn da Bella? Ich will doch nur mal für mich sein. Vielleicht brauche ich einfach nur einen Plan. Einfach nur einen Plan für mich. Bella, bitte, bitte sei nicht traurig.“

Und dann hast du ein weißes Hemd zum Wechseln eingepackt. Und deine Boss Boxershorts.

Und dann ist mir schlecht geworden.

Und dann hatte ich plötzlich auch Angst.

5

Ein Burnout? Was für ein Burnout? Warum bleibst du dann nicht hier? Wieso legst du dich nicht einfach in unser Bett? Warum zu Alexander? Wozu brauchst du einen Plan? Was für einen Plan? Wieso hast du ein Burnout? Wieso, warum, wozu...

Zu den Fragen in Endlosschleife klackerten noch immer die Räder deines kleinen Rollkoffers in meinem Kopf. Klack. Klack. Klackklack. Klack. Wie sie auf den Treppenabsätzen aufgeschlagen sind und dazu deine Schritte und dann die Haustüren. Erst unsere, dann die vom Vorderhaus und auch noch das große Tor an der Straße.

Vor ein paar Tagen hatte mein Gefühlsradar schon einmal ausgeschlagen, mal abgesehen davon, dass du in letzter Zeit sehr geschafft warst und irgendwie nie aus deinem Stress rauskamst. Ich war mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs. Während der Fahrt hast du mich permanent angerufen. Und obwohl wir schier endlos telefonierten, gelang es mir nicht, herauszubekommen, was du mir eigentlich sagen wolltest. Du klangst so durcheinander, so down.

„Ich kehre um“, habe ich vorgeschlagen und dann hast du ins Telefon geschrien, ob du nicht auch ein einziges Mal, nur ein einziges Mal alleine sein könntest.

6

Es stimmte. Ich war viel zu Hause. Um genau zu sein, bin ich seit elf Jahren zu Hause. Elf Jahre. So lange, wie wir zusammen sind.

Natürlich frage ich mich manchmal, wieso. Und doch ist die Antwort ganz einfach. Weil ich konnte, weil ich wollte und - weil ich musste.

Vor elf Jahren war ich noch in einem IT-Unternehmen angestellt. Lustig, IT-Unternehmen. Was für ein unmodernes Wort neben den ganzen neuen Startup-Unternehmen heute. So schnell dreht sich die Welt und noch schneller ist alles vorbei. Und man sitzt zu Hause und merkt es nicht einmal.

Wir hatten uns schon drei Jahre, bevor wir ein Liebespaar wurden, zufällig am Telefon kennengelernt. Wirklich alles daran war der pure Zufall. Der Tag genauso wie die Uhrzeit, die gewählte Rufnummer und die spontane Eingebung, genau Jetzt anrufen zu müssen, in dem neuen Fitness-Studio in unserer Stadt. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie teuer eine Mitgliedschaft ist. Und dann warst du am Telefon. Allein deine Stimme hat ausgereicht, dass ich nach dem Auflegen des Hörers kichernd auf meinem Sofa zurückblieb.

Wir hatten geflirtet. Und dann wolltest du mir die Preise persönlich erläutern kommen. Bei mir zu Hause. Ich sah mich in Gedanken schon mit Lockenwicklern im Haar die Tür aufmachen und entschied mich lieber für den Weg in das Fitness-Studio. Einfach so, ohne einen Termin bin ich dann da hingegangen. Du konntest also nicht wissen, dass ich es war, die an der Tür des Verkaufsbüros klopfte und ich nicht, dass du es bist, der sie mir öffnete. Wir sahen uns an und mein erster Gedanke war, ach schade. Schade, dass der so jung ist. Und dann gingen wir zusammen in ein Café.

Aber all die Jahre, die du jünger bist, ist deine Lebensgeschichte umso gewaltiger. Als du sie mir das erste Mal erzählt hast, habe ich mich gefragt, wie du das aushalten konntest. Und gedacht, dass das wahrscheinlich niemand aushalten kann und niemand wieder gut machen kann und ich auch nicht und bin auf Abstand zu dir gegangen.

Trotzdem hast du mich von Zeit zu Zeit angerufen. Drei Jahre lang.

„Na, schönste Frau der Welt.“

„Ach, der Herr Savane“, habe ich dann immer gesagt und gleichzeitig meinem Kollegen augenzwinkernd zu verstehen gegeben, dass du es wieder bist, Tom, mein Verehrer.

„Haben Sie es sich überlegt?“

„Was sollte ich mir denn überlegt haben?“

„Na, ob Sie mich heiraten?“

„Nein“, lachte ich, „ich heirate Sie nicht.“

„Wollen Sie wirklich, dass ich mich in eine andere verliebe und Sie dann traurig sind?“

„Das ist schon okay, Herr Savane“, habe ich jedes Mal gesagt und dir viel Glück gewünscht.

Und dann hatte ich keine Kollegen mehr, weil die Internetblase platzte und wir entlassen wurden.

Und ein zweiter Zufall brachte uns zusammen.

Aber heute bin ich nicht mehr sicher, ob es überhaupt ein Zufall war.

7

Ich parkte gerade ein. Sehr energisch und in einem Zug, wie das nur Frauen können, wenn sie wütend sind. Zack. Zack. Zack. Drin. Das Auto stand danach ein bisschen schief, aber das war mir egal. Als ich meine Tasche nehmen und aussteigen wollte, und noch einen kurzen Blick in den Spiegel warf, sah ich dich auf der anderen Straßenseite. Tom Savane.

Mit einem Hund an der Leine spaziertest du einfach an meinem Haus vorbei. Irgendwie war ich sauer an diesem Tag, auf mich, die Welt, was weiß ich. Deshalb passtest du genau in diesem Augenblick als Puzzleteil in mein Leben. Nur deshalb hupte ich, stieg aus und ging zu dir. Wäre ich nicht sauer gewesen, hätte ich mich vielleicht nur gewundert und dich vorbeiziehen lassen.

„Schau an“, rief ich schon beim Überqueren der Straße, „der Herr Savane. Was machen Sie denn hier? Heute kommen Sie aber mit zu mir hoch.“

„Nein, besser nicht.“

„Nein?“

„Nein.“

„Warum denn nicht?“

„Sie haben mir schon zwei Mal mein Herz gebrochen. Ich will das nicht noch einmal erleben müssen.“

„Zwei Mal?“

„Ja. Zwei Mal. Im Fitness-Studio und bei unserem letzten Telefonat.“

„Ach“, antwortete ich, „dann kann es ja nicht mehr so schlimm werden, dann wissen Sie ja schon, wie das ist.“

Ich ging dann vor, fünf Treppen und du hinter mir, mit dem kleinen Hund auf dem Arm. In meiner Wohnung sank ich lässig auf mein Sofa und ließ dich nicht aus den Augen. Lasziv, hast du später immer schmunzelnd gesagt. Aber in dem Moment warst du sehr nervös und dein Hund zitterte, genauso wie du und dann bist du schnell wieder gegangen.

Zwei Tage später klingelte es an meiner Wohnungstür und als ich sie öffnete, schaute ich auf einen Türrahmen voller Rosen. Und dann habe ich dir den Fernsehturm gezeigt, den man von meiner Terrasse aus sehen konnte.

Aber du hast nur mich gesehen.

8

Unser Anfang war schwer.

Da ich gerade entlassen worden war und du seit zwei Jahren nicht mehr im Fitness-Studio arbeitetest, sondern eine Bar in Barcelona hattest, gefiel mir deine Idee, eine Zeitlang mit dir zusammen dorthin zu gehen. Und meinen großen Kindern Anna und Gregor gefiel das auch. Nur meinen Freundinnen nicht.

Doch es klappte nicht mit dem Weggehen. Nichts klappte damals. Erst starb deine Schwester, dann streikte am Tag unseres Abfluges die Fluggesellschaft, dann kränkelte ich rum und dann du. Krebs. Wochenlang warst du bei Ärzten und zu Untersuchungen unterwegs. Manchmal hattest du noch Markierungen davon an deinem Körper, wenn du am Abend nach Hause kamst. Es sah nicht gut aus. Also sagte ich die, mir angebotenen neuen Jobs ab. Denn ich wollte in der Zeit, die dir noch blieb, die uns noch blieb, vielleicht noch ein oder zwei Jahre, einfach nur mit dir zusammen sein.

Auf Grund deiner Therapien waren wir zeitlich ziemlich gebunden und konnten relativ wenig unternehmen. Wenn, dann waren wir nur kurz, spontan und ein bisschen verrückt unterwegs. Nur, um in Rom einen Espresso trinken oder um in Warnemünde im Strandkorb liegen zu können. Und auf den Dächern Prags waren wir auch. Wir haben in einem Restaurant gegenüber vom Altem Rathaus einen Salat gegessen. Wir haben den zwölf Aposteln zugeschaut und den Menschen auf dem Platz davor, wie sie ihre Gesichter nach oben hielten und dabei lächelten.

Später sind wir ins U-Fleku gegangen, um tschechisches Bier zu trinken und uns über die Blasmusik zu amüsieren. Einer der Musiker kam an unseren Tisch und hat dich gefragt, aus welchem Land wir kämen. Und dann hast du ihm Geld gegeben und sie spielten Die Biene Maja für mich. Die Biene Maja! Ich musste mir das Kichern verkneifen, aber alle Gäste kannten es und haben mitgesungen und wir bei den Liedern aus ihren Ländern auch. Katjuscha und She Loves You und Drunkeen Sailer.

Und du hast gelacht und ich war angetrunken und wir verliebt. Und die ganze Welt mit uns.

Aber bis nach Barcelona sind wir nie gekommen.

9

Nach eineinhalb Jahren verbesserte sich dein Gesundheitszustand.

Gott, war ich erleichtert. Und glücklich. Dass wir immer noch in unserer Stadt waren, zu Hause, in meiner Wohnung und nicht in Spanien. Du hattest die Bar verkaufen lassen und während du auf dein Geld wartetest, einen Weinhandel aufgemacht.

Und ich war die Frau dahinter und fühlte mich stark. Dass ich wieder richtig arbeiten gehe, wolltest du nicht. „Bella, bitte, du hast all die Jahre gearbeitet und deine Kinder dabei großgezogen und warst immer für alle da. Jetzt bin ich es für dich.“

Außerdem stand ein Angebot aus New York für dich im Raum, das durchorganisiert werden musste. Also blieb ich zu Hause, plante, schrieb Artikel für Zeitungen, kümmerte mich um dein Büro, um die Familienangelegenheiten, um unseren Haushalt und den Alltag, Wandfarben, Ostergrün, Geburtstagstorten, Geschenke, Feste, Essen, Urlaubsreisen, um Zeit mit Freunden, um Kinder und Enkelkinder und - um meine alten Eltern. Da sie in einer anderen Stadt versorgt und später gepflegt werden mussten, war ich zwei Tage in der Woche bei ihnen und nicht zu Hause. Ich organisierte ihren Haushalt, ihren Einkauf, Pflegestufen, Pflegedienste, schrieb Anträge, sicherte die Geldangelegenheiten, Vormundschaften, Ärzte, Hörgeräte, Krankenhausaufenthalte, Inkontinenzmaterial, Seniorenheimplatzsuche, Umzüge, die Wohnungsauflösung, ach, was weiß ich nicht alles.

Das ging acht Jahre lang so. Und dann sind sie gestorben. Und ich irgendwie auch. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich sieben mal sieben Wochen lang hinlegen.

Und du? Obwohl du Tag und Nacht für deine Kunden da sein musstest, bist du mit meinen alten Eltern noch in Italien gewesen und hast ihnen Pompeji gezeigt, weil das Mamas Lebenstraum war. Und später, als sie nicht mehr laufen konnte, damals im Krankenhaus, hast du sie ins Arztzimmer getragen. Und du warst es auch, der den Vorschlag gemacht hat, Vater mit zu uns zu nehmen, als er an ihrem Grab nach der Beerdigung zusammengebrochen ist.

Und trotz der Schwere der Zeit hast du mich jeden Tag zum Lachen gebracht. Und in Flugzeugen meine Hand gehalten, weil ich vor dem Start immer panische Angst habe. Und im Auto endlos schmunzelnd auf mich gewartet, wenn ich nochmal in die Wohnung musste, weil ich etwas vergessen hatte. Und wenn meine Tochter Anna Hunger hatte, und Anna hat immer Hunger, bist du einfach zur nächsten Tankstelle abgebogen und hast ihr noch schnell etwas zu essen gekauft, auch wenn wir gerade einmal fünfhundert Meter von Zuhause entfernt waren. Außerdem hast du eine Woche lang ihre Liebeskummertränen aufgefangen und den Trennungsschmerz von meinen Freundinnen auch. Du hast Gregors Traumberuf unterstützt und unserer Enkeltochter Frida das erste Ballettkleid gekauft. Und mit ihrem Bruder Max bist du immer durch die Autowaschanlage gefahren, weil er das so mochte.

Anna hat einmal gesagt, dass wir eine lustige Familie sind, aber erst mit dir komplett wurden.

10

Deine Eltern waren schon tot.

Deine Mutter starb, als du gerade mal einundzwanzig warst und dein Vater ein halbes Jahr, nachdem wir uns verliebt hatten. Ich habe ihn nicht mehr kennenlernen können und seine zweite Frau auch nicht. Er war Japaner und sie wohnten 14 Flugstunden entfernt.

Ich sehe dich noch vor mir, wie erschüttert du warst, als die Polizei anrief und nach dir fragte und ich dir das Telefon gab. „Inge ist tot“, hast du nach dem Telefonat traurig gesagt und auf deine Hände gestarrt. Und dass sie den Tod deines Vaters wohl nicht verkraftet hat und sich deshalb das Leben genommen hat.

Und tausend Mal hast du gesagt, wie froh du bist, mich zu haben, und durch mich eine Familie, eine richtige Familie, eine deine Familie. Und deshalb verstehe ich nicht, warum du jetzt weg bist.

„Du bist das Licht am Ende jeden Tunnels“ steht auf dem Zettel, den du noch am Tag zuvor an den Spiegel im Flur für mich geklebt hast.

11

Seit zwei Wochen bist du jetzt in Alexanders Wohnung.

Als du zu Fridas Geburtstag kommst, sie wird fünf, erkenne ich dich kaum noch wieder. Du isst nichts und außer dem einen Espresso, den dir David, Annas Mann, bringt, trinkst du auch nichts. Und obwohl wir uns jeden Tag kurz gesehen hatten, fällt mir erst heute auf, wie viel du abgenommen hast.

Du sitzt auf dem Hocker mit dem Rücken an der Heizung und starrst vor dich hin. Deine Augen sind irgendwie anders, riesengroß und es sieht aus, als ob sie gleich wie große Bucker auf den Teppich fallen. Die Kinder zu deinen Füßen lassen dich in Ruhe und spielen ganz leise. Wie klug sie doch sind. Und auf einmal springst du auf und musst wieder los. Arbeiten.

Von Anfang an hast du viel gearbeitet, aber heute arbeitest du vierundzwanzig Stunden. Wenn ein Kunde anruft, musst du los. Kein Samstag, kein Sonntag, kein Urlaub, keine Liebe ohne das verdammte Telefon. Nichts kann zu Ende gebracht werden. Kein Morgen, kein Film, kein Gespräch, kein Streit, kein Plan, kein Traum, kein Schlaf, keine Nacht, keine Liebe. Nicht einmal ein verdammter Kuss.

Dein Burnout wunderte deshalb niemanden.

„Das war vorauszusehen“ und „endlich nimmt sich Tom mal Zeit für sich“, sagen unsere Freunde.

Nur Georgia, die junge Puppenspielerin aus dem Nachbarhaus, die ich mal auf einer Veranstaltung kennengelernt habe und mit der man über alles reden kann, redet auf mich ein: „Du musst dich trennen. Sofort. Das geht nicht gut aus. Es wird nur noch um ihn gehen.“

12

Während du dir Kliniken anschaust, suche ich nach allem, was mir helfen kann, dein Burnout zu verstehen.

Als ich die Symptome lese, bin ich schockiert. Schlafstörungen, Schuldgefühle, Angst, Sorgen, Schmerzen, Panikanfälle, Unlust, Reizbarkeit ... Das alles hast auch du. Und überall steht, dass die Partner keinen Druck machen sollen. Schon eine einzige Frage könnte zu viel sein. Aber darüber, wie es ihnen, also den Angehörigen mit den vielen unbeantworteten Fragen ergeht, finde ich nichts. Frau, Mann, Sohn, Tochter, Eltern, Freund. Nirgendwo steht, was diese Krankheit mit ihnen macht. Nirgendwo steht, was aus uns werden wird. Nirgendwo.

Vielleicht sollten wir ein gemeinsames Buch schreiben, denke ich. Ich halte dich. Du mich nicht, ist der einzige Titel, der mir einfällt und dann werde ich wütend und schreie und schmeiße all die Bücher und Zettel runter und dann werde ich bockig und jammere und dann weine ich zum ersten Mal so richtig und dann fällt mir der Tod des Fußballers Robert Enkes ein.

Wir haben zusammen auf dem Sofa gelegen und seine Frau im Fernseher gesehen. Weißt du noch? Wie sie gesagt hat, was sie immer dachte?

Liebe heilt.

13

Man ist nie ganz depressiv, hat mir Klara erklärt, meine beste Freundin, mit der du jetzt auch immer öfter telefonierst. Es ist immer nur ein Teil von uns, hat sie gesagt und jeder trägt ihn in sich. Als ich darüber nachdenke, liege ich in einem WG-Zimmer in Warschau. Ich bin mit Anne mitgefahren, zu ihrer Tochter, die dort studiert.

Es ist Ostern und es regnet die ganze Zeit. In meinem Zimmer hängt ein Plakat mit der Kerze von Gerhard Richter. Es ist schön, das Plakat, die Kerze, der trommelnde Regen draußen und die Ruhe und das Kichern der jungen Frauen dazwischen und das Wegsein und trotzdem die Nähe zu dir. Ich liege unter der Kerze und frage mich, wie viel Burnout du dann wohl hast. Und was er wiegt, wenn man ihn wiegen könnte und ob er immer bei dir ist und ob er sich lustig macht über uns und wie schön es ist, dass du manchmal noch lachst und wie es dir geht und wie es dir ohne mich geht und ob es je wieder aufhört.

Manchmal habe ich nämlich Angst, dass es noch schlimmer wird, weißt du? Aber manchmal auch, dass es besser wird, weil ich dann immer noch nicht weiß, was eigentlich los ist und dass es dann vielleicht die Ruhe vor dem Sturm ist.

Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich in Warschau bin und dir damit Raum und Zeit lasse, also das, was du dir von mir gewünscht hast. Aber ehrlich gesagt, bin ich nur weggefahren, damit du wieder bei uns zu Hause sein musst. Und das musst du, denn da ist noch unsere Katze Minus, die dich auch braucht und Futter.